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Die sieben Schriftrollen

 

So fing alles an…

Früh morgens wachte die dreizehnjährige Lucy auf. Ihr Wecker klingelte schon lange. Schlaftrunken schlurfte sie zum Bad und putzte sich ihre Zähne. Sie richtete ihre zerzausten Haare auf, trank schnell einen Kakao und schwang sich auf ihr Fahrrad.

Später in der Hailencross Highschool traf sie sich mit ihren Freundinnen und die drei begannen, von der Klassenfahrt zu reden. „Hey“, sagte Ann, „Freust Du Dich auch schon auf die Klassenfahrt?“ „Klar, ich bin schon voll aufgeregt“, antwortete Marry. Jetzt öffnete Lucy ihren Mund, doch Ann war schneller „Sollen wir uns heute Nachmittag treffen und in der Stadt noch ein paar Sachen für die Fahrt kaufen? Ichwollte mir noch ein Top kaufen.“ „Oh ja“, sagte Marry, „um drei Uhr bei Dir Ann. O.k., Lucy?“ Lucy, die auch genau das fragen wollte, willigte natürlich ein. Als die drei bei Ann waren, sprachen sie vom vorherigen Tag und gingen in die Stadt. Nach einem kleinen Stadtbummel ließen sie ihren Nachmittag bei einem leckeren Eis ausklingen.

Dabei einigten sie sich, dass sie auf jeden Fall in einem Zugabteil sitzen würden. Dann ging jede nach Hause, um ihre Tasche zu packen. Am Abend lag Lucy noch lange wach in ihrem Bett und grübelte über den morgigen Tag nach .Sie hatte ein mulmiges Gefühl im Bauch, würde wirklich alles gut gehen oder würde sich schon morgen ihr Geheimnis enthüllen?

Am nächsten Tag stand Ann schon lange am Bahnhof. „Mist! Wann kommen die denn endlich?“ dachte sie. Ann guckte verschlafen auf ihre Uhr. Als der kleine Zeiger schon auf die Sieben zeigte, tippte ihr jemand auf die Schulter. Erschrocken drehte sie sich um. „Ah, da seid ihr ja endlich!“ sagte Ann erleichtert, als sie erkannte, dass es Lucy und Marry waren „Klar, denkste wir kommen erst dann, wenn der Zug schon weggefahren ist?“, antworteten Marry und Lucy wie aus einem Mund. Ein lautes Pfeifen erklang und die drei sahen, wie der Zug quietschend auf den Gleisen hielt. Kurz darauf kam ihre Lehrerin, eine schlanke, stark geschminkte Frau, aus dem Zug heraus und schrie: „Alle Kinder aus der siebten Klasse kommen zu mir, aber schnell!“

Als sie im Abteil saßen, schaute Lucy verträumt aus dem Fenster auf die vorbei rasende Landschaft. Während Ann und Marry sich unterhielten. „Zum Glück haben wir dieses Abteil nur für uns.  Ich hätte keine Lust mit unserem Lehrer hier zu sitzen.“ Sagte Ann.

„So wie die im Abteil vor uns?“ Marry lachte „Die haben auch noch den Schlimmsten erwischt.“ Ann erwiderte ihr Lachen, „ genau darauf habe ich angespielt.“ Dann war Stille, jedoch nur für einen kurzen Augenblick, denn Anns Magen fing an zu knurren. „Kommst du mit mir mit was zu Essen holen?“ fragte sie. „ Ja… ich kaufe mir dann auch eine Wasserflasche, die habe ich sowieso vergessen einzupacken.“   

Die beiden verschwanden nach nur einer Viertelstunde Fahrt, aus ihrem Abteil und gingen zum Zugkiosk. Kaum waren Ann und Marry weg waren, spürte Lucy einen stechenden Schmerz in ihrer Brust. Sie glitt zu Boden und langsam flossen Tränen ihre Wange herunter. Dann verlor sie ihr Bewusstsein. Als Ann und Marry kurz darauf die Abteiltür öffneten, blieb Marry wie angewurzelt stehen, während Ann ihr in den Rücken stolperte und erst dann bemerkte, dass Lucy bewusstlos auf dem Boden lag. Jetzt ließ sie ihr zuvor gekauftes Brötchen auf den Boden fallen, ging an Marry vorbei und beugte sich über Lucy. Nun konnte auch Marry sich wieder bewegen und schloss die Abteiltür. Warum sie das tat, kann sie nicht erklären. Es war als wäre sie von jemand anderen gesteuert worden, der ihr befahl, die Tür zu schließen. Die beiden Mädchen konnten nicht glauben, was geschah. Während sie geschockt auf Lucy starrten, fing diese an sich zu verwandeln. Ihre Hände bekamen einen bräunlichen Schimmer und dünnes Fell kam zum Vorschein. Anstatt ihrer Fingernägel, bildeten sich nun dunkle Krallen. Zwischen Lucys Haaren wurden spitze Ohren sichtbar. Auch die Nase glich der einer Katze. Schon bald hatte sie sich gänzlich in ein katzenähnliches Wesen verwandelt. Inzwischen war die ganze Haut bräunlicher geworden und besaß Ansätze von dünnen Streifen, wie bei einem Tiger.

