Cover

Copyright

Anleitung 2.0 - Entwicklung und Gestaltung von interaktiven, textarmen Anleitungen durch Visualisierungen

 

Mustafa Acar

 

© 2017 Mustafa Acar

 

Alle Rechte vorbehalten.

 

sketchspeare@gmail.com

 

Dieses E-Book, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt und darf ohne Zustimmung des Autors nicht vervielfältigt, wieder verkauft oder weitergegeben werden. 

 

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde bei Gruppenbezeichnungen auf die weibliche Form verzichtet. Hier wird dem grammatikalischen Gebrauch gefolgt und es soll keinerlei Diskriminierung oder geschlechterspezifische Unterscheidung zum Ausdruck gebracht werden.

Vorwort

In meiner Tätigkeit als Technischer Redakteur konnte ich beobachten, dass viele Anleitungen mit Text überfüllt sind, Visualisierungen viele unnötige bzw. falsche Informationen beinhalten, welche zu Missverständnissen führen und die Verständlichkeit der Dokumentation für den Kunden erschweren.

Meistens werden diese Visualisierungen auch in andere Sprachen übersetzt, wobei sich die Unverständlichkeit, je nach Land und Kultur, sogar verstärkt.

Ganz ohne Text kommt man nicht aus, aber viele Texte können durch andere Formen von Visualisierungen, z.B. Animationen, ersetzt werden und die o.g. Nachteile beseitigen sowie auf längere Zeit Kosten (Übersetzungskosten, Druckkosten etc.) senken.
Daher habe ich das Interesse, diesen Sachverhalt in diesem eBook näher zu beleuchten und zu zeigen, dass die Zukunft der Technischen Dokumentation im Einsatz von interaktiven, textarmen Visualisierungen liegt.

Denn wer weiß, wie Bilder im Kopf verarbeitet werden, kann viele sinnvolle Entscheidungen zur Gestaltung treffen. Der eigentliche Leser von Anleitungen ist das menschliche Gehirn. Beim menschlichen Gehirn handelt es sich um das zentrale Organ der Informationsverarbeitung. Die Wahrnehmung des Menschen ist die Grundlage für die Gestaltung von Anleitungen, Visualisierungen, Beschreibungen.

Die ideale Form, komplexe Informationen unmissverständlich zu übermitteln, ist deren Visualisierung. Die Aufgabe eines technischen Redakteurs besteht darin, technische Informationen verständlich zu vermitteln, d.h. sie der Zielgruppe entsprechend zusammenzustellen sowie aufzubereiten (vgl. Schober 2012). Unabhängig von der Art und dem Inhalt, ist die Verständlichkeit bei der Veranschaulichung einer Information am wichtigsten.
Das Ergebnis ist, dass der Einsatz von interaktiven, textarmen Visualisierungen die Verständlichkeit von Anleitungen verbessert. Je nach Komplexität der in den Anleitungen beschriebenen Produkte, wenn nicht sogar erst ermöglicht, z.B. mithilfe von 3D-Animationen.

 

„Wer schnellen und bleibenden Eindruck machen will, bedient sich der Bilder“ - Otto Neurath

Einleitung

Unternehmen entwickeln und produzieren nicht mehr nur für den heimischen, sondern für den Weltmarkt. Daher muss ebenso die Technische Dokumentation jeden Kunden auf der Welt erreichen, egal, welche Sprache er spricht. Doch die Übersetzung in alle Weltsprachen stellt große Anforderungen an Logistik, Zeit und Kosten.

Warum also nicht ein Kommunikationsmittel nutzen, das nicht übersetzt werden muss?

 

Technische Redakteure und Grafiker schreiben Anleitungen, die nicht nur von einer Person, sondern von vielen Personen aus verschiedenen Zielgruppen verstanden werden müssen.

Die Bedeutung der Technischen Dokumentation, im Zeitalter zunehmend komplexer werdender Technik, wächst deshalb stetig.

Technische Dokumentation muss folgende Anforderungen erfüllen, um v.a. gesetzeskonform zu sein:

 

  • Sichere und gefahrlose Benutzung des Produktes
  • Vollständigkeit
  • Fehlerfreiheit
  • Verständlichkeit

 

Durch schlechte Qualität in technischen Dokumentationen entstehen jährlich Kosten für unnötige Reparaturen, Ersatzteile und zusätzliche Arbeitsaufwände sowie Ausfallzeiten.
Die Folgen unverständlicher Anleitungen können sogar zu schweren gesundheitlichen Schäden bis hin zu Todesfällen führen.

