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Die Bäume und der Berg

Die Bäume klettern die Bergwand empor;

haben sie sich vermutlich

von den Ziegen abgeschaut;

auf der Suche nach 'nem festen Stand;

ein bisschen Boden unter den Wurzeln;

sich festhalten am Saum des Lebens;

bloß nicht kippen, bloß nicht stürzen.

Man soll es ja auch nicht überstürzen.

Darf gar nicht auffallen,

dass sie sich aus dem Tal aufmachen.

So klettern sie bevorzugt nachts,

einer hilft dem anderen.

 

Der Berg sagt nichts dazu.

Er freut sich an sich über Gesellschaft –

und es sieht ja auch ganz gut aus.

Wer mag schon nackten Fels?

Ist um einiges ansehnlicher so.

"Ey, macht nicht so 'n Krach!",

er liebt die Stille, aber die Bäume ächzen,

sie knarzen, sie schlurfen.

"Gebt Ihr denn gar keine Ruh?!",

will der Berg wissen.

 

Die Bäume sind mit dem Aufstieg beschäftigt,

die Gravitation macht ihnen zu schaffen.

"Wir müssten Seile haben."

Wovor fliehen sie?

Träumen sie einfach nur vom Aufstieg,

eine Existenz als Tal-Wesen genügt ihnen nicht?

Der Adler macht es doch vor;

er impft ihnen hochfliegende Pläne ein.

Kraxelnde Bäume; die Bergwand bleibt skeptisch.

Wenn ihnen der Aufstieg nicht gelingt,

dann vielleicht ihren Kindern?

Die Sprösslinge geben sich alle erdenkliche Mühe.

"Zeigt, aus welchem Holz Ihr gemacht seid!"

Ihnen fällt der Spruch von Friedrich Nietzsche ein:

"Nicht nur fort sollst Du Dich pflanzen,

sondern hinauf!"

 

Die Ziegen klettern munter an ihnen vorbei,

sie haben Talent dafür.

Bäume neigen ja eher zum Verweilen.

Dennoch hieven sie sich peu à peu den Hang hinauf;

fällt doch keinem auf?

Pflanzen sind bedacht darauf,

dass man ihnen ihre Verwegenheit nicht ansieht.

Von wegen, Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Es gibt Legenden von Bäumen, denen das gelang.

Die Bergwand gewissermaßen nur

als Sprungbrett für weit Höheres.

Und sie erzählen sich das Märchen

von "Jack und die Bohnenranke";

wie es einer einfachen Bohnenranke gelang,

über sich hinauszuwachsen.

Ein Vorbild für alle.

 

Hoffnung ist eine zarte Pflanze;

aber sie hat auch etwas

von einem unverwüstlichen Unkraut;

sie findet sich überall,

sie sucht ihre Chance,

sie gibt nicht auf,

sie beißt sich durch.

Gras, das durch Asphalt wächst.

Die Bäume haben einen Hang zum Dramatischen;

vielleicht sind sie auch ein bisschen zu verbissen?

Sie wollen nicht auf dem absteigenden Ast sein.

"Die Kiefer hat einen eigenen Orthopäden,

das wollen wir auch!",

beschwert sich ein freches Laubgehölz.

Rädelsführer.

"Wir sollten uns aufbäumen!"

Auch das Staudengewächs versucht es,

aber es sieht einfach kläglich aus.

Ein Strauch will wissen, ob hier Diebe sind.

 

Der Bergwand wird das einfach zu viel;

sie plant eine Geröll-Lawine.

Nicht nett, aber effektiv.

Aber auch das Geröll will nicht talabwärts.

"Was ist nur mit Euch allen los!",

wettert der Berg, den es fürchterlich nervt,

dass schon wieder so ein Prophet zu ihm kommt.

Ständig muss er Bergsteiger abschütteln –

und jetzt auch noch Propheten.

Einige Ziegen fragen,

ob man den Schwierigkeitsgrad nicht erhöhen könne,

so bringe das ja kaum noch Spaß.

Der Berg ist außer sich;

er beneidet seinen Cousin, den Vulkan,

der mal so richtig aus sich herausgehen kann.

Aber sein Tobsuchtsanfall

ist auch nicht von schlechten Eltern.

Ein Erdbeben der Stärke drei.

"War das schon alles?", lästern die Bäume,

die allerdings etwas mitgenommen aussehen.

Man repariert die Wurzeln, so gut man kann.

Die Gravitation macht dennoch einiges an Beute;

sie sackt alles ein.

Die Bäume nennen sie verächtlich "Gierschlund".

Sie zieht ständig an ihnen;

nicht schön das Ganze.

 

"Wir müssen doch alle Nadeln lassen",

lässt sich eine weise Tanne vernehmen.

"Schnauze!", brummt ein bärbeißiger Baum,

der von einer Karriere als Weihnachtsbaum träumt.

"Du bist vom Charakter her schon nicht geeignet,

um als Weihnachtsbaum auch nur einigermaßen

glaubwürdig zu sein", entgegnet die arrogante Tanne.

 

"Ich fühl mich,

als könnte ich heute Bäume ausreißen",

verkündet ein Felsbrocken –

und beginnt seine Kipp-Übungen.

Aber das macht er jeden Morgen;

keiner nimmt ihn mehr ernst.

"Weg mit dem Grünzeug", grummelt der Berg;

aber er meint das nicht so.

Unbesiedelt zu sein,

ist für einen Berg kein Image-Gewinn.

Kahl, auf Zweckmäßigkeit getrimmt –

das wäre nichts für ihn.

"Ein funktionstüchtiger Berg

hat immer was in petto."

Vermutlich würde der Adler

dann auch gar nicht bleiben wollen,

so auf die Funktion reduziert ...

Es ist nicht zu leugnen,

die Bäume geben ihm Persönlichkeit.

 

"Ihr führt Euch auf wie die Wandalen",

sagt die Bergwand,

die sich doch etwas Sorgen macht,

dass die Bäume was beschädigen könnten.

Man bescheinigt ihr ein Postkarten-würdiges Panorama;

das gilt es, zu erhalten.

Sie ist direkt süchtig nach den Likes der Touristen –

verfolgt das sehr genau im Internet.

Sie würde gerne einiges umarrangieren,

aber das ist mit den Felsbrocken

ja nicht zu machen.

Einige Zacken sehen auch viel zu spitz aus;

das trägt man doch heutzutage gar nicht mehr so.

Sie wird ganz unzufrieden bei dem Gedanken,

dass es Achttausender gibt.

Sie kann die Sehnsucht der Bäume verstehen –

hoch hinaus. Auf ewig an dieses Format gebunden;

vielleicht beneidet sie auch deswegen die Bäume:

wegen ihrer Flexibilität, Veränderlichkeit.

Unabänderlichkeit ihres Zustandes –

keine steile Karriere im Berg-Milieu.

Lediglich pittoresk.

Keine wirkliche Herausforderung für Profi-Bergsteiger.

Die Bergwand seufzt.

 

Die Bäume würden nachfragen,

was denn los sei, aber dafür sind sie zu höflich.

Sie wissen, was den Berg bedrückt.

Sie sind im Optimum.

Man ist oft zu dumm,

das zu erkennen.

Man verkennt das Ideale,

weil man es ganz woanders vermutet.

"Das ist doch die Höhe!", sagt das Glück.

"Ich bin bei Euch – und keiner nimmt mich wahr.

Ein jeder schielt nach oben.

Seht geradeaus – dann seht Ihr mich."

 

ENDE

 

Impressum

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Tag der Veröffentlichung: 04.07.2020

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