Dann schlug sie ihre strahlend grünen Augen auf und sah durch ihre ovalen Pupillen zu Ann und Marry auf. Diese konnten nun wieder sprechen „Wie siehst du denn aus? Und was ist passiert? “Lucy, die bleich, aber lebendig im Abteil stand, guckte ihre Pfoten an und sah besorgt aus. Erst dann umarmten Marry und Ann sie stürmisch und wischten die letzten Tränen von ihren Wangen. Lucy schaute ihren Freundinnen in die Augen, sie war sich sicher, dass sie ihnen vertrauen konnte. So fing sie an, von ihrem tiefsten Geheimnis zu erzählen.  „Es ist schon fast zwei Jahre her, als ich an einem Sonntagmorgen in den Park ging. Eigentlich wollte ich nur kurz frische Luft schnappen, doch als ich den Schotterweg langlief, kam es mir vor als würde mich jemand von einem Gebüsch aus beobachten. Aus diesem Grund näherte ich mich vorsichtig, doch dort stand kein Mensch, sondern nur eine Bank. Mir kam es vor, als kämen Geräusche aus der Bank; ich setzte mich und lauschte, doch in diesem Moment wurde die Bank unsichtbar. Ich wollte aufstehen und wegrennen, doch ich konnte nicht aufstehen; es war so, als würde die Bank mich fest halten. Anschließend landete ich in einem sehr großen Raum mit einer Kuppel. Auf einmal öffneten sich mindestens 30 Türen, die in der Wand versteckt gewesen waren. Aus diesen Türen kamen zu meiner Überraschung Katzen. Eine Tür jedoch war doppelt so hoch wie ihr beide zusammen. Aber aus dieser Tür kam eine so große, gewaltige Katze, wie ich es nie zu träumen gewagt hätte. Ich hatte Angst. Durch meinen Körper floss ein unwohles Gefühl. Vor allem als sie begann, ihre langen, spitzen Zähne zu feilen. Als die Zähne glänzten, biss sie mich in meinen Arm. … Warum ich nicht versucht habe zu fliehen, weiß ich nicht… Danach musste ich wohl zwölf Stunden ohnmächtig gewesen sein. Denn als ich aufwachte, saß ich wieder auf der Bank im Park und hörte die Kirchturmuhr zehn Uhr schlagen. Ich war einen kurzen Moment in der Hoffnung, das alles wäre nur ein Traum gewesen. Doch leider war es das nicht. Als ich nämlich meine Hände ansah, sah ich auch, dass es nun Pfoten waren. Nicht nur, dass eine Frau, die auch halb Katze war, sich neben mich setzte. Diese Frau erklärte mir, dass ich ein Katzenmensch bin. In der erwähnten Katzenwelt ist eine Stunde in etwa so lang wie eine Minute in unserer Welt. Außerdem erklärte sie mir, dass nur jeder hundertste Mensch ein Katzenmensch ist und dass es eine geheime Katzenwelt (Welt XT 83) gibt. Jeder Katzenmensch hat ein Amulett. Dreht man das Amulett um, wird man ein Katzenmensch, anders herum ist es genau so. „Also dreh dein Amulett jetzt um“ sagte die Frau. Als ich das getan hatte, war ich wieder in meinem menschlichen Körper. Nun ja, jetzt habe ich das Amulett um meinen Hals und kann es nicht abnehmen.“ Ann schaute Lucy erstaunt an und fragte: „Und warum bist du jetzt ein Katzenmensch geworden, obwohl du das Amulett gar nicht umgedreht hast?“ „Also…“, sagte Lucy. „… ich muss es euch wohl ganz erklären. Im dreizehnten Lebensjahr eines Katzenmenschen ist eine der größten Prüfungen überhaupt. Bei dieser Prüfung nimmt die Alphakatze meinen menschlichen Körper weg. So muss ich alleine oder mit höchstens drei Freundinnen die Prüfung schaffen… also in diesem Fall würde ich natürlich euch mitnehmen. Wir müssen dann wieder zu der versteckten Bank gehen und in dem versteckten Raum, wo wir dann landen, gibt uns die Alphakatze sieben Schriftrollen, in denen sieben Rätsel stehen. Wenn wir es schaffen, alle sieben Rätsel zu lösen, finden wir meinen Körper wieder und ich kann wieder Mensch oder Katzenmensch sein. Wenn wir es aber nicht schaffen, dann kriege ich meinen Körper nicht wieder. Mein Amulett wird abgerissen und ich kann nie wieder ein normaler Mensch sein.“ „Wow!“ sagten Ann und Marry wie aus einem Mund.“ Lucy du weißt aber schon, dass das ziemlich verrückt klingt?“, ergänzte Marry. „Ich weiß, ihr müsst mir einfach vertrauen. Ich meine, du siehst ja, was mit mir passiert ist.“ Da hatte Lucy recht, ansonsten würde Marry ihr wahrscheinlich gar nicht glauben. Dann fiel ihnen ein, dass sie im Zug saßen, der sich schon einige Kilometer vom Park entfernt hatte. Der Zug fuhr schon in die Savanne hinein, die hinter dem kleinen Dorf lag, in dem sie lebten. Es war also schwer irgendwie zum Park zu gelangen. Sie spielten mit der Idee, aus dem Zug zu springen. Im Sand würden sie ja relativ weich landen. „Mir ist gerade so eine Idee gekommen… weiß jemand von euch, wie wir den Schlüssel von dem letzten Waggon bekommen können?“, fragte Lucy. „Ja, ich“, sagte Ann „Wir können ja einfach sagen, einer von uns hätte etwas dort liegen gelassen. Nur wer fragt?“ „Das mache ich, wenn ihr damit einverstanden seid“, antwortete Marry. Alle waren damit einverstanden, und kurz darauf ging sie zu ihrer Lehrerin und erkundigte sich, ob sie vielleicht den Schlüssel von dem Waggon haben könnte, immerhin habe sie dort ja etwas vergessen. Zum Glück bekam Marry den Schlüssel und rannte damit zurück zum Abteil. Als sie herein kam und Lucy und Ann die Nachricht übermittelte, warf Ann ein weißes Bettlaken über Lucy, welches sie vorher schon aus ihrem Rucksack geholt hatte, damit keiner Lucy in ihrer jetzigen Gestalt sehen konnte. Während sie durch den Zug rannten, wurden ihnen neugierige Blicke zugeworfen, doch glücklicherweise kam keiner aus seinem Abteil. Ann, die vorgerannt war, hatte die Tür für den Notausgang schon geöffnet.

