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Was ist das Universum?
Die Menschen stellen es sich folgendermaßen vor: Schwärze, verwoben mit Schwärze. Einzelne, feine Sterne haften darauf. Und mitten darin: Sie selbst.
Auf die Frage, was hinter ihrem Horizont, was jenseits ihres Universums ist, können sie nicht antworten. Dort würde es vermutlich weder Raum noch Zeit geben, dieses Jenseits sei im menschlichen Gehirn nicht vorstellbar und man solle aufhören, nach so etwas zu fragen, das würde doch sowieso nur für einen Knoten im Gehirn sorgen.
Doch was, wenn das Universum ganz anders aussieht? Kehren wir sämtliche Fantasien, die von Schwärze, fernen Welten und funkelnden Gestirnen handeln, beiseite und betrachten einen Tisch.
Darauf? Eine Tasse. Was um den Tisch herum ist, ist nicht wichtig. Vielleicht eine Wiese. Vielleicht ein herrschaftliches Wohnzimmer. Vielleicht eine Bühne vor einem Publikum aus grauen Herren? Wie gesagt, es ist nicht wichtig. Konzentrieren wir uns stattdessen auf die Tasse.
Hat sie einen Henkel? Besitzt sie ein Blümchenmuster am Rand? Steht sie auf einem Unterteller?
Was? Wie? Nein! Nicht abschweifen! Wir wollen uns nur auf die Tasse konzentrieren! Nicht darauf, wie sie aussieht, sondern, was die Tasse IST.
Also ... was ist sie?
Darin ist eine schwarze Flüssigkeit. Unbestimmbar. Aber Schwarz. Wenigstens eine Kleinigkeit, die an das Weltbild der Menschen angelehnt ist.
In der Mitte schwebt eine halbe Sonne, Rücken an Rücken mit einem halben Mond. Ignorieren wir sämtliche anderen Welten und Gebilde, die sich in der Tasse befinden, fokussieren wir uns lediglich auf den halben Mond und die halbe Sonne. Um zu testen, ob das menschliche Gehirn das verträgt.
Gut? Gut.
Über diesem eigenartigen Gebilde in der Mitte der Tasse schwebt ein Planet. Wir haben ihn Schicksal getauft. Auf der Nordhalbkugel leben die Götter und südlich einige verstorbene Seelen, die es verdient haben, dort zu sein. Ich glaube, die Menschen nennen diesen Ort „Hölle“, obwohl er vermutlich nicht ihren Erwartungen entspricht.
Und jetzt fragen wir uns noch einmal: Was ist die Tasse?
Ganz einfach: Das Universum.

Jeder Gott in der Tasse der Zeit hat eine andere Aufgabe. Ich bin dafür da, die Seelenfäden, in der Götterwelt „Equal“ genannt, zu zerschneiden, wenn die Zeit reif ist. Ich teile diese Aufgabe mit drei Göttinnen und bin seit jeher damit zufrieden, denn im Gegensatz zu den anderen Göttern habe ich viel zu tun. Einige müssen dafür sorgen, dass Seifenblasen zerplatzen wie Träume, ein anderer sorgt dafür, dass eine bestimmt Sorte Tee gedeiht. Einige Götter sind für Feste zuständig, die in sehr wenigen Welten alle fünfhundert Jahre gefeiert werden. Den Rest der Zeit rennen sie anderen Göttern hinterher und gehen ihnen auf den Zeiger.
Apropos Zeiger. „Ich gehe eine Runde spazieren“, verkünde ich und lege die goldene Schere beiseite. Die anderen Drei nicken, sie würden auch ohne mich für eine Weile auskommen.