Bei der herkömmlichen Erstellung von Technischen Dokumentationen werden Informationen durch Text sowie mit wenigen Bildern wiedergegeben. Diese Bilder sind entweder eindimensional oder mit Text überfüllt. Aufgrund der fehlenden Ansichten und Perspektiven können oftmals nicht alle Details dargestellt bzw. nicht abgelesen werden. Die fehlenden Perspektiven in den Abbildungen müssen durch einen ausführlichen Text ausgeglichen werden. Dies kann, je nach Leser, zu unterschiedlichen Interpretationen führen.

Durch die Weiterentwicklung der Technik stehen seit Neuestem Werkzeuge zur Verfügung, die es dem Technischen Redakteur ermöglichen, die bisherigen Probleme bei der Wahrnehmung von Informationen in der Technischen Dokumentation zu verringern. So wird es möglich, z.B. ganze Abläufe interaktiv, als 3D-Animation, darzustellen.

Der Einsatz interaktiver Animationen wird von Ballstaedt folgendermaßen befürwortet:

 

„Interaktive Bilder laden zum aktiven Umgang ein und fördern damit die visuelle Verarbeitung. […] Interaktivität ist damit ein Mittel, um die Verstehenstiefe bei Bildern zu steigern.“ (Ballstaedt 2006: 40f)

 

Dass ein Bild mehr als tausend Worte sagt, trifft besonders auf die Vermittlung technischer    Informationen zu. Neben der korrekten Darstellung von Geräten und Anlagen ist die didaktisch sinnvolle Visualisierung von Funktionen und Handlungsschritten ein unverzichtbares Mittel für die technische Dokumentation. (Vgl. semcon 2013)

In diesem eBook sollen explizit die Bedeutung sowie die Verbesserung der Verständlichkeit von Anleitungen mithilfe von spracharmen Visualisierungen behandelt werden. Im Speziellen soll folgender Sachverhalt analysiert werden:

„Können interaktive, textarme Anleitungen die Verständlichkeit erhöhen?

Diese Frage soll beantwortet werden, indem der Grad der Informationsübermittlung von Text-Dokumentation im Gegensatz zu textlosen Visualisierungen untersucht wird.

Ausganssituation

Technische Kommunikation ist nicht nur sprachliche, sondern auch visuelle, nicht sprachliche Kommunikation. 

Visualisierungen können in verschiedenen Formen auftauchen, diese können Bilder, Diagramme, Grafiken, Illustrationen, Strichzeichnungen, 3D-Animationen etc. sein.
Visualisierungen haben eine bestimmte Aufgabe und stellen unterschiedliche Anforderungen an den Leser, Betrachter und Anwender.

Mit Visualisierungen will man in der Technischen Dokumentation Geräte, Anlagen und v.a. Handlungsabläufe bildlich veranschaulichen bzw. verständlicher darstellen. Visualisierungen  optimieren die Darstellung und Übermittlung der ursprünglichen Nachricht.

Konkret:
Visualisierungen fördern das Verständnis beim Leser, insbesondere in Bezug auf Handlungsanweisungen.

Insgesamt wird die Verständlichkeit der Technischen Dokumentation erhöht, Rückfragen werden verringert, die sichere und gefahrlose Benutzung des Produktes erleichtert. Der Gebrauch von Visualisierungen gewährleistet eine höhere Kundenzufriedenheit.

Um diese Verbesserungen zu erreichen, muss man Folgendes wissen:

 

  • Was ist darzustellen?
  • Welcher Zweck soll mit einem Bild erfüllt werden?
  • Wie wird etwas dargestellt?
  • Wie werden Visualisierungen wahrgenommen?
  • Welche Sinnesorgane werden angesprochen?
  • W ie funktioniert bzw. verarbeitet das Gehirn die wahrgenommenen Informationen?


Das sind viele Fragen, die ein Redakteur beantworten muss. Denn wer weiß, wie Bilder im Kopf verarbeitet werden, kann viele sinnvolle Entscheidungen zur Gestaltung treffen.
Diese Fragen führen mich zum Ziel meiner Thesis: nämlich dem Einsatz von interaktiven, textarmen Anleitungen in der Technischen Dokumentation.