An diesem Morgen war die Klassenfahrt ihnen noch wie das Aufregendste erschienen, was passieren konnte, aber jetzt hatte sich alles verändert. In ihnen brannte die Neugier und die Lust, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Jetzt warfen die drei Mädchen ihre drei ihre Rucksäcke nach draußen, damit sie sich beim Springen nicht verletzten. Lucy sah, wie der Boden unter ihr wegraste, gleich mußte der Zug seine Fahrt wegen einer scharfen Kurve wesentlich verringern. Sie spürte den Fahrtwind und das kalte Metall der Zugtür unter ihren Händen. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen, hielt den Atem an und stieß sich ab. Nach nur kurzem Zögern sprangen auch Ann und Marry. Als die drei mit Schrammen an den Beinen aufstanden, suchten sie ihre Rucksäcke, die weiter weg waren, als die Freundinnen vermutet hatten. Sie waren nun schon eine halbe Stunde unterwegs, als Marry sagte: „Können wir nicht eine kleine Pause machen? Ich möchte nur einen Schluck trinken.“ Damit waren die anderen beiden einverstanden.

Doch gerade, als Marry ihre Flasche öffnete, tauchte plötzlich eine große Staubwolke wie aus dem Nichts auf. Zwei Minuten lang war Totenstille, bis sich die Staubwolke lichtete. Man erkannte drei Pferde und zwei Reiter. Ein alter Mann mit einem Cowboyhut und einem weißen Rauschbart fragte heiser: „Was habt ihr denn hier in der Savanne verloren?“ „Wir… äh… haben uns verlaufen und möchten gerne wieder zu unserem schönen Dorf zurück, welches dort hinten liegt.“ Lucy zeigte mit dem Finger in die scheinbar nicht endende Savanne. „Nun ja…“ Obwohl er sie schon vorher beobachtet hatte, machte er ein fragendes Gesicht. „Wenn ihr möchtet, können wir euch mitnehmen. Wir wollten sowieso zu dem Dorf reiten.“ „Natürlich kommen wir mit!“ sagte Marry. Darauf antwortete der Mann: „In Ordnung, aber erst muss dieses Mädchen da das Bettlaken vom Kopf nehmen.“ „Ach ja,… äh… Lucy hat eine Krankheit und sie möchte so nicht gesehen werden.“ „In Ordnung, wenn sie darauf besteht, muss sie mit meinem Sohn auf dem Pferd reiten. Sie sieht ja sonst gar nichts.“  So einigten sie sich schließlich darauf, dass Lucy mit dem Sohn ritt und Ann und Marry zusammen auf einem Pferd ritten. Nach ungefähr einer halben Stunde konnten sie alle das Dorf deutlich erkennen. Kurz darauf liefen sie schon im Park herum. Gerade als die Uhr 11Uhr schlug, blieb Lucy abrupt stehen. Dann schaute sie sich um. Niemand war in der Nähe. Ein bisschen zögernd nahm sie das Bettlaken von ihrem Körper und sagte: „Seht ihr? Da vorne steht eine Bank hinter den Bäumen.“ „Wo? Ich sehe nichts.“ sagte Ann, worauf Lucy antwortete: „Ach ja, ich habe mich vertan, ihr könnt die Bank gar nicht sehen. Aber kommt mal hier hin, ihr könnt sie fühlen.“ Vorsichtig kamen Ann und Marry in das Gebüsch zu Lucy. In dem Gebüsch betasteten sie dann die unsichtbare Bank. Als Ann und Marry fertig waren, setzten sich die drei darauf. Lucy erklärte ihnen, dass die Bank gleich langsam im Boden versinken würde und sie keine Angst haben müssen. Genau so, wie Lucy es ihnen gesagt hatte, versank die Bank kurz darauf mit den Freundinnen in dem Boden. Es war komisch mit anzusehen, wie sie im Boden verschwanden. Zuerst die Beine, dann der Oberkörper und schließlich der Kopf. Dann fielen sie ins Nichts. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl, alles kribbelte in ihnen und gleichzeitig hatten sie das Gefühl zu schweben. Unsanft landeten sie schließlich in einem großen Raum mit einer Kuppel und ganz vielen Türen. „Das ist also der Raum, von dem du uns erzählt hast. Ich habe ein sehr ungutes Gefühl. Können wir nicht umkehren?“ stotterte Marry. Aber Lucy erwiderte: „Nein, wir können jetzt nicht mehr zurück. Damit die Katzen aber Bescheid wissen, dass wir da sind, müssen wir uns auf den rot leuchtenden Kreis in der Mitte stellen.“ Als die drei Freundinnen zögernd den roten Kreis betraten, flüsterte Lucy ihnen noch zu, dass sie nichts sagen sollten, es sei denn, eine der Katzen fragte sie. Denn die „Chef-Katze“ lässt sich leicht reizen. Kaum hatte Lucy ausgesprochen, öffneten sich alle Türen und Ann und Marry verzogen sich instinktiv an die Stelle in den Raum zurück, wo ausnahmsweise keine Tür war. Doch als nun die Riesenkatze den Raum betrat, blieb ihnen der Schrei in der Kehle stecken. Lucy hingegen tat so, als ob nichts wäre, obwohl ihr in Wirklichkeit auch ihr Magen rebellierte. Nun hallte die laute, tiefe Stimme der riesigen Katze durch den Raum: „Was willst Du?“

„Ich heiße Lucy und Sie haben meinen menschlichen Körper weggenommen. Heute Morgen im Zug.“ „Ach ja, habe ich fast vergessen. Zurzeit finden sehr viele Prüfungen statt. Du musst mir nur eben sagen, wie deine Freundinnen heißen. Sonst könnte es sein, dass man sie für Spione hält und sie aus irgendeinem Grund den Weg in die Katzenwelt kennen.“

So sagte Lucy der Katze die Namen von Ann und Marry. Die Katze fing nun an, mit einer Art Computer zu sprechen, mit dem sie anscheinend Informationen über Ann und Marry raussuchte. Denn schon bald erschienen auf dem Bildschirm Passfotos und Lebensläufe von den beiden. Damit gab sie sich zufrieden und zischte: „Ich suche eben die Schriftrolle für dich. Es könnte sein, dass es ein wenig länger dauert, bei dem ganzen Papieren. “Damit verschwand die Katze in der Tür.

Die erste Schriftrolle

Lucy kam es vor, als hätte die Katze eine halbe Stunde gebraucht, bis sie wieder aus der Tür trat, obwohl es in Wirklichkeit nur zehn Minuten waren. Sie übergab Lucy die Schriftrolle, die mit einem wunderschönen roten Band umwickelt war. „Jetzt müsst ihr diesen Raum verlassen. Ich will meine Ruhe haben“, befahl ihnen die Alpha-Katze. Sie blickte auf die Stelle, wo Marry und Ann standen und wo keine Tür war. Plötzlich bildete sich hinter den beiden Mädchen eine Tür, die nach draußen in die Katzenwelt führte.

Kurz darauf standen die Mädchen glücklich im Freien. Sie waren froh, endlich aus dem Raum mit den ganzen Katzen heraus zu sein. Die drei Freundinnen setzten sich auf einen großen, flachen Felsen, welcher von der Sonne angewärmt war. Jetzt öffnete Lucy die Schriftrolle. Auf den ersten Blick konnten alle drei sehen, dass irgendetwas nicht stimmte. Trotzdem las Marry den Text, der auf der Schriftrolle stand vor.

„Schriftrolle 1: Der igel entwirft seltsame eier. sein Rüssel ähnelt toms sau elefanten. lina ist sonntags torte. nina opfert carls hemde. loisa enthält immer clowns. Herr tourto glaubt endlich herr ecker zu umbringen mit Vorstellungen. unten lauschen katzen. ameisen nehmen alle unter sonne weg. ein montag endet immer gleich. er läuft bergab fällt landet im euhaufen.

ßeiße toms dady opfert rote teufel. Faul ist elina. nein die elefanten sind dausgebüchst. clowns sammeln turteltäubchen. er raucht ähnliche tabletten. sei einfach lieb.“

„Äh…“, fragte Ann, „was bitteschön soll dieser Text bedeuten?“

„Um ehrlich zu sein, weiß ich es auch nicht, aber eines kann ich mir denken. Wahrscheinlich muss irgendwo im Text die Lösung versteckt sein. Ich vermute, es ist eine Geheimschrift oder so.“

„Ich habe eine super Idee! Wir können ja zu einer Bibliothek gehen und Bücher mit Geheimschriften wälzen. Oder?“ fragte Marry. „Juhuu Bücher…“, sagte Ann mit einer derartigen Betonung, dass man die Ironie gar nicht überhören konnte. Lucy hingegen war mit der Idee einverstanden. Sie wusste, wo eine Bibliothek in der Nähe war und so machten sich die drei Freundinnen auf den Weg zur Bibliothek. Als sie jedoch an der Bibliothek ankamen, erlebten sie eine herbe Enttäuschung. Denn an der Tür hing ein Zettel, auf dem stand:

 

Bibliothek ist für ein Jahr geschlossen!!!

 

Jetzt grübelte Lucy. Denn sie wusste, dass die Bibliothek, die sonst noch zur Verfügung stand, am anderen Ende der Stadt lag. Doch die Stadt war riesig! Lucy kam auf einmal ein rettender Gedanke; ihr war nämlich eingefallen, dass die drei sich Flügel ausleihen konnten. Das würde zwar Geld kosten, aber sie hatten ja alle Geld mit, womit sie sich eigentlich Erinnerungsstücke an die Klassenfahrt kaufen wollten. Schnell unterrichtete Lucy die anderen beiden von dem Einfall. Sie waren ganz begeistert von der Vorstellung, fliegen zu können, und so sah man die Freundinnen kurz darauf vor einem kleinen, sehr farbenprächtigen Stand stehen. Während Lucy sich dort darum bemühte, Flügel für die drei auszuleihen, sah Ann sie von der Seite an. Sie konnte sich immer noch nicht an die ungewöhnliche Erscheinung von Lucy gewöhnen. Ihre Gedanken wurden unterbrochen, da Marry sagte: „Ich weiß nicht, aber sollten wir nicht besser erst morgen fliegen? Wir haben schon 20 Uhr, und wenn wir dann ankommen, hat die Bibliothek sowieso geschlossen. Immerhin gibt es ja keine Zeitbeschränkung zum Lösen der Rätsel, oder… Lucy?“

„Doch, es gibt eine Zeiteinschränkung und die besagt, dass wir ein Jahr Zeit haben, um die Rätsel zu lösen. Mit den Flügeln gibt es dagegen keine richtige Leihfrist, aber an ihnen sind kleine Sensoren angebracht, die die Meter messen. Wenn man zu viel fliegt, stürzen sie ab, wir müssen also gut aufpassen“, antwortete Lucy. „Vielleicht wäre es wirklich sinnvoll, erst morgen zu fliegen. Kommt mit, ich kenne einen netten Wirt, der hier ganz in der Nähe einen Gasthof hat. Dort können wir bestimmt unsere Flügel unterstellen und schlafen.“

So machten sich die drei Mädchen kurz darauf auf den Weg zum Gasthof. Als sie den Gasthof betraten, kam ein wohlgenährter, freundlich aussehender Wirt mit einer Latzhose und einem karierten Hemd auf sie zu. Auch er besaß Katzenohren, jedoch waren sie um einiges runder als die von Lucy. Ansonsten sah er aus wie ein ganz normaler Mensch, der jetzt Lucy umarmte. Der Wirt brachte den Dreien Essen und sah glücklich zu, wie die Freundinnen genüsslich aßen. Nach dem Essen setzten sich alle mit dem Wirt an einen Tisch und Lucy erklärte, wieso sie hier waren.

„Natürlich könnt ihr hier schlafen. Ich habe oben auf dem Dachboden ein schönes Zimmer für drei Personen. Da könnt ihr gerne schlafen“, sagte der Wirt. Kurz darauf lagen Ann, Lucy und Marry im Bett. Die Augen fielen ihnen wie Steine zu. Am nächsten Morgen wurden die Freundinnen von Tommy, dem Wirt, aus dem Schlaf gerissen.

„Jetzt schon??? Ich bin noch hundemüde. Wie spät haben wir denn???“, gähnte Ann. Tommy antwortete: „Wir haben schon zehn Uhr.“ „Schon? Normalerweise wollten wir schon weg sein“, sagte Marry. Auf einmal fiel Marry und Ann auf, das Lucy gar nicht in ihrem Bett lag. Gerade als sie fragen wollten, wo Lucy wäre, kam sie mit Essen und Trinken herein, das sie auf einem Tablett trug.

Als sie die Brötchen gegessen hatten, waren sie papp satt. Danach verabschiedeten sie sich von Tommy und gingen auf eine große Wiese, die ungefähr 500 Meter vom Gasthof entfernt war. Dort breiteten sie ihre Flügel aus und Lucy zeigte ihnen, wie man fliegt. Lucy konnte fliegen, bei ihr sah es richtig elegant aus, wie sie sich in die Luft erhob. Zumindest im Gegensatz zu Ann und Marry, die sich ziemlich ungeschickt anstellten. Ann lief falsch an und Marry konnte den Absprung nicht. Nach vielen Versuchen schafften sie es schließlich doch noch. Als sie in der Luft waren, kamen sie gar nicht mehr aus dem Staunen über die wundervolle Aussicht heraus. Nach ganzen drei Stunden Fliegen landeten sie vor einer riesigen Bibliothek.

Die Bibliothek war von einer gelben Fassade umhüllt. Sie bestand aus mehreren ungleichgroßen Kuppeln und Kugeln. Fünf große Halbkugeln schienen das ganze Gebäude aufrecht zu erhalten, darauf baute sich alles auf. Kleinere Kugeln, die sich auf drei dieser Kuppeln befanden, schienen mit Terrassen oder großen Balkonen bestückt zu sein. Denn man konnte elegant geschwungene Zäune um hervorgehobene gerade Stellen entdecken. Auf den anderen zwei Kuppeln befanden sich eine senkrecht und eine waagerecht gekippte Halbkugel. Die waagerechte Halbkugel war jedoch mit der Rundung auf der größeren Kuppel befestigt, so dass dort oben auf der ebenen Stelle Pflanzen wuchsen. Vermutlich war es ein Garten, den es sah alles sehr gepflegt aus.

Fasziniert betraten sie die Bibliothek, in der die Regale schwebten. Von innen wirkte die Bibliothek einladend und gemütlich. Überall standen kleine Sofas mit mehreren bunt bestückten Kissen. Die Mädchen fühlten sich direkt wohl. Ann setzte sich auf ein Sofa und genoss die ruhige Atmosphäre. Denn diese Gelegenheit würde sie bestimmt nicht so oft bekommen, vor allem nicht in dieser anderen Welt. Plötzlich wurden ihre Fingerspitzen rot. Lucy, die so tat, als wäre alles normal, schrieb mit ihren Fingern in die Luft: G e h e i m s c h r i f t e n.

Als Lucy zu Ende geschrieben hatte, öffnete sich hinter ihnen mit einem lauten Knarren eine Schranktür. Lucy fuhr mit ihrem Finger über die Bücher und las die Titel laut vor: „Welche Geheimschriften gibt es?, Warum benutzt man Geheimschriften, Geheimschriften: Früher und heute, Wie löse ich Geheimschriften?“ Lucy nahm das Buch mit den Titel: Wie löse ich Geheimschriften? Aus dem Regal und schlug das Inhaltsverzeichnis auf. Sie brauchte gar nicht lange suchen da fand sie schon, was sie suchte: Texte ohne “Sinn“. Lucy zeigte Ann und Marry die Seite und Marry las es einmal laut für alle vor: „Der igel endet“ Die Anfangsbuchstaben waren dick geschrieben und wenn man nun alle Anfangsbuchstaben zusammenfügte, ergab es ein Wort. Danach holte Lucy die Schriftrolle hervor und die drei Mädchen machten sich an die Arbeit, alle Anfangsbuchstaben herauszuschreiben. Tatsächlich!!! Es ergab einen Text, Marry las vor: „Dieses Rätsel ist noch leicht gehe zum Vulkan, aus wem Eigelb fließt. Dort findest du das nächste Rätsel.“ Marry guckte verdutzt, „Aus welchen Vulkan fließt Eigelb und warum sind da Rechtschreibfehler drin?“ Lucy erklärte ihr daraufhin, dass es nur einen einzigen Vulkan gab in Welt XT 83, aus dem Eigelb floss. Außerdem noch, dass dieser Vulkan nur fünf Kilometer entfernt lag und dass die Katzen in der Welt eine große Rechtschreibschwäche hatten.

Aber immerhin mussten sie, bevor sie aufbrachen, noch etwas essen, denn es war halb zwei und die drei hatten großen Hunger. Doch Ann hatte an alles gedacht, sie nahm aus ihrem Rucksack einige Butterbrote mit Aufschnitt heraus und drei Wasserflaschen. Genüsslich aßen sie alles auf und Lucy zeigte ihnen, wo es lang ging. Lucy dachte daran, wie gut es war, sich die Flügel ausgeliehen zu haben. Denn sie konnte sich gut vorstellen, dass die Gehilfen der Riesenkatze die Schriftrolle irgendwo oben auf dem Vulkan versteckt hatten. Nun konnte man sehen, wie die drei Freundinnen auf einem Vulkan landeten, aus dem das Eigelb in riesigen Mengen nur so blubberte. Lucy sah sich um. Wo könnte die Schriftrolle sein? Da fiel ihr ein, dass es hier oben einen Eingang gab, der ins Innere des Vulkans führte. Wenn die Schriftrolle dort nicht war, wollte Lucy einen Besen essen. Schnell informierte sie ihre Freundinnen und es dauerte gar nicht lange, bis sie die Höhle gefunden hatten. Langsam flogen sie hinein. An einer Stelle ging es plötzlich steil runter. Dort flogen sie hinunter und je tiefer sie kamen, desto heller wurde es. Schließlich kamen sie unten an und wie erwartet lag dort auf einer kleinen Felserhöhung die zweite Schriftrolle. Ann jedoch beachtete die Schriftrolle erst gar nicht. Sie guckte, woher das Licht kam. Denn schließlich waren sie tief unten in einer Höhle und da ist normalerweise kein Licht. Auf einmal sagte Ann: „Leute, guckt mal, hier ist ein von Pflanzen bewucherter kleiner Pfad. Der führt bestimmt nach draußen.“ Schnell nahm Lucy die Schriftrolle und folgte Ann und Marry, die durch den Pfad nach draußen krochen.

Es war für die drei ein schönes Gefühl, frische Luft zu schnappen. In der Höhle war es nämlich heiß und vor allem stickig.

Die zweite Schriftrolle

Jetzt rollte Lucy gespannt die Schriftrolle auf und las vor:

„Um die dritte Schriftrolle zu finden, musst du zum weisen Berg gehen. Wenn du den Eingang, der in den Berg führt, gefunden hast, betrete ihn. Im Inneren wirst du einen hell leuchtenden Kreis auf dem Boden finden, direkt neben einer Schlucht. Wenn du dich darauf stellst, werden aus Löchern in der Felsenwand Gubbies springen. Die werden dir dann Fragen stellen, jeder Gubbie eine. Solltest du die Frage lösen, klappt der Gubbie auseinander und bildet einen Teil einer Brücke. Zehn Gubbies in unterschiedlichen Farben werden erscheinen. Du musst wenigstens sieben Fragen lösen, dann ist die Brücke vollständig. Gehe anschließend über die Brücke, die zum anderen Ende der Schlucht führt. Dort liegt die Schriftrolle.“

Einen Moment standen alle ratlos da und überlegten, was Gubbies seien. Kurz danach holte Lucy aus ihrem Rucksack ein sehr dickes rotes Wörterbuch. Sie schlug es auf und suchte nach dem Wort Gubbies. Schnell hatte sie es gefunden und noch einmal las Lucy laut vor: „Gubbies: Gubbies sind kleine Wesen ohne Arme und Beine, aber Hände und Füße haben sie. Gubbies haben riesige runde Glupschaugen im Vergleich zu dem Körper. Die Augen haben einen Durchmesser bis zu 15cm. Ihre Körpergröße beträgt, wenn sie ausgewachsen sind, 80cm. Normalerweise sind sie lieb, es sei denn, man ärgert sie, dann können sie richtig zubeißen, obwohl man die Zähne so gar nicht sieht. Ihre Körperform ähnelt der Form eines Eises, außer, dass sie nach unten dicker werden. Ihr Körper kann alle Farben enthalten von schwarz bis neongrün. Ihre Haut fühlt sich wie die einer Schlange an, nur ganz glatt. Vorsicht: Gubbies können sehr hoch springen und hassen es, wenn man sie kitzelt.“ Jetzt sagte Ann: „Ach so, nur weißt du, wo der weise Berg ist, Lucy?“

„Ja ich weiß, wo der Berg ist. Das hat mir die Frau, von der ich euch schon erzählt habe gesagt. Zusätzlich hat sie mir aber noch einmal eine Karte gegeben.“ Es sah nicht so aus, als hätten Ann und Marry verstanden, welche Frau Lucy meinte. Aber trotzdem machten sie ein zufriedenes Gesicht, weil Lucy wusste, wo der Berg war. Lucy machte ihnen klar, dass sie jetzt losfliegen mussten. Ansonsten könnten die Freundinnen erst am nächsten Tag fliegen und hier eine Raststelle zu finden war schwer. So machten sie sich auf den Weg und flogen Lucy hinterher. Plötzlich gab Lucy den anderen beiden ein Zeichen, dass sie anhalten sollten. Als alle in der Luft stehen geblieben waren, kam ein Vogelschwarm haarscharf an ihnen vorbei geflogen. Lucy erklärte Ann und Marry, dass die Vögel immer Vorfahrt haben. Nun kam Marry neben Lucy, denn Lucy hatte sie zu sich gerufen.

„Weißt du vielleicht, in welche Himmelsrichtung wir jetzt fliegen müssen? Du weißt ja, dass ich noch nie gut in Kartenlesen war“, fragte Lucy. Marry warf einen Blick auf die Karte. Dann antwortete sie: „Ja, wir müssen jetzt noch zwanzig Kilometer in Richtung Südost. Nur wir haben ein Problem, wir alle können nur noch fünfzehn Kilometer fliegen und wir haben noch zusätzlich die Flügel genommen, die, wenn man die bestimmte Zahl an Kilometern geflogen ist, einfach abstürzen.“

Das wussten auch Ann und Lucy und darum wollten sie besonders darauf aufpassen, dass sie nicht zu viel flogen. Doch leider schafften sie es nicht ganz. Nach knapp fünfzehn Kilometern gaben die Flügel von Marry den Geist auf. Sie stürzte! Schnell flogen Ann und Lucy hinterher und versuchten, Marry aufzufangen. Doch jetzt flogen auch ihre Flügel nicht mehr und so stürzten alle drei ab. Zum Glück landeten sie im Wasser vor einem Bauernhof und verletzten sich nicht. Klatschnass krochen sie aus dem Teich. Dummerweise war es jetzt schon fast dunkel, es würde sich also gar nicht mehr lohnen loszulaufen.

Ein großer Bernhardiner kam freudig auf die drei zugerannt und leckte sie ab. Schreiend rannte der Bauer, ein dicker Mann mit braunem Bart, hinter dem Hund her. Nun kam der Bauer auf die drei Mädchen zu und sagte: „Entschuldigung, mein Hund hat sich losgerissen, aber er hat ja glücklicherweise nichts gemacht, wie es aussieht. Aber wie um alles in der Welt seht ihr denn aus? Seid ihr vom Himmel gefallen? Kommt mit herein. Ihr könnt euch vor dem Kamin aufwärmen und mir dann alles erzählen. In Ordnung?“

„Natürlich“, sagten Ann, Marry und Lucy. Später am Abend saßen die drei Mädchen in Decken gehüllt vor dem Kamin und erzählten dem Bauern und seiner Frau, was sie erlebt hatten. Der fünfjährige Sohn des Bauern spielte in der Zeit mit dem Hund.

Nachdem die Geschichte zu Ende erzählt war, bot die Frau den Freundinnen ein Nachtlager an und legte die nassen Flügel über eine Heizung. Am nächsten Morgen stand etwas Besonderes bevor: Ann hatte Geburtstag. Marry und Lucy waren deshalb auch extra früh aufgestanden. Sie wussten allerdings nicht, was sie Ann schenken sollten. Da fiel der Bauersfrau etwas Fantastisches ein, sie fragte Marry, ob Ann Pferde mag. Marry konnte nur bejahen, Ann liebte Pferde, genau wie sie selbst über alles. Daraufhin sagte die Bäuerin: „Ich könnte euch zwei Pferde für zwei Wochen mitgeben, in Ordnung?“ Alle waren sich einig: „Das ist das perfekte Geschenk!“ Als Ann aufwachte, lag neben ihrem Bett ein selbstgezeichneter Gutschein. Sie las sich den Gutschein durch. Darin stand: „Liebe Ann, Herzlichen Glückwunsch zum 13. Geburtstag. Das ist ein Gutschein für zwei Pferde, die du dir für zwei Wochen ausleihen kannst. Am besten direkt diese zwei Wochen. Von: Marry, Lucy und Familie Meier.“ Ann strahlte vor Freude und wollte direkt die Pferde sehen. Kurz danach führte Frau Meier die Mädchen in den Pferdestall. Sie führte sie vor zwei Pferde und sagte: „Hier sind eure Pferde. Ich hoffe, ihr wisst, wie man damit umgeht. Aber bevor ihr losreitet, müsst ihr was essen, in der Küche stehen Brötchen mit Aufschnitt und Milch.“ Schnell rannten die drei in die Küche und aßen ihre Brötchen. Danach holten sie die Pferde aus dem Stall und verabschiedeten sich von der Familie. Alle hatten schon einmal auf einem Pferd gesessen, nur, dass das Pferd kein Geschirr hatte. Es war bequem in dem weichen Sattel zu sitzen, fand Lucy. Aber für Ann und Marry war es kompliziert auf dem Pferd zu reiten, immerhin mussten sie ja alles mit den Beinen machen und sich an der Mähne fest halten. Nach einer Viertelstunde hatten Ann und Marry es so halbwegs raus, wie man reitet. Ann gab Marry immer Tipps, denn Ann ging ja sowieso in eine Reitschule. Schließlich fiel Lucy ein, dass Sie die Flügel vergessen hatten.

„Denkt ihr, dass wir die Flügel wiederkriegen, wenn wir mit den Pferden zurückkommen?“, fragte Lucy Ann und Marry. „Ich denke schon, sie sind ja auch froh, wenn sie ihre Pferde wiederbekommen. Außerdem waren sie doch ganz nett, wir haben ja bei ihnen übernachtet. Warum sollten sie sie uns also nicht zurückgeben?“, sagte Ann. Das sah Lucy ein und gab sich mit der Antwort zufrieden.

Eine halbe Stunde später kam ein heftiges Gewitter auf. Doch weit und breit war kein Unterschlupf zu sehen. Der Donner wurde immer lauter und die Blitze schienen kurz vor ihnen einzuschlagen. Langsam bekamen die Mädchen es mit der Angst zu tun. Ihre Kleidung war durchnässt und klebte an ihren Körpern. „Ich will hier weg“, schrie Marry, doch ihre Stimme wurde vom Donner übertönt. Jetzt ritten sie im Galopp durch den strömenden Regen. Schließlich fing auch Lucy an zu schreien: „Da vorne ist der weise Berg. Am Fuße des Berges finden wir bestimmt einen Unterschlupf.“

Ann und Marry hatten zwar nichts verstanden, folgten Lucy jedoch und lenkten die Pferde auf den Berg zu. Tatsächlich! Wie Lucy es gesagt hatte, fanden sie am Fuße des Berges einen Unterstand, der selbst für die Pferde groß genug war. Es war eine Höhle aus Stein, die einen ganz stabilen Eindruck machte, immerhin hielt sie dem Gewitter stand. Da es allmählich kälter wurde, stellten die Mädchen sich dicht aneinander. Der Boden war schlammig, Erde rieselte von der Decke und auch die dunkle Wand hinter ihnen machte den Dreien nicht gerade Mut. Im Gegenteil, ihre Angst wurde stärker. Doch schon bald wurde der Himmel heller.

Als das Gewitter endlich vorbei war, ging Marry außen am Berg entlang, als suche sie etwas. In der Zeit kümmerten sich Lucy und Ann um die Pferde.

Plötzlich kam Marry zu ihnen gerannt und sagte aufgeregt: „Leute, hört mal her, ich habe, glaub ich, den Eingang in den Berg gefunden. Auf der anderen Seite vom Berg ist ungefähr zehn Meter über dem Boden ein Loch im Berg, das müsst ihr euch ansehen!“ Marry führte Ann und Lucy an die Stelle, an der sie das Loch gesehen hatte. „Gibt es nicht noch einen anderen Eingang?“, fragte Ann „Ich kletter da bestimmt nicht hoch.“ „Vermutlich nicht. Marry hat doch vorher extra die Bergwände abgesucht. Du schaffst das schon, Marry kann ja vorklettern, du kletterst ihr dann einfach hinterher und ich bleibe hinter dir“, sagte Lucy.

Während Marry nun Ann überredete, ging Lucy zu den Pferden. Dort löste sie die Pferde von den Fußfesseln und flüsterte ihnen etwas ins Ohr. Im nächsten Moment galoppierten die Pferde davon. Lucy hatte die Pferde wieder zurück nach Familie Meier geschickt, da sie nicht wusste, wie lange sie in dem Berg bleiben würden.

Sie war sich sicher, dass die Pferde auch von selbst zu ihrem Zuhause fanden. In der Katzenwelt ist das normal, dort trifft man oft Tiere, die ohne menschliche Begleitung unterwegs sind. Das funktioniert jedoch nur, weil in dieser Welt eine ganz andere und engere Beziehung zwischen den Tieren und den Menschen herrscht. Immerhin sind Katzenmenschen auch Tiere, zumindest ein bisschen.

Lucy kehrte wieder zu ihren Freundinnen zurück und nachdem Marry es geschafft hatte, Ann zu überreden, kletterten die drei die Bergwand hoch. Es war zwar ziemlich steil, zum Glück gab es jedoch genug Vorsprünge, sodass das Klettern nicht ganz so schwer war. Ann sah das anders, sie hatte Höhenangst, biss ihre Zähne zusammen und versuchte, nicht nach unten zu gucken. Sie war nervös, an ihren Händen begann sich Schweiß zu bilden und sie konnte sich nicht mehr richtig festhalten. Mit einer Hand rutschte sie ab und an ihrem Arm fing eine Schürfwunde an zu bluten. Jetzt fing Ann an zu zittern, sie wagte nicht mehr weiter zu klettern und klammerte sich an der Bergwand so fest, dass ihre Knöchel weiß wurden. Marry und Lucy versuchten, ihr zuzureden, doch es schien nicht zu helfen. Erst nach ein paar Minuten, für Ann eine halbe Ewigkeit, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und kletterte die letzten Meter hoch. Oben angekommen sah sie in das Loch. Vom Eingang führte eine Steintreppe tief hinunter bis ins Innere des Berges. Ann trat hindurch und setzte sich neben Marry auf die Treppe.

„Wow“, sagte Lucy, als sie oben ankam, „Seit wann gibt es in dem Berg Steintreppen? Aber ist ja jetzt auch egal, dass erleichtert uns ja nur, in die Mitte des Berges zu kommen.“ Dasselbe hatten auch Ann und Marry gedacht. Ohne ein Wort zu sagen, gingen sie anschließend die Steintreppe herunter. Als sie unten angekommen waren, standen sie in einer ganz normalen Berghöhle. Nirgendwo konnten sie einen hell leuchtenden Kreis sehen und auch keine Schlucht, so wie es in der Schriftrolle gestanden hatte. Enttäuscht lehnte Marry sich gegen die Steinwand. Vermutlich war das wohl doch der falsche Eingang gewesen. Plötzlich fiel sie nach hinten um. Als Marry sich umdrehte, sah sie, dass die Wand hinter ihr ein paar Meter eingefallen war und dass dort nur noch Steinbrocken lagen. Lucy und Ann kamen auf Marry zu und sahen sich die Steinbrocken an. Ann sah an einem Steinbrocken etwas Rotes schimmern. Sie wischte vorsichtig den Staub vom Stein ab und jetzt sah sie, dass das, was sie gesehen hatte, ein großer roter Knopf war. „Schaut mal her. Soll ich auf den Knopf drücken?“, fragte Ann.

„Ja, drück mal drauf. Sonst können wir ja nicht viel machen.“ Nun presste Ann ihren zitternden Finger auf den Knopf. Auf einmal krachte es und die Wände fielen ein paar Meter ein. Jetzt war die Höhle im Gegensatz zu vorher riesengroß. Es lagen zwar nun ganz viele Steinbrocken auf dem Boden, aber immerhin konnte man jetzt die Schlucht und den roten Kreis sehen. Ann, Marry und Lucy stellten sich auf den rot leuchtenden Kreis. Plötzlich sprangen, wie es in der Schriftrolle geschrieben stand, überall aus den Wänden Gubbies. Wo die Gubbies genau herkamen, konnten die drei Freundinnen nicht feststellen. Die Gubbies sprangen einfach aus den Wänden, als wären sie schon ewig darin eingeschlossen. Ann hätte damit gerechnet, dass jetzt ein Gubbie direkt anfangen würde, ihnen eine Frage zu stellen. Doch es kam ganz anders. Ein hellgrüner Gubbie sagte: „Guten Tag, ich heiße Herbie! Meine Freunde sind erst zwei Jahre alt, noch haben sie keine Namen, sie bekommen erst Namen mit zehn. Unsere Gattung der Gubbies kann bis zu zweihundert Jahre alt werden. Wie heißt ihr denn?“ Verdutzt guckten Ann, Lucy und Marry den Gubbie an. So antwortete Lucy auf die Frage, die Herbie gestellt hatte. Ann wollte wissen, ob sie den Gubbies auch Fragen stellen durfte. Doch Herbie und die anderen Gubbies gingen nicht darauf ein und luden die Mädchen zum Tee ein. Marry bekam die Krise, sie sollten hier doch Fragen lösen und nicht in einer Höhle Tee trinken. Herbie führte die drei durch einen kleinen Gang, der in eine kleine Stube führte. Als alle am Tisch saßen, fing einer der kleinsten Gubbies an, eine Frage zu stellen. Die Frage lautete: „Welche Wesen, die von Menschen erfunden sind, gibt

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Copyright Texte: Design Pavoni Verlag
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Lektorat: Design Pavoni Verlag - Carolin Sprick / Renata Kuzu
Tag der Veröffentlichung: 17.10.2013
ISBN: 978-3-7309-5576-5

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