Wie meistens habe ich kein direktes Ziel, sondern besuche mal hier, mal dort eine Weltenhemisphäre. Heute lande ich in einer Hemisphäre voller grauer Wolken, durch die man nur wenig von der eigentlich Welt ausmachen kann. Anscheinend findet dort unten ein Fest statt, alles leuchtet. Menschen feiern, betrinken sich, lachen und jauchzen. Langweilig. Menschen tun so etwas andauernd, ich kann dem nichts abgewinnen. Mein Blick wandert weiter. Inmitten der Wolken steht ein langer, metallisch glänzender Tisch, eine Göttin sitzt daran und verfolgt das Geschehen mit wachsamen Blick. Die Göttin besteht – wie ich – aus nur einem blassblauen Schleier und einem kaum sichtbaren Kopf. Die Augen strahlen in einem satten Grün, ein feiner Riss teilt die Atmosphäre dort, wo ihr Lächeln sitzt. Wir Götter sind nicht sonderlich manifest. Ich wende mich ab, anscheinend gibt es hier nichts Spannendes zu sehen. Zurück an die Arbeit. Doch auf einmal bemerke ich einen weißen Schemen in meinem Augenwinkel und blicke zurück zu der Göttin. Hinter ihr ist eine Gestalt in einem dünnen Kleid mit vielen Rüschen aufgetaucht. Eine weiße Frau! So eine habe ich ja noch nie gesehen! Man erzählt sich, dass sie Unheil verkünden, wo auch immer sie erscheinen. Sie sind keine Götter, sie sind keine Verstorbenen. Sie sind einfach da. Nicht jeder Gott hat schon einmal eine weiße Frau zu Gesicht bekommen, da sie sich meistens unsichtbar durch uns hindurch bewegen. Ich habe bereits eine gesehen – sie hat mit dem Gott für Midryantostopien gesprochen, viel zu leise, als dass jemand anders außer jenem Gott es verstehen konnte. Wie – Sie wissen nicht, was Midryantostopien sind? Kein Wunder, der zuständige Gott hat sich nach der Begegnung mit der weißen Frau in die Flüssigkeit der Tasse der Zeit gestürzt. Und nun ist wieder eine hier. Vielleicht sogar die Selbe. War ich doch eben noch drauf und dran, diese Hemisphäre zu verlassen, bleibe ich nun umso angewurzelter stehen.
„Diese Welt wird untergehen“, flüstert die weiße Frau, sodass ich es fast nicht gehört hätte.
Die Göttin erhebt sich und wirkt zutiefst verwirrt: „Warum? Was haben sie getan?“
„Karagon ist ein dunkler Ort. Ich habe für diese Welt nur Böses vorausgesehen. Ein Gott wird kommen und dich stürzen, Luceija.“
Luceija. Die Göttin von Karagon. Die einzige Göttin auf ganz Schicksal, die ganz allein eine Welt führt. Zugegeben, Karagon ist klein und die Einwohner taugen nur minimal, trotzdem kann ihr das keiner so leicht nachmachen. Die anderen Götter respektieren sie.
„Nein!“, rufe ich zu meiner eigenen Überraschung. Luceija und die weiße Frau sehen mich erschrocken an. „Was will der denn hier?“, fragt die weiße Frau, für einen Augenblick verliert sie ihre erhabene Unerreichbarkeit.
„Ihr könnt diese Welt nicht untergehen lassen!“, rufe ich. „Wie genau lautet die Vision?“
„Jemand wird Luceija stürzen. Sie wird zu schwach sein. Ein anderer Gott wird Karagon einnehmen, verstümmeln und herrschen, wie ein Diktator es tut“, sagt die weiße Frau ruhig, während Luceija versucht, die Fassung zu bewahren.
„Kann ich ihr helfen?“, schlage ich vor, ohne nachzudenken.
„Du?“, fragen beide im Chor, eine Stimme klingt amüsiert, die andere überrascht.
„Ja!“, sage ich zuversichtlich, „zusammen könnten wir diesen Gott aufhalten!“
Luceija nickt begeistert. Ich bin mir nicht sicher, ob sie es auch wirklich ist – sie hat ja keine andere Wahl. Wenn Karagon untergehen würde, würde sie ebenfalls verschwinden. Ein Gott, an den niemand glaubt, kann nicht existieren.
Die weiße Frau lächelt ein eigenartiges Lächeln. „Dann viel Erfolg.“
Haltungslos vor Glück sehen Luceija und ich einander an.

Die drei übrigen Equal-Durchschneiderinnen versprachen, auch ohne mich weiterhin gute Arbeit zu leisten und wünschten mir viel Erfolg, woraufhin ich sie verließ und gerade wieder in die karagonische Weltenhemisphäre trete. Ich bin zum ersten Mal in meinen unsterblichen Leben glücklich - endlich habe ich eine neue, interessante Aufgabe!
Ich setze mich zu Luceija an den Tisch. Eine Zeit lang schweigen wir und sehen den Menschen beim Feiern zu.
„Ist das ein Fest für dich?“, frage ich unvermittelt. In mir kribbelt es unaufhörlich, ich will fragen. Ich will wissen. Ich will herrschen. Etwas mit den Leuten da unten tun.
„Ja“, lacht Luceija, „dies ist mein Fest. Oder siehst du hier einen anderen Gott, der gehuldigt werden könnte?“
Da um uns herum nur das unendliche Nichts der Hemisphäre ist, schüttele ich grinsend den unmanifesten Kopf.
„Wie schaffst du es, eine Welt ganz alleine zu führen?“, will ich dann wissen.
