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Wolkenkratzer-Fanatismus

Menschheit wollte schon immer hoch hinaus,

Turm zu Babel, Pyramiden, Wolkenkratzer.

Das Niveau etwas anheben –

und sei es mit Stahlbeton.

Die Hybris nicht scheuen;

oder will irgendein Gott das Projekt kippen?

Was wäre so schlimm daran,

wenn man seine Vorbilder überträfe?

Auf immer zur Niveaulosigkeit verdammt?

Haltet Maß?

Neue Level braucht das Land.

 

Es geht nicht nur darum, an Höhe zu gewinnen,

man will sich selbst beweisen,

dass man Monumentales leisten kann –

keine Achttausender,

aber außergewöhnliche Skulpturen,

die deutlicher als die Stonehenge-

und Osterinsel-Steinsäulen dokumentieren:

Wir sind die Architekten unseres Lebens.

Quasi Brücken in den Himmel,

so etwas wie Bifröst, die Regenbogenbrücke;

oder der Olymp en miniature.

Das Normale hinter sich lassen,

außergewöhnlich sein:

Mag sein, Menschheit wirkt deshalb

ein wenig eigenwillig.

Der Hybris-Vorwurf prallt an uns ab,

wir lieben das Spektakuläre, die Show, den Effekt.

Uns egal, ob eine Pyramide je eine Bedeutung hatte,

sie trägt ihre Bedeutung in sich,

ein Bauwerk, errichtet auf dem Dünkel.

 

Die Welt ist nicht sperrig –

wir haben jede Menge Kräne.

Auch wenn die Baukosten

die schöne Angewohnheit haben,

das Budget zu sprengen –

man ist immer wieder beeindruckt davon,

wie ausnehmend gut sich das Erdachte

in der Realität macht.

Man staunt Bauklötze.

Himmelsstürmer im Aufzug.

 

Da ist auch noch Platz für Extravaganzen.

Da ruft nicht nur die Pflicht –

das wird ein Riesenspaß –

der Mensch wird zum Hünen.

"Das ist doch die Höhe",

sagen sich die Wolkenkratzer,

sind aber von der Hoheit ihrer Erscheinung

mehr als angetan.

Das ist mehr als eine Holzhütte.

Man ist Türmer,

man hat alles im Blick.

Jetzt hätte man doch Zeit zum Meditieren,

aber man bleibt geschäftig.

Man rückt den Göttern auf die Pelle,

in den oberen Etagen vermutete man

schon seit jeher die Chefs,

zumindest die guten.

Die anderen vermutet man weiter unten – im Orkus.

 

Himmel zum Selber-Bauen;

ob das mit dem Bausatz klappt?

Das Herz schlägt höher –

warum sollte man das halbherzig angehen?

Menschheit feiert sich selber,

wetteifert mit der Natur.

Wer ist der bessere Baumeister?

DNA, Zufall, Wind und Wetter –

bevorzugtes Arbeitsmaterial von Mutter Natur.

Sie doktert damit ganz gut.

 

Aber wir beherrschen

die hohe Kunst des Selbstbetrugs.

Uns macht keiner so gut was vor

wie wir uns selbst.

Natürlich erbauen wir uns keine Himmelsfestungen,

den Olymp zwingt keiner in den achtzigsten Stock.

Früher gab es Zitadellen –

man zog sich bei Gefahr zurück.

Kreml-Ersatz – wohin flieht man heutzutage?

In die Geschäftigkeit –

Geschäftsdistrikt steht parat.

 

Wir schnellen uns in die Höhe.

Weltweit schießen die Hochhäuser aus dem Boden.

Keine Bauzeit über Generationen hinweg –

nur die Schulden bürdet man den Enkeln auf.

Mal sehen, wie die damit klarkommen.

Hochhäuser sind so ein schönes Symbol für Potenz.

"Unsinn in höchster Potenz!",

protestieren die Hütten und Villen,

die sich irgendwie schäbig vorkommen.

Notgedrungen klatschen sie Beifall,

fühlen sich aber gedrungen.

Sollen sie mitziehen?

Häuser können sich nicht

auf die Zehenspitzen stellen.

Man blickt auf zu den alles überragenden Gestalten.

Menschheit muss ihren Aufgaben gewachsen sein;

wächst sie mit ihren Aufgaben?

 

Haben wir den Job im Paradies geschmissen,

weil der Aufgabenbereich zu eng umrissen war?

Hoheit – das war es immer,

was wir angestrebt haben.

Wir neigen von Natur aus zur Hochstapelei –

Bauvorschriften ignorieren wir geflissentlich;

der Universums-Chef-Designer

kriegt vermutlich erneut die Krise.

Den Turmbau zu Babel übertrumpfen wir.

Jetzt mit noch mehr Kränen.

Hauptsache, unser Ego kommt nicht ins Schwanken.

Oder ist das Großmannssucht?

 

Gut, dass Adam vom Baum der Erkenntnis

Ableger organisieren konnte –

Zweigstellen des Paradieses eröffnen –

kein Problem.

Selbst ist der Mann –

und ein Baumarkt kommt dem Himmelreich

schon recht nah.

Auch Jesus' Vater war ein Zimmermann.

Letztlich kann man nur auf sich selber bauen.

Wenn einem so ein Hochhaus gelingen sollte –

dann hat man echt was geleistet.

Aber meist verbaut man sich nur die Zukunft.

Bestnoten in 'Mist bauen'.

 

Schön, wenn der innere Kreml

einigermaßen solide gebaut ist.

Dann kann man neu durchstarten.

Aufbauende Gedanken verleihen –

in dieser Branche sind nur wenige tätig.

Kickstarter für die Seele?

Kratzen wir die Kurve!

Demnächst haben wir eine kratzfeste Seele

und es kratzt uns nicht,

dass wir in Wolkenkratzern wohnen,

die nur bis Wolke sechseinhalb reichen –

für Wolke sieben fehlt immer ein Stück.

 

ENDE

 

Impressum

Cover: https://pixabay.com/de/photos/moskau-stadt-megalopolis-russland-4667143/
Tag der Veröffentlichung: 03.01.2020

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