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Auszeit Muffins

 


Anna Conradi



Kapitelübersicht




Widmung



 

 

Letztlich bleiben ihre Worte nichts weiter als Worte einer Wölfin. Wenn ich zulasse, dass sie mich oder mein Leben vergiften, verliere ich und das will die Giraffe in mir unter allen Umständen vermeiden.

Anna Conradi


 

 

1

Die Bässe der Musik dröhnen in meinem Magen und lassen nichts anderes zu, als mich den Klängen völlig anzuvertrauen. Mein Körper verwandelt den Takt in fließende Bewegungen, die weder Sinn noch Ordnung ergeben, aber aus meinen Inneren befreit werden wollen. Die Augen geschlossen, entführt mich der Beat in eine Welt, in der Ordnung herrscht, die unversehrt ist und in der ich problemlos dem Rhythmus des Herzens folgen darf.

Ich werde eins mit den flackernden Lichtern, dem drängenden Takt und mir. So ist es immer, wenn ich tanze. Alle Stimmen in mir werden ruhig und behelligen mich nicht mit Fragen, auf deren Antworten ich jetzt sowieso keinen Bock habe.

Dopamin, Serotonin oder Adrenalin mixen in meinem Körper ein süffiges Gebräu, welches mich trunken und verzückt aus dem ermüdenden Büroalltag holt. Es ist eine total geniale, körpereigene Droge, die mich jeden Freitagabend in diesen Klub zieht. Na ja, zugegebenermaßen sind es zuweilen auch die vielversprechenden Jungs, die einem Flirt nicht abgeneigt sind.

Einer dieser nicht abgeneigten Exemplare tanzt neben mir und bemüht sich um einen dauerhaften Blickkontakt. Vielleicht zog ihn mein Hüftschwung an, vielleicht mein vielversprechendes Lächeln.

Wer weiß.

An einem Ort wie diesem findet sich nicht so leicht der Mann für das Leben. Zumindest habe ich es bislang nicht, was keineswegs schade ist, denn hauptsächlich bin ich hier, um den Stress der Arbeitswoche abzubauen, mich zu amüsieren und auszupowern.

Der Mann für mein Leben würde niemals ohne mich in Klubs gehen. Er streift vor der Haustür nicht heimlich den Ring ab, den ich ihm einst in einem bewegenden Ritual auf dem Finger schob. In meiner Vorstellung hätte er nicht das Bedürfnis, etwas Entgangenes nachholen zu müssen, obwohl er selbst in schlaflosen Nächten die alles entscheidende Frage und vier Worten in seinem Geist erwog.

Willst du mich heiraten?

Nein, untreue Tomaten kommen mir nicht auf das Gemüsebeet und für offene Beziehungen bin ich nicht gemacht. Ich mag es zu zweit, vertrauensvoll und suche ein dafür passendes, treues Gegenüber. Finde ich diese Nadel im Heuhaufen nicht, tanze ich eben in Klubs und bin einem sympathischen Flirt nicht abgeneigt. Das sind vielleicht keine rosigen Zukunftsaussichten, aber allemal besser, als eine Beziehung zu führen, die auf Scherben basiert.

Die Ehe meiner Eltern ist mir ein mahnendes Beispiel. Für mich kommt es nicht in die Tüte, jeden Morgen am Frühstückstisch in ein mürrisches Gesicht sehen zu müssen und mir vorzustellen, wie sich ein Leben ohne dieses Gegenüber anfühlen würde. Für mich sind eine stabile Beziehung und ein Gang mit einem geraden Rücken überlebenswichtig.

Frei von Selbstbetrug, Heuchelei und Lügen.

Allerdings fangen genau hier die Probleme an. Wer heutzutage einen aufrechten Gang geht und auf den eigenen Herzschlag hört, bekommt die Härte der hungrigen Wolfsmeute zu spüren. Für Gemeinschaft ist kein Platz, obwohl sie vielerorts gebetsmühlenartig gepredigt wird. Für Idealisten ist es die falsche Zeit und wird zu allen Zeiten die falsche Zeit sein.

Da mache ich mir schon lange nichts vor.

So wundert es auch nicht, dass ich mich auf dieser Welt fehl am Platz fühle. Auf Arbeit und in der Familie ecke ich an, weil ich zudem mein Herz auf der Zunge trage und fälschlicherweise glaube, in meinen Zeitgenossen Gleichgesinnte gefunden zu haben.

Nun, um es kurz zu machen: Ich reiße meinen Mund auf, während die Kollegen sich schnell bei Gewitter verkrümeln. Und ich stecke die Prügel ein. Prügel im Sinne von: Ich bekomme das mieseste Projekt aller Zeiten aufgebrummt. In meinem Fall ist das eine Werbekampagne für Raumspray mit der Duftnote von Frikadellen. Obendrein darf mich kein Mitarbeiter dabei unterstützen, obwohl es total gegen die selbst aufgestellte Leitlinie der Firma ist.

Faires miteinander.

Echt toll gemacht, Thea.

Aber augenblicklich mache ich mir keine Gedanken, wie ich das Frikadellen-Duftspray-Projekt löse, denn der Typ tanzt tatsächlich näher und ist interessiert. Kein Zweifel, ich kann heute Nacht meinen Hormonhaushalt ausgleichen und schenke ihm nun ein hinreißendes Lächeln samt dauerhaften Blickkontakt.

Keine drei Sekunden später umfasst seine Hand meine Taille, weil mein lächelnder Mund dazu einlädt. Die spannende Phase beginnt, in der zwei Menschen einen gemeinsamen Takt suchen und die von der Euphorie geprägt ist, welche durch das fremde Gegenüber heraufbeschworen wird.

»Was los?«, lallt eine überlaute, betrunkene Stimme in meiner Nähe, die mich schlagartig aus dem Entzücken und der Schwerelosigkeit meines Geistes reißt.

»Ich sagte, Finger weg!«

»Kein Ding, dann nimm se wech!«, lallt eine mir vertraute Stimme.

Ich drehe mich suchend um und entdecke tatsächlich Vincent, mit dem ich mir den kleinen, lieblosen Büroraum in der Firma teile. Stark angetrunken und auf schwankenden Beinen stehend schlägt er unbeholfen die riesigen Hände fort, die an seinem Kragen liegen und unsanft packen.

»Sag ich doch, Finger weg!«, amüsiert er sich mit einem besorgniserregend dümmlichen Grinsen, welches ihm bis zu seinen Ohren reicht.

Was folgt, ist klar. Sein groß gewachsenes Gegenüber zerrt ihn mühelos von der Tanzfläche, weil sich seine Herzdame von meinem Arbeitskollegen behelligt fühlt. In Anbetracht seines lädierten Zustands hängt Vincent wie ein nasser Sack in dem muskulösen Arm des Hünen, der ihn mit nur einer Hand problemlos von der Tanzfläche schafft.

Vincent entfährt ein Stöhnendes ›Ohh‹, welches aller Wahrscheinlichkeit nach nicht der durchaus angebrachten Furcht geschuldet ist, sondern dem Drehwurm, der ihn durch die stürmische Bewegung überkommt. Kurzerhand sause ich hinterher.

»Vincent?«

Gerötete Augen, die den Eindruck erwecken, er hätte seit drei Tagen keinen Schlaf bekommen, suchen mich in der Menschenmenge, als sei meine Stimme eine Halluzination. Das einfältige Grinsen erstirbt schlagartig, als mich die wenigen Hirnzellen erkennen, die trotz seines enormen Alkoholkonsums funktionstüchtig sind.

»Thea.«

Tanzende springen zur Seite oder werden mit unsanften Stößen aus dem Weg, des blonden und wutentbrannten Riesen, befördert, der die Ehre seiner Angebeteten verteidigen will.

»Thea! Finger weg!«, lallt Vincent jetzt. Er wehrt sich ansatzweise, aber unkoordiniert gegen den festen Griff der Hand, die ganz sicher regelmäßig einiges an Gewichten stemmt und Männer wie Vincent zum Frühstück verspeist. Ungelogen, er ist ein Schrank von Mann, neben dem jeder wie ein Hänfling aussieht.

Erst recht ein betrunkener Vincent.

»Stoppst du mal bitte kurz?«, frage ich den Hünen, als ich ihn erreiche und an seinem Oberarm berühren kann.

»Was willst de?«, schreit er mir ungehalten ins Gesicht.

»Ähm, das ist mein Arbeitskollege und ganz sicher harmlos.«

»Die Assel?«

Prüfend sehe ich sicherheitshalber zu Vincent, der mich freudestrahlend angrinst und beide Augenlider nicht koordinieren kann.

»Ja.«

»Harmlos ist der erst, wenn ich ihm draußen die Fresse poliere und er sich merkt, wie er mit Frauen umzugehen hat.«

»Ich sagte nicht, er sei schlau. Ich sagte lediglich, er ist harmlos.«

»Ich polier ihm trotzdem die Visage, weil er meine Freundin rubbeln wollte.«

»Ach, sagte er das?«

Ein schief gelegter Kopf lässt mich aufseufzen, weil die Wahrheit nicht deutlicher sein kann. Ich sehe zu Vincent hinab, der mit seinen blaugrauen Augen halb liegend meine Hilfe erfleht und die Worte bestätigt.

»Du wolltest sie rubbeln, Vincent?«

Er nickt und ich seufze. »Was ist mit Ivette?«

Sein Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse und er heult tatsächlich wie ein Kleinkind los. Der ganze Körper bebt und auch seine Arme lassen die starke Hand los, als wolle er am liebsten auf der Stelle sterben, und sei bereit dafür.

»Oh je, der is startklar«, kommentiert der Hüne die völlige Ergebenheit in das unausweichliche Schicksal.

»Wegen ner Assel«, erwähne ich erklärend, weil mir die seit einiger Zeit die heimlich geführten Telefonate während der Arbeitszeit einfallen. Darin ging es um Treffen mit der Familie, Nägel mit Köpfen machen und Zukunftsplänen, die er sich rosarot mit Ivette ausmalte.

»Scheiße«, flucht der Hüne, weil Vincent jetzt immer enthemmter seinen Emotionen freien Lauf lässt und ihm diese peinlich zu sein scheinen.

»Du sagst es.«

Beflügelt von dem Wunsch, sich dieses Häufchen Elend schnellstmöglich vom Hals zu schaffen, schleift der Mann ihn in Richtung Ausgangstür. Der heulend Hinterhergeschliffene leistet keinerlei Widerstand und gibt sich genüsslich seiner Verfassung hin.

»War es das jetzt?«, werde ich gefragt.

Der Lächelnde von der Tanzfläche, sieht mich betrübt an, denn der Blickkontakt wurde durch dieses Häufchen Elend rabiat an einem sehr interessanten Punkt unserer Annäherung unterbrochen. Da ein Blick mehr als tausend Worte ausdrückt, kann ich mir ebendiese ersparen.

»Sag mir wenigstens, wie du heißt!«

»Thea.«

»Schade, Thea.«

»Tut mir leid.«

»Ein anderes Mal?«

»Wenn es dann auch noch passt.«

»Warum heult er wie ein Schlosshund?«, fragt er mit Blick auf Hünen und Vincent, die sich just in diesem Augenblick durch die Eingangstür quetschen. Keine leichte Aufgabe, denn an die hundert Leute bitten geduldig wartend um Einlass.

»Ich tippe auf seine Freundin«, antworte ich den beiden hinterher sehend.

»Brauchst du Hilfe?«

»Danke, passt schon. Ich schaffe ihn besser mit einem Taxi nach Hause, bevor er noch weitere Dummheiten anstellt.«

»Dann bis bald, Thea.«

»Bis bald«, verabschiede ich mich, ohne mich nach seinen Namen zu erkundigen. Ich eile den beiden Männern hinterher, die bereits am Bordstein angekommen sind. Einer sich vor Herzweh windend und der andere von diesen Gefühlsausbruch eines Geschlechtsgenossen absolut angeekelt.

»Ich übernehme ab hier. Danke.«

»Dafür nich. Sehe ich ihn noch ma in der Nähe meiner Flamme, bekommt er meine Faust ins Gesicht«, sagt er und hebt drohend seine rechte Pranke. Die ist annähernd so groß wie eine Suppenschüssel aus Omas Zeiten. An dieser Stelle bin ich heilfroh, dass Vincent dieses gute Stück heute erspart bleibt.

»Ich richte es ihm aus, sobald er wieder bei Verstand ist.«

Seinen Speichel abfällig ausspuckend, schaut er verachtend auf den wimmernden Vincent herab und stapft wieder in den gut besuchten Klub, vor dem die Warteschlange auf Einlass hofft.

Wir stehen etwas abseits. Will heißen, Vincent kauert am Boden und ich stehe. Nun muss ich irgendwo mit dem Häufchen Elend hin und zücke mein Handy.

»Hallo, hier Thea Seidler, kann ich bitte ein Taxi bekommen. Ich stehe vor dem Jo-Jo. Danke. Bis gleich«, sage ich hastig in das Handy, weil Vincent zeitgleich wehklagend zur Seite rutscht und in die nahe gelegene Pfütze zu kippen droht. Ich hielt mich noch nie für sonderlich Multitasking fähig, aber an dieser Stelle scheine ich über mich hinauszuwachsen. Die Stimme der Taxivermittlung verkündet das baldige Eintreffen eines Wagens und ich kann mich vollends meinem betrunkenen Arbeitskollegen widmen. »Was ist los?«

»Ivette«, jammert er in die Länge gezogen und erweckt wiederum den Eindruck, er wäre fünf Jahre alt und verlor sein Lieblingsspielzeug im Kindergarten.

»Ich bring dich heim.«

»Ivette«, schnieft er mit hängendem Kopf, unkoordinierten Armbewegungen und zu Tode betrübt.

»Alles klar. Ich bring dich zu Ivette, denn hier kannst du nicht bleiben. Stehst du auf, wenn ich dir in die Höhe helfe?«

Die Spiegelungen auf der regennassen Straße künden das näher rollende Taxi an, in das ich den schwerfälligen Körper hieve. Vor seinem Wohnhaus halten wir. Ich bin froh und erleichtert, dass er vor Kurzem in einem Gespräch erwähnte, wo er wohnt. Ich bezahle die Fahrt und helfe dem drei Meilen gegen den Wind riechenden Betrunkenen auf die wackeligen Beine.

Ihn gegen die Hauswand lehnend suche ich kurz darauf das Namensschild. Die Haustür dieses Altbaus ist unbeleuchtet und ich habe große Mühe, die Namen zu entziffern. Endlich finde ich seinen. Vincent Spieker. Daneben wurde mit Edding + Ivette gekritzelt.

Umgehend läute ich an seiner und Ivettes Klingel. Eine Weile vergeht, bevor sich eine Frauenstimme an der Wechselsprechanlage meldet. »Ja?«

»Hallo Ivette. Hier ist Thea, Vincents Arbeitskollegin. Ich hab ihn total betrunken in einem Klub aufgegabelt. Ich schaffe ihn dir hoch.«

Es klackt geräuschvoll, weil sie auflegt. Geduldig warte ich einen Moment und lausche dem erlösenden Geräusch des Türöffners, der jedoch auch nach einer ganzen Weile nicht zu hören ist. Vermutlich zieht sie sich etwas über und will mir behilflich sein, ihn die Treppen hinauf zu schaffen. Doch auch nach weiteren Minuten tut sich nichts und ich klingele logischerweise erneut.

»Ja?«

»Machst du auf?«, erkundige ich mich mit einer unzufriedenen Nuance im Unterton, die sicherlich leicht verständlich sein dürfte.

»Nein.«

»Nein?«

»Richtig gehört. Nein.«

»Das kann aber nicht richtig sein.«

»Doch.«

»Nein! Er wohnt doch hier.«

»Ab heute nicht mehr.« Erneut knackt es in der Wechselsprechanlage, weil sie den Hörer auflegt.

»Das gibt es doch gar nicht«, murmele ich und klingele erneut. Diesmal Sturm, um vorsichtshalber nicht überhört zu werden und ebenfalls eine Nuance zu nerven. Das ist letztlich der Gesamtsituation geschuldet, denn ich halte Vincent mit nur einer Hand an der Wand aufrecht und versuche, mit der anderen den Klingelknopf zu betätigen, bis dieser hoffentlich irgendwo einen Kurzschluss in Ivettes Nerven auslöst.

»Willst du mich jetzt nerven?«, höre ich Ivette abweisende Stimme.

»Mich interessiert euer Ding nicht. Er ist stark angetrunken, also mach auf!«

Ein ätzendes Geräusch ertönt und lässt meine Haare aus zwei Gründen aufrecht stehen. Erstens kratzt und schabt es entsetzlich. Gefühlt minutenlang ertönt das haarsträubende Geräusch, des Hörers, der auf vergilbte Plastik scheuert.

Grauenhaft.

Zweitens sagt mir das Geräusch symbolisch, sie wird allen Ernstes die Tür nicht öffnen.

»Ivette«, nuschelt Vincent unverständlich neben mir, als bekäme er meine Verwunderung über das erneute Auflegen mit. Seine Beine wollen ihn nun nicht mehr tragen, was ich ein wenig nachempfinden kann. Auch mir sacken sie um ein Haar ein, denn so was gibt es doch nur in träumen. Oder schlechten Filmen.

An der Hauswand lehnend gleitet Vincent zu Boden und erst, als er unten ankommt, packt mich der Ehrgeiz. Ich malträtiere für mehrere Sekunden den metallischen Klingelknopf. Doch alles nützt nichts, denn Ivette reagiert auf gar nichts mehr.

»Ivette!«, rufe ich nun mehrmals zu den dunklen Fenstern hinauf sehend. Einige sind erhellt, aber ich war noch nie bei den Beiden zuhause und weiß nicht, welche es sein sollten. Rufen und nerven muss ja irgendwas bewirken, also tue ich für meinen hilflosen Arbeitskollegen, was in meiner Macht steht.

»Ist im Bett!«, antwortet eine ärgerliche Stimme, nachdem ich zum x-ten Mal ihren Namen brülle.

»Sehr witzig«, ist mein trockener Kommentar, weil jetzt jemand ein Fenster öffnet und seinen grau bewachsenen Sportplatz mit Hecke aus dem Fenster hält. Wenigstens ein Erdenbürger reagiert auf meine geräuschvollen Bemühungen, die nichts weiter als blanke Hilferufe sind.

»Da sollten Sie auch hin und nicht hier um halb eins in der Nacht durch die Gegend schreien.«

»Ivette!«, probiere ich es erneut, aber viel lauter.

»Nur zu! Rufen Sie! Ich rufe derweil die Polizei«, droht der Mann.

»Ivette«, schallt mein mittlerweile heiseres Rufen durch die Nacht. Nieselregen setzt ein und die angedrohte Staatsgewalt lässt ebenfalls auf sich warten. Erst ne dicke Lippe riskieren und im Endeffekt steckt nie was dahinter, aber so ist es ja immer. Vincent sitzt inzwischen zusammengekauert auf dem nasskalten Boden.

So oder so kann ich hier heute scheinbar nichts bewirken. Keine Ahnung, was das Problem der Beiden ist, aber eines scheint Fakt: Ivette ist sauer auf ihn. Warum auch immer.

Doch wohin mit Vincent in diesem Nieselregen?

Kurzerhand zücke ich mein Handy, denn ihn hier vor der Haustür sitzen lassen, will ich auch nicht. Die Temperaturen sind mild, schützen jedoch nicht vor Auskühlungen. Und Betrunkene allein lassen, geht in meinen Augen gar nicht, also nehme ich ihn für diese Nacht mit in meine Wohngemeinschaft. Er kann morgen früh ausgenüchtert seine Angelegenheit klären. Heute wird das ja offensichtlich nichts mehr.

»Ja, hier Seidler. Ich stehe in der Feldstraße neun und brauche ein Taxi in die Dimitriestraße. Ja, wunderbar. Danke.«

Einen entnervten Seufzer ausstoßend lege ich auf und verstaue das Handy in meine Hosentasche. Im besten Fall bleiben mir nur einige Minuten, bis das Taxi kommt, also muss ich Vincent schnellstens in die Höhe schaffen.

»Vincent? Kannst du aufstehen? Hier, nimm meine Hand! Das Taxi kommt gleich. Ich bring dich in meine WG und morgen redest du mit Ivette.«

»Vette?«

»Komm hoch! Ja, gut so und morgen früh gehst du zu Ivette.«

»Ist im Bett«, kichert er und rülpst so laut, dass beinahe die Wände des Wohnhauses wackeln.

»Schon gut, da kommt unser Taxi.«


Eine halbe Stunde später schließe ich die Wohnungstür auf und stolpere mit Vincent hinein. In der Wohnstube brennt Licht. Klaas und Fiona sitzen bei Kerzenlicht und Knabbereien vor dem Fernsehen. Beide sehen mich ungläubig an, als ich mit Vincent in der offenen Wohnzimmertür erscheine.

»Was Nüchternes konntest du dir nicht aufreißen, oder ist der nur übrig geblieben? Du schwächelst eindeutig, Thea«, kichert Fiona und findet ihren Kommentar auch noch total witzig.

»Ich schwächele nicht, Fio. Das ist mein Arbeitskollege ...«

»Umso schlimmer …«

»Er hat sich volllaufen lassen, weil es zuhause Stress gab. Sie macht die Tür nicht auf. Mist, ich vergaß euren Filmfreitag«, murmele ich unter der schweren Last des großen Mannes, der bleiern an mir hängt und gelegentlich ungehobelt aufstößt. Jeden Freitag nutzt das Paar die sturmfreie Bude für sich, denn ich wohne mit Fiona in einer WG.

Klaas springt auf, wirft ihr einen strafenden Blick für den albernen Kommentar zu und eilt zu mir. Dankbar übergebe ich Vincent, der wieder dümmlich grinst und Klaas in die Arme schwankt.

»Oh je«, murmelt Fiona, die ihr brünettes Haar in einem Dutt trägt und mir nun ebenfalls entgegen trabt.

»Wohin mit ihm?«, fragt der hilfsbereite Klaas.

»In mein Bett«, schlage ich vor, weil ich sehr wohl verstehe, warum sie auch in dieser Ausnahmesituation nicht auf ihren gemeinsamen Filmfreitag verzichten wollen und das Sofa für Vincent räumen würden. »Aber du solltest ihm vorher wenigstens Hände und Gesicht waschen. Ich organisiere inzwischen einen Eimer, falls er sich übergibt. Mann, Mann, Mann, ich hatte gerade einen an der Angel.«

Fiona grinst breit und kann nun endlich verstehen, dass ich total genervt bin. Mehr schleifend als laufend, schleppt Klaas den lallenden Vincent ins Bad, um für mich den Teil mit der Hygiene zu übernehmen, während ich einen Putzeimer suche. Der vollgestopfte Schrank will den Eimer nicht hergeben. Alles purzelt heraus, nur nicht das, was ich will.

»Scheiße aber auch!«, verfluche ich alles und zerre wütend den Eimer aus der untersten Ecke hervor.

»Hat er sich etwa auf Arbeit betrunken?«, fragt Fiona, die neben mir erscheint.

»Quatsch. Ich traf ihn im Jo-Jo, als er sich mit einem Schrank von Mannsbild anlegte. Im Suff hat er sich an dessen Freundin rangemacht. Seit dem Team-Meeting heute Morgen könnte ich ...«

»Wie hat dein Chef reagiert?«

»Ich darf das verfluchte Frikadellen-Raumspray-Projekt übernehmen und bin nun offiziell das neue Kanonenfutter. Es kotzt mich an und ärgert mich, dass ich mal wieder für alle in die Bresche springe und die Anderen sich klammheimlich verfatzen.«

Tröstend berührt ihre Hand meinen Ellenbogen, doch für eine Antwort bleibt ihr keine Zeit. Klaas benötigt im Bad Unterstützung, daher eilt sie ihm zur Hilfe. Vincent jammert, lacht und rülpst im fliegenden Wechsel, wobei die Reihenfolge ständig wechselt und von beruhigenden Worten meiner Mitbewohnerin untermalt wird.

Nachdem ich sicherheitshalber den Eimer und mehrere Geschirrtücher an das Kopfende meines Doppelbettes stelle, schleppt Klaas den Betrunkenen hinein und setzt ihn auf die Bettkante.

»Ausziehen?«

»Überlasse ich dir«, entgegne ich gleichmütig und schlüpfe zur Tür hinaus. In der Küche genehmige ich mir einen Schluck aus der geöffneten Weinflasche, die vom gemeinsamen Abendessen übrig blieb. Der Wein brennt wohltuend in der Kehle und wärmt umgehend den Magen.

»Machst du wieder los?«

»Mein Fang für heute Nacht hat sich durch ihn erledigt und obendrein ist mein Bett blockiert, aber das ist nicht mein Problem. Seine Freundin hat nicht einmal mir die Tür aufgemacht, damit ich ihn vor der Wohnungstür absetzen kann. Stell dir das mal vor!«

»Hatten sie so einen schlimmen Streit?«

»Scheint so, aber ihn betrunken vor der Tür lassen? Ne, also wirklich, so ein Unmensch ist er nicht gerade. Im Büro kam ich ein oder zwei Mal dazu, als er trotz Handyverbot telefonierte. Ich konnte hören, dass es ihm ernst mit ihr ist. Ich vermute, er bat um ihre Hand.«

»Oh je! Dann hat er bei einer Abfuhr allen Grund, sich einen über den Durst zu genehmigen.«

»Lassen wir ihn ausschlafen. Morgen früh kann er die Angelegenheit klären.«

»Er ist echt voll, aber auf irgendeine Art auch süß.«

»Fiona!«

»Was? Gucken ist erlaubt und gegessen wird zuhause.«

Gemeinsam kichern wir. Ich reiche ihr die Weinflasche, damit sie ebenfalls von dem süffigen Rotwein aus Frankreich nippen kann.

»Na, ihr zwei. Was tuschelt ihr hier heimlich?«, erkundigt sich Klaas, der in dieser Sekunde die Küche betritt.

»Unanständige Sachen über dich«, antwortet Fiona honigsüß lügend, kuschelt sich in seine Seite und sieht ihn verliebt an.

»Ich bleibe hier und sehe ab und zu nach, ob es ihm gut geht. Geht ihr euren Film gucken! Danke, für die Hilfe.«

»Er liegt in jedem Fall in der stabilen Seitenlage.«

»Danke, Klaas. Viel Spaß euch.«

Hand in Hand schlendern das verliebte Paar ins Wohnzimmer, wo sie die Tür schließen. Ich widme mich dem Wein in der Flasche und setze mich auf dem Balkon. Dort lege ich meine Fußsohlen auf das Geländer ab, nachdem ich bequem sitze, und sehe in die beleuchteten Fenster des Innenhofes.

Zum Glück zog der Nieselregen inzwischen weiter und ich wünsche mir, ich könnte es mit den kleinen Nöten in meinen Leben genauso halten. Ob die Menschen in den Fenstern sich das auch wünschen?

Klar, wer will die kleinen und großen Sorgen schon. Egal, wie nichtig sie scheinen. Alle wollen Glück, Reichtum, Zufriedenheit und verbinden es mit dem modernen Leben, den unsere Wegwerfgesellschaft bietet. Auf diese riesengroße Lebenslüge trinke ich einen riesigen Schluck.

Ein Seufzen entfährt mir, denn das führt mich unweigerlich wieder zu der aufgebrummten Sonderarbeit, die letztlich nur meine Kündigung beschleunigen soll. Ich bin aber auch so ein Rindvieh! Statt meine Klappe zu halten, und mich irgendwie im Strom treiben zu lassen, lehne ich mich ständig zu weit aus dem Fenster. Wie so oft in der Vergangenheit, sonst säße ich nicht hier allein auf dem Balkon.

Auf die Erkenntnis des Tages trinke ich den Rest des Weins. Und zwar in einem groß den Zug, schließlich ist es eine sehr große Erkenntnis, die vor ihrem Test auf Alltagstauglichkeit gefeiert werden muss.





2

Ich schrecke auf, denn mit Arm auf dem Knie abgestützt, schlief ich auf dem Balkonstuhl sitzend ein. Ein unangenehm taubes Gefühl in meinen Fingern weckt mich aus meinem wirren Traum, in dem ich einen schlafenden Wolf attackieren und vertreiben wollte.

Jetzt fühlt sich der Arm derart abgestorben an, als gehöre er nicht zum Rest meines Körpers. Weil ich dieses Gefühl absolut nicht ausstehen kann, springe ich auf und schüttele, knete und massiere, bis das Blut endlich wieder bis in die Fingerspitzen fließt.

Dabei bleibt mir Zeit, um über meinen Traum nachzudenken. Ich träume seit meiner Kindheit von Wölfen, die meine Familie und ihre Verhaltensweisen versinnbildlichen. Manchmal verwandeln sie sich in Träumen zu einer harmlosen Variante und mutieren zu Hunden. Noch nie vertrieb ich in diesen Träumen einen Hund, geschweige denn einen Wolf.

Schlaftrunken, aber zufrieden, mich den Wölfen im Traum gestellt zu haben, sehe ich mich in dem Innenhof um. Erste Vöglein zwitschern in den Ahornbäumen, obwohl die Morgensonne nur träge ihre ersten Strahlen über die Stadt ausbreitet. Ich fühle mich wie gerädert und will mich liebend gerne irgendwo langmachen, darum schlurfe ich vom Balkon.

Die Wohnzimmertür ist noch immer geschlossen. Demnach sind die beiden Turteltauben noch nicht in Fionas Zimmer übergesiedelt. Nicht ganz wach, schleppe ich meinen schlafbedürftigen Körper durch die finstere Küche zurück und suche tastend mein Handy, das ich irgendwo auf dem Tisch liegen gelassen habe. Der grelle Lichtschein des Displays zeigt mir die Uhrzeit an.

Es ist vier Uhr morgens durch und ich fühle mich platt, als wäre ein Bus samt Fahrgästen ganz genüsslich über meine Arme und Beine gefahren. Entsprechend kraftlos schlurfe ich in Richtung meines Zimmers.

Möglichst geräuschlos drücke ich die Türklinke hinab und spähe durch den entstandenen Spalt in den abgedunkelten Raum. Er ist winzig und beinhaltet daher nur das Nötigste.

Das Doppelbett nimmt den größten Teil meines Zimmers ein und steht in der Mitte. An der einen Wand befinden sich ein Kleiderschrank, ein Sessel und eine Kommode, auf der ich ein paar Stumpenkerzen dekoriert habe. Auf der anderen Seite des Bettes wurde eine ausgediente Zimmertür zweckentfremdet und dient nun als Schreibtischplatte. Sie ist abgewetzt, aber so geräumig, dass ich sie sehr lieb gewonnen habe und die praktische Seite an ihr sehr zu schätzen weiß.

In meinem Bett liegt ein leise schnarchender Vincent, der sich, seit Klaas ihn hineinlegte, offenbar keinen Millimeter bewegt hat. Meine Befürchtung, er könnte sich übergeben, war unbegründet. Entsprechend erleichtert, atme ich aus, denn er schläft tief und fest, wie ein Baby.

Beruhigend.

Um ihn im Auge zu behalten, setze ich mich auf dem Fußboden vor meinem Kleiderschrank, von wo auch ich ihn im Notfall schnell erreichen kann. Nachdem er sich aber auch nach einer Stunde nicht bewegt oder übergibt, fallen mir meine Lider immer wieder zu.

Halbwegs zur Ruhe gekommen, sterbensmüde und vom anstrengenden Tag erschöpft, erhebe ich mich schwerfällig, streife mir meine Hose von den Beinen und gehe vorsichtig zur anderen Seite des Bettes. Die weiche Matratze ruft mich unwiderstehlich, mich auf ihr auszustrecken. Ich setze mich vorsichtig in das weiche Bett und lausche mit angehaltenem Atem in die Stille des Zimmers.

Keine Regung.

Super.

Er schläft seinen Rausch aus.

Vermutlich bin ich am Morgen ohnehin dreimal früher wach als er. Also lasse ich mich vorsichtig auf die äußerste Kante sinken, damit er mich auch weiterhin nicht bemerkt. Regelrecht himmlisch fühlt sich das an und ich bin wieder einmal aufs Neue in mein komfortables Bett verliebt. Schnell noch eine Hand unter das Kopfkissen geschoben und einen langen Atemzug später, bin ich auf einen erholsamen Schlaf eingestimmt. Ich schließe ich meine Augen und sinke immer tiefer in die Schwerelosigkeit.

Eine süßliche Wolke steigt in meine Nase und holt mich sanft aus einem wirren Traum. Es dauert eine Weile, bis ich völlig bei Sinnen bin und bemerke, was tatsächlich den Geruch auslöst.

Beziehungsweise wer.

Vincent.

Er liegt mit ausgestreckten Armen und Beinen neben mir, wie ein schlummerndes, aber schnarchendes Baby, das sich komplett der Welt ergibt. Und ich schmiege mich mit meinem Gesicht an den Oberarm dieses riesengroßen Babys.

Oh jeh!

Mit äußerster Vorsicht hebe ich meinen Kopf, um ihn nicht in seinem Schlaf zu unterbrechen. Fehlt nur noch, dass er meine peinliche Kuschelaktion mitbekommt und mich im Büro damit aufzieht. Mich in Zeitlupe bewegend ziehe ich mich wieder auf die äußerste Kante des Bettes zurück und bin heilfroh, dass er von all dem nichts bemerkt.

Der Morgen zeigt sich schwerfällig in ersten, hellgrauen Lichtern, die durch das nach Norden ausgerichtete und abgedunkelte Fenster dringen. Im gleichen Tempo, wie die tief stehende Sonne den Samstagmorgen ausruft, drifte ich wieder weg.

Keine Wölfe jagen mich, keine Straßenbahn fährt davon, nur eine angenehm warme Hand schiebt sich auf meine Hüfte und bleibt dort liegen. Schlagartig erwacht, halte ich den Atem an.

Das ist kein Traum, denn die Hand bewegt sich wieder sanft über meine Haut. Die, oh Schreck, reagiert eindeutig. Die Haare stehen bis zum Knie aufrecht und die sanften Fingerspitzen beantworten diese Reaktion mit dem weiteren Ertasten meines Oberschenkels.

Es besteht kein Irrtum, ich träume leider nicht. Stattdessen kuschelt sich mein Arbeitskollege an meinen Rücken. Zwar macht er das vor Trunkenheit benebelt und mich mit Ivette verwechselnd, aber auf diese Art entstehen vermutlich eine Menge Kinder.

Daher lebe ich in dieser Sekunde gefährlich, weil zu allem Überfluss jetzt auch noch meine Hormone auf Touren kommen. Das geht mir eindeutig zu weit, zumal die Gänsehaut sich keineswegs zurückbildet und er es missversteht.

Missverstehen muss.

Ich schiebe also seine Hand fort und will mich sachte erheben, doch Pustekuchen. Die Hand schlingt sich um meine Taille. Zufrieden seufzt Vincent hinter mir und hindert mich in eindeutiger Weise daran, aus dem Bett zu schlüpfen.

»Vincent«, mache ich mich ihn auf seine offensichtliche Fehleinschätzung aufmerksam.

»Du riechst so gut«, murmelt er schläfrig und mit Gesicht in meinen Nacken versenkt.

In einem beherzten Satz springe ich aus dem Bett und sehe verständnislos auf ihn hinab. »Gehts noch?«

»Häh?«, fragt er und scheint erst jetzt wach zu werden.

»Gehts dir gut?«, frage ich missmutig und suche im Halbdunkeln meine Haushose, die irgendwo auf dem Boden herumliegt.

»Ja, warum? Habe ich etwa was Peinliches gemacht?«

»Ich ... Ich gehe frühstücken«, stottere ich.

Die Hose umständlich im Gehen über die Beine streifend, stolpere ich ohne weitere Erklärungen aus meinem Zimmer und eile schnurstracks in die Küche. Ich will nicht, dass er mich mit meiner peinlichen Kuschelaktion aufzieht, also werde ich umgekehrt auch nicht mehr aufbauschen, als nötig.

Die Wohnzimmertür steht offen und das Liebespaar hat sich anscheinend in ihr Nest zurückgezogen. Ich setze einen frischen Kaffee an, schaue mir das übersichtliche Angebot im Kühlschrank an und entscheide mich für einen Fruchtjoghurt. Ihn löffelnd sitze ich am kleinen Küchentisch. Der ist mit etlichen, teilweise unnützen Dingen vollgestellt, für die sich niemand so richtig verantwortlich fühlt und noch weniger wegräumt. An einem Wochenende schon gar nicht.

Vincent erscheint im Türrahmen. Er streift sich sein Shirt über den Kopf, an dem die leicht gewellten Haare ungeordnet in alle Himmelsrichtungen abstehen.

»Hey!«

»Hunger?«, frage ich, als er sich mit den Fingern durch seine Haare fährt, um dort so etwas Ähnliches wie Ordnung hineinzubekommen.

Eindeutig, aber scheu bewegt er bejahend seinen Kopf und sieht sich neugierig in der unaufgeräumten Wohnküche um. Das Chaos hier ist am Ende der Woche typisch, denn Fiona sieht Klaas nur dann. Ehrlich gesagt, genieße ich die wenige freie Zeit an den Wochenenden ebenfalls zur Erholung, satt Putzdienst zu schieben. Mit Teelöffel im Mund stehe ich auf und deute mit meiner Hand auf den leeren Sitzplatz, der mir gegenüber liegt.

»Kaffee?«

»Gerne, danke.«

Ich brauche nicht großartig nachzufragen, wie er ihn gerne trinkt. Im Büro holen wir uns den Kaffee gegenseitig aus der Küche. Daher weiß ich, dass er seinen ohne Milch, ohne Zucker schön stark und heiß trinkt. Die Kaffeemaschine setzt sich nach dem Knopfdruck geräuschvoll in Gang und überbrückt die peinliche Stille. Sie brummt und gibt mir genügend Zeit, um zu durchdenken, wie ich den gestrigen Abend thematisiere.

Schließlich sitze ich seinem Schreibtisch gegenüber und teile eine riesige Bonbonschale mit ihm, in die jeder gelegentlich etwas hineingibt. Gut, das machen andere Kollegen auch in ihren gemeinsamen Büros, aber bei Vincent habe ich zusätzlich den Eindruck, er geht nicht mit Ellenbogen durch die berufliche Landschaft. Er ist nett, höflich und hilfsbereit, wo andere mich zugunsten ihrer Karriere auflaufen ließen.

Gestern kam er blöderweise später ins Büro, was ich sehr bedauere, da er der einzige Kollege ist, der mir im Meeting den Rücken gestärkt hätte.

Vielleicht.

»Toast oder Müsli?«

»Ähm, nichts. Nur Kaffee bitte.«

Mit dem dampfenden und duftenden Pott Kaffee, setze ich mich an den Tisch, schiebe ihn rüber und lehne mich auf meinem Stuhl zurück.

»Du bist sauer. Habe ich was Peinliches angestellt?«

»Du hast Riesenglück, dass ich dich aufgegriffen habe, sonst hätte dich der Typ im Jo-Jo auseinandergenommen.«

»Welcher Typ?«

Ich beuge mich ein wenig vor, sehe in seine blaugrauen Augen und schnaube verächtlich aus. »Du erinnerst dich nicht mehr an den lebenden Schrank, der dich mit nur einer Hand aus dem Klub gezerrt hat und nach Strich und Faden verprügeln wollte?«

»Nein, aber an eine Frau und das auch nur ganz dunkel«, murmelt er und pustet in aller Seelenruhe den heißen Kaffee kalt.

»Du bist total irre.«

Er sieht zu mir auf, wobei sich seine Augenbrauen in aller Deutlichkeit zusammenziehen. Den Blick kenne ich zu genau, denn gleich kommt das Gegenteil von dem, was ich als Gesprächspartner vermute.

»Wenn das ein Kompliment ist, dankt die Firma.«

Sage ich doch!

Keine Gegenbemerkung gebend, lehne ich mich zurück, lege den Kopf schräg und will mir jetzt jeden denkbaren Konter verkneifen. Auf mich macht er einen angeschlagenen Eindruck, allerdings steht mir nicht der Sinn danach, ihn auszuhorchen, warum er zu tief ins Glas sah und Ivette ihn nicht mehr in die gemeinsame Wohnung lassen will. Ich finde, das geht mich nichts an und ist seine Privatsache, in die ich nicht hineingezogen werden will.

»Wegen vorhin ...«, setzt er an, ohne mich dabei anzusehen.

»Schon vergessen«, unterbreche ich ihn eilends und streife mir eine daumendicke Haarsträhne zurück, die mir ins Gesicht zu rutschen droht. Mit einer geschickten Bewegung, die Vincent aufmerksam verfolgt, streife ich sie hinter mein Ohr. Unsere Augen

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Tag der Veröffentlichung: 25.01.2020
ISBN: 978-3-7487-2740-8

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Umschlag: Adelina Zwaan, unter Verwendung von Bildmaterial: pixabay, www.pixabay.de, pexels, www.pexels.com, unsplash, www.unsplash.com, www.freepik.com (freepik)

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