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K. o. von Weihnachtsdeko

Warum sind wir zur Weihnachtszeit besonders empfänglich für Kitsch? Warum hat Kitsch es da leichter? Stimmt etwas nicht mit unserer Abwehr? Unser Kitsch-Immun-Abwehr-System nicht intakt? Warum diese Überinszenierung?

 

Weihnachtsdekoration en masse; was ist ihre Berechtigung? Die Himmelsbehörde distanziert sich davon, sie habe damit nichts zu schaffen; selbst dem Weihnachtsmann ist so viel Kult um ihn peinlich. Geschenke zu liefern, ist eben sein Job – dafür braucht er kein Denkmal in jedem Vorgarten. Bricht sich da die Vorfreude Bahn – ist das Ersatz für verloren gegangene Magie – all die Rentiere und Lichterketten? Deko, bis der Nachbar brüllt. Es blinkt, es umnebeln ihn Weihnachtsdüfte – schwummrig und beklommen macht dieser Kult, Rentiere werden nicht geopfert, sie werden in den Himmel gehoben – allerdings müssen sie Schlitten hinter sich herziehen wie gewöhnliche Schlittenhunde. Rudolph muss Gott sei Dank durch keinen Kamin, da muss nur sein Chef durch jedes Mal. Kann sein, dass er deshalb so gereizt ist und dass es nicht die vielen dickbäuchigen, kraxelnden 3D-Figuren von ihm sind, die ihn auf die Palme bringen. Ist sein Job nicht ohnehin schwer genug? Überall im Lande und in den Ländern trifft er auf seinesgleichen, fährt mit bitterer Miene vorbei, nimmt sich vor, gelassen zu bleiben; aber er würde gerne peppiger rüberkommen; wie ein Rockstar oder so; mit Waschbrettbauch, meinetwegen auch Surfer-Klamotten – 'ne heiße Lady im Arm oder in seinem Schlitten. Was wäre die Weihnachtsdeko ohne ihn? Ein Haufen Lametta wehend im Wind; alles umkreist ihn; dabei geht es doch gar nicht um ihn? Da war doch was von Botschaft, einer Verkündung, was Verheißungsvollem. Egal. Die Geschenke müssen pünktlich ausgeliefert werden.

 

Die Welt wird beschenkt – daran soll das Weihnachtsfest erinnern. Geschenkt? Mit Tausenden von LEDs Eindruck schinden? Kann gelingen. Man vertreibt die Dunkelheit, nutzt sie als Background, staffiert sie mit Fröhlichkeit aus. Die Erde strahlt, wenn wir es wollen; programmierbare LED-Lichter – in allen Farben – und passend zur Musik; Natur beugt sich uns, wir orchestrieren das, wir machen uns die Nacht untertan.

 

Der Weihnachtsbaum teilt seine Wurzeln mit dem Baum der Erkenntnis: Es verbindet sie etwas. Man darf davon naschen, er ist übervoll mit Dingen zum Reinbeißen: Nicht in den sauren Apfel beißen, sondern kalorienreiche Süßigkeiten konsumieren – das neue Konzept. Man beschwört gewissermaßen den Baum in die gute Stube, der der Anlass war für den Rausschmiss aus dem schönen Paradies. Der Weihnachtsbaum als Stellvertreter, Repräsentant des Baums der Erkenntnis; was verkündet er? Dass Gut und Böse nicht so leicht auseinanderzuhalten sind? Die Welt ist keine Filmwelt. Hier herrschen andere Klischees.

 

Feierlich beleuchtete Innenstädte – von denen geht was Magisches aus; man kann sich dem schwer entziehen. Will man ja auch gar nicht; man möchte, dass die Welt zumindest für einige Wochen sich dem Ideal annähert: heile Welt – verträumt, schön anzusehen. Da will man nicht an klingende Kassen denken. Aber der Schnee spielt schon seit Jahren nicht mehr mit, verweigert seinen pünktlichen Auftritt, der Weihnachtsmann ist omnipräsent, er sitzt in jedem Kaufhaus, er geistert durchs Fernsehprogramm, hat zwischendurch noch Zeit, Produkte zu bewerben und zu empfehlen; aber ist irgendwo das Original? Eine Armee von Klonen.

 

Wie viel Kitsch gestattet man sich? Was wäre zu viel? Gibt es demnächst eine Kitsch-App, die mitzählt und einem signalisiert, wann man sein zulässiges Kitsch-Quantum überschritten hat? Kitsch-Kontroll-Alarm. Steigt der Kitsch-Bedarf zur Weihnachtszeit, ist das das Geheimnis, weshalb alle Herzen plötzlich für Weihnachtsdekoration entflammen? Inbrünstige Sehnsucht nach etwas, das stärker ist als das Grau. Vernunft ist ja gut und schön, aber eine Schicht Blattgold darüber veredelt den Alltag, macht ihn ansehnlicher. Es ist kein pures Gold, es ist, ein So-Tun-als-ob, als ob die Welt noch nicht ihre Magie verloren hätte, eine Welt, in der man etwas auf einen Wunschzettel schreiben kann und bekommt es erfüllt – vom Weihnachtsmann höchstpersönlich. Netter Kerl.

 

Man kann es so sehen, dass der Mensch selber so etwas wie Weihnachtsdekoration ist – Verstand leuchtet in der Welt auf – wie ein Stern über Bethlehem; etwas Einzigartiges – eine Erfindung des Universums, es fand sich recht findig, hat sich diesen Luxus geleistet. Vielleicht gönnt es sich diesen Spaß? Ein wenig Weihnachtsdeko fürs Universum, was Erhellendes. Das Universum als Bewusstseins-Wüste, als Ödnis – findet das Universum voll öde. Da kommt der Mensch ins Spiel, er bringt Kultur mit, ein wenig Kunst, ein Unterhaltungs-Programm, er reflektiert, er macht sich die Mühe, übers Universum nachzudenken, das Universum ist geschmeichelt, lässt sich gerne derart porträtieren, blickt gewissermaßen in einen Spiegel. Ist Weihnachtsdekoration ein Symbol für uns: der Weihnachtsmann als Vorbild? Zur Abwechslung mal ist man nicht selbst der Mittelpunkt, die Gedanken kreisen nicht um das, was man sich selber schenken würde. Einem würden die Wunschzettel der anderen vorliegen, man sähe vor sich, was ihre albernen Wünsche wären aber auch die wirklich wichtigen Wünsche ständen dort. 7,3 Milliarden Menschen zu beschenken, schafft man nicht in einer Nacht, ganz abgesehen davon, dass die finanziellen Mittel nicht ausreichen würden – aber einmal nicht im Zentrum zu stehen, seine Gedanken um die anderen kreisen zu lassen – das könnte eine Meditationsübung sein, die der Weihnachtsmann empfehlen würde. Er hat das gut drauf; vielleicht fasziniert uns das an ihm so sehr? Ist ja ein richtiger Kult, den wir um ihn veranstalten. Und man beschäftigt sich doch nur dann so intensiv mit Helden, Vorbildern, weil man gerne so wäre wie sie. Einmal im Weihnachtschlitten sitzen – der Gebende sein. Abkehr vom Ich? Der Weihnachtsmann praktiziert das ja auch nicht jeden Tag im Jahr. Aber gelegentlich sollte das möglich sein; sollte man einplanen. Das Weihnachtsmann-Konzept.

 

Eventuell gibt es bald Weihnachtsdeko aus dem 3D-Drucker; man könnte das individueller gestalten. Die Freundin als Weihnachtsengel; damit könnte man punkten.

 

Manchmal kommt einem die exzessive Weihnachtsbeleuchtung vor, als würden Leuchtfische in der Tiefsee versuchen, irgendwas anzulocken. Wen will man da ködern?

 

Oder einfach dem Kitsch alle Möglichkeiten eröffnen? Er soll sich nicht zurückhalten. Süßer die Glocken nie klingen – das gilt auch fürs Optische. Einfach mal die Kitsch-Sau rauslassen. Rosarote Brille aufsetzen; oder doch lieber Rot-Grün-Weiß – die traditionellen Weihnachtsdeko-Farben? Wie beschwört man am besten Festlichkeit, Gemütlichkeit? Jeder hat da sein eigenes Rezept, der eine nimmt eine Prise mehr Kitsch. Das stößt anderen sauer auf.

 

Weihnachtsdeko hat was Magisches – Switchen in die Magie-Welt; umschalten, anderer Sender. Die Welt hat sich nicht verändert, aber sie kommt einem verändert vor: Licht-Magie. Wenn die sowas im Mittelalter gehabt hätten. LEDs statt Scheiterhaufen. In Star Wars kämpfen sie mit dem Lichtschwert; wer steht auf der dunklen Seite der Macht? Mit programmierbaren LED-Lichtern kundtun, dass man auf Seiten des Weihnachtsmanns steht, zu ihm hält; hier wäre ein Landeplatz frei.

 

Vermutlich braucht der Weihnachtsmann bald selbst ein Laserschwert – er muss den schlechten Geschmack bekämpfen. Allüberall auf den Giebelspitzen sieht er goldene Lichtlein sitzen. Das wird ihm zu viel; oder heißt er den Kult gut – würde er Autogramme verteilen, wenn die Magiegesetze es zuließen? Äpfel, Nuss und Mandelkern essen fromme Kinder gern – aber Nutella ist auch nicht schlecht. So ganz gesund scheint sich der Weihnachtsmann nicht zu ernähren, seine Köperfülle ist eigentlich nicht so vorbildhaft; kennt jemand dessen Blutwerte? Nicht, dass ihm Diabetes einen Strich durch die Rechnung macht.

 

Man wird ja von der Evolution geradezu aufgefordert, zu übertreiben; der Exzess ist vorprogrammiert; man will herausstechen, will sich hervortun; Light-Show; mit dem Nachbarn mithalten. Weihnachtliches Wettrüsten. Der Dunkelheit ein Schnippchen schlagen; sie einbinden in die Performance als unfreiwilligen Teilnehmer; was wären Leuchten ohne Dunkelheit? Fade. Vielleicht brauchen wir auch deshalb ein so verkitschtes Weihnachten, weil Bedarf danach besteht: Die Welt kommt uns düsterer vor, je mehr wir von ihr erfahren. Früher war es kuschelig, es drehte sich alles um uns und um unseren Planeten. Denkste. Die Sonne verlor ihre bevorzugte Stellung. Zurück ins Glied! Ein Stern wie Milliarden andere in einem gleichgültigen Universum. Das konnte man so nicht stehen lassen, sie kriegt Funkel-Unterstützung unsererseits. Wenn es auch nur LEDs sind. Ein Symbol dafür, dass wir sie für was Besonderes halten, dass die Dunkelheit uns nichts anhaben kann.

 

ENDE

 

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Tag der Veröffentlichung: 24.11.2018

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