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Zeitvergeudung

Könnte ein schönes Hobby sein: Das Geld mit beiden Händen auf die Straße werfen. Wird mit Bitcoins schon schwieriger. Vergeudungs-Fachmann ... Sagt das etwas aus über die Wertschätzung der Zeit, wenn man sie so ineffizient wie möglich nutzt? Will man ihre Hoheit brechen? Man ist ständig im Zeit-Stress, man ist Diener der Zeit. Hat was mit Auslachen zu tun, mit Spott: dem Gegner seine Wichtigkeit absprechen. Man schrammt dann natürlich sein Ego an der Hybris, wird etwas in Mitleidenschaft gezogen.

Selbst in Filmen schmerzt es einen, wenn die Figuren unachtsam sind mit ihrem Geld. Steckt es uns in den Genen, hat man einen inneren Ökonomen, der die Krise kriegt, wenn was verpulvert wird? Auf angemessenen Gegenwert achten ... Aber wie soll das bei Zeit möglich sein? Was tauscht man gegen ein Jahrzehnt? Ein Eremit gäbe eine andere Antwort als ein Anwalt. Was wäre ein guter Gegenwert für die Gegenwart? Ein Zeitfenster ... Nutzen-Fanatiker. Man kann sich da auch richtig reinsteigern, Workaholic-Ambitionen entwickeln. Als Gegenmaßnahme: Eine halbe Stunde am Tag bewusst vergeuden, den Effizienz-Regler auf absolutes Minimum. Verkraftet das die Psyche? Bettelt sie um Aktivität? Aktivitäts-süchtig.

Meditation beispielsweise wird gleichgesetzt mit Zeitvergeudung. Dann ist sie in der Tat unfähig, was Sinnvolles beizutragen. Man muss sie machen lassen, sie nicht drängen; bei Leistungsdruck fällt sie in sich zusammen wie ein Hefeteig. Die Bereitschaft, der Zeit das Zepter zu nehmen – so kann man das Chillen und Relaxen wunderbar rechtfertigen.

Andererseits hat es seinen Reiz, aus der Zeit alles rauszuholen: enormer Zeitdruck als Herausforderung. Helden-Filme knausern mit Zeit: Der Held muss sich immer furchtbar beeilen. Dank Termindrucks hat man dieses Helden-Feeling auch im Alltag. Zeit komprimieren wie eine Ziehharmonika, Hocheffizienz als Zirkusnummer. Hat aber auch was Witziges, wenn man auf neureich macht und dem Geld den nötigen Respekt verweigert. Hinterher muss man natürlich das Gewissen irgendwie beruhigen, das kurz vorm Kollaps ist.

Immer überprüfen, ob etwas sinnvoll ist. Ist das sinnvoll? Gerade auf Umwegen, fernab aller Logik und Stringenz wird man manchmal fündig: Offenbarung durch einen Blick von außerhalb des Systems. Solange man in der Ursache-Wirkungs-Welt weilt, ist man unfähig, die Axiome zu hinterfragen. Man muss das Haus gewissermaßen von außen betrachten, das Wissenschafts-Gebäude verlassen und in den Sinnlosigkeits-Garten gehen. Sich rausbeamen. "Ich denke nicht, also bin ich offen für das Sein." Neuer Ansatz.

Wie Sterntaler – alles Bewusste weggeben, ablegen, damit man mit Talern aus anderem Bereich überschüttet wird. Ihr Handeln ist ineffizient, sie denkt nicht wirtschaftlich. Gerade das überrascht das Universum, dieser Nicht-Einsatz, die Respektlosigkeit gegenüber dem Effektivitäts-Gedanken.

