Cover

Balance

Man bemüht sich ja immer um Fröhlichkeit ... aber bemühte Fröhlichkeit hat so einen Depri-Effekt; man müsste das Leben tatsächlich witzig finden, über seine Scherze lachen können; aber meist bekommt man es gar nicht mit, dass es sich als Komiker versucht. Es steht armwedelnd da vor einem – und man interpretiert das völlig falsch. 'Bierernst' und 'Eminent wichtig' sind die Schlagworte, die einem dazu einfallen. Aber will das Leben ernst genommen werden? Wäre es auch okay, wenn man ihm eine gewisse Leichtigkeit bescheinigt? Man ist immer so nah dran an den Ereignissen, unmittelbar betroffen; Betroffenheit und Albernheit scheinen nicht gut miteinander zu können. Wem ist geholfen, wenn man richtig übellaunig ist? Freundliche Dämonen fragen an, ob man mit ihnen Handel treiben möchte. Schlechte Gefühle werden hoch gehandelt auf dem Jahrmarkt des Missvergnügens. Man kann da gute Preise erzielen. Von der Büchse der Pandora kursieren da etliche Kopien. Man käme sich direkt albern vor, wenn man da mit einer Wundertüte voll mit Zuversicht und Munterkeit ankäme. Es hat alles seine Berechtigung, kein Gefühl muss sich dafür schämen, dass es sich zu Wort meldet.

Mitleid im Dauermodus, das ist doch so, als wenn man immer im dritten Gang fahren würde; man muss doch auch mal runterschalten – oder auf die Bremse treten. Gas geben, sich steigern können. Lass mal die Gefühle ans Steuer, sollen sie Spaß haben. Sich verdrängen lassen von einem dominierenden Angeber-Gefühl? Sei es Mitleid, Grimmigkeit, Gelassenheit. Man muss sich nur klarmachen, dass man die entsprechende Gegenseite ja nicht hätte: Sie existieren immer paarweise. Der Kummer ermöglicht Heiterkeit – als ob sie auf einer Wippe sitzen würden – es kommt auf die Balance an, dass sie einander wertschätzen. Was fängt einen auf? Das entgegengesetzte Gefühl. Es steht parat, wartet auf seinen Einsatz. Man kann sich negative Eskapaden leisten, weil die anderen Gefühle nur auf ihren Auftritt warten. Wenn immer nur das Mitleid auf der Bühne stünde, dann hält es vielleicht grandiose Monologe, aber das Stück verlangt nach mehr. Da darf auch gemotzt werden; reichlich fluchen, dem Leben Vorwürfe machen. Dem großen Schimpf-Dämon die Stichworte zurufen. Seiner Enttäuschung Ausdruck geben können; meinetwegen kann sie es auch wie ein Opernsänger der Welt verkünden.

Ist ja auch nicht immer Schönwetter; man kann es schneien lassen, stürmen – man macht sich sein Seelen-Wetter; hat aber auch die Möglichkeit, die Sonne einzuladen. Der Winter hasst nicht den Sommer. Nur derjenige, der gar nicht wagt, für den schweigen alle Jahreszeiten. Man kann unversehens den Winter beschwören; er weiß gar nicht, wer ihn gerufen hat. Man kann auch den Sommer hinzubitten – mitten im tiefsten Winter – wie eine Wetter-Oase; das macht dem Sommer gar nichts aus. Nur wenn er mit Gleichgültigkeit konfrontiert wird, wenn er nicht das Gefühl bekommt, dass man sich wahrlich über ihn freut, dann ist er zuweilen doch recht brüsk. Man sollte eher an den Schaltern der Gefühle sitzen, ihnen eine gewisse Unabhängigkeit von den äußeren Gegebenheiten einräumen, verschaffen. Das Prinzip der Ambivalenz: Vom Tag nicht erwarten, dass er 24 Stunden Sonne bietet – auch die Nacht braucht einen Anwalt, der sie verteidigt. Dunkle Stunden wertschätzen, in ihnen ist seltsames Gold, als ob man es im Traum geschürft hätte. Die Fröhlichkeit bekommt einen ganz anderen Stellenwert, wenn man sich mit der Traurigkeit unterhalten hat.

Vielleicht auch so etwas wie eine Bilanz: Jeder Mensch hat etwas, das zu seinen Gunsten spricht und einiges, das ihn nicht so günstig dastehen lässt. Nur der Schoko-Osterhase hat mehr als eine Schokoladenseite; muss man sich mit abfinden. Das Leben zeigt sich nicht immer von seiner Schokoladenseite. Ist auch die Frage, ob das Universum so etwas hat; es ist von einer unvergleichlichen Gleichgültigkeit; geradezu beängstigend. Kann Menschheit irgendwie seine Aufmerksamkeit gewinnen? Es wird ihm nichts ausmachen, uns zu zerdeppern. Ein Asteroid als Geschenk. Ohne Schleife. Das verursacht schon Unlust-Gefühle.

Die Zulässigkeit von Unmut, heftigster Enttäuschung ... den Zorn-Dämon in sich mit reichlich Stoff versorgen. Gibt es gute Wut? Männer haben zumindest die Ausrede des Modus-Wechsels: Umschalten auf Kampf, Angriff; wecke den Krieger in Dir oder den Wikinger. Wer mag gemütvoll in die Schlacht ziehen? Es gilt ja nicht, ein Gedicht vorzutragen, sondern der Aggression eine angemessene Bühne zu verschaffen. Achilles wäre ohne Zorn doch eher spielerisch veranlagt. Man muss dem Schicksal direkt dankbar sein, dass es einen von Zeit zu Zeit anpöbelt, man kommt so richtig in Fahrt, hat die Gelegenheit, alles und jeden ausreichend mit Flüchen zu versorgen, man kann auch nachliefern; Fluch-Potenzial ohne Ende. Voll negativ. Aber wäre man nicht blind für den Charme des Lebens, wenn es fortwährend gleichbleibend dahinplätschern würde, der Göttin Langeweile huldigend? Es ist impulsiv – wie ein gut komponiertes Musikstück; man würde es zerstören, wenn man ihm Beständigkeit und fortwährende Harmonie abverlangen würde. Soll man ihm so begegnen: ganz versessen auf volle Glücks-Funktionalität? Es mogelt gern, es torpediert unsere Absichten – und hat nicht mal ein schlechtes Gewissen dabei. Trotzdem hätte man das Leben gerne zum Freund, man will es sympathisch finden, man dichtet ihm alle möglichen guten Eigenschaften an. Kann sein, dass man insgeheim ein paar Animositäten von sich gibt ... Fluchen als wöchentliches Ritual.

Der Humor hat an sich gar keine Berechtigung in dieser Welt; zunächst bekommt er einige Gastauftritte, dann wird er für länger gebucht. Verwunderung ist sein Markenzeichen. Er schafft erstaunlicherweise die Nähe zu den Dingen, indem er peinlich genau auf Abstand, Distanz achtet. Ganz im Gegensatz zum Ernst, der jede Bewegung der Welt mitmacht, er klebt an der Welt, ihm ist das alles sehr wichtig. Es ist seine Unmöglichkeit, die Dinge ernst nehmen zu können: Der Humor verweigert sich dieser Sichtweise, dennoch findet er die Welt keineswegs lächerlich. Aber er findet weitaus mehr Amüsantes vor, als die Welt eigentlich zu bieten hat; sie weiß davon nichts. Der Humor ist auch ein Brückenbauer – das Abstrakte und das Konkrete, das Winzige und das Gigantische verbindet er mühelos, er weist sie auf Parallelen hin, lobt ihren Auftritt, auch wenn sie das bisher gar nicht als Show empfunden haben. Der Humor erwächst aber nicht aus der Gleichgültigkeit – er braucht seinen Gegenpart – den Ärger über die Welt, die Verwunderung. Vorher grollen, um dann die Heiterkeit einzuladen; dann hat man Diskussions-Stoff. Vielleicht geht dem Universum unser Gemecker auf die Nerven? Es sieht das als ungerechtfertigt an. Anmeckern als Hobby. Das Universum mit Fragen löchern und drangsalieren – stoisch schweigt es. Humor als Diplomat; er schafft es, verbindlich zu sein; so als ob man einen Vermieter auf Missstände in der Wohnung aufmerksam machen möchte – Heizung geht nicht, Badewanne läuft über. Ein Unbehagen an der Welt unterwandert die Seele – aber sie hat wie das Immunsystem Abwehrmöglichkeiten. Ein ganzes Arsenal an Gefühlen steht ihr zur Verfügung. Sie kann auswählen. Als wenn es Pfeile in einem Köcher sind. Robin Hood der Psyche. Humor ist einer dieser Pfeile, trifft nicht immer, aber er ist immer noch da, wenn man alle seine Pfeile verschossen hat.

 

ENDE

 

Impressum

Cover: https://pixabay.com/de/photos/wippe-schaukel-schaukelger%C3%A4t-240650/
Tag der Veröffentlichung: 13.10.2019

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /