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Einsamkeit

Manchmal habe ich das Gefühl, die Welt in der ich lebe besteht nur aus Rücken. Da stehe ich gerade an der Bar, vor mir ein Glas Bier, links von mir ein Rücken, rechts von mir ein Rücken. Jeder der beiden Rücken unterhält sich mit einem Gesicht, das vom Hinterkopf des Rückens vor mir verdeckt wird. Nur ab und an erscheint ein Auge, ein Kinn, ein Lächeln am Rand des Hinterkopfes. Zumindest erahne ich es im äußersten, farblosen Bereich meines Sichtfeldes. Schließlich kann ich auch nicht ständig neugierig nach links und nach rechts blicken, belasse meine Augen lieber stumm auf dem Goldgelb meines Bierglases; trinke einen Schluck.

 

„Was gehst du auch allein in eine Bar?“, denke ich mir. Ich setze das Glas wieder an, trinke den letzten Schluck und zwinge den beschäftigten Rücken auf der anderen Seite des Tresens, sich zu mir umzudrehen und das Geld zu nehmen, dass ich ihm auf den Tresen gelegt habe. Wortlos verlasse ich das Lokal. „Bin ich gerade nicht auch ein Rücken für die Leute hinter mir, in der Bar?“, schießt es mir in den Kopf, als ich die Türklinke nach unten drücke und die zigarettenrauch-getränkte Luft hinter mir lasse.

 

 

Wahrscheinlich denkst du jetzt, ich bin alt. Manchmal denke ich das auch. Aber es stimmt nicht – ich bin nicht alt. Ich bin Student. Das trifft es eigentlich ziemlich gut. Ich bin ein ganz normaler, durchschnittlicher Student. Durchschnittlich fleißig, durchschnittlich begabt; durchschnittlicher Charakter, durchschnittliches Aussehen. Vielleicht bin ich etwas stiller als der Durchschnitt. Ja, das war ich glaube ich schon immer. Früher war ich dazu ein bisschen schüchtern. Aber das war früher, jetzt bin ich das nicht mehr.

 

Jetzt bin ich Student. Ein ganz normaler Student. Zumindest bin ich das nach außen. Im Inneren bin ich alles andere als ganz normal. Hinter meiner Durchschnittlicher-Student-Fassade verbergen sich Strudel von eigenartigen Gefühlen, eigenartigen Gedanken, wie sie wohl in keinem anderen Menschen existieren. Zumindest glaube ich das. (Wer außer mir lebt denn bitte in einer Welt aus Rücken?)

 

Gedankenverloren wandere ich durch die Straßen. Ich erinnere mich an neulich, ein ganz gewöhnlicher Unitag. Wie immer wache ich auf, fünf Sekunden bevor mein Wecker klingelt. Ich stehe auf und will frühstücken. Am Küchentisch sitzt mein Mitbewohner. Eine hochgehaltene Zeitung sagt mir Guten Morgen. In der Uni sind sie dann wieder: überall Rücken. Und ein Professor, der versucht, den Rücken etwas beizubringen. Vergeblich versuche ich, ihm und seiner Powerpoint-Präsentation zu folgen. Aber es ist einfach noch zu früh. Mein matter Geist sehnt sich zurück in die träumerische Freiheit des Schlafes. Den meisten Rücken in meinem Blickfeld geht es auch nicht anders. Gebeugt und schlaff lümmeln sie über den Bänken. Und der Rücken hinter mir?

 

Ich drehe mich um und erblicke Gesichter, die ihren Ausdruck von gelangweilt in verblüfft ändern. Fragende Blicke. Verstörte Blicke. Es muss für sie ungewohnt sein, statt einem anonymen Rücken plötzlich ein Gesicht vor sich zu haben, denke ich mir und wende mich wieder dem Professor zu. Der zeigt sich schon leicht gestört, für einen Moment nicht mehr Zentrum allen Seins gewesen zu sein. Dies gibt sich jedoch schnell, sobald er spürt, dass alle Augen wieder auf ihn oder schlaff nach unten gerichtet sind. Ich folge dem Beispiel der anderen, schließe halb die Augen und lasse meinen Gedanken jegliche Freiheit. Fast übermannt mich der Schlaf, als die Rücken um mich herum sich erheben und mir klar wird, dass die Vorlesung wohl zu Ende ist. Ein kurzer Blick auf die Uhr bestätigt mir das.

 

Jetzt einen Kaffee, denke ich mir und befinde mich auch schon auf dem Weg in die Cafeteria. Der Kaffee, der aus der Maschine kommt, wird plötzlich uninteressant, als ich mir des weiblichen Körpers bewusst werde, der zu der Hand gehört, die die Tasse noch so lange im Automaten stehen lässt, bis auch die letzten Tropfen Kaffee aufgefangen werden. Was für ein hübscher Rücken! Die glänzenden Haare fallen über die von Muskeln fein gezeichneten Schultern bis zur Taille und leiten das Auge unumgänglich auf den Po, dessen helle Stretchhose kein Detail seiner hübschen Rundungen vor meinen Augen verbirgt.

 

Die Erscheinung, bevor ich sie in ihrer vollen Schönheit genießen kann, wird plötzlich von der Erinnerung an meine Ex-Freundin überschattet. Ein dumpfes, schwarzes Loch macht sich ein meinem Brustkorb breit. Bist du immer noch da, Schmerz? Es ist doch schon Monate her, dass ich wieder Single bin. Zarte Finger ergreifen sanft die Kaffeetasse und der schöne Rücken vor mir verschwindet – (natürlich) ohne sich vorher umzudrehen – nach rechts zur Kasse hin.

 

Während der Kaffee in meine Tasse läuft, denke ich zurück an meine Freundin. Ich versuche mir ihr Gesicht vorzustellen, aber es will mir einfach nicht gelingen. Am Schluss war sie eigentlich nur noch ein Rücken für mich, wird mir mit einem inneren Seufzer bewusst. Vor meinem geistigen Augen sehe ich ihren Rücken, schön und reizvoll wie der von gerade eben; einen Rücken, der links neben mir im Bett liegt, eisig kalt und hart, so scheint es in meiner Erinnerung. Wenn ich ihn berührt hätte, dann wäre ich überrascht gewesen, wie warm und weich der Rücken in Wirklichkeit gewesen ist. Aber zwischen mir und diesem Rücken war damals eine undurchdringliche, unsichtbare Wand, die jegliche Berührung unmöglich machte.

 

Eine Stimme hinter meinem Rücken holt mich wieder ins Jetzt zurück. Ich solle endlich meinen Kaffee nehmen und zur Kasse durchgehen.

 

 

Ein paar Tage später kam mir dann die Idee. Ich könnte verreisen. Richtig verreisen – nicht nur Urlaub machen. Von meinen Freunden wollte natürlich keiner mit. Eine Woche ans Meer oder in die Berge, ja gerne. Aber kreuz und quer durch Europa reisen? Trampen und zu Fuß, monatelang? Du spinnst ja! Außerdem sind wir mitten in der Vorlesungszeit!

 

Und jetzt bin ich hier, Samstagabend in San Sebastián. Gedankenverloren laufe ich durch die engen Gassen der Altstadt. Um mich herum Feierlaune, lustige Grüppchen, Arm in Arm, redend, lachend. Ich habe keine richtige Lust zurück zu gehen, in mein kleines, etwas schäbiges aber dafür preiswertes Hotelzimmer. Lieber noch ein bisschen herumlaufen, den Gedanken nachhängen. Ein paar Gässchen weiter wird es dunkler und etwas ruhiger. Sogar für spanische Verhältnisse ist es schon spät.

 

Kurz vor einer hell beleuchteten Kreuzung werde ich plötzlich aus meinen Gedanken gerissen. Aus der gegenüberliegenden Gasse steuert eine Gestalt auf mich zu. Sie ist allein. Noch ist das Gesicht ins Dunkel der Gasse gehüllt, doch mit jedem Schritt wird es deutlicher erkennbar. Es ist ein Mann in einem roten T-Shirt. Knallrot. Die freudigen Augen sind direkt auf mich gerichtet. Das Gesicht ist ein einziges, vollbackiges Grinsen, als würde es einen alten Freund wiedererkennen. Mir kann dieser Ausdruck wohl kaum gelten. Wer sollte mich hier in San Sebastián schon kennen? Unsicher schiele ich zur Seite, dann nach hinten. Aber da ist niemand. Aus dem Augenwinkel beobachte ich das Gesicht. Es ist jetzt aus dem Dunkel der Gasse in das Licht der Kreuzung eingetaucht und klar zu erkennen. Es ist sympathisch, hat ungefähr mein Alter. Aber ich bin mir sicher, es nie zuvor in meinem Leben gesehen zu haben.

 

Inzwischen sind es nur noch wenige Meter, die uns trennen. Das Gesicht steuert unbeirrt auf mich zu. Das knallrote T-Shirt leuchtet grell, wird immer größer, immer heller. Nimmt schließlich das gesamte Blickfeld ein, will alle Aufmerksamkeit für sich. Jetzt streckt das Gesicht sogar einladend die Arme aus, während es weiter auf mich zusteuert. Es will mich freundschaftlich umarmen! In mir steigt Panik auf. Tausend Gedanken schießen mir in den Kopf, doch keiner davon ist greifbar. Was tun? Stehen bleiben? Abwarten? Ihm zulächeln? Ob er betrunken ist? Etwas sagen? Was sagen? Es ist alles so grotesk. Irgendwie wirkt er nett. Ob er auch einsam ist?

 

 

Bevor mein Kopf einen Entschluss fassen kann, erblicke ich die rettende Dunkelheit der Seitengasse links von mir – und drehe dem Gesicht den Rücken zu.

 

Erschöpfung

Eintrag aus meinem Tagebuch. Der vierte Tag auf dem Jakobsweg Vía de la Plata:

 

Zwei Etappen an einem Tag: 34 Kilometer. Sollte doch zu machen sein. Erste Etappe – kein Problem. Fotos geschossen, hoch zur Maurenburg, Mittagspause, Mittagshitze. Dann weiter. Die glorreiche Idee, barfuß zu gehen. Dann die Baustelle. „Wir überqueren die Straße“ heißt es im Führer. Aber da ist einfach nichts. Ewige Suche. Dann endlich gefunden. Die Straße war doch nicht zu überqueren, gemeint war wohl eine andere.

 

Ermüdender Weg, immer wieder auf der Baustelle der geplanten autopista „Vía de la Plata“. Ermüdend. Die Fußsohlen schmerzen. Und ein Gewitter zieht auf. Die Kräfte zusammengerafft. Nur keine Schwäche zeigen. Alles nur Einbildung. Geschwindigkeit halten.

 

Dann die unklare Stelle. Wohin? Lieber nicht wieder auf eine lange Suche einlassen. Lieber an die Hauptstraße halten. Stetig bergauf. Mist, der Weg wäre doch im Tal gegangen. Meiner hört hier auf. Also an der Straßenböschung entlang weiter. Ständig Schräge. Steine, Büsche, Auf und Ab. Wasser alle. Laster und PKWs, ein nicht abreißender Strom von Blech. Manche grüßen hupend. Die Beine schmerzen. Doch am schlimmsten sind die Druckstellen an den Fußsohlen.

 

Bergauf, bergauf. Die Beine wollen nicht mehr. Immer schleppender der Gang. Dann die ersten Tropfen. Musste ja so kommen. Regenschutz ausgepackt. Immer weiter bergauf. Das Tageslicht neigt sich dem Ende. Dann die Passhöhe erreicht. Unglaublich. Kurz vor mir liegt Monesterio. Greifbar nahe. Erleichterung. Aber Schmerzen. Kurze Pause.

 

Kalt. Die Schmerzen danach umso schlimmer. Dämmerung. Der Magen krampft sich zusammen. Das anhaltende Gefühl, sich übergeben zu wollen. Die Beine versagen. Wollen einfach zusammenknicken. Jeder Schritt eine Überwindung. Eine Unmöglichkeit fast. Zwischen den einzelnen Schritten vergehen Minuten, Stunden – so scheint es. Die ersten Fabriken vor mir. Der Ortseingang. Schluchzer im Regen. Unverständige Blicke der Leute in ihren Autos, an der Tankstelle. Der zehn Kilo schwere Rucksack wiegt plötzlich Tonnen, zwingt mich, mich zu setzen. Der Kreislauf macht Probleme, kein Blut fließt mehr durch meine Adern. Lippen gefühllos, kalt. Und Schmerzen. Unendliche Schmerzen, beim Stehen, Gehen, Atmen – jede noch so kleine Bewegung ein Schmerz, der sich durch den ganzen Körper zieht.

 

Das Rote Kreuz endlich in Sicht, die Pilgerherberge in Monesterio. Letzte schluchzende Schritte. Erreicht. Verschlossen. Tür, Fenster beklopft. Nichts. „Drüben im Hotel“, meinen Passanten. Zum Glück gleich nebenan. Letzte Kräfte mobilisiert. Schlüssel geholt. Und wieder zurück.

 

Kurzes Gespräch mit dem netten bayerischen Rentner vom Vortag, der sein Abendessen im Hotel unterbricht, um mir die Schlafräume zu zeigen. So tun als wenn alles normal wäre. Die zittrigen, klammen Hände schaffen es irgendwie doch, den Schlafsack aus dem Rucksack zu zerren. Erschöpfter Zusammenbruch. Kalt, immer noch kalt. Nur die Fußsohlen brennen. Ohnmachtsgleicher Schlaf.

 

Ankunft

Nie werde ich den Moment vergessen. Es war Abend als wir – entgegen unseren Plänen – beschlossen, heute noch nach Santiago zu ziehen. Über 30 Kilometer hatte ich an diesem Tag bereits zurückgelegt und meine Beine waren müde.

 

Als wir die letzte Anhöhe erreichten, erstrahlte zu unseren Füßen die Stadt Santiago im roten Licht der Abendsonne. Auf dem letzten Abstieg durchdringt uns eine mir bis dahin unbekannte Kraft. Mit jedem Schritt wird mein Rucksack leichter, die Schmerzen in den Beinen und im Rücken verblassen. Unsere Schritte werden größer, werden leichter und wie mit Siebenmeilenstiefeln schweben wir Santiago entgegen.

 

So erreichen wir den Stadtrand, drei Jakobspilger mit aktiviertem Herzchakra, innerlich beinahe zerberstend von Liebe und Freude.

 

Ein grauer Alltag wogt uns aus der Vorstadt entgegen – doch der Feierabendverkehr stört uns nicht, genau so wenig die grauen Gesichter der Menschen, ausdruckslos, in Gedanken versunken, noch immer in den Wirrungen des langen Arbeitstages verhaftet.

 

Unsere Aura eilt uns voraus, und noch bevor wir den Passanten ein freudiges „¡Buenas tardes!“ entgegenschmettern können, drehen sich viele Gesichter nach uns um. Und etwas Außergewöhnliches passiert: Sowie sie uns erblicken, erstrahlen ihre grauen Augen mit einem innerlichen Lächeln; die Sorgen in ihren Gesichtszügen glätten sich, Jahre des Mühsals verjüngen sich in einem winzigen Augenblick.

 

Noch heute, Jahre später, habe ich sie ganz deutlich vor Augen – die Gesichter all der Menschen, denen wir im Vorüberschreiten ein Licht im Herzen entfachten.

 

Es dauerte sicherlich noch eine halbe Stunde, doch für uns fühlte es sich an wie wenige Minuten, in denen wir der Kathedrale entgegenflogen, um uns schließlich vor der Kathedrale freudig in die Arme zu fallen, umhüllt von den sphärischen Klängen eines virtuosen Straßenmusikers.

Impressum

Bildmaterialien: Reinhold Ananda
Tag der Veröffentlichung: 04.01.2014

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