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Titel

 

Stefan Wollschläger

 

Kirmesmord

 

 

 

Kirmesmord

 

 

 

 

 

© 2015 Stefan Wollschläger

Cover: Steve Cotten

Alle Rechte liegen beim Autor

 

 

 

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Kurzbeschreibung

 

Die aus Ostfriesland stammende Kommissarin Diederike Dirks arbeitet für die Kriminalpolizei Osnabrück. Auf dem Jahrmarkt an der Halle Gartlage wird eine Leiche gefunden. Zusammen mit ihrem Assistenten Oskar Breithammer findet Dirks bald eine vielversprechende Spur. Die Lösung des Falles wird allerdings durch zwei aufgeweckte Tänzerinnen des Stadttheaters erschwert, die sich als Amateurdetektivinnen betätigen. Sind die Polizisten oder die Tänzerinnen dem Mörder dichter auf der Spur? Und welche Rolle spielt dabei eine mysteriöse Wahrsagerin?

„Kirmesmord“ ist ein rätselhafter Krimi, der den Leser für einen Abend in die Parallelwelt von Karussells, Zuckerwatte und Geisterbahnen entführt.

Es ist der erste Fall der friesischen Kommissarin Diederike Dirks, die hier noch im Süden von Niedersachsen arbeitet. Gleichzeitig lernt man in dieser Geschichte die mexikanische Tänzerin Nayeli kennen, die eine der Hauptfiguren in dem kurzen Thriller „Secret Ways“ ist.

 

 

 

 

1. Geheime Geschäfte

 

Es war 7:52 Uhr am Morgen und Nebel lag über Osnabrück. Er war nicht so dicht, dass er vollkommen undurchsichtig wäre, man befand sich schließlich nicht in London. Aber der Nebel war dicht genug, um den Verkehr auf der Autobahn zu verzögern, was Doktor Konrad Kienbaum beunruhigte. Er hatte eine recht weite Strecke zurückgelegt und musste auch nach diesem Treffen einen wichtigen Termin unbedingt einhalten. Die Nebelschwaden verliehen außerdem diesem skurrilen Ort ein gespenstisches Ambiente. Hinter ihm schwebte die Stahlkonstruktion der Bremer Brücke, vor ihm lag der Eingang zum Jahrmarkt auf dem Gelände der Halle Gartlage. Aus dem zähen Grau ragten die Dächer der zahlreichen Spielbuden heraus, noch höher waren die Fahrgeschäfte, besonders eine Achterbahn, eine hängende Schaukel und natürlich gab es auch ein Riesenrad. So früh am Morgen war es noch still und machte einen unwirklichen Eindruck. Am Rundbogen über dem Eingang leuchteten keine bunten Lampen, er wirkte wenig einladend. Erst gegen Mittag begann hier der Betrieb.

Kienbaum rückte seine weinrote Krawatte zurecht und strich die Falten aus seinem Nadelstreifenanzug, so wie er es immer vor einem wichtigen Meeting tat. Seine linke Hand umklammerte den Griff des Aktenkoffers fester und der Geschäftsmann trat durch den Rundbogen. Für einen Moment fühlte es sich so an, als ob er eine andere Welt betrat.

Seine auf Hochglanz polierten Schuhe knirschten auf dem Kies. Bei manchen Ständen waren die Klappen zu, so dass man gar nichts von ihnen sehen konnte, andere, die aufwendiger konstruiert waren, wirkten verwaist. Es gab Automaten, an denen man seine Kraft testen konnte und es gab eine Trampolin-Anlage mit einem Bungee-Seil, wodurch die Sprünge verstärkt wurden. Diese Anlage zauberte ein leichtes Lächeln auf Kienbaums Gesicht. So etwas würde er gerne einmal ausprobieren, es musste ein schönes Erlebnis sein, so durch die Luft zu fliegen. Aber sicher durften das nur Kinder und seine Kindheit war schon zu lange her.

Nach einigen hundert Metern gelangte Kienbaum zu einer hölzernen Wand, an der es Infos zum Jahrmarkt und Notrufnummern gab, aber genauso hingen hier auch Werbeplakate zu einigen Ständen. Hier war der Treffpunkt.

Kienbaum schaute auf die Uhr, um festzustellen, dass er - wie immer - pünktlich war. Wo steckte Neidhart?

Er hörte ein leises Husten. Der Nebel war an manchen Stellen etwas durchlässiger und Kienbaum konnte in einen Getränkestand sehen. Auf dem Barhocker an der Theke erkannte er schemenhaft eine Gestalt.

„Tobias?“, rief er in die Richtung der Person. „Bist du das?“

Er erhielt keine Antwort. Stattdessen stand die Gestalt auf und ging langsam auf ihn zu. Kienbaum wischte sich den Schweiß von der Stirn. Doch je dichter die Person kam, desto vertrauter erschien sie ihm. Die Hornbrille, das lichte Haar und die braune Kordhose, zu der er wie immer ein hellblaues Hemd trug. Der Mund zeigte ein überhebliches Grinsen. Kienbaum wunderte sich, warum er Tobias Neidhart jemals eingestellt hatte. Er hatte niemals ins Team gepasst. So weit sich Kienbaum erinnern konnte, war Neidhart schon immer ein unangenehmer Zeitgenosse gewesen, der sich selbst überschätzte und von seiner Arbeit viel zu viel erwartete. Von Anfang an war klar gewesen, dass es mit diesem Menschen nur Probleme geben würde und er hätte ihn schon viel früher entlassen sollen. Aber Kienbaum war froh, dass er nach diesem Treffen niemals wieder etwas mit Neidhart zu tun haben würde.

„Hallo Konrad“, sagte Neidhart. Beide verzichteten auf einen Handschlag.

„Warum treffen wir uns eigentlich an solch einem Ort?“, fragte Kienbaum.

„Warum nicht?“, entgegnete Neidhart. „Möchtest du etwa mit mir zusammen gesehen werden?“

Kienbaum schüttelte den Kopf. „Bringen wir die Sache hinter uns, ich habe gleich einen wichtigen Termin.“

„Noch wichtiger als das hier?“, fragte Neidhart amüsiert.

Kienbaum zog einen Zettel aus der Innentasche seines Jacketts. „Hier ist das Schreiben, das meine Anwälte ausgearbeitet haben. Ich brauche nur noch deine Unterschrift.“ Er reichte ihm das Dokument zusammen mit seinem Montblanc Füllfederhalter.

„Erst möchte ich das Geld sehen“, sagte Neidhart.

Kienbaum hielt den Aktenkoffer hoch und öffnete ihn. Als Neidhart die frischen Geldscheinbündel sah, lachte er entzückt auf. „Einhunderttausend Euro.“

„Leise!“

„Entspann dich, Konrad. Sieh dich doch um, hier ist niemand.“

Kienbaum blickte sich tatsächlich um. Der Nebel hatte sich weiter gelichtet, so dass man noch mehr von den Jahrmarktsständen erkennen konnte, aber nirgendwo regte sich etwas. Er klappte den Koffer zu und Neidhart benutzte ihn als Unterlage, um den Zettel zu unterschreiben. Das Dokument und der Koffer wechselten die Besitzer.

„Damit wären wir quitt.“ Tobias Neidhart blickte seinem ehemaligen Chef triumphierend in die Augen. „Du hättest mir gleich geben sollen, was mir zusteht.“

„Wenn du meinst.“ Kienbaum faltete das für ihn wichtige Schriftstück, zog seine Brieftasche aus dem Jackett und steckte das Dokument dort hinein.

„Dann heißt es jetzt wohl: 'Auf Nimmerwiedersehen'“, sagte Neidhart. „Mein Auto steht am Ausgang Schlachthofstraße.“ Er lachte, wandte sich um und verschwand mit dem Aktenkoffer im Nebel, dabei pfiff er vergnügt eine Melodie.

Du hättest mir gleich geben sollen, was mir zusteht“, hallte Neidharts Stimme in Kienbaum nach. „Auf Nimmerwiedersehen.“

 

2. Dämonikum

 

Der Vollmond leuchtete hell am Abendhimmel, doch die bunt blinkenden Jahrmarktslichter stahlen ihm die Show. Die vielen Leute lachten ausgelassen und waren voller Vorfreude, während sie sich durch den Eingang an der Bremer Brücke drängten. Im Laufe des Tages war das Wetter immer besser geworden und die Luft war so mild, dass Nayeli ihren roten Mantel, den sie über dem verwaschenen Sommerkleid trug, eigentlich gar nicht brauchte. Allerdings fror die zierliche Mexikanerin schnell, deshalb bereute sie es nicht, ihn dabei zu haben. Der Abend war schließlich noch jung.

„Ist das nicht toll?“, fragte Juana begeistert.

„Es ist toll, dass wir endlich aus dem engen Bus raus sind“, pflichtete Nayeli ihrer Arbeitskollegin bei. Der Menschenstrom verteilte sich auf dem Jahrmarktsgelände und Nayeli konnte wieder durchatmen und die Umgebung auf sich wirken lassen.

