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Probleme

Probleme helfen dem Philosophen auf die Sprünge. Über ein Koan nachdenken – eine paradoxe Frage, bei der sich der Verstand hilfesuchend an die Intuition wendet, ob die damit was anfangen könne. Keine Scheu vor Unlösbarkeit. Aporien als Erholungscenter: kein Kompromiss in Aussicht, ausweglose Situation. Aber der Mensch benötigt Rätsel, im Grunde ist er dankbar für Meditationsobjekte und entsprechende Anlässe.

Die Welt scheint logisch: Logik, die in etwas völlig Unlogisches eingebettet zu sein scheint. Wie eine Cremefüllung bei einem Cupcake. Die Logik hat ihre Grenzen, sie funktioniert nur innerhalb eines bestimmten Rahmens. Danach beginnt ein Gebiet, da traut sich keine Vernunft hin. Absurdistan. Können Koans einen dafür fit machen? Völliges Verzweifeln als Voraussetzung für Erleuchtung? Kann Wissenschaft vom Prinzip her nicht das Konzept 'Universum' verstehen? Jedes Problem benötigt eine bestimmte Herangehensweise. Bei einem Schachproblem sollte man keinen Golfer fragen.

Viele Probleme sind wie kläffende Hunde. Sie geben zunächst einmal eine Probe ihres Könnens. Wenn man erst mal ihr Vertrauen besitzt, sind sie auf einmal völlig problemlos. Eine eigenartige Problemsituation: Das Universum stellt unermüdlich seit Jahrtausenden dieselbe Frage: "Wer bin ich?" Beim Koan kommt es darauf an, mit dem Problem eins zu werden. Auch das Universum würde sich freuen, wenn man sich von seiner Merkwürdigkeit nicht allzu sehr abschrecken ließe. Teilchen, die sich selbst Raum und Zeit erzeugen. Stehende Zeit – alles scheint schon geschehen, als ob man sich in einem Archiv bewegen würde. Keiner will sich so recht outen, festlegen: Teilchen, Welle? Schrödingers Katze wüsste jetzt allmählich allzu gern, wie es um sie bestellt ist. Sie ist schon halbtot vor Sorge.

Nicht nur Sherlock Holmes liebt Rätsel. Die Engels-Abteilung denkt sich jede Woche neue Denksport-Aufgaben aus; sie veröffentlichen das in der Schicksal-Zeitung; man kann per Chiffre antworten. Ein Universum ohne Mysterien hätte etwas Enttäuschendes. Wie bei einer Schauspielerin: das Geheimnisvolle als nötige Zutat im Charisma-Mix.

Es macht einen Unterschied, ob man sich die Probleme aussucht, oder ob die Probleme einen aussuchen. Wie bei einer Zwangs-Ehe – man hat sich nicht für den Partner entschieden. Ablehnendes Verhalten – das Problem fühlt sich zurückgesetzt, nicht wirklich angenommen. Ein Koan wird umarmt, man heißt es willkommen, es ist – anfangs zumindest – ein gern gesehener Gast. Wenn man allerdings mit der Lösung des Koans so gar keine Fortschritte macht, würde man es am liebsten zum Teufel jagen. Ausweichmanöver starten, ein Workaround in Auftrag geben. Man kann Probleme wunderbar umgehen. Muss ja nicht der Frontal-Kurs sein. Strukturiert vorgehen oder herumexperimentieren?

Gelegentlich das Universum fragen: "Hast Du ein Problem mit mir?!" Man kann von Filmhelden lernen – deren Arroganz in den Alltag integrieren. Vor Chuck Norris weichen die Probleme zurück – einen Roundhouse-Kick will hier niemand riskieren. Auch Alexander der Große konnte dem Aufdröseln nichts abgewinnen – er bevorzugte die Ruckzuck-Methode: Der Gordische Knoten hat ihm das nie so recht verziehen.

Man kann auch alles problematisieren – Problemchen durch die Sorgen-Lupe betrachten – plötzlich sind sie riesengroß. Das kann man perfektionieren. Denn problembefreit langweilt sich der Mensch – und legt sich First World Problems zu – so als Hobby. Probleme als treue Freunde des Menschen. Ist man aus dem Gröbsten raus, geht es an die Feinarbeit. Trägt man wirklich die richtigen Sneaker? Das Handy sieht sonderbar unkultig aus. Die Bayern meinen zum Koan: "Was koana versteht." Man könnte die Paradoxien der Welt links liegen lassen, man hat davon reichlich in der eigenen Seele. Aber es wurmt einen, dass da Wurmlöcher sein sollen, die sich eventuell für Zeitreisen eignen würden ... Hat das Universum ein Wurmleiden? Das Universum lässt sich so ungern die Würmer aus der Nase ziehen.

Erschöpfende Antworten finden, wenn das Denken erschöpft ist? Sich total verausgaben beim Jonglieren mit Problemen? Der Mensch ist ein Problem-Artist in diesem Zirkus – man kann ihn für diesen Job begeistern, er scheint auch einigermaßen qualifiziert dafür. Von der Instinkt-Kette befreit, beißt er sich fest am nächstbesten Problem. Es sei denn, man wählt die 'Alexander der Große'-Technik und haut alles kurz und klein. Man kann ja mal fragen, was dem Universum lieber ist.

Schon immer wurde Erleuchtung vermarktet, verkauft; versucht, sie an den Mann zu bringen. Ein Produkt, bei dem man sich fragt, ob es jemals jemand besessen hat – oder ob es sich schlichtweg um eine Mogelpackung handelt. Keine Erleuchtung in Supernova-Stärke – eher so eine Funzel. Wobei es auf die Umgebung ankommt: Eine Taschenlampe am helllichten Tag ist nicht so hilfreich wie in der Tiefsee. Mit kleinen Erleuchtungen vorliebnehmen – nicht das Riesen-Feuerwerk. Allerdings lassen sich solche Funzel-Weisheiten unglaublich schwer vermarkten. Man setzt auf das Spektakuläre, die Show für die Seele. Man will ihr was bieten. Aber zuerst muss sie durch den Koan-Dschungel; Paradoxie-Lianen nutzen, als ob man bereits ein mentaler Tarzan sei. Sich aufschwingen auf den Baum der Erkenntnis – wahlweise auch den Weltenbaum. Aporetiker sein – sich nicht von der Unlösbarkeit abschrecken lassen; die Kraft der Aporien nutzen; in ihnen steckt das Widersprüchliche; so wie bei Teilchen und Antiteilchen.  Seinem eigenen Antiteilchen begegnen – jederzeit die andere Position vertreten können – das kann ein Rhetoriker. Empathie mit einem Sandkorn, wenn es sein muss. Die Gegensätze zum Gespräch bitten. Ein Interview mit seinem Schatten.

Die Probleme sind überrascht, dass man sie nicht als Hindernisse ansieht. "Wir sind nützlich? Tatsächlich?" So ganz trauen sie der Sache nicht; sie rotten sich zuweilen zusammen – hoffen, als 'Problematik' mehr Eindruck zu machen.

Die richtige Umgebung wirkt wie ein Katalysator. Eine Streitkultur bietet ein gutes Umfeld. Meinungsvielfalt. Streit hat da ein gutes Image. Das Existenzrecht des Streits ist da unbestritten. Ein Shitstorm sollte nicht das Recht haben, den Schlusspunkt setzen zu dürfen. Dann ist Problem-Lösen ein Klacks.

 

ENDE

 

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Cover: https://pixabay.com/de/illustrations/h%C3%A4nde-anbieten-antwort-beratung-460872/
Tag der Veröffentlichung: 22.09.2020

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