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Aus dem Gleichgewicht

 Ich begegnete der Frau bei einem Spaziergang an der Isar.

Es war ein frühlingshafter Samstagnachmittag, und um der Einsamkeit meiner kleinen Stadtwohnung zu entfliehen, entschloss ich mich zu einer kleinen Wanderung entlang des Flussufers. Viele Jahre lang war das ein Ritual gewesen, das ich nur zu gerne mit ihr gepflegt hatte. Mit der Frau an meiner Seite. Damals, in einer anderen Zeit. Seit einigen Jahren war ich nun aber gezwungen, alleine spazieren zu gehen. Sicher hätte ich jemanden fragen können. Ich hatte Freunde und Arbeitskollegen, mit denen mich ein mehr oder weniger enges Verhältnis verband. Doch sie alle hatten Familie oder andere Verpflichtungen während des Wochenendes, so dass ich nie den Mut aufbrachte, geschweige denn den Drang verspürte, sie zu fragen ob sie mich begleiten.

 

Also spazierte ich alleine von Schwabing aus durch den Englischen Garten. Die Luft war frisch und rein, sie hatte noch nicht die schneidende Schwüle des Hochsommers. Am Chinesischen Turm drängten sich trotz der frühen Uhrzeit bereits die Touristen. Ich ging am Biergarten vorbei weiter in Richtung des Isarufers. Über die Max-Joseph-Brücke schlenderte ich auf die andere Seite des Flusses, wo ich einen schönen Wanderpfad mit herrlichen Ausblicken auf das Wasser wusste.

 

Nördlich der Brücke lag direkt am Isarufer der Herzogpark, ein gehobenes Wohnviertel, in dem viel Prominenz aus Wirtschaft, Kultur und Sport residierte. In der Allee direkt am Fluss standen herrschaftliche Villen, umgeben von hohen Mauern und wuchtigen Eingangstoren. Es war wie eine eigene Welt. Wer hier wohnte, wollte seine Ruhe haben und legte nicht viel Wert auf Kontakt mit den Nachbarn. Ich verspürte keinen Sozialneid angesichts der großen, herrschaftlichen Häuser mitten in einer Stadt, in der Wohnraum ein knappes Gut war. Im Gegenteil, ich fand es interessant, diese Absonderung zu beobachten.

Ganz am Ende der Allee stand die frühere Villa Thomas Manns, davor waren entlang der Straße grüne Parkbänke mit Blick auf die Isar errichtet worden. Auf einer der Bänke sah ich sie sitzen.

 

Sie gefiel mir auf Anhieb. Eine ungewöhnliche Frau, das sah ich bereits beim ersten Anblick. Sie mochte etwa Mitte dreißig bis Anfang vierzig sein. Als Erstes musterte ich ihr Gesicht, das mich faszinierte, weil es so gar nicht dem klassischen Schönheitsideal entsprach und gleichzeitig doch Anmut und eine gewisse Sinnlichkeit ausstrahlte. Es fällt mir schwer, die passenden Worte dafür zu finden, doch ihr kräftiges Kinn, ihre dünnen und dezent geschminkten Lippen, die breiten Wangenknochen und die auffallend spitze Nase – all das fügte sich zu einem Gesamtbild zusammen, das mich fesselte. Die Frau war schlank, aber nicht dürr, im Gegensatz zu so vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen. Ihre Figur war eher kräftig und sie sah gesund aus. Sie trug einen Kurzhaarschnitt, was ihrem auf gewisse Weise harten und doch weichen Gesicht noch zusätzlich Kontur verlieh.

Die Unbekannte strahlte eine unaufdringliche, aber einnehmende Eleganz aus, auch was ihre Kleidung betraf. Einen dunklen, knielangen Rock kombinierte sie mit einer weißen Bluse, darüber trug sie einen dunkelblauen Blazer. Es war kein jugendliches Outfit, doch es wirkte trotzdem gleichermaßen modisch wie zeitlos. Fasziniert starrte ich auf ihre Schultern, die für eine Frau relativ breit waren. Zu breit? Nein, korrigierte ich mich, keineswegs zu breit, einfach nur kräftig und gesund. Das hier war ohne Zweifel eine Frau, eine, der die natürliche Weiblichkeit aus allen Poren drang.

Bei ihrem Anblick spürte ich die Sehnsucht nach einer Partnerin mit aller Macht wieder in mir aufsteigen. Das Leben alleine langweilte mich. Ich war auf kein Abenteuer mit einer sprunghaften und selbstverliebten Frau aus, ich wollte eine feste Bindung. Seit Jahren war ich gewissermaßen entwurzelt, trieb durch das Meer der großen Stadt, ohne Platz zum ankern, ohne Möglichkeit, an Land gespült zu werden. Dafür war ich nicht gemacht, ich war jemand, der Halt brauchte.

Mit einer unauffälligen, schnellen Geste wischte sie sich, während ich sie beobachtete, eine Haarsträhne aus der Stirn. Ich spürte, wie mein Herz zu klopfen begann.

 

Und doch zögerte ich zunächst. Es war wieder diese unsägliche Schüchternheit in mir. Die Angst, mit einem falschen oder unangebrachten Wort alles zu zerstören. Seit jeher hatte mich dieses Gefühl der Unvollkommenheit in romantischen Dingen behindert, schon immer war ich jemand gewesen, der sich schwer tat, mit Frauen ins Gespräch zu kommen. Auch die Beziehung zu meiner ersten Frau war eher aus dem Zufall heraus entstanden, obwohl ich natürlich nichts unversucht ließ, ihr zu gefallen. Sicher, wenn ich ein Ziel hatte, dann konnte ich durchaus beharrlich auf dieses hinarbeiten. Doch meine Schüchternheit hatte ich nie ganz ablegen können.

Bei dieser Frau setzte sich in mir allerdings etwas in Gang, das mir half, alle Schranken zu überwinden. Der Anblick dieser ungewöhnlichen, mir völlig unbekannten Person auf der Bank verwirrte mich zwar einerseits, löste jedoch zur selben Zeit in mir einen Elan aus, der mir ansonsten selten zu Eigen war. Ich spürte, dass ich meinen Spaziergang nicht einfach fortsetzen konnte, sondern dass ich sie ansprechen musste. Ob ich verliebt in sie war? Ja, mit Sicherheit. Mir war klar, dass ich es mir nicht verzeihen würde, wenn ich die Frau nicht angesprochen und wenigstens ihre Stimme gehört hätte. Egal, wie das Gespräch enden würde.

 

„Erlauben Sie, dass ich mich zu Ihnen setze?“, fragte ich und suchte den Blickkontakt mit ihr. Die Fremde war offenbar in Gedanken versunken gewesen, sie blickte abrupt und überrascht zu mir hoch, obwohl ich bereits einige Sekunden lang neben ihr gestanden hatte. Ihre Augen waren von einer seltsamen Entrücktheit, überhaupt umgab ihr gesamtes Gesicht eine Aura der Melancholie, als wäre sie es gewohnt, einsam hier zu sitzen und nachzudenken. Ohne mir meine Worte zurechtzulegen, nahm ich meinen Mut zusammen und fuhr fort.

„Ich sah Sie hier auf der Bank sitzen, und … wenn Sie mir die Bemerkung gestatten, fiel mir auf, dass Sie sehr schön sind. Bitte, erlauben Sie, dass ich mich neben Sie setze.“

Sofort schämte ich mich für meine Worte. Nun waren sie allerdings gefallen, und ich musste die Sache wenigstens zu Ende bringen. Schlimmer als das, was ich gesagt hatte, wäre nur gewesen, an dieser Stelle abzubrechen und mich für alles zu entschuldigen.

"Ich weiß, dass dies eine seltsame Frage ist, schließlich kennen wir uns überhaupt nicht. Und doch … würden Sie mit mir etwas trinken gehen? Ich meine natürlich nichts Alkoholisches, eher einen Kaffee …" Sie starrte mich weiter an, mit leicht geöffnetem Mund und überraschtem Blick, als hätte ich etwas in einer fremden Sprache gesagt. Ich spürte, dass ich mich mit meinem Vorpreschen unsagbar blamiert hatte. Doch noch ehe ich mich rechtfertigen und Sachverhalte zurücknehmen konnte, geschah etwas äußerst seltsames.

Die Frau sagte zwar nichts, sie schien mein Verhalten aber auch nicht unangebracht und mich nicht abstoßend zu finden. Ihr Gesichtsausdruck war keineswegs angewidert, vielmehr kam es mir vor, als würde sie fieberhaft überlegen, ja als würde die bloße Tatsache, dass ich etwas zu ihr gesagt hatte, eine panische Reaktion in ihrem Gehirn auslösen. Mehrfach ging ihr Mund auf und zu. Schließlich räusperte sie sich, schüttelte energisch den Kopf und deutete mit den Händen an, dass sie nicht sprechen könne.

„Oh, Verzeihung“, sagte ich. „Ich wusste nicht, dass Sie …“

Die Frau schüttelte erneut den Kopf und deutete mit der Faust ein Husten an. Sie war erkältet. „Ich verstehe. Bitte entschuldigen Sie meine Worte, die sehr forsch und unüberlegt waren. Ich wollte nicht …“

Doch erneut konnte ich den Satz nicht vollenden. Die Unbekannte stand auf und ging mit energischen, kraftvollen Schritten weg von der Bank, vom Fluss, in Richtung der von der Allee mit den prachtvollen Villen abzweigenden Nebenstraße. Nach einigen Metern blieb sie stehen, drehte sich um blickte mich an. Noch immer war ihrem Gesicht anzusehen, dass sie hektisch nach einer Lösung für ein mir unbekanntes Problem suchte und dass viele verschiedene Gedanken in ihr arbeiteten.

„Es tut mir leid“, rief ich ihr hinterher, als sie ihren Blick von mir löste und weiterging. An der Ecke blieb sie noch einmal stehen und sah mich an. Wollte sie, dass ich ihr folgte? Langsam und ohne Hast ging ich auf die Nebenstraße zu. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, als würde ich ihr nachstellen. Als ich die Ecke erreichte, sah ich die Frau in eines der ersten Häuser auf der linken Seite verschwinden, ein gepflegtes und eindrucksvolles, aber vergleichsweise wenig protziges Anwesen, das von einer dichten Hecke umgeben war. Die Frau war weg, aber sie hatte offensichtlich gewollt, dass ich sah, in welchem Haus sie wohnte. Auf dem Klingelschild vor dem hohen Gartentor las ich „Wernthaler“.

 

Einige Minuten lang stand ich unschlüssig vor dem Haus mit der dichten Hecke. Ich konnte nicht einfach klingeln, das wäre eindeutig zu forsch gewesen. Die Sorge, dass die Fremde gerade von ihrem Haus aus die Polizei rief, ja dass sie mich in eine perfide Falle gelockt hatte, trieb mich um. Doch gleichzeitig erschien mir ein solches Verhalten bei ihr undenkbar. Wieso eigentlich? Ich kannte sie doch gar nicht.

In höchstem Maße durch das Verhalten der schönen, fremden Frau verwirrte, wusste ich nicht, was ich unternehmen sollte. Ich wusste noch nicht einmal, was es genau war, das mich an dieser Frau so faszinierte. Auf eine seltsame Weise schien sie jedoch etwas ähnliches mir gegenüber zu empfinden. Gibt es das Erkennen zweier verwandter Seelen auf den ersten Blick? Ich war alles andere als ein Romantiker, der solchen Vorstellungen nachhing, dennoch redete ich mir ein, dass da irgend etwas zwischen sein musste. Plötzlich bemerkte ich, dass die Frau am Fenster im ersten Stock stand und mich musterte. Es vergingen einige Sekunden, in der ich ihrem prüfenden Blick standhielt. Schließlich bedeutete mir die Frau mit einer Geste, ich solle warten. Nach kurzer Zeit kehrte sie zurück und hielt von innen einen handgeschriebenen Zettel an das geschlossene Fenster: „Morgen 14 Uhr hier?“. Ich las die Nachricht einmal, noch einmal. Es kam mir unwirklich vor, dass all das wirklich geschah. Ich blickte zu der Frau in der weißen Bluse und zeigte ihr meinen hochgereckten Daumen. Sie nickte nur, lächelte nicht, machte keine weiteren Gesten, sondern verschwand ins Zimmer.

Am nächsten Tag stand ich wieder vor dem Haus.

Die seltsame Begegnung vom Vortag hatte ich mich den ganzen Tag über beschäftigt, bis in den Schlaf hinein. Die stumme Fremde, die Frau Wernthaler heißen konnte oder auch nicht, tauchte in meinem Traum auf. Sie rief etwas, sie schrie, doch ihre Stimme war nicht zu hören. Ihr Mund ging auf, doch es kam kein Ton heraus. Ich träumte, dass wir im Garten hinter der dichten Hecke saßen, dass kleine Kinder dort spielten. Unsere Kinder? Plötzlich stand die Fremde vor mir, ganz nah, ihr Gesicht war zu einer Fratze verzerrt. Sie schien mit sich selbst zu ringen, eine panische Angst trieb sie um, ich sah es genau. Dann packte sie mich mit einem festen Griff an den Schultern und schüttelte mich. Ich wachte schweißgebadet auf.

Was war das Geheimnis dieser Frau? Sie schien mir etwas mitteilen zu wollen, und genau das machte mich stutzig. Warum vertraute sie mir, obwohl wir uns nicht kannten? Ich wusste, dass ich nicht der Typ Mann war, der wildfremden Frauen beim ersten Treffen den „Kopf verdrehte“, wie es heißt. Ich war nicht mehr ganz jung, hatte die Vierzig schon vor Jahren überschritten. Der dichte Haarwuchs meiner Studentenzeit hatte sich schon lange verflüchtigt, meine einstmals sportliche Figur hatte ich schon viel zu lange vernachlässigt, und in meinem Gesicht hatten die Kämpfe, die ich an verschiedenen Fronten durchzustehen gehabt hatte, tiefe Furchen hinterlassen. Ich wusste, dass ich die Blüte meiner Männlichkeit bereits hinter mir hatte, dass es kaum Gründe gab, warum Frauen sich auf Anhieb in mich verlieben sollten. Und trotzdem stand ich hier, vor ihrem Haus. Weil sie es so gewollt hatte.

Ungeduldig blickte ich immer wieder auf meine Armbanduhr. Als die vereinbarte Stunde endlich erreicht war (eine Kirchturmuhr in der Nähe signalisierte mir, dass meine Uhr richtig ging), öffnete ich das Gartentor und ging zur Haustür. Zu meiner Überraschung sah ich vor der Tür einen Briefumschlag liegen. „An den unbekannten Herrn“, stand außen auf dem Umschlag, der sich als sehr schwer erwies. Ich öffnete ihn und zog mehrere handgeschriebene Briefbögen heraus. Ich zählte zwölf eng beschriebene Seiten. Die Schrift war klein und filigran, sie stammte von einer geübten Schreiberin. Es war keine typische Frauenhandschrift, doch sie war angenehm zu lesen. Es musste die Schrift der mysteriösen Frau sein.

Unschlüssig stand ich vor der Tür. Offensichtlich sollte ich erst den Brief lesen, bevor ich irgendetwas anderes machte. Ich verließ den Garten wieder durch das Tor und ging hinunter zur Isar, wo ich die Frau am Vortag das erste Mal gesehen hatte. Ich setzte mich auf die selbe Bank, auf der sie gestern gesessen hatte, und begann zu lesen.

 

„Sehr geehrter unbekannter Herr,

ich weiß, Sie wundern sich vermutlich über den Brief, den Sie nun in der Hand halten und lesen. Heutzutage schreibt fast niemand mehr Briefe, und wenn, dann handelt es sich um Amtsbescheide oder förmliche Einladungen. Der Sachverhalt, den ich Ihnen hier erklären will, lässt sich aber auf keine andere Weise darlegen. Ich kann es Ihnen nicht von Angesicht zu Angesicht sagen, aus Gründen, die ich im Folgenden darlegen will.

Wahrscheinlich glauben Sie, ich schreibe Ihnen nun, dass Sie mich künftig in Ruhe lassen sollen und dass ich die Polizei rufe, wenn Sie sich mir noch einmal nähern. Doch das ist ganz und gar nicht meine Absicht. Im Gegenteil, Sie dürfen sicher sein, dass mir Ihre gestrigen Komplimente zu meinem Aussehen sehr geschmeichelt haben. Ich muss Ihnen nur leider trotzdem mitteilen, dass Sie sich keine Hoffnungen machen dürfen, und ich will Ihnen im Folgenden auch erklären, wieso. Die Gründe dafür sind vielschichtig und alles andere als einfach zu verstehen. Genauer gesagt sind sie gesellschaftlich völlig inakzeptabel. Sie sind der erste Mensch außerhalb eines sehr engen Kreises, dem ich meine Geschichte erzähle, und ich tue dies nur, weil ich gestern auf Anhieb Vertrauen zu Ihnen gefasst habe. Fragen Sie mich nicht, wieso – ich kann es selbst nicht erklären, aber Sie scheinen ein guter Mensch zu sein.

Ich bitte Sie nur, dass Sie diesen Brief bis zum Ende durchlesen, und falls Sie es nicht schaffen, ihn ganz zu lesen, weil Ihnen der Inhalt zu unglaublich oder grotesk vorkommt, so bitte ich Sie trotzdem eindringlich um einen Gefallen: Bitte erzählen Sie niemandem von mir. Ich lebe abgeschottet von der Öffentlichkeit und verlasse nur selten das Haus. Es ist besser für mich, wenn sich daran nichts ändert. Mein Leben ist ohnehin entbehrungsreich genug, doch wenn mein „Fall“ Bekanntheit erlangte, wäre es komplett zerstört.

Das alles klingt nun vermutlich reichlich verwirrend für Sie. Sie wissen ja noch gar nicht, was es mit meiner Person auf sich hat. Erlauben Sie mir also zunächst, dass ich Ihnen meinen familiären Hintergrund schildere und eine Kurzfassung meiner Lebensgeschichte erzähle, denn ohne diese Informationen wird das, was ich Ihnen sagen will, kaum zu begreifen sein.

 

Ich stamme aus einer alteingesessenen und wohlhabenden Münchner Familie. Meine Mutter war Klara Reithofer, ein Name, der Ihnen vielleicht geläufig ist. Sie galt zu Beginn der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts als eine der schönsten Frauen unseres Landes, gewann zahlreiche Wettbewerbe und spielte auch in vielen der damals so populären Heimatfilme und Komödien mit. 'Clara Capriccio' nannte man sie auch, und sie stand sinnbildlich für das 'Dolce vita', das süße und wilde Leben der sechziger Jahre. Die Männer waren verrückt nach ihr, darunter auch viele angesehene und einflussreiche Größen der Münchner Gesellschaft. Meine Mutter hatte gewissermaßen die freie Wahl, und sie verliebte sich schließlich in Peter Wernthaler, einen angesehenen Kaufmann, dessen Familie seit vielen Generationen erfolgreich mehrere Weingeschäfte in der Innenstadt unterhält. Meine Eltern lernten sich auf einem Faschingsball kennen, und obwohl meine Mutter auch Angebote von noch bekannteren und illustreren Männern erhielt, entschied sie sich sofort für meinen späteren Vater.

Mama und Papa heirateten bereits ein knappes Jahr, nachdem sie sich kennen gelernt hatten, Anfang der siebziger Jahre. Meine Eltern zogen in ein Haus im Herzogpark, nämlich jenes Haus, in dem ich noch heute wohne und von dessen Tür Sie diesen Brief genommen haben. Ihre Ehe verlief überaus harmonisch, es gab niemals Streit zwischen ihnen. Meine Mutter drehte nur noch selten Filme, mein Vater schraubte sein Arbeitspensum zurück, damit ihnen genug Zeit zum Reisen oder für Spaziergänge an der Isar blieb. All das, was ich Ihnen hier erzähle, weiß ich nur aus bruchstückhaften Erzählungen meiner längst verstorbenen Mutter oder aus ihrem Tagebuch, das ich in meiner Kindheit immer wieder heimlich gelesen habe. Meinen Vater habe ich nämlich nie kennen gelernt. Wäre er zum Zeitpunkt meiner Geburt noch hier gewesen, wäre mein Leben anders verlaufen.

Zwei Jahre nach der Hochzeit wurde meine Mutter, damals fast dreißig Jahre alt, zum ersten Mal schwanger. Sie brachte eine Tochter zur Welt, meine ältere Schwester. Doch das Kind wurde nur wenige Wochen alt. Fieber und Erkältung rafften Sophie dahin, noch bevor sie lernte zu krabbeln. Dieser schreckliche Verlust bedeutete für die Ehe meiner Eltern einen tiefen Einschnitt. Sie liebten sich noch immer, doch Schmerz und Schuldgefühle bohrten sich wie ein Stachel immer tiefer in ihre Beziehung hinein. Wie ich dem Tagebuch meiner Mutter entnehmen konnte, kam es in dieser Zeit immer öfter zum Streit auch über Nichtigkeiten. Sie verfiel in eine tiefe Depression und begann, Medikamente zu nehmen.

Nach einigen Monaten normalisierte sich das Leben aber wieder. Mein Vater hatte keine Mühen gescheut, um meiner Mutter aus dieser schlimmen Phase heraus zu helfen. Mama und Papa wollten noch einmal neu anfangen und blickten der Zukunft trotz allem mit Freude entgegen. In dieser Zeit wurde sie auch zum zweiten Mal schwanger. Mein Vater war überglücklich, denn er wusste, diesmal würde alles gut gehen.

Als meine Mutter im fünften Monat war, musste mein Vater geschäftlich in die Vereinigten Staaten reisen. Mama sah ihn zum letzten Mal, als sie ihn zum Flughafen brachte. Papa kam in Amerika an, er nahm seinen Termin wahr, und dann war das letzte, was meine Mutter in Erfahrung bringen konnte, dass er in New York ein Taxi bestieg. In seinem Hotel kam er nie an. Der Taxifahrer, der ihn gefahren hatte, wurde einige Tage später tot aufgefunden, doch der Leichnam meines Vaters blieb verschollen.

Alles, was meiner am Boden zerstörten Mutter blieb, war das Haus, in dem sie weiterhin wohnen bleiben konnte, sowie ein Brief, den ihr mein Vater kurz vor seiner Abreise hinterlassen hatte und den sie nun hütete wie einen Schatz. Ich habe seine liebevollen und zärtlichen Worte erst viel später selbst gelesen, zu einem Zeitpunkt, als mein Leben bereits einen absonderlichen Verlauf genommen hatte. Doch es hat mir trotzdem geholfen, sie zu lesen. Ich verstand danach vieles besser.

'Mein liebste Klara. Ich fühle es, dass diesmal alles für uns gut ausgehen wird. Das Leben meint es gut mit uns. Ich freue mich so sehr auf unser Töchterchen und auf die Freude, die es uns bescheren wird', hatte er geschrieben. Ja, er wusste, dass meine Mutter eine Tochter bekommen würde. Nein, er setzte es einfach voraus, dass das Kind – also ich – ein Mädchen werden musste, um das Gleichgewicht, das durch den frühen Tod meiner großen Schwester durcheinander geraten war, wieder zu richten.

Obwohl die Ärzte befürchteten, dass der tiefe Kummer bei meiner Mutter für Komplikationen in der Schwangerschaft sorgen würde, kam ich ohne größere Schwierigkeiten zur Welt. Ich wurde zu Hause geboren, wie es damals noch üblich war, hier im Herzogpark. Als die Hebamme meiner Mutter das neugeborene Kind in die Arme drückte und sie fragte, wie es heißen soll, sagte Mama nur selig: "Sie soll Sophie heißen, wie es mein Peter sich so sehr gewünscht hat." Die Hebamme versuchte, meine Mutter von diesem Vorhaben abzubringen. Ich weiß das von ihr selbst, denn sie hat es mir viele Jahre später, kurz vor ihrem Tod erzählt. "Das Kind kann nicht Sophie heißen, es geht nicht", hat sie zu Mama gesagt, doch meine Mutter sah sie nur lächelnd und mit glasigen Augen an. "Ich verstehe nicht, was Sie meinen", murmelte sie verständnislos. In diesem Augenblick begriff die Hebamme, dass meine Mutter den Verstand verloren hatte.

Meine Mutter wollte und konnte nicht akzeptieren, dass der letzte Wunsch meines Vaters nicht in Erfüllung gegangen war. Ihre Liebe zu ihm überstieg die Gesetzmäßigkeiten der Natur. Sie wollte nicht wahrhaben, was bereits damals offensichtlich war und was ich Ihnen, werter Herr, hiermit offenbare: Ich konnte nicht die Tochter sein, die sich meine Mutter so sehnlich wünschte, denn ich kam als Junge zur Welt.

Ich kann mir vorstellen, welche Gefühle diese Nachricht in Ihnen auslöst. Ich kann auch verstehen, wenn Sie diesen Brief nun nicht mehr zu Ende lesen wollen. Wenn es sie anekelt, was Sie nun erfahren haben, dann werfen Sie das Papier einfach weg, zünden Sie es an und vergessen Sie mich. Ich nehme es Ihnen nicht übel, denn was ich hier sage, ist nicht nur für Sie schwer zu begreifen.

Sie werden nichts von meinem Geheimnis geahnt haben, sonst hätten Sie mich gestern nicht so freundlich angesprochen. Sie haben mich für eine Frau gehalten, wie es die allermeisten Menschen tun. Gott sei Dank hat mich die Natur mit einem nicht übermäßig kräftigen Körper gesegnet, so dass meine Figur mich erst bei genauem Hinsehen als das verrät, was ich – zumindest äußerlich – bin. Meine Schultern sind nur geringfügig breiter als die einer biologischen Frau, meine Gesichtszüge sind so fein wie es die meines Vaters auch waren. Einzig meine Stimme verrät mich, und vermutlich können Sie sich mittlerweile auch schon denken, dass ich gestern nicht wirklich erkältet und heiser war. Hätte ich etwas zu Ihnen gesagt, hätten Sie so reagiert wie die meisten anderen. Sie wären verwirrt und etwas angeekelt aufgestanden und weitergegangen, in Ihrem Kopf den Gedanken wälzend: "Bin ich auf einen Transvestiten hereingefallen? Wie konnte das nur passieren? Wie konnte ich den Adamsapfel nur übersehen? Ich empfinde doch nichts für Männer!" Sie hätten Angst bekommen, dass irgendjemand davon erfahren könnte, ein Freund oder Bekannter. Sie hätten Angst vor den anzüglichen Kommentaren gehabt, der gesellschaftlichen Schmähung, die im Gewand vermeintlich witziger Sprüche dahergekommen wäre.

Sie können sich sicher sein: All das verurteile ich explizit nicht, da ich es gar nicht könnte und auch nicht anders gewohnt bin.  

Doch bitte, unbekannter Mann, glauben Sie mir nur das Eine: Ich bin kein Transvestit. Auch nicht androgyn in dem Sinne, dass ich mich in Frauenkleidern einfach wohler fühle als in denen meines eigenen Geschlechtes. Ich bin vermutlich auch kein Vorkämpfer für die Aufhebung der binären Normen unseres Geschlechterkosmos, der nur zwei Pole kennt und keinen Zwischenraum, auch wenn ich diese Normen tatsächlich als grobe Vereinfachung und Einschränkung der persönlichen Freiheit empfinde. Aber darum geht es in meinem Fall nicht. Ebenso wenig bin ich ein Exzentriker, der sich Frauenkleider aus einer Laune heraus anzieht, weil es ihn sexuell erregt oder weil er die Gesellschaft provozieren will. Mein Fall liegt anders, und ich kann behaupten, dass es wenig Vergleichbares gibt.

Bitte erlauben Sie, dass ich in meiner Erzählung fortfahre. Auch wenn Sie den Brief jetzt aus der Hand legen, so bedeutet alleine das Aufschreiben meiner Geschichte für mich eine gewisse Erleichterung. Papier ist ein geduldiger Zuhörer. Es verurteilt mich nicht für das, was ich bin. Und wenn Sie, werter Herr, es den Briefbögen gleichtun und wenigstens bis zum Ende lesen, dann haben vielleicht auch Sie eine Ahnung davon, an welchen Abgründen das Leben einen Menschen vorbei führen kann, wenn seine Umgebung ihm keine anderen, ungefährlicheren Wege anbieten kann.

Da mein Vater nicht mehr am Leben war, wuchs ich also alleine bei meiner Mutter auf. Bei einer Frau, die mich, ihrer Wahnvorstellung folgend, von Beginn an wie ein Mädchen behandelte und erzog, obwohl ich keines war. Mama war natürlich nach wie vor in der Lage, einen Mann von einer Frau zu unterscheiden. Doch das galt nicht für mich. Ihr Kind musste ein Mädchen sein, um den Verlust meiner früh verstorbenen älteren Schwester wett zu machen. Sie empfand mittlerweile nicht nur eine tiefe Schuld meiner toten Schwester gegenüber, sondern auch meinem Vater. Die Wahnvorstellungen waren für sie ein Mittel, ihren seelischen Qualen beizukommen. Nur als Mädchen konnte ich das Gleichgewicht in ihrem Inneren wieder herstellen.

Ich bin mir trotzdem sicher, dass sich Mama bewusst gewesen sein, dass sie etwas Falsches tat. Denn kaum war ich auf der Welt und hatte meine ersten Schritte gemacht, errichtete meine Mutter eine weitere Mauer um uns herum. Ich meine damit keine echte Mauer aus Stein, sondern eine unsichtbare Wand um dieses Haus herum. Während meiner gesamten Kindheit durfte ich mit keinen Nachbarskindern spielen, ich bekam Privatunterricht und durfte das Haus nur in absoluten Ausnahmefällen und streng bewacht von meiner Mutter verlassen. Sie muss gewusst haben, dass jeder Kontakt mit der Außenwelt gefährlich für das kleine Fantasiereich war, das sie sich innerhalb der dichten Hecken errichtet hatte, und dessen Königin ich war.

Niemand durfte wissen, was sie tat, niemand durfte den Jungen zu Gesicht bekommen, der ein Mädchen sein musste. So verbrachte ich meine Kindheit abgeschottet von jedem schädlichen Einfluss in den vier Mauern um unseren weitläufigen Garten. Ich wusste nichts von dem, was draußen geschah. Ich wusste schlicht und ergreifend nicht, was ich wirklich war.

Kaum war ich dem Strampelanzug entwachsen, zog mir meine Mutter rosa Kleidchen an, sie frisierte mir meine immer kräftiger wachsenden Haare zu einem Pony oder machte mir einen schönen Zopf. Sie kaufte mir einen kleinen Schminktisch für Mädchen und schenkte mir ein Handtäschchen. Ich spielte immer nur mit Puppen, nie mit Autos. Fußball war ein Thema, das für meine Mutter schlichtweg nicht existierte. Ebenso wenig gab es in unserem Haus einen Fernseher, der mich mit Bildern aus einer völlig anderen Welt konfrontiert hätte. Lesen durfte ich nur, was die strenge Zensur meiner Mutter passiert hatte. Aus dem kleinen Jungen wurde im Lauf der Jahre eine schüchterne junge Frau mit perfekter Haltung und ebenso perfekten Manieren, denn darauf legte Mama größten Wert. Sie vergötterte mich, stellte aber auch Ansprüche an mein Verhalten. Alles, was sich ihrer Meinung nach nicht für eine Frau ziemte, war mir strengstens verboten. Ich durfte immer nur leise und zurückhaltend sprechen, nie meine Stimme erheben. Vermutlich erinnerte die dunkle Färbung meiner Stimme Mama daran, dass irgendetwas in unserer Welt nicht richtig war. Umso mehr bemühte sie sich, mir beizubringen, wie ich mich zu bewegen, zu verhalten, ja wie ich zu denken hatte.

Nun werden wir ja alle auf gewisse Weise von unseren Eltern beeinflusst, ob bewusst oder unbewusst. Mama jedenfalls formte mich ganz bewusst zu ihrem Ebenbild. Mit dem Unterschied, dass ich nie ihr komplettes Ebenbild sein konnte, da mein Körper der eines Mannes war.

 

Die einzige Gefährtin während meiner Kindheit war meine Cousine Franziska, sie ist zwei Jahre älter als ich und wohnt seit einiger Zeit in Frankreich. Seit sie nicht mehr da ist, und seit Mama tot ist, habe ich niemanden mehr, mit dem ich reden kann. Als ich noch klein war, konnte ich mit ihr ganz ungezwungen über Mädchendinge plaudern, also über Kleider, Schmuck und so weiter. Nur über das „andere Geschlecht“ sollten wir nicht sprechen, das war uns verboten.

Franziska fand es, zumindest damals, nie seltsam, wie ich aufwuchs. Ihre Mutter, meine Tante Gabriele, hatte sie behutsam in die Geschichte eingeweiht, und irgendwann betrachtete mich Franziska einfach als Mädchen. Ich sah ja auch aus wie eines, wenn auch mit Haaren, die nie länger wuchsen als bis zu einem Bob. Außerdem war ich ein Mädchen, dem auch in der Pubertät keine Brüste wuchsen.

Meine Tante brachte großes Verständnis für Mamas grotesken Wahn auf. Sie wollte nur, dass ihre Schwester glücklich war. Dafür spielte sie bereitwillig mit, auch wenn es ihr Zeit ihres Lebens schwer fiel, mich als Frau zu akzeptieren. Mehr als einmal ließ sie zweideutige Kommentare über mein Geschlecht fallen, die Mama jedes Mal als schreckliche Beleidigung auffasste. Es gab ein paar schlimme Szenen, in denen Mama erst heftig weinte und dann mit Gegenständen nach meiner Tante warf. Es gab aber immer eine Versöhnung, und Gabriele schenkte mir dann als Wiedergutmachung schönen Schmuck oder, als ich schon eine junge Frau war, teure Kosmetik. Mama war, von diesen seltenen Rissen in den Wänden ihrer Fantasiewelt abgesehen, aber die meiste Zeit glücklich. Denn mit mir hatte sie endlich die ersehnte Tochter bekommen. Sie wusste, dass der letzte Wunsch meines Vaters so in Erfüllung gegangen war.

 

Aber irgendwann musste der Tag kommen, an dem mir bewusst wurde, dass ich und Franziska nicht völlig gleich waren. Es hatte nichts damit zu tun, dass Franziska einen Busen bekam und ich nicht. Das verwirrte mich seltsamerweise nicht sonderlich. Es musste erst etwas in meinem Gesicht geschehen, um mein Selbstverständnis ins Wanken zu bringen. Ich war dreizehn Jahre alt, als bei mir einen leichten Bartwuchs bemerkte. Sie müssen sich vorstellen, dass ich eigentlich noch nie einen Mann gesehen hatte. Ich war ja immer nur von Frauen umgeben, ich hatte überhaupt kein Bild davon, wie ein Mann üblicherweise aussah. Also fragte ich Franziska mit zitternder Stimme, wieso mir Haare im Gesicht wuchsen und ihr nicht, ob ich etwa krank sei. Und meine arme Cousine wusste nicht, wie sie es erklären sollte. Sie durfte mir ja nicht die Wahrheit sagen, und sie fing an, heftig zu weinen.

"Hör auf", schrie sie schließlich. "Ich weiß es nicht, hör auf!" Meine Mutter kam hereingestürmt, und als ich ihr von meinem Problem erzählte, beeilte sie sich zu versichern, dass bei manchen Frauen eben Haare im Gesicht wuchsen und bei anderen nicht. So sei die Natur. Auf erstaunliche Weise legte sie sich spontan eine Begründung zu Recht, die perfekt in das Gebilde passte, das sie sich zurecht gezimmert hatte.

"So wie der liebe Gott den einen dunkle Haare schenkt und den anderen helle, so verteilt er auch die Behaarung im Gesicht", sagte sie strahlend. "Nicht wahr, Franziska?"

Und meine arme Cousine, die es natürlich besser wusste, sie nickte, während ihr die Tränen über die Wange liefen. Nach diesem Tag wollte sie nur noch sehr selten mit ihrer Tante zu uns kommen. Sie ertrug es einfach nicht mehr, mich anzulügen, es zermürbte sie. Als Franziska volljährig wurde, nach dem Abitur, ging sie zum Studieren nach Frankreich. Ich habe sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und es besteht kein Kontakt mehr zwischen uns.

Für Mama war dieser Umstand eine glückliche Fügung. So konnte sich mich noch besser von allem isolieren, was meine Identität als Frau ins Wanken hätte bringen können. Erst, als ich bereits eine Teenagerin war, lockerte sich dieser feste Umgriff etwas. Doch dazu später.

 

Sie fragen sich nun mit Sicherheit, lieber unbekannter Herr, wie es dazu kommen konnte, dass die Sache nie aufflog. Wie es möglich sein konnte, dass meine Mutter all die Jahre bis zu ihrem Tode einen Jungen als ihre Tochter aufzog, ohne dass die Behörden einschritten. Die Wahrheit ist: Es hat nie jemanden interessiert.

Als ich auf die Welt kam, zog sich Mama fast vollständig aus der Außenwelt zurück. Sie verließ das Haus nur höchst selten, im Grunde nur noch, wenn es sich nicht vermieden ließ. Sie hatte auch keine Veranlassung dazu. Die ohnehin annehmbare finanzielle Situation meiner Familie war durch ein Testament, das mein Vater einige Jahre vor seinem Tod angelegt hatte und in welchem sein Vermögen komplett meiner Mutter übertrug, abgesichert worden. Bereits vor meiner Geburt hatte Mama ihre Laufbahn beim Film beendet und sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Ihrem Agenten trug sie auf, keine Interviewanfragen mehr zuzulassen, und nach ein paar Jahren kamen auch keine mehr. Meine Mutter wurde zu einem vergessenen Filmstar aus einer früheren Zeit. Ihre unbeschwerten Filme passten auch nicht mehr in den Geist der damaligen Epoche, was ihr nur zu Recht war. So konnte sie ihre ganze Energie in die Verwirklichung ihres Traumes stecken.

Wir hatten also genug Geld und brauchten keinerlei Unterstützung von Außen. Es fragte auch niemand nach uns, außer dem engsten Kreis, den ich Ihnen bereits geschildert habe. Alle vier Großeltern waren bereits gestorben, und mit dem Rest der Familie hatte sich Mama hoffnungslos zerstritten. Den Behörden wiederum genügte es, dass ich im Geburtsregister stand. Unter dem Namen Peter Wernthaler. Offiziell bin ich also nach meinem Vater benannt. Doch Sie verstehen, dass ich zu diesem Namen keinerlei Bezug habe. Er existiert nur auf dem Papier. Genau, wie ich als Mann nur auf dem Papier existiere.

 

Bis zu Mamas Tod gab es in meiner kleinen Welt außer ihr nur drei Personen: Meine Tante, meine Cousine und die Hebamme Anna, eine überaus herzliche Person, die jedoch an meinem „Schicksal“, wie sie es nannte, so sehr Anteil nahm, dass sie regelrecht zu Grunde ging. Sie starb, als ich vierzehn Jahre alt war. Ich kann mir heute, mit genug Abstand, nur zu gut vorstellen, wie sehr es sie bedrücken musste, mich heranwachsen zu sehen. Ein Mädchen, bei dem sich keine Brüste abzeichneten und das in den Stimmbruch geriet. Ein junger Mann, der sich wie eine Frau bewegte und schminkte, weil er es nicht anders gelernt hatte. Für Anna war das alles einfach zu viel. Mehr noch, es muss unerträglich für sie gewesen sein. Denn sei stammte aus einem winzigen Dorf Nahe Traunstein, in dem die gesellschaftlichen Rollen selbst Ende des zwanzigsten Jahrhunderts noch starr festgelegt waren. Anna war erzkatholisch erzogen worden. In ihrer Welt war es schon fast eine Sünde, wenn eine unverheiratete Frau mit einem Mann zusammen lebte. Und doch nahm Anna das Unbegreifliche auf sich. Aus Loyalität und Mitgefühl gegenüber meiner verwirrten Mutter und aus Liebe zu mir blieb sie all die Jahre bei uns, bis kurz vor ihrem Tod. Ich werde dieser spröden und barschen, aber dennoch ungemein einfühlsamen Frau immer verbunden sein, denn ihr verdanke ich die meisten der kurzen Begegnungen mit der Realität vor Mamas Tod. Und damit trug sie erheblich zu meiner Selbstfindung bei. Sie brachte mich dazu, über mein Schicksal nachzudenken und es letztlich zu akzeptieren.

 

Wie ich bereits sagte, war Mama geradezu besessen davon, ihre Tochter vor der Außenwelt zu verstecken. Nichts durfte ihr Konstrukt gefährden, und sie war sich wohl nur zu gut über die Konsequenzen im Klaren, die auftreten mussten, wenn mein Fall öffentlich werden würde. Andererseits war sie aber auch ungemein stolz auf mich und auf die Erscheinung, die ich als junge Frau mit perfekten Manieren abgab. Anna packte sie genau bei dieser Eitelkeit. Sie machte Mama klar, dass es mir nicht schaden konnte, mich mit anderen Mädchen zu vergleichen, um mir ein Gefühl dafür zu vermitteln, wie besonders ich sei. Ich war damals zwölf Jahre alt und hatte noch nie bewusst die Mauern unseres Gartens verlassen. Und Anna konnte es nicht länger ertragen, mich eingesperrt zu sehen. Ich glaube, sie sagte sich, wenn ich schon gegen alle Natur zur Frau heranwachsen sollte, dann müsste ich wenigstens merken, dass ich es gut mache. Und so schaffte sie es, meine Mutter, die ihr sehr vertraute, zu überreden. „Sie können das Kind doch nicht hier drinnen vertrocknen lassen“, sagte sie. „Ihre Tochter muss doch ein bisschen Einblick in die Welt bekommen. Sie muss sehen, wie schön sie ist. Und das kann sie nur, wenn sie auch einmal andere Menschen zu Gesicht bekommt“. Außerdem, flüsterte sie meiner Mutter zu, würde mich das nur in meinem Frau-Sein bestärken. Und wie sich später herausstellte, hatte Anna damit Recht. Meine Begegnungen mit "normalen" Menschen hatten eine tiefe Wirkung auf mein zu dieser Zeit noch wandelbares Selbstbild. Jedenfalls war Mama geschmeichelt. Sie ließ es geschehen, dass Anna mich einige wenige Male zum Einkaufen mitnahm. Der erste dieser Ausflüge war ein einschneidendes Ereignis in meinem Leben, das ich Ihnen kurz erzählen will.

 

Ein Konzept von Männlichkeit und Weiblichkeit, von Geschlechtern hatte ich nicht, als ich zum ersten Mal mit Anna in die Stadt fuhr – ich war ja nur mit Frauen aufgewachsen und betrachtete mich selbst auch als eine. Und mit meinen damals schon dichten und langen Haaren, zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, und meinen nicht übermäßig breiten Schultern sah ich wirklich aus wie ein kleines Mädchen. Dennoch können Sie sich vorstellen, was es in mir auslöste, beim ersten Ausflug mit Anna all die vielen Menschen zu sehen, die so ganz offenbar anders waren als ich. Instinktiv, wie ein Zootier, das in der Wildnis ausgesetzt wird, begann ich zu begreifen, dass zwischen diesen Leuten und mir ein Zusammenhang bestand. Gleichzeitig dämmerte es mir aber auch, dass zwischen meiner gewohnten Welt hinter der Gartenmauer und dem, was ich in den Straßen Münchens sah, grundlegende Unterschiede bestanden.

Sie können sich nicht vorstellen, welchen Eindruck das alles auf mich machte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich die bärtigen, breitschulterigen Gestalten an, die ich in unserem Haus noch nie gesehen hatte. Es waren Männer mit plumpen, unmodischen Jacken und Jeans und schweren Arbeitsstiefeln. Sie sprachen mit tiefen Stimmen, lachten laut und dreckig, sie riefen sich unflätige Sachen zu, und es wollte mir nicht in den Kopf, warum all diese grobschlächtigen Figuren die Haare im Gesicht hatten, die auch ich mir jeden Tag wegmachen musste. Anna bemerkte meine Ängste natürlich, und ebenso zärtlich wie verständnisvoll versuchte sie, mir die Verwirrung zu nehmen und mir ein paar Dinge zu erklären.

 

„Sophie“, sagte sie, „du musst wissen, dass nicht alle Frauen so aussehen wie du.“

„Aber warum? Warum gibt es Gemeinsamkeiten zwischen diesen großen Männern und mir?“, fragte ich sie mit verunsicherter Stimme.

„Du denkst und fühlst wie eine Frau. Denn das ist, was du bist. Aber dein Körper ist männlich. Das wirst du erst begreifen, wenn du älter bist. Wichtig ist, was du in deinem Kopf bist, versteht du? Du bist das, als was du dich fühlst. Verhalte dich so, wie es dir natürlich erscheint.“

Am Abend stand ich weinend vor meiner Mutter. „Mama, bin ich ein Mann?“, fragte ich sie. Sie blickte mich erschrocken an. „Wie kommst du denn auf so etwas?“, erwiderte sie. „Du bist meine Tochter. Was soll diese Frage, ob du ein Mann bist?“ Ihr sonst so entrückter Blick wurde mit einem Male starr und angsterfüllt.

„Weil ich heute Männer gesehen habe. Sie hatten alle Haare im Gesicht, wie sie auch bei mir wachsen. Und sie waren alle so viel größer als die Frauen, wie auch ich schon längst größer bin als Franziska und auch als du. Ich bin so verwirrt, Mama. Wieso wachsen mir keine Brüste wie dir? Weshalb sind meine Schultern ähnlich breit und hart wie die der Männer auf der Straße? Ich spüre, dass ich irgendwie zu ihnen gehörte, aber das kann nicht sein, oder?“

Sie überlegte. „Du hast Männer gesehen, aber ist dir auch aufgefallen, wie sie gekleidet waren? Hast du gehört, wie sie gesprochen haben?“ Ich nickte.

"Aber es gefiel mir nicht", antwortete ich. "Sie waren laut und grob, und sie machten mir Angst."

Sie nickte. „Ich habe dich bisher nie mit Männern in Kontakt gebracht. Die Gründe dafür wirst du eines Tages begreifen. Männer gibt es draußen auf den Straßen der Stadt viele, und du wirst ihnen immer wieder begegnen. Merke dir nur eines: du gehörst nicht zu ihnen. Denn du bist ganz anders. Du trägst schöne lange Kleider und Schmuck. Wie ich. Wie Franziska. Du sprichst wie wir und bewegst dich wie wir. Du bist kein Mann und wirst auch nie einer werden. Auch wenn dir Haare im Gesicht wachsen, bist du meine Tochter.“

 

Nie zuvor hatte ich meine Mutter so ernsthaft und klar sprechen hören. Ihre Worte hatten dementsprechend eine große Wirkung auf mich. Ich war erleichtert. Für meinen noch kindlichen Verstand war die Sache damit klar. Vermutlich war dies der Moment, in dem die endgültige Entscheidung über mein Frau-Sein fiel. Zwar registrierte ich bei den nächsten Ausflügen mit Anna alles um mich herum, beobachtete weiter, wie sich die Leute auf den Straßen zueinander verhielten, analysierte die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Doch es gab für mich nun keine Zweifel mehr, zu welcher Gruppe ich gehörte. Mama hatte ihr Ziel erreicht. Übrigens erwähnte sie die Frage nach meinem Geschlecht danach nie wieder, und ihr Verhalten nahm schon am Tag nach ihrer so bedeutsamen Ansprache wieder den weltabgewandten Charakter an wie zuvor. Ich wagte nie wieder, mit ihr darüber zu reden.

 

Sie starb, als ich neunzehn Jahre alt war. Für mich endete damit die lange Isolation, doch innerlich änderte sich nichts. Sie müssen wissen, dass meine Mutter schon seit vielen Jahren kränklich gewesen war. Doch ihre Wahn- und Zwangsvorstellungen gestatteten es ihr nicht, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sie wollte und konnte zu keinem Arzt gehen, denn sie hatte Angst davor, dass man sie für verrückt erklären und einsperren lassen könnte. Und dass ich damit auf mich alleine gestellt gewesen wäre, denn Anna war bereits von uns gegangen. Innerlich musste Mama deutlich gespürt haben, dass sie nicht normal war – dass sie etwas getan hatte, das gegen die herkömmlichen Moralvorstellungen verstieß und gesellschaftlich geächtet werden würde. Doch den Wahn, zum Andenken an meinen Vater eine Tochter großzuziehen, hatte ihren Verstand besiegt.

Mama schied hier in diesem Haus dahin, in ihrem Bett liegend. Ich war bei ihr, als sie für immer die Augen schloss. Es war ein furchtbarer Schmerz für mich, denn auch wenn meine Mutter mir meine Kindheit genommen und mich der Gesellschaft entrissen hat, wenn sie mich zu einem Mischwesen gemacht hat, bei dem Körper und Geist nicht zusammenpassen, so hat sie mich doch mehr geliebt als alles andere auf der Welt. Ich kann sie nicht für das hassen, was sie getan hat. Sie war von einer Vorstellung geleitet, die stärker war als sie.

 

Meine Tante kümmerte sich um die Formalitäten der Beerdigung und erklärte den Behörden, dass Mamas nächster Angehöriger, ihr Sohn – also ich – im fernen Ausland weilte und bereits seit vielen Jahren den Kontakt abgebrochen hatte. Niemand forschte ihren Angaben nach. Bei der Beerdigung stand ich im schwarzen Trauerkleid abseits der Menschenmenge, die um die beliebte Schauspielerin trauerte. Vermutlich hielt man mich für eine Bekannte, eine Freundin der Familie oder eine Nichte. Die Zeitungen schrieben damals von einem Familiendrama: „Sohn erschien nicht zur Beerdigung seiner Mutter.“ Doch sie konnten die Wahrheit nicht wissen. Ich war da, nur sah ich eben nicht so aus, wie man sich den Sohn der früheren Filmschönheit Klara Reithofer vorstellte.

Ich weiß, wie seltsam Ihnen meine Erzählung erscheinen muss.

Ich kenne Sie nicht, werter Herr, doch ich glaube zu wissen, welche Frage Sie gerade in Ihrem Kopf wälzen. Sie fragen sich, warum ich nach dem Tod meiner Mutter, nach dem Ende meiner Isolation nicht die neu gewonnene Freiheit ausgekostet habe. Warum ich das Haus nicht verkauft habe und endlich so lebte, wie es meinem Geschlecht entsprach – als Mann.

Das sind in der Tat berechtigte Fragen. Die erste ist einfach zu beantworten: Ich kann das Haus nicht verkaufen, obwohl es mir seit Mamas Tod gehört. Wie ich schon sagte, durfte ich nie eine richtige Schule besuchen. Ich habe keinen Beruf erlernt, ich habe nichts, womit ich einen Lebensunterhalt verdienen könnte. Vom Vermögen meiner Mutter kann ich, wenn ich Maß halte, bis zu meinem Lebensende meinen Unterhalt bestreiten. Für das Haus muss ich keine Miete zahlen. So einfach ist das, ich habe keine andere Wahl, als hier wohnen zu bleiben.

Der zweite Punkt, den sie ansprechen, ist wesentlich komplizierter. Lieber Leser, ich weiß nicht, wie intensiv Sie sich mit Fragen der Psychologie und der Geschlechterforschung beschäftigt haben. Die Meinungen darüber, inwiefern das Geschlecht eines Menschen in ihm selbst angelegt ist und sich unabhängig von seiner Umgebung entwickelt, gehen auseinander. Wird ein Mädchen auch dann eine normale Frau, wenn man ihm keine rosa Klamotten anzieht oder es nie mit Puppen spielen lässt? Ist es für die Entwicklung eines Jungen wichtig, dass er regelmäßig Fußball spielen und mit Gleichaltrigen balgen darf?

Ich kann jedenfalls behaupten, dass der Einfluss meiner Mutter jeden so genannten natürlichen Trieb unterdrückt hat. Mit sanftem Druck und einfachen Maßnahmen hat sie mich zu einem Mädchen und später zur Frau geformt. Mag mein biologisches Geschlecht auch ein anderes sein – und ja, ich habe den Beweis dafür nie wegoperieren lassen – so empfinde ich mich als weiblich. Glauben Sie mir, ich habe versucht, anders zu leben. Nach dem Tod meiner Mutter versuchte ich kurzzeitig, ein Mann zu werden. Ich befand mich damals in einer Phase höchster Verwirrung, ich wusste nicht mehr, was in meiner Welt noch echt ist und was gelogen. Ich wollte herausfinden, ob es mir bei meiner Selbstfindung weiterhilft, wenn ich meinem biologischen Geschlecht entsprechend lebe.

 

Ich kleidete mich also wie die Männer in der Zeitung, in den Zeitschriften, die ich nach Mamas Tod endlich lesen durfte. Doch es fühlte sich falsch an, mehr noch, es ekelte mich an. Der wippende Gang, die lässigen und gleichzeitig kraftvollen Bewegungen, sie gelangen mir nicht. Es war, als würde ich Theater spielen. Ich versuchte, die Sprechweise der Männer im Fernsehen nachzuahmen. Doch aus meinem Mund klang es aufgesetzt und hohl. Die Formulierungen waren mir peinlich, und mein Versuch, die harte Männersprache nachzuahmen, war jämmerlich. Mag meine Stimme mich auch als Mann verraten, so rede ich wie eine Frau. Ja, ich kenne die Klischees über homosexuelle Männer. Doch ich spreche anders als die – eben wie eine Frau mit sehr tiefer Stimme.

 

Ich gab meinen Versuch auf und sah es endgültig ein: Ich bin innerlich eine Frau, ich wurde so erzogen und kann es nicht ändern. Ich will mich nicht verstellen. Ich habe nie gelernt, in T-Shirts und Jeans herumzulaufen oder Shorts zu tragen. Ich könnte nie aus dem Haus gehen, ohne mich zu schminken oder ohne Schmuck zu tragen. Ich interessiere mich für Mode und bestelle gerne Kleider im Internet. Ich merke immer wieder, dass ich großen emotionalen Anteil am Schicksal Anderer nehme, was ja nicht unbedingt typisch für Männer ist. Und an jedem Morgen rasiere ich gründlich die Bartstoppeln aus meinem Gesicht und überschminke den Bartschatten – ich kannte es nie anders. Das einzige, was an mir männlich ist, ist die Haut, in der ich stecke.

Genau dort liegt allerdings das Dilemma. Echte, biologische Frauen können mich kaum als gleichwertig akzeptieren. Und sie haben recht damit. Menstruation, Menopause, Wechseljahre sind Schlagworte, die ich nicht nachempfinden kann, auch Kinder werde ich nie bekommen können. Ich bin letztlich ein Mischwesen, vielleicht könnte man mich geschlechtslos nennen, auf jeden Fall kann jemand wie ich nicht ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft sein.

 

Sie denken sich vielleicht gerade: Aber warum denn? Es gibt heutzutage viele „Andersartige“ in den großen Städten unseres Landes. Frauen, die nicht immer Frauen waren und so weiter. Lassen sie mich dazu sagen: Ich weiß mittlerweile, was Transsexualität ist. Ich habe in den letzten Jahren alles darüber nachgelesen und kann mit Sicherheit sagen, dass ich nicht so bin. Eine transsexuelle Person fühlt, dass sie im falschen Körper geboren wurde und will ihr psychisches Geschlecht an das biologische Geschlecht anpassen. Doch bei mir ist der Fall anders. Ich empfinde es keineswegs so, als wäre ich gefangen im falschen Körper. Ganz im Gegenteil, ich liebe ihn sogar. Würde ich Pillen schlucken, damit mir Brüste wachsen, es würde mir künstlich vorkommen.

Ich kann nur so existieren, wie ich es gerade tue. Auch, wenn das bedeutet, dass mir der Zugang zur „normalen“ Welt nie komplett offen stehen wird. Immer, wenn ich mich unter die Leute begebe, treibt mich die Angst um, entdeckt zu werden. Ich vermeide es immer zu sprechen und entschuldige mich mit der Geste, die ich bei Ihnen gestern auch angewendet habe.

 

Und die Liebe? Ich habe sie nie kennen gelernt. Romantische Gefühle konnte ich während meiner Jugend nie ausleben, eine sexuelle Orientierung nicht entwickeln. Üblicherweise verlieben sich Frauen in Männer und Männer in Frauen. Doch hier beginnt mein Dilemma: Ich bin beides – biologisch das Eine, seelisch das Andere. In meiner Jugend war ich nur von Frauen umgeben, deshalb fühle ich mich in der Gesellschaft von Männern auch heute noch meist unwohl. Gleichzeitig bedeut dies aber auch, dass ich mich nicht in Frauen verlieben kann. Ich habe es versucht, doch ich kann für Frauen nicht mehr empfinden als zärtliche Zuneigung, wie zu meiner Mutter oder zur alten Anna.

Was die Männer betrifft, so habe ich es noch nicht ausprobiert. Die erwähnte Angst hält mich davon ab, oder man könnte es auch Befremden nennen oder schlicht und ergreifend fehlender Umgang. Die Frage, ob ich nun homosexuell bin, weil ja eigentlich ein Mann, beschäftigt mich nicht mehr. Viel zu lange habe ich mir genau darüber Gedanken gemacht. Über das, was eigentlich sein sollte und über das, was in mir ist. Dabei habe ich jedoch übersehen, dass gerade für jemanden wie mich die Frage nach Geschlechtskonventionen hinfällig sein sollte. Mir ist es egal, ob ich ein Mann bin, der sich in einen Mann verliebt, oder ob ich es als Frau tue – ich will einfach nur herausfinden, was das eigentlich ist, die Liebe. Nach allem, was ich gelesen und im Fernsehen gesehen habe, muss sie etwas einzigartiges sein.

 

Als Sie mich gestern angesprochen haben, da ergriff mich die blanke Panik. Das ist immer so, wenn mich Fremde ansprechen, ich habe es ja bereits geschildert. Ich will mich nicht verraten, ich will nicht, dass man mich als das seltsame Wesen erkennt, das ich bin. Die Panik war es, die mich von der Bank aufstehen und in Richtung des Hauses gehen ließ. Doch je mehr ich über das nachdachte, was Sie zu mir sagten … wortwörtlich war es: „… fiel mir auf, dass Sie sehr schön sind …“, desto mehr bemerkte ich, dass ich verwirrt war. Da war etwas in mir, das ich so noch nicht kannte. Zwar hatte ich Angst, doch gleichzeitig war ich auf eine mir bis dahin unbekannte Weise aufgeregt. Nervös. Vielleicht sogar glücklich. Deshalb drehte ich mich noch einmal nach Ihnen um, deshalb hielt ich den Zettel an die Fensterscheibe, deshalb schreibe ich diesen Brief. Ist das Liebe? Ich weiß es nicht.

 

Und ich werde es auch nicht erfahren. Denn, lieber Unbekannter, selbst wenn Sie sich gestern in mich verliebt haben sollten – das kann ja sehr schnell passieren, wie ich erfahren haben – ich könnte Ihnen diese Liebe wohl nicht erwidern. Genauso wenig, wie ich es bei einem anderen Mann könnte. Das hat nichts mit Ihnen zu tun, bitte glauben Sie mir das. Ich kann niemandem zumuten, in das schwarze Loch hineingezogen zu werden, das mich umgibt. Wer will schon als homosexuell gelten, nur weil er eine Frau liebt, die in einem Männerkörper steckt? Seien Sie ehrlich, lieber Unbekannter: Finden Sie mich immer noch schön, nun da Sie wissen, dass ich keine "echte" Frau bin? Würden Sie es wirklich auf sich nehmen, mit jemandem wie mir zusammen zu leben? Ich musste in den vielen Jahren, die ich nun schon für mich selbst verantwortlich bin, oft schmerzhaft erfahren, was es bedeutet, nicht der Norm zu entsprechen. Es ist schon richtig so, dass ich alleine lebe. Jemand wie ich darf niemanden an seiner Seite haben. Selbstverständlich macht mich das traurig, denn so werde ich wohl nie erfahren, was körperliche Nähe, was Liebe und Verlangen mit einem Menschen anstellen. Doch ich werde das nicht ändern können. Und damit habe ich mich abgefunden.

 

Dieser Brief ist nun schon sehr lang geworden, viel zu lang. Ich entschuldige mich dafür, dass ich Sie mit meiner Geschichte so sehr belästigt habe. Haben Sie nochmals vielen Dank für Ihre gestrigen Worte, die mir wirklich viel bedeuten. Sie sind ein guter Mensch, Sie sind anders als die meisten anderen, die ich in meinem seltsamen, komplizierten Leben bisher getroffen habe. Sie werden es zwar ohnehin nicht tun, trotzdem bitte ich Sie noch einmal: Erzählen Sie niemandem von mir. Ich habe mich Ihnen anvertraut, verraten Sie mich nicht. Lassen Sie mich weiter existieren.

 

Leben Sie wohl, unbekannter Mann.

 

Sophie.“

 

Ich ließ den Brief aus meiner Hand sinken. Unter mir rauschte der Fluss vorbei. Die Isar, ein Naturgewässer, das sich vor vielen tausenden Millionen Jahren seinen Weg aus dem Gebirge hinunter ins Tal gebahnt hatte und das seitdem unverändert in seinem Bett dahin strömte. Das Wasser, das hier floss, hatte einen Ursprung und ein Ziel, und dazwischen war sein Weg vorgezeichnet. Es existierte einfach. Niemand kategorisierte es, niemand ordnete es unterschiedlichen Polen zu. Keine Abzweigungen auf seinem Weg, keine Einbahnstraßen, aus denen es kein Zurück gab.

Viele Minuten sah ich dem Wasser zu. Aus Minuten wurden Stunden. Als die die Sonne langsam am Horizont zu verschwinden begann und das Tageslicht nachließ, weinte ich noch immer.

 

Über den Autor

Mark Read kam 1982 zur Welt und verspürte schon früh den Drang, zu schreiben. Während seines Sprachwissenschafts- und Geschichtsstudiums begann er, erste Kurzgeschichten zu verfassen. Sein erster Kurzgeschichten-Sammelband "Bevor es zu spät ist" erschien Anfang 2014. Er lebt seit vielen Jahren in München.

 

Er veröffentlicht regelmäßig Texte bei www.bookrix.de. Eine Übersicht findet sich hier: http://www.bookrix.de/-pedestrian/books.html

 

Weitere Informationen zum Autor gibt es auf seiner Homepage: http://mark-read.info

Impressum

Texte: Mark Read
Bildmaterialien: Coverfoto: abbilder / CC-BY 2.0 via flickr.com
Tag der Veröffentlichung: 01.04.2014

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