Kann bei der Meditation natürlich langweilig werden, auf Antworten zu warten. Das Universum ist kein Dampfplauderer. Vielleicht ist es eher so wie ein versonnener Beamter? Seine Versonnenheit ist legendär. Nur wer bereit ist – wie bei einer Behörde – geduldig auf den Fluren zu warten, dessen Formular wird zumindest begutachtet. Ein Vermerk könnte drin sein, das Versprechen, sich das mal näher anzusehen. Man kommuniziert mit dem Universum nicht im Befehlston. Ein Drängler, ein Aktivling gilt als Persona ingrata. Ein großes Paket Zeit mitbringen – und bereit sein, es zu vergeuden –, das ist die richtige Einstellung.

Irgendwie steht man damit sogar außerhalb des Universums, denn es ist die Kopplung mit der Zeit gewohnt. Man entkoppelt sich damit quasi – ein Bürger der Zeitlosigkeit. Man kann zumindest so tun, als sei Zeitmanagement für einen ein Fremdwort: ein Vergeuder par excellence. Hey, Big Spender. Der Terminator für alle Termine. Canceln. Den Terminstau großräumig umfahren. Die Seelen-Tachonadel muss ja nicht auf 180 zeigen.

Selbst die Brise sagt, es muss nicht Windeseile sein. Man sollte sich den Hauch einer Chance geben. Man kann ja zunächst einige Minuten vergeuden – und sich dann steigern, bis man eine Stunde schafft. Vielleicht wird es eine Sternstunde? Als ob Licht lernen muss, dass es der Lichtgeschwindigkeit gar nichts schuldet; mal entschleunigen. Wie soll man erleuchtet werden, wenn das Licht davonrast? Es sollte verweilen, chillen. "O Augenblick, verweile doch, Du bist so schön!" Das hört der Augenblick gern, er ist da ein bisschen eitel. Faust fürchtet sich davor, seine Zeit zu vergeuden, aber andererseits fällt ihm beim besten Willen nichts Sinnvolles mehr ein. Alle Wissenschaften abgeklappert; er bewegt sich im Gedanken-Karussell. Da kann man ebenso gut den Augenblick fragen, ob er mitfahren will, ob er Spaß haben will.

Aus dem Füllhorn der Zeit quellen nicht Früchte und Blumen, sondern Zeit-Passagen. Sind da Bedürftige? Normalerweise geizen die Menschen mit ihrer Zeit. Als ob es besonders leckere Kekse sind. Mal kein Krümelmonster sein, sondern: "Kekse für alle!" Können auch ein paar Scherzkekse dabei sein.

Der Mond könnte ja auch behaupten, er vergeude seine Zeit – so angekettet an die Erde, ihn halten hier gewichtige Gründe. Aber die Nacht braucht ihn, er ist ein zuverlässiger Begleiter. Ständig diese Kosten-Nutzen-Analysen. Wem bringt's was ein? Haushalten, gegängelt vom Zeit-Budget. Sich lösen von der Maxime, dass Zeit der Diktator ist, der Alleinherrscher. Zuweilen die Zeitverschwendung den Thron besteigen lassen; auch ihr huldigen. Eventuell hat sie gerade Wahrheit und Weisheit im Angebot? Doch Krämerseelen, die in ihrem Kramladen die Zeit feilbieten, haben da schlechte Karten.

Eine gewisse Lässigkeit im Umgang mit Zeit – auch wenn man nicht wirklich reich ist, so kann man sich hin und wieder etwas Zeit abzwacken. Aufs Vergeudungskonto einzahlen – kann man bei Bedarf abheben. Zum Meditieren sitzt man am besten im Mittelpunkt der Zeit, man kann sie von allen Seiten begutachten. Man kann sie porträtieren, sie hält still. Sie war noch nie ein Stillleben. Kriegsbild schon oft. Idylle liegt ihr nicht so, dazu muss man sie echt überreden.

Mitten im Sinnlosen nach dem Sinn suchen; vermutlich hat sich der Sinn gut versteckt? Da würde ihn kaum jemand vermuten.

 

ENDE

 

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Tag der Veröffentlichung: 05.09.2020

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