Cover

Sealsfield: Der Virey

Charles Sealsfield

 

Der Virey und die Aristokraten

oder

Mexiko im Jahre 1812

 

 

verlag.bucher@gmail.com

Erstes Kapitel

Die Siesta war vorüber; die tiefe Stille, in welche die zweistündige Mittagsruhe die ganze Hauptstadt Neu-Spaniens wie begraben hatte, war auf einmal einem tobenden Gesumse gewichen, das, aus den oberen Vorstädten hereinbrechend und einem nicht minder tobenden Lärm von den unteren her begegnend, bald über der ganzen Hauptstadt in einem so furchtbaren Schwall von Tönen aufstieg, daß ihre unzähligen Aasgeier meilenweit dadurch verscheucht wurden. Mexikos Bewohner erhoben sich von ihren Lagerstätten, den Porticis der Kirchen, Häuser und Paläste, oder tanzten, mit den buntesten Mummereien behangen, aus dem Bazar hervor, um den Karneval in jener rasenden Lust zu feiern, mit der die katholischen Völker sich für die drückenden Entbehrungen des Jahres schadlos zu halten pflegen. Hier sah man einen riesigen Tenatero im ungeheuern spanischen Generalshute und der Sergeantenjacke, Zepter und Weltkugel in der einen Hand, in der anderen ein Kreuz von Pappe, stolz einherschreiten, den Erlöser von Atolnico vorstellend; dort sah man eine Schar von Indianern, Zambos und Mestizen, in Apostel, Jünger, jüdische Priester und Weiber metamorphosiert, vor dem göttlichen Meister unzüchtige Tänze und Sprünge aufführen; daneben Adam und Eva, vom Engel mit flammendem Schwerte aus dem Paradiese getrieben. An einem dritten Orte lieh sich der Dios Padre, Gott Vater, herab, selbst den Reigen anzuführen, zu dem die heilige Cäcilia eine spanische Laute schlug, während wieder das kleine Jesukindlein auf seiner Flucht nach Ägypten, einen gewaltigen Esel reitend, Ströme Wassers in die offenen Fenster und den Vorübergehenden in die Gesichter spritzte. Dazwischen Scharen von Leperos, Stutzern und elegant herausgeputzten Mädchen und Weibern, die sich in diesem Schwarm von Indianern wie Sumpflilien im giftig schmutzigen Moraste ausnahmen; dann wieder Hunderte von Raketen, die ungeachtet des hellen Tageslichtes auf allen Seiten und Enden aufschwirrten, zur großen Freude der Indianer, deren Jubel in wahres Toben überging, wenn einer der feurigen Schwärmer unter die geputzten Damen, die von den Balkonen herabwinkten, fuhr. Überall die tollste, wildeste Freude; aber eine Freude eigener Art, so rasend auf einmal ausgebrochen, so grell und plötzlich nach der Totenstille, die noch wenige Minuten zuvor geherrscht, daß Auge und Ohr befremdet und erschrocken diesen Tausenden von Bacchanten und Bacchantinnen zusah und zuhorchte!

Eine Gruppe von zwölf Personen, phantastisch in die verschiedenen Kostüme der Indianerstämme des Landes gekleidet, umgaben einen sogenannten Carro so malerisch, daß man wohl sah, sie folgten der Leitung eines berechnenden Kopfes. Die Indianer waren in Trauer und bewegten sich als Leidtragende um diesen Wagen, auf dem zwei Gestalten sich befanden, die das Attribut des Gräßlichen und Komischen so seltsam in ihrem Aufzuge vereinigten, daß das Auge neugierig und schaudernd zugleich auf diese sonderbaren Gestalten blickte, von denen die eine ausgestreckt auf dem Wagen lag: ein blutend verstümmelter Torso, aus dessen Brust und abgehauenen Arm- und Schenkelstümpfen das Blut noch immer tröpfelnd herabfiel, welches wieder von einem zweiten Gefolge spanischer Verlarvter mit Gier aufgeleckt wurde. Noch schien Leben in ihm, denn er stöhnte und gab hohle Töne von sich und mühte sich vergebens ab, das Ungeheuer, das gleich einem Vampyr sich auf ihm niedergelassen und seine Tigerklauen in seine Brust eingeschlagen, abzuschütteln. Dieses Ungeheuer war ebenso seltsam anzuschauen. Es hatte das finstere Gesicht eines wohlgenährten Dominikanermönchs, dessen Kutte es auch trug; auf der einen Seite hatte es eine brennende Fackel, auf der anderen einen bellenden Hund; sein Haupt bedeckte eine kupferne Gießkanne, die wahrscheinlich das Helmsubstitut des Ritters der Mancha vorstellen sollte. Der Rücken endigte im Schwanze des mexikanischen Wolfes Coyote, sowie wieder dem Jaguar die Tatzen angehörten, mit denen er den Torso furchtbar zerfleischte.

Die Haufen von Indianern, Mestizen und der farbigen Bevölkerung waren allmählich durch Hunderte von Kreolen verstärkt worden, während der stolzere Spanier mißtrauisch aus den Fenstern seines wohlverwahrten Hauses dem sonderbaren Gaukelspiele zusah.

Unter den reichsten Mangas, die der Popanz angelockt, war ein junger Mann, dessen Gesicht schwer erraten ließ, welcher Rasse es angehörte. Es hatte alle Farben des Regenbogens, die sich auf der knapp anliegenden Seidenmaske so natürlich darstellten, daß man in Versuchung kam, dieses Farbenspiel für Natur zu halten. Er war aus der Fonda von Trespanna heraus auf die Straße getanzt, hatte sich einige Male flüchtig vorsichtig umgesehen und sich dann durch die Scharen zu dem Gaukelzuge gedrängt und gewunden.

»Närrische Leute! Hirnlose Haufen! Was rennt, was drängt, was lauft Ihr? Was seid Ihr gekommen zu schauen, zu sehen? Wißt Ihr nicht, daß das Sehen verboten ist?«

Der Ton des Stutzers, seine plötzliche Erscheinung und das kecke Originelle seines Wesens, im Gegensatze zu dem scheuen Benehmen der übrigen Kreolen, die sich vorsichtig dem Wagen näherten, ihn einige Augenblicke mißtrauisch betrachteten und dann sich schnell zurückzogen, um in sicherer Ferne des Weitern zu harren, hatten nicht verfehlt, die allgemeine Neugierde auf ihn zu lenken.

»Wohl denn, Volk von Mexiko oder Anahuac, wenn Ihr so Euch lieber nennen hört, das heißt Azteken und Tenochken und Otomiten und Mestizen und Zambos und Altra atras und Blancos, die der Teufel«, flüsterte er leiser, »ganz oder wenigstens zum zwanzigsten Teile holen mag.«

»Bravo!« riefen Hunderte von Mestizen und Zambos, denen die letzten Worte des Stutzers auf einmal über sein politisches Glaubensbekenntnis Licht gegeben hatten. » Bravo, escuchad« ertönte es wieder und wieder.

Während dieses Bravorufens hatte sich der Mann tanzend und wieder windend durch die Haufen zum Popanz hin Platz gemacht, den er aufmerksam betrachtete.

Auf einmal hob der Stutzer die Kutte des Ungeheuers und der vom Rumpfe getrennte Kopf des blutigen Torso kam zum Vorschein. Es waren indianische Züge, von einer Meisterhand so natürlich dargestellt, daß Hunderte von Stimmen mit einem Male riefen: »Guauhtomozin!«

»Guauhtomozin«! schallte es dumpf von Munde zu Munde, während der Stutzer fortfuhr, den Schleier von dem seltsamen Ungeheuer zu lüften.

»Seht, hier hat es seine Klauen am tiefsten eingehackt!« sprach er, und die Menge schauderte wieder.

»Es ist Tio Gachupin,« lachte er auf einmal, sich auf dem Absatze herumwendend, »Tio Gachupin, der das Spiel, das er vor nicht ganz dreihundert Jahren mit dem armen Guauhtomozin – – nein, es ist Guauhtomozins Geist!« rief er, »der erschienen, blutend und um Rache schreiend.«

Soviel war nun dem Haufen allmählich klar geworden, daß der Spektakelaufzug eine tiefe, ja gefährliche politische Bedeutung habe. Die Menge hatte schnell zugenommen; die flachen Blumendächer, die Balkone der nahen und entfernten Häuser waren mit unzähligen Köpfen angefüllt. Es herrschte eine tiefe Stille, die nur vom Geflüster der Neugierde oder dem Gemurmel des Schauders unterbrochen wurde. Auf einmal rief es: » Vigilancia, Vigilancia!« » Vigilancia schallte es von Mund zu Mund. » Gracias Señoras y Señores,« lachte der Stutzer, duckte sich und verschwand. In wenigen Augenblicken war vom gräßlichen Sinnbilde Mexikos selbst keine Spur mehr vorhanden, und als endlich die beiden Alguazils mit ihren Stäben sich Bahn gebrochen hatten, regnete es Fetzen von Pappendeckeln und Trümmer gebrochenen Holzes auf ihre verhaßten Häupter; die Menge selbst war nach allen Seiten ausgerissen und brach größtenteils in den Gasthof ein, vor dem die Szene selbst stattgefunden hatte.

