Cover

Titel

 

Stefan Wollschläger

 

Friesenauge

 

  

 

© 2017 Stefan Wollschläger

Cover: Steve Cotten

Alle Rechte liegen beim Autor

 

 

 

*

 

Kurzbeschreibung

 

Wenn man schweigt, vergisst man nicht.

 

Im Naturschutzgebiet Hollesand wird ein Kopf gefunden, dem die Augen entfernt wurden. Kurz darauf wird eine junge Frau aus Emden vermisst, die eine Fahrradtour durch Ostfriesland unternommen hat. Ist sie ebenfalls dem Mörder zum Opfer gefallen oder lebt sie noch? Dirks und Breithammer setzen alles daran, einen weiteren Horrorfund zu verhindern und suchen unter Hochdruck nach dem Mörder. Dabei stoßen die beiden nicht nur auf den geheimnisvollen Scrimshaw-Künstler Harke Krayenborg, sondern auch auf eine außergewöhnliche Tierliebhaberin.

Bei dem Versuch, das Rätsel um die herausgenommenen Augen zu lösen, wird Dirks' Beziehung zu Jendrik auf eine harte Probe gestellt und die kühle Kommissarin muss sich dem finstersten Punkt ihrer Vergangenheit stellen.

 

Friesenauge“ ist ein ergreifender Thriller voller dunkler Geheimnisse.

 

 

1. Einkaufstüte

 

Es soll helfen, ein Tagebuch zu führen. Heute will ich damit anfangen, ich werde aufschreiben, was ich denke und fühle. Liebes Tagebuch, bitte behalte all meine Geheimnisse für dich! Jeder, der dieses Buch ohne Erlaubnis liest, möge verflucht sein; Blindheit soll ihn treffen und der Tod soll ihn holen.

 

*

 

Frühling lag in der Luft. Nur kleine Wolken zogen über den weiten Himmel und wenn man die Augen schloss und den Kopf hob, wurde einem warm ums Herz. Jenny konnte sich nicht daran erinnern, dass es am ersten Märzwochenende schon einmal so viel Sonne gegeben hatte, aber sie war ja erst neunzehn Jahre alt.

Guido kläffte. Auch der Pittbullterrier genoss den Tag. Nur Edlef, Jennys Freund, zeigte wenig Verständnis dafür, dass er an einem Sonntag schon um 8:00 Uhr aufstehen sollte. Besonders, weil er am Abend zuvor bis spät in die Nacht am Computer gezockt hatte.

Edlef war der letzte Fan der Kleidungsmarke Ed Hardy. Aber solange sein T-Shirt das neue „Bop Dylan“-Tattoo verdeckte, war es Jenny recht. „Ich habe die Rechtschreibung überprüft“, hatte Edlef behauptet. „Dylan schreibt man so.“

Die drei gingen den Hollsandweg entlang ins Naturschutzgebiet. Schon beim ersten Baum wühlte Guido den Boden auf, so dass der weiße Sand zum Vorschein kam. Hollesand war das größte Binnendünengebiet Ostfrieslands. Hier wuchsen vor allem Kiefern, doch man fand auch Birken und Eichen. Das Gelände war nicht sonderlich groß, trotzdem hatte man das Gefühl, durch einen richtigen Wald zu gehen, was für Ostfriesland sehr ungewöhnlich war.

„So, Guido war auf dem Klo, jetzt können wir wieder zurückgehen“, sagte Edlef.

„Unsinn. Die Bewegung tut uns allen gut.“ Und das warme Wetter. Hoffentlich blieb es so, dann konnten sie nachher zur Nordsee fahren. Jenny hakte Edlef unter. „Komm schon. Noch bis zum Kugelberg.“

Missmutig stimmte Edlef zu. Guido rannte begeistert voraus, stolperte über sich selbst und freute sich so sehr darüber, dass er es gleich noch einmal probierte.

Nach ein paar hundert Metern hatten sie ihr Ziel erreicht. Ohne das Hinweisschild würde man die leichte Erhöhung wohl kaum für einen Berg halten, aber eine größere Steigung wäre mit Edlef auch nicht möglich gewesen. „Mensch, Jenny, ich will mein frisches T-Shirt nicht gleich vollschwitzen.“

„Frisch ist relativ.“ Jenny seufzte. „Nach drei Tagen kann man seine Klamotten auch mal wechseln.“

Edlef hörte nicht zu, denn etwas anderes fesselte seine Aufmerksamkeit. An einem Baum hing die Plastiktüte eines Discounters. Sie war ausgebeult und der Inhalt wirkte dick und schwer. Guido bellte aufgeregt. Er lief unter der Tüte hin und her und schnupperte daran.

Jenny rümpfte die Nase. Der Frühlingsduft war verschwunden, stattdessen irritierte etwas Süßliches die Sinne. Fliegen schwirrten um die Tüte und auch Edlef wirkte fasziniert.

„Was da wohl drin ist?“

„Das ist doch egal.“ Jennys Herz klopfte schneller. „Lass uns wieder nach Hause gehen.“

„Ich will erst wissen, was in der Tüte ist.“

„Bitte, Edlef. Nicht dass du schon wieder irgendeinen Mist mitnimmst. Es wird schon einen Grund dafür geben, dass jemand das loswerden wollte.“

„Auf ebay findet man für alles einen Käufer“, entgegnete Edlef. „Guido ist auch neugierig.“

„Guido ist hier bei mir!“ Der Hund hatte sich hinter Jennys Beinen verkrochen. Sie hatte nicht zum ersten Mal den Eindruck, dass der Pitbull klüger als ihr Freund war.

„Angsthasen.“ Edlef nahm die Tüte vom Baum.

Jenny wollte weggehen, doch ihre Füße bewegten sich nicht.

Edlef schaute nach, was er erbeutet hatte, und sein Gesicht verlor jede Farbe. Die Tüte fiel auf den Boden und Jenny rollte etwas entgegen. Ihr Verstand registrierte, dass es sich um einen menschlichen Kopf handelte, dann setzte der Würgereflex ein.

 

*

 

Kriminalhauptkommissarin Diederike Dirks lag regungslos im Bett und beobachtete Jendrik. Der Sportjournalist der Ostfriesen-Zeitung schnarchte noch, im Gegensatz zu ihr brauchte er eine Tasse Kaffee, um wach zu werden. Sein Haar war durcheinander, die Nase war schief und selbst wenn er sich ordentlich rasierte, konnte man seine Wange als Nagelfeile benutzen. Er war muskulös, denn er hatte mal professionell Handball gespielt, er besaß jedoch auch einen weniger sportlichen Bauch aus den Tagen danach. Dirks ahnte, dass es attraktivere Männer gab als ihn, aber sie würde niemals tauschen wollen.

Drei Monate waren sie jetzt zusammen, seit Weihnachten. Sie hatten es langsam angehen lassen. Sie waren beide zu lange Singles gewesen, und mit Anfang dreißig musste man sich erst wieder daran gewöhnen, mit einem anderen Menschen das Leben zu teilen. Aber es war schöner, als sie es sich vorgestellt hatte. Mit jedem weiteren Tag wurde ihr Jendrik wertvoller. Sie war noch niemals jemandem so nahe gewesen.

Dirks schlug die Bettdecke beiseite und stand leise auf. Ihre Kleidung lag auf dem Boden verstreut und sie verschwand damit im Badezimmer. Sie spülte sich den Mund und zähmte ihr straßenköterblondes Haar, dann zog sie sich an.

In der Küche setzte sie Kaffee auf, mittlerweile wusste sie genau, wie Jendrik ihn mochte. Auf dem Tisch stand ein Tablett und Dirks begann die Zutaten für ein ausgedehntes Sonntagsfrühstück zusammen zu sammeln.

Am Kühlschrank klebten schwer verständliche Kinderzeichnungen in allen Farben des Regenbogens. Jendrik war das älteste von sechs Geschwistern und einige von ihnen hatten bereits ihrerseits fleißig für Nachkommen gesorgt. Außerdem hing dort ein Foto von Bente zusammen mit der Trauerkarte. Dirks hätte es am liebsten abgenommen. Für sie selbst war der Mordfall Bente Bleeker abgeschlossen, aber Jendrik und seine Familie trauerten noch um seine jüngste Schwester. Besonders seine Mutter hatte der Verlust getroffen, von ihr gab es ebenfalls ein Bild in der Küche.

Dirks nahm das Foto in die Hand und betrachtete die Frau, deren Gesicht zugleich Güte und Sorgen ausstrahlte. Sie hatte taubengraue Augen und das lange dunkle Haar schimmerte schon an vielen Stellen silbern. Wie klang wohl ihre Stimme?

Dirks hatte Jendriks Mutter noch nicht persönlich kennengelernt. Er hatte seiner Familie bisher verschwiegen, dass er eine Freundin hatte. „Sie sind noch nicht so weit“, hatte er gesagt. „Sie werden es nicht verstehen, dass ich ausgerechnet mit der Kommissarin zusammen bin, die Bentes Mord untersucht hat.“ Obwohl Dirks anderer Meinung war, hatte sie nicht mit Jendrik darüber diskutiert. Solange er mich nicht seiner Großfamilie präsentiert, muss ich ihm auch nicht meinen Vater vorstellen.

Die Kaffeemaschine gurgelte die letzten Wassertropfen und Dirks bemerkte erst jetzt den wohligen Duft. Doch sie goss sich keine Tasse ein, sondern schaltete das Gerät aus. Im Flur schlüpfte sie in die Schuhe und nahm ihre Jacke und Tasche. Sie öffnete die Wohnungstür und schloss sie leise hinter sich.

An der Straßenecke gab es einen Bäcker. Die lange Schlange machte Dirks nichts aus, sie ließ sogar noch jemanden vor, der es besonders eilig hatte. Als sie an der Reihe war, bestellte sie keine Brötchen, wie sie es eigentlich vorgehabt hatte, sondern ein ganzes Frühstück mit einer Kanne Ostfriesentee. Dann setzte sie sich in die Ecke, wo sie alle Leute im Blick hatte.

Was tue ich hier? Jendrik wird sich Sorgen machen. Sie hätte ihm wenigstens eine Nachricht hinterlassen können. In seiner Wohnung hatte sie allerdings noch gar nicht gewusst, dass sie zum Bäcker gehen würde.

Die Bäckereiverkäuferin brachte die Teekanne. Dirks umfing das warme Porzellan mit ihren Händen. Die Croissants und den Aufschnitt ignorierte sie. Es tat gut, einfach so die Zeit verstreichen zu lassen.

