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Interview mit einer Kiwi

Moderator: "Kiwi, Du bist ja mittlerweile sehr populär; stört Dich der Ruhm? Manche halten Dich für ungenießbar. Sind das haltlose Vorwürfe?"

 

Kiwi: "Es ist ja mittlerweile Usus, dass man zu allem Auskunft geben muss. Kann eine Frucht nicht ganz einfach unreflektiert und ungestört ihren Tag verbringen?"

 

Moderator: "Du heißt so wie ein Vogel. Würdest Du gerne anders heißen?"

 

Kiwi: "Was stünde denn zur Auswahl? Es ist ein fruchtloses Unterfangen, sich selbst aus dem Stand neu erfinden, definieren zu wollen. Das sind Reifungsprozesse. Ich kann das übrigens sehr gut hinauszögern, meine Haltbarkeit ist legendär. Darauf bin ich richtig stolz. Ein Apfel ist in der Zeit längst schrumpelig. Von wegen, er sei schon im Paradies dabei gewesen; na gut, ich bin eine Erfindung der Neuzeit, jetzt erst gepflückt vom Zeitgeist; man kann mit mir allerhand anstellen; ich bin da nicht so heikel; nur mit Milch vertrage ich mich überhaupt nicht. Außerdem sollte ich mich mal wieder rasieren, ist längst überfällig; sehe ja aus wie ein Hippie."

 

Moderator: "Wer sind Deine Vorbilder? Wem eiferst Du nach?"

 

Kiwi: "Du meinst Schauspieler? Die Melone aus 'Mit Schirm, Charme und Melone'. Aber mein eigentliches Vorbild ist die Zitrone. Kompromisslose Haltung; sie zeigt, dass sie sauer ist. Knallharter Kurs; davon könnte ich mir eine Scheibe abschneiden."

 

Moderator: "Was würde Dich komplettieren? Empfindest Du Dich als abgerundete Persönlichkeit?"

 

Kiwi: "Jaja, schon gut, die Ei-Form; darauf muss man ja nicht immer rumreiten. Ich habe durchaus meine Fans. Die Kiwiphilen. Auch als Pudding große Klasse – oder Kiwi-Bowle. Dabei eigne ich mich gar nicht fürs Bowlen. Ich komme nie bei den Kegeln an, verfehle immer mein Ziel. Mein Rollverhalten ist suboptimal. Daran muss ich arbeiten."

 

Moderator: "Hast Du sonst noch Ziele? Wo siehst Du Dich in dreißig Jahren?"

 

Kiwi: "Ich würde gerne mal bei einem Obstsalat mitmachen. Darauf arbeite ich hin."

 

Moderator: "Warte aber nicht zu lange."

 

Kiwi: "Ich habe etwas von löffel-weise gehört. Ich hielt Löffel immer für besonders dumm. Die Löffel haben doch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen; oder verwechsle ich da was? – Weintrauben haben es gut, sie erhalten ein kostenloses Upgrade und werden zu edlem Wein. Unsereins ist nicht so hochgeistig; ich verfüge nur über unausgegorene Gedanken. Die nächste Daseins-Stufe bleibt mir wohl verwehrt. Im Wein liegt Wahrheit – und was liegt in der Kiwi? Das bleibt uns alles verschlossen; man sperrt uns aus davon. Ein Skandal ist das!"

 

Die Kiwi hüpft auf dem Tisch auf und ab, rollt beinahe vom Tisch.

 

Moderator: "Dein Inneres smaragdgrün ..."

 

Kiwi: "Ja, das sieht nett aus; kann man sich für begeistern. Aber man ist ja kein Edelstein, man hat seine Bestimmung, man träumt nur davon, über die Dauerhaftigkeit und erstaunliche Beständigkeit des Steinvolks verfügen zu können ... Man macht sich da nichts vor. Pfirsiche haben immerhin ihre Kerne. Nichts Solides in uns – nur schlaffe Gestalten, denen die Zeit erstaunlich viel anhaben kann. Man müsste sich bekleiden, schützen, ummanteln. Bananen sind da irgendwie schon auf dem richtigen Weg. Hat was. Und das krasse Gelb ist voll der Bringer. Aber ich würde schon gern die Bekanntschaft eines Smaragds machen. Könntest Du mich einem vorstellen? Ich würde auch ein kleines Vermögen dafür hinblättern. Glaubst Du, ich könnte ihn irgendwie beeindrucken? Wie kann ein Obst edelmütig sein? Das kann doch in dieser Reinkarnation gar nicht gelingen. – Das Leben schmeckt mir mit einmal nicht mehr, es ist so fade und fahl wie eine überlagerte Kiwi. Nach einem flugunfähigen Laufvogel benannt – das hat doch was zu bedeuten; der Kiwi spukt mir im Kopf herum. Ich wäre lieber was Interessanteres – ein Hai beispielsweise; aber der Vergleich mit dem Kiwi zieht mich echt jetzt runter."

 

Sie fällt vom Tisch. Der Moderator fängt sie auf.

 

Kiwi: "Danke. Mein Lebensretter. Mein Held. Löst aber nicht das Grundproblem, dass Früchte reifen wollen, sich nichts sehnlicher wünschen – und dann ist man schon reif für die Pensionierung; es geht alles so furchtbar schnell; und der Wunsch scheint es noch zu beschleunigen. Warum wünscht man sich so etwas? Wer ist so angelegt? Dann wäre ja Unreife der Idealzustand ..."

 

Die Kiwi scheint nachzudenken. Der Moderator will sie dabei nicht unterbrechen. Er raschelt aber mit seinen Papieren.

 

Kiwi: "Geht das nicht leiser? Noch nie denkendes Obst gesehen? Da nimmt man Rücksicht. Außerdem bemühe ich mich gerade immens um Unreife. Gar nicht so einfach."

 

Die Kiwi wirkt verkniffen. Der Moderator holt einen Löffel.

 

Kiwi: "Was hast Du damit vor? Lass mich das nicht bereuen, dass ich Dir ein Interview gegeben habe. Ich hätte im Supermarkt bleiben sollen, da war es kühl; die Leute haben einen zwar zuweilen angefasst, aber insgesamt wurde man mit Respekt behandelt. Ganz anders diese impertinenten Fragen – und dann dieser grässliche Löffel!"

 

Der Moderator packt den Löffel schnell wieder weg. Er holt sich stattdessen einen Müsli-Riegel.

 

Kiwi: "Ist auch viel gesünder. Rate ich all meinen möglichen Konsumenten. Ich bin gar nicht so gerne populär. Das bringt nur erhebliche Nachteile mit sich."

 

Moderator: "Möchtest Du noch jemanden grüßen?"

 

Kiwi: "Ich grüße meine Freunde aus dem Supermarkt. War eine gute Zeit. Man kann das Glück leider nicht in Kisten packen; aber ich wünsche jedem eine ganze Palette voll mit guten Angeboten; manchmal ist das Leben tatsächlich wie ein Supermarkt, man muss nur das in seinen Einkaufswagen packen, was man wirklich will. Dann hat man sein Glück beisammen."

 

Moderator: "Belehrt von einer Kiwi. Erlebt man auch nicht alle Tage."

 

Kiwi: "Ergänzend und abschließend möchte ich sagen: Es gilt, die Suppe auszulöffeln, die man sich eingebrockt hat – von einer Kiwi war nie die Rede. Der Löffel ist der natürliche Todfeind der Kiwi. Nieder mit den Löffeln!"

 

Sie skandiert das eine Weile. Der Moderator deutet der Regie an, dass sie jetzt ausblenden können.

 

ENDE

 

Impressum

Cover: Cover-Bild © Phil Humor
Tag der Veröffentlichung: 31.10.2019

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