So sah also ein Volksfest in Deutschland aus. Die Buden waren aufwendig gebaut und dekoriert. Sie standen in genormten Abständen, die elektrischen Kabel waren exakt verlegt und wurden an den Übergängen durch Kunststoffmatten geschützt. Alles war hochtechnisiert. Es gab viele aufwendige Fahrgeschäfte, sogar eine Wildwasserbahn und nicht nur einfache Karusselle. Trotzdem, die Atmosphäre war wohl auf allen Volksfesten der Welt gleich. Die Geräuschkulisse, die glücklichen Gesichter der Kinder mit Zuckerwatte in den Händen, der Duft von gebrannten Mandeln, die Lebkuchenherzen, knallbunten Plüschtiere und Luftballons und natürlich die Teenager, wie sie miteinander flirteten und sich an den Händen hielten, all das rief in Nayeli die Erinnerung an ihren letzten Besuch auf einer Feria in Mexiko wach. Vor vier Jahren war das gewesen und damals war etwas geschehen, woran sie nie wieder denken wollte.

Auch wenn sich Nayeli noch so jung fühlte wie damals, sie war jetzt erwachsen und hatte es geschafft. Ihr Traum, als Tänzerin in Europa auf der Bühne zu stehen, hatte sich erfüllt. Sie schüttelte ihre Gedanken an die Feria beiseite und hoffte, dass ihre Erinnerung heute Abend mit schönen neuen Erlebnissen überschrieben wurde.

Wer weiß, vielleicht hatte sie in Juana ja sogar eine richtige Freundin gefunden?

Auch Juana war Tänzerin und gehörte zum Ensemble des Stadttheaters. Während es für Juana schon die zweite Spielzeit war, war Nayeli gerade erst zur Company gestoßen, Osnabrück war ihr allererstes richtiges Engagement. Sie konnte es noch gar nicht glauben, dass sie jetzt ein regelmäßiges Einkommen hatte. Erst vor einem Jahr war sie durch ein Studienaustauschprogramm nach Deutschland gekommen, und hatte sich seitdem an der Palucca Hochschule für Tanz in Dresden weitergebildet. Dort hatte sie allerdings keinen Kontakt zu den anderen Tänzern gefunden und ihre Freizeit lieber damit verbracht, verbissen Deutsch zu lernen.

Juana strahlte. Auch sie hatte langes dunkles Haar, aber während Nayelis gewellt war, waren ihre Haare glatt und zu einem Pony geschnitten. Das war aber nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden. Juana trug ein Marken-T-Shirt und eine teure Jeans. Ihre Eltern kamen aus Argentinien, lebten aber schon seit fünfzehn Jahren in Deutschland, wo Juana auch die Schule besucht hatte. Nayeli und Juana hatten beide eine ähnliche Statur, trotzdem besaß Nayeli noch mal eine ganz andere Bühnenausstrahlung. Ihre Gesichtszüge hatten einen exotischen Zauber, denn zu ihrer Familie zählten auch mittelamerikanische Ureinwohner. Daher stammte auch ihr Name, der zapotec war und „ich liebe dich“ bedeutete.

„Ich habe Lust auf einen Hugo“, sagte Juana. Gemeinsam schlenderten sie zum nächsten Getränkestand.

„Jetzt erzähl mal“, fragte Juana. „Warum willst du eigentlich nichts mit Aaron zu tun haben? Ein Tänzer, der nicht schwul ist, das ist doch mal ein Hauptgewinn, Nayeli.“

Nayeli blickte Juana misstrauisch an. „Hat er dich etwa beauftragt, mich das zu fragen?“

„Es interessiert mich halt einfach. Ist doch offensichtlich, dass er was von dir will. Aber vielleicht bist du ja auch 'von der anderen Seite'. Wo ich nichts gegen habe, ehrlich.“

Nayeli schüttelte den Kopf. „Aaron ist schon ganz süß. Aber ich will mich aufs Tanzen konzentrieren. Das ist mein erster Vertrag und ich will ihn nicht durch irgendwelche Dummheiten gefährden.“

„Seit wann ist es eine Dummheit, das Bett mit jemandem zu teilen? Das spart sogar Heizkosten.“ Glücklicherweise vertiefte Juana das Thema nicht weiter. Sie wandte sich einem Getränkestand zu, um einen Hugo zu trinken. „Willst du auch einen?“

Nayeli schüttelte den Kopf. „Später“, sagte sie und wusste dass sie sich auch später nichts kaufen würde. Sie hatte nur wenig Geld dabei. Für Zuckermandeln und einen kandierten Apfel würde es reichen, die aß sie so gerne und sie wollte diesen Abend ja auch genießen. Sie konnte sich noch nicht vorstellen, dass sie durch ihre Anstellung ab jetzt regelmäßig Geld auf dem Konto haben würde und das sogar ausreichen würde, um etwas davon anzusparen.

„Heute gibt es übrigens ein besonderes Programm“, erzählte Juana. „Um 21:00 Uhr treten die Schüler der Musical-Akademie auf der Bühne mit einer Show auf. Und um 22:00 Uhr wird die Kirmes mit einem großen Kristallfeuerwerk abgeschlossen.“

„Toll!“ Nayeli war begeistert. „Das will ich beides sehen.“

Sie bummelten über den Jahrmarkt. Sie kamen an einer Losbude vorbei und an einem Wagen mit holländischen Waffeln und Schaumküssen, außerdem an einem Stand, an dem man mit Luftgewehren schießen konnte.

„Und, willst du mal schießen?“, fragte Juana.

„Ich mag keine Gewehre“, lehnte Nayeli kategorisch ab.

Aber Juana hörte ihr schon gar nicht mehr zu, denn sie hatte bereits wieder etwas anderes entdeckt. „Was ist das denn?“, fragte sie erstaunt. „Das ist ja cool.“

Zwischen all den modernen Jahrmarktsständen gab es auch einen altertümlichen Zirkuswagen. Es handelte sich dabei nicht um einen Nachbau, den man auf alt getrimmt hatte, sondern er wirkte wirklich so, als stammte er aus dem 19. Jahrhundert.

Nayeli erstarrte, als sie diesen Wagen sah. Das war doch unmöglich! Dieser Wagen sah haargenau so aus, wie der, der vor vier Jahren in Mexiko auf der Feria gestanden hatte. Wie konnte das sein? Unweigerlich fasste sich Nayeli an den Hals und fühlte die dünne Silberkette, an der kein Anhänger hing.

„Madame Verité“, las Juana das Schild am Eingang des Wagens vor. „Wahrsagen. Kartenlegen, Handlinienlesen.“ Juana blickte zu Nayeli. „Großartig! Wollen wir uns nicht die Zukunft vorhersagen lassen?“

Nayeli schüttelte den Kopf.

„Ach komm schon, das wird lustig. Wir können sie fragen, ob Aaron wirklich nicht schwul ist.“

„Ich will aber nicht.“

„Warum denn nicht?“

Nayeli durchwühlte ihr Hirn nach einer Ausrede. „Weil das bestimmt sehr teuer ist. Das Motto 'Fragen kostet nichts' gilt nicht für Wahrsager.“

„Ich lade dich ein“, erwiderte Juana.

„Das geht doch nicht.“

„Natürlich geht das.“

Nayeli wusste nicht mehr weiter. „Wollen wir nicht doch lieber mit dem Luftgewehr schießen?“

Juana musterte sie mit schmalen Augen. „Hast du etwa Angst?“

„Nein.“ Nayeli biss sich selbst auf die Lippen. „Ich meine ja. Ich habe Angst.“ Sollte Juana sie doch ruhig für einen Feigling halten, Hauptsache, sie musste nicht in diesen Zirkuswagen.

Juana stierte sie immer noch an. „Das will ich wissen. Ich will wissen, wie schreckhaft du bist.“

„Und wie willst du das herausfinden?“

„Hier gibt es bestimmt irgendwo eine Geisterbahn.“

„In Ordnung“, sagte Nayeli erleichtert. „Lass uns zur Geisterbahn gehen.“ Eigentlich hatte sie Geisterbahnen immer gemieden, aber solange es sie von Madame Verités Wohnwagen wegführte, war es ihr recht. Hoffentlich würde es nicht allzu gruselig werden.

Die Geisterbahn nannte sich „Dämonikum“ und sah von außen aus wie ein Geisterschloss. Die Anlage war riesig! Wasserspeier und Monster starrten einen von der schwarzen Fassade aus an und düstere Orgelmusik verhieß Unheil. Die bunt blinkenden Lichter machten dieses Horrorhaus nicht fröhlicher, im Gegenteil, dadurch entdeckte man immer mehr Ungeheuer an dem Stahlkoloss, Schlangen, Drachen und Totenschädel.

Der Schausteller, der das Dämonikum betrieb, sah allerdings äußerst freundlich aus mit

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 08.07.2015
ISBN: 978-3-7396-0429-9

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