Irgendwann klingelte ihr Smartphone. „Hallo, Schatz.“ Dirks versuchte zu lächeln. „Ich bin gerade beim Bäcker, um Brötchen zu holen.“

„Bringst du mir einen Donut mit?“, erwiderte Oskar Breithammer. „Ich hatte heute noch kein richtiges Frühstück.“

Dirks brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie nicht mit Jendrik, sondern mit ihrem Assistenten bei der Kriminalpolizei telefonierte. „Was gibt’s, Oskar?“

„Eine Leiche. Beziehungsweise einen Kopf.“

Plötzlich saß Dirks aufrecht und ihr ganzer Körper war von neuer Energie erfüllt. „Wo?“

„Auf dem Kugelberg im Naturschutzgebiet Hollesand.“

„Kannst du mich in der Nähe von Jendrik abholen? Ich bin beim Bäcker.“

„Bin schon unterwegs.“

 

 

2. Hollesand

 

Dirks und Breithammer fuhren von Aurich in Richtung Uplengen. Dieser Teil Ostfrieslands war eine Geestlandschaft mit sandigem, nährstoffarmem Boden. Hohe Wallhecken, die Knicke, prägten die Umgebung. Sie begrenzten die Felder und erschufen eine Atmosphäre von Ordnung und Bodenständigkeit. Auch neben der Straße standen Bäume und das Fahrzeug bewegte sich durch einen beständigen Wechsel von Licht und Schatten.

Dirks' Telefon klingelte erneut, und diesmal schaute sie auf das Display, bevor sie abnahm.

„Wo bist du?“ Jendrik klang verunsichert. „Zum Bäcker dauert es keine fünf Minuten.“

„Es gab einen Mord.“ Wenn man einen Kopf in einer Plastiktüte findet, kann man wohl alle anderen Todesursachen ausschließen, dachte Dirks. „Ich wollte dich ausschlafen lassen.“

„Wegen so etwas kannst du mich auch gerne wecken. Weißt du schon, wann du wiederkommst?“

„Das kann ich wirklich nicht sagen. Es hängt davon ab, was sich so ergibt. Wahrscheinlich wird es eher spät werden.“

„Ja, klar“, antwortete Jendrik verständnisvoll. „Ich bin gespannt, was du mir nachher erzählst.“

Dirks legte auf.

„Echt blöd, dass so etwas gerade am Wochenende passiert“, sagte Breithammer. „Ich wollte heute auch mit Folinde raus und das schöne Wetter genießen.“

Hinter Neufirrel bogen sie auf eine schmale Straße ein. Bald sahen sie einen Streifenwagen an der Seite stehen. Es war ein kleiner Parkplatz mit einem großen Übersichtsplan vom Naturschutzgebiet.

Ein Polizist mit gepflegtem Walross-Schnauzbart begrüßte sie. „Moin.“

„Moin.“

„Der Kopf wurde genau auf dem Kugelberg gefunden.“ Der Polizist zeigte auf den Übersichtsplan.

„Kugelberg?“, fragte Breithammer.

„Das ist die höchste natürliche Erhebung Ostfrieslands“, erklärte der Polizist. „Achtzehn Meter. Ich hoffe ihr seid schwindelfrei.“

„Ich dachte immer, die höchste Erhebung wäre im Bereich der Weißen Düne auf Norderney“, korrigierte ihn Breithammer. „Mit über vierundzwanzig Metern.“

„Das ist aber eine Düne. Auf dem Festland ist der Kugelberg am höchsten.“

„Aber der Hollesand ist eigentlich auch eine Düne“, entgegnete Breithammer.

„Trotzdem heißt er Berg“, beharrte der Polizist.

„Vielleicht kann man diese Diskussion später fortführen“, schaltete sich Dirks ein. „Ich würde gerne zum Fundort.“

Für den Weg brauchten sie keine fünf Minuten.

„Das sollen achtzehn Meter sein?“, beschwerte sich Breithammer. „Da hat mein Laufband eine höhere Steigung.“

„Das ist die Geest“, verteidigte sich der Polizist. „Das ganze Waldstück liegt schon ziemlich hoch.“ Er grüßte seinen Kollegen, der neben einem jungen Pärchen und einem Pittbullterrier stand. „Das sind die Zeugen. Jenny und Edlef aus Neufirrel.“

Dirks lächelte den Hund an, der sich über die Aufmerksamkeit freute. Dann ging sie den Hügel hoch und kniete sich neben dem Kopf nieder. Sie schluckte den Ekel hinunter, den der Anblick der verkrusteten Augenhöhlen in ihr hervorrief. Wie konnte man jemandem nur die Augäpfel entfernen? Die Hauptkommissarin versuchte, sachlich zu bleiben. „Der Kopf ist bereits ausgeblutet, der Mord ist also nicht hier geschehen. Der Täter hat ihn nur hierher gebracht“, sagte sie laut. „Das ist aber wahrscheinlich noch nicht lange her, er sieht nämlich noch recht frisch aus.“ Dirks schätzte, dass der Mord keine vierundzwanzig Stunden zurücklag, aber den genauen Todeszeitpunkt würden die Gerichtsmediziner in Oldenburg eingrenzen. „Der Tote ist männlich und zwischen dreißig und vierzig Jahre alt.“ Sie stand auf und wandte sich an die anderen. „Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt, um wen es sich handelt?“

„Da ist nur noch die Einkaufstüte, die an dem Baum dort hing.“ Edlef zeigte zu der Stelle, an der er die Plastiktüte in die Hand genommen hatte. „Ich habe nicht geguckt, ob noch etwas darin war, sondern wir haben gleich die Polizei angerufen.“

Dirks holte Latexhandschuhe aus ihrer Handtasche und zog sie über. Sie ging zur Tüte und schaute vorsichtig hinein. „Kommst du mal bitte, Oskar?“

Breithammer war gerade damit beschäftigt Fotos vom Kopf und vom Fundort zu machen, unterbrach diese Tätigkeit aber sofort..

„Siehst du das?“ Dirks wollte nicht, dass Edlef und Jenny erfuhren, was sich noch in der Plastiktüte befand, der Kopf war Schock genug für einen Tag.

„Zwei Finger“, flüsterte Breithammer. Er machte ein Foto vom Inhalt der Tüte.

„Wir sperren den gesamten Wald ab“, ordnete Dirks an. „Es gibt ja nur zwei Zugänge, den kleinen Parkplatz, auf dem wir stehen, und den größeren bei der Motorradfahrergaststätte. Die Spurensicherung soll auch beide Parkplätze untersuchen. Der Täter muss ja irgendwie hergekommen sein, um die Tüte an den Baum zu hängen.“ Sie erhob sich und holte tief Luft. „Außerdem soll sich unsere Psychologin das hier ansehen. Ich will eine Erklärung dafür, wie jemand so etwas tun kann.“

 

*

 

Liebes Tagebuch.

Als Erstes will ich dir von Tante Neri erzählen und wie sehr ich sie bewundere. Ich wohne bei ihr in ihrer kleinen Dachgeschosswohnung. Meine Mutter ist gestorben, als ich noch sehr jung war, und Neri hat versprochen, sich um mich zu kümmern. Sie muss sie sehr geliebt haben, um das zu tun. Jeden Tag steht sie um 5:00 Uhr morgens auf und geht zur Arbeit, ich sehe sie erst am Abend wieder. Das Leben ist für sie ein harter Kampf. Ich will, dass sie es irgendwann einmal besser hat.

Dazu muss ich lernen, um ein gutes Abitur zu machen, denn ich will unbedingt auf die Universität. Nur so kann ich einen guten Job bekommen, bei dem ich auch Tante Neri etwas zurückgeben kann. Die Prüfungen sind nächste Woche. Ich lerne bis in die Nacht und Neri fragt mich ab. Aber ob das ausreicht, um unter den Besten zu sein? Wir können uns keine Nachhilfestunden leisten.

Es muss reichen.

 

 

 

 

 

 

 

3. Symbole

 

Am Montagmorgen hatte Dirks in den Besprechungsraum der Polizeiinspektion Aurich geladen, um die vorläufigen Ergebnisse zu diskutieren. Außer den Spezialisten der Fachabteilungen waren auch Staatsanwalt Lothar Saatweber und die Psychologin Doktor Alina Ehrenfeld anwesend. Die Ärztin war eine passionierte Reiterin und hatte ihre naturblonden Haare passenderweise zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Saatweber, Mitte fünfzig und Familienvater, versuchte sie zu beeindrucken, indem er seinen Bauch einzog, was unter dem ausgeleierten grauen Pullover nur wenig Effekt zeigte.

Dirks übergab zuerst dem bleichen Vertreter der Gerichtsmedizin das Wort. Er warf ein Bild an die Wand, auf dem fein säuberlich der Kopf und daneben die beiden Finger zu sehen waren. Es fehlten zwar noch ein paar Körperteile, trotzdem fühlte sich Dirks an Die Kunst, aufzuräumen von Ursus Wehrli erinnert. „Das Opfer ist männlich und Mitte dreißig“, berichtete der Experte in einem monotonen Tonfall. „Bei den beiden Fingern handelt es sich um die Ringfinger der rechten und linken Hand. Sie wurden mit einer Zange abgetrennt, für den Kopf hat der Täter ein Beil benutzt. Es lässt sich nicht sagen, ob das Abtrennen des Kopfes Ursache des Todes war oder ob das Opfer vorher schon getötet worden ist. Der Todeszeitpunkt liegt am Samstag zwischen 10:00 Uhr und 13:00 Uhr.“ Der Gerichtsmediziner zeigte ein eingeübtes Lächeln, aber glücklicherweise bedankte er sich nicht bei seinen Zuhörern für ihre Aufmerksamkeit.

Als Nächstes stand Andreas Altmann auf. Die Markenbrille des Leiters der Spurensicherung leuchtete heute in einem erfrischenden Orange. „Leider haben wir weder am Fundort noch in der näheren Umgebung irgendwelche Spuren gefunden, die sich dem Täter zuordnen lassen. Auf den beiden Parkplätzen konnten wir keine spezifischen Fahrzeugspuren isolieren. Der wichtigste Anhaltspunkt ist die Plastiktüte. Daran ließen sich jedoch keine anderen Genspuren außer denen des Opfers nachweisen, der Täter hat bei seiner Arbeit offenbar Handschuhe getragen. Die Tüte selbst stammt von einem Discounter, aber die Seriennummer lässt sich keinem speziellen Markt zuordnen. Sie könnte in ganz Norddeutschland verkauft worden sein.“ Altmann setzte sich wieder.

„Das kann doch wohl nicht wahr sein“, regte sich einer der Kollegen auf. „Wir wissen also überhaupt nichts. Weder über das Opfer noch über den Täter.“

„Doch“, sagte ein anderer. „Wir wissen, dass der Täter verrückt ist. Max Mustermann hängt keine Plastiktüte mit Kopf an einen Baum.“

„Das ist das Stichwort für Frau Doktor Ehrenfeld.“ Dirks nickte der Psychologin zu.

Doktor Ehrenfeld stand auf und räusperte sich. „Verrückt ist eine Stigmatisierung, die uns nicht weiterhilft. Jede Tat beruht auf einer Logik, auch wenn diese von außen nur schwer nachvollziehbar ist. Trotzdem müssen wir uns um das Verstehen dieser Logik bemühen.“ Auch sie projizierte ein Bild an die Wand. Es handelte sich um ein großes Ausrufezeichen und ein großes Fragezeichen. Das Ausrufezeichen war durchgestrichen. „Wer von mir absolute Antworten erwartet, den muss ich leider enttäuschen. Was ich sage, beruht auf Erfahrungen und Wahrscheinlichkeiten, aber es handelt sich dabei nur um Möglichkeiten. Bitte begreifen Sie meine Ausführungen als Anregungen, nicht als Lösungen. Es ist eine Gesprächsgrundlage, kein Ergebnis. Herauszufinden, wie es sich in diesem speziellen Fall verhält, bleibt Ihre große Herausforderung.“ Doktor Ehrenfeld blickte in die Runde, ob sie jeder verstanden hatte. Zumindest hatte sie die Aufmerksamkeit von allen.

Sie warf eine zweite Folie an die Wand. Diese zeigte vier Grafiken nebeneinander: einen Smiley, ein Auge, einen Ring und einen Berg. „Das Außergewöhnliche an diesem Fall ist, dass man nicht nur ein, sondern gleich vier Symbole in der Tat findet. Der abgetrennte Kopf, die Entfernung der Augen, die beiden Ringfinger und die Exposition des Kopfes auf dem Kugelberg.“

Die Psychologin zeigte auf den Smiley. „Erstens: die Abtrennung des Kopfes. Das bedeutet, es geht um etwas Intellektuelles, um eine Idee oder einen Machtanspruch. Der Täter hat nicht die Hände abgetrennt oder das Geschlechtsteil, was auf körperliche Gewalt oder etwas Sexuelles hindeuten würde. Zweitens: die Augen. Der Täter fühlt sich nicht einfach nur beobachtet. Er fühlt sich bloßgestellt, gedemütigt, nackt. Er hat eine andauernde Verletzung erlebt, die mit Scham zu tun hat. Drittens: die Ringfinger. Daran trägt man erst den Verlobungs- und später den Ehering. Das deutet auf enttäuschte Liebe hin. Vielleicht hat das Opfer den Täter zurückgewiesen oder das Opfer war ein Konkurrent um dieselbe Frau oder denselben Mann.“

Doktor Ehrenfeld hustete. Ein Schluck Wasser beruhigte sie wieder. „Viertens: die öffentliche Ausstellung des Kopfes am höchsten natürlichen Punkt Ostfrieslands. Das bedeutet Kommunikation. Der Täter will sich erklären. Er hat keine Befriedigung darin gefunden, den Kopf abzutrennen, die Augen und die Ringfinger zu entfernen. Die größte Erleichterung besteht für den Täter darin, sein Werk öffentlich auszustellen.“ Sie trank ihr Wasserglas aus. Offenbar war ihr Vortrag zu Ende.

„Wie soll man sich das vorstellen?“, fragte Saatweber. „Was hat der Täter genau erlebt? Eine beständige intellektuelle Demütigung durch jemanden, der ihm gleichzeitig die große Liebe wegschnappt? Scham verbinde ich mehr mit Sexualität als mit Intellektualität.“

Die Psychologin nickte. „In der Tat scheinen sich die Symbole eher zu widersprechen als zu ergänzen. Hätte der Täter nur die Augen entfernt, dann würde ich auf eine Abhängigkeitsbeziehung mit einem Autoritätsgefälle tippen, etwa zwischen Eltern und Kind oder Lehrer und Schüler. Bei den Ringfingern geht es aber eher um eine Beziehung auf gleicher Ebene wie zwischen Freunden oder Partnern.“

„Ich verstehe noch nicht genau, worin der Zusammenhang zwischen dem Täter und dem Opfer besteht“, meldete sich Breithammer zu Wort. „Ist das Opfer nun derjenige, der den Täter gedemütigt hat? Das Motiv ist also Rache?“

Doktor Ehrenfeld schüttelte den Kopf. „Das Opfer muss nichts mit dem Peiniger zu tun haben. Er kann ihm zufällig begegnet sein und der Mord wurde durch irgendetwas an ihm ausgelöst. Trigger können zum Beispiel ein Geruch oder ein Körpermerkmal des Opfers sein. Oder es gab ein Ereignis im Leben des Täters, das ihn dazu animiert hat, sich den nächsten Mann als Opfer auszusuchen. Das Motiv liegt nicht in der Rache, sondern in der Artikulation. Der Täter hat durch die Tat und ihre öffentliche Präsentation eine Art gefunden, sich selbst auszudrücken. Sein Schweigen hat ein Ende. Alles, was er bisher in sich eingeschlossen und niemandem gezeigt hat, bricht auf einmal hervor wie die angestaute, zerstörerische Energie bei einem Vulkanausbruch.“