Dieser Gasthof, der erste Mexikos, war der Vereinigungspunkt der hohen und niedrigen Welt der Hauptstadt, das heißt des größten Reichtums und der ekelhaftesten Blöße, die nur gedacht werden können. Die unteren Geschosse nahmen eine Art Basare ein, in denen Waren mexikanischer Fabrikate zum Verkauf ausgeboten wurden; die oberen Säle waren zur Bewirtung der Gäste bestimmt und mit einer Pracht ausmöbliert, die auffallend mit diesen Gästen selbst kontrastierte.

Im ersten dieser Säle stand ein großer, langer Tisch, einer Billardtafel ähnlich, auf dem Haufen Silbers lagen, die Tausende von Piastern betragen mochten, während die Garderobe der ringsum sitzenden oder stehenden Spieler um ebenso viele Pfennige zu teuer bezahlt gewesen wäre. Außer den Worten Señor und Señoria war kaum ein Laut zu hören; aber dafür sprachen ihre giftig feurigen Blicke desto vernehmlicher, und ein Grimm war in ihren Augen zu lesen, der jeden Augenblick in Mord und Totschlag ausbrechen zu wollen schien.

Der zweite Saal war, wo möglich, von einer noch häßlicheren Klasse von Menschen angefüllt, die liegend, stehend, hockend, auf allen vieren, in Stellungen hingestreckt waren, die nicht beschrieben, viel weniger gesehen werden mögen; zum Teil beschäftigt, ihre und ihrer Kinder Köpfe von jenen Anwohnern zu reinigen, die der ganze Reichtum dieser Klasse zu sein pflegen.

Ein dritter Saal war den Schokolade- und Sangaree-Trinkern gewidmet, die ihre Gläser und Becher mit einer Behaglichkeit leerten, die in der ekelhaften Nacktheit und Armut ihrer Umgebungen noch einen eigenen Reiz zu finden schien; denn zwischen Stühlen, Bänken und Tischen lagen und krümmten sich die Elenden, Leperos genannt, gleichwie ein Bindungsmittel, das sämtliche Klassen Mexikos zusammenhielt; und wieder zogen ein: reich gekleidete Spanier, Spanierinnen und Kreolen, die noch halb schlaftrunken von der Siesta kamen, in einer Kleidung, hell und funkelnd und wieder lose und locker, vor ihnen her eine Schar von Mulatten- oder Negermädchen, die froh und üppig einhertanzten, Körbchen und Kästchen tragend und »Platz für unsere gnädigen Frauen!« schreiend, hinterdrein die Cortejos, die diesem Geschrei mit ihren Säbeln und Stöcken den nötigen Nachdruck gaben.

»Verdammt! Welch eine schöne und liebliche Gesellschaft!« rief auf einmal dieselbe Stimme, die wir unten auf der Straße als den Ausleger der gefährlichen Fastnachtsposse gehört haben, und die nun einem Caballero, seiner Larve nach zu schließen, angehörte, der in einem ganz neuen Anzug in den Saal trat, die Gesellschaft mit jenen flüchtigen Blicken messend, mit denen der hohe Wüstling eine untergeordnete Klasse von Menschen zu mustern gewohnt ist. »Holla! Zum Glück!« rief er, an den langen Tusch tretend und eine Rolle Piaster auf eine Karte werfend, die im nächsten Augenblicke auch schon gewonnen hatte.

» Bravo, bravisimo! Doble,« schrie er.

Der Stutzer hatte wieder gewonnen und die Summe, so beträchtlich sie auch war, ohne eine Miene zu verziehen, auf die frische Karte geworfen.

» Triple!« schrie er, als er wieder gewonnen: » Quadruple!« ein viertes Mal, und mit diesem letzten Glücksfalle warf ihm der Bankier seine ganze Barschaft mit den Worten: » Maledito gato«, hin und erhob sich von seinem Sitze mit einem Blicke, so grimmig, daß man hätte glauben sollen, es müsse den nächsten Augenblick Mord und Totschlag erfolgen. Wider alles Erwarten jedoch nahm der Mann seine zwei Realen, die er in den Ohren stecken gehabt, rief den Kellner, hielt diesem die beiden Silberstücke vor die Augen und sprach, auf das eine deutend, feierlich: » Cigarros,« und auf das andere: » Arguadiente de caña«. Und nachdem er so über sein Geld disponiert, schlug er, in Erwartung der beiden Labsale, seine Manga mit soviel Kunstfertigkeit über die Schulter, daß der Zipfel der andern Hälfte zugleich bis zu den Hüften herab verlängert wurde, und es so einiger Aufmerksamkeit bedurfte, zu gewahren, daß einer der beiden Schenkel gänzlich des nötigen Artikels, Beinkleider genannt, ermangelte.

»Kommen Sie, Damen und Herren zum Glück!« rief nun der glückliche Eroberer der Schätze seines Vorgängers, indem er gleichermaßen zwei Realen aus einem besonderen Beutelchen herausnahm und einen in jedes Ohr steckte, welche Handlung er mit dem Zeichen des Kreuzes begleitete.

»Platz, Pöbel!« rief es auf einmal wieder, und mit diesem Rufe trat ein Zug spanischer Soldaten mit ihren oder anderer Weiber ein.

Vor jeder dieser Spanierinnen schritten drei Mulattomädchen mit lose anliegenden Seidenröckchen, die ihnen bis zu den Knien reichten und so locker und lockend anlagen, daß der Busen und der ganze Leib ohne Mühe zu ersehen waren; die Haare in goldfadige Netze gewunden, an den Armen Spangen von gleichem Metalle. Das erste dieser Mädchen trug ein offenes Kästchen mit Zigarren, aus dem wechselweise die Dame und ihr Cortejo sich zuhalfen; das zweite ein Körbchen mit Zuckerwerk, dem gleichfalls häufig zugesprochen wurde, und die dritte die Geldbörse.

»Platz!« erschallte es wieder, und die Begleiter der Damen, wohlbestallte Unteroffiziere der spanischen Truppen, schwangen ihre Rohrstöcke und Säbel, daß Indianer und Mestizen und Zambos wie gemäht von Bänken und Stühlen purzelten.

»Alle Teufel, was wollen Sie damit sagen?« rief unser neuer Bankier, der sich auf seinen Sitz niedergelassen hatte, auf einmal aufspringend.

Er sprach diese Worte so drohend, und seine Gestikulation war so echt mexikanisch, daß drei der Sergeanten mit einem Male auf ihn zusprangen.

»Hund, was soll dies bedeuten?«

»Hund!« rief der Mexikaner gleichfalls, und dabei fuhr seine Hand unter die Manga, und die Bewegung war so schnell von den sämtlichen weißen, schwarzen, braunen und grünen Physiognomien nachgeahmt worden, daß die drei Sergeanten nebst ihren Damen mit einem Male zurückprallten. Nur die vierte hatte sich in der Nähe des Tisches gehalten und schwang nun die Karten, die Gesellschaft zum Spiele einladend.

Diese Einladung hatte auch einen unbegreiflich schnellen Erfolg. Dieselben Menschen, die soeben Partei auf Leben und Tod für ihren Landsmann genommen hatten, – denn dies verriet das mysteriöse Langen unter die Mangas – ersahen kaum, in wessen Hand sich die Zauberblätter befanden, als sie auch wie mit einer Stimme riefen:

»Um der Liebe Gottes! Gehen Eure Herrlichkeit mit Gott!«

»Gehen Sie mit allen hunderttausend Teufeln, gnädiger Herr!« brüllten die Spanier.

Der junge Mann sah abwechselnd seine armen Landsleute, dann wieder die Spanier an; dann, wie ergriffen von der sonderbar originellen Höflichkeit und Grobheit beider, lachte er laut auf, packte pfeifend seine eroberte Beute zusammen und räumte den Saal.

Seine Wanderung durch die anstoßenden Säle schien einige Zeit hindurch eine absichtslose zu sein, bis er sich endlich in den letzten leeren Saal verlor, wo er an die Flügeltüre trat, die verschlossen war, und an die er mit den Worten klopfte:

»Gegrüßet seist Du, reinste Maria!«

Ihm wurde aufgetan.

Zweites Kapitel

Die Gesellschaft dieses Saales war von der soeben beschriebenen vorteilhaft verschieden; sie bestand aus beiläufig fünfundzwanzig jungen Männern, die, sämtlich in die reiche Tracht des Landes gekleidet, Mangas verschwenderisch mit Samt, Seide und Gold verbrämt, Jacken mit Otterfellen ausgeschlagen und gleichfalls mit Gold verbrämt, und die übrige Kleidung von entsprechend kostbaren Materialien hatten. Das spitze, feine Hohnlächeln, mit dem sie den Eindringling musterten, und ihre vornehm gleichgültigen Blicke auf die Goldhaufen, die den Tisch bedeckten, verrieten geübte Hasardspieler, oder, was in Mexiko dasselbe sagen will, Edelleute vom höchsten Range. Der Saal war kostbar möbliert, Tische und Sessel vom feinsten Holze und reich vergoldet, Vorhänge, Estraden, Lüster nach der neuesten Fasson.

»Sechzehn machen einen Doblón«, sprach der junge Mann, der nichts weniger als verschüchtert durch den vornehm geringschätzigen Empfang nun zum Tische trat und eine Rolle von so vielen Piastern auf eine der Karten setzte.

» No pueden,« erwiderte der Bankier, der mit seiner hölzernen Hand das Silber geringschätzig zurückwies.

» No pueden,« sprachen in demselben einsilbigen Tone die Kavaliere, »eine geschlossene Gesellschaft«.

»Eine geschlossene Gesellschaft?« wiederholte der Mann kopfschüttelnd. »Allen Respekt vor Privilegien, nota bene, wenn sie respektiert werden. Wissen Sie aber, Señores, daß unser Privilegium älter ist?«

»Dein Privilegium älter, Spitzbube?« sprach einer der Edelleute gedehnt.

»Ei, gewiß ist es älter, und gerade so alt, als die Mutterkirche zum Narren geworden ist.«

»Die Mutterkirche zum Narren geworden?«

»Zum Narren geworden; sie fraß nämlich so viele Narrheit, daß sie ganz zum Narren geworden ist, wie Sie sehen können, wenn Sie auf die Gasse schauen wollen. Just so, wie die Madre Patria so viel mexikanisches Blut gefressen, daß sie ganz blutdürstig geworden ist.«

Die jungen Kavaliere wurden auf einmal aufmerksam. »Ruhe, mein Herr! Gehen Sie mit Gott, und möge Ihnen der Alguazil kein Geleit in die Cordelada geben«, sprach der Bankier.

»Ruhe wollen Sie? Sie werden sie in Mexiko nicht mehr finden! – Sie werden Sie so wenig finden als Pedrillo. Keine Ruh', keine Ruh', keine Ruh' bei Tag und Nacht; nichts, das ihm Vergnügen macht.« Und mit diesen Worten brach er auf einmal in die Arie Pedrillos aus, die er mit einem Feuer und einem Aufschwunge absang, daß die Kavaliere den Mann mit offenen Mäulern anstarrten.

Zugleich waren im anstoßenden Saale eine Gitarre und Kastagnetten eingefallen, die den Gesang regelmäßig begleiteten.

War es der Reiz der Überraschung oder das Originelle in der Weise des Sängers, der das Bruchstück aus dem Meisterwerke des berühmten und in Mexiko hochbeliebten Tonsetzers so unvergleichlich sang, die Kavaliere sprangen wie von einem elektrischen Funken berührt auf, und zwanzig Dublonen flogen ihm mit einem Male in die Manga.

»Señores,« sprach der Bankier, der allein mürrisch gehorcht hatte und nun unserem Aventurier näher trat, »ich warne Sie, Señores! Ich erkenne in dem Caballero denselben Gentilhombre, dem die Alguazils soeben auf den Fersen waren, und der uns diese ungebetenen Herren sehr leicht auf den Hals bringen dürfte!«

»Bist du es, der den Alguazils die Nase gedreht?« riefen mehrere.

Doch der junge Mann hatte statt aller Antwort mit dem Fuße gestampft, und wie auf einen Zauberschlag öffneten sich zwei Flügeltüren gegenüber denjenigen, durch die er gekommen, und heraus traten vier Gestalten, die, fleischfarben-seidene Masken auf den Gesichtern und ebensolche Kleider auf dem Leibe, zwei herrliche, aber etwas üppige Tänzerpaare bildeten.

» Señores,« warnte, bat, flehte und drohte der Bankier.

Die Kavaliere, im Anschauen der üppigen Umrisse der herrlichen zwei Mädchengestalten versunken, sahen und hörten nichts mehr vom Bankier, der hastig und mürrisch seine Geldhaufen zusammenscharrte, sie in einen Kasten packte und den Saal verließ, als wenn der Feind ihm auf den Fersen nachfolgte.

Die Gitarren hatten geklungen, die Tänzer sich in Bewegung gesetzt, die Kastagnetten knackten darein, und nun führten die zwei Paare einen Tanz auf, den der stärkste Pinsel vergeblich in seinem rasenden Liebesentzücken zu schildern versuchen würde. Jede Bewegung war reine Natur, Hingebung, hinschmelzende Lust. Sie begannen mit dem Bolero und gingen durch ein rasches Stampfen mit dem Fuße und ein Wirbeln der Arme in den Fandango über. Alles war glühende Wollust, aber nicht jene grobe Wollust, unter der gewöhnliche Fandangotänzer ihre Ungeschicklichkeit zu verbergen pflegen. Die höchste Poesie dieses zugleich üppigen und zarten Tanzes stellte sich in jeder Bewegung so unnachahmlich ergreifend dar, daß die Kavaliere in sprachlosem Entzücken mit lauten Ahs und Ohs! vorsprangen, den aufgeregten Sturm tobender Leidenschaft zu beschwichtigen. – Sie prallten, als wäre der Blitz vor ihnen in den Boden geschlagen, zurück. Ein widrig gestöhntes Brr! tönte aus der hinteren Ecke des Saales.

Auf einer Ottomane, die im Hinterteile des Saales sich längs der Wand hinzog, lag halb und saß halb eine Gestalt, deren Anzug einen Moslem bezeichnete, und zwar einen Moslem des höchsten Ranges. Sein Kleid war grün, sein Turban gleichfalls; in diesem letzteren glänzte ein Geschmeide funkelnder Edelsteine, das alles übertraf, was in Mexiko dieser Art bisher noch gesehen worden war. Dafür aber waren die Züge des Moslems wieder die abstoßendsten, die gedacht werden konnten. Eine niedrige zurückfließende Stirne, mit blaugrauen, stieren, gläsernen und doch tückisch lauernden Augen, in denen Treulosigkeit und Grausamkeit ihren Sitz aufgeschlagen zu haben schienen. Zwischen der Stirne und diesen Augen neigte sich eine lange Nase raubtierartig zu einer Oberlippe herab, der Gefräßigkeit angeboren schien, während die Unterlippe in äußerster Erschlaffung niederhing; die Kinnladen dieses häßlichen Gesichtes waren viereckig und lang, der Mund groß. Über das Ganze war ein Kolorit ausgegossen, das ganz den tückisch falschen und widerlichen Zügen des Gesichtes entsprach und keiner Farbe angehörte.

»Um Gottes Liebe willen!« schrien unsere Kavaliere nun wirklich erschreckt. »Was soll das?«

Sie näherten sich wieder der seltsamen Gestalt und schraken wieder zurück, als wenn in dieser Figur ein böser Zauber läge.

Neben ihr knieten zwei andere Moslems, der eine in einem blendend weißen, der andere in einem grünen Turban. Sie hatten ihre Hände auf der Brust gefaltet und ihre Gesichter berührten beinahe den Teppich.

»Brr!« stöhnte der Moslem, sich verdrießlich auf der Ottomane dehnend, in einem Tone, der mehr dem Grunzen eines Borstentieres als einer Menschenstimme glich. Beide Moslems prallten auf die Seite und erhoben sich ehrfurchtsvoll, einen Schritt zurücktretend, ohne die Kavaliere auch nur eines Blickes zu würdigen.

Die Neuheit dieser sonderbaren Szene schien diese so sehr außer Fassung gebracht zu haben, daß auch kein einziger ein Wort zu sprechen wagte.

» Zil ullah,« sprach der Weißbeturbante. »Seine Hoheit haben wieder gesprochen. Drei Tage haben Ihre Hoheit weder von der Bohne von Mekka gekostet, noch von dem glorreichen Safte, der die Gläubigen schon bei Lebzeiten in das Paradies versetzt –«

»Es sind Unverdaulichkeiten«, sprach der Grünbeturbante.

»Regierungssorgen«, erwiderte der mit dem weißen Turban, »wir müssen ihn zerstreuen. Es sind frische Almas und Odalisken angekommen«.

Er näherte sich sofort dem Kalifen, denn dies war der hohe Rang, den der sitzende Moslem vorstellen sollte, und nachdem er sich zur Erde geworfen, trug er die Bitte vor. Es folgte wieder ein Grunzen, das für Zustimmung gelten konnte, worauf sich der Vezier freudig erhob, einen Schritt zurücktrat, dreimal mit dem Fuße vernehmlich stampfte, und dann mit seinem Gefährten in die Ecke trat, um der kommenden Dinge zu harren.

Zur Verwunderung unserer Kavaliere öffneten sich wieder die Flügeltüren, und vier Tänzerpaare traten ein in so glänzend prachtvollem Kostüm, daß es selbst dasjenige der Moslemin verdunkelte. Ihnen folgten vier rabenschwarze Gestalten, von denen die zwei ersteren die spanisch-maurische Gitarre trugen, die dritte das ostindische Tomtom und die vierte die persische Flöte.

Eine Weile standen die acht Figuren in ehrfurchtsvollem Harren, als wieder ein Brr! sich hören ließ und der Kopf des Kalifen sich erhob, um das neue Schauspiel seines Blickes zu würdigen.

Ein Adagio der Guitarre, in welches das Tomtom wie das entfernte Rollen des Donners einfiel, allmählich stärker und stärker werdend, eröffnete den Tanz. Dann fielen die Kastagnetten ein, und endlich erhob sich der Flöte sanfter Ton, das Ganze zur Harmonie verbindend. Gerade so verschmolzen die Tänzer allmählich in die schönste, üppigste Tänzergruppe, mit ihren bunten Schleiern Regenbogen bildend, hinter denen die schwellenden Gestalten wie Huris hervorlächelten. Bald ging das Adagio in das Allegro über, die Bewegungen der Tänzer wurden rascher, ihre Gebärdenspräche lebendiger, das Spiel ihrer Glieder üppiger, feuriger, verlangender; aller Blicke, aller Bewegungen schienen nur auf den Kalifen gerichtet zu sein.

»Brr«, stöhnte der wieder mit derselben kreischend grunzenden Stimme. »Und Ihr nennt das Zeitvertreib, was wir tausend und abermal tausend Male gesehen haben? Beim Barte des Propheten!« rief er heftiger, »Vezier, so wir heute keinen Schlaf und morgen keinen Appetit haben, so hast du die Schnur, und deine Almas stecken auf Pfählen«.

Der Vezier stand sprachlos ob dieser Drohung, der Emir mit weit aufgesperrtem Munde, die Tänzer und Tänzerinnen wie angezaubert festgebannt in derselben Stellung, in der sie waren, als die Donnerworte gesprochen wurden; eine der Bajaderen hielt ihr Füßchen in wagerechter Lage, so daß die Zehenspitze in den offenen Mund ihres Tänzers zu ruhen kam; eine zweite hatte in der Verzweiflung den ihrigen in der Falte des Gewandes des Emirs verloren, der, vor Schmerz auf- und abrennend, sie nun auf dem ihr noch gebliebenen Fuße mittanzen ließ; alle drückten Schrecken und Entsetzen so unvergleichlich aus, daß der Kalif auf einmal ins lauteste Gelächter ausbrach.

»Beim Barte des Propheten!« rief er mit demselben widerlichen Gelächter, »wir haben große Lust, dir den Kopf, Vezier, wirklich abschlagen zu lassen, um diese Szene nochmals, und womöglich in verstärkter Natürlichkeit, zu genießen.«

» Allah Akbar,« riefen Vezier und Emir und Tänzer und Tänzerinnen. Und alle brachen in laute Lobpreisungen der Gnade Allahs aus, der so große Wunder durch seine Sklaven getan und ein Lachen hervorgebracht, das die Hoheit erquickt hatte.

»Beim Barte des Propheten, sie sind nützliche Diener des Staates«, sagte der Kalif, »und sie mögen unserer Hulden und Gnaden versichert sein. Lasse ein paar Dutzend aus einem der reichen Basare die Köpfe abschlagen und ihre Zechinen diesen armen Teufeln zur Hälfte zuteil werden«.

Ein leises Tappen an der Tür schien bescheiden um Einlaß zu bitten. Der Vezier hatte sie geöffnet und kam mit der Nachricht zurück, daß der Ober-Emir die Gnade einer Audienz begehre.

»Wieder Regierungssorgen und nichts als Regierungssorgen«, brummte der Kalif und ließ das Haupt sinken wie zur Überlegung; dann hob er es mürrisch und sprach: »Es sei, wir wollen den geistlichen Oberhirten unseres Reiches empfangen«.

Tänzer und Musiker traten nun in den Hintergrund, schoben die Kavaliere gleichfalls in diesen zurück und erwarteten mit gefalteten Händen den Ober-Emir, der gleich darauf gesenkten Hauptes hereinkam und, nachdem er vor den Kalifen getreten, mit seinem Gesichte den Teppich berührte.

»Entledige dich rasch deiner Worte, maßen wir soeben in hohen Regierungsangelegenheiten begriffen gewesen; auch der Zustand dieses unseres Leibes –«

» Bismallah,« sprach der hohe Priester zum höchsten der Moslemin: »Wir haben Gebete ausrufen lassen von allen Tempelzinnen, befohlen, daß die Gläubigen sich mit Staub bestreuen. Wir haben Männer aufgenommen, die heilige Wallfahrt zu tun und den schwarzen Stein von Ararat zu küssen, um dieses körperliche Übelbefinden deiner Hoheit –«

»Du hast wohlgetan, Ober-Emir«, sprach der Kalif. »Licht der Welt, das sie mehr denn die Sonne durch seinen Glanz erhellt«, fuhr der Ober-Emir fort, »wir haben auch in Anbetracht des großen Übels, das dem Reich erwachsen würde durch dieses Übelbefinden deines Leibes –«

»Halte ein, Ober-Emir!« donnerte ihm der Kalif zu. »Haben wir nicht Befehl erteilt, zu hängen, zu spießen, zu vertilgen wie schädliches Gewürm alle diejenigen, die da zweifeln, bedenken oder überhaupt denken? Haben wir nicht diesen Befehl überall verkünden lassen zu des Propheten und unseres eigenen Namens größerer Ehre?«

Der Ober-Emir, der auf den Knien gelegen, richtete sich nun zur Hälfte auf und sprach:

»O du, der du allen Völkern als die Wonne der Seele gegeben bist, wie soll ich meine Bewunderung hinlänglich ausdrücken, um deine hohen Eigenschaften würdig zu preisen – –«

»Halt ein, einen Augenblick, Ober-Emir«, fiel ihm der Kalif ein. »Du sollst und mußt wissen, daß uns an deinem Preisen und deiner Erkenntnis unserer guten und hohen Eigenschaften nichts gelegen ist. Du sollst zu uns aufblicken, wie du zur Sonne aufblickst, in der du weder Gutes noch Böses, Schädliches noch Unschädliches siehst, die du nur fühlst in ihren Wirkungen, Segnungen, Zerstörungen.«

Schon mehrere Male war an den Flügeltüren des Haupteinganges zum Saale ein Geflüster zu hören gewesen, das die Anwesenheit von Horchern verriet: ein Umstand, der die Hälse der kecken Repräsentanten des Kalifats in Gefahr bringen konnte. Ohne sich jedoch durch diese Anzeichen von Spürhunden stören zu lassen, hatten die Moslemins fortgefahren, ihre Rollen zu spielen, und der Kalif erhob sich mit all der Würde und stoischen Hoheit eines morgenländischen Beherrschers, seinen beistehenden Dienern verkündend, wie er Großes tun und das zwölfte Unterröckchen mit eigener Hand für die Mutter des Propheten fertigen wolle. So war der Zug zur Tür geschritten, als einer der Kavaliere aus dem Erstarren, in welches alle dieser merkwürdige Auftritt versetzt hatte, erwachend, plötzlich aufsprang, dem Kalifen ins Gesicht stierte und mit den Worten »Um Gottes willen! Ferdinand, der König!« wieder zurückprallte, nochmals vorlief und »Halt, Verräter!« schreiend, den Kalifen zu erfassen strebte. Selbst in diesem gefährlichen Momente vergaß dieser die angenommene Würde nicht. Einen Blick hoher Geringschätzung warf er auf den Jüngling und schritt dann zu der Tür hinaus, während der riesige Emir den Kreolen erfaßte, wie eine Feder aufhob und, ihn weit in den Salon zurückschleudernd, die Türe zuwarf.

Noch standen die sämtlichen Kavaliere in Schrecken und Staunen versunken, als die andern Flügeltüren krachend aufgerissen wurden und mehrere Alguazils hereinstürzten, wütende Blicke in dem Saale umherwerfend, und als sie die Gegenstände ihres Suchens nicht sahen, unter lauten Flüchen und Verwünschungen durch die zweite Tür rannten, durch welche die seltsamen Akteurs verschwunden waren, und weiter fort von Saal zu Saal. Im wütenden Rundlaufe waren sie wieder in den Saal gekommen, wo die Edelleute, sprachlos und bewegungslos, noch immer standen.

»Alle Teufel!« schrie einer der Häscher, der zum Fenster gerannt war: »Sie sind in den Hof hinabgesprungen, acht Varas hinab; Teufel!« brüllte er mit einer Wut, die ihm den Geifer aus dem Munde trieb.

»Und Ihr, Caballeros«, schnaubte er unsere Kavaliere an, denen diese Szene nun erst vollends die Bedeutung der beispiellosen kecken Pasquinade kundgetan, und die atemlos, bleich und zitternd standen, »hat es Euch beliebt, mit dem geheiligten Namen der Majestät Euern Spott zu treiben?«

»Don Battista, bei unserer Ehre! Wir wissen nicht,– –«

»Bei unserer Ehre«, donnerte ein zweiter Häscher, »Ihr sollt es bezahlen mit Euern Köpfen, Hunde von Kreolen«.

»Don Jago!« riefen die empörten Kavaliere drohend. »Auf unsere Ehre –«

»Auf unsere Ehre«, überschrie sie der Alguazil, »wären wir Virey –«

»Was nicht ist, kann ja werden! Ihr seid ein geborener Gachupin!« schrie einer der Kavaliere mit bitterem Spotte.

»Wir sind ein Spanier, und Ihr seid nur elende Kreolen; elende, elende Kreolen; damit basta!«

Selbst die Geduld des Schafes hat ihre Grenzen, und so auch die unserer Kreolen. Die Kavaliere sprangen alle auf einmal wie rasend auf den Alguazil los; doch dieser hatte den Ausbruch des Sturmes vorausgesehen und war mit einem Satze zur Türe hinaus.

Unsere Kavaliere starrten sich noch eine Weile an und dann, als entsetzten sie sich vor ihren eigenen Gestalten, verschwanden sie hastig durch alle Türen.

»Da gehen sie, die glorreichen Sprößlinge des verdorbensten Blutes, das in Mexiko rinnt, fünf oder sechs ausgenommen«, flüsterte zwei Minuten nach diesem Auftritte derselbe Pedrillo, den wir der Rollen so viele spielen gesehen haben, und der, bereits wieder ins Unkenntliche metamorphosiert, vor dem Tore des Hotels stand.

»Tut mit diesem adeligen Blute«, fuhr er brummend fort, »was Ihr wollt, kitzelt sie wie Ihr wollt; wenn es nicht eine Tänzerin ist, so hilft alles nicht«.

»Bist du des Teufels«, entgegnete ihm sein Gefährte »dich da herzustellen? Bei meiner Seele, ich sehe dich noch, ehe das Jahr um vier Wochen älter ist, auf der Veracruz-Esplanade dem Verdugo zum Kaballito dienen«.

»Pah! Eure Alguazils, elende Kerls! Zu Häschern gut genug; aber zur höheren Spionage – ja, wären es Franzosen, das sind dir Kerls! In Kuba kannst du ihrer sehen; aber diese Spanier müssen erst ein Vierteljahrhundert abgerichtet werden. Wollen auf die Plaza. Ist hohe Zeit«.

Und mit diesen Worten schritten die beiden recht gemächlich der Plaza Mayor zu.

Drittes Kapitel

Die Sonne neigte sich bereits zum Untergange als die beiden waghalsigen Abenteurer, schlendernd durch mehrere Straßen, in der oberen San-Agostino-Gasse anlangten, um in die Plaza Mayor einzulenken. Ein gewaltiger Lichtstrom, der die ganze schnurgerade, meilenlange Straße plötzlich aufhellte, blendete ihre Augen, indem er die ganze östliche Reihe der Häuser in tausend phantastischen Gestalten vor ihren Blicken schwirren ließ, während die westliche bereits in die Dämmerung hinübergraute. Die grünen, gelben, blaßroten, lichtblauen und wieder al fresco bemalten oder mit Porzellan überkleideten Häuser schienen in den zitternden Strahlen der Abendsonne ebensowohl zu tanzen als die bunten Haufen, die lärmend und tobend aus den unteren Teilen der Stadt herausschwärmten; Ströme von Wohlgerüchen, die aus den tausend Blumenvasen und den Gärten der Dächer sich in der Abendluft entwickelten, steigerten den Sinnenrausch zur Betäubung. Von dem äußersten Ende der Straße her funkelten in der Abendsonne die glänzenden Porphyrmassen der Gebirge Tenochtitlans herüber und schlossen sich gewissermaßen an die Häuserreihen gleich ungeheuern Wällen glühenden Erzes an, das im Gusse fortschwillt. Ferneher glänzte der Itztaccihuatl, mit seinem schneebedeckten Haupte, einen Strom von Licht über die ungeheuern Porphyrmassen gießend, die zu seinen Füßen liegen. Die beiden Wanderer standen in sprachlosem Anblicke verloren.

» Caramba,« rief Pedrillo endlich, und seine Brust schwoll sichtlich von jenem tiefen Entzücken, mit dem der Südländer die herrlichen Naturszenen seines Landes fühlt. »Wie schön, wie herrlich ist unsere Stadt, das Haupt der ganzen Welt! Mexiko für immer!«

»Ach, wie schön und herrlich!« spottete sein Gefährte, indem er auf die zerlumpten Volkshaufen deutete, die, untermengt mit reich gekleideten Männern und Damen, nun stärker und stärker in die Piazza zu strömen anfingen, unter diesen ein zahlreicher Schwarm von Indianern, die vom Veracruztore herabkamen und bei deren Erscheinen unser Pedrillo mit den Zähnen knirschte und dann, gleichsam als wäre er nicht fähig, den ekelhaften Anblick zu ertragen, seinen Gefährten anfaßte und ihn mit sich, der Plaza zu, fortriß.

Die Indianer, deren Anblick unseren Pedrillo so sehr aus seinen Träumen geschüttelt, mochten einige Tausend sein, meistens alte Männer, Weiber und Kinder. Ihr trostloses Wesen verriet herbe Drangsale, gänzliche Ermattung und eine lange, mühevolle Wanderung. Die Weiber hatten wenig mehr am Leibe als Fetzen von schwarzen, groben Wolldecken, in deren Löcher sie die Köpfe gesteckt hatten, so daß die Reste flatternd um ihre häßlichen, nackten, verdorrten Leiber hingen. Auf ihren Rücken hockten die Säuglinge, während die erwachseneren Kinder ganz nackt neben den Müttern einherliefen und sich an ihren Lumpen festhielten. Die Männer hatten Fetzen von Magueyleinwand um ihre Lenden, sonst aber keine Kleidung, und ihre straff über die Gesichter herabhängenden Haare gaben ihnen einen ungemein verstört widerlichen Ausdruck. Kaum daß sie mehr aufrecht zu stehen vermochten, stolperten sie der Plaza zu, gleich einer Herde Viehes; nur ihre düster und tückisch umherschielenden Blicke verrieten noch jene Ungebeugtheit und jenen tief versteckten indianischen Grimm, den weder körperliche noch geistige Leiden ganz zu überwältigen vermögen. Als sie auf dem Platze angekommen waren, lagerten sie sich – ein elender und beinahe scheußlicher Knäuel. Ein düsteres Gemurmel ausgenommen, war kein Laut von ihnen zu hören, und die prachtvollen Kirchen und Paläste des herrlichen Platzes waren nicht imstande, ihnen auch nur einen Blick abzugewinnen. Die Haufen Leperos, Mestizen, Mulatten und Kreolen, die schwärmend auf- und niederwogten, hatten sich scheu vor dem unsäglichen Elende der Schar zurückgezogen, die, einem Schwarme Heuschrecken nicht unähnlich, ebenso unerwartet eingefallen und gleich diesem bereits Spuren ihres ekelhaften Daseins in vergiftenden Ausdünstungen und Unrat zurückzulassen begannen. Die Glocken von den Türmen der Domkirche hatten sechs geschlagen; beim letzten Schlage fielen die Ave-Maria-Glocken der ganzen Stadt ein. Tausende entblößten ihre Häupter und murmelten ihr Abendgebet, so daß der ungeheure Lärm plötzlich in eine Grabesstille und ebenso schnell wieder in das lauteste Tosen überging. Der letzte Glockenschlag war noch nicht ganz verklungen, als ein Trupp Ulanen aus dem linken Flügel des vizeköniglichen Palastes hervortrabte. Ohne einen Laut von sich zu geben, brachen die Reiter auf den Knäuel ein, Treibern gleich, die ihre gewichtigen Knüttel auf den Rücken der zögernden Tiere spielen lassen. Erst als die Ulanen in die vordersten Reihen eingedrungen waren, fing der Knäuel an sich zu bewegen, doch so langsam, daß bereits mehrere Weiber und Kinder niedergeritten und von den Hufen der Pferde zertreten waren, ehe sich die übrigen zu regen anfingen. Nur zuweilen entfuhren dem Haufen schneidend heulende Töne, dem Pfeifen des Orkans durch die Taue und Segelwerke vergleichbar. Kläglich war es übrigens anzusehen, wie einzelne Weiber die zuckenden Leichname ihrer Kinder unter den Pferdehufen hervorzerrten, sie mit aufgerissenen Augen anstierten, mehr Orang-Utangs in ihrem höchsten Schmerze als Menschen ähnlich, und dann mit Klagelauten, die wenig von denen dieser Tiere verschieden waren, in die Straßen einbrachen.

Das Ganze bot ein seltsames Schauspiel dar. Wie vom Winde hergeblasen, waren die Indianer erschienen, und mit nicht minderer Schnelligkeit hatte die unsichtbare Gewalt ihre Werkzeuge herbeigeführt, sie wieder zu vertreiben. Die übrigen Volkshaufen waren in jener Gefühllosigkeit stehen geblieben, welche Menschen eigentümlich ist, die an derlei Szenen gewohnt sind. Nur wenige hatten sich in die noch immer offene Kathedral- und San-Francisco-Kirche geflüchtet, aus denen sie, nachdem die Ruhe hergestellt, wieder zum Vorschein kamen.

»Was Teufel hat das zu bedeuten?« fragte unser Pedrillo, der, seine Zigarre rauchend, ganz gemütlich der unmenschlichen Treibjagd zugesehen hatte. »Eure Gachupins sind doch sonst, was man sagt, väterlich gesinnt gegen die gente irracional?«

»So so«, versetzte Pedro, »doch diese da haben etwas auf der Kreide, wie du soeben hören magst«.

Ein Alguazil schrie eine Art Proklamation der Menge vor, die er zur Ruhe aufforderte.

»Ruhe, Ruhe! Volk von Mexiko!« rief der Beamte, »Ruhe, welche da ist des Mexikaners erste Pflicht und Eure besonders, die Ihr unter dem Schutze des Auges Sr. katholischen Majestät steht, welches da ist unser allergnädigster Herr, der Virey, der beschützt und sieht und bewacht die Ruheliebenden und verdirbt die Gottlosen und Widerspenstigen mit Feuer und Schwert, so wie Ihr an den Cabecillas von Zitacuaro gesehen habt. Die Gerechtigkeit verfolgt die Ruhestörer, wo sie sich zeigen. Es lebe Se. Majestät Ferdinand VII. und Se. Exzellenz unser gnädiger Vizekönig! Er lebe hoch!«

Einige Spanier versuchten das Vivat nachzukreischen, wurden jedoch von einem tobenden »Nieder!« übertäubt, das tausend Kehlen zugleich brüllten. Die öffentliche Stimmung fing an, sich schnell für die unglücklichen Einwohner von Zitacuaro zu erklären.

»Arme Teufel!« schrie einer, »ich glaube, diese Gente irracional wären genug bestraft worden als der Obermetzger ihre Stadt niederbrannte, ihre Felder verwüstete, ihre Bäume umhieb, die Männer alle schlachtete und die Weiber und Kinder mit einem Zettel wegschickte. Mit dem können sie sich wärmen statt der Wolldecke«.

»Man jagt sie von Zitacuaro«, schrie ein zweiter, »nach Guanaruato, von Guanaruato nach Valladolid, von Valladolid nach Puebla, von Puebla nach Sombrerete. Überall dezimiert man sie, und so bekommt man Ruhe; das ist Eure Amnestie!«

»In Guanaxuato«, brüllte ein dritter, »haben sie Ruhe auf einmal gemacht; vierzehntausend Männer, Weiber und Mädchen und Kinder an einem Tage geschlachtet. Das muß ein Fressen für die Geier und Wölfe gewesen sein!«

Doch als wollte die unsichtbare Macht, die soeben diesen gräßlichen Beleg ihrer unbegrenzt schrecklichen Gewalt der Menge geliefert, diese keinen Augenblick zu gefährlichem Nachdenken kommen lassen, eröffnete sich sofort eine neue Szene. Die Ulanen hatten sich nämlich kaum an den verschiedenen Zugängen der Plaza und des vizeköniglichen Palastes aufgestellt, als sich die Tore des letzteren öffneten und ein Zug von Männern herausschritt, der die allgemeine Aufmerksamkeit mit einem Male fesselte.

Es waren ihrer vierundzwanzig; ihrem Äußern nach zu schließen Zwittergeschöpfe, zwischen Leibgardisten und Hausdienern die Mitte haltend. Sie hatten gewaltige, aufgestülpte Hüte, reich mit Goldtressen besetzt und einem silbernen Schilde versehen. Ihre Uniformen bestanden aus einer roten Jacke, mit einer Menge silberner Knöpfe besetzt, ebensolchen Beinkleidern, gleichfalls mit Goldtressen und silbernen Knöpfen längs den Hüften bis zu den Knien verziert; ihre Gamaschen, von braunem Leder, waren hinten offen. Als Waffen hatten sie einen kurzen Degen und einen langen Spieß oder Hellebarde. Die Uniform ihres Anführers unterschied sich bloß durch größere Feinheit und reichere Verzierung. Statt der Hellebarde trug er einen Kommandostab mit goldenem Knopfe, dem eines Regimentstambours nicht unähnlich; auch sein Marsch glich dem eines solchen Würdenträgers, indem er, den rechten Fuß schnell vorwerfend, die Zehe einen Augenblick balancierte und dann ebenso gravitätisch den linken nachsandte. Diese Bewegung, von der größten Hälfte der Truppe nachgeahmt, verursachte unter der gaffenden Menge ein lautes Gelächter.

»Elende Rebellen! Pöbel, den die Hölle bald verschlingen möge!« brummte der Kapitän der vizeköniglichen Leibgarde, der, ohne die Lachenden eines Blickes zu würdigen, so weit vorschritt, bis er sich beinahe der Reiterstatue Karls IV. mitten auf dem Platze genähert hatte. Das Gelächter war immer stärker geworden; vergebens, daß einige Spanier, deren kastilianischer Stolz sich durch den wirklich lächerlichen Aufmarsch gekränkt fühlte, dem einhertrabenden Kapitän zuriefen; er marschierte fort, gefolgt von seinen Truppen, deren eine Hälfte im militärischen Schritte nachkam, während die andern, Truthühnern gleich, die gedrechselten Bewegungen ihres Befehlshabers nachäfften.

»Mutter Gottes!« rief er auf einmal, als er, vor der Statue schwenkend, den Marsch der kleinen Truppe in seiner ganzen lächerlichen Gravität übersah. »Hat jemals ein Kapitän der Hellebardiere Sr. Exzellenz des allergnädigsten Vizekönigs von Neuspanien so etwas gesehen? Meine gnädigen Herren, um der Liebe Gottes willen! Wenn Sie nun Se. Exzellenz unser Allergnädigster oder Se. Exzellenz unser allertapferster – – Alle Teufel! Wer hat Euch geheißen, den Parademarsch Eures Kapitäns nachzuahmen? Heilige Jungfrau! Da habt Ihr es, wenn man mit rohen Dragonern den Besamanos halten soll. Gestern wurden mir die Ordres übergeben und zehn solcher Schlingel, und jetzt sieht Mexiko die Folgen«.

»Mexiko kümmert sich einen Teufel um Euch und Eure Trabanten, sehr ehrenfester Herr!« rief eine Stimme aus dem Haufen. »Wünscht Euren Dragonern Glück zu ihrem friedlichen Feldzuge; ihre Kameraden würden viel darum geben, wären sie hier«.

Der Kapitän der Leibtrabanten warf einen stolzen, finstern Blick auf den Sprecher, schüttelte das Haupt und marschierte in einem weniger gezierten Schritte dem Portale des Palastes zu, vor welchem er seine Leute zwei Mann hoch aufmarschieren ließ und dann, seinen Kommandostab schwenkend, folgenden Tagesbefehl von sich gab:

»Habt acht, Freunde, das ist nun der fünfzehnte Besamanostag, den unser allergnädigster Herr und Gebieter seit achtzehn Monaten hält, und es ist Eure verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, Vigilancia an den Tag zulegen. Vigilancia sage ich! Hört Ihr? Vigilancia! Denn das Volk ist heute toll. Vigilancia denn! Wenn der Erzbischof kommt, so wißt Ihr, was zu tun; wenn Se. Exzellenz, der Allertapferste, der Sieger von Alculco, von Marfil, von Calderon kommt, wird ihm kein rechtgläubiger Spanier die Ehre versagen. Mit einem Worte, Hochdieselben werden empfangen wie Höchstdieselben der Virey selbst, Paukenschlag und Präsentation. Ist es ein Oidor, verstehen Sie, meine Herren, so wird präsentiert. Kommt ein Rat der Finanzkammer, so wird gleichfalls präsentiert. Ist es ein Ratsherr oder ein Domkapitular, und ist er ein Spanier, so wird gleichfalls präsentiert. Was nun die adeligen Kreolen betrifft, so will es sich zwar nicht geziemen, daß geborene Spanier derlei Menschen Ehrenbezeugungen offerieren; allein wir haben Winke erhalten, versteht Ihr, Winke, und man hat Ursache sie zu schonen, obwohl sie im Grunde nicht mehr Schonung verdienen als –«

Die letzten Worte verschluckte der Capitano auf seiner eilfertigen Retirade in das Palasttor; denn wohl fünfzehn Stilette waren, von unsichtbaren Händen geschleudert, ihm in der einbrechenden Finsternis auf das Haupt, Brust und Schenkel geflogen, und bloß die weite Entfernung selbst hatte sein Leben gerettet.

In seiner wütenden Promenade innerhalb des Torweges wurde er plötzlich durch ein lautes Lachen unterbrochen.

»Hört, Ihr Männer und Weiber von Mexiko!« schrie eine Stimme, die wieder unserem Pedrillo angehörte. »Hört, vorzüglich Ihr Kreolen, was dieser Kriegsheld in Friedenszeiten für eine Vorschrift gibt. Die Kreolen, sagt er, müsse man noch einstweilen schonen, obwohl –«

»Tod den Spaniern!« brüllten zwanzig, hundert und dann tausend Stimmen in furchtbarem Chorus.

»Teufelsmenschen!« schrie der Kapitän, dessen panischer Schrecken sich mittlerweile gelegt hatte. »Aufruhr, Rebellion!« schrie er, aus dem Tore springend. »Bei der heiligen Jungfrau, Aufruhr!« –

Der grimmige Kapitän, weit entfernt, das Toben durch sein Geschrei zu beschwichtigen, veranlaßte ein um so lauteres Gebrülle von Tod den Spaniern! das häufig von einem schallenden Gelächter begleitet war, in welch letzteres auch der Offizier der vor dem Palasttore stationierten Ulanen einstimmte. Der Zorn unseres Helden wandte sich sofort auf diesen näheren Gegenstand, und mit einer Stimme, halb erstickt vor Wut, sprang er auf ihn los; doch schnell sich wendend stand er stille, und den Offizier vom Kopfe zu den Füßen messend, murmelte er ein »Elender Kreole«, und dann, als halte er es unter seiner Würde, an einen Kreolen ein Wort zu verlieren, zog er sich wieder zurück.

Viertes Kapitel

»Was meinst du, wird der Misteca-Wind lange anhalten?« fragte eine tiefe Baßstimme, als das Gelächter nachgelassen hatte.

»Lange anhalten!« wiederholte der Gefragte, ein Evangelista, das heißt Straßensekretär, nach der Feder zu schließen, die in der Dunkelheit noch hinter seinem Ohr steckend zu ersehen war, und dem offenen Wamse, in dem eine Rolle Papier logierte, »das weiß ich nicht .

»So will ich es dir sagen«, fiel Pedrillo ein, »just so lange, bis der Chalco- und Tezcuco-See trocken gelegt und wieder angefüllt sind«.

»Der Tezcuco trocken gelegt und wieder angefüllt?« versetzte der Evangelista. »Hör, das geht über meine Vernunft«.

»Weißt du nicht, daß der Misteca just so dürr, verdorrt, verdorrend und versengend ankommt wie unsere dürren, hungrigen Gachupinos, wenn sie aus Spanien herüberkommen; daß er aber zur Ader läßt, wie diese das arme Mexiko, mit dessen Blute sie sich mästen? Ei, der Misteca wird sie zur Ader lassen. Möge er bald kommen.«

» Bravo, Bravo,« riefen die Umstehenden: »Er spricht wie ein gestempeltes Buch!«

»Was sagt der Hund von einem Zambo?« rief nun ein Mann mit hohem spitzigen Hute, auf dem eine blutrote Kokarde prangte. »Was sagt er?« schrie der Häscher der Polizei, indem er sich dem Haufen zuzudrängen suchte und mit seinem Amtsstabe links und rechts dreinschlug.

»Der Misteca ist gut zum Aderlaß«, wiederholte der kühne Pedrillo. »Möge er bald kommen!«

»Halt, halt!« rief nun der Alguazil, der aus Leibeskräften sich Bahn zu machen bemühte. Die dichte Volksmasse hatte jedoch schnell eine undurchdringliche Phalanx gebildet, der Sprecher selbst sich geduckt und in der einbrechenden Finsternis unsichtbar gemacht. Die Ulanen, die vor dem Palaste hielten, bildeten mittlerweile eine Angriffskolonne und machten Miene, den Alguazil zu unterstützen.

Dieser drang mit aller Gewalt auf den Knäuel ein, wie rasend um sich schlagend.

»Kommen Sie, mein gnädiger Herr!« sprach da eine tiefe Stimme.

Der Knäuel öffnete sich und ließ den Alguazil ein, schloß sich jedoch, als die Reiter andrangen, gleich der Meereswoge, die ihr Opfer verschlungen. Alle hatten die Stilette gezogen. Einige Augenblicke herrschte eine bange Stille; auf einmal hörte man die Worte: »Jesus, Maria und Joseph!« und dann ein Stöhnen und Röcheln.

»Tod den Rebellen!« schrie nun der Offizier, und die Reiter hieben ein; doch der Haufe hatte sich mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit geteilt; mehrere Pferde stürzten, und zur Vergrößerung der allgemeinen Verwirrung brach ein plötzlicher Lichtstrom aus den Toren des Palastes, der für einige Augenblicke Rosse und Reiter blendete. Es waren kurze Augenblicke, aber hinreichend, diesen Teil des Platzes gänzlich von den Haufen zu reinigen. Der Alguazil, zwei Ulanen und ebensoviele Pferde waren als Opfer gefallen; der Haufe hatte sich unter der großen Masse der auf dem Platze auf- und niederwogenden Menge verloren, die nun selbst schnell herandrang und ihre nichts weniger als friedlichen Absichten durch laute »Nieder mit den Spaniern!« kundtat. Ein allgemeiner Aufstand schien auf dem Punkte auszubrechen.

Auf einmal wurde der Wirbel von Trommeln gehört, in deren Rollen eine rauschend prachtvolle Janitscharenmusik einfiel; zugleich sprühten sechzig Pechpfannen längs der ungeheuren Front des Palastes ihre grellen Flammen durch die Menge. Der plötzliche Strom von Licht und Tönen hatte eine unbegreiflich schnelle Wirkung auf die Tausende. Alle Gedanken an Aufruhr waren verschwunden. Ein tausendstimmiges »Viva, Viva!« erschallte. Unzählige Tänzergruppen bildeten sich mit einem Male, und die ganze Plaza war ein fröhliches Gewimmel der lebensfrohen Menge geworden. Die tiefe Finsternis im ganzen ungeheuern Vierecke war zugleich wie durch einen Zauberschlag in Tageshelle verwandelt; denn Tausende von Lampen schimmerten von den Blumengärten der Dächer und gossen über die stattlich massiven Tempel, Paläste und Häuser einen Lichtstrom, der die großartigen Bauwerke ins Riesenmäßige erhöhte. Reich gekleidete Spanier und Kreolen, zerlumpte Leperos, Mulattinnen und halbnackte Indianer, Zambos und liederliche Dirnen, alles vereinigte sich im Bolero, Fandango und Charave. Und gleichsam um das Ganze noch charakteristischer darzustellen, hatten sich zahlreiche Reiterscharen von Dragonern und Ulanen mitten durch die Haufen einen Weg gebahnt und schlossen nun die ganze Masse in einen ungeheuern Rahmen ein, so das Bild eines despotisch beherrschten Staates versinnlichend, wo die Massen durch die eiserne Hand der obersten Gewalt in Schranken gehalten werden.

»Ihr scheint die allgemeine Freude nicht zu teilen«, wisperte ein ältlicher Indianer unserem Abenteurer zu, dessen außerordentliche Beweglichkeit während der soeben beschriebenen tumultuarischen Auftritte plötzlich einem unverhohlenen Mißmut gewichen war.

Der junge Mann drehte sich auf einem Absatze um und kehrte dem Sprecher den Rücken. »Ei, diese Lustigkeit ist ganz einzig«, fuhr der Indianer fort, »so wie wir ein einziges Volk sind. – Meiner Seel! Immer am lustigsten, wenn wir am tüchtigsten gezaust werden«.

Der junge Mann warf dem Sprecher einen Blick zu und versank dann in sein voriges Schweigen.

»Jeder hat seinen Ahuitzote, Freund« fuhr der Indianer fort, »und Ihr hattet ihrer viele. Glaub' es gern, daß Euch das Geklingel da konträr gekommen ist; der Faden war aber ein wenig schlecht gesponnen, deshalb ist er so schnell zerrissen«.

»Welchen Faden meint Ihr, Vater?« versetzte nun der junge Mann mit einer leisen, hohlen Stimme.

»Einen blutroten mit einem weißen und blauen Ende«.

»Teufel!« zischelte Pedrillo. »Es hilft aller Wege nichts. Da hatten wir sie am Ansatze zu einem herrlichen Aufruhr, aber da kommen ein Dutzend Oboen und Klarinetten und Pfeifen und alles ist beim Teufel«.

»Ja, wenn der Alguazil die königliche Armee gewesen wäre«, brummte der Indianer.

»Wie meint Ihr?« fragte Pedrillo, dem Indianer näher an den Leib rückend.

Der junge Mann hatte, während er so sprach, den Indianer allmählich dem Sockel der Reiterstatue Karls IV. zugezogen. »Das Losungswort!« zischelte er dem Indianer zu, indem seine rechte Hand zugleich hinter die Manga fiel.

»Sachte, Freund«, lächelte dieser, »es war ein Meisterstreich, wie du den Alguazil zum Stillschweigen brachtest; keine Pinte Blut geflossen und der Gachupin so mausetot: du hattest ein dreischneidiges Stilett, vermute ich. Aber wir sind lein Alguazil«.

»Noch nicht«, flüsterte der junge Mann, »sollst es aber werden«, und bei diesen Worten saß dem Indianer auch der Dolch am Leibe; doch ebenso schnell sank seine Hand.

»Hisht«, sprach der Indianer. »Wenn Maskeraden und ein paar Erdolchungen Mexiko retten könnten, da wäret Ihr die Leute; aber zum Zugreifen – –Komm nun und höre«. Er wisperte ihm einige Worte in die Ohren.

»Mutter Gottes!« rief der junge Mann, »General....! Kommt!« Beide eilten schnell durch das Getümmel.

Mitten unter dem fröhlichen Gewimmel und der rauschend prachtvollen Musik sah man anfangs einzelne, dann ganze Reihen von zwei-, vier- und sechsspännigen Kutschen herannahen. Die sonderbaren Kopfzieraten der Pferde und Maultiere, denn mit dieser letztern Tiergattung war die Mehrzahl der Kutschen bespannt, und ihr schweres, häufig massiv silbernes Geschirr entsprach ganz den Kutschen selbst, von denen die meisten eine Art lederner, lackierter, glänzender Kasten mit einer Anzahl vergoldeter Schnörkel waren, deren Seiten, mit Bildern in halber und selbst ganzer Lebensgröße bemalt, die Taten der ersten spanischen Eroberer oder irgendeinen Heiligen darstellten. Die meisten der Wagen waren ohne Sprungfedern, ihre Ankunft verursachte ein Gepolter, das die Musik der beiden Regimentsbanden vor dem Palasttore und im Schloßhofe übertäubte. Beinahe alle hatten Vorläufer, nebst einer Suite, die aus farbigen, reich gekleideten männlichen und weiblichen Mulatten und Negern bestand, welche vor und zu beiden Seiten der Wagen einhergingen. In jedem dieser Wagen saßen vier bis sechs Personen, die, je nachdem sie zur herrschenden Klasse der Spanier oder der beherrschten der Kreolen gehörten, in das offene Palasttor einfuhren oder vor diesem abzusteigen genötigt waren.

Auf einmal erschallte es von dem äußersten Ende des Platzes »Der Schreckliche!« und eine leichte, geschmackvoll gebaute Karosse, von vier stolzen Andalusiern gezogen, rollte durch die aufgestellten Reiterscharen, ihr zur Seite mehrere Adjutanten und Ordonnanzen. Die Bande schlug einen herrlichen Triumphmarsch an, die Reiter senkten ihre Schwerter, während das Volk beinahe schaudernd dem Wagen nachsah, wie er in den Schloßhof rollte, gleich als ob in seinem Innern ein unheilvolles Element verborgen wäre.

Ein zweiter Wagen folgte von der entgegengesetzten Seite, von sechs phantastisch geschmückten Maultieren gezogen, langsam und feierlich; voran zwei rotgekleidete Läufer und zu beiden Seiten ein halbes Dutzend schwarze Diener. Der Wagen wurde mit dem Rufe: »Es lebe die Jungfrau von Guadalupe! Nieder mit der Jungfrau der Gnaden!« empfangen. Der Insasse des Wagens hielt segnend seine Hand zum linken und wieder zum rechten Wagenfenster heraus; aber jede seiner Segnungen veranlaßte nur ein um so lauteres Gebrüll, das wohl zehn Minuten anhielt und erst schwächer wurde, als ein neuer Wagen dem müßigen Pöbel neue Nahrung brachte.

Ein eleganter zweispänniger Landauer im neuesten englischen Geschmacke war durch die Ulanen- und Dragonerspaliere herangekommen, mit bloß einem einzigen, aber geschmackvoll gekleideten Diener. Der Wagen hielt unter dem Portale; aber mehrere Domestiken eilten aus dem Tore heraus und führten ihn in den Torweg des Palastes ein.

Ein zweiter im gewöhnlichen antiken Stile war gleichfalls herangekommen, dessen Bürde jedoch, eine ältliche Dame und ein blühender Jüngling, vor dem Tore entladen wurde.

»Señor Battista!« wandte sich der Kapitän der Hellebardiere an den Alguazil, der an den Toren Posto gefaßt und zugleich die Aufgabe zu haben schien, die Äußerungen des Pöbels über die verschiedenen Ankömmlinge zu notieren – »Señor Battista, was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Grafen von San Jago, der doch, soviel ich weiß, auch nur eine Kreole ist? Möchte doch wissen, aus welchem Holze der geschnitzt ist, daß er die Ehre eines gebornen Spaniers genießt?«

»Hören Sie, Señor Capitán?« wisperte der Alguazil.

Der Lärm nahm immer mehr zu. »Hoch!« und »Nieder!« rollten wie ein Lauffeuer die Piazza hindurch. Eine rauhe Stimme schrie: »Die gemäßigte Zone ist zum Spanier geworden!« Eine andere brüllte: »Es lebe die gemäßigte Zone!« Und: »Es lebe die gemäßigte Zone!« brüllten Tausende nach.

»Hören Sie sie«, murmelte der Alguazil, »dieser verdammte Pöbel! So sind sie: sie treiben nichts, sie tun nichts, sie arbeiten nichts, sie beten nicht, sie kosten uns jeden Tag Tausende, damit wir nur Ruhe haben; und brechen sie los, so brüllt der Jorullo-Vulkan nicht stärker, als sie es tun. Glücklicherweise lassen sie es jedoch beim Brüllen bewenden. Heute aber weht ein schlimmer Wind; gebe die heilige Jungfrau, daß er bald vorübergehe! Auch haben die Hunde ihr Rotwelsch; das ist eine neue Erscheinung, eine gefährliche Erscheinung, sage ich Ihnen. Die gemäßigte Zone ist der Graf. So viel ist richtig, weder warm noch kalt, wie der Aal, der im Chalco gefangen, Salz- und Süßwasser verträgt und sich krümmt und ihnen einen Arm und, mag sein, ein Bein bricht, wenn sie ihn fangen. Wir hatten in Mexiko Ruhe, selbst als der verdammte Hidalgo von Guarimalpa herabkam; heute jedoch ist der Teufel los«. Und mit diesen Worten verlor sich der Häscher im Innern des Palastes.

Fünftes Kapitel

Der Palast, in dem die Hofkur gehalten wurde, und dem die ehrenvollere Bestimmung zuteil geworden, die obersten Behörden einer freien Republik in seinen Mauern zu vereinigen, war ganz geeignet, den Repräsentanten eines mächtigen Herrschers mit den höchsten Landesstellen und einen glänzenden Adel aufzunehmen.

Die Torwege und die Säulenhalle wimmelten von Scharen reich gekleideter Hofdiener, Leibgardisten und Livreebedienten, mit Wachtposten vermischt, die an die Staatstreppen hinanstanden, und an die sich eine zweite Schar noch reicher gekleideter Hausoffiziere anschlossen, die zum Teil einen weiten Vorsaal einnahmen oder vor den Flügeltüren des Audienzsaales gerichtet standen. Gruppen von Adjutanten und Offiziere aller Grade und Waffen bildeten jene malerische Mischung, die vielleicht mehr als der glänzende Hof selbst geeignet war, das Bild höchster Gewalt recht imponierend vor Augen zu bringen. Zwei reich gekleidete Höflinge bewachten den Eingang und überlieferten die zum Eintritt Berechtigten immer dem Zeremonienmeister.

Der große und hohe Audienzsaal, mit glänzenden Teppichen belegt, war in jenem altertümlichen Geschmacke verziert, der eine lange bestehende und fest begründete Herrschaft andeutet. An den Wänden glänzten ungeheure Spiegel, abwechselnd mit langen Reihen von Wappenschildern, die die absoluten Ansprüche der verschiedenen Herrscherfamilien Spaniens auf beinahe alle Länder des Erdbodens darstellten. Eine reiche, obwohl etwas verblichene Draperie von Purpur und chinesischem Atlas, mit Gold verbrämt, zog sich oberhalb dieser den Wänden entlang zu einem Thronhimmel, unter dem sechs Stufen hoch ein schwerfälliger vergoldeter Armsessel mit hoher Lehne stand, auf dem die Attribute der königlichen Würde lagen. Zu beiden Seiten dieses Thronsitzes, drei Stufen niedriger, befanden sich zwei andere Sessel auf Estradas, und darüber gleichfalls Baldachine, obwohl um vieles einfacher. Eine dritte Stufe hatte wieder mehrere Sitze, jedoch ohne Baldachine. Alle waren mit kostbaren, aber einigermaßen gealterten Fußteppichen bedeckt; zwei Reihen von Sesseln zu beiden Seiten des Salons vollendeten die Einrichtung.

Sowie der Erzbischof eingetreten war, erhoben sich sämtliche Anwesende und verneigten sich. Während der geistliche Würdenträger zu den Stufen des Thrones vorschritt, öffneten sich die oberen Flügeltüren, und ein prachtvoll glänzender Zug trat von dieser Seite ein. An seiner Spitze befand sich der Virey, dem königliche Gunst das Wohl und Wehe des reichsten Königreiches der neuen Welt mit sieben Millionen seiner Bewohner zur unumschränkten Disposition überliefert hatte. Er war ein feingebildeter Mann mittlerer Größe und trug die Feldmarschallsuniform Spaniens mit dem großen Bande des Ordens Karls III. Die Weise, wie er den Erzbischof empfing, verriet jene scheinbar hohe Ehrfurcht, mit der kluge Staatsmänner die geistlichen Stützen zeitlicher Gewalt vor den Augen der Menge zu ehren verstehen, wenn sie gleich von dem lebenden Prinzip der Religion wenig oder gar nicht durchdrungen sind. Seine Verbeugung war beinahe demütig, und der schärfste Beobachter dürfte vergeblich einen Zug von Spott in dem Gesichte des Vizekönigs gesucht haben, der auf mehreren seines Gefolges nicht undeutlich zu lesen war. Andererseits schien der geistliche Würdenträger sich vollkommen seines hohen Ranges bewußt, und es war an ihm nichts von jener affektierten Demut zu spüren, die wir an den Vorstehern dieser Kirche in Ländern zu bemerken Gelegenheit haben, wo ihre Autorität auf unsichern Pfeilern schwankt; eine gewisse Verlegenheit allenfalls ausgenommen, die dem Gesichte einen finstern Ausdruck verlieh, und die vielleicht dem Pereat zuzuschreiben war, das der Schutzpatronin seines Geburtslandes und so ihm selbst von dem Pöbel gebracht worden.

Das tiefste Schweigen herrschte während der Unterhaltung der beiden Würdenträger, an der bloß noch eine Person unmittelbaren Anteil nahm: eine starke, hagere Gestalt von muskulösem Körperbau, mit einem finstern, abschreckenden Gesichte und einem Paar kohlschwarzer, verglaster, stierer Augen, die, unter den buschig grauschwarzen Augenwimpern hervorglotzend, dem Manne etwas Gräßliches verliehen. Es war eine Art Satansgesicht, doch ohne dessen Geist, vielmehr eine Mischung von Bigotterie, Dummheit und Grausamkeit, die zugleich Ekel erregte.

Als die beiden Würdenträger und der Generalkapitän, denn dies war die hohe Charge des soeben beschriebenen Militärs, die Unterhaltung lange genug ausgedehnt hatten, um den Anwesenden gewissermaßen das innige Verhältnis zwischen Staat, Kirche und dem Schwerte bemerkbar zu machen, traten sie vor die Stufen des Thrones, um einen Zug von Damen zu empfangen, der sich nach einer kurzen Unterhaltung zur Linken des Thronhimmels auf der ersten Stufe aufstellte.

In der Art, wie sich jetzt die Spanier dem Virey näherten, lag etwas servil Niederträchtiges und wieder abstoßend Arrogantes. Sie

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Lektorat/Korrektorat: verlag.bucher@gmail.com
Tag der Veröffentlichung: 12.09.2013
ISBN: 978-3-7309-4891-0

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /