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Ansteckend

Gefühle breiten sich wie Wellen aus;

Stimmung steckt an.

Massenpanik, allgemeine Heiterkeit.

Man steckt sich an beim anderen.

Was haben Viren vor?

Weshalb lieben sie es,

den Menschen als Copyshop zu nutzen?

Können gar nicht genug Kopien

von sich bekommen.

Sind sie äußerst eitel?

Gibt es da einen Wettstreit,

welcher Virus liegt vorn,

wer liegt gut im Rennen?

Auch Werbung träumt davon,

viral zu gehen.

Aber angewiesen darauf, zu gefallen.

Ein Virus befällt einfach,

er ist da rigoroser, burschikoser.

Auch Meme kopieren sich gerne in die Köpfe.

Eine besondere Auszeichnung ist es für Lieder,

wenn sie Ohrwurm-Status erlangen.

Man wird sie gar nicht wieder los.

Gassenhauer sind stolz auf ihre Eingängigkeit.

Nicht nur ein Privileg der Viren:

Ohne Anmeldung einfach reingestürmt,

sich hinfläzen,

sich ungefragt überall einmischen

Computerviren eifern ihnen nach.

Die Kleinsten werden die Größten sein.

Mit Dinos würden wir zur Not schon fertig.

Unser Dogma ist ja immer:

"Wir glauben nur, was wir sehen."

Aber sieht man Gefühle?

Man sieht, was sie bewirken.

Aber im Grunde sind es Neuronen,

die da kommunizieren.

Man kann die Angst nicht packen

und beispielsweise in einen Koffer stecken;

sie ist nicht greifbar –

ebenso wenig wie ein Akkord –

er schwingt ungefragt in Deine Seele.

Kampf der Wellen –

als ob viele Radiosender

miteinander konkurrieren würden.

Wo hört man hin,

auf welcher Frequenz wird gesendet?

Normalerweise hat man seine Lieblings-Sender,

aber die Seele kann auch mal am Rad drehen,

was Neues einstellen.

So erlangt das vorher Ungehörte neuen Status:

Es wird real für einen.

Im Universum – ein Kampf der Wellen.

Das Ich als Radio, das die Wahl hat

zwischen zigtausend Sendern.

Was schwingt in einem,

welchen Grund-Rhythmus hat man?

Vielleicht sind eine Melodie, ein Jingle,

eine markante Tonfolge

auch so etwas wie ein Virus?

Sie brauchen den Hörer;

sind ziemlich unselbstständig.

Bewusstsein als Spiegel des Universums.

Ein Gedicht in einer Sprache, die keiner versteht,

ist wie ein Virus, der nirgends andocken kann.

Etwas kann nur dann eine ansteckende Wirkung haben,

wenn es wie eine Anstecknadel etwas hat,

wo es sich anstecken lässt.

Ein ansteckendes Lachen braucht sein Publikum.

Die Mona Lisa wäre gänzlich ohne Bedeutung,

wenn nur Pandabären sie betrachten würden.

Sie würde keine Pandemie der Begeisterung auslösen.

Und Pandoras Geschenke

würde man zurückgehen lassen an den Absender.

Aber wird man nicht auch ungefragt

mit seltsamen Gedanken infiziert?

Wie steht es um das Immunsystem der Seele?

Was soll man abblocken?

Hat man Abos von Gesinnungs-Aposteln?

Wechselt man wöchentlich seinen geistigen Standort?

Dem Weltbild mal einen anderen Rahmen gönnen?

Vielleicht sind die Aliens Viren-groß –

und wir haben sie bislang nicht bemerkt?

Größe beeindruckt uns;

aber der Teufel steckt im Detail.

Das Auffällige ist nicht so sein Ding.

Immerhin passten Pandoras Geschenke in eine Büchse

oder einen Bottich.

Berge beeindrucken uns –

Maulwurfshügel nicht so sehr.

Warum hat es das Gute so schwer in der Welt?

Man infiziert sich nicht mit Güte und Großmut.

Wohingegen Streit, Verärgerung, Verdrießlichkeit

sich immer rasend schnell ausbreiten.

Man steckt sich an, lässt sich mitreißen.

Die gute Stimmung sagt servus – und dampft ab.

Lässt sich hier vorläufig nicht wieder blicken.

Die Nächstenliebe schaut später mal vorbei.

Aber so richtig ansteckend ist Lebensfreude nicht.

Es hat zuweilen was Bemühtes,

man muss sich so einiges wegdenken –

als ob die Sonne nur zuweilen

hervorbricht durch die Wolken.

Die Lebensfreude ist nicht hochinfektiös;

das wäre ja auch zu leicht.

Man steckt sich eher mit Trübsinn an.

Die Medien verbreiten das gewohnheitsgemäß;

sie sind gewissermaßen Virenschleudern des Missmuts.

Ein Kelch der Freude sind sie meist nicht.

Mona Lisa schenkt der Welt ein Lächeln –

Frühform des Smileys.

Es wäre fahrlässig,

andere mit unbegründetem Optimismus anzustecken –

aber zuweilen ein Lächeln sollte machbar sein.

Vielleicht wird die Welt durch ansteckendes Lachen

eines Tages tatsächlich gesund?

 

ENDE

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 17.04.2020

Alle Rechte vorbehalten

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