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Wüste - Die wüste Sandy

Die Wüste antwortet nicht sogleich.

Extra zum Meditieren mich in die Wüste begeben.

Okay, mit allem Komfort.

Innere Schätze finden.

Wie lange dauert das normalerweise?

40 Tage. Die Zeit ist rum,

noch immer lässt sich Weisheit nicht blicken,

mir liegt auch kein Angebot des Teufels vor.

Das Warten nervt. Im Pauschalangebot stand,

dass die Erleuchtung garantiert sei;

das Kleingedruckte hab ich extra nicht gelesen.

 

Es sind Dünen – am Meer wäre es schöner,

aber da wäre nicht diese Innerlichkeit.

Die Wüste räuspert sich – na immerhin,

hat ja auch gedauert.

Sie hält jetzt wohl ihre Ansprache, direkt an mich.

 

"Was willst Du von mir?

Du wirkst nicht wüst und leer.

Du fastest auch nicht. Ich will Dich dennoch

mit Halluzinationen belohnen."

 

Nette Wüste, hab's doch gewusst.

Vortreffliche Wahl.

Sah im Prospekt auch so einladend aus.

 

"Dein Sand ist super.

Was nimmst Du für die Beratungs-Stunde?

Wie viele Eremiten hast Du bereits erleuchtet?"

 

"Willst Du Expertisen? Ein Gutachten?

Meine Qualifikationen überprüfen?"

 

"Hast Du die Lizenz zum Erleuchten?",

frage ich frecherweise.

Sie hat mich warten lassen; da soll ich ihr

mit ausgesuchter Höflichkeit begegnen?

 

"Ich bin süchtig nach dem Leben, es freut mich,

dass Du so lange bei mir verweilst, aushältst.

Es war eine Prüfung,

man antwortet ja nicht jedem sogleich.

Du findest mich schön? Ich gefalle Dir?"

 

Ich gestehe, dass sie einen gewissen Charme hat.

 

"Du kannst mich Sandy nennen", bietet sie mir an.

 

"Also, was hast Du anzubieten?

Vergleiche wären mir recht, was Erhellendes.

So wie man mit Urlaubs-Bräune angeben kann,

so würde ich gerne vollgetankt mit Weisheit heimkehren."

 

"Bin doch kein Basar. Aber wir könnten tauschen.

Deine Aufmerksamkeit gegen einige Weisheiten.

Wäre schon interessiert.

Schon seltsam, dass Ihr Menschen

so offen seid für das Transzendente,

als ob es vorgesehen sei,

dass Ihr Euch dem zuwendet, danach sucht.

Klopft an – und Euch wird aufgetan.

Auch wenn da kein Portal ist –

das suchst Du bei mir vergeblich,

dennoch trittst Du in meine Gedankenwelt,

betrittst mich,

unsere beiden Reiche verschmelzen miteinander;

und unsere Schnittmenge

könnte man als Weisheits-Extrakt bezeichnen?"

 

"Das musst Du wissen, frag mich nicht."

 

"Flirrende Hitze ist gut für Halluzinationen,

erleichtert mir die Arbeit;

man nimmt ja so schwer

Kontakt mit Euch Menschen auf.

Der Wind formt mich, ich lass es mir gefallen,

weiß gar nicht,

wie viel Sandkörner ich momentan habe.

Ich bin unbestimmt.

Ich leihe mir Dein Bewusstsein,

borge mir Worte von Dir;

Du hast doch nichts dagegen?"

 

"Nimm Dir an Worten, was Du benötigst.

In der Ferne zieht eine Karawane vorbei,

sie kennen ihr Ziel.

Bei imaginären Reisen ist das ungleich schwieriger.

Man will zur Stadt der Weisheit, der Erleuchtung –

kann sich aber nicht von deren Licht leiten lassen;

oder doch?"

 

"Mir genügt die Sonne,

schön regelmäßig streicht sie über mich hinweg.

Glutvoll; ich spreche oft mit ihr.

Soll ich ihr Grüße bestellen? Was soll ich ausrichten?"

 

"Die Wüste als Diplomat.

Ich habe lange auf die Audienz mit Dir gewartet.

Die Sonne bekommt einfach so Gesprächstermine?

Ohne Anmeldung?"

 

Die Wüste geht gar nicht darauf ein.

"Du bist wie ein Spiegel für mich.

Ein Bewusstseins-Spiegel.

Gibt es nicht allzu viele im Universum.

Ihr auf der Erde stellt davon jede Menge her;

die Gegenstände sind ganz begierig darauf,

in Eurer Nähe verweilen zu dürfen.

Sie kommen sich so näher. Es ist, als hätte ich

das Gewand der Gleichgültigkeit ausgezogen, abgelegt.

Diese schreckliche Gleichgültigkeit –

Du aber bringst Interesse auf für das Universum –

und für mich."

 

"Ganz schön eitel, für 'ne Wüste.

Aber ich attestiere Dir Erhabenheit

und immense Faszinationskraft."

 

"Soll ich mich verändern?

Ich kann an Schönheit zulegen. Kein Problem."

 

"Es geht ja um keinen Beauty Contest.

Das Ursprüngliche hat ja auch seinen Wert."

 

"Was willst Du damit sagen?!"

 

Ein Sandsturm zieht herauf. Sie wirkt ungehalten.

 

"Ihr pflastert Eure Gegenden zu,

nennt das Stadtverschönerung.

Das Antlitz der Erde braucht keinerlei Kosmetika!

Ach was, der gesamte Kosmos hat es nicht nötig,

sich Euretwegen Schminke aufzutun!"

 

"Wie bist Du denn drauf?"

 

"Ach, Du reist wieder ab.

Ihr wollt doch nur das Eine: Weisheit.

Kaum habt Ihr die, schon heißt es Servus.

Bewahrst Du mich in Deiner Erinnerung?

Dann wäre ich auch geneigter,

Dir Erleuchtung zu präsentieren.

Ich kenn mich damit aus.

Habe gute Connections zur Sonne und zu den Sternen.

Aber wir müssen Eines werden.

Erkenntnis beruht immer auf Verschmelzung,

völliger Empathie.

Du wirst noch einige Tage dranhängen müssen.

Und fall nicht auf Fata Morganen rein:

das, was man sehen möchte.

Befrag das Universum, es wird Dir antworten,

aber dränge ihm nicht Deine Antworten auf,

das tut Ihr mit Vorliebe;

und behauptet dann, das Universum hätte gesprochen.

Trugschluss."

 

Wie von Zauberhand legt sich der Sandsturm.

Toll, man kann mit der Wüste kommunizieren,

sie geht auf einen ein, ist empfindsam ...

Spektakuläre Erkenntnisse.

Vermutlich hält das alles nüchterner Betrachtung

nicht stand, aber es ist furchtbar frustrierend,

ergebnislos in die Wüste zu starren ...

Da erlaubt sich die Einbildung

die eine oder andere Eskapade.

 

"Ich mag Deinen trockenen Humor",

sage ich leise zur Wüste,

aber so, dass sie es nicht hört,

sie reagiert sehr empfindlich

auf alle Wüsten-Wortspiele,

tut so, als seien es wüste Beschimpfungen.

 

"Das hab ich gehört!"

Der Sandsturm wird wieder kräftiger.

Na bravo.

 

ENDE

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 12.09.2018

Alle Rechte vorbehalten

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