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Das Leben meiner tristen Männern

Es fängt mit dem Ende an.

Sein oder nicht sein? Ich habe mich für sein entschieden. Ich will lachen, Fehler machen, aufwachen und fliegen, ich will alles umarmen und loslassen, lieben und Schmerz empfinden.

Und wieder lachen. Er hat sich für nicht sein entschieden.

Es regnet und die heiße Sommerluft riecht nach verbranntem Plastik, die Bäume kriechen mit geschwollenen Adern auf den grauen Himmel. Sein sein, oder nicht sein? Sein Fieber, sein Atem, sein Leben, sein Gleichgewicht, sein Elixir, sein Tod.

Er hat den Rücken gedreht und mein Herz steht seitdem im Stillstand. Der Grass hat blaue Flecken und der Himmel scheint bald von den rheumatischen Bäumen zerfressen zu sein.
Ich blicke nach vorn, durch den dicken Nebel dieses Morgens an dem er nicht mehr da ist.

Meine Wohnung in dem Haus mit Türmchen sieht von weit aus wie ein Zwerg mit roter Mütze, von meinen Augen fliesst ein warmer Regen mit rötlichen Tropfen, die Bäume stehen mir quer in dem Weg. Ich höre langsam den Schrei des Neugeborenen meiner Nachbarn von unten.

Meine Tränen ziehen sich die harschen Klängen ein und fallen pathetisch in den Strassenkanal.
Ich bin 33, 1,65 m groß, zierlich, und lebenslustig. Mein Gesicht wird vielleicht in acht, vielleicht in fünf, vielleicht in zwei Jahren anders aussehen.

Denn ich bin Frau. Meine Brüste werden irgendwann hängen, meine Beine werden Orangenhautmuster auftragen, mein Sex wird austrocknen. Oder auch nicht. Die Uhr schlägt sieben mit harten unmittelbaren Stößen.

Ich habe ihn geliebt. Ich versuche mich zu erinnern wie das war, als ich dieses Gefühl spürte, zwischen meinen Brüsten stach es raus, zum Licht, wie ein Knospel aus seinem jungfräulichen Kapsel. Meine Oberschenkel schwebten zusammen über die Welt, wie zwei Federn die all die sonstigen Objekte nur noch streicheln wollten.

Und der Regen hatte den Geschmack von Lebenselixir, besprüht mit ewigen Partikeln und Engelstaub.
Es ist Spätsommer und ich kehre nach Hause aus einer Reise in der ich alle Karten mal wieder verspielt und verloren habe. Vor der Haustür lauern die Engelglöckchen, die neue Plantenaquisition meines Vermieters, des Deutschen mit polnischen Migrationshintergrund, der für ein winziges Wandloch 1100 Euro von meiner Umzugsfirma kassieren möchte.

Sein oder nicht sein? Sein Geschmack, sein Geruch, sein Igelhaar und sein Lachen. Hiermit ich, 33, sein Teufelsweib, sein Traum und sein Fluch, sein Verdammnis und sein Engel, in vollständiger geistlicher Kapazität verurteile alle, die an Engelstaub stolpern.
Alle, die Glockenläuten ignorieren, alle die zutiefst schlafen und dabei schnarchen ohne etwas gesagt zu haben. Alle, die mir auf den Stilettos gepinkelt und die Rosen am Rande des Weges nie gemerkt haben.

Ich verabscheue zutiefst alle die an diesem Morgen, wie an allen anderen, ihren Blick von dem Busflur nicht bewegt haben, die ihren Früstück nur aus Hunger aßen. Die an ihre Nachsträume sich nicht mehr erinnern und sich auch keine ausdenken können.

Alle die sich an ihren Ehen aus Pflichtgefühl erhängen, während das Kriegsfeld verwüstet ist und unaustehlich nach Leichen und Ammoniak stinkt.
Alle die dem Geld zuhören und seinen Vortrag verstehen. Alle die im Bolidentempo wandern ohne eine Blume je gepflückt zu haben.

Ich setze meine Ohrstöpsel rein.

Unsere Lippen ertranken ineinander, unsere Körpern hatten sich über den Himmel verknüpft, und den Klatch und Tratsch der Engeln erhört. Unsere Füße und Hände hatten sich berührt bis sie zusammengewachsen waren und die Morgen hatten nach Wasserlilie in dem Rapunzeltürmchen mit roter Mütze geduftet. Wir sind somit in der längsten Umarmung der Welt aufgestanden, schwebend über die Hügelstadt, über die Kamellenwelt, über die rote Grütze der Sonne und quer wie die Brautpaare von Chagall.

Er hieß Swen und für den Augenblick an dem die Engeln ihren Kaffee getrunken haben, habe ich ihn geliebt.

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Tag der Veröffentlichung: 07.02.2011

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