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Natur und Kultur

Verlassenes Haus, sich selbst überlassen.

Sinnierend über das Einst.

Als ob die Seele fehlt,

alles nur noch Hülle.

Es weiß nichts mit sich anzufangen.

Lustlos wehen die Gardinen.

Türen schlagen auf und zu.

Der Wind ist vorübergehend eingezogen.

Tapeten üben das Vergilben.

Staub erhält jetzt seine Chance –

und nutzt sie auch,

noch nie war er so gut in Form.

Ein paar Geister fragen an,

ob sie eine Filiale ihrer Spuk-AG

hier eröffnen dürfen.

Die Leere zieht sie magisch an.

Und das Ambiente gefällt auch.

Die Mäuse haben den Mietvertrag

noch nicht unterzeichnet.

Mücken tanzen Lambada.

 

Was von Menschen erschaffen,

währt nicht so lang.

Natur lässt sich auf Dauer

nicht zurückdrängen, schnellt zurück.

Schnellfüßig erobert sie ihr Reich zurück.

Eine Illusion,

dass Kultur es mit ihr aufnehmen kann.

 

Man legt den Garten ordentlich an,

doch über diese Art von Ordnung

rümpft sie die Nase:

Natur ist eine Künstlerin mit dem Sinn für Chaos.

Sie hegt eine ausgeprägte Sympathie für Anarchie.

Sie hat ihre Fans; sie ist ursprünglich.

Sie hatte nie die Absicht,

romantisch zu sein –

und dennoch ist sie eine Meisterin darin,

tut sich damit hervor.

 

Sie übertrumpft uns durch Natürlichkeit,

sie liebt das Laissez-faire.

Vor einer Million Jahren

haben wir unsere Natürlichkeit abgestreift,

haben die Hand der Kultur ergriffen,

waren ihre Vasallen – Zweckpartnerschaft.

Wir denken, handeln kultiviert,

der Barbar in uns hat Sprechverbot.

Die Kultur nimmt sich sehr wichtig,

verweist auf Sprache, all das angehäufte Wissen;

sie sammelt, trägt zusammen.

"Tu ich doch alles für Euch."

Und sie freut sich, wenn sie Bestand hat,

aber im Angesicht der Natur

ist das alles sehr ephemer.

 

Wir haben uns an die Kultur gekettet;

ein Bündnis, das uns stärker machen sollte.

Doch was ist mit der Natur in uns,

ist sie auf Dauer geknebelt?

Eine Unterworfene der Herrin Kultur?

'Erkenne Dich selbst' –

das klingt wie Hohn, wenn man nur

der kultivierten Version seiner selbst

Beachtung zukommen lässt.

Die Seele hat vermutlich mehr zu bieten

als antrainierte, zivilisatorische Attitüden

und Plattitüden.

 

Vielleicht ist die Seele so etwas

wie ein verlassenes Haus –

Natur zog aus,

und die Geister der Kultur hausen dort.

 

ENDE

 

Impressum

Bildmaterialien: Cover von https://pixabay.com/de/photos/raum-zimmer-innenraum-leer-tapete-4231460/
Tag der Veröffentlichung: 16.06.2019

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