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Leitmotiv

Wenn das Leben Musik wäre, hätte man dann ein Grundthema, ein Leitmotiv? Was ist der Grund, auf den man baut? Man hat Phasen der Orientierungslosigkeit – könnte man gleichsetzen mit Freiheit; man ist an ein Konzept gebunden, komponiert irgendwas, entfernt sich von seinem Hauptthema. Aber so ganz wohl fühlt man sich nur auf seinem eigenen Terrain – Deckungsgleichheit mit der eigenen Persönlichkeit, Übereinstimmung von Tun, Denken und Empfinden.

Allerdings sollte das Leitmotiv nicht zu einem Ohrwurm werden – lästig, als ob es sich aufdrängen würde. Grund ist beides: Er ist Startpunkt und er ist der Antrieb. Wobei etwas Irrationalität den Plänen ganz guttut – eine Herausforderung. Sie müssen flexibel bleiben, wie ein Karate-Kämpfer, der es zuweilen mit einem unberechenbaren Gegner zu tun bekommt. Eine Waage weiß mit Unwägbarkeiten nichts anzufangen. Aber man sollte auch das Unwägbare abwägen, es hat Gewicht.

Bei seiner Komposition braucht der Komponist keinerlei Rücksicht zu nehmen auf Ideen, Zurufe von anderen. Aber das Leben erwartet, dass man seine Vorschläge mit einbaut in die Melodie – auch wenn das Leitmotiv wenig begeistert davon ist; übertönt zu werden von Kakophonie ... Andererseits schimmert das Leitmotiv in allem durch, es begrüßt einen in immer neuen Verkleidungen, versteckt sich – und damit erstreckt sich das Lied aber auf die gesamte Welt, integriert sie, nimmt sie in Beschlag. Durchdringung der Welt mittels eines Konzepts.

Manchmal lässt man den Worten ihre Freiheit, sie benehmen sich dann sehr fragwürdig. Dann wieder sollen sie sich benehmen: Die sorgfältig abgewogenen Worte kommen sich ganz sonderbar vor. Was wird denn hier gefeiert?

Das Grundsätzliche freilegen – wie ein Archäologe bei seinen Grabungen; Urgrund der Seele. Soll man sich in den Masterplan des Lebens einmischen? Der Ablauf ist geplant – ein Baum wächst nach einem bestimmten vorgegebenen Schema, er legt sich seine Jahresringe an, streckt seine Äste aus, damit sie das Sonnenlicht mit ihrem Blätter-Netz einfangen. Er legt sich zuweilen mit Nachbarbäumen an – aber im Grunde mischt er sich nicht viel in das Vorgesehene ein. Er kann nichts komponieren. Er tanzt nach der Pfeife der Natur.

Wie frei ist man bei der Auswahl seines Grundthemas? Man ist unzufrieden, wenn sich das alles wieder der Kakophonie annähert. Es scheint ein gewisses Grundbedürfnis von uns zu sein, dem Leitmotiv eine echte Chance zu geben; man fühlt sich ihm verbunden; es findet einen wieder, so wie Pinguin-Paare sich mittels ihrer Erkennungsrufe wiederfinden. Für das Leitmotiv sind wir einzigartig. Fingerabdrücke der Seele. Die Seele hat da ihre Heimat.

Aber vielleicht lässt die Natur das gar nicht zu, will, dass wir ihre Vorgaben umsetzen, sie ist der große Komponist? Was wir uns da einbilden? Nicht mal als Co-Komponisten duldet sie uns. "Spielt vom Blatt!" Vermutlich ist man auch nur ein Baum, der gehorcht. Aber ein Leitmotiv zu haben, ist, als ob man einen guten Freund hätte, der einen überallhin begleitet. Wie großzügig ist Natur in dieser Hinsicht? Gewährt sie uns künstlerische Freiheit? Sind ihre Vorgaben schlicht und einfach nur umzusetzen?

Ein Bohemien will von Masterplänen nichts hören; Gedankenfreiheit wäre ihm schon wichtig. Unabwägbar sein, nicht prognostizierbar, nicht festzulegen auf seine Startwerte – sich Pegasus für ein paar Stunden mieten können – und ganz ohne Grund über allem zu schweben ... Er wäre für die Natur wohl ein zu unsicherer Kandidat.

Vielleicht versuchen ja die Astronomen das Leitmotiv des Universums zu finden? Es hat seltsamerweise keinen Grund, auf dem es steht; es ist sich selbst Ursache; eigentlich vorbildlich. Und wir sind nur Noten seiner Kakophonie? Es wirkt so bestimmt, zielgerichtet. Täuscht es uns alle damit? Ein Orchesterwerk ohne einen Komponisten, Dirigenten? Eine Ansammlung von unbegabten Musikern? Inwieweit lässt Natur das Mit-Komponieren zu?

Eichendorff meint:

"Schläft ein Lied in allen Dingen,

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst Du nur das Zauberwort."

Gewissermaßen ein Passwort, damit Natur einem Zugang gewährt zu den wirklich wichtigen Bereichen. Schaltzentrale des Universums. Aber man muss die Kompositionen des Universums wahrnehmen, muss das Zufällige ausblenden, vordringen zum Eigentlichen – so als ob das Nebengeräusche seien; Straßenlärm. Vermutlich deshalb müssen die Engel so viel Harfe üben – Musik als Kernkompetenz der himmlischen Leitungskräfte. "Erkenne Dich selbst" müsste man ergänzen durch "Erkenne Dein Leitmotiv". Manche kennen es nur vom Hörensagen. Das findet das Leitmotiv unerhört.

 

ENDE

 

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Cover: https://pixabay.com/de/photos/musiker-gitarren-musik-instrumente-690591/
Tag der Veröffentlichung: 08.08.2020

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