Sie lacht. „Na, dir kann ich es ja sagen ...“
Eine flinke Bewegung folgt und Luceija hält mir einen runden, goldenen Gegenstand vor die unsichtbare Nase.
„Eine Uhr?“, frage ich. „Das ist doch zwecklos, hier gibt es doch keine Zeit?“
„Dies ist eine ganz besondere Uhr“, flüstert sie und schwenkt sie ein Mal vor meinem Gesicht hin und her, „Soll ich es dir beweisen?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, deutet sie auf einen sich übergebenden Mann auf dem Fest. Hinter ihm steht eine Frau, die ihn mit Schwung in sein Erbrochenes stößt und ihn anschreit. Dann zeigt Luceija auf ihre Uhr, dreht an einem der beiden Rädchen und drückt den kleinen Knopf dazwischen. Wieder verweist sie zum Fest – jener Mann, der sich eben übergeben hat, erbricht sich noch einmal, die Frau schubst ihn erneut und zetert herum. Fassungslos starre ich Luceija an: „Das ist ... eine wirklich besondere Uhr.“
„Nicht wahr? Sie dreht die Zeit um dich herum zurück. Ich sorge eigenhändig dafür, dass keiner mehr an dich glaubt, wenn du Jemandem davon erzählst.“ Mit diesen Worten steckt sie die Uhr in eine der tausend Schubladen des Tisches und deutet somit das Ende unserer diesbezüglichen Konversation an. Doch ich bin Feuer und Flamme. „Hättest du einschreiten können? Hättest du ... den Lauf der Geschichte verändern können?“
„Wie zum Beispiel?“, fragt sie und erfreut sich offenbar an meiner Neugier.
„Du hättest so weit zurückspulen können, dass er sich gar nicht erst betrunken hätte – natürlich hättest du ihm von Alkohol fernhalten müssen. Damit wäre der Streit anscheinend auch nicht zustande gekommen – sofern da kein Missverständnis vorliegt und der Mann keinen Magen-Darm-Virus hatte.“
„Einen was?“, fragt sie lachend.
„Einen Magen-Darm-Virus. Ich kenne viele Krankheiten.“
„Du bist komisch“, sagt Luceija übertrieben laut lachend und sieht mich anschließend fragend an. „Wie heißt du eigentlich?“
„Tod“, antworte ich verhalten, hebe die Hand und sage: „Sag nichts! Ich weiß, dass es der langweiligste Name aller Zeiten ist. Alle Götter tragen herrschaftlich klingende Namen – Trevores, Sylfania, Cranem … ich nicht. Die Götter gaben den vier Equal-Durchschneidern die Namen Atropos, Lachesis, Clotho und … nun, Tod. Drei der wohlklingenden Art, einer einsilbig und blass.“
„Also, ich finde ihn interessant“, sagt Luceija und lächelt schon wieder.

Auf Karagon verwehten die Jahre. Selten griffen wir ein und benutzten die Uhr, um an mehreren Orten gleichzeitig zu sein oder eine Handlung zu wiederholen, um sie zu verstehen. Erst im Regierungssitz, beim sterbenden Präsidenten, gefolgt von einem Aufziehen der Uhr, dann beim Sohn eines Bauernsohnes, der seine tote Katze beweinte, wieder Aufziehen, ab zu einem alten Hexer, der wahnsinnig wurde und Luceija stürzen wollte – wie auch immer er sich das vorstellte. So waren wir überall und benötigten keine weiteren Götter in unseren Hemisphäre. Weder die weiße Frau, noch der vorrausgesagte Gott besuchten uns. Wir waren vollkommen allein.
„Ich glaube, heute überlasse ich dir allein die Verantwortung“, sagt Luceija unvermittelt, über Karagon erstreckt sich ein perfekter blauer Himmel und wir beobachten gerade den Mondaufgang. Auf Karagon gibt es keine Sonne, stattdessen wechseln sich zwei Monde ab. Ich kenne die beiden Götter, die für jene Trabanten zuständig sind. Sie sitzen ständig im Götterpark und trinken kistenweise Met.
„Was? Verantwortung? Ich?“, stottere ich. Sie nickt schmunzelnd: „Du kannst das, Tod. Ich war schon ewig nicht mehr bei Arai und Nifer, ich werde die beiden mal besuchen gehen. Dauert nicht lange.“
Damit entschwindet sie aus der karagonischen Hemisphäre. Ich mache einen Freudensprung: Endlich kann ich richtig loslegen! Ich schließe die Augen und lande mitten im Getümmel des Marktplatzes der Hauptstadt. Ich sehe mich nach Arbeit um. Die Marktstraße dieser Kleinstadt ist in sanftes Laternenlicht getaucht, es herrscht reges Treiben.
Bevor ich nur einen Schritt tun kann, kommt ein Mädchen auf mich zu. Es ist sehr klein, hat zwei wippende, dunkelbraune Zöpfe, die mit zwei blassvioletten Schleifen zusammengebunden wurden. Das Mädchen hält einen Korb in der Hand und summt eine Melodie. Süß. So bezeichnet Luceija alle Mädchen, denen wir begegnen, aber dieses hier ist besonders niedlich. Rosa Bäckchen; große, neugierige Augen – und diese Zöpfe! Sie läuft durch meinen vollständig unsichtbaren Körper hindurch und steuert einen Stand für Gemüse an.
Plötzlich rutscht eine der vielen Holzkisten aus einem Regal und donnert auf die Auslage vor dem Mädchen. Der hölzerne Kasten mit dem Gemüse rutscht mit einem tödlichen Knarren vom Tisch und landet mit Schwung in der Magengrube des Kindes. Eine andere Kiste donnert hinterher und drückt sich in den kleinen Körper hinein. Die Menschen um mich herum schreien entsetzt auf. Keine Frage, das Kind ist nicht mehr zu retten.
Ich öffne die Augen und taste fiebrig nach der Schublade im Schreibtisch, greife nach der Uhr und spule mit zittrigen Bewegungen zurück.
„Tod, das hätte ich nicht von dir gedacht.“
Die weiße Frau schwebt vor mir und schenkt mir ein eiskaltes Lächeln. Ich erstarre. 'Die Uhr!', schießt es mir durch den Kopf. Sie darf die Uhr nicht sehen! Sonst ist Karagon verloren!
„Gib ihr den Gnadenstoß.“
„Wem?“, frage ich entsetzt, „dem Mädchen?“
„Neeein“, singt der Schemen hochnäsig. „Luceija! Du kannst und WIRST sie stürzen!“
„Das ... das kann ich nicht tun!“, presse ich vom Donner gerührt hervor.
„Gib mir die Uhr“, sagt die weiße Frau barsch.
„Auf keinen Fall!“, rufe ich und weiche zurück. „Was soll das Ganze? Ich verstehe das nicht! Warum soll ich Luceija stürzen!?“
„Erstens: Sie hat damals nicht gehört, als ich sie vor dir gewarnt habe.“
„Du hast sie nicht vor mir gewarnt, sondern vor jemandem, der Unheil über Karagon bringen wird!“
„Ist das nicht dasselbe?“
Ich erstarre und umklammere die Uhr so fest, als wäre sie das letzte Wesen, das noch an mich glaubt.
„Und Zweitens“, fährt die weiße Frau fort, „treffen alle Vermutungen einer weißen Frau ein – irgendwann. Egal, wie. Du musst sie stürzen. Andernfalls werde ich dafür sorgen, dass...“
„Wie?“, frage ich finster. „Wie kann ich sie stürzen!?“
Ein selbstgefälliges Grinsen erscheint auf dem Gesicht der weißen Frau, ihr Finger deutet auf die Uhr. „Damit. Du wirst die Zeit bis zu jenem Tag zurückdrehen, an dem Luceija ihre kleine Welt erschuf. Und sie aufhalten.“
„Das ... das würde Karagon zerstören!“
„Wusstest du, dass es Götter gibt, die das zwanghafte Bedürfnis haben, das Offensichtliche auch noch in Worte zu fassen?“
„Ich tue es erst, wenn ich weiß, warum“, beschließe ich nach einer kurzen Pause, um ein wenig Zeit zu gewinnen. Wenn sie sich ein wenig in Rage geredet hat, könnte ich ja an der Uhr drehen, um vor unserem Gespräch zu landen...
„Das hast du eben bereits versucht“, sagt die weiße Frau kühl und deutet auf die Uhr. „Du weißt doch, in der Götterwelt gibt es keine Zeit. Du kannst dich danach nicht erinnern, an die Funktion von diesem kleinen, süßen Ding – denn diese Uhr gehört nicht dir. All deine Pläne scheitern. Wir spielen das hier bereits zum vierten Mal durch, und ich habe darauf keine Lust mehr darauf. Du hast gar keine andere Wahl.“
Unten auf Karagon, wo eben noch ein sternenklarer Himmel war, ziehen die ersten Wolken auf. Die weiße Frau hält auf einmal eine braune Kutte in den milchig weißen Händen und wirft sie zu mir herüber.
„Zieh das an!“, donnert sie und verliert ihre sanfte, aber dennoch bedrohliche Stimme. „In der Innentasche ist ein Zettel. Du darfst ihn öffnen, wenn du die Zeit weit genug zurückgedreht hast. Ich werde in der Vergangenheit auf dich warten.“
Ohne weiteren Protest streife ich die Kutte über und frage mit belegter Stimme: „Wie weit muss ich denn drehen?“
„Achthundert Millionen Jahre. Keine Angst, damals hast du schon gelebt. Es wird zu keiner Anomalie kommen.“
„Dann bin ich ja beruhigt“, seufze ich und legte Hand an eines der Rädchen.
„Man sieht sich, Tod!“, lacht die weiße Frau, als Karagon immer grauer und grauer und grauer wird. Ich kann nicht aufhören, zu drehen. Aus irgendeinem Grund freue ich mich sogar. Ohne Luceija. Und ich bin neugierig. Auf den Zettel im Innern der Kutte.
Ich habe eigentlich erwartet, dass ich den Zerfall von Karagon beobachten würde – stattdessen wird es für wenige Augenblicke strahlend weiß um mich herum. Natürlich – es gab die karagonische Hemisphäre noch gar nicht, vor achthundert Millionen Jahren.

Ich stehe im Götterpark. Und nun? Was soll ich hier? Ein Blick rundherum zeigt mir den Götterpark, wie ich ihn kenne, voll mit geschwätzigen Göttern. Aber irgendwie wirkt er anders … oh, da! Zwischen den Göttern entdecke ich einen weißen Schemenin einem Rüschenkleid – ist das etwa eine weiße Frau? Ich habe noch nie eine gesehen! Dabei dachte ich, die anderen Götter würden sich die weißen Frauen nur einbilden, wenn sie sich allmählich in ihrer Routine verfingen. Die weiße Frau – mittlerweile haben auch einige andere Götter sie bemerkt und beobachten sie aus sicherer Entfernung – starrt mich an, hebt eine ihrer feinen Hände und klopft sich kurz an eine Stelle unter ihrem rechten Schlüsselbein. Dann zeigt sie mit eben jener Hand auf mich, also ahme ich ihr Klopfen nach … da ist etwas. Ich taste danach und greife durch den Kragen der Kutte in eine Innentasche, in der anscheinend ein Zettel verborgen ist. Mühsam hole ich ihn hervor und entfalte ihn.

Herzlichen Glückwunsch, Tod,
du bist nun kein Gott mehr. Du bist eine Anomalie. Karagon wird untergehen – in unserer Zeit. Du kannst nicht verhindern, dass Luceija diese Welt formt, denn dazu ist sie zu mächtig. Jedoch hast du nun die Uhr – darum wird sie nicht alles ohne Hilfe schaffen. Irgendwann wird auf Karagon die Zeit für immer stehen bleiben. Du wirst es in fünfundsechzig Millionen Jahren selbst erleben. Du, Tod, warst lediglich ein Mittel, um die Uhr zu entsorgen. Bitte sei nicht enttäuscht oder wütend deswegen. Du bekommst auch eine zweite Aufgabe. Das Ich meiner Vergangenheit wird dir nach dem Lesen dieser Nachricht eine Sense geben. Auf dem Planten ‚Erde’ gibt es sehr große Reptilien, bitte töte sie alle. Sie waren ein nicht gerade gelungener Prototyp für unser neustes Werk, den Menschen. Auch sie darfst du umbringen, wenn es an der Zeit ist. Wie es dir beliebt. Ein Riesenspaß, oder? Du hast dir doch immer gewünscht, zu herrschen, oder etwa nicht?
Du bist nun Herrscher über acht Welten. Dir gehört die vom Rest getrennte Unterseite des Götterplaneten Schicksal, die weißen Frauen haben diesen Ort einst bewohnt, darum werden dort keine anderen Götter sein. Mach mit diesem Ort, was du willst. Sammle die niederträchtigen Equalgefäße (in unserer Zeit benutzen wir das Modewort ‚Seelen’) und lass sie bereuen, was sie getan haben. Geh angeln. Mach eine Bäckerei auf. Tu dort, was du willst. Aber vergiss eines nicht: Die goldene Uhr darf nie mehr in die Hände von Luceija geraten. Wir weißen Frauen haben unsere Gründe. Wir werden dich beobachten. Wenn du das alles befolgst, wirst du vielleicht eines Tages über ganz Karagon herrschen, als Lohn für deine harte Arbeit.
Aber das hat noch Zeit.


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Tag der Veröffentlichung: 18.01.2012

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