„Wem will er sich erklären?“, fragte Breithammer. „An wen ist diese Botschaft gerichtet?“

„Es reicht dem Täter zunächst aus, sich auszudrücken. Bei einem Tagebuch gibt es auch keinen Adressaten.“

Zunächst?“, fragte Andreas Altmann. „Soll das bedeuten, dass wir mit einem weiteren Toten rechnen müssen?“

Doktor Ehrenfeld nickte. „Ich halte das für sehr wahrscheinlich. Wer eine Botschaft hat und nicht gehört wird, spricht beim nächsten Mal lauter und deutlicher. Es wird interessant sein, zu sehen, ob der Täter beim nächsten Opfer dieselben Symbole verwendet, oder ob er eines davon weglässt.“

Dirks trommelte nervös mit dem Kugelschreiber auf dem Tisch. Eigentlich hielt sie große Stücke auf Doktor Ehrenfeld, doch dieser Vortrag verwirrte sie eher, als dass er zur Klarheit beitrug. Die Psychologin hatte allerdings selbst gesagt, dass es bei ihrem Vortrag nur um Anregungen und Möglichkeiten ging. „Es wird kein zweites Todesopfer geben“, sagte Dirks bestimmt. „So weit werden wir es nicht kommen lassen.“ Ihr Smartphone vibrierte, aber natürlich nahm sie jetzt keinen Anruf entgegen. „Letztlich müssen wir ganz normal vorgehen. Zuerst klären wir die Identität des Opfers, das führt uns zum Tatort und dort finden wir weitere Spuren.“

„Wie machen wir das?“, fragte ein junger Kollege. „Wie finden wir heraus, wer der Tote ist?“

„Einerseits haben wir alle Polizeistationen angewiesen, die passenden Vermisstenmeldungen an uns weiterzugeben“, erklärte Dirks. „Das Opfer wird ja Angehörige und Freunde haben, die sich irgendwann Sorgen machen. Viel mehr erhoffe ich mir allerdings von den Zähnen. Wir haben die Aufnahmen seines Gebisses an die Zahnärzte der Region gesendet und veröffentlichen sie in Fachzeitschriften, falls er von weiter weg kommt. Viele Zahnärzte verfügen in Bezug auf Zahnprofile über eine Art fotografisches Gedächtnis und können sofort sagen, ob jemand ihr Patient ist.“ Dirks beendete die Sitzung.

Sie blickte auf ihr Handy, um zu sehen, wer sie angerufen hatte, aber die Nummer war ihr unbekannt.

„Was ist mit der Pressemeldung?“, fragte Saatweber. „Ich halte es nicht für sinnvoll, Details über den Kopf zu veröffentlichen. Ich möchte nicht, dass in der Bevölkerung Angst vor einem Serienmörder umgeht.“

Dirks nickte. „Wir sollten die Öffentlichkeit erst mal zurückhaltend informieren. Einfach nur die Meldung, dass eine Leiche im Hollesand gefunden wurde. Offiziell ist das korrekt, denn wenn ein Körperteil gefunden wird, das zum Leben notwendig ist, gilt es als Leiche.“ Dirks drückte die Rückruftaste auf ihrem Telefon.

„Moin“, meldete sich Polizeiobermeister Sven Holm aus der Polizeistation in Emden.

„Moin.“ Dirks wurde immer nervös, wenn sie Holms Stimme hörte. Er war zwar ein guter Kerl, aber er besaß auch das Talent, sie mit seinen unpassenden Bemerkungen und seltsamen Aktionen in den Wahnsinn zu treiben. Im Hintergrund hörte sie Verkehrsgeräusche, offensichtlich war er gerade mit dem Auto unterwegs. „Was gibt's?“

„Wann spielen wir mal wieder Doppelkopf?“

Dirks seufzte. „Im Moment reicht mir der einzelne Kopf, mit dem ich zu tun habe.“ Sie massierte sich die Stirn. Eigentlich war es ja ganz nett, dass er deswegen anrief. Seitdem sie mit Jendrik zusammen war, hatte sie nicht mehr mit den Kollegen Karten gespielt. „War das alles, was du wissen wolltest?“

Holm schlürfte an irgendeinem Getränk. „Ich habe gesehen, dass du wissen willst, wenn jemand vermisst wird. Vorhin kam ein nettes Ehepaar, um eine Meldung zu machen, deswegen habe ich angerufen.“

„Sehr gut. Kannst du mir die Daten faxen?“

„Nicht nötig.“ Holm schlürfte sein Getränk aus und eine Hupe ertönte. „Ich bin mit Herrn und Frau Dreyer gerade auf dem Weg zu dir.“

 

*

 

Liebes Tagebuch.

Die Abiturprüfungen sind vorbei. Ich bin zufrieden mit meiner Note, damit werde ich es auf die Universität schaffen.

Meine Klassenkameradin hat es allerdings nicht geschafft, obwohl sie sonst immer zu den Besten gehört hat. Als sie ihre Arbeit zurückbekommen hat, waren die meisten Seiten unbeschrieben und das, was beschrieben war, war in einer fremden Handschrift. Die Vermutung ist naheliegend, dass ihre Arbeit mit der einer anderen Schülerin vertauscht worden ist, deren Familie sehr einflussreich ist und dafür bezahlt hat. Ist die Korruption in unserem Land etwa schon so weit? Ich hoffe für meine Klassenkameradin, dass sich der Vorfall klärt, denn die Beweise sind eindeutig. Aber Neri sagt, sie glaube das nicht.

 

4. Vermisst I

 

Holm strahlte über das ganze Gesicht, als er Dirks sah. Neben ihm stand eine Frau in einer weiten korallenfarbenen Jacke und mit buntem Halstuch, der Mann trug einen dunkelblauen Blouson, der ihn dicker machte, als er war. Beide waren etwa Ende vierzig.

„Das hier sind Antje und Jelto Dreyer“, stellte Holm die beiden vor.

„Moin“, sagte Antje Dreyer unsicher und ihr Mann verzichtete auf eine Begrüßung.

„Gehen wir doch in mein Büro.“ Dirks ging vor.

Während sich die Dreyers vor Dirks‘ Schreibtisch setzten, schaute sich Holm interessiert um. Mitleidig betrachtete er die Büropflanze. „Dein Ficus braucht dringend Sonne.“

„Du kannst ihm gerne den Hof zeigen.“

„Ich bleibe lieber hier.“

Dirks widmete sich den Dreyers. Sie wollte das Opfer möglichst schnell identifizieren, andererseits wünschte sie niemandem, mit solch einem schrecklichen Todesfall konfrontiert zu werden. Wenn Antje und Jelto die Eltern des Toten waren, dann hatten sie das Kind sehr jung bekommen. „Wen vermissen Sie denn?“

„Unsere Tochter Imke.“ Antje Dreyer legte ein Foto von einer jungen blonden Frau auf den Schreibtisch. „Wir wollten gestern Abend zusammen essen gehen. Jelto hatte Geburtstag, wissen Sie?“ Ihre Stimme zitterte. „Wir haben eine Tischreservierung im Steakhaus Hacienda gemacht. Aber Imke kam nicht. Wir haben sie angerufen, doch sie ist nicht ans Telefon gegangen. Danach sind wir bei ihrer Wohnung vorbeigefahren, dort war sie allerdings auch nicht. Als wir sie heute früh immer noch nicht erreicht haben, sind wir zur Polizei gefahren.“

„Wie alt ist Imke?“

„Achtundzwanzig.“

Dirks zuckte zusammen. „Bitte entschuldigen Sie mich.“ Dirks packte Holm am Uniformkragen und zog ihn in den Nebenraum. Sie nahm das Fax in die Hand, das sie heute Morgen an die anderen Polizeistationen gesendet hatte und hielt es ihm unter die Nase. „Was steht hier drin?“

„Na, dass wir alle Vermisstenmeldungen an dich weitergeben sollen“, erwiderte Holm überrascht.

„Das ist nur die erste Hälfte des Satzes.“

Der Polizist fischte seine Lesebrille aus der Tasche und las den ganzen Text vor. „Es muss die Leiche eines dreißig- bis vierzigjährigen Mannes identifiziert werden.“

Er blickte auf. „Und?“

Dirks fasste es nicht, dass sie ihm das auch noch erklären musste. „Herr und Frau Dreyer vermissen ihre achtundzwanzigjährige Tochter! Wahrscheinlich ist sie einfach nur im Urlaub und hat das Datum vergessen. Aber dafür hättest du die Dreyers nicht extra herfahren müssen.“

„Trotzdem ist das ein seltsamer Zufall, oder nicht?“, erwiderte Holm trotzig.

Du bist ein seltsamer Zufall. „Wir müssen uns um einen Mordfall kümmern, Holm. Nimm die beiden wieder mit nach Emden und überprüfe die Unfallmeldungen von gestern.“

Sie gingen zurück und Dirks verabschiedete sich von den Dreyers. „Tut mir leid, dass Sie hergekommen sind. Machen Sie sich keine Sorgen, Imke wird sich bestimmt bald bei Ihnen melden.“

Antje und Jelto Dreyer standen auf. „Glauben Sie wirklich?“

„Ich kann natürlich nur aus meiner Erfahrung sprechen. Aber Imke ist ja schon erwachsen. Es wird sicher eine ganz einfache Erklärung dafür geben, dass sie sich nicht bei Ihnen gemeldet hat.“

Jelto blickte Dirks kritisch an, aber seine Frau lächelte beruhigt. „Wenn Sie das sagen, dann glaube ich Ihnen“, sagte Frau Dreyer. „Imke wollte uns ihren neuen Freund vorstellen, wissen Sie? Ich war schon ganz gespannt.“

Dirks hielt inne. „Sie wollte zusammen mit ihrem Freund kommen?“ Ihr Puls beschleunigte sich. „Wieso haben Sie das nicht gleich gesagt?“

Frau Dreyer war verwirrt. „Sie haben uns doch nur gefragt, wen wir vermissen. Und vermissen tun wir nur unsere Tochter. Ihren Freund kennen wir ja noch gar nicht.“

Sven Holm grinste unpassend.

„Bitte setzen Sie sich doch wieder hin.“ Dirks deutete auf die Stühle. „Wissen Sie zufällig, wie alt der Freund ist?“

„Imke sagte, er wäre acht Jahre älter als sie“, sagte Antje verunsichert. „Aber mit achtundzwanzig bedeutet solch ein Altersunterschied natürlich nicht so viel wie bei einem Teenager.“

„Bitte erzählen Sie mir alles, was Imke noch über ihn gesagt hat. Auch wenn es Ihnen unbedeutend erscheint.“

„Das ist aber nicht viel.“

„Er besitzt ein Fahrradgeschäft“, sagte Jelto. „In Wilhelmshaven.“

„Ja, er wohnt in Wilhelmshaven“, bestätigte Antje, „dort hat sie ihn kennengelernt.“

„Ich habe mir überlegt, ein Elektrofahrrad zu kaufen“, berichtete Jelto. „Ich wollte ihn fragen, was er mir empfehlen kann. Man wird ja nicht jünger und der Gegenwind nimmt auch nicht ab.“

„Und ich?“, empörte sich Antje. „Ich soll mit meinem alten Hollandrad neben dir herstrampeln?“

„Du kriegst natürlich auch eins.“

Dirks unterbrach den Disput. „Hat Imke zufällig den Namen ihres Freundes erwähnt?“

„Sein Vorname ist Mark.“ Frau Dreyer lächelte. „Das fand ich witzig. Wegen des Euro.“

„Was du alles witzig findest!“, spottete ihr Mann. „Ehrlich gesagt will ich endlich wieder über Imke reden.“

Dirks blickte ihn ernst an. „Ich möchte Sie noch um etwas Geduld bitten.“ Sie erhob sich. „Um die Situation von Imke einschätzen zu können, müssen wir erst einmal überprüfen, ob mit ihrem Freund alles in Ordnung ist.“

 

 

5. Fahrradladen

 

Dirks entschuldigte sich bei Holm und bat ihn, sich um die Dreyers zu kümmern. Dann ging sie mit Breithammer in einen anderen Raum, um nach weiteren Informationen zu Imkes Freund zu suchen.

„Vom Alter her könnte Imkes Freund das Mordopfer sein“, sagte Breithammer. „Aber wenn das so ist, was hat das mit der Vermisstenmeldung von Imke zu tun?“

„Ein Schritt nach dem anderen“, mahnte Dirks an.

Die Internetsuche nach „Fahrräder – Wilhelmshaven – Mark“ führte als erstes zu Zweirad Mascher im Norden der Stadt. Dirks klickte auf den Link und gelangte zu einem hochprofessionellen Internetshop, der bundesweit lieferte. Man konnte sich interaktiv sein Wunschfahrrad zusammenstellen oder alle möglichen Einzelteile bestellen. Die Preise erschienen Dirks nicht gerade günstig, aber offenbar handelte es sich um hochqualitative Markenware für Menschen, die wussten, was sie wollten. Dirks klickte auf den Reiter „Kontakt“. Es erschienen Telefonnummer, E-Mailadresse und einige weitere Informationen. Dirks Aufmerksamkeit wurde jedoch vor allem von einem Foto gefesselt. Mark Mascher, Geschäftsführer. Er lächelte freundlich und selbstbewusst und seine blauen Augen strahlten Vertrauenswürdigkeit aus.

„Das muss Imkes Freund sein“, bemerkte Breithammer.

Dirks verglich das Foto mit einer Aufnahme des Kopfes aus Hollesand. Sie war sich nicht hundertprozentig sicher, aber die Wahrscheinlichkeit erschien ihr sehr hoch, dass es sich bei dem Fahrradhändler um das Opfer handelte.

Dirks wählte die Telefonnummer, die auf der Webseite angegeben war.

Nach zweimaligem Klingeln meldete sich eine freundliche Frau. „Zweirad-Mascher, der Spezialist für Pedelecs. Sie sprechen mit Frau Konrad. Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Diederike Dirks von der Kriminalpolizei. Ich müsste dringend mit dem Geschäftsführer Herrn Mark Mascher sprechen.“

„Kriminalpolizei?“ Frau Konrad klang irritiert. „Herr Mascher ist gerade nicht im Haus.“

„Wissen Sie, wo er ist? Wann kommt er denn wieder?“

„Ich weiß es nicht. Er sitzt auch nicht im Büro. Normalerweise ist er Montags immer als erster da.“ Sie legte den Hörer kurz beiseite. „Der Kollege weiß auch nicht, wo er ist.“

„Herr Mascher hat eine Freundin, Frau Imke Dreyer. Haben Sie sie schon einmal kennengelernt?“

„Ach ja, die wunderhübsche Frau Dreyer.“ Frau Konrad kicherte. „Wahrscheinlich ist Mark ihretwegen noch nicht da. Das Wetter ist ja auch zu schön, um nichts zusammen zu unternehmen. Wahrscheinlich ruft Mark im Laufe des Vormittags an, und sagt Bescheid, ob er noch kommt.“

„Bitte melden Sie sich sofort bei mir, sobald er das tut.“ Dirks gab der Frau ihre Telefonnummer durch und legte auf.

„Zumindest wissen wir jetzt sicher, dass Mark Mascher der Freund von Imke ist“, stellte Breithammer fest.

„Schicke das Zahnprofil des Kopfes per E-Mail an alle Zahnärzte in Wilhelmshaven“, wies Dirks Breithammer an. „Mach deutlich, dass es dringend ist. Ich will möglichst

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Tag der Veröffentlichung: 22.06.2017
ISBN: 978-3-7438-1921-4

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