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Ida Bindschedler: Die Turnachkinder

Ida Bindschedler

 

Die Turnachkinder im Sommer

Die Turnachkinder im Winter

 

2 Bücher in einem Band

 

 

verlag.bucher@gmail.com

Die Turnachkinder im Sommer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aufs Land hinaus.

Das frühe Morgenlicht schien in die kleine Stube, in der Hans schlief. Er träumte von einem Kampf im Schulhofe; aber wie es im Traume so geht, die Schulbuben verwandelten sich unversehens in wilde Krieger, die mit Schwertern aufeinander losgingen. Bum, bum –! wie das tönte, wenn sie auf die Schilder schlugen! ... Hans fuhr in die Höhe und öffnete die Augen. Es dröhnte immer noch fort, ein ganz gewaltiges Hämmern und Klopfen. Nein, das waren gar nicht Schilde, auf die man schlug – das waren die Kisten, die man drunten zuhämmerte, und die Bettladen, die man auseinanderklopfte! Heute war ja ausser Weihnacht der allerschönste Tag des Jahres! Heut zog man aufs Land in die liebe Seeweid hinaus!

Hans sprang aus dem Bett zum Fenster.

»Hurra, hurra!« schrie er in den Hof hinunter; der Hausknecht Ulrich mit dem Hammer in der Hand sah auf.

»Hurra, Hansel!« antwortete er. Und da ihm zu allem immer gleich ein Gesang einfiel, begann er mit seiner Basstimme das Wanderlied zu singen:

»Kamerad, ich nehm' den Stab zur Hand
Und sag' dir heut ade ...«

Nur hätte Ulrich eigentlich umgekehrt singen müssen; denn er blieb den Sommer über in der Stadt im Geschäft, wo er seine Arbeit hatte.

Als Hans angezogen war, sprang er die Treppe hinunter und auf eine Türe zu, an der er einen Augenblick horchte.

»Die schlafen natürlich noch wie die Ratten!« dachte er und legte die Hände als Trompete an den Mund:

»Tütütüh – tütütüh –!« blies er aus aalten Kräften, und um sicher zu sein, dass sein Morgenruf gut gewirkt habe, machte er die Türe auf.

Da lagen die beiden Schwestern, die fast neunjährige Marianne und das siebenjährige Lotti, unter ihren Decken am Boden. Die Bettstellen hatte Ulrich schon gestern abend herausgetragen, und die Kinder hatten bloss ihre Matratzen gehabt. Das war ein Vergnügen gewesen! Sie hatten lange mit dem kleinen Werner um die Bettstücke herumgetanzt und ihre Matratzen in diese und dann in jene Ecke gezogen, um zu sehen, wo es am schönsten zu schlafen sei, bis Sophie gekommen war und sie ein wenig gescholten hatte.

Jetzt sahen sie beide ganz verschlafen auf Hans.

»Ach du! warum weckst du einen auf mit deinem dummen Tütütüh!« sagte Marianne und legte ihren Kopf mit den blonden, wirren Zöpfen wieder aufs Kissen.

»Das ist gar nicht dumm«, erwiderte Hans. »Ihr solltet froh sein, dass ich euch wecke! Ihr denkt wohl gar nicht, was heute für ein Tag ist –?«

Aber Lotti hatte schon ihre Füsse draussen und zog eilig die Strümpfe an.

»Marianne, Marianne! in der Nacht hab' ich's ganz vergessen! wir ziehen ja heut in die Seeweid hinaus –! Geschwind, Marianne! wir müssen unsere Puppen zur Reise richten!«

»Euere Puppen könnt ihr noch lange richten«, sagte Hans. »Zuerst kommt etwas Wichtigeres: wir müssen den Abschiedsumzug halten; er wird sehr schön; ich hab' mir's gestern ausgedacht. In einer Viertelstunde solltet ihr im Hof sein.«

Die Schwestern klatschten in die Hände.

»Ja, ja, in einer Viertelstunde!«

»Den Werner lasst aber lieber noch schlafen«, meinte Hans; »er hält uns nur auf.«

Doch kaum hatte Hans die Türe zugemacht, als der kleine Werner in seinem Bettchen, das man ihm gelassen, sich aufstellte und über das hohe Gitter hinausrief: »Auch aufstehen, auch aufstehen!«

»Ach, Werner, schlaf du noch ein wenig!« sagten Marianne und Lotti zugleich; denn sie waren so eilig.

Aber Werner wollte nicht mehr schlafen. Er versuchte, mit seinen dicken Beinchen über das Gitter weg zu klettern; da musste Marianne doch hinzuspringen. Werner hätte fallen können. Und wie er sie nun um den Hals fasste, brachte sie ihn nicht mehr los; er war so ein herziger Bub und konnte so nett betteln. Weder Mama noch Sophie waren da, um zu helfen; so mussten denn Marianne und Lotti abwechselnd sich selbst anziehen und den kleinen Werner. Sie wuschen ihn auch, und er schrieb gehörig, gerade wie alle Morgen bei Sophie; also hatten sie es recht gemacht.

Nun waren die drei fertig und suchten Hans im Hofe. Hans stand unter dem Vordach, wo in einer Ecke Moos und Tannenreiser lagen. Man hatte das vor acht Tagen gebraucht, um die Stubentüre zu bekränzen, als Papa von der Reise zurückgekommen war. Hans hatte ein paar lange Stäbe vor sich und war eifrig daran, sie mit dem Grün und mit roten Papierstreifen zu verzieren.

»Endlich!« sagte er, als die Mädchen unter der Hoftür erschienen. »Bei euch hat eine Viertelstunde scheint's dreissig Minuten. Und den Werner bringt ihr auch mit –!«

Doch als der kleine Bub auf ihn zulief und bat: »Mir auch einen Stock geben – bitte, bitte!« da strich ihm der grosse Bruder über den Kopf und sagte freundlich: »Ja, ja, Werner bekommt einen Stock.«

Und nun kam noch der Schnauzel, der Hund, auf Hans zu und wedelte stark mit dem Schwanz, als wollte er sagen: »Mir auch, mir auch!«

Da lachten die Kinder, und Marianne steckte dem Schnauzel einen grünen Zweig in das Halsband.

»Wenn der wüsste, dass er dableiben muss, wär' er nicht so vergnügt«, sagte sie.

Es war ein wenig ärgerlich, dass nun mitten in die Zurüstung hinein Sophie zum Frühstück rief. Aber in der Stube ging's auch lustig zu, recht drunter und drüber. Fast alle Dinge waren schon eingepackt; Löffel fanden sich nur noch zwei, und Marianne und Lotti hatten zusammen ein Milchschüsselchen. Jedes trank immer einen Schluck; sie lachten und stiessen sich, so dass die Milch fast verschüttet wurde. Hans machte dem Werner grosse Brocken, dass es aufspritzte, und erzählte, das seien Meerschiffe, die im Sturm versinken. Mama und das Kindermädchen Sophie gingen nur hie und da eilig durchs Zimmer und trugen Wäsche und Körbe hinaus. Solche Unordnung im Hause dünkte die Kinder wunderschön.

Aber nun ging es wieder in den Hof, wo der Abschiedsumzug geordnet wurde. Jedes der Kinder erhielt einen grünen Stab und steckte sich in den Gürtel, oder wo es anging, kleine Tannzweige. Hans stellte sich voran; hinter ihm kam Marianne, dann Lotti und Werner; der Schnauzel machte den Beschluss.

Erst schritt man dreimal im Hof herum; Hans sprach das Gedicht, das er gemacht hatte und in das Marianne und Lotti bald auch einstimmten; nur der kleine Werner sagte alles verkehrt. Hansens Gedicht hiess:

Ade, ade, du altes Haus!
Nun geht es bald zum Tor hinaus.
Wir ziehn heut in die Seeweid ein;
Dort wird's im Sommer herrlich sein.
Wir kommen wieder mit dem Schnee;
Du altes Haus, ade, ade!

Dann ging es die Treppe hinauf und vor Papas Bureau. Sonst hatte es Papa nicht gern, wenn man so zu viert oder fünft kam; aber heute klopfte Hans frisch an und machte auf. Man musste doch dem Bureau Lebewohl sagen. Der Herr Oberauer und der Herr Frei sassen schon an ihrem Schreibpult und sahen erstaunt auf die grün geschmückte Schar. Papa kam aus der innern Stube:

»Was gibt's denn jetzt?«

Da machten alle vier Kinder eine tiefe Verbeugung; nur der Schnauzel konnte das nicht. Papa lachte, und die Herren lachten mit. »Papa, Papa,« riefen Marianne und Lotti, »wir können ein Gedicht! Hans hat es selbst gemacht!«

Sie sagten alle miteinander das Abschiedslied auf, und da Werner immer mithelfen wollte und man ihn korrigieren musste, entstand ein ganzer Tumult. Aber da nahm Papa die Türe in die Hand. »Schön, Hans, schön! doch jetzt macht, dass ihr weiterkommt!«

Vom Bureau ging's hinauf in die Küche. Balbine, die Geschirr in einen Korb packte, fand Hansens Gedicht auch sehr hübsch; aber die war froh, als die Kinder aus all den Tellern und Töpfen wieder draussen waren.

Aus dem hintern Schlafzimmer kam grade Sophie.

»Bitte, Sophie«, sagten die Kinder, »dürfen wir zum Schwesterlein hinein? Es muss doch auch wissen, dass man heute aufs Land zieht!«

»Was euch immer einfällt –! Meinetwegen! Aber leis und manierlich!« Sie liess die grüne Schar ins Zimmer ein. Das Schwesterlein lag in seinem Korbwagen. Es hiess eigentlich Hedwig; aber das galt erst für später. Es war gerade zehn Wochen alt und noch ganz winzig. Man konnte nicht mit ihm spielen; doch die Kinder liebten es sehr, und Marianne durfte es manchmal, wenn es im Kissen lag, auf den Schoss nehmen.

Jetzt sah das Schwesterlein mit grossen Augen auf die Geschwister, und als sie ihm, so leis sie konnten, ihr Abschiedslied aufsagten, da blinzelte es ein wenig.

»Es lacht, es lacht!« riefen die Kinder, und jedes behauptete: »Mich hat es angelacht, mich –!«

»Ja, ja, es hat euch alle angelacht«, sagte Sophie; »aber jetzt lasst mir mein Kleines in Ruhe!«

Droben im dritten Stockwerk waren schon die Läden zugemacht; im grossen Zimmer standen Sofa und Klavier mit grauen Tüchern verhängt; es war ganz dunkel. Werner fasste Mariannes Hand und drückte den Kopf an ihre Schürze.

»Wenn er sich da schon fürchtet, so kann man ihn nicht mit in die Holzkammer nehmen«, sagte Hans. »Werner, setz' dich unten auf die Treppe! Wir müssen nun hinauf und bis auf die Zinne.«

»Werner auch auf die Zinne!« rief der kleine Bub. Aber es war wirklich besser, dass er unten blieb. Dir oberste Treppe war steil wie eine Leiter und hatte schrecklich hohe Stufen.

Doch prächtig war's da droben. Man konnte über den Kornplatz wegsehen und über die ganze Stadt und ihr Lebewohl zurufen. Die Kinder jauchzten und schwenkten ihre grünen Stäbe. Die Frühlingssonne schien über die Dächer; an den hohen grauen Münstertürmen vorbei sah man den hellen See, und weit, weit draussen, wo die Pappeln standen, war die Seeweid!

Plötzlich deutete Marianne auf den Kornplatz hinunter, der am Flusse lag.

»Hans, Lotti!« rief sie, »das Schiff, das Schiff –!«

Und nun stürmten sie hintereinander alle Treppen hinunter und zur Haustüre hinaus über den Kornplatz. Hans und der Schnauzel waren die ersten.

Da fuhr das Schiff heran. Es war ein grosses, breites Fahrzeug mit ganz flachem Boden. Drei Schiffleute lenkten es mit langen Stachelstangen und hielten an, wo die steinernen Stufen zum Kornplatz hinaufführten. Die Männer banden das Schiff mit festen Stricken an die Pfähle und schritten dann über den Platz dem Turnachhause zu. Denn sie waren bestellt, um die Möbel, Betten, Kisten und Körbe zu holen und auf dem Schiffe in die Seeweid hinauszuführen.

Die Kinder liefen hinter den Männern drein und klatschten in die Hände. Im Hause ging es nun mit grossem Gepolter und Rufen treppab und treppauf. Die Kinder wollten auch helfen und trugen Stühle und leichtere Sachen auf das Schiff; denn es war prachtvoll da auf- und abzugehen wie auf einer Insel!

Aber Mama mahnte die Kinder, ihre eigenen Sachen zusammenzuholen und das, was zurückblieb, aufzuräumen. »Den Werner nehmt ihr auch dazu, Hans. Der kleine Bursche ist ganz betrübt.«

Werner stand im Korridor und sah zu, wie alle Leute an ihm vorbei die Treppe hinunter liefen. Hinaus durfte er leider nicht; es war zu gefährlich für ihn auf dem Schiff, das gar keine Seitenwände hatte. Nun war er sehr glücklich, als Hans ihn rief.

Die beiden trugen alles mögliche heraus, die Baukasten auch und einen ganzen Stoss Bücher.

»Und mein Pferd, Hans! Mein Pferd auch mit,« schrie Werner eifrig und zog seinen Braunen am Kopf daher.

Aber Balbine schlug die Hände zusammen, als sie das Zeug sah.

»Du liebe Güte, Buben, all den Kram! Ihr wollt euch wohl ein besonderes Schiff mieten?«

Mama kam auch heraus: »Nein, Hans, das tragt nur wieder weg. In der Seeweid draussen gibt es Spiel und Unterhaltung genug –! Den kleinen Baukasten für Werner, die Malschachtel und meinetwegen drei oder vier Bücher. Aber nicht den dicken Lederstrumpf; den kannst du ja auswendig! Und mein kleiner Wernermann – wozu denn das hölzerne Pferd, wo draussen die lebendigen Kaninchen sind Und die Hühner und Kühe und vielleicht ein Kälbchen –?«

»Vielleicht ein Kälbchen –!« rief Werner erwartungsvoll und führte seinen Braunen wieder in den Stall hinterm Ofen. Auch Hans gehorchte. Dann ging er zu den Mädchen hinüber, die unter ihren Puppen hantierten.

»Wenn ihr meint, dass ihr das alles mitnehmen dürft!« sagte er und steckte die Hände in die Hosentaschen.

Lotti drückte zärtlich ihre drei Kinder in die Arme, und Marianne lief zu Mama; aber da liess sich nicht viel machen.

»Jedes nimmt eine Puppe mit«, entschied Mama, »und Mariannes Wagen genügt; in dem können die beiden Kinder den Sommer über auch schlafen. Ihr wisst, dass wir in der Seeweid nicht so viel Platz haben.«

»Aber unsere Badepüppchen doch, Mama, unsere Badepüppchen?« riefen die beiden Mädchen, und Hans stimmte ein; denn sie hatten sich zusammen ausgedacht, draussen aus Schindeln eine kleine Badanstalt in den See zu bauen. Die fünf Porzellanpuppen, nicht viel länger als ein Finger, schon in roten und blauen Schwimmanzügen, die Marianne selbst gemacht hatte, durften noch in den Puppenwagen gelegt werden. Lotti besann sich lange vor ihren Kindern; endlich wählte sie das Julchen mit dem braunen Zopf, und Marianne nahm Ella, welche die Augen auf- und zumachte. Die Puppenkinder bekamen ihre Hüte und Kragen, damit sie sich auf der Reise nicht erkälteten, und wurden ermahnt, den zurückbleibenden Schwesterchen artig Adieu zu sagen.

Da fiel Sophie noch etwas ein: »Weisst du, Marianne, ihr könntet alle unsaubere Puppenwäsche zusammensuchen und in dieses kleine Tuch binden. Dann haltet ihr einmal am See eine ordentliche Wäsche.«

Marianne und Lotti fanden das sehr nett; sie durchmusterten ihr sämtliches Zeug und zogen das Puppenbettchen ab; es gab ein ganz tüchtiges Bündel, das Lotti dann zum Schiff trug.

Vom Münster läutete es jetzt elf Uhr, und gleich darauf kam der Bäckerbursche mit zwei riesengrossen flachen Brotkuchen auf runden Holzbrettern. Der eine war reichlich mit kleinen Speckwürfeln und Kümmel bestreut; auf dem andern lagen dicht geschichtet Apfelstücke mit Zucker und Zimmet darüber. Die beiden Kuchen dufteten herrlich durch die ganze Wohnung.

Und nun gab es das allerseltsamste Mittagessen vom ganzen Jahr. Kein Tischtuch, keine Bestecke, bloss ein paar Teller und ein Messer. Die Grossen setzten sich auch nicht einmal recht hin; die Kleinen aber taten es mit vielem Behagen. Zuerst bekam jedes Kind ein grosses Stück Speckkuchen. Lotti dachte, als sie das ihre mit beiden Händen hielt, sie hätte bis am Abend daran zu essen. Aber es ging sehr leicht und rasch; auch mit dem Apfelkuchen. Hans und Marianne meinten, sie könnten eigentlich ganz gut noch ein drittes Stück essen; doch sie wollten nicht darum bitten; denn Mama mochte nicht, dass man unmässig war.

»Wenn Mama uns jetzt nur das eine erlaubt!« sagten sie und berieten am Fenster.

»Das letzte Mal haben wir nicht mitdürfen,« sagte Marianne etwas kleinmütig.

»Da hat es geregnet, und der See hatte starke Wellen!« erklärte Hans.

»Und das vorletzte Mal –?« fragte Lotti.

»O, da hatte ich Halsweh, und ihr wart noch zu klein! Nein, diesmal dürfen wir sicher. Es wäre schrecklich, wenn wir nicht dürften!«

Und wirklich, Mama erlaubte es.

»Ja, Kinder, ihr dürft auf dem Schiff mitfahren. Werner natürlich nicht; der kommt mit mir und mit dem Schwesterlein in der Droschke nach. Versprecht mir nur, dass ihr vernünftig sein wollt und still sitzt. Hans, du weisst, du hast nicht zu helfen und keine Stange und kein Ruder anzurühren. Die Schiffleute werden schon allein fertig!«

Die Kinder versprachen alles Gute und liefen jubelnd zum Schiff hinunter, um sich jetzt schon die Plätze auszusuchen. Der Herr Nachbar stand eben unter der Türe seiner Apotheke.

»Herr Lorez, wir dürfen mitfahren!« Die Kinder sprangen auf ihn zu, um Lebewohl zu sagen.

»Nun denn, gut Glück, ihr Meerfahrer!« sagte Herr Lorez lachend und gab ihnen als Reisestärkung eine kleine Schachtel Malzbonbons mit.

Endlich kam am Nachmittag der grosse Augenblick der Abfahrt.

»Nun ist alles beisammen«, sagten die Männer und machten sich daran, die dicken Seile zu lösen. Marianne und Lotti setzten sich vorn auf einen Schemel, jede ihre Puppe im Arm. Sie waren so vergnügt, dass sie die Füsse gar nicht stillhalten konnten. Hans sass hinter ihnen auf einer Kommode. Auf der Ufermauer standen eine Reihe grosser und kleiner Buben.

»Ade, ade! wir möchten auch mit!« schrien sie, und Hans schwenkte grüssend seine Fahne zum Hause zurück, wo Mama mit Werner herauswinkte und Papa mit den Herren des Bureaus unterm Fenster stand. Von Ulrich und vom Schnauzel hatte man schon vorher Abschied genommen.

Das Schiff fing an sich zu bewegen. Klatschend schlug das Wasser an den Holzboden. Mit aller Kraft stiessen die Männer ihre Stachelstangen in den Grund; denn sie mussten das schwere Fahrzeug gegen die starke Strömung flussaufwärts bringen.

»Wenn es uns nur nicht an die Pfähle hinunter nimmt!« sagte einer. »Das Wasser ist gehörig gewachsen, seit in den Bergen der Schnee schmilzt.«

Hans sah gespannt zu. Wenn es etwas gäbe, dann, dachte er bei sich, müsste er doch am Ende helfen. Mama konnte noch hinuntersehen und würde ihm vielleicht zunicken.

Aber das Schiff fuhr nun ruhig dahin und der Brücke zu, unter deren dunkelm Bogen die Männer durchlenkten.

»Jetzt gehen die Leute und die Wagen über unsere Köpfe, und wir spüren es gar nicht!« lachte Lotti.

Da wurde es plötzlich frei und weit und sonnig. Der ganze See lag vor den Augen der Kinder. das Wasser wurde tiefer. Vorher hatte man durch die grünlich klaren Wellen alle Steine des Grundes und die seltsamen langen Wasserpflanzen gesehen, die sich flussabwärts schlängelten. Nun verschwand der Boden und man sah in eine bläuliche Tiefe. Die Schiffleute hatten ihre Stachelstangen mit den Rudern vertauscht, und es ging vorbei an den letzten Häusern der Stadt und zu den ersten Landhäusern, die mit ihren kleinen Buchten und den alten überhängenden Bäumen traulich im Sonnenschein da lagen.

»Aber unsere Seeweid ist doch am allerschönsten!« erklärte Marianne.

Auf einmal hörten die Kinder hinter sich ein gewaltiges Rauschen und Stampfen; Hans von seinem erhöhten Sitze aus konnte am besten zurücksehen.

»Es ist ein Dampfschiff!« rief er. »Es ist der Neptun! Der gibt die schönsten Wellen. Das ist der nette Steuermann mit dem roten Bart – Marianne, Lotti – winkt doch!«

Hans streckte sich, so hoch er konnte, und grüsste mit seiner Fahne, während die Mädchen ihre Taschentücher schwenkten.

Das Dampfschiff fuhr in stolzem Bogen nahe vorbei, und der Steuermann erkannte die Winkenden. Er blieb unbeweglich an seinem Steuerruder; denn das durfte er keinen Augenblick verlassen; aber er lachte mit dem ganzen Gesicht. Das sind ja die Turnachkinder! dachte er. Nun wird's wieder lebhaft in der Seeweid!

Das Schiff hob und senkte sich in den Wellen des Neptun; das Wasser spritzte über den Rand herein und den Kindern als lustiger, frischer Sprühregen ins Gesicht.

Jetzt tauchte aus dem Wasser ein hoher grauer Stein auf, die Thomassäule. Marianne sah sie zuerst.

»Die Thomassäule! Hans! Nun kommt gleich die Seeweid! Dort sind die Pappeln, und die Mauer von der obern Einfahrt erkenn' ich gut!«

»Wenn wir nur innerhalb vorbeifahren; dann kommen wir ganz nahe an die Thomassäule hin«, sagte Hans.

Und wirklich, die Männer lenkten nach links, obgleich der alte Steppinger dagegen war.

»Da können wir artig aufsitzen!« brummte er.

Das Wasser wurde ganz seicht; man sah auf dem bräunlichen Grunde die grossen runden Kiesel. Auf der Thomassäule stand eine grau und weisse Bachstelze und wippte lustig mit dem Schwänzchen, als wollte sie die Schiffsgesellschaft auslachen.

Ritsch – ritsch – machte es auf einmal und gab einen starken Stoss. Man war richtig aufgefahren. Die Männer sahen einander an und sagten sich Worte, die nicht sehr höflich klangen. Sie griffen eilig nach den Stachelstangen, um das schwere Schiff vom Fleck zu bringen.

Marianne und Lotti fassten sich etwas ängstlich an den Händen:

»Du, Hans! wenn wir nun gar nicht wegkämen, gar nicht in die Seeweid –?«

Aber Hans hörte nicht. Er sah immer auf Steppinger. Wenn Mama wüsste, wie gut Hans mit der Stachelstange umgehen konnte, hätte sie ihm gewiss nicht verboten zu helfen.

Ritsch – mit einem Ruck war das Schiff aufgesessen, mit einem Ruck kam es endlich wieder in Gang. Ohne weiteren Zwischenfall fuhr es nun ruhig der Seeweid zu; nur als man an dem kleinen Landungssteg unter der Gartenmauer anhielt, flog Hansens Mütze ins Wasser; er hatte es gar so eilig gehabt, aus dem Schiff zu springen. Steppinger fischte sie wieder auf.

»Mama, es war wundervoll!« schrie Hans. »Der Neptun kam ganz nah an und vorbei, und neben der Thomassäule sind wir aufgefahren ...«

Marianne und Lotti umarmten den kleinen Werner, der mit Mama am Stege stand und auch von seiner Fahrt erzählen wollte. Aber es war keine Zeit dazu. Es gab soviel Herrlichkeiten jetzt. Wohin wollte man zuerst rennen –? Nach allen Seiten zog es einen zugleich.

»Ich muss einmal schnell meine Kammer sehen!« rief Hans und flog die Treppen hinauf bis unters Dach in seine kleine Stube und dann in den Taubenschlag, von wo er ein glückliches Juhuh! hinausschrie, so dass die Tauben ihm entsetzt um den Kopf flatterten.

Unten aber bettelte Werner: »Zum Kälbchen, Marianne! das Kälbchen ansehen –«

Die Kinder liefen unter den blühenden Birnbäumen hinüber zum Stall. Doch als Werner das Kälbchen sah, das bei seiner braun und weiss gefleckten Mutter stand, fürchtete er sich.

»Ich will kein grosses Kälbchen! ich will ein kleines – eins zum auf den Arm nehmen –«

Die Kinder lachten; aber der Knecht Jakob führte den Werner zu einem Verschlag: »Da ist etwas zum auf den Arm nehmen!« und er zog ein junges graues Kaninchen heraus. Werner drückte es zärtlich an sich. Es war seidenweich.

»O, Jakob! mir auch eins, mir auch eins!« riefen Hans und die Mädchen, und jedes erhielt eines von den strampelnden Tieren auf den Schoss. Marianne wollte das ihre gar nicht mehr loslassen und band ihm, damit sie es morgen wieder kenne, ein blaues Bändchen um, das sie in der Tasche hatte.

»Das ist noch viel netter als die Puppen, Lotti! und Mama hat es gewusst. Drum hat sie uns nur die Ella und das Julchen mitnehmen lassen.«

Hans aber drängte, dass man wieder zum See hinunter komme, und lief voraus bis ans Ende des Obstgartens, der durch keine Mauer und kein Gitter vom See getrennt war. DA lag das weite blaue Wasser. Drüben am andern Ufer sah man die Dörfer mit den weissen Häusern und am obern Ende des Sees die fernen Schneeberge, die von der Abendsonne beleuchtet waren. Der See warf langsam kleine Wellen über das flache Kiesufer. Werner bückte sich, um den schimmernden Schaum zu streicheln, und fiel dabei ein wenig ins Wasser.

»So, Werner«, sagte Hans, »nun bist du getauft; nun bist zu auch ein Seebub. Letztes Jahr liess dich Mama noch nicht mit uns an den See; da warst du noch zu klein. Aber wir, wir sind ein paarmal getunkt worden! Weisst du noch, Marianne, wie du von der Badhaustreppe gefallen bist? Und das Lotti, das wollte die Enten füttern und sprang mit dem letzten Brotbrocken selbst hinein! Und damals im Schilfmeer, als wir gegen Onkel Alfred kämpften und alle drei ins Wasser plumpsten –!«

Die Kinder liefen hintereinander zum Schilfmeer. Es lag unten vor der Gartenmauer. Im Sommer, wenn der Schilf grün und hoch stand, war Onkel Alfred manchmal mit ihnen hineingerudert, dass es rauschte und krachte und man in grosse Gefahr kam, stecken zu bleiben. Das war immer prachtvoll gewesen. In Zeiten, wo der See niedrig war, stand der Schilf trocken, und man ging dann wie durch einen dichten Urwald. In der Ecke ragten noch ein paar Pfähle auf von einer Robinsonhütte, die Hans gebaut hatte.

»Dies Jahr bauen wir noch eine grössere, schönere, einen indianischen Wigwam«, sagte Hans. »Vielleicht gibt mir Onkel Alfred sein altes Rehfell als Dach, und dann kommt ein Feuerherd hin; da kochen wir das Abendessen –«

Die Kinder sahen einander an, und auf einmal fiel ihnen ein, dass die schrecklichen Hunger hatten.

»Ich auch hab' Hunger!« sagte Werner und rieb sich über seine kleine Schürze. Aber als sie ins Haus kamen und in die Küche schauten, war da kein Feuer und keine Balbine.

»Au, au!« machte Hans. »Heut gibt's scheint's trockenes Brot, wie beim Däumling und seinen sechs Brüdern.«

»Ja, Vom Däumling erzählen!« rief Werner sofort, der nichts lieber hörte als Märchen.

Doch heute brauchte man keine zu erzählen. Heute ging es von selbst zu wie im Märchen. Als die Kinder sich daran machten, Mama zu suchen, kam es in bedächtigen Tritten die Treppe herunter: voran Frau Völklein, die dicke alte Frau Völklein von droben.

»Grüss Gott, Kinderlein!« rief sie mit ihrer hohen, freundlichen Stimme. »Grüss Gott, Kinderlein! Da hab' ich etwas zu Abend gekocht, weil Mama und Balbine doch keine Zeit finden.«

Sie trug eine grosse Schüssel voll prächtiger braungerösteter Bratwürstchen, und hinter ihr folgte Grite, die Magd, mit einem dampfenden Kartoffelbrei.

»Nein, heute geht's euch aber fast zu gut!« sagte Mama, als alles am Tisch sass. »Vom Morgen bis zum Abend lauter Lust und Vergnügen! Wollt ihr dran denken, wenn dann die Tage etwa wieder Unangenehmes und Langweiliges bringen und wollt ihr immer recht zufrieden und artig bleiben?«

»Ja, Mama! Ja, Mama!« versprachen die Kinder.

Und als der schöne Tag nun zu Ende war und die Kinder in ihren Betten lagen, da meinte Marianne, als sie ihr tägliches Nachtgebet gesagt hatte, das sei eigentlich gar nicht genug.

»Mama, weisst du kein Gebet, das besonders für diesen Tag passt?« fragte sie Mama, die vor ihrem Bette stand.

»Sprich du zum lieben Gott nur, so wie du selber denkst, Kind«, sagte Mama.

Marianne setzte sich noch einmal auf und Lotti drüben auch. »Lieber Gott«, betete Marianne, »ich dank' dir vielmal für den schönen Tag und dass du uns den See und den Garten und den Schilf und alles gegeben hast. Ich bin so vergnügt! Und ich will auch recht brav sein und nicht streiten mit Hans und mit Lotti. Amen.«

Mama gab ihr den Gutenachtkuss und ging hinaus.

Aber Marianne hielt die Augen offen; sie konnte noch nicht einschlafen. Es war nicht ganz dunkel; sie sah deutlich die dicken hellen Blumen auf der Tapete.

»Lotti, schläfst du?« fragte sie.

»Nein, gar nicht!« gab Lotti zurück. »Ich muss immer an den Garten denken. Ich hab' eine solche Lust, zum Fenster hinauszuklettern und einmal schnell um die Tanne herumzuspringen. Vorher kann ich gewiss nicht einschlafen.«

Lotti huschte zum Bett hinaus und ans Fenster. Die Luft war lau und roch süss von Blüten. Der Mond stand hoch am Himmel, und rings um ihn schwammen schöne weisse Wolken. Die Bäume waren wie mit Silber übergossen.

»Marianne, komm! das ist schön –!«

Das Schlafzimmer lag zu ebener Erde, und im Nu waren die beiden Kinder draussen und sprangen in ihren langen weissen Nachthemden zur Tanne in der Mitte des Rasens.

»Ach, du liebe Güte – Gespenster!« rief eine Stimme. Es war Balbine, die noch ein wenig im Garten sass.

Nun trat auch Papa aus der Wohnstube: »Gespenster –? Wahrhaftig, da laufen sie! Ganz merkwürdige Gespenster! das eine mit den blonden Zöpfen gleicht auffallend unserer Marianne und das andere dem Lotti – '«

»Kinder, Kinder!« mahnte Mama. »Ihr wollt euch wohl erkälten! Marsch, zurück ins Bett!«

Papa lachte.

»Na, es soll ja eigentlich gesund sein, im feuchten Gras herumzuspazieren!«

Marianne und Lotti stiegen rasch wieder zu ihrem Fenster hinein und schlüpften unter die Decke. Sie schwatzten noch ein Weilchen; aber bald fielen ihnen die Augen zu, und sie schliefen fest und gut die ganze Nacht hindurch.

Pfahlbauergeschichten

Die Familie Turnach war nun schon drei Wochen in der Seeweid, und wie Mama vorausgesagt hatte: neben dem Schönen und Lustigen war hin und wieder auch etwas Unangenehmes und Langweiliges gekommen. Einmal hatte Marianne zwei Nächte hindurch Zahnweh gehabt; Hans hatte wegen Husten und Halsweh ein paar Tage im Zimmer bleiben müssen. Lotti war gesund gewesen; aber ihr waren die Strickstunden, zu denen sie sich etwa an Regentagen mit Marianne hinsetzen musste, immer eine grosse Betrübnis. Auch war es schrecklich, wenn man Aufgaben hatte und draussen die Sonne durch die Bäume schien und die Wellen plätscherten. Marianne und Lotti bekamen noch nicht viel auf; aber Hans, der schon zehn Jahre alt war, hatte allerlei zu schreiben und zu lernen. Manchmal wollte so ein Gedicht gar nicht in den Kopf hinein. Immer musste Hans wieder von vorn anfangen:

»Es ritt ein Herr, das war sein Recht;
Zu Fusse hiess er gehn den Knecht –
– – – – – – – – – den Knecht ...«

Vom Garten her hörte man Marianne und Lotti lachen; sie liefen über die niedrige Mauer und machten in der Ecke, wo der Efeu eine ganze Laube bildete, eine Puppenwohnung.

»Marianne, du hast deine Rechnung auch noch nicht gemacht!« rief Hans hinüber.

»Ich muss sie erst auf übermorgen machen!« sagte Marianne und wiegte sich behaglich in ihrem Efeubusch.

Hans seufzte und begann noch einmal, indem er sich beide Ohren zuhielt:

»Es ritt ein Herr, das war sein Recht;
Zu Fusse hiess er gehn den Knecht.
Er reitet über Stock und Stein,
Dass kaum der Knecht kam hintendrein ...«

Es kostete wirklich eine Anstrengung, tapfer bei dem langweiligen Gedicht zu bleiben, wo draussen alles so sonnig und lustig war ...

Aber heute, als Hans erwachte, gab es keine Plage und keine Aufgabe. Es war Sonntag, früher, schöner Sonntagmorgen. Hans stand schnell auf und machte sich fertig. Doch als er herunterkam, war er gar nicht der erste: Papa war schon am See und löste eben das kleine Ruderschiff los, das frisch weiss, blau und rot angestrichen am Landungssteg lag. Marianne und Lotti in ihren hellen Sonntagskleidern sassen auf der Schiffbank. Es war immer ein Hauptvergnügen, wenn Papa, der so selten Zeit hatte, die Kinder einmal ruderte.

Hans sprang hinter Papa ins Schiff und ergriff die Sitzruder, um sie einzuhängen.

»Ich kann eigentlich auch stehrudern«, sagte er.

»Nein, nein, Papa, lieber du! bei dir geht's so ruhig und schnell!« riefen die Mädchen. »Hans, der tut mit jedem Ruderschlag so einen Ruck –«

»Aber ich kann's doch wenigstens«, gab Hans zurück, »während Lotti noch nicht einmal sitzrudern kann. Bei der geht's immer im Kreis herum – so –«! Er tat mit dem Ruder ein paar ungeschickte Schläge.

»Das wäre nun hübsch, wenn ihr an dem prächtigen Sonntagmorgen mit einander streiten wolltet!« sagte Papa. »Wenn Lotti noch nicht gut rudert, so kann sie dafür singen. Fangt einmal an, ein schönes Lied!«

Lotti sah auf Marianne. »Wollen wir das traurige, weisst du, das und Ulrich gelehrt hat:«

»Zu Strassburg auf der Schanz
Da ging mein Trauern an ...«

»Nein, wart'«, sagte Marianne. »Zuerst: Lobt froh – das passt für den Sonntagmorgen.«

»Lobt froh den Herrn
Ihr jugendlichen Chöre ...«

begannen Lotti und Marianne mit hellen Stimmen. Hans und Papa sangen mit. Dann kam ein zweites und drittes Lied, schliesslich auch Lottis Lieblingslied.

Papa fuhr langsam hinaus auf den blauen, schimmernden See, dann gegen die Thomassäule und dem Ufer entlang; als er zurückkehrte, sah man Mama im Garten winken.

»Ei, was ist denn das für ein Sängerfest da draussen?« rief sie. »Der ganze Verein ist jetzt freundlich zum Frühstück eingeladen!«

Aber – »du liebe Güte!« würde Balbine gesagt haben, wie sah der Frühstückstisch aus –! Im Brotkorbe lagen, weil es Sonntag war, etwa ein Dutzend Butterhörnchen, und jedes – nein, es war zu arg! – jedes verunstaltet, verstümmelt; alle vierundzwanzig Spitzen waren abgebrochen und verschwunden! Die Familie war sprachlos. Wer konnte das getan haben! Man sah ringsum, dann unter den Tisch; man sah sich gegenseitig an. Endlich rief eines: »Wo ist denn Werner?«

Ja, wo war Werner? Mama hatte ihn bei Balbine geglaubt; aber Balbine, die nun auch herein kam und die Hände zusammenschlug ob dem Anblick, wusste nichts.

Nun lief alles hinaus: »Werner! Werner –« Und Mama wollte schon ängstlich werden, als um die Hausecke der kleine Mann erschien, aber ebenfalls in schlechtem Zustande. Seine Hände und seine weisse Schürze waren ganz schmutzig und schwarz von feuchter Erde. Er war etwas verlegen, als er die ganze Schar auf sich zukommen sah und hielt die kleine Faust über die Augen.

»Werner, mein Bub, komm einmal her!«

Mama zog ihn ins Zimmer.

»Was sind denn das für hässliche, schwarze Hände?«

»Ich – ich hab' müssen graben!« stotterte Werner, ohne Mama anzusehen.

»O Mama! dann weiss Werner nichts von den Hörnchen, dann ist er unschuldig!« rief Marianne, die den kleinen Bruder zärtlich liebte und ihn bei jeder Gelegenheit verteidigte.

Aber Werner sah gar nicht sehr unschuldig aus. Er versuchte, sich aus Mamas Händen loszumachen, und als die auf den Tisch nach dem Brotkorbe zeigte, drückte er die Augen zu.

»Nein, Werner, jetzt sag' lieber rasch und ehrlich heraus: Hast du alle unsere schönen Butterhörnchen zerbrochen?«

Nun sah der Kleine Mama an, und seine Augen füllten sich mit Tränen; aber er brachte kein Wort heraus.

»Stellt euch nicht so vor ihn hin«, sagte Mama zu Hans und Lotti, »gerade als ob es euch Spass machen würde, euer Brüderlein in Verlegenheit zu sehen. Komm, mein Bub, sag' es der Mama leise –«

Da drückte Werner sein Mäulchen an Mamas Ohr und flüsterte etwas hinein.

»O, o! Was für einen unartigen Buben haben wir doch, den man gar nicht allein im Zimmer lassen kann! Und wo sind denn die vielen, vielen Zipfel hingekommen? Hast du sie gar alle aufgegessen –?«

»Nein, nicht aufgegessen!«

»Aber was in aller Welt hast du mit ihnen angefangen?«

Werner hob den Kopf, als ob ihm der Mut wieder käme.

»Ich – ich hab' Pf – Pfahlbauten daraus gemacht.« Er sah stolz im Kreis herum, weil er das schwere Wort hatte sagen können.

»Pfahlbauten –? was sagt er da –?« fragte Papa sehr belustigt. »Das wird ja immer werkwürdiger. Komm her, du kleiner Prähistoriker, und erzähle uns, wie man Pfahlbauten macht aus den Zipfeln von Butterhörnchen!«

»Ich hab' es so gemacht wie – Hans und Marianne und Lotti.«

»Aha«, sagte Papa. »Also steckt ihr Grossen hinter der Geschichte. Wartet nur, ihr kommt nachher an die Reihe! Nun, mein Wernermann, willst du uns wenigstens mitteilen, wo du deine interessanten Pfahlbauten angelegt hast?«

Werner schüttelte den Kopf; er wurde nun wieder fast übermütig. Erst nach vielem Drängen gab er nach und lief den andern voraus in den Garten zu einer abgelegenen Ecke, wo ein paar dichte Fliederbüsche standen. Die kleine Schaufel, die Werner geschenkt bekommen hatte, lag da auf der Erde.

Hans fing an zu graben; die »Pfahlbauten« steckten nicht tief. Aber wie sah das schöne Brot aus! von der feuchten Erde ganz schwarz und ungeniessbar. Die Kinder wollten den Kleinen necken. Was das für ein Einfall war von dem Wernerlein!

Aber Mama fand, dass er doch ein wenig Strafe verdiene: »Du siehst nun, denke ich, doch ein, dass du etwas sehr Dummes gemacht hast und etwas Unrechtes dazu. Darfst du denn eigentlich vom Tisch wegnehmen, was die nicht gehört, und es verderben? – Nun geh nur zu Sophie, dass sie dir das Werktagskleidchen anzieht; in diesem Schmutz wollen wir dich nicht sehen. Und lass dir ein Stück Brot in der Küche geben. Was du von den Butterhörnchen übrig gelassen, das reicht kaum für uns; du bekommst natürlich nichts davon.«

Werner zog ein Mäulchen und weinte ein wenig; dann lief er zu Sophie.

»Nun möcht' ich aber doch wissen, Kinder«, begann Papa, »wie Werner auf die Pfahlbauten gekommen ist und was für wunderliches Zeug ihr ihm vorgemacht habt!«

Die Kinder sahen einander an und lachten.

»Ach, Papa, das war ganz anders. Das war etwas sehr Ernsthaftes, was wir taten, und Werner hat zugeschaut; Aber er hat es natürlich gar nicht verstanden!«

»Also heraus denn mit dieser sehr ernsthaften Sache! Ihr macht mich wirklich neugierig!«

Ja, das war eine lange Geschichte, und wenn man ganz von vorn anfangen wollte, waren es eigentlich zwei.

An einem Samstag nachmittag, zwei Wochen vor dem Ereignis mit den Butterhörnchen, kam Hans aus dem Hause mit einem grossen, weiten Einmachglas, das Mama ihm geschenkt hatte.

Marianne und Lotti richteten eben am See die Puppenbadeanstalt wieder her, die sie tags zuvor aus kleinen Pflöcken und Schindeln gebaut hatten, die aber von den Dampfschiffwellen zerstört worden war. Die Porzellanpüppchen warteten im Sand.

»Kommt!« sagte Hans. »Wir gehen ins Klaregg hinaus und sehen, ob wir dort etwas finden für unser Aquarium.«

»Ins Klaregg –! Gleich, Hans!« rief Lotti, packte schnell mit Marianne die Badepüppchen zusammen und holte die Hüte.

Die drei Kinder gingen zwischen den Weissdornhecken und Feldern hinaus zum Klaregg. Hans trug das Glas, Marianne eine Botanisierbüchse und Lotti ein altes Schmetterlingsnetz, mit dem man auch fischen konnte. Das Klaregg lag wie die Seeweid am Wasser. Es bildete eine kleine Halbinsel, die in den See hinausragte und von einem Bach durchflossen war. Ringsum standen Weiden und Erlenbüsche; dazwischen gab es kleine Wassertümpel und Teichlein, in denen allerlei lustiges Getier sein Wesen trieb: kleine Frösche und grosse stattliche mit grünem, gestreiftem Rücken und weissen Bauch. Die konnten schwimmen und tauchen, als ob sie es beim Schwimmlehrer gelernt hätten. Und ihre Kleinen, wie sahen die lächerlich aus! Dicke dunkle Köpfe und ein kleiner Schwanz dran; das war alles. Lotti konnte immer gar nicht glauben, dass aus diesen komischen schwarzen Fischlein Frösche würden mit richtigen vier Beinen. In einem anderen Wasserloche tauchten tief aus dem Grunde schwarze Molche auf in schlängelnder Bewegung. Auf der Unterseite waren die goldgelb. Auch seltsame Käfer oder Spinnen fuhren da auf dem Wasser herum wie Schlittschuhläufer. Und auf dem trockenen steinigen Land, wo weisser Klee und blaue Salbei wucherten und wo es so gut nach Thymian roch, huschten prächtige Eidechsen hin und her, bräunliche und smaragdgrüne. Wenn man eine in die Hand nahm, konnte man sehen, was für eine schöne Zeichnung die kleinen Schuppen bildeten und welche hübsche, goldglänzende Äuglein das kleine Tier hatte, das seine lange zweispitzige Zunge zeigte und blitzschnell wieder einzog.

Die Turnachkinder hatten eine grosse Liebe zu allen Tieren. Aber leider war Mama mit dieser Liebe nicht immer einverstanden.

»Wenn ihr die Tiere fangt und herumschleppt«, sagte sie, »tut ihr ihnen gar nichts Gutes. Am liebsten haben sie es, wenn ihr sie in Ruhe lasst.«

»O, Mama, wir tun ihnen nicht weh. Die Eidechsen tragen wir bloss in den Garten. Da können sie ja so gut leben wie im Klaregg. Das ist dann so hübsch, wenn wir sie immer wieder auf den Gartenwegen sehen! Und den Fröschen und Molchen tun wir Sumpfwasser in das Einmachglas und Schlammpflanzen und als Insel einen Stein; da können sie hinaufsitzen, wenn sie gern wollen im Trockenen sein. Bitte, Mama!«

Da erlaubte denn Mama, dass die Kinder hie und da eines der Tiere heimbrachten. Aber die Frösche und Molche mussten sie nach einem oder zwei Tagen immer wieder ins Klaregg zurücktragen und in Freiheit setzen. Lotti nahm dann jedesmal wortreichen Abschied von dem Amphibium, das sich schleunigst entfernte und nicht die geringste Anhänglichkeit zeigte trotz der liebevollen Behandlung.

Nur einmal sprang ein grosser Frosch freiwillig zurück in das Glas, das von den Kindern Aquarium genannt wurde. Unter Jubel trugen sie ihn wieder nach Hause.

»Das ist ja ganz ähnlich wie in der schönen Geschichte von dem getreuen Sklaven, die ich einmal als Kind gelesen habe«, sagte Balbine. »Er hat, glaub' ich, Alexius geheissen.«

Alexius – nun hatte der anhängliche Frosch einen Namen. Nachdem er auf Mamas Anordnung zum zweitenmal ins Klaregg getragen worden war, behielten ihn die Kinder im Auge. Er gewohnte den Ganzen Sommer denselben Wassertümpel. Manchmal sass er unbeweglich auf einem Stein. Die Kinder behaupteten, er sehe sie freundlich an und wolle gewiss gern wieder ein wenig in die Seeweid kommen; er lasse sich auch ganz leicht fangen. So geschah es, dass er noch ein paarmal in der Turnachfamilie zu Gast war. Jeder im Hause kannte den dicken Alexius.

An dem Samstag jedoch, da die Kinder mit Glas und Netz und Botanisierbüchse ausgezogen waren, schien es nichts zu geben fürs Aquarium. Sie kauerten alle drei über einem kleinen Tümpel und sahen in das trübe Wasser, aber umsonst.

»Marianne«, sagte Hans, »du musst mit dem Stock im Wasser hin und her fahren; dann schwimmen die Molche vielleicht bei mir herauf.«

Marianne bewegte ihren Stock; kein Molch wurde sichtbar.

»Ich möchte wissen«, sagte sie, »was eigentlich da unten ist. Es muss etwas Flaches, Grosses sein; ich kann es mit dem Stocke vorwärts stossen.«

Hans kam hinzu. Das musste man herausbringen. Er legte sich auf den Boden und griff, nachdem er den Ärmel aufgestülpt, hinein; aber er kam nicht auf den Grund und fiel beinahe ins Wasser. Nun suchte er sich auch einen Stecken und einen für Lotti, und mit vereinten Kräften machten sie sich daran, das geheimnisvolle Ding zu heben. Einmal brachten sie es fast heraus; es war rund und schwarz, sank aber wieder zurück in den schlammigen Grund. Alle drei Kinder schrien laut auf. Hans sagte, Lotti sei schuld, und Lotti klagte Marianne an. Das zweitemal brach Hansens Stock, und es war wieder nichts. Das drittemal brachten sie das Ding vollständig ans Tageslicht. Es war schwer wie von Stein und etwa so gross wie ein Essteller. Hans trug es zum See, um die schwarze, schlammige Kruste abzuwaschen. Er rieb und rieb.

»Es kommt ein Kranz heraus ringsum«, sagte er, »und jetzt – ein Mann in der Mitte und eine Frau und unten – wartet – seltsame Buchstaben –«

»Zeig', zeig'!« baten Marianne und Lotti. Hans wies ihnen das eingegrabene Bild; aber er gab die Scheibe nicht aus den Händen, sondern sah sie immer mit ernsthaftem Gesicht an und drehte sie nach allen Seiten.

»Marianne, Lotti – ich glaube, wir haben etwas sehr, sehr Wichtiges gefunden, etwas ganz Uraltes – wahrscheinlich aus der Pfahlbauerzeit –«

Die Schwestern hörten erstaunt zu.

»Das war ein altes Volk, das in den Seen auf Pfählen lebte –«

»O«, sagte Lotti, »auf Pfählen? das war nicht angenehm!«

»Ach, Lotti, du bist noch schrecklich dumm! Es ist gut, wenn du jetzt dann auch einmal rechte Bücher liesest, damit du etwas lernst. Das vom Onkel Doktor, wo alles von den Pfahlbauern drin steht, ist prachtvoll. Also, Lotti, sie sassen natürlich nicht jeder auf einem Pfahl, sondern legten Bretter über die Pfähle und bauten ganze Häuser darauf. Und sie gingen auf die Jagd und brachten Bären und Auerochsen heim, und die Kinder band man an Stricke.«

»Warum?« fragte Lotti und hatte Mitleid mit den kleinen Pfahlbauerkindern.

»Natürlich damit sie nicht ins Wasser fielen. Und sie assen gedörrtes Obst und trugen grosse Ringe an den Ohren. Und sie glaubten nicht an Gott. Man weiss nicht recht, was für eine Religion sie hatten; vielleicht beteten sie Götzen an. Wisst ihr, was ich glaube –?«

Marianne und Lotti waren sehr gespannt.

»Ich glaube, die Platte da ist ein altes Götzenbild von den Pfahlbauern! Was könnte es anders sein –?«

»O!« riefen die Mädchen.

»Aber, du, Hans«, fragte dann Marianne, »wie ist denn das Götzenbild daher gekommen?«

»Ja, die Pfahlbauer sind später besiegt worden von andern Völkern oder sonst gestorben, ich weiss nicht recht, und ihre Sachen sind ins Wasser gefallen und in den Schlamm. Und jetzt gräbt man sie wieder aus und heisst sie Altertümer.«

Alle drei betrachteten noch einmal die Platte, und die beiden Mädchen fanden auch, dass das gewiss ein Götzenbild sei. Das war ja ein wundervoller Fund, viel schöner als alle Frösche und Eidechsen im Klaregg.

»Hans, was tun wir doch damit?« bestürmten Marianne und Lotti den Bruder, während er das Götzenbild in sein Taschentuch einwickelte.

»Ja, wenn wir es verkaufen würben, bekämen wir jedenfalls viel Geld dafür. Aber es ist viel feiner, wenn wir es schenken.«

Hans sah die Schwestern grossartig an.

»Ich hoffe, ihr versteht das. Wir schenken das Götzenbild der Stadt, und dann kommt es ins Museum, in einen grossen Saal, wo es eine Menge Pfahlbautenüberreste gibt. Wir waren ja mit Papa einmal dort, Marianne. Dann kommt die Platte in einen Glasschrank, und auf einem Zettel steht dabei: Geschenk von Hans, Marianne und Lotti Turnach.«

In einem Glasschrank im Museum und die Namen dabei –!

Die Mädchen wurden nun auch ganz aufgeregt.

»Und wenn wir im Winter an einem Sonntag ins Museum dürfen, dann gehen wir immer zuerst zu unserm Götzenbild und lesen, was auf dem Zettel steht!« rief Lotti und folgte mit Marianne dem Bruder, der, die Platte sorgfältig im Arm haltend, den Heimweg antrat.

Mama sass mit Grossmama, die für den Nachmittag gekommen war, vor dem Hause, und die alte Frau Völklein stand auch ein wenig dabei mit dem Strickzeug. Werner baute nebenan eine Mauer aus Sand und Steinen.

»Guten Tag, Grossmama, guten Tag, Frau Völklein! Mama, Mama! wir haben etwas furchtbar Seltenes gefunden, etwas sehr Wertvolles; Mama – da ist es im Taschentuch, damit es nicht zerbricht! Von den Pfahlbauern, Mama! es ist ein Götzenbild, und es kommt in einen Glaskasten; wir schenken es der Stadt ...« so stürmten alle drei Kinder auf Mama los.

Grossmama hielt sich die Ohren zu; Frau Völklein lachte: »Nein, die Kinder, Frau Turnach, die Kinder –!«

»Nun ordentlich der Reihe nach, dass man euch versteht!« mahnte Mama, und während die Kinder noch einmal von vorn anfingen, nahm Grossmama behutsam das Götzenbild aus Hansens Taschentuch.

»Die Pfahlbauer beteten es an«, erklärte Lotti eifrig. »Und sie wohnten im Wasser und assen gedörrte Zwetschgen ...«

»Das waren merkwürdige Leute!« sagte Grossmama. Frau Völklein aber nahm das Bild ebenfalls in Augenschein.

»Ach«, rief sie, »wie nett! wie mich das anheimelt! Nein, Kinder, wo habt ihr das her? Das ist eine Kuchenform – wissen Sie, Frau Turnach, für die flachen Honigkuchen, die zu unserer Kinderzeit auf Neujahr gebacken wurden. Der Vetter unserer Mutter war Zuckerbäcker und zeigte uns manchmal seine Formen –«

Sie drehte die Platte vergnügt um und um.

»Da – da unten haben wir auch eine Jahreszahl ... achtzehnhundert – neun! Das ist alt, Kinder; das müsst ihr aufheben!«

Hans nahm der Frau Völklein die Platte wieder ab. Alt –! Wenn man gedacht hatte, das Ding sei viele tausend Jahre alt, und nun zählte es nicht einmal hundert! Und wenn man der festen Überzeugung gewesen war, es sei ein Götzenbild eines fremden Volkes der Urzeit, und man musste hören, dass es eine Kuchenform war, wie der Vetter von Frau Völkleins Mutter ganz viele gehabt hatte –!

Hans war schrecklich enttäuscht, und als Frau Völklein fortfuhr, der Grossmama von dem vortrefflichen und Kunstvollen Backwerk dieses Vetters zu erzählen, schlich er mit seinem Götzenbild um die Ecke. Lotti und Marianne folgten ihm mit langen Gesichtern zum See hinunter. Eine Weile sagte keines ein Wort.

»Jetzt wird es nichts mit dem Glasschrank und den Zetteln; gelt Hans?« fing Lotti endlich an.

»Natürlich nicht«, sagte Hans zornig. »Es ist alles aus!« Er legte die Platte auf die Mauer.

Marianne gab ihr einen Stoss. »Was tun wir nun damit? Kannst du sie noch ansehen? Ich nicht!«

»Nein, ich hasse sie!« erwiderte Hans, und Lotti fand nun, dass der Mann auf dem Bilde sehr unschön sei und dass die Frau ja gar keinen Kopf habe.

Plötzlich nahm Hans das Götzenbild und schlug es mit aller Macht an die Mauer; es zerbrach mit einem Krach in zwei Stücke. Lotti und Marianne erschraken einen Augenblick; aber dann fanden sie, dass dies das Richtige sei. Sie hoben die Stücke auf und warfen sie hin und noch einmal und noch einmal. Schliesslich standen sie vor einem Haufen Scherben.

»So«, sagte Hans etwas erleichtert, »nun müssen wir das versenken in den See.«

»Ich habe eine Pappschachtel; da tun wir's hinein!« schlug Marianne vor und lief zum Hause.

»Aber nicht die mit den roten Blumen!« rief Hans, »die passt nicht.«

Marianne kam zurück mit einer grauen Schachtel, und Lotti brachte eine schwarze Wollschnur zum Festbinden.

»Nicht wahr, schwarz muss sie sein, weil das eine traurige Geschichte ist?« sagte sie.

Nun stiegen die Kinder ins Schiff, und Hans ruderte hinaus bis da, wo es tief war. Dann nahm Marianne die Schachtel und warf sie ins Wasser. Sie sank langsam, und die Kinder sahen ihr ernsthaft nach, bis sie in der grünblauen Tiefe verschwand.

Am folgenden Abend kam Onkel Alfred in die Seeweid hinaus. Onkel Alfred war der Bruder von Mama, aber viel jünger als sie. Er studierte noch.

»Na, ihr Spatzen –« der Onkel nannte die Turnachkinder immer Spatzen, – »ihr habt ja scheint's einen merkwürdigen Fund getan! Wollt ihr die Form verkaufen? Der Herr Bannot sammelt doch alte Sachen. Da, seht einmal her, was er euch geben will dafür!«

Onkel Alfred zog aus seinem Geldbeutel ein Frankenstück und hielt es den Kindern hin. Er war sehr erstaunt, dass keines danach griff.

»Nun, Lotti, den dritten Teil davon bekommst du. Rechne das einmal aus!«

Da zog Lotti die Augenbrauen herauf, zwinkerte mit den Augen und fing an zu weinen. Sie konnte nicht helfen. Gerade hinausweinen musste sie. Marianne biss die Zähne auf die Lippen, und Hans rieb mit seinem Daumen die linke Hand. Eigentlich hatten sie ja das Götzenbild grossmütig der Stadt umsonst geben wollen. Aber da das nun doch nichts gewesen und der Franken jetzt so vor ihnen lag, reute sie schrecklich, was sie gestern getan.

Onkel Alfred sah vom einen zum andern.

»Ja, wenn ihr nicht wollt! Zu weinen brauchst du deswegen nicht, Lotti. Aber vielleicht darf ich das Stück wenigstens sehen?«

Lottis Tränen flossen stärker. Sie dachte an einen kleinen Wassereimer mit rotem Rand, den sie und Marianne schon lange gern gekauft hätten. Marianne dachte auch daran, und dem Hans fiel das Taschenmesser ein in dem kleinen Laden unten an der Schimmelgasse; zwanzig Rappen hatte er schon dazu in seiner Sparbüchse.

»Onkel«, begann endlich Marianne. »Wir – wir haben es nicht mehr. Wir haben gemeint, es sei ein Götzenbild von den Pfahlbauern, weisst du, und da hat Frau Völklein gesagt, es sei bloss eine Kuchenform. Und da sind wir bös geworden und haben es – haben es zerschlagen und –«

»Und haben es in den See geworfen!« beendigte Hans; denn es sah gerade aus, als ob Marianne auch noch wollte zu weinen anfangen.

Onkel Alfred lachte, dass er zuerst gar nicht sprechen konnte.

»Das ist wundervoll!« rief er endlich und schlug sich aufs Knie. »Das heisse ich radikal! Wenn man so alles, was einen ärgert, zusammenhauen und in den See werfen könnte – patsch, fertig –! Ihr seid Prachtsspatzen! Hahaha –«

Die Lustigkeit wirkte ansteckend. Lotti rieb sich mit dem Taschentuch die Augen trocken.

»Onkel«, sagte sie, »willst du die Stelle sehen, wo das Götzenbild im Wasser liegt? Dann können wir vielleicht noch ein bisschen herumfahren.«

»Natürlich will ich!« antwortete Onkel Alfred. Er steckte das Silberstück wieder ein, nahm aber für jedes Kind einen Zehner aus seinem Beutel.

»Den ganzen Franken geb' ich euch nicht, Spatzen; sonst verliert ja diese amüsante Geschichte ihren Hauptpunkt. Aber da – das steckt ein. Man nennt das Schmerzensgeld.«

Dann ging er mit den Kindern zum Schiff. Es war sehr schwer, die Stelle zu bestimmen, wo die Schachtel mit den Trümmern des Götzenbildes versteckt war. Ein Kind zeigte dahin, eines dorthin, und Marianne meinte einmal sogar, sie könne die Schachtel tief unten durch das blaugrüne Wasser sehen; aber dann war es bloss ein grosser Stein. Onkel Alfred musste beständig mahnen, dass nicht etwa eins der Kinder kopfüber hineinfalle.

Hans aber konnte die Pfahlbauergeschichte nicht so leicht vergessen. Er ging die nächsten zwei Tage ganz nachdenklich umher. Als er am Dienstag abend mit Marianne von der Schule heimkam und sie zur Abwechslung einmal den Weg durch die kleine Baumschule nahmen, blieb er plötzlich stehen.

»Siehst du, Marianne, das wäre grade ein guter Platz –« Er zeigte auf eine Stelle, wo der Boden locker war; man hatte da kürzlich einen jungen Kastanienbaum ausgegraben.

Marianne merkte, dass Hans wieder etwas im Sinne hatte; aber vor lauter Nachdenken konnte er noch nicht erklären, was.

»Das Loch muss nämlich sehr tief sein«, fuhr er fort.

»Tun wir einen Vogel begraben?« fragte Marianne. Kürzlich hatten sie eine tote junge Schwalbe gefunden und beerdigt.

»Nein, etwas ganz anderes. Es gibt – du darfst es aber niemand sagen als dem Lotti – wir graben Altertümer ein – das heisst, es sind noch keine; aber wenn wir das Loch recht tief machen, dann findet man die Sachen sehr lange nicht, vielleicht erst in zwei- oder dreitausend Jahren –«

»Was für Sachen?«

»Ja, das ist eben jetzt die Frage. Es müssen Waffen, Werkzeuge, Kleidungsstücke, Geschirre und Schmucksachen sein, damit das Volk, das später einmal hier lebt, genau weiss, was für Dinge man bei uns gehabt hat.«

»Aber wenn sie dann die Sachen finden, sind wir schon lang gestorben«, warf Marianne ein, der das andere mit dem Glasschrank, wo man am Sonntag hingegangen wäre, besser gefallen hatte.

»Ja, Marianne, man muss auch etwas für die Nachwelt tun. Das hat der Herr Altschmid einmal in der Schule gesagt. Denke, wie schön für die Leute, wenn sie die Sachen einmal finden.«

Marianne lief nun mit Hans, um eine Hacke zu holen und Lotti zu rufen. Dann berieten die Kinder lange, was man zum Eingraben hätte. Marianne gab ein Zinntöpfchen her und zwei blau geränderte Puppenteller. Hans brachte eine kleine Zange und sein Taschenmesser, an dem aber die Klinge abgebrochen war.

»Du«, sagte Marianne, »mein Zinntöpfchen ist dann aber ganz! An dem zerbrochenen Messer hat das spätere Volk gewiss keine Freude.«

»Wenn ich aber doch keine anderes habe! Und überhaupt, die ausgegrabenen Altertümer im Museum sind auch oft beschädigt; das macht gar nichts.«

»So, dann kann ich den auch geben«, meinte Lotti und zeigte einen Ring, den sie kürzlich von einem Schulkind gegen vier Fruchtbonbons eingetauscht hatte und aus dem der Stein verloren war. Dazu legte sie noch ein aus Perlen gestricktes Geldbeutelchen; es war sehr hübsch rosa, grün und schwarz; aber das Schloss ging nicht mehr zu.

Lange fand sich keine Waffe; denn das meiste Spielzeug der Kinder war ja in der Stadt geblieben. Endlich fiel dem Hans etwas ein. Er lief zu Balbine, die am offenen Küchenfenster für sich nähte.

»Balbine, wenn ich dir die hübsche runde Holzschachtel gebe, die ich von Grossmama habe, gibst du mir dann meine alte Patrontasche wieder, in der du deine Knöpfe und Haften aufhebst?«

»Freilich«, sagte Balbine und leerte den Inhalt der kleinen Patrontasche auf ein Papier. »Da mach' ich ja einen guten Tausch. Bring' mir aber die Schachtel heut abend noch!«

Hans versprach es und rannte mit der Patrontasche hinaus zu den Schwestern.

»Natürlich ein Gewehr oder ein Degen wäre besser«, sagte er. »Aber die Patrontasche geht auch. Lotti, als Kleidungsstück könntest du noch den braunen Lederhandschuh in meiner Schublade holen; Papa hat ihn mir geschenkt, weil er den andern verloren hat.«

Nun begannen sie das Loch tiefer zu graben; es war mühsam; denn die Erde war von vielen feinen Wurzeln durchzogen.

Auf einmal hörte man Werners Stimme.- »Marianne! Lotti! Marianne –!«

»Seid ganz still!« befahl Hans. »Wir können ihn nicht brauchen. Es ist ein Geheimnis, was wir da tun. Wenn man es erfährt, gräbt man uns am Ende die Sachen wieder aus.«

»Lotti –! Marianne –!« rief der kleine Werner wieder.

»Nein, das kann ich nicht hören«, sagte Marianne. »Er will so gern mit uns spielen, und Mama sagt auch immer, wir sollen ihn bei uns haben.«

Sie ging und holte den kleinen Werner.

Werner kam eilig daher gelaufen, so dass das Glöcklein, das er zum Spass um den Hals gebunden hatte, hell klingelte.

»Werner«, rief ihm Lotti zu, »wir machen Pfahlbautenaltertümer.«

»Ach, Lotti«, entgegnete Hans, »du sagst es immer falsch. Wir sind doch keine Pfahlbauer!«

Dem Werner hingegen gefiel das Wort sehr gut.

»Ich will auch Pfahlbauten machen!« rief er und versuchte in das Loch hinunterzusteigen.

»Halt, mein Sohn!« wehrte Hans. »Das geht nicht. Du kannst dahin stehen und zusehen. Zuerst aber musst du uns versprechen, dass du gar niemand ein Wort sagst. Das hier ist ein Geheimnis. Aber du bist noch so schrecklich klein und dumm und kannst nicht schweigen.«

»Gar nicht schrecklich klein!« verteidigte sich Werner. »Papa hat mich gemessen. Ich bin – so viel grösser!« Werner streckte seine flache Hand, so hoch er konnte.

Die Kinder lachten.

»Schweigen kann er eigentlich schon«, sagte Marianne.

»Mama hat ihm meine Geburtstagspuppe gezeigt, und er hat nichts gesagt.«

»Weil man ihn gleich zu Bett legte und am andern Morgen der Geburtstag war!« erwiderte Hans.

Aber Marianne gab dem Kleinen einen Kuss: »Ja, ja, du bist ein lieber, kluger, grosser Bub!«

Nun sah Werner zu, wie die Arbeit weiterging. Hans holte bei der Scheune einige Dachziegel, die schon lange dort gelegen hatten, und formte eine Art Gruft, in die man die Sachen hineinlegte. Dann zog Hans eine Scherbe von einer Schiefertafel aus der Tasche und einen Nagel und ritzte die Jahreszahl und die Namen der Gegenstände ein.

»Es geht sehr schwer so«, sagte er. »Aber ein Blatt Papier würde vielleicht nicht halten.«

»Reden die Leute in 4000 Jahren auch deutsch?« fragte Lotti.

Hans besann sich: »Nein, sie reden jedenfalls eine neue, andere Sprache; aber es macht nichts. Sie haben dann Gelehrte, und die können alle alten Sprachen.«

»O, und nun auch noch unsere Namen darunter!« bat Marianne.

»Du, und schreib' noch: Freundlichen Gruss. Das ist dann nett, wenn das neue Volk das liest«, sagte Lotti.

Hans ritzte den freundlichen Gruss und die Namen ein.

»Hans, Marianne und Lotti Turnach«, buchstabierte er langsam während des Schreibens.

»Mich auch schreiben!« rief Werner, der mit grossem Vergnügen sah und hörte, was vorging.

»Dann musst du aber etwas dazu geben«, sagte Hans. »Gib dein Glöcklein!«

Aber Werner schüttelte sehr bestimmt den Kopf und hielt sein messingenes Glöcklein fest.

»Nicht? Ja, dann gehörst du also nicht dazu, und ich kann auch deinen Namen nicht daher schreiben.«

Nun wurden über die kleine Gruft noch zwei Ziegel gelegt. Ein Weilchen schauten die Kinder, ohne etwas zu sagen, hinunter und dachten an das Volk, das die Sachen ausgraben würde. Es war seltsam, daran zu denken. Endlich warfen sie Erde darauf, bis alles wieder aufgefüllt war. Marianne hob ein paar Unkrautbüschel mit der Erde aus, damit Hans sie über der Gruft einpflanze. So sah alles natürlich aus; niemand konnte ahnen, dass da drinnen etwas begraben liege.

Sehr befriedigt von ihrer Tat liefen die Kinder zum Hause zurück. Werner folgte langsam nach, und in seinem kleinen Kopfe dachte er sich aus, dass er einmal ganz allein »Pfahlbauten« machen wolle. Und so geschah es, dass er an jenem Sonntagmorgen die Zipfel der Butterhörnchen im Garten unter den Fliederbüschen vergrub. Warum es allerdings gerade das schöne Sonntagsgebäck sein musste, das hat kein Mensch jemals begriffen, der kleine Mann selbst wahrscheinlich am allerwenigsten.

Vom Rudern und Schwimmen

Das Schönste in der Seeweid war natürlich das kleine Schiff, das in der Bucht an der Gartenmauer lag. Jeden Tag wurde mindestens eine Fahrt unternommen. Marianne und Lotti hatten allerdings recht gehabt: Hans konnte noch nicht so gut rudern wie Papa; immerhin wusste er schon ordentlich mit dem Schiff umzugehen, so dass Papa gleich am Anfang erklärt hatte, Hans dürfe dieses Jahr allein hinausfahren.

»Und wir mit, Papa!« hatten Marianne und Lotti gebeten.

»Ja, ihr mit. Es muss nur alles vernünftig geschehen.«

»Und«, sagte Mama, »an ein paar Gesetze werdet ihr euch zu halten haben. Einmal wirst du nicht denken, Hans, man lasse dich gleich über den ganzen See fahren. Ich will euch, wenn ich vom Garten hinaussehe, im Auge haben.«

»Natürlich«, stimmte Papa bei. »Ihr fahrt nicht weiter hinaus als – sagen wir einmal: als dreissig Ruderschläge vom Lande weggezählt.«

»Papa, das ist furchtbar wenig«, wendete Hans ein.

»Dreissig Ruderschläge vom Lande weg. Dann seeaufwärts bis –«

»Bis zum Färberschiff, Papa!« schlug Marianne vor.

»Gut, bis zum Färberschiff. Und abwärts bis zum Rittmergut. Verstanden, Hans?«

»Ja, Papa.«

»Selbstverständlich fahrt ihr nur bei ganz ruhigem See hinaus. Steigt ein Wind auf, während ihr draussen seid, so kommt ihr sofort herein und wartet nicht, bis man euch erst ruft.«

»Dürfen wir durch den Schilf fahren, wo er recht dicht ist?« fragte Lotti.

»Jawohl!«, antwortete Mama. »Da kann nichts geschehen, als dass ihr stecken bleibt.«

»Dann steigen wir aus«, sagte Lotti. »Da wo der Schilf steht, geht mir das Wasser nie höher als bis ans Knie. Und dann stossen wir das Schiff los und steigen schnell wieder ein; gelt, Hans?«

Lotti sah dieses Abenteuer schon vor sich.

Das Wassergebiet zwischen dem Färberschiff und dem Rittmergarten, das Papa den Kindern zugewiesen hatte, war allerdings nicht sehr gross für Hansens Tatenlust. Aber die Schiffahrten gestalteten sich doch äusserst abwechslungsreich.

Schon allein das Wegrudern –! Das Schiff war meistens auf das Land heraufgezogen und mit der Kette an einen Pflock befestigt. Hans machte es los und schob es etwas ins Wasser; Marianne und Lotti stiegen ein; Hans fasste den Kiel und stiess das Schiff mit aller Kraft hinaus; im letzten Moment schwang er sich platt auf das Sitzbrett der Spitze.

Es begegnete oft, dass Hans ein bisschen mit dem Schiff ins Wasser hineinlief. Aber das schadete nichts.

»Ein Seebub hat bald trockene Füsse, bald nasse, wie's grade kommt«, sagte Jakob.

Die zweite Schwierigkeit war, aus der schmalen, auf beiden Seiten mit Mauern eingefassten Bucht herauszukommen. Hans musste mit den Stehrudern rückwärts fahren. Bald kam er zu stark links, bald zu weit rechts.

»Ui!« rief Marianne, »wir bekommen alle Augenblicke einen Puff!«

»Das ist lustig; das macht nichts!« meinte Lotti.

»Euch nicht, aber dem Schiff!« sagte Hans. »Ich kann nicht recht rückwärts sehen; sagt mir die Richtung ein wenig!«

»Links – rechts! rückwärts! stopp –«, kommandierten die Schwestern.

»Stopp« hatten sie vom Kapitän des Neptun gelernt, als sie mit Grossmama einmal eine Dampfschiffahrt hatten machen dürfen.

Zuletzt kam man glücklich hinaus auf den freien See. Dann nahm Marianne die Sitzruder, die am Boden lagen, und hängte sie ein. Sie ruderte schon ganz schön mit Hans im Takte. Manchmal versuchte es auch Lotti, obgleich Hans nicht viel hielt auf ihr Geruder, wie er es nannte.

Eine besondere Freude hatten die Kinder, wenn Mama mit dem Schwesterlein und mit Werner an der Gartenmauer stand und zusah, wie die drei vorbeiruderten. Für Werner was es zwar zuerst immer ein Schmerz gewesen, nicht dabei zu sein. Er durfte nur mit, wenn ein Erwachsenes im Schiffe war. Nach und nach hatte er sich aber drein gefügt und schrie jedesmal lustig: »Hurra, hurra! ich darf dann mit Papa fahren!«

Er hatte eine kleine Trompete, auf der man ihn blasen liess, wenn die Kinder hereinkommen sollten. Dieses Mittel machte er sich bald zunutz und rief die Geschwister mit seinen Trompetenstössen heim, so oft es ihm einfiel. Natürlich zankten sie deswegen mit ihm.

»Also, siehst du, Werner«, erklärte ihm Hans, »wenn du wieder bläst, ohne dass man dich heisst, dann trauen wir dir nicht mehr und kommen auch nicht, wenn es gilt. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht.«

»Ich hab' nicht gelügt«, verteidigte sich Werner. »Wenn ich im Garten spaziere und Trompete blase, weil es mir langweilig ist, dann hab' ich nicht gelügt!«

Die Kinder lachten über das possierliche »gelügt« und weil Wernerlein sich so schlau herauszureden versuchte.

Die Turnachkinder richteten ihre Fahrten womöglich auf die Zeit, da ein Dampfschiff vorbeifuhr. Hans wendete dann mit ein paar starken Ruderschlägen, so dass der Kiel die daherziehenden Wellen schnitt. Es war prächtig, wenn man so auf und ab geschaukelt wurde.

»Eigentlich fein ist's erst, wenn man recht nah beim Dampfschiff ist«, sagte Hans. »Da geht's hoch hinauf und dann hinunter, dass man fast meint, man versinke. Nächstes Jahr darf ich hoffentlich weiter hinaus. – Jetzt wollen wir zu den Steinen rudern, wo die jungen Fische sind.«

Die Steine waren grosse Blöcke, die überall längs den Ufermauern aufgeschüttet waren, damit die anschlagenden Wellen die Mauer nicht zerstörten. An der Ecke des Rittmergutes waren jetzt, am Anfang des Sommers, eine Unmenge von ganz kleinen Fischen zu sehen. Zu Hunderten und Hunderten schwammen sie da, so dicht ineinander, dass sie das Wasser verdunkelten. Fuhr man in sie hinein, so flohen sie nach allen Seiten, konnten aber in ihrem eigenen Gewimmel gar nicht schnell genug entkommen. Da schossen denn die einen sogar aus dem Wasser auf und in weitem Sprunge darüber hin. Es war, als ob kleine silberne Blitze aus dem grünblauen Wasser aufsprühten, um im nächsten Augenblick wieder zu versinken.

Am lustigsten aber war es, wenn man irgendwo an einer seichten Stelle auffuhr.

»Kann man da noch drüber oder nicht?« war jedesmal die wichtige Frage. Um sie zu lösen, fuhr man frisch drauf los, bis das Schiff auf den Kieseln des Grundes knirschte und man feststeckte. Dann griff Hans nach einem Sitzruder und begann zu stacheln, während Marianne mit dem andern hantierte. Lotti sass auf der Mittelbank und schrie: »Fest, Hans, fest –! Marianne, du tust falsch –! links – links –!«

Einmal wurden sie gar nicht mehr flott. Da hiess Hans Marianne und Lotti aussteigen, damit das Schiff leichter werde. Als sie die Schuhe und Strümpfe ausgezogen hatten und im Wasser standen, das ihnen nicht viel über die Knöchel ging, kam wirklich Hans mit einem tüchtigen Stosse los.

»Halt, halt!« riefen die Mädchen; »nimm uns doch auch mit!«

Aber Hans fuhr im Übermut davon, ganz weit weg. Da erhoben die Mädchen ein Geschrei. Ans Land konten sie nicht waten, weil dorthin der Grund wieder tiefer wurde.

Balbine, die eben im Gemüsegarten nach dem Erbsenbeete sah, kam ans Ufer gelaufen. Sie war nicht an einem See aufgewachsen und deshalb sehr misstrauisch gegen alles Schiffen und Rudern.

»Kinder, Kinder!« jammerte sie; »du liebe Güte! wie kommt ihr da hinaus! Ich rufe Sophie oder Jakob –«

Sie eilte zum Hause, ohne in der Bestürzung zu sehen, dass Hans in einem schönen Bogen eben wieder zu den ausgesetzten Schwestern zurückkehrte. Aber die Kinder schrien ihr nach: »Balbine, Balbine! Es war nur ein Spass. Er holt uns wieder!«

Balbine blieb stehen.

»Wartet ihr –!« brummte sie und drohte mit dem Finger. »Es wird noch gehen wie beim Werner und seiner Trompete: Wenn ihr einmal recht in der Klemme seid, hilft man euch auch nicht.«

»Ach, Balbine«, sagte Hans, der nahe herfuhr. »Wir kommen nicht in die Klemme! Willst du vielleicht ein wenig mitfahren?«

»Ich danke, ich danke höflich! Was mich betrifft, ich bleibe auf dem Lande und bewege mich auf meinen zwei Füssen; da weiss ich doch, woran ich bin. Dieses Wassergeschwampel ist mir höchst verdächtig.«

Damit ging Balbine zurück zu ihrem Erbsenbeet.

Einen wirklich grossartigen Charakter aber nahmen die Schiffahrten an, wenn Onkel Alfred oder Fritz Völklein dabei waren. Fritz Völklein war der Grossneffe von Frau Völklein. Er wohnte in der Nähe der Seeweid und kam sehr oft zu seiner Tante. Er war schon fünfzehn Jahre alt, stark und gewandt und ruderte ausgezeichnet. Auch hatte er etwas Vorsichtiges, Besonnenes. Mit ihm liess Frau Turnach die Kinder überall hinfahren, seeauf, seeab und querüber. Wenn sie noch so lange nicht heimkamen, sie ängstigte sich nicht.

Die Kinder kannten auch nichts Schöneres als mit Fritz Völklein zu fahren.

»Zuerst zum Färberschiff!« hiess es dann meistens. Das Färberschiff war ein plumper, viereckiger Kahn mit einem grossen Tisch in der Mitte und einem festen Dach. Das Schiff lag draussen auf dem See und war durch eine eiserne Kette gehalten, die am Grund befestigt war. Meistens sah das Wasser ringsum dunkelrot oder violett aus von den Garnstrangen, die hier ausgewaschen wurden. Wenn die Färber nicht da waren, konnte man in das komische Schiff hinübersteigen. Das war ein Hauptspass. Aber man durfte es nur tun, wenn Fritz Völklein oder Onkel Alfred dabei waren.

Manchmal brachte Onkel Alfred ein eigenes kleines Boot aus der Stadt mit. Dann wurde ein wundervolles Spiel gespielt. Das Färberschiff war Sankt Helena, weil es da draussen lag wie eine Insel im Meere. Hans war Kaiser Napoleon der Erste, den man auf die Insel Sankt Helena verbannt hatte mit seinem Gefolge, das aus Marianne und Lotti bestand. Fritz Völklein war der englische Feind und fuhr bewachend um die Insel. Wenn er ihr aber einmal den Rücken drehte und weiter hinausfuhr, kam Onkel Alfred als Anhänger Napoleons mit seinem Schoner daher, um Napoleon zu befreien. Es war sehr aufregend, bis der Kaiser und sein Gefolge in dem französischen Schoner geborgen waren. Denn der Kapitän der englischen Brigg nahm die Einschiffung wahr und schoss in grosser Eile herbei, um den Fluchtversuch zu vereiteln. Nun entstand eine wilde Jagd auf dem See. Napoleon selbst musste mitrudern. Die englische Brigg bemühte sich, zuvorzukommen und den Hafen zu versperren. Manchmal gelang es trotzdem, den Kaiser und sein Gefolge auf Frankreichs Boden zu setzen. Oft aber kam die englische Brigg dem französischen Schoner so nahe, dass der Kapitän die Kette hinüberwerfen konnte; das war das Zeichen, dass Napoleon gefangen war und mit seinem Gefolge wieder nach Sankt Helena zurück musste.

Schade war es, wenn mitten im Spiel Werner mit seiner Trompete auf der Gartenmauer erschien, und neben ihm Sophie, zum Zeichen, dass es ernst gelte und dass die Trompetenstösse als Ruf zum Abendessen zu nehmen seien.

Der Mai war dieses Jahr schön und warm gewesen. Am 27. nachmittags hatte das Seewasser schon 16 Grad gehabt, und so konnte jetzt mit dem Baden begonnen werden. An der Mauer des Obstgartens stand, in den See hinausgebaut, das nette alte Badhaus. Hans machte immer den Anfang und war schon im Wasser, wenn die Mädchen in ihren roten Anzügen auf der Treppe erschienen.

»Es ist prachtvoll!« schrie er. »Ganz warm! Kommt nur!«

Ganz warm –? nein – Lotti, die mit der Fusspitze hineintippte, fand es eher kalt. Sie blieb ein Weilchen auf der Stufe stehen; dann stieg sie langsam zur folgenden hinunter.

»Au –!« Sie zog die Achseln in die Höhe.

Nun kam aber Hans: »Wart, Lotti; ich will dir helfen. Ich weiss ein Mittel, da bist du im Augenblick im Wasser –«

Damit fing er an zu spritzen, dass Lotti über und über nass wurde und gar nicht mehr wusste, ob das Wasser warm oder kalt sei. Schreiend und pustend sprang sie hinunter und fand es alsbald auch prachtvoll. Sie lief auf Marianne zu, um sie zu fangen. Es war so komisch, wie man im Wasser gar nicht rasch gehen konnte. Die Kinder versuchten zu tauchen und übten sich im Schwimmen.

»Seekinder müssen schwimmen können wie die Enten!« sagte Papa immer.

Hans schwamm schon ziemlich gut. Marianne machte fünf oder sechs Züge; dann fing sie an zu zappeln, bis sie mit den Füssen an den Boden kam. Das war noch nicht das Richtige. Lotti wagte gar nicht recht, sich auf das Wasser zu legen.

»Ich hab' immer Angst, ich komme mit dem Kopf hinunter und könne dann nicht mehr atmen!« sagte sie.

Hans erinnerte Mama daran, dass er letztes Jahr eine Schwummel gehabt habe, mit der er ganz leicht schwimmen gelernt.

»Ja, Mama, bitte, mach' uns Schwummeln!« riefen Marianne und Lotti, und Werner, der das Wasser gar nicht liebte und immer mörderlich schrie, wenn Sophie ihn eintauchte, bettelte natürlich mit: »Mir auch eine Schwummel! ich will auch schwimmen!«

Zu einer Schwummel brauchte man von den Binsen, die da und dort im See wuchsen, wo er nicht tief war. Man band die leichten Stengel mit Bindfaden zu einem langen, geraden, stark armdicken Bündel zusammen, den man dann in der Mitte knickte und an beiden Enden durch eine Schnur verband. Zum Schwimmen legte man sich in das Dreieck hinein. Eine frische Schwummel trug einen so sicher, dass man damit hätte über den See schwimmen können. Nach und nach wurde sie gelb und welk und trug mit jedem Tage weniger gut. Aber während der Zeit hatte man gelernt, sich selber über Wasser zu halten und vorwärts zu kommen. Und wenn die Schwummel gar nichts mehr taugte, ging das Schwimmen ohne sie.

In der Nähe der Seeweid gab es nicht viele und keine grossen Binsen. Man musste sie weiter seeaufwärts holen. Mama versprach aber, dass die Kinder Schwummeln bekommen sollten.

»Nur müsst ihr noch eine Weile warten, bis sie hoch und dick gewachsen sind«, sagte sie. »Dann fährt Fritz Völklein oder Sophie einmal mit euch hinaus. Bis dahin zappeln Marianne und Lotti halt noch eine Weile im Wasser herum, so gut es geht.«

Der böse Mann

Der Schulweg, den die drei Turnachkinder zu machen hatten, war eine ganze kleine Reise, und sie erlebten da alles mögliche. Am Morgen freilich musste es schnell gehen. Hans, dessen Klasse viermal um sieben Uhr begann, hatte also meistens schon vor sechs aufzustehen. Das tat er auch pünktlich. Nicht ein einziges Mal war er von der Seeweid zu spät in die Schule gekommen. Marianne und Lotti mussten erst eine Stunde später fertig sein. Doch weil die zu zweit waren, ging das viel schwerer. Man lachte und schwatzte zusammen, und oft konnte man die Frühstücksmilch nur schnell noch stehend hinuntertrinken, was Mama nicht gut fand. Marianne war die Vernünftigere. Sie mahnte zuletzt immer:

»Vorwärts, Lotti! Wo hast du deinen Schultornister? So! und das Rechenbüchlein willst du gewiss da lassen! Nimm dein Neunuhrbrot! Du machst doch immer so langsam! Jetzt lauf' ich – ohne dich –!«

In die Nachmittagsschule kamen die Kinder meistens auf eine ganz feine und bequeme Art: Wenn es heiss war, liess sich Papa durch den Schiffmann Steppinger vom Kornplatz in die Seeweid zum Essen fahren, und der Steppinger nahm dann in seinem Schiff, das ein breites Verdeck hatte, die Kinder um halb zwei in die Stadt zurück. Auf dem See draussen wehte immer ein wenig frische Luft, Und es war herrlich, so im ruhigen, festen Takte der Ruder dahinzufahren. Man konnte, wenn man wollte, da auch noch schnell die Aufgaben überlesen; Marianne versuchte es hin und wieder. Aber Lotti, die an der Seite sass und die Hand in das helle Wasser tauchte, neckte die Schwester und spritzte sie ins Gesicht.

»Das erfrischt dich!« sagte sie das eine Mal, und das andere Mal: »Es ist nur, damit du nicht einschläfst!«

Wenn es aber regnete, war der Schulweg auch wieder lustig. Schon das gab einen Spass, dass man den grossen Regenkragen überhing und die Kapuze über den Kopf sog.

»Nun sind wir zwei von den sieben Zwergen im Schneewittchen!« lachte dann Lotti

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Lektorat: verlag.bucher@gmail.com
Tag der Veröffentlichung: 15.09.2013
ISBN: 978-3-7309-4956-6

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