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Wenn alle Stricke reißen

Wenn alle Stricke reißen und man nicht mal mehr die Reißleine ziehen kann, wie soll man sich da noch zusammenreißen? Was könnte eine letzte Sicherung sein, wenn einem die Sicherung durchbrennt? Durchbrennen, weglaufen, Reißaus nehmen ... Oder das Desaster als das nehmen, was es ist: Alarm – wie ein Wecker, der einen unsanft aus dem Schlaf reißt. Er ist da nicht behutsam, das ist nicht seine Aufgabe. Gurus meinen immer, man müsse aufwachen; aber wo sind sie alle, die Erweckungs-Erlebnisse? Man könnte Fehlschläge umdeuten: Das, was man bisher glaubte, im Schlaf zu beherrschen, war eine müde Leistung. Das Bewusstsein hochfahren, Hebel auf Maximal-Power. Manches wird einem wunderlich vorkommen – fremdartig. Als ob man ein Wort zigmal wiederholt – das Vertraute entfremdet sich einem, je bewusster man es betrachtet. Die Hoheit über die Situation an sich reißen – Deutungshoheit – sich nicht von der Gesellschaft vorschreiben lassen, wie man was zu interpretieren habe. Wenn Tradition einem plötzlich vorkommt wie ein windschiefes Gebäude ... Den Mut zu haben, eigene Gedankengebäude daneben zu bauen.

 

Wenn alle Stricke reißen – hier ist nicht Plan B gemeint, sondern Plan Z: Hat man sowas? Die Vorstellung, dass man für alle Eventualitäten nur den entsprechenden Reserve-Plan verwenden muss ... Die Seele als Versicherungs-Vertreter, das Rundum-Sorglos-Paket inklusive Airbag. Es gibt den Spruch: 'Er wuchs über sich hinaus.' Gefahr, Krise als Dünger. Not macht erfinderisch – Trost darin finden, dass sie allesamt gefordert sind: Der Verstand, die Krisenmanagement-Truppe des Unterbewusstseins, der Bibliothekar, der das Gedanken-Archiv verwaltet – sie müssen alle an einem Strick ziehen: Koordination der Kräfte. Im üblichen Wirrwarr heben sich die Kräfte auf. Die Not gibt die Richtung vor, man hat einen Wegweiser.

 

Die Welt scheint einem Empathie aufzuzwingen. Was wollen die anderen, wie kann man deren Wünsche in die eigene Strategie einbauen? Beinahe schon Feldherren-Qualitäten, ein Gespür für das, was andere bewegt. Wenn man Glück hat, kann man sich vom Nachbarn oder Freund Stricke ausleihen – Ersatz für all die gerissenen Stricke, das wäre gerissen. Dann kann man wieder was reißen.

 

Oder haben einen die Stricke begrenzt – wie ein Esel, der mit einem Strick an einen Baum gebunden ist? Freiheit sieht anders aus; Zeit für Eseleien. Störrisch ist man ja immer nur aus Sichtweise der anderen; weil man nicht so will wie sie. Mal zum Wasserfall trotten. Wenn alle Brünnlein fließen, so muss man trinken. Und sind die Brunnen in der Umgebung versiegt, dann muss man wandern. Wie die Bremer Stadtmusikanten, die nicht gerade durch bestrickenden Gesang Karriere machten, es war vielmehr ihre Vehemenz. Mit Begeisterung bei einer Sache sein. Wenn es hart auf hart kommt, sollte man nicht weichen.

 

Wenn alle Stricke reißen – vielleicht sollte man es mit etwas Soliderem versuchen? Reißfest. Eine gewisse Reißfestigkeit der Seele. Die Bibel verspricht ja diesbezüglich unbegrenzte Haltbarkeit – bis zum Jüngsten Gericht und noch viel weiter. Sie bescheinigt dem Menschen gute Qualität in Bezug auf Seelen-Material. Mit was wurden wir bestückt? Der Teufel sieht das als Handelsware, er macht uns einen guten Preis. Bei ihm ist immer Not am Mann – ein Appartement in der Hölle, da hat man ständig Ärger mit dem Vermieter.

 

Wenn es wenigstens nur einige Stricke wären – ein bisschen Knatsch, Misshelligkeiten im Westentaschenformat, Stunk mit dezenter Duftnote: Aber dass gleich alle Stricke reißen, ist unfair, das stinkt einem gewaltig. Tja, das Leben kann ein Skunk sein. Was soll man da mit dem Parfum der Hoffnung ausrichten? Charme versprühen.

 

Von der Wiege bis zur Bahre kriegt man nicht die Biege, kriegt man nicht das Wahre. Man vernetzt sich, hat seine Seilschaften, knüpft Liebes-Bande – und alles reißt unaufhörlich; das reißt ein – Verluste kommen in Mode, man gewöhnt sich an die Defizite. Defizitärer Seelen-Haushalt. Von weitem sieht man Luzifer winken, den Himmel kann man sich wohl abschminken.

 

Oder aber man ist Falschspieler – hat immer noch ein Ass im Ärmel; kennt sich mit den üblichen Fallstricken des Lebens aus; ein Trickster par excellence. Wachsam. Odysseus als Vorbild – was soll man Troja belagern, gegen Mauern rennen? Man wär ja ein Tor, ginge man nicht zum Tor hinein. Ob Menschheit die entsprechenden Portale findet? Sternentore, Himmelstore ... Vielleicht heißt es nicht 'Klopft an und Euch wird aufgetan', sondern 'Bringt das verdammte Trojanische Pferd hinter die Linie – erzielt einen Touchdown mit Raffinesse!'? Könnte doch sein.

 

Oder man nimmt die Wenn-alle-Stricke-reißen-Versicherung des Herrn Kaiser und bekommt im Bedarfsfall Ersatz-Stricke gestellt. Schon praktisch. Oder man versichert sich selbst seines Vertrauens; Selbstvertrauen hat Zukunft.

 

Wenn alle Brünnlein fließen, dann kann man auch den hohen Wasserverbrauch beklagen. Die Welt ein bisschen nüchterner sehen, den Enthusiasmus dämpfen. Ein Stoiker würde sagen: 'Wenn alle Stricke reißen – schauen wir mal, wohin das führt.' Weder wehmütig, noch wohlgemut. Die Gegenwart stoisch betrachtend, gleichmütig. Aber wäre das cool – oder doch eher Zynismus? Dem Zynismus wird ja gern Gefühllosigkeit unterstellt. Vielleicht wohnt er auch nur nicht nah genug beim Zeitgeist? Für den Zyniker gilt: 'Sie fahren mit Abstand am besten.'

 

ENDE

 

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Cover: Cover von https://pixabay.com/de/photos/pferd-trojanisches-pferd-statue-1574780/
Tag der Veröffentlichung: 11.07.2019

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