Zielsetzung

Ich erwarte als Ergebnis meines eBooks, dass der Einsatz von interaktiven, textarmen Visualisierungen die Verständlichkeit von Anleitungen verbessert. Je nach Komplexität der in den Anleitungen beschriebenen Produkte, wenn nicht sogar erst ermöglicht, z.B. mithilfe von 3D-Animationen.

Das eBook soll als Nachschlagewerk dienen bzw. eine Hilfestellung (Vorstufe für einen Leitfaden) sein.

 

Zielgruppe

Die vorliegende Bachelorarbeit richtet sich hauptsächlich an Technische Redakteure sowie Grafiker und Konstrukteure.

Konzeptioneller Hintergrund

Kommunikation ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen.

Information selbst ist in diesem Zusammenhang eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnis, oder Erfahrung. Kommunikationsformen dienen der Übermittlung von Nachrichten (Informationen) auf elektronischen körperlosen Wegen. 

Die Auswahl der Kommunikationsformen wird durch die Nachrichtenquelle bestimmt, die das jeweilige Signal erzeugt.

 

Die folgende Abbildung zeigt die verschiedenen Formen der Kommunikation.

 

 

Nachrichtenquellen sind:

  • Stimme
  • Mimik/Gestik
  • Schrift
  • Bilder

Informationsvermittlung

Information wird mittels einer visuellen Sprache (Zeichen/Symbole) enkodiert. 

Die verschlüsselte Botschaft wird in einem Medium über einem Kanal dem Empfänger verfügbar gemacht. Der Empfänger hat die Möglichkeit – sofern er Regeln bzw. Code der Botschaft sowie die Modalitäten des Mediums kennt –, die Information zu lesen, zu dekodieren und zu verstehen. (Vgl. Tewes, 2012)

 

„Bei der Kommunikation zwischen Menschen sind Mitteilungen Ausdruck menschlicher Intentionen, Informationen, Wünsche, Aufforderungen usw., die im gewählten Medium formuliert werden. Menschliches Verständnis versucht, aus den Formulierungen, die sie mehr oder weniger genau ausdrücken, die zugrundeliegenden Intentionen, das Gemeinte zu erschließen.“ (Zoeppritz, 1988)

 

Ein Autor hat z.B. etwas zu berichten – die „beabsichtigte Botschaft“. Der Autor holt sich bei der Gestaltung der beabsichtigten Botschaft Hilfe beim Informationsdesigner. Dabei erzeugt der Informationsdesigner die „verstandene Botschaft“ und im Anschluss daran eine Anzahl von Skizzen.
Mit der Zeit werden sich der Autor und Designer hinsichtlich der „vorläufigen Botschaft“ einig. Das fertige Original beinhaltet die „designte Botschaft“. Nach der Produktion wird die „mediatisierte Botschaft“ distribuiert. Jeder Anwender der Information generiert eine eigene „Interpretation der Botschaft“. (siehe nächste Abbildung)

 

 

Biologische Informationsvermittlung

Der eigentliche Leser von Anleitungen ist das menschliche Gehirn. Beim menschlichen Gehirn handelt es sich um das zentrale Organ der Informationsverarbeitung. Die Wahrnehmung des Menschen ist die Grundlage für die Gestaltung von Anleitungen, Visualisierungen, Beschreibungen.

Um den Informationstransport in einer Grafik bewusst steuern zu können, sollte man einen kleinen Einblick in den Prozess der menschlichen Wahrnehmung sowie die Wege der Informationsverarbeitung im Gehirn riskieren.
Das menschliche Gehirn nimmt dabei in unterschiedlichen Regionen verschiedene Aufgaben wahr.

 

Linke Gehirnhälfte:

  • Logik
  • Rationalität
  • Analytik
  • Zahlen und Begriffe
  • Ordnung und Struktur
  • Lesen und Schreiben
  • Formulieren
  • Detailwahrnehmung

 

Rechte Gehirnhälfte:

  • Gefühle
  • Bilder
  • Assoziationen
  • Institution
  • kausales Denken
  • Kreativität
  • Mustererkennung
  • Farbwahrnehmung
  • ganzheitliches Denken

 

Im Folgenden fasse ich die wesentlichen Aufgaben des Gehirns zusammen. Aus diesen Aufgaben ergeben sich die Teilgebiete der biologischen Informationsverarbeitung (Vgl. Mallot 1997, 116-120).

 

Wahrnehmung:
Alle Sinnesmodalitäten (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Lage und Gleichgewicht) werden im Gehirn ausgewertet und integriert. Störungen dieser Sinne können durch Fehlfunktion des Gehirns auch bei völlig gesundem Sinnesorgan auftreten. Ein Beispiel hierfür ist die Amblyopie („Seelenblindheit“).

 

Sinnesorgane und Wahrnehmung (nach Weidenmann 2002):

 

Sinnesorgane Wahrnehmungsform Wahrnehmung durch Beispiel für ein Zeichen
Auge visuell/optisch Licht (elektromagnetische Strahlung)

Foto, Blitz

Ohr auditiv/akustisch Töne (Schallschwingungen) Wort, Melodie
Haut haptisch/taktil Berührung Kuss, Schlag
Nase olfaktorisch Düfte, Riechstoffe Parfüm,
frische Brötchen
Zunge lukullisch (schmecken) Nahrung Salz, Zucker, Pfeffer

 

Rezipienten können mit ihren Sinnesorganen mediale Angebote wahrnehmen. Diese Aufnahme wird auch als Sinnesmodalität bezeichnet.

Nach Weidenmann (2002) existieren folgende Differenzierungen bei den multimedialen Angeboten:

 

  • Multimedial seien Angebote, die auf unterschiedliche Speicher- und Präsentationstechnologien verteilt sind, aber integriert präsentiert werden. Es beschreibt die unterschiedlichen Informationsträger.
  • Multicodal seien Angebote, die unterschiedliche Symbolsysteme bzw. Codierungen aufweisen. Beschreibt die unterschiedlichen Codierungen bzw. Symbolsysteme, die zur Präsentation der zu vermittelnden Information Anwendung finden.
  • Multimodal seien Angebote, die unterschiedliche Sinnesmodalitäten bei den Nutzern ansprechen. Beschreibt die Ansprache unterschiedlicher Sinne.

 

Mediale Angebote werden in jeder der o.g Dimensionen charakterisiert.

 

Differenzierung medialer Angebote (nach Weidenmann 2002):

 

  Mono -  Multi - 
Medium Monomedial: Multimedial:
  Buch PC + CD-ROM-Player
  Videoanlage PC + Videorekorder
  PC und Bildschirm  
     
Codierung Monocodal: Multicodal:
  nur Text Text mit Bildern
  nur Bilder Grafik mit Beschriftung
  nur Zahlen  
     
Sinnesmodalität Monomodal: Multimodal:
  nur visuell (Text, Bilder) audiovisuell (Video, Computer Based Training CBT-Programme mit Ton)
  nur auditiv (Rede, Musik)  

 

Verhalten:
Mithilfe von Effektoren (Muskeln, Drüsen) kontrolliert das Gehirn das Verhalten des Organismus sowie sein inneres Milieu. Verhalten koppelt über die Umwelt auf die Sensorik zurück, sodass ein Regelkreis entsteht, in dem das Gehirn die Funktion eines Reglers übernimmt.
Für viele Wahrnehmungsexperimente ist es von großer Bedeutung, ob sie mit oder ohne diese Rückkopplung stattfinden.

 

Gedächtnis:
Man unterscheidet das Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis, das aktuell benötigte Informationen während der Verarbeitung bereithält, vom Langzeitgedächtnis. Dieses dient der Speicherung von Inhalten („Deklaratives Gedächtnis“, z.B. Gesichter), von Assoziationen („Assoziatives Gedächtnis“, Zuordnung Gesicht <> Namen) oder von Handlungsschritten (Geschicklichkeit; „Prozedurales Gedächtnis“).

 

Höhere Funktionen (Kognition, Motivation):
Unter dem Begriff der Kognition fasst man Leistungen zusammen, die interne Modelle oder Repräsentationen der Umwelt voraussetzen. Beispiele sind latentes Lernen (spielerisches, nicht zielgerichtetes Erlernen von Zusammenhängen, die später genutzt werden können) und Problemlösen (Vgl.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 08.01.2018
ISBN: 978-3-7438-4923-5

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /