Cover

Alexandre Dumas: Der Graf von Monte Christo


Alexandre Dumas


Der Graf von Monte Christo



verlag.bucher@gmail.com

Marseille 1815

Am 28. Februar 1815 gab die Hafenwache von Notre-Dame das Signal vom Heransegeln des Dreimasters »Pharaon«, der von Smyrna, Triest und Neapel kam. Ein Küstenpilot steuerte alsogleich aus dem Hafen und erreichte das Fahrzeug zwischen dem Kap Morgion und der Insel Rion. Auch hatte sich, wie sonst immer, die Plattform des Kastells Saint-Jean mit Neugierigen gefüllt; denn in Marseille ist die Landung eines Schiffes stets von großer Wichtigkeit, zumal wenn es einem Reeder dieser Stadt gehört. Schwer und langsam rückte der Koloß näher und näher heran, daß es die Zuschauenden wie mit unheilverkündender Ahnung packte.

Aller Aufmerksamkeit war einem jungen Manne zugewandt, der, neben dem Steuermann stehend, jede Schwenkung des Schiffs mit offenbarer Sachkenntnis verfolgte. Er war groß und schlank und hatte kohlschwarze Haare und Augen. Sein ganzes Wesen äußerte jene ruhige Sicherheit, wie sie Menschen eigen ist, denen das Leben von Kindheit an Kampf bedeutete.

Einer unter der harrenden Menge vermochte seine Unruhe nicht länger zu meistern. Er sprang in eine Barke und ließ sich zum »Pharaon« hinrudern. Als der junge Seefahrer das Boot herankommen sah, lehnte er sich grüßend über die Brüstung des Schiffes, den Hut in der Hand.

»Ah, Sie sind's, Dantes!« rief der Mann in der Barke. »Was ist geschehen?«

»Ein großes Unglück, Mr. Morrel«, entgegnete der junge Mann. »Wir haben auf der höhe von Civita-Vechia den wackeren Kapitän Leclerc verloren.«

»Und die Ladung?« fragte der Reeder lebhaft.

»Sie kommt glücklich in den Hafen, Mr. Morrel. Ich glaube, Sie werden zufrieden sein. Aber der arme Kapitän Leclerc...«

»Was ist ihm denn geschehen?« fragte der Reeder.

»Er starb an einer Gehirnentzündung unter schrecklichen Leiden.« Dann wandte sich Dantes gegen seine Leute und rief: »Holla he! Jeder gehe zum Ankern an seinen Posten.« Die Schiffsmannschaft gehorchte.

»Das ist ja traurig,« versetzte der Reeder; »aber wir alle sind sterblich, und es ist nun mal so, daß die Alten den Jungen Platz machen. In dem Augenblick, wo Sie mir versichern, daß die Schiffsladung...«

»Ist in gutem Zustand, Herr Morrel, dafür bürge ich. Wenn Sie jetzt hinaufsteigen wollen, Herr Morrel,« sagte Dantes, der die Unruhe des Reeders bemerkte, »da ist Ihr Rechnungsführer, Herr Danglars, der wird Ihnen Auskunft geben; was mich betrifft, so muß ich das Ankern überwachen und das Schiff in Trauer versetzen.« Der Reeder ließ es sich nicht zweimal sagen; er faßte das Kabeltau, das ihm Dantes zuwarf, und kletterte mit einer Gewandtheit, die einem Seemanne Ehre gemacht hätte, an den Sprossen empor, die an die Schiffswand genagelt waren.

Herr Danglars war ein Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, hatte ein finsteres Aussehen und war unterwürfig gegen seine Vorgesetzten, aber unwirsch wider seine Untergebenen, und außerdem, daß sein Titel »Rechnungsführer« an sich schon einen üblen Klang für die Matrosen hatte, betrachtete ihn die Mannschaft mit einem ebenso bösen Auge, wie sie mit Liebe auf Edmond Dantes blickte.

»Ja, ja! Der arme Lerlerc, er war ein braver, ehrenhafter Mann und ein ausgezeichneter Seemann, ergraut zwischen Himmel und Wasser, wie es sich für einen Mann schickt, dem die Interessen eines Hauses wie Morrel & Sohn anvertraut werden«, sagte Danglars.

»Nun,« meinte der Reeder, »es ist doch nicht nötig, ein alter Seemann zu sein, um sein Geschäft zu verstehn. Sehen Sie unsern Freund Edmond, der besorgt sein Amt, wie mir scheint, als ein Mann, der niemand um Rat zu fragen braucht.«

»Ja,« versetzte Danglars, einen scheelen Blick des Hasses auf Dantes werfend, »ja, er ist jung und fürchtet noch nichts. Kaum war der Kapitän tot, übernahm er das Kommando, ohne jemanden zu konsultieren, und ließ uns einen und einen halben Tag auf der Insel Elba verlieren, statt direkt nach Marseille zurückzukehren.«

»Was die Übernahme des Schiffskommandos betrifft,« sagte der Reeder, »so war es als Vizekapitän seine Pflicht; was aber den Verlust von anderthalb Tagen auf der Insel Elba anbelangt, so tat er unrecht daran.« »Kommen Sie doch schnell mal her, Dantes!« rief der Reeder. »Was steht zu Diensten?« fragte Dantes und trat rasch hinzu.

»Ich wollte Sie fragen, warum Sie bei der Insel Elba angehalten haben?«

»Es geschah auf die letzte Bitte des Kapitäns Leclerc, der mir sterbend ein Paket für den Großmarschall Bertrand übergeben hat.«

»Haben Sie ihn gesehen, Edmond?«

»Wen?«

»Den Großmarschall.«

»Ja.«

Morrel blickte um sich und zog Dantes beiseite. »Und wie befindet sich der Kaiser?« fragte er lebhaft.

»Gut, soviel ich von ferne seinem Aussehen nach schließen konnte.«

»Sie haben recht gehandelt, lieber Dantes, obgleich es Sie in Gefahr bringen kann.«

»Wie! Mich in Gefahr bringen? Ich weiß ja nicht einmal, was ich überbrachte«, rief der junge Mann. Da er aber die Zollbehörde ankommen sah, bat er, sich entfernen zu dürfen.

Sogleich trat Danglars zu dem Schiffsreeder: »Nun, er hat wohl triftige Gründe für sein Verhalten gehabt, wenn ich fragen darf?«

»Durchaus, mein lieber Danglars.«

»Und der Brief, den er mit dem Paket empfangen...?«

»Was meinen Sie für ein Paket, Danglars?«

»Das, was Dantes in Porto-Ferrajo abgegeben hat.«

»Wie wissen Sie, daß er in Porto-Ferrajo ein Paket abgegeben hat?«

Danglars errötete. »Ich ging an der halb offenen Tür des Kapitäns vorüber und sah, wie er das Paket und den Brief Dantes übergab.«

»Er hat mir nichts davon gesagt,« versetzte der Reeder, »aber was den Brief betrifft, so wird er ihn mir gewiß einhändigen.«

Danglars dachte einen Augenblick nach: »Ich möchte nichts gesagt haben, Herr Morrel; ich kann mich ja auch irren.«

In diesem Augenblick kehrte der junge Mann zurück; Danglars entfernte sich.

»Sind Sie jetzt frei, lieber Dantes?« fragte der Reeder.

»Jawohl, Herr Morrel.«

»Da wäre es mir lieb, wenn Sie bei mir zu Mittag speisten.«

»Oh, verzeihen Sie gütigst, Herr Morrel -- aber mein Vater...«

»Ja, richtig, Dantes! Ich weiß, Sie sind ein guter Sohn.«

»Wissen Sie vielleicht,« fragte Dantes stockend, »wie's ihm ergehen mag?«

»Ich glaube, gut, lieber Edmond. Hab' ihn nie zu Gesicht bekommen.«

»Hm, er hält sich in seinem kleinen Zimmer verschlossen.«

»Das beweist wenigstens, daß es ihm in Ihrer Abwesenheit an nichts fehlte.«

Dantes lächelte. »Mein Vater ist stolz, mein Herr, und wenn es ihm auch an allem gefehlt hätte, so zweifle ich, daß er irgend jemand in der Welt, Gott ausgenommen, um etwas gebeten hätte.«

»Nun also: nach diesem ersten Besuch dürfen wir auf Sie zählen.«

Dantes wurde rot. »Nach diesem ersten Besuch liegt mir ein zweiter nicht weniger am Herzen ...«

»Ach, daß ich's vergessen konnte! Die schöne Mercedes ... Da will ich Sie nicht aufhalten, mein lieber Edmond. Übrigens: brauchen Sie Geld?«

»Besten Dank, mein Herr! Ich habe noch mein ganzes Reisegehalt, das heißt den Sold von beinahe drei Monaten.«

»Edmond, Sie sind ein tüchtiger Kerl.«

»Bedenken Sie, Herr Morrel, daß ich einen armen Vater habe.«

»Ja, ja, ich weiß, daß Sie ein guter Sohn sind. Gehen Sie also zu Ihrem Vater.«

»Sie erlauben also?« sagte der junge Mann, indem er sich verneigte.

»Ja, wenn Sie mir nichts weiter zu sagen haben?«

»Nein.«

»Hat Ihnen der Kapitän Leclerc auf seinem Sterbelager nicht einen Brief an mich gegeben?«

»Es war ihm unmöglich, zu schreiben, mein Herr; doch dies erinnert mich, daß ich Sie um einige Tage Urlaub bitten möchte.«

»Um sich zu verheiraten?«

»Das fürs erste -- und dann, um nach Paris zu reisen.«

»Gut, gut, Dantes! Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie wollen. Wir brauchen wohl sechs Wochen, um das Schiff auszuladen, und werden vor drei Monden nicht wieder in See gehen. Sie müssen also in drei Monaten wieder hier sein. Der ›Pharaon‹«, fuhr der Reeder fort und klopfte auf die Schulter des jungen Seemannes, »könnte nicht absegeln ohne seinen Kapitän.«

»Ohne seinen Kapitän?« wiederholte Dantes mit freudefunkelnden Augen. »O Herr! Versteh' ich Sie recht?«

»Auf Wiedersehen, lieber Dantes«, sagte Herr Morrel, faßte den jungen Mann bei den Schultern und drängte ihn zur Eile.

»Oh, Herr Morrel!« rief der junge Seemann mit Tränen im Auge, die Hände des Reeders ergreifend. »Ich danke Ihnen in meines Vaters und in Mercedes' Namen.«

Die Nachricht von der Ankunft des »Pharaon« war noch nicht bis zum alten Dantes gedrungen, der auf einem Stuhl saß und eben beschäftigt war, einige Kapuzinerblumen und Winden, die sich am Fenstergitter emporrankten, mit zitternder Hand an Stäben zu befestigen. Auf einmal fühlte er sich von einem Arm umschlungen und hörte eine wohlbekannte Stimme: »Vater, mein guter Vater!« Der Alte stieß einen Schrei aus und wandte sich; als er dann seinen Sohn sah, sank er zitternd und bleich in dessen Arme.

»Was ist dir denn, Vater?« rief der junge Mann. »Du bist doch nicht krank?«

»Nein, nein, mein lieber Edmond, mein Sohn, mein Kind! Nein; aber ich habe dich nicht erwartet, die Freude, die Überraschung, dich so unvermutet zu sehen! Ach Gott ... ich glaube zu sterben!« Dem Greise schwanden die Kräfte, und er sank zurück.

»Schnell ein Glas Wein, mein Vater, das wird dich erfrischen«, sagte der Jüngling. Er öffnete zwei oder drei Schränke.

»Du suchst umsonst, mein Sohn.«

»Wie? Kein Wein mehr da?« rief Dantes erschreckt und blickte bald auf die eingefallenen Wangen des Greises, bald auf die leeren Schränke.»Hat es dir an Geld gemangelt, Vater?«

»Es mangelt mir an nichts, da du bei mir bist«, sagte der Greis.

»Ja, ich bin hier,« sagte der junge Mann, »ich bin hier mit einer guten Aussicht und ein bißchen Geld; da sieh, Vater! Nimm, und laß sogleich etwas holen.« Er leerte auf dem Tisch seine Taschen aus, die ein Dutzend Goldstücke, fünf oder sechs Fünffrankstücke und etwas Kleingeld enthielten. Das Angesicht des Greises erheiterte sich. »Wem gehört das?« sagte er.

»Mir, dir, uns -- nimm, kauf' ein; morgen gibt es mehr. Vor allem aber nimm eine Magd, Vater! Ich will nicht, daß du länger allein bleibst. Ich habe Kaffee und vortrefflichen Tabak. Morgen sollst du alles haben. Doch still, es kommt jemand.«

»Das ist Caderousse, der deine Ankunft erfahren haben wird, und der gewiß kommt, um dir zu deiner Heimkehr Glück zu wünschen.«

»Das sind abermals Lippen, die manches sagen, was das Herz nicht denkt,« murmelte Edmond; »doch es ist ein Nachbar, der uns einst Dienste geleistet hat, darum sei er willkommen.«

Caderousse trat ein. Er war ein Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren. »Nun, wieder zurück, Edmond?«

»Wie Sie sehen, Nachbar Caderousse. Womit kann ich Ihnen dienen?« »Danke bestens; ich habe nichts vonnöten.« Dabei streiften seine lüsternen Blicke das auf dem Tisch liegende Geld. Edmond machte eine ungeduldige Bewegung. »Vater, da ich dich nun gesehen habe, erlaubst du mir wohl, den Katalanern einen Besuch zu machen.«

»Geh, mein lieber Sohn. Gott segne dich. Grüß' mir deine Mercedes.

Edmond umarmte seinen Vater, verabschiedete sich von Caderousse mit einem Kopfnicken und ging fort. Caderousse blieb noch ein Weilchen, dann suchte er Danglars wieder auf, der an der Straßenecke auf ihn wartete.

»Nun,« rief ihm Danglars zu, »hast du ihn gesehen?«

»Ich komme soeben von ihm«, antwortete Caderousse. »Der spielt jetzt den großen Herrn.«

»Und die Katalanerin?«

»Er ging soeben zu ihr.« Caderousse lachte. »Hoffentlich erlebt er keine Enttäuschungen.«

»Wie meinst du das?«

»Ich habe Mercedes oft in Begleitung eines großen, stattlichen, sehr temperamentvollen Katalaners angetroffen, den sie ›Vetter‹ zu nennen pflegt.«

»Hm... und Dantes ist jetzt zu Mercedes gegangen...«

»Weißt du, wir setzen uns beide zu Vater Pamphile und trinken ein paar Gläser Wein. Du aber bezahlst.«

»Freilich!« antwortete Danglars. »Dantes muß an uns vorbei; da kann man vielleicht was erleben.«

Hundert Schritte von den beiden Kumpanen entfernt, die da weintrinkend auf der Lauer saßen, erhob sich auf nacktem, sonnverbranntem Felsen das seltsame und pittoreske Dorf der Katalaner. Ein junges Mädchen von seltener Schönheit, mit Augen und Haaren dunkel wie Achat, steht einem schlanken Mann gegenüber, der nicht in allzu rosiger Stimmung zu sein scheint.

»Sehen Sie, Mercedes,« sagt er, »Ostern kommt. Wär's nicht die beste Gelegenheit, Hochzeit zu machen?«

»Sie fragen mich immer wieder dasselbe, Fernand, trotzdem ich...« sagte das Mädchen.

»Jawohl, Sie haben eine sehr schöne Offenheit mir gegenüber an den Tag gelegt, Gott sei's geklagt.«

»Und ich sage Ihnen nun zum letzten Male: Niemand anders als Edmond Dantes wird mein Gatte«, rief das Mädchen heftig.

Der junge Mann ballte die Fäuste. »Wenn er nun tot ist, Mercedes?«

»Dann sterbe ich auch.«

»Und wenn er Sie vergißt?«

»Mercedes!« rief eine frohe Stimme außerhalb der Hütte. »Mercedes!«

»Ah!« rief das Mädchen, vor Freude erglühend. »Er hat mich nicht vergessen; er ist da!«

Sie stürzte zur Tür: »Edmond! Edmond! hier bin ich!« Fernand wich erblassend zurück. Edmond und Mercedes lagen einander in den Armen. Die ganze Welt versank für sie. Auf einmal gewahrte Edmond die finstere Gestalt Fernands, die bleich und bedrohlich im Schatten stand. »Ah, Vergebung,« sagte Dantes, die Stirn runzelnd, »ich ahnte nicht, daß wir zu dreien sind.« Dann wandte er sich zu Mercedes und fragte: »Wer ist dieser Herr?«

»Dieser Herr wird dein bester Freund sein, Dantes, denn er ist mein Freund, mein Vetter, mein Bruder Fernand, das heißt der Mann, den ich nach dir, Edmond, am meisten in der Welt liebe.« Edmond reichte mit Herzlichkeit dem Katalaner die eine Hand, während er mit der anderen die Hand Mercedes' in der seinigen hielt. Aber weit entfernt, daß Fernand diese freundschaftliche Begrüßung erwiderte, verharrte er stumm und unbeweglich wie eine Statue. Sodann ließ Edmond seinen forschenden Blick von Mercedes auf Fernand fallen. Dieser einzige Blick gab ihm Aufschluß über alles. Zorn malte sich auf seiner Stirn.

»Ich dachte nicht, Mercedes,« sagte er, »daß ich einen Feind hier treffen würde.«

»Einen Feind?« rief Mercedes mit zornglühendem Blick auf ihren Vetter. »Einen Feind bei mir, sagst du, Edmond? Wenn ich das wüßte, so würde ich dich am Arm fassen und nach Marseille gehen, um dieses Haus für immer zu verlassen.« Fernands Auge schleuderte Blitze. »Und begegnete dir ein Unglück, mein Edmond,« fuhr sie mit unveränderlicher Ruhe fort, die Fernand bewies, daß sie in der Tiefe seiner finsteren Gedanken gelesen hatte, »wenn dir ein Unglück begegnete, so stiege ich auf das Kap von Morgion und stürzte mich kopfüber auf die Felsen nieder.« Fernand wurde blaß.

»Nein, du hast dich geirrt, Edmond,« fuhr sie fort, »du hast hier keinen Feind, hier ist nur Fernand, mein Bruder, der dir die Hand reichen wird, wie ein erklärter Freund.« Bei diesen Worten heftete das junge Mädchen ihren gebieterischen Blick auf den Katalaner, der, als wäre er bezaubert, sich langsam näherte und ihm die Hand entgegenstreckte. Er hatte aber kaum Edmonds Hand berührt, so stürzte er aus dem Hause.

»He, Katalaner! He, Fernand! Wohin läufst du?« rief eine Stimme dem Davoneilenden zu.

Der junge Mann blickte um sich und sah Caderousse, der mit Danglars in der Laube eines Schankwirts saß. Fernand blickte mit blöder Miene auf die beiden Männer und gab keine Antwort. »He, Freundchen! Pech gehabt in der Liebe?« lachte Caderousse. Fernand setzte sich zu ihnen und ließ stöhnend den Kopf in die Hände sinken.

Die beiden andern machten ihre rücksichtslosen Scherze dazu.

»Wann wird's denn Hochzeit geben?« fragte Danglars.

»So weit ist's noch nicht«, murmelte Fernand.

»Holla! Was ist denn da drüben für ein Pärchen, das über die Berge lustwandelt? Ihr habt bessere Augen als ich. Haha! Es glaubt sich ungesehen und küßt sich alle zehn Schritte«, rief Caderousse.

»Wahrhaftig, sie sind's: der schöne Edmond und Mercedes. Glück auf, mein Jungchen!« Spöttisch schwenkte Danglars sein Glas in der Richtung nach den Hügeln zu.

Fernand ballte die Faust. Danglars schaute unentwegt zu den beiden Liebenden hinüber.

»Der Mann glaubt sich so sicher und ahnt gar nicht, auf welch wankendem Boden sein Glück steht.«

»Weshalb? Warum?« fragten die beiden andern begierig.«

»Hm... das ist so eine Sache...«

»Rede, Mensch!« stießen die beiden andern ihn an.«

»Tja...«, meinte Danglars, »es bedürfte nur eines Bogens Papier und Feder und Tinte.« »He! Wirt! Papier her!«

Der Wirt brachte all das Gewünschte. Danglars lächelte geheimnisvoll, nahm die Feder in die linke Hand und schrieb mit völlig veränderter Schrift:

»Der königliche Prokurator wird von einem Freunde des Thrones und der Religion in Kenntnis gesetzt, daß ein gewisser Edmond Dantes, Vizekapitän des Schiffes ›Pharaon‹, diesen Morgen von Smyrna ankam, nachdem er Neapel und Porto-Ferrajo berührt hat, von Murat mit einem Briefe für den Usurpator, und vom Usurpator mit einem Briefe für das bonapartistische Komitee in Paris beauftragt worden ist. Den Beweis seines Verbrechens erlangt man mit seiner Verhaftung, denn man wird diesen Brief entweder bei ihm oder bei seinem Vater oder in seiner Kajüte an Bord des ›Pharaon‹ finden.«

»Sehen Sie!« flüsterte Danglars mit gemeinem Lächeln. »Damit wär's um den Mann geschehen.«

Die beiden andern sahen mit stieren Augen auf den ihnen hinübergereichten Bogen. »Donnerwetter!« murmelte Caderousse, dem der Wein bereits in den Kopf gestiegen war. »Und wohin müßte man solch ein Schriftstück schicken?«

Danglars schrieb spielend die Adresse.

»So so... so so...«, brummte Caderousse halb wie im Schlaf; dann sprang er plötzlich hoch. »Das ist eine Gemeinheit, Kinder! Man treibt mit dergleichen Sachen keine Narrenspossen. Her mit dem Wisch!«

Er griff danach. Danglars fiel ihm abwehrend in den Arm:

»Komm, komm, lieber Freund; es ist Zeit, nach Hause zu gehen.«

»Den Brief will ich haben, den Brief! Ihr seid gemein gegen Dantes«, lallte Caderousse.

»Da liegt der Brief«, sagte Danglars, ließ das Schriftstück zur Erde fallen und trat mit dem Fuß drauf. »Deinem guten Dantes wird keiner ein Haar krümmen. Komm, komm...« Er zog den Schwankenden mit sich fort, dabei beobachtete er heimlich mit scharfem Blick den Katalaner.

Fernand hatte mit zusammengepreßten Lippen die ganze Zeit hindurch dagesessen, ohne mitzureden. Kaum aber glaubte er die beiden andern außer Sehweite, so stürzte er sich wie ein wildes Tier auf den Brief, steckte ihn in die Tasche und rannte davon.

Wenige Tage darauf wurde die Verlobung Dantes' mit der schönen Mercedes feierlich begangen. Das Brautpaar, strahlend in seinem Glück, saß inmitten einer Schar von guten Freunden, Bekannten und Verwandten. Caderousse, Danglars und Fernand hatte man auch geladen. Durch Herrn Morrels Erscheinen aber hatte das junge Paar sich ganz besonders beehrt gefühlt.

Man aß und trank, schwatzte und lachte. Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihren Höhepunkt erreicht. Nur Fernand und Danglars verhielten sich auffallend still, Caderousse dagegen freute sich mit den Glücklichen; er schien die Vorgänge vom Tage vorher vollkommen vergessen zu haben.

Plötzlich ertönten drei laute Schläge. Erstaunt blickte alles zur Tür.

»Im Namen des Gesetzes!« schnarrte eine Stimme, der niemand antwortete.

Die Tür ging auf, und ein Kommissar, mit seiner Schärpe umgürtet, trat in den Saal, ihm folgten vier bewaffnete Soldaten, von einem Korporal geführt.

»Was gibt es?« fragte der Reeder, der den Kommissar kannte, »hier liegt doch sicher ein Irrtum vor.«

»Wenn da ein Irrtum im Spiele ist, Herr Morrel,« entgegnete der Kommissar, »so seien Sie überzeugt, daß er sogleich wieder gutgemacht wird. Indes bin ich der Überbringer eines Haftbefehls, und obschon ich meinem Auftrage mit Bedauern nachkomme, muß ich ihn doch pünktlich vollziehen. Wer von Ihnen, meine Herren, ist Edmond Dantes?«

Die Blicke aller wandten sich dem jungen Mann zu, der, zwar heftig bewegt, aber doch seine Würde bewahrend, einen Schritt vortrat und sagte: »Ich bin es, mein Herr, was wünschen Sie von mir?«

»Edmond Dantes!« erwiderte der Kommissar. »Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes.«

»Sie verhaften mich?« sagte Edmond mit einem leichten Erblassen. »Warum verhaften Sie mich?«

»Ich weiß das nicht, mein Herr, aber in Ihrem ersten Verhör wird es Ihnen kundwerden.«

Herr Morrel sah ein, daß sich im Augenblick nichts tun ließ, der alte Dantes aber stürzte dem Kommissar entgegen, es gibt eben Dinge, die das Herz eines Vaters oder einer Mutter nie zu begreifen vermag. Er bat und beschwor den Beamten, und seine Verzweiflung war so groß, daß sie den Kommissar rührte.

»Mein Herr,« sagte er, »beruhigen Sie sich, vielleicht hat Ihr Herr Sohn nur eine Sanitätsförmlichkeit außer acht gelassen; hat man von ihm die Auskunft erhalten, die man verlangt, so wird er wieder in Freiheit gesetzt.«

»Sei ruhig, meine Mercedes, sei ruhig, Vater! Es muß sich ja alles aufklären«, sagte Dantes, küßte die Geliebte und drückte den Seinen die Hand. Dann stieg er hinter dem Kommissar, von Soldaten umgeben, die Treppe hinab. Ein Wagen mit geöffnetem Schlage erwartete ihn an der Tür, er stieg ein, und ihm folgten zwei Soldaten mit dem Kommissar. Der Schlag wurde geschlossen, und der Wagen rollte gegen Marseille hin.

»Edmond! Edmond!« rief Mercedes und stürzte nach der Balustrade.

Der Gefangene vernahm noch diesen letzten Schrei, der wie ein Schluchzen aus zerrissenem Herzen klang; er neigte seinen Kopf über den Schlag hinaus und rief: »Vertraue mir, Mercedes!« Dann verschwand er an einer Ecke des Fort Saint-Nicolas.

Eine namenlose Bestürzung hatte sich der ganzen Gesellschaft bemächtigt.

»So geht es nicht,« sagte Herr Morrel, »die Ungewißheit foltert mich. Ich will den ersten besten Wagen nehmen, um selbst nach Marseille zu fahren und zu sehen, was vorliegt.«

»Ach ja, tun Sie das, und kommen Sie bald zurück«, schluchzte Mercedes.

Als auch Herr Morrel gegangen war, blieben der Vater Dantes' und Mercedes für sich allein. Die Gäste standen beieinander und tuschelten. Da begegneten sich die Blicke der beiden Verlassenen. Sie fühlten ihre Zusammengehörigkeit in dieser Stunde der Verzweiflung doppelt und sanken sich laut weinend in die Arme.

Endlich kam Herr Morrel zurück. Mercedes und der alte Vater liefen ihm entgegen.

»Meine Lieben,« sagte der Schiffsherr bedrückt, »die Sache ist ernster, als man dachte.«

»Edmond ist unschuldig, Herr Morrel! Er ist unschuldig!« schrie Mercedes außer sich.

»Davon bin auch ich überzeugt«, sagte der gütige Mann.

»Wessen beschuldigt man ihn?« fragte mit trockener Kehle der alte Dantes.

»Ein Agent der bonapartistischen Partei zu sein.«

Mercedes schrie laut auf; der Greis aber brach zusammen.

»Was hast du getan, du Lump?« drang Caderousse keuchend auf Danglars ein. »Sofort geh' ich und sage alles.«

»Untersteh dich!« fauchte Danglars ihn an. »Wer sagt dir, daß Dantes nicht wirklich schuldig sei? Das Schiff hat die Insel Elba berührt, er ist dort ausgestiegen und einen Tag lang in Porto-Ferrajo geblieben. Fände man bei ihm einen Brief, der ihn bloßstellte, würden auch diejenigen für mitschuldig gelten, die ihn unterstützten.«

Caderousse begriff mit dem Instinkt der Selbstsucht die ganze Richtigkeit dieses Schlusses. Er blickte Danglars mit Augen voll Schmerz und Verachtung an, und für einen Schritt, den er vorwärts getan, wich er zwei Schritte zurück. »Warten wir also«, murmelte er.

»Ja, warten wir,« sagte Danglars; »ist er unschuldig, so wird man ihn in Freiheit setzen, ist er aber schuldig, so wäre es unnütz, sich für einen Verschworenen bloßzustellen.«

Zur gleichen Zeit, da sich diese Tragödie abspielte, wurde in der Rue Grand Cours ein zweites Verlobungsfest gefeiert. Hatte es sich dort aber nur um Leute des bürgerlichen Mittelstandes gehandelt, fand man hier einen erlesenen Kreis der vornehmsten Marseiller Gesellschaft vor. Man saß bei Tisch, und die Unterhaltung wurde lebendig durch die Leidenschaften jener Zeit. Leidenschaften, die um so heftiger und zündbarer waren, als seit fünfhundert Jahren der religiöse Haß dem politischen fort und fort neue Nahrung gab.

Der Kaiser -- damals König auf der Insel Elba --, der einen großen Teil der Welt beherrscht hatte und sich nun mit dem kleinen Elba begnügen mußte, schien dieser Gesellschaft ein toter Mann und für immer erledigt.

So erhob denn der greise Marquis von Saint-Méran, der heute seine Tochter Renée mit dem Substitut des königlichen Prokurators Herrn de Villefort verlobt hatte, sein Glas, um ein Hoch auf das Wohl Ludwigs XVIII. auszubringen. Das rief allgemein eine stürmische Begeisterung hervor. Man schwang die Gläser auf englische Manier, und die Damen lösten ihre Blumensträuße auf, um die Tafel mit Blüten zu bestreuen. In diesem Augenblick trat ein Kammerdiener ein, näherte sich dem Herrn de Villefort und flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Villefort entschuldigte sich bei seiner Braut und verließ eilends die Festtafel.

Villefort hatte kaum den Speisesaal verlassen, als er auch sogleich eine gestrenge Amtsmiene aufzusetzen sich bemühte. Es gelang ihm dies heute nicht so leicht, da er sich froh und glücklich fühlte, wie es ein Mensch nur sein kann. Er hatte auch allen Grund dazu. So jung er noch war, bekleidete er bereits eine ansehnliche Stellung, und durch seine Verlobung mit der schönen Renée de Saint-Méran kam er in eine Familie, die bei Hofe zurzeit das größte Ansehen hatte. Dazu war Renée das einzige Kind ihrer Eltern und brachte ihm eine Mitgift von fünfzigtausend Franken in die Ehe. Sollte er da nicht guter Dinge sein?

Er traf vor der Tür den Polizeikommissar, der auf ihn wartete. Er trat zu ihm heran und sagte: »Es ist gut, daß Sie den Mann verhafteten. Wissen Sie bereits Näheres über dieses Komplott?«

»Von einem Komplott, mein Herr, weiß ich nichts. Alle Papiere, die man bei ihm fand, liegen versiegelt in Ihrem Bureau. Was den Verhafteten betrifft, so ist es ein gewisser Edmond Dantes, Kapitän des Handelsschiffes von Morrel & Sohn in Marseille.«

Auf dem Wege zum Justizpalast wurde Villefort von jemand angesprochen. Es war Herr Morrel.

»Ah, Herr von Villefortl« rief der redliche Mann, als er den Substituten erblickte. »Ich bin sehr erfreut, Ihnen hier zu begegnen. Man hat eben den seltsamsten und unerhörtesten Mißgriff getan und Edmond Dantes verhaftet, den Kapitän meines Schiffes.«

»Ich weiß es, mein Herr!« entgegnete Villefort. »Und ich gehe, um ihn zu verhören.«

»Ach, mein Herr,« fuhr Morrel, voller Angst und Sorge um seinen jungen Kapitän, dringend fort, »Sie kennen ihn nicht, den man beschuldigt; aber ich kenne ihn. Denken Sie sich den friedlichsten, rechtschaffensten Menschen, ich möchte fast sagen, den Mann, der bei der ganzen Handelsmarine seinen Platz am besten ausfüllt. Oh, Herr von Villefort, ich empfehle Ihnen den Mann aufrichtig und von ganzem Herzen.«

Wie man weiß, gehörte Villefort der Adelspartei der Stadt an und Morrel der bürgerlichen; der erste war Ultra-Royalist, der zweite des geheimen Bonapartismus verdächtig. Villefort blickte mit Geringschätzung auf Morrel und sprach zu ihm mit Kälte:

»Sie wissen, mein Herr, man kann friedlich sein im Privatleben, rechtschaffen im Handelsverkehr, geschickt in seinem Berufe und, politisch gesprochen, dennoch ein großer Verbrecher. Sie wissen das, Herr, nicht wahr? Im übrigen mögen Sie überzeugt sein, daß man Ihrem Schützling Gerechtigkeit widerfahren lassen wird.«

Damit grüßte er frostig und ließ den gütigen Mann auf der Straße stehen.

Der Vorraum des Justizpalastes war voll von Gendarmen und Polizeiagenten. Mitten unter ihnen stand regungslos der Gefangene.

Als Villefort eintrat, warf er einen scheelen Blick auf Dantes. Dann nahm er das Bündel Schriften in Empfang und sagte: »Man führe den Gefangenen vor!«

Als Dantes vor dem Richter stand, grüßte er höflich.

»Wer sind Sie? Wie ist Ihr Name?« fragte Villefort.

»Ich nenne mich Edmond Dantes, mein Herr,« antwortete der junge Mann mit einer ruhigen, klangvollen Stimme, »und bin Kapitän an Bord des Schiffes ›Pharaon‹ der Herren Morrel & Sohn.«

»Ihr Alter?« fragte Villefort weiter.

»Neunzehn Jahre«, entgegnete Dantes.

»Was haben Sie in dem Augenblick getan, als Sie verhaftet wurden?«

»Ich hielt mein eigenes Verlobungsmahl, mein Herr«, versetzte Dantes mit bewegter Stimme.

»Sie waren bei Ihrem Verlobungsmahl?« fragte der Substitut, unwillkürlich zitternd.

»Ja, mein Herr, ich stehe im Begriff, ein Mädchen zu heiraten, das ich seit drei Jahren liebe.«

Wie unempfindlich auch Villefort gewöhnlich war, so wurde er doch durch dieses Zusammentreffen der Umstände erschüttert. »Man beschuldigt Sie stark übertriebener politischer Gesinnungen«, fuhr er nun fort.

»Was meine politischen Gesinnungen betrifft, mein Herr, so schäme ich mich beinahe, es zu sagen; ich habe nie das gehabt, was man solch eine Gesinnung nennt. Ich zähle kaum neunzehn Jahre, weiß nichts und bin nicht dazu bestimmt, irgendeine Rolle zu spielen; das wenige, was ich bin, habe ich Herrn Morrel zu verdanken. Sonach beschränken sich alle meine Gesinnungen einzig auf drei Empfindungen: ich liebe meinen Vater, ich achte Herrn Morrel und bete meine Mercedes an. Das ist alles, mein Herr, was ich dem Gericht sagen kann.«

Villefort grübelte vor sich hin. »Haben Sie Feinde?« fragte er dann.

»Ich bin noch zu wenig, um Feinde zu haben«, äußerte Dantes bescheiden.

»Nun -- oder Neider«, forschte Villefort. »Sie sind mit neunzehn Jahren zum Kapitän ernannt, ein schönes Mädchen hat Ihnen seine Neigung geschenkt, zwei Tatsachen, um die Sie wohl beneidet werden könnten.«

»Bisher habe ich nie an dergleichen gedacht; indessen, Sie mögen recht haben. Sollte ich die Neider aber unter meinen Freunden suchen müssen, wünschte ich sie lieber nicht zu kennen, um nicht genötigt zu sein, sie zu hassen.«

»Das ist töricht, mein Lieber. Wohl dem, der klar sieht. Ihnen wäre vielleicht all dies erspart geblieben, denn Sie scheinen mir wirklich ein Opfer von Neid und Mißgunst zu sein. Ich will Ihnen gern zur Aufklärung Ihrer Lage verhelfen. Sehen Sie einmal: kennen Sie diese Handschrift?« Er reichte ihm den anonymen Anklagebrief hinüber.

Dantes las, und seine Stirn umdüsterte sich. »Nein, mein Herr, ich kenne die Handschrift nicht. Sie ist verstellt, trotzdem sie Schwung hat.« Villefort ging ein paarmal hin und her, dann wandte er sich an Dantes und sagte:

»Jetzt antworten Sie mir mal ganz freimütig, nicht wie ein Angeklagter seinem Richter, sondern wie ein Mensch in einer schiefen Stellung einem andern Menschen antwortet, der ihm Teilnahme schenkt: Was ist Wahres an dieser anonymen Beschuldigung?«

»Alles und nichts, mein Herr! Das ist die reine Wahrheit, sie ist's bei meiner Seemannsehre, bei meiner Liebe zu Mercedes, bei dem Leben meines Vaters!«

»Sprechen Sie, Herr!« sagte Villefort.

»Wohlan! Als wir Neapel verließen, wurde Kapitän Leclerc von einer Gehirnentzündung befallen; als er den Tod herannahen fühlte, beschied er mich zu sich und sagte: ›Mein lieber Dantes, schwören Sie mir bei Ihrer Ehre, das zu tun, was ich Ihnen sagen werde, denn es ist von größter Wichtigkeit.‹ ›Ich schwöre es Ihnen, Kapitän!‹ war meine Antwort. ›Nun gut; da Ihnen als Vizekapitän nach meinem Tode das Schiffskommando gebührt, so übernehmen Sie dasselbe; Sie segeln nach der Insel Elba, landen in Porto-Ferrajo, fragen nach dem Großmarschall und überreichen ihm diesen Brief; vielleicht übergibt man Ihnen einen andern Brief und erteilt Ihnen irgendeinen Auftrag. Diese Sendung, Dantes, die mir zugedacht war, sollen Sie nun statt meiner übernehmen, und es wird Ihnen sodann alle Ehre zuteil werden.‹ ›Ich will es tun, Kapitän. Aber vielleicht kann man nicht so leicht, wie Sie glauben, zum Großmarschall gelangen.‹ ›Hier ist ein Ring, den Sie ihm zukommen lassen,‹ sagte der Kapitän, ›dieser wird alle Schwierigkeiten beseitigen.‹ Mit diesen Worten übergab er mir einen Ring; es war hohe Zeit, zwei Stunden darauf lag er im Delirium, am folgenden Tage war er tot.«

»Und was haben Sie getan?«

»Was ich tun mußte, mein Herr, und was an meiner Stelle jeder andre getan hätte. Die Bitten eines Sterbenden sind heilig; aber bei den Seeleuten sind die Bitten eines Vorgesetzten Befehle, die man erfüllen muß. Ich segelte also nach der Insel Elba, wo ich am folgenden Tage anlangte; ich gab der ganzen Mannschaft Befehl, auf dem Schiffe zu bleiben, und stieg allein ans Land. Wie ich es voraussah, machte man mir Schwierigkeiten, mich beim Großmarschall einzuführen; als ich ihm aber den Ring zuschickte, wurden mir alle Türen geöffnet. Er empfing mich, befragte mich um die letzten Lebensumstände des unglücklichen Kapitäns Leclerc und übergab mir einen Brief mit dem Auftrage, ihn persönlich nach Paris zu bringen. Ich versprach es ihm, denn dies hieß den letzten Willen meines Kapitäns vollziehen. Ich kehrte an Bord zurück, steuerte nach Marseille, wo ich gestern landete, und nachdem ich rasch alle Schiffsangelegenheiten in Ordnung gebracht hatte, eilte ich zu meiner Braut. Morgen hatte ich die Absicht, nach Paris zu fahren.«

»Ja, ja,« murmelte Villefort, »das alles dünkt mich Wahrheit, und wenn Sie schuldig sind, so sind Sie es aus Unklugheit; ferner ward diese Unklugheit gesetzlich durch die Befehle Ihres Kapitäns. Übergeben Sie uns jenen Brief, den man Ihnen auf der Insel Elba eingehändigt hat. Verbürgen Sie mir Ihr Ehrenwort, sich bei der ersten Vorladung zu stellen, und kehren Sie jetzt zu Ihren Freunden zurück.«

»Ich bin also frei, mein Herr?« rief Dantes voll Entzücken.

»Ja, nur geben Sie mir jenen Brief.«

»Er muß vor Ihnen liegen, mein Herr, denn man hat ihn mir mit meinen andern Papieren weggenommen, und ich erkenne einige davon in diesem Bündel.«

»Warten Sie,« sagte der Substitut zu Dantes, der schon seine Handschuhe und seinen Hut genommen hatte, »warten Sie, an wen war er adressiert?«

»An Herrn Noirtier, Rue Coq-Héron in Paris«, antwortete Dantes.

Als hätte ihn ein Blitz getroffen, sank Villefort auf seinen Stuhl zurück. Dann griff er mit zitternder Hand nach dem Brief.

»Mr. Noirtier, Rue Coq-Héron, Nummer 13?«

Stöhnend barg der Mann einen Augenblick sein Haupt in den Händen. Dann fragte er mit rauher Stimme:

»Weiß noch jemand um den Brief?«

»Nein, Herr«, sagte Dantes verwundert.

»Und war dies der einzige Brief?«

»Ja. Herr.«

»Können Sie beides beschwören?«

»Ich beschwöre es.«

»Gut«, sagte der Richter mit Anstrengung. »Der Brief könnte für Sie sehr verhängnisvoll werden. Ich habe Interesse für Sie und möchte Ihnen helfen. Sehen Sie: ich vernichte den Brief, daß keine Spur von ihm bleibt.« Er war zum Kamin gegangen und warf das Schriftstück in die lodernden Flammen. Dann sah er Dantes mit erloschenen Augen an.

»Dafür erwarte ich von Ihnen eine Art Gegenleistung ... zwar kann ich Sie im Augenblick doch noch nicht gehen lassen... ein anderer Beamter wird Sie noch einmal verhören. Sagen Sie alles, was Sie mir gesagt haben, aber kein Wort von dem Brief.«

»Ich verspreche es Ihnen.«

»Das ist recht so. Und nun noch ein wenig Geduld und den Kopf hoch.«

»Ich danke Ihnen, mein Herrl«

Villefort griff nach der Klingelschnur; der Kommissar trat ein. Der Richter flüsterte ihm einige Worte ins Ohr. Der Beamte nickte, dann wandte er sich an Dantes:

»Folgen Sie mir!«

Man hatte Dantes in ein ziemlich reinliches Zimmer geführt, allerdings mit Gittern und Riegeln versehen. Er suchte krampfhaft jedes Gefühl von Besorgnis zu unterdrücken und vergegenwärtigte sich immer aufs neue das wohlwollende Verhalten des Substituten, um daraus Mut und Hoffnung zu schöpfen. Die Tageshelle schwand, und Dantes befand sich im Dunkeln. Es verging Stunde um Stunde in Hangen und Bangen.

Endlich hörte er Schritte. Die Tür wurde geöffnet, und der Schein zweier Fackeln fiel ins Zimmer. Dantes sah vier Gendarmen mit Säbeln und Musketen.

»Kommt ihr, um mich zu holen?« fragte er.

»Ja«, erwiderte einer von den Leuten.

»Auf Befehl des Herrn Substituten des königlichen Prokurators?«

»Es wird wohl so sein.«

»Gut,« sagte Dantes, »ich bin bereit, euch zu folgen.« Der Glaube, daß man ihn auf Befehl des Herrn von Villefort hole, benahm dem unglücklichen Jüngling alle Furcht. Er schritt also vorwärts, ruhig im Geiste, frei im Gange, und stellte sich selbst mitten unter seine Begleitung. Ein Wagen hielt am Straßentor, der Kutscher saß auf dem Bock und neben ihm ein Gefreiter.

»Ist dieser Wagen für mich bestimmt?« fragte Dantes.

»Für Sie,« entgegnete einer der Gendarmen, »steigen Sie ein.«

Dantes wollte einige Bemerkungen machen, allein der Kutschenschlag ging auf, und er empfand, daß man ihn hineinschob.

Die Fenster des Fuhrwerks waren vergittert, doch Dantes vermochte zu erkennen, daß die Fahrt nach dem Kai ging. Der Wagen hielt. Ein Dutzend Soldaten eilten herbei und stellten sich auf.

»Wie, meinetwegen solch ein militärisches Aufgebot?« fragte Dantes voller Staunen.

Der Gefreite öffnete den Wagenschlag und wies Dantes stumm den Weg zwischen zwei Reihen Bewachung, der zum Hafen führte. Ehe er sich's versah, saß er, von den Gendarmen umringt, in einem Boot und wurde in die Nacht hinausgerudert. Trotz seiner Abneigung, mit den Wächtern zu reden, konnte er nun doch nicht den Ausruf unterdrücken:

»Mein Gott, wohin führt man mich denn?«

»Wenn Ihr nicht blind seid, schaut Euch doch um«, gab widerwillig einer von den Gendarmen zur Antwort.

Dantes suchte die Dunkelheit zu durchdringen, da sah er in einiger Entfernung aus steilen, schwarzen Felsen das schauerliche Schloß If aufragen. Der Anblick dieses unheimlichen Gebäudes wirkte auf Dantes so furchtbar, wie auf einen zum Tode Verurteilten der Anblick des Schafotts.

»Um des Himmels willen, was sollen wir da?« schrie er auf.

Der Gendarm lächelte.

Bei Dantes überstürzten sich Gedanken und Vermutungen.

»Führt man mich etwa dahin, um mich einzusperren? Das ist doch ein Staatsgefängnis für große politische Verbrecher. Ich habe kein Verbrechen begangen. Gibt es Untersuchungsrichter, Beamte im Schlosse If?«

»Wie ich vermute,« sagte der Gendarm, »gibt es dort einen Gouverneur, einen Kerkermeister, eine Garnison und gute Mauern. He, Freund!«

Die Gendarmen waren aufgesprungen und hielten Dantes gepackt, der sich in der Aufwallung grenzenloser Verzweiflung hatte ins Meer stürzen wollen. Jetzt lag er auf dem Boden des Bootes, und ein Gendarm hatte ihm das Knie auf die Brust gesetzt:

»Noch eine Bewegung, und ich jage Euch eine Kugel durch den Kopf.«

Er richtete wirklich seinen Karabiner gegen Dantes, der die Mündung des Rohres wie einen eisigen Ring an der Schläfe verspürte. Dantes hatte einen Augenblick lang wirklich den Gedanken, diese verpönte Bewegung zu machen und auf solche Art dem unerwarteten Unglück ein Ende zu bereiten; allein gerade weil dieses Unglück so unerwartet kam, meinte er, es sei nicht von Dauer. Jetzt wurde die Barke von einem heftigen Stoße erschüttert. Einer der Ruderknechte sprang auf den Felsen, ein Tau knarrte im Abrollen von einer Winde, und Dantes erkannte, daß man gelandet sei. Man packte ihn zugleich am Arme und Kragen, nötigte ihn, aufzustehen und vorwärts zu gehen.

Im Chateau d`If

Dantes leistete weiter keinen unnützen Widerstand, die Langsamkeit seines Ganges war viel mehr Erschlaffung als Widersetzlichkeit. Er war betäubt und wankte wie ein Betrunkener. Er sah aufs neue Soldaten kommen, die sich an der steilen Böschung aufstellten, er merkte Stufen, die ihn zwangen, seine Füße zu heben, und gewahrte, daß er unter ein Tor kam, das sich hinter ihm schloß -- aber alles maschinenmäßig, wie im Nebel.

Einen Augenblick wurde in einem dunklen Hofe haltgemacht. »Wo ist der Gefangene?« fragte eine Stimme. »Hier«, antworteten die Gendarmen. »Er folge mir; ich werde ihn in seine Zelle führen.« »Vorwärts!« riefen die Gendarmen und gaben Dantes einen Stoß. Der Gefangene folgte seinem Führer, der ihn in ein unterirdisches Gemach geleitete, dessen nackte und

feuchte Mauern von Tränendunst geschwängert zu sein schienen. Eine Art Lampe, die auf einem Schemel stand und deren Docht in einem stinkenden Fett schwamm, erleuchtete die Wände dieses schauerlichen Aufenthaltes und zeigte Dantes seinen Führer, der, schlecht gekleidet, gemein aussah und ein untergeordneter Gefängniswärter zu sein schien.

»Sie bleiben hier für diese Nacht«, sagte er. »Es ist schon spät und der Herr Gouverneur bereits zu Bett. Wenn er morgen Ihre Papiere durchgesehen hat, wird er vielleicht Ihre Wohnung ändern. Hier ist Brot und Wasser und dort im Winkel Stroh. Gute Nacht!«.

Ehe Dantes noch den Mund auftun konnte, hatte der Wächter die Lampe genommen und die Tür von außen verriegelt. So stand der Unglückliche allein in der Finsternis und in einer Stille, die so stumm und schauerlich war wie diese Gewölbe, die eine eisige Kälte auf seine glühende Stirn herabwehten.

Als die ersten Strahlen des Tages diese Höhle ein wenig erhellt hatten, kehrte der Gefangenwärter mit dem Befehl zurück, daß der Eingekerkerte da zu verbleiben habe, wo er eben war. Dantes war gar nicht von seinem Platz gewichen, eine eiserne Hand schien ihn an eben diese Stelle geheftet zu haben, wo er tags zuvor gestanden hatte. So hatte er die ganze Nacht stehend zugebracht, ohne einen Augenblick zu schlafen.

Der Gefängniswächter näherte sich und ging um ihn herum; aber Dantes schien ihn nicht zu sehen. Er klopfte ihm auf die Schulter, Dantes erbebte und schüttelte den Kopf. »Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte der Gefängniswächter. »Ich weiß nicht«, erwiderte Dantes. Der Wächter blickte ihn mit Verwunderung an. »Haben Sie keinen Hunger?« fuhr er fort. »Ich weiß nicht«, entgegnete Dantes wieder. »Wünschen Sie etwas?«

»Ich wünsche den Gouverneur zu sehen.« Der Gefängniswächter zuckte die Achseln und ging fort; Dantes folgte ihm mit den Augen und streckte seine Hände gegen die halb geöffnete Tür aus; aber die Tür schloß sich. Dann schien seine Brust ein Schluchzen zu zerreißen. Die Tränen, die seine Augenlider aufschwellten, rieselten wie Bäche; er schlug mit der Stirn gegen die Erde, betete lange Zeit, durchging in seinem Geiste sein ganzes verflossenes Leben und befragte sich, was er, noch so jung, für ein Verbrechen begangen habe, das eine so grausame Strafe verdiente? So verlief der Tag; er aß kaum einige Bissen Brot, trank kaum einige Tropfen Wasser. Bald saß er in Gedanken verloren, bald kreiste er wie ein wildes Tier in seinem Käfig.

Am nächsten Morgen trat der Kerkermeister zur selben Stunde wieder ein.

»He,« sagte er, »sind Sie heute vernünftiger als gestern?«

Dantes antwortete nicht.

»Wenn Sie irgendeinen Wunsch haben, sagen Sie es doch.«

»Ich wünsche mit dem Gouverneur zu sprechen.«

»Ich sagte Ihnen schon gestern, daß das unmöglich ist.«

»Warum ist es unmöglich?«

»Weil es nach den Vorschriften einem Gefangenen nicht erlaubt ist, darum zu bitten.«

»Was ist denn hier erlaubt?« fragte Dantes.

»Eine bessere Kost, wenn man bezahlt, ein Spaziergang und zuweilen Bücher.«

»Ich brauche keine Bücher, habe nicht Lust, spazieren zu gehen, und finde meine Kost gut; ich will nur eins: den Gouverneur sehen.«

»Wenn Sie mich mit Ihrem Eigensinn quälen,« sagte der Gefängniswächter, »werde ich Ihnen nichts mehr zu essen bringen.«

»Auch gut,« versetzte Dantes, »wenn du mir nichts mehr zu essen bringst, werde ich verhungern.«

Der Ton, mit dem Dantes diese Worte aussprach, bewies dem Gefängniswächter, daß sein Gefangener glücklich wäre, wenn er sterben könnte. Da jeder Gefangene seinem Wärter täglich ungefähr zehn Sous einträgt, so berechnete er den Verlust, der ihm aus Dantes Tod erwüchse, und fuhr deshalb mit sanfterer Stimme fort:

»Was Sie verlangen, ist ganz unmöglich; der Gouverneur begibt sich niemals zu den Gefangenen. Seien Sie also vernünftig. Man wird Ihnen den Spaziergang gestatten, und so kann es eines Tages geschehen, daß der Gouverneur vorüberkommt. Dann mögen Sie ihn fragen. Ob er Ihnen antworten will, hängt von ihm ab.«

»Wie lange aber kann ich warten,« fragte Dantes, »bis sich dieser Zufall fügt?«

»Mein Gott,« entgegnete der Schließer, »einen Monat, drei Monate, sechs Monate, vielleicht ein Jahr.«

»Das ist zu lange,« sagte Dantes, »ich muß ihn sofort sehen.«

»Ach,« sprach der Gefangenwärter, »verrennen Sie sich nicht in diesen unmöglichen Wunsch, sonst sind Sie vor vierzehn Tagen noch ein Narr.«

»He, du glaubst das?« rief Dantes.

»Ja, auf solche Weise fängt die Narrheit immer an. Wir haben hier ein Beispiel: ein Abbé, der dem Gouverneur ohne Unterlaß eine Million anbot, wenn man ihn in Freiheit setzte.«

»Seit wann hat er dieses Zimmer verlassen?«

»Vor zwei Jahren.«

»Hat man ihn in Freiheit gesetzt?«

»Nein, man brachte ihn in einen Kerker.«

»Höre,« sprach Dantes, »ich bin kein Abbé, ich bin kein Narr, vielleicht werde ich's, aber unglücklicherweise bin ich noch bei Sinnen; ich mache dir einen andern Vorschlag.«

»Welchen?«

»Ich biete dir keine Million, denn ich könnte sie dir nicht geben, aber ich biete dir hundert Taler, wenn du zu den Katalanern gehst und einem jungen Mädchen namens Mercedes nicht etwa einen Brief, sondern nur zwei Zeilen einhändigen willst.«

»Wenn ich diese zwei Zeilen überbrächte und würde entdeckt, so verlöre ich meinen Platz, der jährlich tausend Livres einträgt, ohne die Nebenvorteile und die Kost zu rechnen. Sie sehen also, daß ich ein großer Tor wäre, wenn ich es täte.«

»Wohlan,« versetzte Dantes, »höre und merke es gut: Wenn du dich weigerst, den Gouverneur zu benachrichtigen, daß ich ihn zu sprechen wünsche, wenn du dich weigerst, zwei Zeilen zu Mercedes zu tragen oder ihr mindestens zu melden, daß ich hier bin, so erwarte ich dich eines Tages hinter meiner Tür und will dir in dem Augenblick, wo du eintrittst, mit diesem Schemel den Kopf zerschmettern.«

»Das sind Drohungen!« rief der Schließer, indem er einen Schritt zurückwich. »Es wirbelt offenbar schon in Ihrem Kopfe; der Abbé hat ebenso angefangen wie Sie. Glücklicherweise gibt es in If noch Kerker.«

Dantes nahm den Schemel und schwenkte ihn wild.

»Gut, gut,« sprach der Gefangenwärter, »ich werde es dem Gouverneur melden.« Er ging fort und kehrte ein Weilchen darauf mit vier Soldaten und einem Korporal zurück.

»Auf Befehl des Gouverneurs,« sprach er, »führt den Gefangenen um ein Stockwert tiefer hinab.«

»Also in den Kerker?« fragte der Korporal.

»Ja, in den Kerker, man muß die Narren zu den Narren sperren.«

Die vier Soldaten ergriffen Dantes, der in eine Art Stumpfsinn verfiel und ihnen ohne Widerstand folgte. Man ließ ihn fünfzehn Stufen hinabsteigen und öffnete die Tür eines Kerkers, wo er eintrat und die Worte murmelte: »Er hat recht, man muß die Narren zu den Narren sperren!«

Als Villefort wieder zu seinen Schwiegereltern zurückkehrte, fand er die Gäste, die er bei Tisch verlassen hatte, im Salon, den Kaffee nehmend. Renée erwartete ihn mit einer Ungeduld, die sich der ganzen Gesellschaft mitteilte. Man empfing ihn nun mit einem Jubelruf.

»Gnädigste Marquise,« sprach Villefort, sich seiner künftigen Schwiegermutter nähernd, »ich bitte um Entschuldigung, wenn ich genötigt bin, Sie zu verlassen. -- Herr Marquis, könnte ich die Ehre haben, mit Ihnen ein paar Worte allein zu sprechen?«

»Hm. die Sache ist also wirklich von Bedeutung?« fragte die Marquise, indem sie die Wolke wahrnahm, die Villeforts Stirn verdunkelte.

»Ja, so bedeutsam, daß ich mich auf einige Tage von Ihnen beurlauben muß.«

»Sie ersuchten mich auf einen Augenblick um eine Unterredung?« fagte der Marquis.

»Ja, gehen wir in Ihr Kabinett, wenn es Ihnen gefällig ist.« Der Marquis faßte Villefort am Arm und ging mit ihm fort.

Als sie allein waren, bat Villefort seinen Schwiegervater, ihm ein Schreiben mit auf den Weg zu geben, das ihm bei Hofe Tür und Tor öffne; er habe Sr. Majestät eine äußerst wichtige Mitteilung zu überbringen. Der greise Marquis erfüllte seinen Wunsch und übergab ihm bald einen Brief von Herrn de Salvieur an den Grafen von Blacas.

Villefort nahm darauf Abschied von seiner reizenden Braut und fuhr mit der Post auf der Straße von Aix davon.

Wenige Tage spater hatte er -- durch Vermittlung des Grafen Blacas -- die Ehre, Ludwig XVIII. gegenüberzustehen und seinen Bericht zu erstatten.

Er stieß zunächst nur einige Worte hervor: »Sire, der Usurpator Bonaparte hat drei Schiffe ausgerüstet und sinnt auf neue Schrecken, die den Thron Ew. Majestät bedrohen!«

Der König bewahrte seine Fassung, doch die Minister erblaßten, und das Gesicht des Polizeiministers zeigte die höchste Bestürzung. »Das kann nur ein Irrtum sein«, meinte er. Doch Villefort bewies durch das, was er wußte, wie ernst die Sache sei. Napoleon habe bereits Elba verlassen und werde demnächst in Neapel, an den Küsten Toskanas oder in Frankreich selbst zu landen versuchen.

Kaum hatte er das gesagt, als ein Sonderbericht an den Kriegsminister eintraf: Bonaparte sei am 1. März bereits in Frankreich gelandet.

Unheimliches Schweigen herrschte im Raum, dann erhob der König seine Stimme:

»Wohlan! So heißt's mit dem Kriegsminister verhandeln.« Doch als die anderen Minister sich zurückziehen wollten, rief er ihnen zu: »Halt, meine Herren? Was haben Sie Neues über die Affäre in der Rue St. Jaques erfahren? Es besteht kein Zweifel, daß der Tod des Generals Epinan mit dem großen Komplott zusammenhängt.«

»Sire,« begann der Polizeiminister, »Ew. Majestät durchschauen die Sache vollkommen; alles weist darauf hin, daß es sich nicht um einen Selbstmord handelt, sondern daß der General ermordet wurde. Ein unbekannter Mann hat ihn frühmorgens aufgesucht und ihn zu einer Besprechung in der Rue St. Jaques geladen.«

Villefort wurde bei diesen Worten bald blaß, bald rot.

»Was war das für ein Mann?« fragte der König weiter.

»Ein dunkelhaariger Fünfziger mit auffallend starken Brauen und Bart. Er trug einen blauen, zugeknöpften Überrock und im Knopfloch die Rosette eines Offiziers der Ehrenlegion.«

»Schafft mir diesen Mann, diesen Meuchelmörder, der uns im Augenblick des besten Generals beraubt hat. Ob er Bonapartist ist oder nicht, ich will, daß er mit aller Strenge bestraft wird«, rief der König voller Zorn.

Villefort stützte sich auf einen Stuhl, denn er fühlte den Boden unter den Füßen wanken.

»Sie fühlen sich von der Reise angegriffen, lieber Baron«, wandte sich der König an Villefort. »Eilen Sie, zu Ihrem Vater zu kommen.«

»Ew. Majestät irren; ich habe nicht die Absicht, meinen Vater aufzusuchen, und wohne im Hotel de Madrid.«

»Ah, ich vergaß«, lächelte der König wohlwollend. »Politische Meinungsverschiedenheiten ... so, so. Nun, was Sie heute für Ihren König getan, ist ein Beweis für Ihre Ergebenheit.«

»Die Güte Ew. Majestät ist mir höchster Lohn.«

»Empfangen Sie zunächst dies Kreuz.« Damit nahm der König das Kreuz der Ehrenlegion, das er selbst neben dem Kreuz des heiligen Ludwig auf seinem Rocke trug, ab und reichte es Villefort. »Und sollte ich jemals Ihrer vergessen -- das Gedächtnis der Könige ist kurz --, so scheuen Sie sich nicht, sich wieder in Erinnerung zu bringen.«

Villefort kehrte wie im Taumel nach seinem Hotel zurück. Er war gerade dabei, sich ein Frühstück servieren zu lassen, als er nebenan eine bekannte Stimme zu seinem Diener sagen hörte: »Ist das in Marseille etwa Sitte, daß Söhne ihre Väter im Vorzimmer warten lassen?«

Gleich darauf trat ein schwarzbärtiger Herr ins Zimmer, indes Baron Villefort noch immer mit seinem Erstaunen rang: also sein Vater -- der Bonapartist -- Herr Noirtier, dessen Namen er, um seiner ehrgeizigen Pläne willen, längst abgelegt hatte.

»Vater!« rief Villefort und gab dem verdutzt dreinschauenden Bedienten einen Wink, zu verschwinden,

Herr Noirtier trat zu ihm heran: »Wie kommt's, mein lieber Gerard, daß du trotz deiner Verlobungsfeier, die am 28. Februar stattfand, heut am 4. März in Paris bist?«

»Um Ihretwillen, Vater, um Sie zu retten.«

»Ach, wie hübsch!« sagte Herr Noirtier und streckte sich bequem im Sessel aus.

»Mein Vater, was ist's mit dem Klub in der Rue ...«

»St. Jaques Nr. 53. Ich bin dort Vizepräsident.«

»Vater -- man hat den General dort hingelockt; drei Tage später wurde er ermordet aufgefunden.«

»Laß dir erzählen, wie sich's verhielt. Wir glaubten, General Epinan zähle zu den Unsrigen. So luden wir ihn denn ein und machten ihn mit unsern Plänen bekannt. Er hörte sich alles ruhig an und sagte zum Schluß, er sei Royalisit. Darauf ließen wir ihn frei nach Hause gehen.«

»Vater -- man hat mir eine genaue Beschreibung der Persönlichkeit gegeben, die in Verdacht kommt...«

»Und diese Persönlichkeit hat verteufelte Ähnlichkeit mit...hahaha!« Herr Noirtier schlug sich lachend aufs Knie.

»Mein Vater, Sie zählen auf die Rückkehr des Usurpators?«

»Das tue ich.«

»O Vater, er kommt nicht zehn Meilen nach Frankreich hinein; er wird umlauert und gefangen werden wie ein wildes Tier.«

»Mein lieber Sohn, der Kaiser ist in diesem Augenblick auf dem Wege nach Grenoble. Den 10. oder 12. wird er in Lyon, den 20. oder 25. in Paris sein.«

»Das Volk wird sich erheben.«

»Um ihm entgegenzukommen.«

»Er hat nur einige Mann im Gefolge, und man wird ihn mit Armeen empfangen.«

»Sie werden ihm als Eskorte dienen bei seinem Einzug in Paris.«

»Grenoble und Lyon sind getreue Städte, und sie werden ihm eine unzerbrechliche Schranke entgegensetzen.«

»Grenoble wird ihm mit Begeisterung seine Tore öffnen, ganz Lyon wird ihm entgegengehen. Glaube mir, wir sind ebenso gut unterrichtet wie ihr, und unsere Polizei ist

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Bildmaterialien: Iwan Constantinovich Aiwasowski (1817 - 1900)
Lektorat/Korrektorat: verlag.bucher@gmail.com
Tag der Veröffentlichung: 29.12.2013
ISBN: 978-3-7309-7222-9

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /