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Am See

Ich gehe am Ufer des Sees entlang;

irgendwie ist alle Farbe entwichen.

Als ob es einen Schalter gäbe:

An und aus – Wechsel zwischen bunt, Lebendigkeit

und einer Farblosigkeit.

Oder ist es eher ein Regler, mit Feinabstimmung –

man kann den Magie-Grad in seinem Leben

rauf und runter-regulieren?

 

Man kann den See nüchtern wie ein Wissenschaftler

betrachten, analysieren,

man könnte ihn mit Fakten konfrontieren.

Oder man begegnet ihm wie ein Maler,

der das Beste aus diesem See herausholen will,

er soll sich von seiner besten,

vorteilhaftesten Seite zeigen.

Der See ist gänzlich überfordert.

Was will man von ihm?

Er will nur so daliegen.

Aber eine Deutung wäre nicht schlecht.

"Was bedeute ich im Universum?"

See-Berater, ihm eine Lektion erteilen.

Dabei soll er mich doch belehren.

 

Zwei Segelboote dümpeln.

Mit denen könnte man niemals Wasserski machen.

Was gibt der Charakter her?

Welche Fahrt kann er aufnehmen?

 

Mit einem Waschmittel bekommt man prima

den Grauschleier weg.

"Jetzt wird es mir aber zu bunt!"

Sehnsucht nach dem Grau –

es hat etwas Beruhigendes.

Aber man will auch die Farbtupfer, die Einsprengsel.

 

Magie erscheint mir so etwas wie Farbe zu sein;

ohne sie ist es seltsam grau, blass, leblos.

Sie pulsiert, ist lebendig –

wenn man es zulässt, wenn man sie gewähren lässt.

Sie ist keine Abhängige,

keine Variable im üblichen Bezugssystem.

Es ist ihr einerlei, ob der See grau ist,

der Himmel bewölkt –

sie hat ihre eigene Palette, die bringt sie mit,

malt munter drauflos,

versieht das alles mit Kommentaren;

sie belebt.

 

Als Wissenschaftler ist es so,

als würde man allem in der Natur

Preisschilder umhängen.

Ist es Etikettenschwindel,

wenn man allem Wert bescheinigt?

Als Magier kann man generös sein, freigiebig;

auch dem Grashalm bescheinigen,

dass er gut in Form sei.

 

Schon interessant, dass man dem Sinn

Präsenz verleihen kann.

Es ist wie eine Einladung: "Sei willkommen

in meinem Leben; bereichere mich."

Man preist die Natur –

muss ja kein Halleluja sein.

Der Natur zuhören, was hat sie auf dem Herzen,

was sind ihre Pläne?

 

Der See nimmt sich Zeit bei seiner Antwort.

"Schön, dass Du fragst.

Ist ja ziemlich diesig.

Ich plätscher so vor mich hin.

Ich würde gerne mal wieder über die Ufer treten.

Außerdem spiegele ich zu getreu den Himmel,

als ob ich selber keine Aussage hätte –

ist er trübe, bin ich's.

Strahlt er, kommt aus seiner Farbtube

Blau und noch mehr Blau,

dann sehn ich mich nach diesem Grau.

Finde ich eigentlich viel schicker.

Finde ich gut, dass Du darüber nachdenkst.

Ich würde Dir 'Thumbs up' geben,

ist aber anscheinend einem See nicht gestattet.

Ich drück Dir trotzdem die Daumen!"

 

Netter See. Aus Pflichtgefühl

verwandle ich den Spaziergang ins Joggen.

Missbilligende Rufe des Sees:

"Es war doch so gemütlich.

See und Seele – klingt doch ähnlich."

 

Mit solchen Vergleichen

will er das Gespräch aufrechterhalten.

"Merk es Dir; darüber sprechen wir morgen!"

 

Er sieht untröstlich aus.

Ich lasse ihn in mieserer Stimmung zurück,

als ich ihn vorgefunden habe.

 

"Krieg ich ein Seeungeheuer?

Jeder redet von Loch Ness und Nessie."

 

"Mal sehen, was ich machen kann."

 

"Aber nicht so ein Aufblasbares.

Muss schon was herzeigen.

Die Gummi-Schwäne waren wohl das Letzte!"

 

Vielleicht sollte man einen See

doch nicht aus seiner meditativen Stimmung bringen?

All das Gerede über Möglichkeiten

verwirrt ihn, beunruhigt ihn,

gibt ihm Stoff zum Nachdenken.

Er war zufrieden

mit seinen zwei dümpelnden Segelbooten.

Nachher verwehrt er dem Himmel noch,

sich in ihm zu spiegeln?

 

ENDE

 

Impressum

Bildmaterialien: Coverbild von Manuela - https://www.bookrix.de/-schnief
Tag der Veröffentlichung: 06.09.2018

Alle Rechte vorbehalten

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