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Könige müssen mehr leiden können als andere Menschen

Könige müssen mehr leiden können als andere Menschen

Friedrich Wilhelm I.

 

Zeittafel

1688: Geburt Friedrich Wilhelms, des späteren »Soldatenkönigs« (Sohn des Kurprinzen Friedrich von Brandenburg, des nachmaligen ersten preußischen Königs, und seiner Gemahlin Sophie Charlotte)

1706: Vermählung Friedrich Wilhelms mit Sophie Dorothea von Hannover

1713: Thronbesteigung als Friedrich Wilhelm I. von Preußen

1740: Tod des Königs und Thronbesteigung seines Sohnes Friedrich als Friedrich II. (Friedrich der Große)

Seine 14 Kinder:
Prinz Friedrich (* 1707 † 1708),
Prinzessin Wilhelmine, die spätere Markgräfin von Bayreuth (* 1709 † 1758),
Prinz Friedrich Wilhelm (* 1710 † 1711),
Kronprinz Friedrich, der spätere König Friedrich II. (* 1712 † 1786),
Prinzessin Charlotte (* 1713 † 1714),
Prinzessin Friederike Luise (* 1714 † 1784),
Prinzessin Philippine Charlotte, die spätere Herzogin von Braunschweig (* 1716 † 1801),
Prinz Karl (* 1717 † 1719),
Prinzessin Sofia, die spätere Markgräfin von Brandenburg-Schwedt (* 1719 † 1734),
Prinzessin Ulrike, die spätere Königin von Schweden (* 1720 † 1782),
Prinz August Wilhelm (* 1722 † 1758),
Prinzessin Amalie (* 1723 † 1787 als Äbtissin in Quedlinburg),
Prinz Heinrich, später einer der fähigsten Generale seines königlichen Bruders (* 1726 † 1802), Prinz Ferdinand (* 1730 † 1755)

König Midas

Den Königen ist Unrecht tun ein Greuel; denn durch Gerechtigkeit wird der Thron befestigt.

Die Bibel

 

Es ging um den Taufspruch für den Knaben, der als erster im Brandenburgischen Hause unter der Würde des königlichen Purpurs geboren war. Keinem der Herren war es zweifelhaft. Bis in die letzte Einzelheit war die Zeremonie vom königlichen Großvater selbst vorbereitet. Nur das Bibelwort, das über das Leben des hohen Kindes gestellt werden sollte, war noch ungewiß. König Friedrich hatte dem Hofmarschall sehr feierlich, doch mit einem huldreichen Lächeln einen Brief übergeben. »Eine Überraschung für Seine Königliche Hoheit«, hatte er hinzugefügt. Der Hofmarschall sagte es seinen Kammerjunkern wie ein köstliches Geheimnis weiter, und schon eilten sie zu den Gemächern des jungen Herrn. Aber die Lakaien dort meldeten, Königliche Hoheit seien weder anwesend noch hätten sie hinterlassen, wo man sie finden könne. Wenn man sich nicht täusche, hätten Hoheit sich nach dem Quergebäude zwischen den Haupthöfen begeben.

Das war rätselhaft. Dort lag die Konditorei mit den Küchen. Doch der Auftrag war unverzüglich auszuführen. Der jüngste Kammerherr mußte mit dem Personal der Zuckerbäckerei verhandeln. Man wagte es ihm nur zuzuflüstern, der Kronprinz sei vorübergegangen, noch eine Treppe tiefer, zur alten Gesindeküche.

Die war lange außer Gebrauch gesetzt und diente nur noch zum Gewölbe. Gerät, das zu nichts mehr taugen mochte, wurde hier abgestellt, bis die Verwandtschaft der Küchenmägde es abholen kam. Dann war es wieder zu mancherlei nützlich. Über den Fenstergittern hingen alte Lappen. Der mächtige Ziegelherd war an vielen Stellen schon zerfallen. Vom verrußten Rauchfang wehten dichte Spinnweben herab. Im Halbdämmer des Wintervormittags war der Kellerraum sehr düster. Die Kälte drunten war bitter.

Aber Kronprinz Friedrich Wilhelm hatte sogar den Rock abgeworfen; im Wams kniete er vor dem Ofen, so heiß war ihm bei seiner Arbeit geworden. Er besserte den Herd aus und hatte keinen Gehilfen. Die Höflinge gerieten in Verlegenheit. Wie sollten sie sich vor der Hoheit verneigen, wenn diese dem Herdwinkel zugewandt war? Und welche Stellung hatte man einzunehmen, wenn der Königssohn am Boden hockte? Friedrich Wilhelm endete ihre Not sehr rasch. Er stand auf und schritt mit flüchtiger Entschuldigung zu einem Schemel mit einem Becken, goß sich aus der Zinnkanne eisiges Wasser ein, wusch sich, immer wieder zu den Herren blickend, die Hände und trocknete sie an seiner Schürze ab.

»Nachricht über die Pest in Litauen?«

Seine rauhe Stimme klang in dem Gewölbe noch tonloser als sonst. Der Hofmarschall hielt ihm mit Anmut und Achtung den Brief des Königs entgegen, und der Kronprinz trat auf die Kavaliere zu, das Schreiben des königlichen Vaters aufzubrechen. Zornig fühlte er beim Lesen, daß wieder eine Blutwelle sein verdammt weißes Gesicht überlief. Er haßte seine schöne Haut, das Erbe einer zarten Mutter. Was hatte er nicht schon alles getan, um braun zu werden wie des Dessauers Grenadiere. Seit seiner Knabenzeit hatte er das Gesicht immer wieder mit Speckschwarte eingerieben und sich in die prallste Sonne gelegt; doch es wurde nicht besser.

Die Herren sahen die Röte des Unwillens; sie hörten die tiefe Verstimmung aus seinen Worten.

»Mein Vater überrascht mich damit, daß ich selbst den Taufspruch für meinen Sohn auswählen darf. Übermitteln Sie dem König meinen Dank und melden Sie, I. Könige 10 Vers 21 schiene mir geeignet. Im übrigen sehen Sie mich im Augenblick nicht in der Lage, eine Abordnung zu empfangen. Sie finden mich beschäftigt. Auch ist dies kein Ort für Sie.«

Der Hofmarschall versuchte sich in höflichen Einwänden.

»Wenn Königliche Hoheit die Stätte nicht für zu gering befinden –«

Der Kronprinz schüttelte lachend den Kopf, legte seine Hand auf den Arm des Hofmarschalls und führte ihn nicht unfreundschaftlich hinaus. Schließlich war der ja einer der ganz wenigen Männer hier, die er noch für ehrliche Leute ansehen konnte. An der Schwelle hielt er ihn noch einen Augenblick zurück und sagte, allerdings mehr zu den Kammerjunkern gewendet: »Wißt ihr, was in diesem Spruch steht? Aber die Bibel kennt ihr ja alle nicht, trotz eurer frömmlerischen Reden. So werde ich es euch sagen: ›Alle Trinkgefäße des Königs Salomo waren golden, und alle Gefäße im Hause vom Wald Libanon waren auch lauter Gold; denn das Silber achtete man zu den Zeiten Salomos für nichts‹.«

Von dem Schwarm der Höflinge war er nun befreit. Die Gegenäußerung mied jeder. Mit finsterer Miene warf Friedrich Wilhelm wieder Holzscheit um Holzscheit in die Feueröffnung des Herdes. Seltsames Tun für einen Königssohn! Und wunderliche Gedanken für ein der Krone bestimmtes Haupt!

Verstünde der Goldmacher den Spruch – er würde sich gar nicht erst hierhergetrauen. –

Besser noch, der König selbst begriffe dieses Wort der Schrift. Gab es denn wirklich in ganz Brandenburg einen einzigen Menschen, der mit dem König an ein Heil vom Goldmacher her glaubte?

Die Antwort erteilte der Kronprinz sich selbst: Zum mindesten sind drei, die das ganze Volk an solchen Zauber glauben machen wollen. Drei sind es, immer wieder die drei, bei denen alle seine Gedanken münden: das dreifache »W'eh«, die drei Minister Wittgenstein, Wartenberg und Wartensleben – des Königs Auge, des Königs Ohr, des Königs Mund!

Ach, wäre des Königs Sohn seine rechte Hand. – Das dachte der Kronprinz verbittert. Was galt des Königs einziger Sohn. – Verurteilt war er, das Haupt einer lächerlichen kleinen Garde im Kastell Wusterhausen zu sein, während in der ständigen und unmittelbaren Nähe des Herrschers diese drei Männer mit allen Vollmachten schalteten und walteten zum eigenen Nutzen, zum Leiden des Volkes und zur Verblendung des Königs, eines Königs in geliehenem Prunk und ohne Macht.

Nur Klagen und Wüten war dem Thronfolger vergönnt; Rechenschaft durfte er nicht fordern. Schuldlose Gegenstände mußten seinen Zorn ertragen. Aber der Arbeit seiner Hände kam es zugute. Er riß den alten Blasebalg herunter. Einen neuen wollte er anbringen für den Goldmacher seines Vaters, ihm einen guten Wind zu machen für seine Schaumschlägereien. Mit aller seiner Kraft hängte sich der junge Mann in die Lederfetzen und Balken; in einer einzigen gewaltigen Anstrengung zerrte er das Gebläse herab. Das Holz zersplitterte, das Leder ächzte, Staubwolken flogen auf, rostige Nägel klirrten auf den Steinboden.

Nun wird ja alles gut werden. Gold wird da sein in Hülle und Fülle, den Pestkranken Lazarette zu errichten, niedergebrannte Städte neu aufzubauen, die Kriegsschulden des Kaisers zu bezahlen dafür, daß man sich König nennen darf draußen vor den Grenzen des Reiches. Mein Sohn ist in herrliche Zeiten geboren! Mein Vater ist Midas, dem die Welt zu Golde wurde!

Das redete der Königssohn vor sich hin, und dabei geschah alles, eine Alchimistenküche herzurichten, der es an nichts mangelte.

Noch vor der Taufe des kleinen Prinzen sollte der Versuch des Goldmachers stattfinden. Daß der Kronprinz selbst ihn vorbereiten und ihm vorstehen durfte, hing mit Geburt und Taufe des Stammhalters eng zusammen. Was war für König Friedrichs Freundlichkeit selbstverständlicher als die Gewährung einer, nein, jeder Bitte, die der junge Vater nach der Geburt des nächsten Thronfolgers an ihn richtete?

Friedrich I. hätte seinen Einzigen besser kennen müssen. Er glaubte, mit einer Verstärkung der kleinen Wusterhausener Kronprinzentruppe davonzukommen. Und vielleicht würde noch die Erhöhung seines militärischen Ranges von dem Sohn in Frage gezogen werden.

Aber nun hatte sich alles ganz anders entwickelt. Der Sohn hatte sich ausbedungen, den Grafen Gaëtano überwachen zu dürfen. Welch peinliche Angelegenheit für den Herrscher! Wie überlegen hatte doch der Graf gelächelt, als der König ihn auf die Absonderlichkeiten seines mißtrauischen Sohnes vorzubereiten suchte.

Gerade durch diesen Argwohn der Königlichen Hoheit, hatte der Graf ihm weltmännisch versichert, gerade durch die Überwachungsmaßregeln des Kronprinzen hoffe er seine Leistung in desto helleres Licht setzen zu können. Er selbst, fügte er mit allem Respekt hinzu, sei auch ein solcher Feuerkopf gewesen; nur jungen Feuerköpfen gelinge später Außergewöhnliches; kurzum, er hatte die Majestät die Peinlichkeit solcher Unterredung kaum spüren lassen. Das verpflichtete ihm den König sehr. Denn Friedrich I. haßte nichts derart wie unangenehme Situationen. Die Vorgänge seines Tages waren nach einem feierlichen Zeremoniell festgelegt. Wo sollten da die Widrigkeiten des Lebens einen Raum behalten?

Jenes Zeremoniell half dem König aber gerade auch die unabweisbaren Schicksalsschläge ertragen. Er hatte zwei Gattinnen und einen Sohn verloren. Er verklärte ihren Tod. Mit seinem Volke feierte er an den fürstlichen Bahren Feste des Todes mit Fahnen von schwarzem Samt und Fackeln auf Leuchtern von Alabaster und Porphyr. Auch war er zum Sieger über die Vergänglichkeit geworden, begründete er doch eine gelehrte Akademie, um den Unsterblichen im Reiche des Geistes eine Heimstatt im neuen Lande Preußen zu schaffen.

Graf Gaëtano interessierte sich lebhaft für diese Königliche Akademie der Wissenschaften. Ob auch Naturgelehrte sich unter ihren Forschern und Weisen befänden, die man teilnehmen lassen könne an der Entdeckung des Steines der Weisen?

Den König schauerte es, wenn er an dieses zurückliegende Gespräch und das Ereignis, das bevorstand, dachte; Majestät hatten viel Zartes und Empfindsames an sich. Das und nichts Geringeres lag vor dem ersten »König in Preußen»: in seinem jungen Königreich würde für alle Welt, für alle Zeit der Stein der Weisen, das Geheimnis Gold zu machen, gefunden werden! Der ärmste und jüngste König Europas sollte ein Herrscher größer denn Salomo sein, zu dessen Zeiten man das Silber für nichts achtete. Er würde sein Volk beglücken, wie noch nie ein Volk beglückt worden war. Die Armut sollte in seinem Lande nur noch eine Drohung sein, ungeratene Kinder zu erschrecken und zu mahnen. Alles Böse würde allmählich erlöschen, denn wo des Goldes kein Maß und Ende mehr war, hatten Verbrechen und Haß den Sinn verloren. Das Gold war die Tugend. Wie hätte man auch sonst die Kunst, es zu schaffen, den Stein der Weisen nennen können? Der König empfand edel. Graf Gaëtano bestätigte es ihm ergriffen, und der König war entschlossen, ihn nun endgültig als Weisen in den Mächten der Materie und des Geistes zugleich in seine Akademie zu berufen. Da aber die Einführungsfeierlichkeiten für dieses Jahr bereits stattgefunden hatten und zur Zeit kein freier Platz verfügbar war, den der Graf nach den Gesetzen dieser erlauchten Gesellschaft hätte einnehmen können, ernannte die Majestät den Conte vorerst zum Generalmajor der Artillerie ohne Dienst. Nur daß der König bei solcher Erinnerung im Gedanken an seinen Sohn von einem unbehaglichen Gefühl nicht freikam.

Seit Friedrich Wilhelm zum Staatsrat zugelassen war, zeigte er manchmal eine geradezu verhängnisvolle Art, Zwischenfragen zu tun, die einen beinahe aus der Fassung bringen konnten. Sechs Jahre ging es. nun schon so. Den Fünfzehnjährigen hatte der König in schöner Geste und Floskel zu den Beratungen der Minister hinzugezogen, und der junge Mensch machte sich seitdem einen Zwang daraus und versäumte keine Sitzung. Ja, mitunter nahm er bei aller Achtung vor dem König dem Vater das Wort aus dem Mund und gab, ohne daß die Majestät noch widersprechen konnte, der ganzen Verhandlung eine völlig andere Richtung als geplant war. Manchmal wußte man nicht, wer hier der Vater, wer der Sohn war. Fest stand nur, daß der Herrscher mitunter den Thronfolger, niemals aber der Kronprinz den König fürchte. Man bangte sich vor seiner mißtrauischen Art, die man von Kindheit an bei ihm wahrnahm; man bangte sich auch namentlich vor seinem kriegerischen Geiste, der sich nun auch im Staatsrat offenbarte. Der Unterricht in den Fächern der Kriegswissenschaft war darum immer weiter eingeschränkt worden; denn allein schon um dem Prinzen die lateinischen Konjugationen einprägen zu können, hatte sein Lehrer Rebeur sie ihm als Armeen aufmarschieren lassen müssen, weil er ja so sehr für den Krieg wäre. Jeder Modus war ein Regiment, jedes Tempus eine Kompanie; die Gerundive waren Marketender, die Infinitive und Futura waren Tamboure wegen des »rum« und »rus«. Seinen Ephorus Cramer aber hatte bereits der Siebenjährige als Lehrer abgelehnt, einmal weil er einäugig, dann aber, weil er ihm zu »effeminiert« war. Während Cramers Unterricht warf der Prinz sich auf ein Ruhebett, las oder schlief, da Cramer ihm zum Munde redete, im übrigen aber über seine militärischen Interessen hinweg unterrichtete.

In den fremden Residenzen war schon dies und das über den jungen Wilden durchgesickert, und die verstorbene Mutter hatte sich einst alle Mühe gegeben, seine Härten zu mildern und ihn durch verzweifelte Dispute über Bücher für die Große Welt zu retten. Denn er lauschte von der frühesten Knabenzeit an den Pferdeknechten und Domestiken ihr grobes Deutsch ab, obwohl er das artigste Französisch sprach, das einer sich nur denken konnte.

Sonst ahmte er die gemeinen Soldaten nach, rauchte Tabak, fluchte, band sich einen Riesensäbel um und redete mit Vorliebe die niedrigsten Soldaten an, und zwar in ihrem Umgangston. Alle Frauen, auch die eigene Stiefschwester, nannte er Huren. Wenn er nicht fluchte, sprach er schnarrend, leise, kurz und abgerissen, sprach überhaupt ungern; fand er eine Antwort nicht, so runzelte er die Stirn; beim Sprechen nahm er stets, wie ein kleines, verängstetes Kind, den Daumen in die linke Hand; aber es kränkte ihn aufs tiefste, als sein großer Degen einmal durch einen passenderen, kleinen ersetzt wurde. Er ging einwärts, lief mit unsauberen Handschuhen und ungeputzten Zähnen umher; und immer hatte er Hunde um sich, gleichgültig, ob sie dem König Möbel und Gärten verdarben oder nicht. Im Zimmer ging er lieber durchs Fenster als durch die Tür, und in den Räumen des Vaters durfte er sich überhaupt nur aufhalten, wenn er das ausdrückliche Versprechen gab, nichts darin zu verderben. Einen Entrüstungssturm rief es hervor, daß der Prinz im Schloß mit Reitstiefeln umherging, statt in leichten, eleganten Schuhen, wie die gesamte Hofgesellschaft es ausnahmslos tat. Auf die Schleppen der Damen hatte er es ebenso abgesehen wie auf die Schienbeine seiner markgräflichen Onkel. So hatte es seinen guten Grund, daß die Königin, weilte sie in Berlin, den Sohn täglich einmal sehen wollte; hielt sie sich aber auf ihrem geliebten Lietzenburger Schloß Charlottenburg auf, so mußte er doch wenigstens einmal in der Woche zu ihr hinauskommen. Dafür hatte er einen eigenen kleinen Wagen, mit dem er auch wirklich regelmäßig zu antikischem Dialoge nach Lietzenburg und den er endlich auch in Trümmer fuhr. Ritt er aber, so umgab man ihn angstvoll mit vier Wächtern; denn der Knabe nannte sich selbst zwar dick und verschlafen, war aber in seiner, ihm selbst immer viel zu geringen Tollkühnheit so zart, daß er unter der geringsten Hitze sehr litt, zu jäh sein Gewicht verlor, rasch in hohes Fieber fiel und dauernd quälende Kopfschmerzen zu verschweigen hatte.

Sorgfältig wählte Königin Sophie Charlotte alle Lektüre für ihn aus; immer wieder griff sie auf Fénelons »Telemach«, den schwärmerischen Fürstenspiegel, zurück. Friedrich Wilhelm wollte – abgesehen von der Selbstüberwindung, die er an ihm anerkannte – ganz und gar kein Telemach in Fénelons, der Königin und ihrer bewunderten Antike Sinne werden und wartete bei den wöchentlichen Dialogen mit seiner Mutter recht beharrlich mit demselben Satz aus Xenophons moralisch-politischen Schriften auf; was dort vom rastlos tätigen König Kyros ausgesprochen wurde, bedeutete ihm die höchste Weisheit aller Bücher: »Die sichersten Mittel, einem Volk, einem Land, einem Königreich eine dauerhafte Glückseligkeit zu verschaffen, sind ein Heer auserlesener Soldaten und eine gute Wirtschaft der Bürger.« Allenfalls wollte er Titus sein: der küßte die Guten und bedachte die Bösen mit Nasenstübern. Die Guten aber waren dem Knaben die Fleißigen und Geringen, die Bösen die Vornehmen und Müßiggänger. Darauf gab man bei Hofe acht; ein Schneider hatte bei dem Thronfolger den Vortritt vor einem Baron.

Der Prinz verstand nur wenig von der Meinung seiner Eltern, daß Gold einen Besitz erst bedeute als Fest oder Kunstwerk oder geistige Schöpfung. Der Zehnjährige schon führte zum Entsetzen der hohen Familie und ihrer Höflinge ein Kontobuch, dem er die Aufschrift gab: »Rechnung über meine Dukaten.« Er schien nur das Rechnen gelernt zu haben – und war doch immer ein ganz besonders schlechter Rechenschüler gewesen. Alles war in seinem Kassenbuche vermerkt: die Neujahrsgeschenke an die Dienerschaft genauso wie eine gelegentliche Anleihe von einem Taler bei dem Küchenmeister Jochen, der Preis für ein paar junge Füchse genauso wie Ausgaben für Blumen und Farben zum Malen. Damit trieb er es eigentlich recht arg. Lediglich die Großmama in Hannover lachte darüber, und man wußte nicht gewiß, ob über den kleinen Geizhals oder die dauernde Wiederkehr eines Postens junger Füchse, Hasen und Farbentöpfe. Sie, die schon den Neugeborenen, Starken, Gesunden gleich nach der Geburt nach Hannover zu entführen gedachte, schien ihn mit anderen Augen zu sehen als das hohe Haus und der Hof.

»Er weiß die Details von alles, er weiß wie ein Dreißigjähriger zu reden; idwedem sagt er etwas Obligants«, so schrieb sie von dem dreizehnjährigen Gast auf ihrem Lieblingsschlosse Herrenhausen, »er sieht aus wie man die Engeltien malt, hatt ein Hauffen blundt her; wan die frisirt sein, sieht er aus wie man Cupido malt.«

Seltsamerweise hat auch Leibniz, der große philosophische Freund der Mutter, mit solcher Zartheit von ihm geurteilt – und mußte doch eigentlich bangen für den weisen Erziehungsplan, den er für den jungen Wilden aufgestellt hatte!

Schließlich mußte aber auch die Königin, die verschwenderischste, leichtsinnigste, schöngeistigste aller Mütter, den jungen Wilden über alles geliebt haben. Denn als der Siebzehnjährige seine Prinzenreise an die fremden Höfe antrat, die Fahrt nach Brüssel, Holland und Italien, stand in ihrem Tagebuche ein einziges trauriges »parti«. Doch schien ihr die Große Tour des jungen Herrn aus hohem Hause der letzte Versuch, seine Rauheit zu glätten.

Nach dieser Reise sollten Mutter und Sohn sich nicht wiedersehen. Die Königin starb nach ihrem großen Karneval, um dessen Freuden sie sich durch Krankheit nicht betrügen lassen wollte. Das Leben war ihr Traum und Feier und Gedanke gewesen. Lesend, musizierend, diskutierend, tanzend und für ungefährliche Liebschaften schwärmend, hatte sie es hingebracht. Nach dem Tode der Mutter wurde Friedrich Wilhelm sichtlich noch schroffer. Der König war seitdem um den Sohn sehr besorgt. Nur jetzt, in den Ereignissen um Gaëtano, hätte der König ihn mehr als nur »parti« gewünscht, um bloß den Unannehmlichkeiten bei der Begegnung zwischen dem Kronprinzen und dem Conte enthoben zu sein.

Friedrich I. zog, als bedeute es Abwehr und Schutz, seinen Zobelmantel fest um die Schultern und Hüften, daß man die Seide knistern hörte, mit der er gefüttert war. Der Hofmarschall war froh, daß der König sich nach so langem Sinnen wieder regte. Solange die Majestät in düstere Gedanken versunken schien, wagte der Marschall nicht zu sprechen; und ihn beschwerten so dringliche Fragen. Endlich wandte ihm der Monarch sein lockenschweres Haupt wieder zu, und über seinen Zügen lag die alte Freundlichkeit. Der Herrscher sah es ein. Die Sorgen des Oberhofmeisters waren nicht leicht zu nehmen. Wie hatte man die Stätte des alchimistischen Laboratoriums, für die der Kronprinz nun einmal eigensinnig die alte Gesindeküche bestimmte, für den königlichen Zuschauer und seine Gäste herzurichten? Welche Treppen durften Majestät benützen, wenn sie zum Keller hinabschritten? Welcher Anzug war für solchen Anlaß angebracht?

König Friedrich gab sich äußerst vertraulich. Er sei ebenfalls ratlos. Man möge sich mit der Prinzessin von Brandenburg-Ansbach, die als liebster Gast bei Hofe weilte, ins Benehmen setzen. Die wisse in solch schwierigen Lagen stets einen Ausweg. Die habe, von der verstorbenen Königin selbst für das Hofleben erzogen, das feinste Gefühl für derartige Besonderheiten.

Die Ansbacherin half. Mit ihren großen, grauen Augen sah sie einen Augenblick den König schweigend an. Dann war, wie immer bei ihr, die Lösung schon gefunden. Der Akt in der Gesindeküche sei eine Angelegenheit der Forschung und müsse in allem Ernste vor sich gehen.

Friedrich I. empfand beglückt, daß er sich immer und in allem auf das Geschick und die Klugheit jener jungen Kusine verlassen durfte. Er war entschlossen, sie mit einer kleinen Statue aus lauterem Golde zu überraschen. Das Kunstwerk sollte sie selbst als Pythia am Delphischen Orakel darstellen; es würde entzückend werden; er sah es vor sich. Immer war der Spruch der Ansbacherin unfehlbar, und vor noch schwereren Aufgaben hatte sich die Sicherheit ihrer Entschlüsse bewährt. Selbst Friedrich Wilhelm, ihn, der unbeeinflußbar schien, hatte sie allein zu lenken vermocht; und das in den schwersten Wirrnissen und Widerständen, denen des Herzens.

Es war schwierig gewesen mit dem Kronprinzen und den Frauen. Den Versuch der Mutter, ihn nach der von ihr heraufbeschworenen, schmerzvollen Knabentorheit ein zweitesmal durch anmutige Liebesgeschichten gefügiger zu machen, trat er mit offener Ablehnung und unverhohlenem Spott entgegen. Die Verführung durch das Fräulein von Pöllnitz, von der Königin veranlaßt, reizte ihn zu maßlosem Zorn und stürzte ihn in tiefste Scham. Kam er von den Festen der Mutter aus ihrem neuen Schloß Charlottenburg, für die Königin und ihre Damen wie ein Kavalier gekleidet, warf er Brokatrock und Perücke zornig in einen Winkel und trat die weiße Lockenpracht mit Füßen. Die Diener berichteten es zuverlässig.

Verlangte es aber die höfische Sitte, daß jüngere Damen des Hofes der kronprinzlichen Hoheit die Hand küßten, so errötete der breitschultrige junge Mann über das ganze Gesicht.

Aber dann war des Vaters Ansbacher Kusine zum Berliner Karneval gekommen: liebenswürdig an allen Veranstaltungen des hohen Vetternpaares Anteil nehmend und doch ein wenig abwesend in ihren Gedanken; mit hellen, leuchtenden Augen und dennoch einem ernsten Schatten um die Lider; mit einem süßen und sehr weichen, jungen Mund, doch einer Stirn von männlicher Kühnheit. Und plötzlich errötete Kronprinz Friedrich Wilhelm nicht mehr vor den jungen Damen des Hofstaates, sondern nur, wenn die Ansbacher Brandenburgerin ihn ansah, flammte die jähe Röte über sein weißes Gesicht, dessen Zartheit er haßte.

»Sie sind mein Neffe, gewiß«, bemerkte lächelnd die Ansbacherin, »aber ich bin kaum fünf Jahre älter als Sie, und Sie tun mir fast ein wenig zu viel Ehre an.«

»Sie haben sehr groß gehandelt, Madame«, antwortete er, und seine Stimme war nicht rauh und schnarrend wie sonst; die Röte war wieder verflogen.

Aber nun trieb es der Ansbacherin das Blut in die Wangen. Denn war sie auch die Ältere, so war sie doch sehr jung. Er sprach von der spanischen Affäre!

Friedrich Wilhelm fuhr ruhig fort: »Um des evangelischen Glaubens willen auf die Krone Spaniens, ja, die Hoffnung auf den Thron der deutschen Kaiserin, zu verzichten, dazu waren unter den Fürstentöchtern nur Sie fähig.«

Der Ansbacherin entging es nicht, daß das gewählte Französisch, das der preußische Thronfolger sprach, einen besonderen Klang hatte. Aber es war mehr der Ausdruck, den er seiner Rede gab, was sie so anzog. Der Kronprinz war so voller Widersprüche und in all den Gegensätzen seines Auftretens und Wesens so bezwingend, wenn man nur nicht sein Leben an den Unsteten zu heften brauchte; wenn man nur nicht seinen eigenen Willen unter seinen Starrsinn beugen mußte; denn der Wille galt der jungen Fürstin viel.

Sie sah ihn lange an, und dabei gewann sie ihre Festigkeit und Kühle wieder. Er hatte die ernstesten und klügsten Augen, in die sie je blickte, und schmale, lange, feste, leicht gebräunte Hände, wie sie im Brandenburgischen Hause vor ihm noch keiner besaß.

Als ihr dann der Prinz von seiner Liebe zu sprechen begann, hatte die Ansbacherin von seinen Händen und Augen schon Abschied genommen. Es war nicht nötig, daß der Generalmajor und Obermundschenk von Grumbkow ihr die Gründe der Staatsräson auseinandersetzte. Niemals hatte er, der nur für die unentwirrbarsten Geschäfte bemüht wurde, es leichter gehabt. Die Ansbacherin nahm ihm die Worte von den Lippen, ehe er sie aussprechen konnte. Ihm blieb nur übrig, zu bewundern, anzuerkennen und im Namen Seiner Majestät zu danken.

Zwei Tage, nachdem ihre Entschlüsse gefaßt waren, redete Friedrich Wilhelm die Ansbacherin plötzlich deutsch an. Sie wüßten beide, daß ihr Weg nicht wie der anderer junger Leute sein könne; zwischen ihnen bedürfe es keiner diplomatischen Spiegelfechtereien. Wenn sie sich trennen wollten, so sei es immer noch allein zwischen ihnen selbst auszumachen. Er schloß: »Es geht um unsere Häuser, unsere Liebe.«

Einen Augenblick kam es über die Prinzeß, daß sie an seine Brust sinken wollte. Doch blieb sie ruhig stehen, lächelte und meinte nur: »Mein ältester Neffe ist der unverständigste. Er kennt noch nicht einmal die Spielregeln unserer Höfe. Dieser eine Satz durfte nicht mehr gesagt sein.«

Don Domenico Gaëtano Conte di Ruggiero aus dem Königreich Neapel fuhr zu seiner Probe vor. O nein, der König brauchte es nicht zu bereuen, daß er ihm das Fürstenhaus am Friedrichswerder, das sonst nur fremden Fürstlichkeiten aufgetan wurde, als Quartier eingeräumt hatte. Der Conte trat durchaus wie einer dieser großen Herren auf.

Hundert Dukaten verbrauchte er die Woche. Seine Kutsche war reich verziert mit Gold, und seine zwanzig Pagen, die ihn mit zwei oder drei Dutzend Pistolen bewachten, trugen eine Livree von Scharlach mit leuchtend gelben Samtaufschlägen.

Auf alles Beiwerk des berühmten Magiers hatte der Graf jedoch verzichtet; er wählte einen Brokatrock, verschmähte den Alchimistenmantel, und all sein Zaubergerät bestand in ein paar Fläschchen, Retorten und Mixturengläsern. Auf einem Silbertablett wurden sie ihm in verschlossenem Kasten vorangetragen.

Gaëtano ließ sich nicht das leiseste Erstaunen anmerken, daß man ihn nicht die breiten Treppen zu den Audienzsälen hinaufführte, sondern tiefer und tiefer nach unten geleitete. Zum Schluß waren es so schmale und gewundene Stiegen, daß man sie nicht mehr hatte mit Teppichen belegen können. Aber Majestät würden auch geruhen, sie zu benützen, versicherte ihm der Hofmarschall.

Der König traf auch kurz nach dem Italiener ein, begleitet nur von den Höchsten seines Hofes, den Grafen Wartenberg, Wittgenstein und Wartensleben, den markgräflichen Brüdern sowie den berühmtesten Professoren seiner Akademie. Als die Majestät sich niedergelassen hatte, winkte der Kronprinz, man möge auf ihn keine Rücksicht nehmen und seine Plätze wählen. Er selbst stand in Wams und Schürze am Ofen. Die Herren Markgrafen setzten sich sofort; sie waren sehr gespannt und wünschten, daß die Vorführung sofort beginne. Die Herren Markgrafen hatten eine außerordentliche Vorliebe für dergleichen. Es kam ihnen gar nicht einmal sehr zum Bewußtsein, daß es hier um die Auffindung des Steines der Weisen ging. Ein wenig entsetzt waren sie nur, daß man den Keller wirklich allein mit einem Prunksessel und ein paar Armstühlen hergerichtet hatte.

Doch Graf Gaëtano bot ihnen kein prunkvolles Schauspiel. Er ließ keine Tribüne aufstellen und mit figurenbestickten Tüchern überhängen. Er baute ihnen keine Hexenmeisterküche hin, ließ nicht von Dienern und Adepten rätselhafte Gegenstände und schlösserverwahrte Truhen herbeischleppen. Er versank nicht in schweigendes Grübeln und mied die klingenden Beschwörungsformeln. Lediglich sieben Pfund Quecksilber und mohnsamengroße Körner von Kupfer wurden in eine gläserne bauchige Flasche gegossen und in der Sandkapelle des Windofens vor aller Augen abgestellt; und auf einer Tafel waren alle Testimonia publica und Patente ausgebreitet, nach denen der Magier das Gold nicht nach Loten und Unzen, sondern zu zwanzig und dreißig Pfund zu produzieren imstande war.

Lebhaft plaudernd, dabei mit aufmerksamer Bescheidenheit die Fragen und Gegenreden König Friedrichs abwartend, saß der Graf neben der Majestät. Der Lakai stand mit dem silbernen Tablett an seiner Seite. Das Kästchen war jetzt geöffnet, der Goldmacher ließ sich diese und jene Phiole mit einem Arcanum oder Spiritus vini rectificatissimi und der Tinctura universalis, die nur er besaß, reichen und war bei alledem eigentlich eifrig damit befaßt, das Wunder, das er vollbringen würde, von vornherein zu entzaubern. Er pries mehr die chemische Wissenschaft, als daß er Schauer einflößte vor seinen Mixturen. Er leitete mehr zu den letzten Schlüssen der Logik, als daß er seine geheimen Kräfte ahnen ließ. Die erst ein wenig inquisitorischen Fragen der Herren Professoren verwandelten sich sehr bald in nahezu ehrfürchtige Erkundigungen. Der König in seinen weißen, wallenden Locken und im weichen Faltenwurf seines himmelblauen Mantels schien in einer Wolke des Glückes und der Erkenntnis zu ruhen. Er hatte seinem Sohne längst vergeben, ja, er nickte ihm bei den Erklärungen des Grafen freundlich zu und sagte einmal über das andere: »Da – Sie sehen es, mein Sohn – Sie hören selbst.« Dabei gestikulierte er lebhaft. Seine Ringe funkelten. Die weichen Spitzen um die Handgelenke flatterten.

Der Kronprinz stand unbeweglich vor dem Herd. Jede Bewegung und jedes Wort des Italieners verfolgte er mit nicht aussetzender Aufmerksamkeit. Graf Gaëtano besaß die Höflichkeit, sobald er dem König Rede und Antwort gestanden hatte, auch zu dem stummen Prinzen hinüberzusprechen. Ganz nebenbei, ganz zwischendurch fragte er dann einen Diener, wie lange das Feuer schon brenne.

Friedrich Wilhelm mischte sich ein. »Seit zwei Stunden. Ich selbst habe die Kohlen aufgeschüttet. Ich selbst werde den Blasebalg bedienen, um Ihnen nahe zu sein, Graf. Ich selbst habe die Tiegel, den Lehm und das Kupfer besorgt, das Sie verlangten.«

»Ich danke Euer Königlichen Hoheit für alle diese Anteilnahme« – der Graf verneigte sich im Sitzen –, »aber wenn Hoheit die Vorgänge nahe neben mir verfolgen wollen, müssen Sie geruhen, hier an meiner Seite Platz zu nehmen. – Tu Er Lehm in den ersten Tiegel«, befahl er dem nächsten Lakaien. Aber der Kronprinz breitete seine Hände vor das Werkzeug. Er tat selbst, was Gaëtano gebot. Bald ließ der Goldmacher, mit dem Friedrich Wilhelm sich überaus schnell zu verständigen schien, alle weitschweifigen Höflichkeitsbezeigungen. Knapp gab er seine Anweisungen; rasch und genau führte der Königssohn sie aus. In schneller Folge ließ Gaëtano dem Kronprinzen Mixturglas um Mixturglas reichen, sie prüfen, in den zweiten Tiegel gießen. Danach hatte Friedrich Wilhelm das eine Ende der Kupferstange in den Tiegel mit dem Lehm zu tauchen. Der Münzmeister sollte sich bereit halten; der war der Prüfer des Goldes.

Der Graf erhob sich – leicht, unbefangen, behende. Er nahm das letzte, das kleinste Fläschchen von dem Tablett. Als die Blicke des Kronprinzen ihn nahezu verschlangen, hielt er einen Augenblick lächelnd ein.

Die Züge König Friedrichs wurden schlaffer. Der König war sehr bleich. Die drei Minister Wittgenstein, Wartenberg und Wartensleben hatten sich erhoben und standen hochgereckt hinter der Majestät, stets das gleiche Bild ehrfurchtgebietender, aber recht gefährlicher Einmütigkeit. Die Herren Markgrafen wurden wieder aufgeregter. Sicher, jetzt gab es endlich etwas zu sehen! Wenn nur der Italiener den Neffen sichtlich demütigte!

Friedrich Wilhelm befolgte schweigend die Befehle des Magiers. Er senkte die Kupferstange mit dem vom Lehm nicht bedeckten Ende in den Tiegel, in dem die Mixturen schäumten. Er ließ keinen Blick von dem Werk. Das Kupfer blieb rot.

Der Graf trat dicht neben ihn. Er drehte den Glasverschluß seines Flakons auf und träufelte, als wäre es nur ein zartes Parfüm, einige Tropfen in den Schaum. Der Kronprinz hielt die Stange ganz ruhig. Das Kupfer blieb rot.

Alle umdrängten sie wortlos den Herd. Der König hatte tiefe Schatten um die Augen. Die redseligen Herren Markgrafen brachten keinen Laut über die Lippen. Das Kupfer blieb rot.

Graf Gaëtano reichte dem Kronprinzen ein kleines Messer und ließ ihn die Lehmkruste vom oberen Ende des Barrens lösen. Die weichen Schichten des abgeschälten Lehmes zischten auf dem Herde. Der König schlug die Hände vors Gesicht. Die Markgrafen hielten einander umklammert. Der Graf sagte etwas heiser: »Hoheit – ich danke.«

Friedrich Wilhelm schloß die Augen vor dem übermächtigen Glanz des Goldes, das er nun in Händen hielt. Er ließ den Barren auf die Herdplatte sinken. Halb war es Kupfer, halb war es Gold.

»Es kann nicht sein, Graf.«

Gaëtano kam zu keiner Antwort. König Friedrich zog ihn an seine Brust. Da schob der Kronprinz das Häuflein der Markgrafen beiseite und stürmte die Kellertreppe empor. Wohin – er wußte es nicht. Er fand sich selbst erst wieder, als er an der Wiege seines Sohnes stand und die Kronprinzessin, aus dem Nebenzimmer tretend, ihn mit einem erstaunten »Sie hier?« wie aus Traum und Fieber weckte.

»Es ist Gold«, stammelte Friedrich Wilhelm, »und das kann nicht sein.«

»Danken Sie Gott, daß es Gold ist. Sie brauchen einmal Gold.«

Der Kronprinz starrte die Gattin fassungslos an. Aber er nahm nur wahr, daß sie ein ganz aus Goldstoff gewirktes Kleid trug, einen überaus weiten und reichen Rock ganz von lichtem Golddamast, mit Vögeln und Blumen von dunklerem Golde übersät.

»Sie bringen sich selbst um eine Überraschung: mein Kleid für die Taufe.« Die Schöne lächelte und fuhr sich verlegen, dabei aber doch ein wenig kokett über ihr Haar. Denn sie hatte die Perücke noch nicht aufgesteckt, und der Gatte sah ihre braunen Locken.

Friedrich Wilhelm wischte die Hände an seiner groben Schürze ab und streckte die Arme nach seiner jungen Frau aus. Er klagte tonlos und war, wie ein Unbeteiligter, fast verwundert, daß er nicht stöhnte: »Nun ist ein Unglück geschehen, das vielleicht nie mehr gutzumachen ist.«

Frau Sophie Dorothea wandte sich kühl ab. »Ich verstehe Sie nicht. Der Stein der Weisen ist gefunden. Kleiden Sie sich um. Begeben Sie sich mit mir zum König, ihn zu beglückwünschen. Lassen Sie mir Graf Gaëtano vorstellen.«

Die Feier des Goldes sollte nun zugleich zum Fest des königlichen Kindes werden. Die Stunde voller Gewalt und Tiefe war Ereignis geworden: dem ersten im Königspurpur geborenen Hohenzollern würde der Stein der Weisen als Gabe des Tauftages dargebracht werden.

Der Kronprinz hatte sich den väterlichen Wünschen gefügt. Die Kammerdiener stürzten mit Perücke, roten Schuhen, Scharlachmantel und Schmuckkasten herbei. Sie zogen ihm den Brokatüberwurf fast zu eilig über Kopf und Schultern. Der Kronprinz prüfte vor dem Spiegel kurz und aufmerksam, was man ihm anlegte. Der Schärpe gab er einige andere Falten. Die Perlenagraffe, die den Mantel an der Schulter hielt, steckte er um eine Kleinigkeit schräger. Die Locken der Perücke strich er weiter aus der Stirn zurück; die Hände erhielten einige Tropfen eines orientalischen Balsams. Er lächelte ein wenig über das Erstaunen der Diener. Und in all dem fremden Tun schlug sein Herz doch rascher und voller, weil all das Ungewohnte für seinen Sohn geschah.

Von der Mittagsstunde an wurden auf den Wällen die Kanonen gelöst. Der königliche Festzug begab sich auf dem im Winter blumenübersäten Wege zum Dom. Der Donner der Kanonen überklang die Glocken, der Wirbel der siebenhundert Trommeln übertönte die Orgel. Den langen Gang vom Tor zum Altar standen die Reihen der Schweizergarde in goldverbrämten Mänteln und straußenfederüberladenen Hüten. Die Trommelstöcke flogen, kaum mehr sichtbar, in ihren Händen. Es war ein unfaßbarer Glanz über dem Dom. Von allen Emporen der Kirchenhalle wehten Fahnen. Der Altar baute sich zu einer Kerzenpyramide auf; der Zug der Gäste, zu ihm schreitend, war ein goldener Strom.

Am goldenen Taufbecken auf der obersten Stufe hielt die Ansbacher Brandenburgerin das hohe Knäblein über sie alle empor. Um seine schwachen Schultern lag der schwere Purpur, auf seinem kleinen Haupte strahlte die Krone, in seine Ärmchen hatte man Zepter und Reichsapfel gedrückt, und über seiner Brust spannte sich das Band des Schwarzen Adlerordens mit dem glänzenden Stern.

Der Wirbel der siebenhundert Trommeln steigerte sich zu immer ehernerem Dröhnen, um plötzlich in fast unheimliche Stille abzubrechen. Friedrich Wilhelm hörte einen Augenblick das leise Weinen seines Kindes. Aber da sangen die Chöre zu Flöte, Harfe und Orgel, und wenn er sich ein wenig vorneigte, um das blasse, welke Gesicht des Täuflings näher zu sehen, blendete ihn die Fülle der Kerzen.

Das Wasser, mit dem das Kreuz auf die Stirn des Kindes gezeichnet wurde, war aus dem Jordan geschöpft. Die Tropfen verrannen mit den Tränen des Täuflings. Die Ansbacherin mußte ihn fester an sich drücken, das zitternde Köpfchen unter der Last der Krone zu stützen. Die Feier sollte noch sehr lange dauern. Gerade war erst der Name gegeben: Fridericus Ludovicus.

Im Taufspruch ließ der sanfte König dem ungebärdigen Kronprinzen eine herbe Zurechtweisung erteilen:

»Denn alle Dinge sind möglich bei Gott –«, ein Bibelwort, vom Hofbischof mit vieler Weisheit auszulegen, mit Sinnbildern, Mahnungen und schönen Allegorien.

Der Kronprinz sah das Haupt seines Kindes, auf dem die Krone festgebunden war, immer wieder nach hinten sinken. Nun hielt eine der Prinzessinnen vom Geblüt den Täufling. Der Kronprinz suchte die Möglichkeit einer Verständigung mit seiner Frau. Die Kronprinzessin hatte ihre Augen fest auf den Prediger gerichtet, ihre Gedanken auf den anschließenden Kirchgang der Wöchnerin sammelnd.

Friedrich Wilhelm bemühte sich, die Aufmerksamkeit seines Vaters auf sich zu ziehen. Doch der König umfaßte immer wieder mit weitem und verzücktem Blick das Bild des Prunkes und der Weihe. Nun verhüllten ihn die Fahnen ganz.

In der ersten Reihe der Herren des Hofes stand Graf Gaëtano, hervorgehoben vor allen durch das ihm neu verliehene Band des Schwarzen Adlerordens mit dem strahlenden Stern. Der Kronprinz, von der Krönung des Vaters her der erste Ritter des Ordens, öffnete die Spange, die des eigenen Sternes Schärpe an der Seite zusammenhielt. Er wußte, wenn er sich zum Verlassen des Domes anschickte, würde sie sich lösen und der Orden unter seine Füße fallen.

Wie es dann in der Ordnung des Gratulationszeremoniells möglich war, begriff der Kronprinz nicht. Aber die Ansbacher Brandenburgerin stand plötzlich nahe neben ihm und sagte leise: »Ich sah, daß sich die Spange Ihres Ordensbandes löste.« Dann küßte sie schon der Kronprinzessin die Stirn und die Wangen.

Erst zwischen Tafel und Ball fand der junge Vater einen Augenblick Zeit, selbst nach dem Kinde zu sehen. Sehr blaß lag es in seiner Wiege und schreckte im Schlaf oft zusammen. Friedrich Wilhelm nahm besorgt die schwere Hermelindecke von der Wiege und sah, wie der ganze kleine Körper immer wieder zuckte. Dabei lag doch der Knabe in so tiefer Stille; fast war es zu still.

Die Kinderfrauen hielten sich in einem der Vorräume auf. Der Kronprinz wies sie an, nachts abwechselnd bei dem Prinzen zu wachen und sofort Nachricht zu geben, wenn sie etwas Auffallendes im Verhalten und Zustand des Kindes bemerkten. Auch befragte er sofort einen der erreichbaren Ärzte.

»Er kümmert sich um alles«, rügten die Kinderfrauen streng, als der Kronprinz, den Leuchter in der Hand, sich entfernt hatte.

Auf dem Ball war seine Anwesenheit nicht mehr lange erforderlich. Die königliche Familie zog sich früh zurück. Friedrich Wilhelm konnte sich zeitig zur Ruhe begeben. Es tat ihm not nach einer Nacht, die er nahezu schlaflos über alchimistischen Werken zugebracht hatte. Auch gedachte er am kommenden Tage schon in den ersten Morgenstunden aufzustehen, um sich genauer über die nächsten Pläne des Grafen Gaëtano zu unterrichten und engere Fühlung mit dem königlichen Münzmeister zu suchen, der das Elaborat des Italieners einwandslos als Gold anerkannt hatte.

Auf dem Ritt zum Münzamt nahm der Kronprinz einen Umweg. Jenseits des Schlosses und Domes schloß sich an den Lustgarten bald wieder ein häßliches und ärmliches Stadtviertel an, das der König und sein Hof allerdings bei ihren Ausfahrten niemals zu berühren pflegten. Die Winkel und Gassen dort im alten Kölln waren auch nur noch wert, zu verfallen und vergessen zu werden.

Aber noch lebten Menschen in ihnen, für die keine bessere Wohnstatt bereit war. Der Kronprinz faßte jede Einzelheit ins Auge; jeden umgebrochenen Zaun; jede windschief hängende Tür; die vom Sturm zerrauften, von der Feuchtigkeit und Kälte modernden Strohdächer; die schmutzigen Kinder, die sich an dem frostigen Morgen draußen umhertrieben, zaghaft zu dem vornehmen Reiter aufsahen und ihn ängstlich, darum nicht minder beharrlich anbettelten.

Ein hochgewachsener junger Mann hämmerte trotz des eisigen Nordwindes an einem Fensterladen herum, der, locker und gesprungen, in den Angeln knarrte; er suchte den breiten Riß im Holz mit einer Latte zu übernageln. Aber bei jedem Hammerschlag splitterte der Sprung nur weiter. Als der Mann den Reiter anhalten sah, legte er sein Handwerkszeug auf den Fenstersims, ging ins Haus und schlug die Tür hinter sich zu.

Friedrich Wilhelm sprang vom Pferde und schritt dem jungen Menschen rasch nach. Der öffnete nur zögernd die Tür.

»Warum hat Er seine Arbeit abgebrochen?« fragte der Kronprinz unvermittelt.

»Weil das Holz keinen Nagel mehr hält.« Die Antwort schien jede weitere Frage abzuschneiden.

Der Kronprinz blieb hartnäckig und fuhr fort: »Warum müht Er sich heute überhaupt mit derlei Dingen? Weiß Er nicht, daß dieser Tag noch für die Tauffeierlichkeiten auf dem Schloß bestimmt ist?«

Der junge Mann machte kein Hehl daraus, daß er die Hoheit erkannt hatte. Ohne jede Befangenheit, doch mit viel Bitterkeit sprach er weiter.

»Warum sind der Herr Kronprinz um diese Stunde hier?«

Er beschrieb am Fenster einen weiten Bogen um die armen Hütten und verkommenen Wege. »Hier ist kein Fest. Die Feiern sind drüben hinter dem Lustgarten.«

Der Kronprinz knöpfte an seinen Reithandschuhen. »Hör Er, die Feste werden auch hier bald beginnen. Eine neue und herrliche Stadt wird auch hier bald entstehen. Es gibt ja nun Gold.«

Der junge Mann zeigte sich vollkommen unterrichtet.

»Ja, Herr Kronprinz, Preußens letztes Gold in des Generalmajors Graf Gaëtano Tasche.«

Jetzt prägte Friedrich Wilhelm sich das Gesicht des Mannes genau ein. Seine Züge waren klar und klug. Aber die junge Hoheit sagte: »Er ist sehr kühn. Warum traut Er elender Untertan nicht dem, was seines höchsten Herrn und Königs heißester Glaube ist?«

»Weil Graf Gaëtano sich gestern nach der Tafel von des Königs Majestät fünfzigtausend Taler zusichern ließ für die neue Goldbrauerei.« Der junge Mensch beschrieb wieder einen Halbkreis um die Elendshütten vor dem Fenster. »Fünfzigtausend Taler, Kronprinzliche Gnaden.«

»Was schließt Er daraus?« Friedrich Wilhelm ließ sich auf den Holzschemel nieder, den der andere ihm blank gewischt hatte. Er riß seinen Mantel auf.

»Daß es mit den Künsten des Goldmachers nicht stimmen kann, Euer Gnaden. Wie könnte er sonst in Geldverlegenheiten sein.«

Der Kronprinz bezwang seine Unruhe. Er gab sich sehr kühl. »Woher hat Er Botschaft, was an der königlichen Tafel gesprochen wird?«

Die Bitterkeit in der Antwort des Mannes war größer als der Stolz seines Ausdruckes. »Ich habe nur zum Freunde, wer mir und meinesgleichen helfen kann. Die königlichen Küchenjungen können unsereinem schon gute Freundschaftsdienste leisten, wenn sie nur den Herren Tafellakaien öfter ein wenig gefällig sind. Freilich, manchmal wollen sie mehr sagen, als sie wissen. Dann muß man sorgfältig sondern; denn die Küchenjungen tun nun auch noch ihr Teil dazu.«

Er lächelte flüchtig. Friedrich Wilhelm sah ihn von der Seite an, den Knopf der Reitpeitsche an den Mund gelegt. Der junge Mann wartete keinen Einwurf ab. Mit einer hastigen Wendung zu der Hoheit hin rief er hell, fast scharf: »Aber hier ist nichts übertrieben. Aber hier ist alles wahr, Euer Gnaden.«

»Trotz Küchenjungen- und Tafellakaiengeschwätz«, fiel der Kronprinz ein und hatte eine tiefe Falte zwischen den Brauen, »- das ist wahr.«

Er streifte die Handschuhe über. »Wie heißt Er?«

Es klang trotz der rauhen, abgerissenen Sprechweise der jungen Hoheit nicht unfreundlich.

»Creutz.« Der einfache Mann verneigte sich mit großer Höflichkeit.

»Creutz«, wiederholte der Prinz. Schon trat er aus der engen Kammer; und Name, Mensch und Schicksal waren ihm eingeprägt. Im Takte seines Rittes dachte er nichts mehr als die eigenen Worte: »Aber das ist wahr – das ist wahr –«

Woher nahm der Vater noch fünfzigtausend Taler für den Goldmacher? Er zahlte seinen Beamten die Gehälter nicht mehr und war seinen Großen tief verschuldet, die ihn ausgesogen hatten. Bei denen, die sich schamlos an ihm bereichert hatten, mußte er borgen.

Aber dem Sohne schlug er es mit hochmütigem, mitleidsvollem Lächeln ab, als er ihn bat, seinen kronprinzlichen Etat von fünfunddreißigtausend Talern herabzusetzen. Das sei ein kleiner Etat. Der Kronprinz von Preußen müsse doch Tafel halten. Der erste Kronprinz von Preußen dürfe doch nicht derart bürgerliche Wäsche, Manschetten und Krawatten tragen. Von seiner Tafel, heiße es, stehe man manchmal hungrig auf.

Ach, über Tafel und Krawatten! Er brauchte sein Geld zu Wichtigerem; und dies war nun sehr seltsam: genau die fünfzigtausend Taler hatte der Kronprinz gespart, die der Goldmacher vom König verlangte. Er hatte sie gespart, obwohl der eigene Vater ihm, noch als er Knabe war, schon über dreißigtausend Taler schuldete. Er hatte sie gespart, obwohl er gewaltige Mengen seines Knabentaschengeldes immer wieder in seine Miliz gesteckt hatte. Die war so angewachsen, daß er seine Leute in den Scheunen verstecken mußte, kam der Vater König einmal nach Wusterhausen hinaus.

Er war bereit, seine Ersparnisse dem König zu leihen – zu solch harter Kur. Er wollte auch nur eine einzige Garantie von ihm: den Sturz der drei Minister, den Sturz vor allem Graf Wartenbergs. Denn der war Oberkämmerer, Erster Staatsminister, Generalpostmeister, Generalökonomiedirektor, Oberhauptmann der Schatullämter, Oberster Stallmeister aller Gestüte, Protektor der Akademien und Erbstatthalter der oranischen Erbschaft; er war es ohne jede Kontrolle und mit unumschränkter Verfügungsgewalt. Die Gräfin – einst die Frau des Kammerdieners Bidekap und im Packwagen aus Emmerich mitgebracht – schickte Geld nach England, denn sie traute Preußens Zukunft nicht recht; der Graf kaufte Güter in der Pfalz. Ihre Tafel kostete mehr als die königliche.

Der König dankte. Der König lehnte ab. Der Kronprinz investierte über zwanzigtausend Taler in »Bau Wusterhausen, Garten und Landmiliz«. So hatte die Preußische Krone ein schuldenfreies Gut. Der König pochte vor den Gläubigern auf seine oranische Erbschaft, gab dem Goldmacher Versprechen und hoffte.

Friedrich Wilhelm ersuchte den König um seine Entfernung vom Hofe.

Friedrich I. fand seinem Sohn gegenüber nur noch müde Gesten. Dabei war es doch durchaus kein ungebräuchliches Mittel, sich eines etwas schwierigen jungen Herrn für eine Weile dadurch zu entledigen, daß man ihn auf Reisen schickte. Aber selbst an diese Erwägung knüpften sich unangenehme Erinnerungen. Denn war der Kronprinz vielleicht auf die Große Tour gegangen, wie sie für Fürstensöhne üblich war? Hatte er sich etwa durch das Leben an fremden Höfen verfeinern lassen? Über Holland war er überhaupt nicht hinausgekommen. Und in Amsterdam hatte er lediglich die Polizei, die Armenhäuser, die Gefängnisse, Schiffe und Magazine besichtigt, in Leiden nur die Anatomie aufgesucht!

Aber gut, gut; mochte er doch wieder reisen auf seine Art. Im Augenblick war seine Abwesenheit nur zu genehm. Was er nur wünschte an Urlaub, Ermächtigungen, Empfehlungen, sollte ihm zugebilligt sein.

Aber der Kronprinz wollte gar nicht reisen. Er wollte in den Krieg nach Flandern; und in der Verfechtung dieses Planes entwickelte er eine rhetorische Gewandtheit, die man bis dahin noch nicht an ihm wahrgenommen hatte. Daß er dem Vater seinen Willen klarzumachen suchte in dessen eigener Sprache und von der Fürstentragödie redete, die um die spanische Erbfolge aufgeführt werde: das entschied den Erfolg seiner Bitte.

Die überraschenden Redewendungen gefielen dem Herrscher. Sie wären nicht bäurisch, wie so vieles an dem Sohn. Die Majestät raffte ihren Mantel zusammen und erhob sich. »Reisen Sie meinethalben auch nach Flandern – ich gewähre es Ihnen gern. Reisen Sie zu meinen Truppen – nur quälen Sie mich nicht mit Ihrer Engherzigkeit, Verzagtheit, Ihrer Kleingläubigkeit.« Er wollte den aussichtslosen Kampf gegen seinen Sohn nicht weiterführen.

Die Kronprinzessin fand es angebracht, daß der Kronprinz sich nach der Taufe des Stammhalters nun auch den Truppen zeigen wollte. Solche Besuche bei der Armee waren abwechslungsreich und ungefährlich. Das wußte die junge Fürstin von Vater und Bruder, dem Kurfürsten und Kurprinzen von Hannover.

König Friedrich aber wurde plötzlich wieder besorgt um den einzigen Sohn; nirgends und niemals war er des vollen Einsatzes fähig. Er ließ dem Kronprinzen schriftlich einen Befehl zugehen, nach welchem er ihn zum Besuch der verbündeten Heerführer ins flandrische Hauptquartier entsandte, keineswegs aber in seiner Eigenschaft als Chef des Kronprinzenregimentes. Schreibend blieb der schwache Vater fest; der Begegnung mit dem Sohne wich er aus.

Der gesamte Hof glaubte, sobald der Aufbruch des Kronprinzen zur Armee bekannt geworden war, die junge Hoheit von dem Goldmacher in die Flucht geschlagen. Wer konnte ahnen, daß der neue Regimentsschreiber in der Wusterhausener Truppe des Kronprinzen ein Spürhund gegen Gaëtano war. Wer konnte wissen, wer der Schreiber Creutz war, wie sein junger Herr ihn fand und was er von ihm hielt.

Friedrich Wilhelm fügte sich den Wünschen des Vaters und Königs. Er hatte ja auch wirklich eine Fürstlichkeit im flandrischen Lager zu besuchen, freilich gerade einen großen Herrn, der am Berliner Hofe verfemt war: Herrn Leopold von Anhalt-Dessau.

Er hatte begonnen, all die Verbitterung zu verstehen, durch die sich der Fürst in den Kreisen des Hofes gar so unbeliebt gemacht hatte. Er fing an zu ahnen, warum der große General sich als Freiwilliger bei den brandenburgischen Truppen herumtrieb, obwohl ein Rangjüngerer das Kommando führte. Was noch groß war an Brandenburg, schien unlösbar an den Fürsten Anhalt-Dessau gebunden; er wollte nicht von seinem Werke lassen, die Truppen, die er vierzehn Jahre, in vierzehn Feldzügen für Brandenburgs Reichsdienst geführt hatte, ruhmreich zu machen. Er wollte nicht Berührung haben mit dem neuen Königshofe.

Der »Kronprinz in Preußen« und Kurprinz von Brandenburg brach nicht zur Armee auf, nur weil es ihm verdrießlich war, lediglich dem Titel nach Regimentschef zu sein. Der Kronprinz in Preußen ging, den Dessauer zu suchen. Vielleicht sah der mit seinen Augen, hörte der mit seinen Ohren, redete der mit seiner Zunge. Einer mußte doch noch sein! Man hielt sie voneinander getrennt!

Der Fürst von Anhalt-Dessau fuhr Friedrich Wilhelm entgegen.

Je mehr sie sich dem Lager näherten, desto stärker spürten der ältere und der jüngere Mann ihre Übereinstimmung.

Den letzten Teil der Reise hatten sie gemeinsam zurückgelegt. Der Kronprinz hatte nur wenig Kasten und Truhen als Gepäck bei sich. Er hielt sich nicht an das Feldlagerzeremoniell.

Dem Dessauer war es recht, wie der Thronfolger kam: zerstreut, wortkarg, noch ganz gefangen im Berliner Ärger. So, genau so, pflegte auch er selbst jedesmal vom neuen Königshofe zu kommen!

Aber heute war des Prinzen schlechte Laune bald wie weggefegt.

Der Tag war da, an dem sie nun die ersten Truppen sahen. Sie waren noch nicht sechs Stunden gefahren. Es war gegen Mittag. Eine breite, blitzende Welle kam ihnen den Hang einer Erhebung entgegen, dichte Reihen von Soldaten. Fern hinter ihnen wehten schmale Wimpel von hohen Lanzen, Zeichen der Zelte, deren graue Spitzen vor dem Horizont der Ebene zum Gebirge wurden.

Man schien dem Frühling näher. Über den Stämmen der kahlen Bäume war ein feuchter, grüner Schimmer, Hauch des Frühlings über altem Holz. Der Schnee war getaut.

Die Mannschaften scharten sich zu schmalen Kolonnen, als sie am Reisewagen der Fürstlichkeiten vorbeimarschierten. Der Fürst und der Kronprinz lehnten sich aus dem Schlag. Den Dessauer erkannte jeder Soldat. Aber die Ordnung der Gruppen durfte durch die Begegnung nicht gestört werden. Darauf achtete der Fürst; das wußten sie und wollten keine schlimme Begrüßung.

Nur den Marsch des Dessauers stimmten sie an, den Marsch der Schlacht am Ritorto und des Sieges von Cassano:

»So leben wir, so leben wir –«

Der Zug war lang. Andere Lieder des Feldzugjahrzehntes folgten.

»Prinz Eugen, der edle Ritter –«

»Marlborough s'en va-t-en guerre, mironton, mirontaine –«

»Auf ein Lied, das Ihnen gilt, Hoheit.« Der Dessauer beugte sich in den Sitz zurück und kramte eine Reiseflasche mit Schnaps hervor. Sie tranken ohne Becher, der Kronprinz nach dem Fürsten; dann wechselten sie ab. Friedrich Wilhelm hob die Reiseflasche wie ein schönes Glas.

»Für ein solches Lied gäbe ich alle Titel, Fürst.«

Der Trinkspruch des Dessauers griff dem Prinzen ans Herz.

Aber niemals ist ein Lied auf Friedrich Wilhelm gesungen worden.

An der Tafel begrüßte Prinz Eugen von Savoyen den jungen Prinzen und den großen General mit höflicher Rede. Er stellte den Dessauer dem jungen Brandenburger hier draußen im Lager gleichsam von neuem vor: »Der Fürst von Anhalt-Dessau hat mit den brandenburgischen Truppen Wunder gewirkt. Kein Preis ist zu hoch, wodurch ich ihr Ausharren erkaufen kann.«

Der Kronprinz wandte keinen Blick von dem herrlichen Manne, der so begeistert von des Dessauers Heerschar redete – dem Manne, den der Sieg wie ein Schatten begleitete. Nun sah er ihn, der nur in Feldlagern Hof hielt: Prinz Eugen, den edlen Ritter – den heldischen Zwerg! Oh, es war etwas anderes, als unter Höflingen zu weilen!

Aber wenn Prinz Friedrich Wilhelm glaubte, auch den Fürsten von Anhalt-Dessau im Lager aufleben zu sehen, wie er selbst es tat, so täuschte er sich. Der Fürst wirkte plötzlich sogar ungemein ernüchternd auf ihn. Sein braunes Gesicht war faltiger, als seine Lebensjahre glauben ließen. Seine grauen Augen beobachteten mehr, als daß sie feurig strahlten, wie man immer pries. Mit seinem anliegenden, knapp zusammengebundenen frühen Grauhaar und dem – an den Rang- und Standesgenossen gänzlich ungewohnten – kurzgeschnittenen Schnauzbart erschien Fürst Leopold fast streng und unfreundlich. Da begann der Kronprinz nachzuspüren und von Stunde zu Stunde mehr zu begreifen, wie die Heerführer auch im Felde noch an ihren Höfen litten, wie sie von Spionen ihrer Kabinette umgeben waren und, selbst wenn sie einig waren im Kriegsrat, der Verräter wegen einander zum Scheine widersprechen mußten wie Prinz Eugen und der Dessauer. Der Kronprinz sah den erschlichenen Sieg der héros subalternes über die Tapferen und Großen.

Gewiß, es klang überwältigend: England, Holland, Portugal, Dänemark, das Reich – von zwei Verrätern abgesehen – sind vom Kaiser zu einem gewaltigen Bündnis zusammengeschlossen gegen den vermessensten König, der je auf Frankreichs Thron saß!

Aber als Truppenkörper war eine solche Fülle der Nationalitäten schwierig zu lenken. Nach erschöpfenden Feldzugsjahren waren die Söldner jedes Heeresteiles zudem nur noch Hergelaufene aus aller Herren Ländern – auch die Offiziere; und Deutsche kämpften gegen Deutsche um Spaniens Thron: die Kurfürsten von Bayern und Köln hielten es mit dem König von Frankreich! Der junge Brandenburger stand verwirrt im Treiben des Lagers. Er fühlte, daß er keinem etwas galt: den großen Heerführern, den Fürsten alter Häuser nicht – den Offizieren seines Vaters am wenigsten.

Die bitterste Stunde aber kam für ihn, als sich in seiner Gegenwart zwei Offiziere der Verbündeten unendlich beleidigend darüber streiten durften, ob der »König in Preußen« wohl fünfzehntausend Mann auf den Beinen halten könne.

»Mein Vater«, rief der Kronprinz voller Zorn und Scham, »kann, wenn er nur will, dreißigtausend Mann halten!« Und er verschwieg: Wenn er nur dem Dessauer und mir seine Sache in die Hand gibt –. Ach, es genügt mir nicht, daß ich von fern ein wenig für die Verwundeten der letzten Schlachten sorge; daß ich Sonderentlohnungen vermittle; daß ich mir unentwegt berichten lasse; wahrhaftig, es ist nicht genug für einen Fürstensohn in dieser Zeit.

Er war verdammt, zu warten. Die Bäume wurden grün; und wo das Kriegsvolk nicht das Land zerstampfte, keimten Halme, ungleich und verstreut, aus Körnern, wie sie ohne Aussaat im Erdreiche lagen; aus Körnern, wie sie der Wind in den ängstlichen Ernten kriegerischer Vorjahre verwehte. Bauern hatten diese Felder nicht bestellt. Das Land gehörte den Söldnern.

Außer vom König empfing der Kronprinz auch sonst zahlreiche Post, wie jeder der großen Herren im Lager; nur daß die Schreiben, die ihm ausgehändigt wurden, nicht immer nur hochgestellte Absender hatten.

Gewiß, auch die Kronprinzessin teilte mit, sie habe sich seit Karnevalsbeginn an den Hof ihres Vaters nach Herrenhausen und Hannover begeben. Friedrich Wilhelm war von einer Last befreit, die ihn wochenlang bedrückt hatte. Der Kleine mußte also gedeihen! Wie wäre die junge Mutter sonst zum hannoverischen Karneval gereist!

Aber auch der einfache Mann Creutz schrieb, und der Kronprinz war erstaunt, wie der neue Sekretär seiner Wusterhausener Landmiliz diese Kunst beherrschte, die im Volke nur sehr selten anzutreffen war.

Der königliche Münzmeister, so stand in dem Brief, habe in letzter Zeit einen Aufwand getrieben, der ihm vor des Conte Gaëtano Zeiten nicht möglich gewesen sei.

Der Graf aber habe sich, bevor er nach Berlin kam, in München den Umstand zunutze gemacht, daß nach der Schlacht von Höchstädt ein Volksaufstand ausgebrochen war. Ohne alle Papiere hatte er die Stadt verlassen; eine Flucht war es, keine Abreise. Der Kurfürst von Bayern, um unermeßliche Summen von ihm betrogen, war gerade daran gewesen, ihn festsetzen zu lassen.

Creutz hatte auch sehr selbständig nachgeforscht, woher der Italiener nach München gekommen war: er hatte am pfälzischen Hofe und bei dem Herzog von Savoyen Goldmacherdienste getan, und der Herzog, als er sich in den Händen eines Gauners und Gauklers sah, war so tief beschämt, daß er ihn dem verdienten Gericht nicht übergab, sondern mit allen erforderlichen Ausweisen nur heimlich des Landes verwies. Er hatte keine Sühne verlangt; er hatte sich mir mit der Zusicherung begnügt, daß Gaëtano in fremden Landen an keinem anderen Fürsten ähnliche Verbrechen begehen würde.

Aus solcher Scham des Herzogs von Savoyen flössen das Unglück und die Schande des ersten Königs von Preußen. Und die Schande erschien dem Thronfolger um so größer, je tiefer er mit seinem neuen Schreiber in die Vorgeschichte des Italieners eindrang. Der Kronprinz ließ es sich viel Reisegeld kosten. Der arme Mann Creutz sah die Welt. Aber er kam immer weiter von den Städten fürstlicher Höfe ab, drang in immer abgeschiedenere Gefilde, bis er es endlich wußte, daß Domenico Manuel Gaëtano der Sohn eines armen Bauern aus Petrabianca, weit hinter Neapel, war; ein kluger Sohn, ohne Frage, denn er hatte das feine Goldschmiedehandwerk gelernt und zudem, um das Lehrgeld bezahlen zu können, von Taschenspielereien sein Leben gefristet. Da fiel er einem Alchimisten auf; der wollte von dem gar so geschickten Burschen kein Lehrgeld; der bot ihm Löhnung und Kost.

Nach einem Jahre mußte der Adept Gaëtano seine Heimat verlassen, und die Landreiter waren noch an der Grenze hinter ihm her. In Madrid war er schon kein Adept mehr. Dort begann er gleich mit eigener Alchimistenküche; dort wurde er auch gleich Betrüger genannt. Dafür trug die Frau, die mit ihm durch die Länder reiste, für eine halbe Million Taler Juwelen auf dem Leib und war doch nur eine Fleischerstochter aus einer so armen, dunklen Gasse, wie sie des hungrigen Mannes Creutz Jugend überschattet hatte.

Der dritte Kurier für den Kronprinzen kam mit Eilpost aus Hannover. Der Sohn war tot, die Kronprinzessin nach Berlin zurückgekehrt. Endlich versicherte noch ein Handschreiben König Friedrich I., die Trauerfeierlichkeiten würden bis zum Eintreffen des tiefbetrübten Vaters aufgeschoben werden, ihm eine Tröstung und Erhebung zu geben.

»Ich habe hier nichts zu suchen.« Mit solchen Worten nahm der Kronprinz Abschied vom Dessauer. »Es war keine Schlacht. Es ist auch keine Schlacht in Vorbereitung. Man hält Reden, die Unfrieden stiften sollen im Reich. Ich werde dem König sagen, daß hier sein und aller Fürsten Geld vertan wird nur für Habsburgs Träume.«

Er ging vom flandrischen Lager weg, sein totes Kind zu sehen. Er hatte im Krieg nicht einen Toten erblickt.

Die Kinderfrauen beteuerten, was sich beteuern ließ. Die Ärzte wußten viele lateinische Gründe für den Tod seines Sohnes. Die Kronprinzessin hatte keinerlei Ahnung gehabt. Nun war sie leidend, sprach kaum mit dem Gatten.

Als man Friedrich Wilhelm zu der einbalsamierten Leiche des Kindes führte, wußte er, warum sein Sohn gestorben war.

Der Knabe Fridericus Ludovicus war aufgebahrt im schweren Purpurmantel, die Krone auf dem schwachen Haupt, Zepter und Reichsapfel in seinen welken Händen, das Band des Schwarzen Adlerordens über der Brust, den Stern über dem schweigenden Herzen. Die Schweizergarde hielt die Totenwacht, mit siebenhundert silbernen Trommeln. Vor Schloß und Dom standen die Kanonen bereit, gelöst zu werden zum Trauersalut.

Der König hatte einen Sarg von Gold anfertigen lassen; am Fußende war ein mächtiger Adler ausgebreitet.

Vom Morgen bis zur Dämmerung durfte das Volk vorüberziehen und die Aufbahrung bewundern. Dem Kinde kam Ehre zu. Es war als der nächste Thronfolger begrüßt und ein Glück des Geschlechtes genannt worden. Der Kronprinz sprach nicht. Nur bat er die Ansbacher Brandenburgerin, sich seiner Frau anzunehmen.

Der Dessauer hatte ihn dringend zurückgerufen. Als er ihn am Wagenschlag empfing, stürzte sich der Prinz in seine Arme.

Der Dessauer legte die Arme um ihn, ohne allen schuldigen Respekt. Er war ja selbst ein söhnereicher Vater.

»Mein Sohn lag in einem goldenen Sarge«, stöhnte Friedrich Wilhelm auf.

Da schauerte es den Dessauer. Und das geschah selten.

Niemand erschien seinem klaren Sinn geheimnisvoller als der junge Königssohn, von dem es an den Höfen immer nur hieß, daß er gewalttätig, eigenwillig und beschränkt sei und keine andere Bildung habe als die der Kaserne, keine andren Formen des Umgangs kenne als Kommandieren und Order parieren. Er müsse künftig einmal, so hatte es immer bei Hofe geheißen, die Minister für sich regieren lassen, denn er scheue ja die geringste geistige Anstrengung; er werde Verwicklungen herbeiführen und den Staat nicht schützen können. Wie sollte der Fürst von Anhalt-Dessau damit vereinen, was er nun im Lager sah!

Mit welchem Trübsinn grübelte der Prinz jetzt manchmal des Abends dem Fluch des eigenen Horoskopes nach; vielleicht daß Gott in seinen Sternen doch ein Zeichen gab! Das Zeichen der Unfruchtbarkeit war seinem Horoskope eingegraben.

Der Dessauer lachte den Prinzen aus, aber sein Lachen fand keinen Weg zum Herzen des trauernden jungen Vaters. Der Dessauer ließ nicht ab. Was hatte es denn mit Unfruchtbarkeit zu tun, wenn ihm sein erstes Kind starb! Er sollte doch einmal Umschau halten in den Häusern der Fürsten, der Bürger, der Bauern! Und war nicht seinem kurfürstlichen Großvater und selbst dem königlichen Vater das gleiche widerfahren, den ersten Sohn und ersehnten Thronfolger zu verlieren?

Der Kurprinz von Brandenburg beurlaubte sich vom Heer und reiste zu seiner Gattin, die sich im Kreise der Ihren in Hannover trösten ließ. Er fand sie in banger Sorge darüber, daß ihre Stellung am Berliner Hofe jetzt erschüttert sein könne. Er weilte einen Tag in stummer Anklage und Trauer bei ihr, und aus einer Nacht voller Fruchtbarkeit und Schwermut brach er wieder zu den Truppen auf.

Der unerfahrene Oberst Friedrich Wilhelm von Hohenzollern vertraute dem großen General Leopold von Anhalt-Dessau. Der hatte von der Schlacht gesprochen; nun würde sie sein.

Die Schlacht und der eigene Tod mochten kommen. Vielleicht wuchs schon der neue Sohn heran. Dachte der junge Fürst an die Schlacht, so war sein Gedanke nicht Sieg, sondern Tod.

Furchtbares mußte sich vorbereiten: Aufruhr und Ausgleich neun kranker Jahre verschleppten und verrotteten Krieges. Der Kronprinz sah bereits mit des Dessauers Augen; er erkannte, daß Bündnis Handel war und Traktat nur Geschäft und Heer nur Söldnerhaufe; und Kampfgenossen waren die Rivalen ihrer Höfe. Tod mußte wachsen, reif geworden in neun faulen Jahren. Er zwang sich, nicht an die neun Monate und das Reifen des neuen Kindes zu denken. Monat um Monat kämpften der Fürst und der Kronprinz vergeblich um den rechten Augenblick der Schlacht.

Dann, als es ein sehr zartes Mädchen war, ein Kind des Sommers, strafte Friedrich Wilhelm alles Gleichnis Lüge, verlachte die Horoskope und war den hohen Sommer hindurch guter Dinge und nur, wie mancher junge Vater es gewesen wäre, eine Kleinigkeit enttäuscht, daß es ein Mädchen war. Jedes der Eltern gab dem Kinde seinen Namen: Sophie die Mutter, Friederike Wilhelmine der Vater. Die Kronprinzessin blieb in den Sorgen, welche Politik sie nun, da kein Sohn geboren war, einzuschlagen habe, allein. Nur Briefe aus Hannover vermochten ihre Befürchtungen zu zerstreuen. Dann lenkten die Feiern sie ab. Mitten im großen Kriege Europas standen drei Könige Pate: Der »in« Preußen. Der von Polen. Der von Dänemark.

Man machte viel Redens davon, daß alle drei den Namen Friedrich trugen und daß jeder einen einzigen Sohn besaß. Sie losten um den Vorrang. Der Hofdichter der preußischen Majestät malte, gegen einen Ehrensold von tausend Dukaten, die Allegorie aus und schrieb von den Heiligen Drei Königen und ihrer Myrrhe, ihrem Weihrauch und Gold.

Der Kronprinz hörte aus den üblen Versen nur den Kehrreim: Gold.

Weil es ein Mädchen war, trug das Kind bei der Taufe keine Krone, kein Zepter, keinen Reichsapfel, weder Ordensstern noch Purpur. Sie brachten ihm nur Gold zur Gabe: Die drei Könige, die drei mächtigen Minister, der Goldmacher.

Der Goldmacher und das Dreifache Weh hielten Friedrich Wilhelms zweites Kind mit den Königen über die Taufe, im zehnten Monat nach der Nacht der Fruchtbarkeit und Schwermut.

Im elften Monat war die Schlacht die blutigste des jahrelangen Krieges. Bei Malplaquet war alles Heer zusammengezogen, und jede der Armeen, die hier miteinander ringen sollten, war über hunderttausend Mann stark.

Am Morgen lag der Nebel der Ebene und des Herbstes um die Zelte. Die Männer, die das Nebelmeer durchschritten, schienen über irdische Maße groß. So kamen, wie die Helden eines höheren Reiches, in dem ersten Lichte des Septembertages die Generale von Tettau und von Derschau vor das Zelt des Kronprinzen und nahmen der Ordonnanz ihren Dienst ab, den Sohn ihres Königs zu wecken. Der von Tettau stand zu Füßen des Feldbettes, im offenen Eingang des Zeltes. Schon schimmerte die Sonne in dem Nebel, und ein fahler Glanz umgab ihn.

»Ich komme Abschied zu nehmen«, sagte der von Tettau.

Und Friedrich Wilhelm gab zurück: »General, wir reiten zusammen.«

Er war ganz wach, in einem Augenblick.

Der von Tettau schüttelte den Kopf. »Gebe Gott, daß wir nicht zusammen reiten. Mein Ritt geht in den Tod.«

Da stand die Sonne über dem Gebirge der Zelte, der Nebel wich, der Tag war da.

»Wer kann den Tod wissen?« fuhr der Kronprinz auf und dachte daran, wie arm die Ahnungen und Zeichen der Menschen sind. Hatte sein Söhnlein nicht eine Krone getragen?

»Ich habe keine Zeit mehr zu reden«, sprach der von Tettau sanft, »ich habe nur noch etwas zu ordnen. Ihres Vaters Majestät hat mich im geheimen beauftragt, stündlich auf Ihr Wohl zu achten. Aber nun habe ich nur noch eine Pflicht und kann auf Sie nicht mehr achten.«

Friedrich Wilhelm hatte sich im Feldbett aufgesetzt. Er lächelte, jedoch in Unruhe. »Ich werde auf Sie achtgeben, General.«

»Keiner, Hoheit, kann uns bewahren«, griff nun der von Derschau ins Gespräch ein, »und niemand soll es. In uns ist keine Furcht.«

Der Kronprinz wandte sich um. Er suchte den von Derschau. Der stand zu Häupten seines Lagers. Der Kronprinz redete mit einer Heftigkeit, die fast etwas gequält schien. »Ja, ja, ja – alles kann sein. Die Schlacht wird kommen und wie jede Schlacht Tote bringen. Dies kann man sehr wohl vorher wissen. Aber wer es sein wird, vermag der Mensch nicht zu ahnen.«

Der von Tettau sagte: »Wenn Gott es will – ja.«

Und der von Derschau sprach nach: »So fest, daß kein Zweifel ist.«

Friedrich Wilhelm sprang aus dem Bett. Er goß sich aus seinem Ledereimer das Wasser über das Gesicht, die entblößten Schultern und Arme, griff nach dem Rock und den Stiefeln. Er wollte hinaus, noch einmal zum Prinzen Eugen, zum Herzog von Marlborough, in letzter Stunde alles vor ihnen zu wiederholen, was er seit Tagen immer wieder vorgehalten hatte: daß es nun, nach so vielen versäumten Monaten zu spät war für die Schlacht. Man werde aller Voraussicht nach siegen, ja und abermals ja, aber die Opfer seien zu groß; niemand könne solche Verantwortung auf sich laden.

Er hat den Herzog von Marlborough, er hat den Prinzen Eugen nicht erreicht. Sie waren für die jungen Herren aus großem Hause nicht zu sprechen. Sie hielten ihn hin. Zwei breite Ströme, wälzte sich nun das Heer gegen Mons und Malplaquet. Zur Rechten sangen sie vom »Edlen Ritter«, zur Linken klang »s'en va-t-en guerre ...« Vom jungen Prinzen, der allein die rechte und die schlechte Stunde dieser Schlacht erkannt hatte, sang kein Grenadier, kein Kanonier, kein Reiter. Niemand hat an diesem Tage Rat oder Tat von ihm gefordert, obwohl er sich in der Schlacht beständig bei den beiden hohen Feldherren hielt. Aber der Tod wollte Antwort von ihm auf mancherlei Frage.

Ein Sattelknecht des Prinzen von Savoyen ritt hinter Friedrich Wilhelms Pferd, ganz dicht.

Nur daß sich des Sattelknechts Pferd, ganz nahe an seiner Seite, bäumte: dann verlor es sich herrenlos im Gewühl, und Rappen und Schimmel sprengten über den Leichnam des Burschen. Die beiden Ordonnanzen des Kronprinzen sprengten heran, ihn von dem gefährdeten Platze wegzuholen. Mit aufgehobenen Händen wehrte Friedrich Wilhelm ab: »Nicht näherkommen – nicht näher!«

Da sanken sie unter die Hufe, beide im gleichen Augenblick.

»Wir müssen über tausend Mann verloren haben«, rief der Adjutant des Herzogs von Marlborough dem Kurprinzen von Brandenburg zu, als es wie eine Pause war im Pfeifen der Kugeln.

So begann das Zählen, die grausige Rechnung des Sieges. Die Stunden des steigenden Tages nahmen die Tausende und aber Tausende hin; sechzigtausend mußten sterben, ehe das letzte große Heer des Sonnenkönigs geschlagen war. Der ungenannte Sieger neben dem Prinzen Eugen und dem Herzog von Marlborough war der Fürst von Anhalt-Dessau mit der Truppe, die er nicht befehligen durfte, weil die Höflinge den hellen Klang seines Namens nicht mehr ertrugen.

Als der von Derschau und der von Tettau tot am Sohne ihres Herrn vorübergetragen wurden, war der Sieg schon entschieden, nur daß die Völker und die Fürsten und die Söldner um seine Sinnlosigkeit noch nicht wußten. Der Kaiser wollte nicht den Frieden. Er wollte den greisen Sonnenkönig dazu zwingen, gegen den eigenen Enkel zu Felde zu ziehen.

Der Erbe Brandenburgs ritt aus der Schlacht, ein Grübler.

Sein anklagender Haß gegen den Bourbonen und den Habsburger wurde sehr groß. Das Amt eines Landesherrn wurde ihm noch größer. Die Fragen, die auf ihn einstürmten, setzten sich in ihm fest für immer, nicht nur für die Nacht von Malplaquet.

Der Königssohn trat seine Pilgerfahrt an durch die Nacht des Todes, die Söhne des Landes zu suchen, dessen Fürst er einmal werden sollte.

Aber hier blieb er schon bei einem Dänen stehen; dem bettete er den Kopf auf den Mantel, den er einem Toten ausgezogen hatte. Und dort befreite er einen ächzenden Portugiesen, der sich nicht vom Fleck bewegen konnte, von der Last des über ihn gestürzten Pferdeleichnams. Mehr vermochte er nicht zu helfen. Doch lernte er in dieser Stunde die Milde roher Männer kennen. Überall suchten sie mit flackernden Laternen das Feld ab, in Gebüschen, unter Kanonentrümmern, bei zersplitterten Bäumen. Überall stützten sie Sterbende, tränkten sie Verdurstende, verbanden sie Blutende; und als vermöchte es eine Linderung des Geschickes zu bedeuten, strichen sie den Toten über die Lider. Als er einsah, daß es kein Helfen gab in dieser Nacht des Leidens, hockte er sich auf einen Baumstumpf und sah den Lichtern nach. Was der Morgen ihm enthüllen würde, machte ihn zur Nacht schon frösteln. Er wollte hin zu den Laternen. Er ging den Trägern nach. Vier Männer schleppten einen, voran schritt einer mit dem Stalllicht. Sie hatten ein Haus am Feldrand entdeckt. Die Dörfer waren fern, und ihre geringe Zahl vermochte das Heer der Verblutenden nicht zu fassen.

Das nahe Gehöft war eine Schenke. Es ging hoch her in ihr. Sie feierten den Sieg; nur Männer, nur Soldaten fand er vor. Sie hatten das längst von Wirt und Frau und Knecht und Magd Und Kind verlassene Haus aufgespürt. Der Stall war niedergebrannt; das Haus stand beinahe unversehrt. Am Brunnenschwengel war ein Kalb angebunden gewesen, und in dem Keller hatten heil die Fässer flämischen Weines gelegen.

In der Schenkstube und im offenen Flur tanzten Soldaten miteinander. Der Dessauer weilte hier und sah seinen Leuten zu. Als der Kronprinz eintrat, das Gesicht beschattet von Mühsal, Schwermut und Erschöpfung, schritt der Fürst auf ihn zu, legte den Arm um seine Hüfte, faßte seine rechte Hand und führte den Prinzen zum Tanz.

»Es ist Sitte so im Lager nach dem Sieg.« Das war seine Aufforderung. Und sein Abschiedswort nach dem Tanze war: »Das Leben geht immer weiter.«

Die Grenadiere freuten sich. Gleich stimmten sie der Hoheit und der Durchlaucht zu Ehren das Lied ihrer Feldzüge an. »So leben wir, so leben wir –.« Manchmal gaben sie der Weise auch andere heitere, derbe Worte, weil sie den Harten liebten, der immer mit ihnen lebte und überall, ob bei Cassano oder Malplaquet, an ihrer Spitze kämpfte.

»So leben wir, so leben wir«, begannen sie von neuem, das drittemal in dieser Nacht.

Und plötzlich begehrte der junge Prinz in seinem Herzen, daß nie ein Lied auf ihn gesungen werde und daß man niemals eine Krone auf sein Haupt drücke. Er zog sich in einen Winkel zurück. Da saß einer, der nicht mittanzte, und putzte an einem blanken Ding herum. Was er da habe, fragte der Prinz, und er möge nur sitzen bleiben.

Der Soldat wies die Kugeleinschläge im Helm. Der war das Beutestück von einem Toten.

Einen Helm mit den Löchern der Kugel darin, dachte der Königssohn, den müßten die Könige am Tage ihrer Krönung tragen; einen blanken, eisernen Helm mit den Spuren des Todes, den Helm, in dem einer für sie starb – ein Landessohn oder ein Söldner.

Da sah er wieder das welke, schwache Köpflein seines Kindes unter der mörderischen Krone. Aufschreckend, sprach er mit dem Manne weiter; ob er ein Brandenburger sei und aus welcher Landschaft er komme. Er stamme aus der Havelberger Gegend. Schon saß der Kronprinz dicht neben ihm. Wie lange es schon her sei, daß er in den Krieg zog?

»O Herr«, rechnete der junge Mann ihm schwerfällig vor, »nun sind es schon vier Ernten. Und in den Krieg gezogen bin ich nicht. Sie haben mich geschickt.«

»Was heißt: geschickt? Geworben –?«

»Nein, Euer Gnaden: der Herr Baron aus unserer Herrschaft mußte Ablösung stellen für seine Söhne.«

»Was hat Er getan, ehe der Baron Ihn schickte?«

»Den Eltern das Feld bestellt. Der Vater ist alt.«

»Was haben die jungen Barone getan, als Er sie ablösen ging?«

Oh, der Grenadier begriff ganz gut.

»Die jungen Herrn Barone, Euer Gnaden, mußten ins Ausland reisen, reiche Bräute in der Fremde zu suchen, weil wir Bauern allein es nicht schaffen konnten, Schloß und Gut aus den Schulden zu bringen.«

Der nächste Mann, zu dem der Kronprinz trat, verstand ihn nicht: Soldat zwar in brandenburgischer Uniform, jedoch von fremder Sprache und einer Mundart, die seine Herkunft kaum erraten ließ. Nur soviel war aus ihm herauszuholen: »... mehr Sold versprochen.«

Versprochen. Versprochen. Der Kronprinz kannte den Kehrreim.

Außer im Kürassierregiment »Kronprinz« und in dem Infanterieregiment des Fürsten Anhalt-Dessau stand es überall schlimm um Löhnung, Verpflegung und Montur.

Ah, schon die Monturkostüme, wie jeder Chef eines Regimentes in der ganzen verbündeten Armee sie sich erdachte, forderten Spott und Zorn des Prinzen heraus; Spott und Zorn, durch die er sich unter den Fürstlichkeiten und Offizieren von Tag zu Tag unbeliebter machte. Der junge Herr schien ins Lager gekommen, um unter all den Erfahrenen und geruhsam Lässigen feurige Reformen einzuführen; und weil der Fürst von Anhalt-Dessau allmählich Wind davon zu bekommen schien, daß man ihn, den gar so Unbequemen – wenn auch Unentbehrlichen – weder im neuen Preußen noch im alten Reich zum Generalissimus erheben wollte, hielt er sich nun wohl an den Neuerungssüchtigen. Man hatte dem Ehrgeiz des berühmten Feldherrn mehr zugetraut, als daß er sich nur den Erben der Streusandbüchse des Heiligen Römischen Reiches zum Protektor und Zögling zugleich ausersah. Schließlich gab ihm der Kaiser doch nun schon den Titel Durchlauchtig und nannte ihn nicht mehr nur Hochgeboren.

Seit der Bund mit dem Dessauer bestand, der Bund, durch den er hoffen konnte, ihn bei Brandenburg zu halten, war die Tatenlust des Kronprinzen ungeheuer belebt. Er bestellte Creutz an die Grenze. In wenigen Tagen sollte man sie nun überschreiten.

Creutz trug die Uniform des Kronprinzlichen Regimentsschreibers. Alle Papiere hatte er ordentlich und sauber bei sich.

Die Zahl der an der Pest gestorbenen Litauer war in die Hunderttausende gestiegen.

»Ein Drittel der Bevölkerung«, erklärte Friedrich Wilhelm in kurzer Unterbrechung dem Fürsten Anhalt-Dessau, der dem Gespräch mit Creutz beiwohnte. Der Kronprinz hatte die wichtigsten Zahlen im Kopf, die Zahlen, die Leben benannten.

Graf Gaëtano, meldete der Regimentsschreiber ferner, habe vom König endlich die fünfzigtausend Taler erhalten, sein großes Experiment angekündigt und umfangreiche Aufträge für allerlei Einzelvorbereitungen an vielerlei Handwerker vergeben: Creutz hatte von den verschiedenen Bestellungen des Conte gute Kenntnis.

Der Kronprinz horchte auf. »Daraus schmilzt man kein Gold. Daraus baut man eine Kutsche.« Es ließ sich unschwer errechnen.

Der königliche Münzmeister war um seine Entlassung eingekommen. Der Ausbruch eines lange unterdrückten Lungenleidens hätte ihn zu weiterem Dienste unfähig gemacht. Treue Verwandte seiner Frau, in Lohn und Brot bei einem Schweizer Landedelmann, wollten ihm den Aufenthalt in gesunder Landluft ermöglichen.

Nun stockte der Bericht. Denn die junge Hoheit ging sofort daran, Maßnahmen vorzubereiten, die den Münzmeister am Grenzübertritt verhinderten, ohne daß ein Eingriff in der Majestät alleinige Rechte geschah. Der Graf war noch sicherer zu machen, das Mißtrauen der Bevölkerung noch zu steigern, damit der König zu eigenem Einschreiten gedrängt werde. Die Wusterhausener Truppe sollte nach und nach zum Besuch der Residenz beurlaubt werden und Quartier nehmen um das Fürstenhaus am Friedrichswerder, wo der Conte als Gast des Königs lebte, und um das Münzamt und jegliche Werkstatt, die für Gaëtano arbeitete. Es ging um mehr als das Ertappen eines Gauners.

Creutz eilte den brandenburgischen Truppen voraus nach Berlin. Auch der Kronprinz drängte unter diesen Umständen auf Rückkehr in die Winterquartiere.

Manchmal beengte ihn der Reisewagen; dann ritt er eine weite Strecke. Pläne, für die er Genehmigung und Unterstützung des Königs erbitten und einholen wollte, beschäftigten ihn zu jeder Stunde. Jeder Aufenthalt war ihm eine Pein.

Endlich, in Küstrin, rastete er wieder in einem Schlosse seines Vaters; und, dreimal endlich, war es das letzte Quartier vor der Hauptstadt! Was machte es da aus, wie kalt der Abend im alten Markgrafenschloß war, wie der Wind der Oderebene durch alle Fugen und Ritzen der Fenster drang. Er hatte dieses erste Ziel gewählt um einer neuen Verabredung mit Creutz willen.

Nur ein Häuflein Fischer stand am Tor, als sie in den Schloßhof einritten. Der Kronprinz war müde und grüßte nur flüchtig. Gleich ließ er sich das Zimmer im Turme zur Nacht herrichten; kaum daß er etwas von dem Imbiß nahm, den der Kastellan ihm noch brachte. Der Alte wollte zu reden beginnen. Aber der Kronprinz winkte ab. Er brauchte einen langen Schlaf vor Berlin.

In der Dämmerung wurde er geweckt. Trommeln wirbelten, aber es waren nicht Trommeln des Heeres; dünne Trommeln waren es, blecherne Trommeln, klappernde Trommeln. Und Glocken setzten ein, ohne Klang und ohne Tiefe: schrill, erbärmlich und schneidend.

Dann flammte der Widerschein von Fackeln in dem Turmraum auf. Der Kronprinz warf sich den Mantel um, zündete eine Kerze an und trat in die Fensternische.

Die Fackeln leuchteten um einen Galgen.

Der Kastellan kam voller Angst. Schon seit einer Stunde habe er vor den Fenstern der Hoheit gewartet, hinaufzueilen, sobald Licht im Turmzimmer würde. Hoheit müßten benachrichtigt werden, daß eine Hinrichtung vor dem Schloß stattfinden sollte! Gestern abend zeigten sich Hoheit zu erschöpft und abweisend; man habe es ihr nicht mitteilen können!

Der Kronprinz war nicht mehr erschüttert. Er hatte zu viele Tote in der letzten Zeit gesehn: seinen Sohn, die jungen Bauern, die ihr Lehnsherr als Ersatz für seine Söhne stellte; Portugiesen und Dänen, für den Tod gedungene Sardinier und Moskowiter; den Sattelknecht des Prinzen Eugen; die eigenen beiden Ordonnanzen; den von Derschau; den von Tettau. Und er hatte nicht gewußt, wofür sie starben.

Hier aber war der Tod der Sünde Sold.

Er wandte sich vom Fenster ab, die Kammer für diese Stunde zu verlassen. Da wurde der Schein der Fackeln so hell, daß er zurückblicken mußte; fast war es erschreckend.

Der Galgen strahlte in der Dämmerung des Odermorgens von wehendem Golde. Sie hatten ihn mit Fahnen von Rauschgold behängt und, angetan mit einem wehenden Mantel von Flitter und Rauschgold, führten sie den Conte Gaëtano in Fesseln heran. Er sah so schön aus in der Dunkelheit der frühen Stunde, daß es den Prinzen schauderte vor solchem Tod im Golde.

An diesem Urteil hatte er mitgewirkt, obwohl er nie den Tod des Italieners wollte. Und doch war es gut, auch solches Sterben anzusehen. Er löschte das Licht, sich den Blicken zu verbergen. Er trat ganz nahe ans Fenster. Auch er würde einmal Urteile unterschreiben, Tod verhängen. Er stand regungslos. Er entzog sich nicht der grausigen Stunde von Küstrin.

Die Glocken und die Trommeln blieben leer und blechern. Der Italiener schrie. Alle Fassung war von Gaëtano abgefallen. Er wollte seinen Tod nicht glauben, raste mit der Stirn gegen den Pfahl seines Galgens und brüllte, er würde jetzt noch echtes, echtes Gold herstellen. Noch wich die Dunkelheit nicht, als wollte sie das erbärmliche Sterben verhüllen. Aber da waren die Fackeln; die machten das Gold so flackernd und grell. Am Galgen mit den schimmernden Fahnen und blitzenden Bändern wanden sie das zuckende Bündel von wehendem Rauschgold empor. Die Fischer waren herbeigeeilt. Sie drängten sich um das Tor in der Mauer. Der Conte war verschieden. Das Beten der Priester verriet es. Die Fackeln verlöschten im Sande. Das Gold wurde kalt, wurde fahl.

Aber nun war die Oder groß in dem werdenden Morgen. Breit, schwarz und schwer strömte sie unhemmbar hin, als lösche sie alles aus, was Glanz war und Leben. Selbst die Wälle von Küstrin, dem Ebenbilde der Sumpffestung Mantua, hatte die Oder zerfressen. Als er aus dem flandrischen Kriege kam, fand der Kronprinz von Preußen einen neuen Feind.

Später am Morgen klagten sie die Oder an. Es wurde ein Tag des Gerichtes. Die Ackerbürger aus der Altstadt und vom Kietz, die Bauern aus dem Oderbruch kamen. Sie hatten gehört, einer vom Königshause sei hier. Endlos war es her, daß sich einer von den Hohen zeigte. Vielleicht, daß man nun diesem klagen konnte: vom Hochwasser, vom Bruchland zwischen Oder und Warthe, vom Sumpf, der zum Acker ihres Lebens bestimmt war. Ertrunkene Rinder schleppten sie in den Schloßhof. Andere brachten ein Bündel verfaulten Getreides, von der Ernte her aufbewahrt. So sei das Ganze, murrten sie alle. Die Abgaben hätten sie jedoch zu entrichten, als wäre das Korn schwer, golden und trocken; als schwelle die Milch das Euter der Kühe. Der Kronprinz stand vor den Kadavern und den fauligen Garben wie ein Händler auf dem Landmarkt vor Ware und Vieh. Man bot ihm den Tod an, und er fand keinen Preis, ihn zu bezahlen.

»Ich bin nicht der König«, sagte der Kronprinz.

»Aber Sie werden es sein«, riefen die Bauern.

So krönte ihn die Not weit vor den Toren der Königsstadt unter dem Galgen von Küstrin.

Was war der Krieg. Was war die Schlacht von Malplaquet. Was war die Heimkehr des Prinzen. Berlin scholl wider von dem einen Rufe: »Gaëtano!« Der Kronprinz brauchte sich nicht viel um das Gerücht zu scheren. Er hatte Creutz. Der wußte die Wirklichkeit.

Der Graf hatte sich eine Grenadiersuniform zu verschaffen gewußt. Am bedrohlichsten Tage, als die Wusterhausener Kronprinzenleute schon am Friedrichswerder vor dem Fürstenhause patrouillierten, hatte er sich in der Dämmerung unter sie gemischt. Nicht weit von dem Fürstenhause wartete der Reisewagen. Der alles verhüllende Mantel lag bereit.

Von Küchenjungen und Tafellakaien hatte Creutz es gleich gehört, daß der Conte ohne jede Entschuldigung von der königlichen Abendtafel ferngeblieben war. Noch vor dem Anbruch der Nacht stellte er fest, welche Kutschen einer sehr bestimmten Art die Tore Berlins in den letzten Stunden verlassen hätten.

In einem Gasthof, schon bei der ersten Rast, verriet sich Gaëtano. Man hatte es beim Aussteigen bemerkt, daß der Herr im eleganten Reisemantel die Uniform eines Grenadiers trug. Da sandte man einen Reiter nach Berlin; man witterte Desertion.

Als Gaëtano am Morgen das Gasthaus im Anzug des Kavaliers auf Reisen verließ, die Fahrt nach Frankfurt am Main fortzusetzen, waren Creutz und seine Leute schon zur Stelle. Ein Kommando König Friedrichs folgte nach.

Der König versank in Scham. Er ließ das Urteil und seine Vollstreckung beschleunigen; er bestimmte die Oderfeste weit vor den Toren Berlins zum Richtplatz – und machte so den Sohn zum Zeugen seiner Schande.

Was der Kronprinz durchaus nicht erfahren sollte, hatte er nun selbst mit angesehen.

Er war fest entschlossen, den Goldmacher vor dem Vater nicht mehr zu erwähnen. Von den Bauern im Oderbruch wollte er sprechen; von den Söldnern; vom Dessauer und seinem Regiment. Aber der König machte dem Sohn die bittersten Vorwürfe. Er hätte durch die törichte Spielerei mit der Wusterhausener Miliz von der heiklen Angelegenheit erst so großes Aufhebens gemacht. Ob er nun wenigstens zufrieden sei, daß er den verhaßten Italiener endlich am Galgen habe hängen sehen?

Der Kronprinz erlaubte sich gehorsamst zu bemerken, daß er einen Mann von derart überragender Klugheit, der chemische Geheimnisse so einzigartig beherrschte, niemals zum Tode verurteilt haben würde. Vielmehr hätte gerade eine Begnadigung zu Haft und Arbeit – unter strenger Aufsicht von Professoren der sonst untätigen Akademie – die Möglichkeit gegeben, in Zukunft allen Goldmachern das Handwerk zu legen.

Die Majestät war außer sich über den Sohn. Seit Friedrich Wilhelms Rückkehr löste eine erregte Auseinandersetzung zwischen König und Kronprinz die andere ab; kaum daß der Prinz zu Gattin und Töchterchen kam.

Aber in diesen Wochen begann er wieder an einen neuen Sohn zu glauben, der einst den Bauern und dem Heere helfen sollte; denn das mühevolle Werk würde länger währen als sein eigenes Leben; es begnügte sich nicht mit dem Manne; es verlangte das Geschlecht. Den Prinzen drängte es zu dem neuen Sohne; der sollte ihm völlig gehören und Friedrich Wilhelm heißen, ganz allein nach ihm.

Schwer und immer schwerer war es für ihn geworden, noch immer der Sohn zu sein. Die Einsicht in das Versagen des Vaters ging zu tief.

Der königliche Vater kehrte aber nun gerade jetzt unter der Einwirkung der drei großen Minister sogar den militärischen Vorgesetzten gegen ihn heraus. Und da jede Wandlung seines Wesens auch nach außen im neuen Kostüm sich ausdrücken mußte, trug er die Uniform des Generalissimus und verzichtete auf den kostbaren Aufbau der Locken. Alles Milde, Schwärmerische, Behütete, Huldreiche und Schwelgerische an Friedrich I. war ausgelöscht. Ein vergilbtes Männlein, im ernsten, dunklen Brandenburger Rock sich unbehaglich fühlend, hing im Sessel; die dünnen Beine steckten fremd und hilflos in den hohen Stiefeln; spitz stachen die Knie hervor. Kein Purpur, kein Pelz, kein Brokat verhüllte die Welkheit. Der Blick der dunkel schimmernden Augen war müde und stechend zugleich. Die braunen Haarsträhnen hingen lang und unordentlich an Wangen und Schultern herab. Der sonst so Heitere, Helleuchtende war bleich; der schwarze Eckenhut, zu tief in die Stirn gedrückt, beschattete das vergrämte Gesicht. Zudem hatte König Friedrich zu der Tracht des Feldherrn sich ein Bärtlein stehen lassen, kahl, dunkel und struppig. Er sprach, was die Minister ihm befahlen.

Groß war das Dreifache Weh über Preußens jungen Königsthron geschrieben. König Friedrich mußte vor den drei Ministern heucheln, als wüßte er nicht, was um ihn geschah. Er hatte sich so auch zu verstellen, als es um den Plan einer dritten Heirat für ihn ging. Die Minister dachten sich des Sohnes zu entledigen. Und Erben des Sohnes waren nicht da. Der König brauchte einen neuen Sohn.

Dies war die neue Sprache, die sie vor dem König führten. Der Tod des ersten Söhnleins, die Schwächlichkeit des zweitgeborenen Töchterchens der Kronprinzessin ließen ernstlich befürchten, daß Ihre Königliche Hoheit nicht mehr in der Lage sein würden, trotz ihrer jungen Jahre Preußens nächsten Thronfolger zur Welt zu bringen. Widerführe nun dem Kronprinzen im weiteren Verlaufe des Spanischen Krieges ein Unheil, so wäre es um die Erbfolgefragen im Brandenburgischen Hause schlimm bestellt.

Luise Dorothee von Mecklenburg-Schwerin, so meinten die Minister, besäße alle Eigenschaften einer Königin von Preußen, außerdem auch eine erhebliche Mitgift an Gold und Juwelen. Und überdies sei dies der Weg, einen alten Erbschaftsstreit zu regeln. Erbschaften schienen dem König, der kein Vermächtnis hinterließ, die einzige Rettung.

Die Herren wußten um alles Bescheid. Die Sorge um ihre Gehaltsrückstände bestimmte ihren Eifer. Diese Fürsorge für den König aber ging so weit, daß man ihm überzeugend nachwies, der Kronprinz müsse sich Spione halten, anders erkläre sich nicht der Ausgang des Falles Gaëtano; ferner, daß die eigentümliche Beurlaubung der Wusterhausener Truppe nach Berlin sich zur Militärrevolte hätte auswachsen können; vor allem, daß man von Umtrieben des Kronprinzen und des Fürsten Anhalt-Dessau Kenntnis hätte, die an den Grundfesten der brandenburgischen Heeresordnung rüttelten; daß der Kronprinz durch seine Einmischung in die Staatsaffären und öffentlichen Angelegenheiten, etwa das Gesundheitswesen Litauens, die Ordnung der Geschäfte in unverantwortlicher Weise verwirre, und das zu einem Zeitpunkt, zu dem jeder der Minister aus seinem Dezernat die vortrefflichsten Berichte über den Zustand des Landes vorlegen könne.

Daraufhin freute sich der König an den schönen Berichten, ohne sie nachzuprüfen. Die Pest war im Lande.

Bei der dritten Vermählungsfeier König Friedrichs I. sang die Hamburger Opernsängerin Conradin für tausend Taler eine Arie; Minister- und Gesandtenfrauen rissen sich wegen des Vortritts bei den Festlichkeiten die Perücken vom Kopf; andere erhielten dafür, daß sie freiwillig den Vorrang abtraten, Entschädigungen von zehntausend Talern. Der Kronprinz überraschte den König am Morgen der dritten Vermählung mit der Nachricht, daß die Kronprinzessin zum drittenmal schwanger sei.

Die neue Königin wurde in der Brandenburgischen Familie nicht sonderlich erfreut aufgenommen, von ihrem Stiefsohn aber mit der gebotenen Höflichkeit behandelt. Sie und ihre Oberhofmeisterin benahmen sich unerträglich bigott. Von allen übersehen und von niemand gestützt, scharten sie die Geistlichkeit um sich, die bei Hofe nicht viel galt. Die Königin wirkte an ihrem Hochzeitstage etwas verrückt, und der König wurde sehr unruhig. Die Kronprinzessin war überaus unangenehm davon berührt, daß in Berlin nun eine regierende Königin residieren würde, die zudem noch ein Jahr jünger war als sie selbst. Die welfische Prinzessin hatte bisher die Gunst des Königs, Oheims, Schwiegervaters in einem ungewöhnlichen Maße besessen. Friedrich I. hatte der Frau Schwiegertochter wegen ihrer außerordentlichen Befähigung zur Repräsentation die in den Ehepakten ausgesetzten Gelder verdoppelt, ihr für zweihunderttausend Taler Juwelen geschenkt und Sophie Dorotheens Heirat voller solchen Überschwanges gefeiert, daß der Kronprinz all dieser Torheiten müde gewesen war.

Oder sprach er so bittere Worte doch im Gedanken an die Ansbacherin? Auf der dritten Hochzeit seines Vaters wich er ihr aus. Ihre Vermählung mit Sophie Dorotheens Bruder, dem Kurprinzen von Hannover und dereinstigen Anwärter auf Englands Thron, stand bevor, und Friedrich Wilhelms alter Knabenhaß gegen den Vetter lebte wieder auf. Der bedeutendste protestantische Thron, der britische, war der Ansbacherin für die ausgeschlagene spanische Krone, die ruhmreichste des Katholizismus, in langwierigem Schriftwechsel der Fürstenhäuser zugesprochen.

Sophie Dorothea und die Ansbacher Brandenburgerin, die künftigen Schwägerinnen, weilten in den Tagen um die Königshochzeit viel zusammen. Der Glaube der Kronprinzessin an die welfischen Hausverträge war unerschütterlich, jede Regung von Eifersucht lag ihr fern. Was neben den Verträgen an liebenden Gefühlen keimte oder starb, berührte den maßlosen Ehrgeiz der Welfentochter nicht mehr. Die Ansbacherin aber nahm wahr, daß die Ehe des geliebten Mannes, die immer wieder geforderte Verbindung der Welfen mit den Hohenzollern, kühl geblieben war. Was ihrem klaren Blick und ihrem sicheren Empfinden sich enthüllte, verschloß sie als geheimes Glücksgefühl in ihr beraubtes Herz.

Zwischen der Königin und der Kronprinzessin, den beiden jungen Frauen, vermittelte sie unermüdlich, freundlich und behutsam, so daß keine sich vor der anderen etwas zu vergeben brauchte. Unter den Frauen ging es diesmal glimpflicher ab als unter den Männern.

Die Herrenabende der festlichen Wochen waren nicht ungefährlich, zumal man nicht umhin gekonnt hatte, den Fürsten Anhalt-Dessau unter den Gästen nach Berlin zu bitten. Und um des Kronprinzen willen war er, leider, gekommen.

Wo der Fürst und der Kronprinz sich von den Festen nur entfernen konnten, suchten sie allein zu sein, die täglich sich häufenden unangenehmen Ereignisse miteinander zu besprechen. Gerade die Herrengesellschaften, die neben den Hoffeierlichkeiten herliefen, schienen ihnen eine Möglichkeit dazu zu geben. So trafen sie sich auch beim Obermundschenk von Grumbkow. Der, an der Pforte des Alters stehend, führte eine erlesene Küche und einen vorzüglichen Keller, und man traf mit Sicherheit nur die Herren bei ihm. Ängstlich hielt er seine Frau dem Hofe fern, solange eine Gräfin Wartenberg in Wahrheit dort vor Königin und Kronprinzessin residierte, wie ehedem in der väterlichen Schankstube; nur daß sie jetzt, auf der höchsten Stufe ihrer Laufbahn, Mätresse lediglich dem Ruf nach war. König Friedrich wollte den Potentaten Europas nicht nachstehen.

Alle waren sie in Grumbkows Hause im Gesellschaftsanzug; auch der Kronprinz; auch der Fürst von Anhalt-Dessau; man sah viel bunten Brokat, Samt und überaus kostbare Perücken, die man neu aus Paris hatte kommen lassen. Es reizte den Kronprinzen, wie sie da alle um den Kamin saßen, in goldenen Sesseln mit geblümter Seide, die Lockentürme im Gespräch dicht aneinander gedrängt. Der Kronprinz lenkte die Unterhaltung auf die Mode. Ob die Herren nicht auch all das Neue, Französische in Berlin etwas fremdartig fänden? Ja, das fanden sie. Ob man die beträchtlichen Gelder, die allein die Perücken in dieser Kaminnische hier ausmachten, nicht nützlicher anwenden könne? Ob der preußische Handel nicht jeglichen Betrag sehr dringend brauche? Die Herren waren sich einig.

Herr von Grumbkow fand im geheimen, die Hoheit benehme sich in seinem Hause nicht sonderlich gut. Aber darauf würde man sich in Zukunft nun einzustellen haben. Der Hoheit gehörte die Zukunft.

Endlich hatte es der Kronprinz soweit getrieben.

»Wer kein Hundsfott ist, der tut es mir nach!«

Er riß die Perücke vom Kopf und schleuderte sie in den Kamin. Herr von Grumbkow erfüllte seine Hausherrenpflicht. Die Lockenbündel der anderen folgten. Es roch widerlich nach versengtem Haar, die Flammen schlugen aus dem Kamin; die schwarzhaarigen, braunen, blonden, grauen und kahlköpfigen Kavaliere sahen recht bestürzt darein, nannten aber den Einfall des Kronprinzen außerordentlich lustig. Nur die Herren Markgrafen, die Brüder des Königs, suchten ihre Grämlichkeit gar nicht erst zu verbergen. Aber durften sie dem Neffen etwas sagen? Konnte er nicht schon morgen ihr Brotherr sein? Die Feigheit und Verlegenheit reizten den Prinzen. Sein Brokatrock fuhr als Zugwind über die Kerzen und in die Flammen. Der Kamin vermochte die Fülle der Röcke nicht zu fassen, die nun nachgeworfen werden mußten. Das Feuer sank zusammen, der Raum verdunkelte sich; alle Herren bemühten sich um einen Vorwand, diesen Schreckenswinkel verlassen zu dürfen. Zum Glück hatte jeder in Sänfte oder Wagen seinen Umhang oder Mantel.

Grumbkow bot auch seine Weste zum Verfeuern an.

»Nur so sind Königliche Hoheit auf dem rechten Wege. Alle brauchen sie hier handgreifliche Beispiele.«

Die Antwort überraschte Friedrich Wilhelm. Er entschuldigte sich, in Grumbkows Hause ein gar so lebhaftes Exempel statuiert zu haben. Aber der Hausherr belachte es ohne Befangenheit und Verstellung. Auch der Kronprinz und der Fürst mußten lächeln über die verstörte Flucht aller Gäste und wie sie selbst hier voreinander standen ohne Perücken, ohne Spitzenjabots, ohne Röcke, nur in Hose, Hemd und Weste, zerrauft und verrußt. Sie waren so lustig und aufgeräumt, daß sie sich gar nicht erst in Ordnung brachten, sondern so, wie sie waren, am Kamin sitzen blieben, während die Lakaien in unbeirrbarer Gemessenheit Weine, Pasteten, eine ganze kalte Küche auftrugen.

In allen Äußerungen Grumbkows lag eine Billigung dessen, was der Kronprinz getan hatte; dabei hielt er sich von Schmeicheleien weit entfernt. Auch schien er deutlich die tieferen Gründe zu erkennen, aus denen alle Heftigkeit des jungen Herrn hervorgebrochen war. Jedenfalls nahm das Gespräch sehr rasch die Wendung zum Ernste, und zwar – von Grumbkow so geführt – gerade zu den Dingen, die den Sinn des Prinzen so ungestüm bewegten. Plötzlich war der Hausherr in alle geheimen Gedanken des Gastes eingeschaltet. Ein ausgezeichnetes Beobachtungsvermögen hatte ihn genau dieselben Wahrnehmungen machen lassen, die den Thronfolger derart erschütterten. Auch war nun die Zurückhaltung, die Grumbkow sich Gaëtano gegenüber aufgelegt hatte, mit einem Male bedeutsam.

Der große, dunkle Grumbkow, der verhaltene und ernste Mann mit dem genießerischen, satten Mund hätte noch zu schweigen gewußt, wenn er nicht vom nahen Zusammenbruch der Wittgenstein, Wartenberg und Wartensleben so felsenfest überzeugt gewesen wäre. Das Land war am Ende. Grumbkow hatte die Augen offengehalten und den Weg erkannt, auf dem das Unglück kommen mußte. Grumbkow hatte auch wirklich gearbeitet. Das gab ihm jetzt die Übermacht über die drei Minister, die nicht mehr in der Lage waren, das Feld ihrer Zerstörung zu überblicken und das Gewirr der Fäden in der Hand zu halten, das sie um den König gar zu kunstvoll spannen. Es war kein Gold mehr da. Da sackten Intrigen, Rankünen und alle Diplomatie einfach in sich zusammen.

Fraglos überschätzte der Kronprinz in dieser wunderlichen Nacht am Kamin Grumbkows innere Größe. Er fand einen, der alles wußte. Er begegnete einem, der im geheimen auf das Bündnis mit ihm hingearbeitet hatte. Unter Müßiggängern, Verschwendern und Verschwörern traf er auf einen Strebsamen, der sich in den Staatsaffären einen Überblick angeeignet hatte, weit über den eigenen Amtsbezirk hinaus.

Aber was bei dem Königssohn in der Stunde dieser Bundesschließung die Aufwallung eines großen Herzens war, blieb bei dem Obermundschenk der mühsam vorbereitete Schlußakt einer schwierigen diplomatischen Unternehmung.

Ein anspruchsvoller, ehrgeiziger, genußsüchtiger junger Herr aus gutem Hause, war er ziemlich mittellos in die Staatslaufbahn und die Hofämter gekommen, die seinen Vätern alles bedeuteten: Brot und Glanz. Die entscheidende Stunde des Aufstiegs und des Einflusses schien ihm genaht, als dem Großen Kurfürsten der schwache Sohn gefolgt war, im Banne nur der einen Sehnsucht, ein König zu sein, um welchen Preis und mit welchem Sinn oder Unsinn es auch sei. Sobald nun Grumbkow sah, was zwischen dem ersten »König von Preußen« und seinem Volk gespielt wurde, hielt er sich eng an die allmächtigen drei Minister. Aber ihr Bund war so fest und vorsichtig geschlossen, daß kein vierter Raum darin finden konnte. Kreatur zu sein – dazu war Grumbkow zu hochmütig und herrschsüchtig. Der König schien ihm zu schwach, als daß er allein gemeinsam mit ihm gegen die Minister hätte stehen können. So blieb dem Hofmann nichts, als auf das Heranwachsen des Thronfolgers zu warten. Fremder konnten ein älterer und ein jüngerer Mann einander nicht sein. Aber Grumbkow spürte die gewaltige Energie, die vielleicht schon in kurzem alle preußischen Staatsaffären durcheinanderschütteln, der keiner sich entziehen können würde und auf die im wankenden Preußen allein noch zu bauen war.

Der Dessauer stand sorgenvoll bei dem jungen Fürsten und dem Hofmann. Es war zu wenig Einsatz für den Bund, daß Grumbkow gar nichts in ihn einbrachte als die Verbitterung über die Allmacht des Dreifachen Wehs. Aber eben um jener gemeinsamen Gegnerschaft willen mußte der Fürst dem Höfling gegenüber jedes eigene Bedenken zurückstellen und den Thronfolger an das Bündnis zwischen ihnen dreien glauben lassen; denn Klugheit, wie die eines Grumbkow, war ein rares Ding im Lande und bei Hofe.

Als die drei Männer in Weste und Hemd am verflackernden Feuer im spärlichen Anbruch erster Helligkeit über dem Tisch mit den geleerten Bechern einander die Hände zum Abschied hinhielten, schien es eine jener seltenen Stunden neuer Freundschaft zu sein, aus denen gemeinsames Werk wird. Und allein die Erinnerung an diese Nacht ließ den Kronprinzen geduldig bei den weiteren Vermählungsfeierlichkeiten ausharren.

Der königliche Bräutigam selbst war von nun an viel bedrückter. Daß niemand etwas von der Schwangerschaft der Schwiegertochter gemerkt haben sollte; daß man ihn in die neue Ehe gehetzt hatte; daß so entgegengesetzte Männer wie der Fürst von Anhalt-Dessau und Herr von Grumbkow – die beiden fähigsten und unbequemsten – plötzlich zueinander fanden, dies alles machte ihn betroffen. Er fühlte sich verraten und verkauft, ohne zu wissen, an wen, von wem und für welchen Preis. Immer wieder wurde ihm der Kronprinz als der Stein des Anstoßes und Grund allen Ärgernisses genannt. Haß setzte sich in ihm fest. Weil er sich nicht mehr hindurchfand durch die Wirren, Lügen und Gefahren, hielt er sich an die einzige Erklärung, die man ihm gab: Der Sohn war schuld, der Sohn, der Sohn, der Sohn.

Der Kronprinz begann sich bei den neuen Gefährten bitter zu beklagen: »Ich habe es nicht verdient, wie um der Ungnade des Königs willen alle diese Canailles hier mit mir verfahren. Sie müssen wissen, daß ich wenig und bald gar nichts mehr zu sagen haben werde. Der König glaubt, ich wäre ein Verräter. Meine Freunde dürfen nicht von mir sprechen, wenn sie sich nicht beim König in Verdacht bringen wollen. Wenn ich nur nicht hier wäre und müßte alle die Schelmereien mit ansehen, wie sie unseren guten König betrügen, so wäre ich zufrieden. Hier kann nur Gott noch alles gutmachen!«

Aber der König und die Seinen taten übel.

Und dennoch ließ der König den Kronprinzen seinen Unwillen noch nicht in den letzten Folgerungen auskosten. Wenn nun sein drittes Kind, auch noch so unerwünscht, geboren werden würde und gar ein Knabe wäre, so sollte ihm alle gebührende Ehre erwiesen werden. Denn Preußens erster König ehrte ja sich selbst und sein Werk, wenn er dem Thronfolger und des Thronfolgers Sohn huldigen ließ. Ach, Glanz und Unsterblichkeit über seinem jungen, noch von aller Welt verachteten Königshaus! Friedrich I. atmete tief. Er söhnte sich aus mit dem Gedanken, es möchte nun doch wieder ein Knabe sein.

Es war ein Knabe.

Am Abend seines eigenen Geburtstages war der Kronprinz allein zurückgeblieben. Eine lange Sommernacht hatte er auf den Schrei des neuen Menschen und das Licht des neuen Tages geharrt. Als es hell war, sank er in Schlaf – unentkleidet, ungewaschen sogar gegen seine selbstverständliche Gewohnheit.

Und nun beglückwünschten sie ihn, wie sie ihn gestern kaum mit Gratulationen bedacht hatten.

Ein Sohn sei es, ein schöner Sohn.

Natürlich, das mußten sie sagen. Friedrich Wilhelm lachte.

Aber beim Anblick des Kindes verlor sich das Lächeln; kaum daß er auf die junge Mutter achtete. Dort lag noch einmal sein erster Sohn. Es strömte ihm glühend über das Herz: Gott konnte alles wiedergeben, was er nahm. Der Sohn war wiedergekommen! Er blieb tief über ihn gebeugt. Nein, es war doch ein anderer, ein ganz anderer – die Augen waren noch dunkler zwischen Schwarz und Blau und waren klarer, der Mund schien kräftiger geschwungen, Stirn- und Backenknochen waren stärker ausgeprägt; und runder war er; und lauter im Schrei; und lebenskräftiger – oh, es war ein ganz anderes Kind! Sein Sohn! Sein Geburtstagsgeschenk! Sein Friedrich Wilhelm! Man konnte ihn schon recht fest anpacken. Er ließ sich schon streicheln und ein ganz klein wenig drücken. Er brummte dem Kleinen ins Ohr, ob er es sich merken würde – Friedrich Wilhelm! Friedrich Wilhelm! Und was für ein pünktlicher kleiner Soldat – genau am ersten Tage im neuen Lebensjahr des Vaters angetreten! Solche Dinge schwatzte der Kronprinz überglücklich und töricht.

Die Kronprinzessin, vierundzwanzigjährig, lächelte milde und weise. Sie kam sich so viel reifer vor als der dreiundzwanzigjährige Vater. Übersah er denn ganz die großen Aspekte dieser Stunde? Die regierende Königin war zum Eindringling im jungen preußischen Königshause gestempelt! Auch die Kronprinzessin, auf ihre Weise, war sehr glücklich. i

Aber das Größte an dieser Stunde des frühen Augustmorgens ging ihr verloren. Sie nahm es nicht wahr, daß Friedrich Wilhelm sie von diesem Tage an unauslöschlich zu lieben begann, sie und den Sohn.

Im Vorzimmer nahm er die kleine Wilhelmine auf den Arm und küßte sie, bis sie zu weinen und von ihm wegzustreben anfing.

Nichts drang in das Glück seines Herzens, auch das nicht, daß heute aus Ansbach und Hannover Kavaliere eingetroffen waren, zur ansbachisch-hannöverischen Hochzeit einzuladen.

Gott kann wiedergeben, was er nahm. Der Kronprinz dachte es auch hier von den Frauen wie zuvor von seinen Söhnen.

»Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen; der Name des Herrn sei gelobt«, prägte sein Herz in heißen, raschen Schlägen den Taufspruch für den zweiten Sohn, und dem jungen Vater kam nicht der Gedanke, daß dieses Wort an den Gräbern und nicht am Taufbecken gesprochen wird. Aber endlich mußte eine Abordnung des Konsistoriums die Hoheit auf den peinlichen Irrtum aufmerksam machen. Da schlug der Kronprinz einen anderen Text, aus dem Evangelium des Johannes, vor: »Vater, ich danke dir, daß du mich erhört hast.«

Nun war das Entsetzen noch größer. Die Locken der Amtsperücken wehten, die schwarzen Roben der geistlichen Räte rauschten.

Das Wort stand bei des toten Lazarus Erweckung. Wer wagte es dem jungen Herrn zu sagen?!

Aber er war ganz still. Es war ihm selber eingefallen. Er kannte die Schrift.

Preußen schritt von Fest zu Fest. Die neue Taufe sollte ein Höhepunkt werden. Friedrich Wilhelm aber wollte über dem Taufbecken des Sohnes die Hand des Vaters gereicht bekommen. Er aß nicht mehr; er trank nicht mehr; er magerte zusehends ab. Die Feiern wurden ihm zur Qual und zum Gericht. Im Festgeläute hörte er das Wimmern der Armesünderglocke von Küstrin. Statt des goldenen Kirchenschmuckes sah er nur den Galgen im Rauschgold, und der Purpur um die Schultern des Täuflings wurde ihm zum Flittermantel des Goldmachers, in dem man ihn zur Richtstätte führte.

Wieder trug ein Sohn den Reichsapfel, das Ordensband, die Krone und das Zepter. Das kleine Antlitz war wächsern; das schwankende Köpfchen wurde gestützt. Aber Predigt und Einsegnung, Namensgebung und Gesang, heroische und sakrale Musik nahmen gerade erst den Anfang.

Friedrich Wilhelm suchte sich aus dem Kreise der Paten und Gäste zu lösen; Schritt für Schritt, daß keiner es bemerkte, wollte er seinem Kinde näherkommen bis an die Stufen des Taufsteins.

Als sie den Knaben über das silberne Becken mit dem geweihten Jordanwasser hielten und die Krone emporhoben, das Haupt des hohen Kindes mit den Tropfen der heiligen Flut zu netzen, sah er den blutenden Riß. Dort, wo der Rand der Krone sich in den bleichen Schläfen breit und dunkel abgezeichnet hatte, war das Wundmal eingegraben. Sie senkten die Krone auf das ungestillte Blut.

Noch schrie der Vater nicht, noch gebot er nicht Einhalt. Aber die um ihn wußten es sofort, daß etwas Furchtbares geschehen würde. Gewaltig, aufgereckt und totenblaß stieß der Kronprinz sie zur Seite, mit beiden Armen griff er nach den Pfeilern zur Rechten und Linken, wie Simson einst die Säulen packte.

Aber kein Dachgewölbe, keine Wände stürzten, und die Pfeiler sanken nicht. Die Hände des jungen Vaters waren an den Stein gepreßt, sein Mund war stumm geöffnet.

Dann klirrte die Krone auf die Stufen des Altars. Reichsapfel und Zepter rollten auf den Samt der Gänge, in Blumen und seidene Schleppen. Alle, die um den Taufstein standen, umringten entsetzt den Prinzen; die in den Kirchgestühlen neigten sich vor und steckten die Köpfe zueinander. Der Kronprinz schlug den Purpurmantel um sein Kind. Keiner mehr sollte es anrühren, keiner mehr es sehen. Er gab es nicht mehr her. Und aller Sohnesgehorsam war in ihm nun abgetan. Er blickte den Vater und König nicht an, er fragte nach niemand, der ihn halten oder ihm das Kind vom Arme nehmen wollte. Er durcheilte den Dom zum Portal. Am Tor war er allein, denn alle wandten sich voll Sorge nach dem König um. Dem bedeckte kalter Schweiß die Stirn und die Wangen. Zitternd lehnte er in seinem hohen Stuhl. Der Dombischof sprach milde auf ihn ein. Als er das Taufbecken umgestoßen und das Jordanwasser über die Stufen des Altars rinnen sah, erstarben ihm die Worte auf den Lippen.

Erst als die Ärzte kamen, überließ Friedrich Wilhelm seinen Sohn den Kinderfrauen. Er gab ihn den Ärzten angstvoll und schweigend. Die Ärzte hatten Furcht vor ihm. Was sie nicht verordneten! Was sie nicht erfanden! Welche Krankheiten sie nicht entdeckten!

Das Dreifache Weh hatte gute, gute Tage. Kein Kronprinz störte seine Machenschaften.

Der Kronprinz hielt zwischen seinen Räumen und den Zimmern der Gattin und des Kindes fürchterlichen Umgang, die halbe Nacht hindurch.

Ehe er frühzeitig wiederkam, hatten sie den toten Knaben schon entfernt, den Leichnam zu waschen, zu balsamieren, aufzubahren. Der Vater fand nur noch die leere Wiege. Den Kopf auf den noch nicht erkalteten Kissen seines Kindes, schlief er ein nach einer schlummerlosen Nacht.

Am Abend konnte man wie sonst mit ihm reden; nur der König hielt sich fern. Der Kronprinz stand Rede und Antwort, aber man spürte, wie ihm die Zeit zu langsam verrann, bis sie ihn endlich allein lassen würden. In der zwölften Stunde ging er mit dem Leuchter, ohne Diener, durch das Schloß. Er schritt so rasch, daß alle Kerzen flackerten und wirre Schatten warfen in dem langen, hohen Gang. Vor der Treppe zur Kapelle stellte er den Leuchter ab. Mit beiden Fäusten klopfte er an die Tür, die den Gang zu den Gesindekammern von der Galerie abschloß. Der Kronprinz wollte die Schlüssel zur Kapelle.

Kein Diener ist ihm gern gefolgt. Mitternacht, Leichnam und Kapelle – der Dreiklang ließ auch Männer schaudern. Aber dem Vater war, was die anderen entsetzte, der süße Körper seines Kindes. Er suchte ihn, er leuchtete das Gewölbe ab.

Am Särglein von rohem Holze lehnten zwei wächserne Engel, seinen toten Söhnen nachgebildet, die Arme lieblich gehoben, die Lippen lächelnd geöffnet, die dunklen Augen sinnend aufgeschlagen. Ganz nackt waren sie, umschlungen nur vom Band des Schwarzen Adlerordens. Hochgeschlagene Hüte mit gewaltigen, weißen Straußenfedern hatten sie wie im Spiel auf ihre kleinen Häupter gedrückt.

»Nehmt sie weg!« schrie der Kronprinz fassungslos die furchtsamen Diener an. Gleich danach gab er ruhige Erklärungen. Sie sollten sich nicht so töricht anstellen; dies seien die vom König dem Hofwachsbossierer für das Trauerlager in Auftrag gegebenen Figuren der verstorbenen Prinzen. Dort liege noch das Gerät des Wachsbildners, den der Abend überraschte, als er das Konterfei des kleinen Leichnams überprüfte.

Die Diener waren befreit und belebt. Neugierig leuchteten sie in den Winkel mit dem Zeichentisch, auf dem die Skizzen für das Trauerprunkbett aufgeheftet waren: auf hohem Katafalk der Sarg mit Totenkopf und Krone, Gebeinen und geflügelten Saturnsköpfen als Zier seiner Wandungen. Die wächsernen Knaben umschwebten ihn als Engel.

Der Kronprinz trat unter die Diener. Er riß die Skizzen vom Tische, warf sie in einen Winkel. Die Wachsfiguren rührte er nicht an; es war überflüssig, daß sich gleich die Diener schützend vor sie stellten. Doch den Sarg hob er auf und trug sein Kind hinweg ins Dunkel. Sie geleiteten ihn mit den Kerzen. Keiner wagte eine Frage. Keiner nahm ihm den Sarg ab. Er trug ihn in sein Schlafgemach; er stellte ihn auf den Tisch. Die Diener wies er an der Schwelle ab. Nur ein Licht ließ er sich noch reichen. Das nahm er auf den Tisch zu dem Sarge. Er rückte sich den Sessel heran. Er zog den Sarg ganz dicht an sich. Nun konnte er den Arm um ihn legen, ganz eng, ganz nahe um das harte, rohe Holz. Er trauerte um das Geschlecht, um seinen Vater, seine Söhne. Das Land brach zusammen. Seine Söhne starben.

Morgen sollte der Knabe in goldenem Sarge ruhen, auf hohem Katafalk, bei Fackeln und Engeln. Ach, daß solche Feier nicht mehr wäre! Er wollte kein Fest des Goldes und des Todes mehr. Ach, daß er sein Kind noch diese Nacht im Garten vergraben dürfte! Niemand sollte es finden.

Schon erhob er sich. Aber als er aufstehen wollte, standen die Frauen in der Tür. Viele Leuchter wurden über sie gehalten. Er sank zusammen. Er war wie ohne alle Kraft. Nur der Arm um das Särglein blieb stark. Seine Blicke, weil sie vor den Frauen flohen, blieben auf dem toten Kinde haften. Es war im Sarge vom Tragen und vom Niederstellen zur Seite gefallen; nun schien es lebend, schlafend. Nichts, nur dies sah der Vater.

Die Kronprinzessin schluchzte auf. Die Ansbacherin stand schweigend, beide Arme um die Schwägerin geschlossen, so daß die eigenen Hände wieder ineinandergriffen. Noch spät in der Nacht hatte sie bei der Trauernden geweilt. Da hatten die Frauen die Diener gehört und das grausige und seltsame Tun des Kronprinzen erfahren. »Wir müssen zu ihm«, hatte die Ansbacherin gesagt, und die Kronprinzessin war ihr gefolgt, von ihr gestützt, von ihr geführt und weinend.

Die künftigen Königinnen von Preußen und England hielten einander umschlungen. Der Kronprinzessin verschleierten Tränen den Blick. Die Augen der Ansbacherin waren tränenlos und klar. Sie sah den Mann, den Tisch, den Sarg, das Licht. Sie atmete zitternd, doch beherrschte sie ihr Stöhnen.

Friedrich Wilhelm wandte den Kopf auf sie zu. Regungslos blieb er sitzen, zusammengesunken, den Arm um den Sarg gelegt, den leeren, schweren Blick auf die Frauen gerichtet.

Die Ansbacherin preßte den Leib der Schwägerin an sich. Gib ihm Kinder, immer wieder Kinder, gib ihm den Sohn, riefen alle Sehnsüchte, schrie alles Mitleid in ihr. In einem einzigen Schlage ihres Herzens begriff sie, daß sie von dem Blicke dieses Mannes niemals loskommen würde, was auch verloren und beendet, was auch an Glanz des Welfenhauses über ihr verheißen war.

Sie bebten alle vor dem Morgen, am bangsten der König. Um Mitternacht war ihm schon gemeldet worden, was sich in der Kapelle begab.

»Gott gnade ihm vor dem Sohn«, flüsterte der Hof.

Der Hof tat alles, die Wirren und Leiden dieser Stunden in weite Zukunft hin zu mehren.

Gott gnade dem Hof vor dem Sohn, dachte Graf Dohna, der Hüter dieser Prinzenkindheit.

Ein Wort des Knaben Friedrich Wilhelm war wieder im Umlauf: »Der Teufel hole mich! Wann ich werde groß werden, will ich sie alle miteinander aufhängen lassen und ihnen den Kopf abhauen!«

Der Plusmacher

Siehst du einen Mann behend in seinem Geschäft, der wird vor den Königen stehen und wird nicht stehen vor den Unedlen. Ein König, der die Armen treulich richtet, des Thron wird ewig bestehen.

Die Bibel

 

In allen Erlassen aus den letzten Regierungsjahren König Friedrichs I. war Friedrich Wilhelms Ernst und Eifer zu spüren. Der Vater begann sich dem Sohne zu fügen; langsam schwand er hin.

Nach der Beisetzung des Enkels, die trotz aller Vorbereitungen nun plötzlich lückenhaft und übereilt schien, war Graf Dohna zu ihm gekommen, außerhalb jeder Audienz, und hatte zu ihm vom Kronprinzen geredet wie in der Knabenzeit des Thronfolgers – Dohna, der vor der Aufgabe, den ungeratenen Sohn König Friedrichs I. und Königin Sophie Charlottes zu erziehen, einst fliehen wollte und endlich seinen Kohl zu bauen und zu sparen begehrte. Er allein kannte die Leiden des Knaben; oft hatte er den Widerspenstigen, der für den Prunk empfänglich gemacht werden sollte, aufs tiefste bedauert; das Silberservice des kleinen Prinzen war so schlecht gewesen, daß Graf Dohna häufig mit dem eigenen hatte aushelfen müssen; der Kurprinz, als er Kronprinz wurde, verfügte nur über zwölf Hemden und sechs Nachthemden; das meiste davon war schlecht. Achtundzwanzigmal in einem Monat mußte der Thronfolger mit dem König zur Komödie gehen und die Stunden vor dem Theaterbesuch mit Tanzunterricht hinbringen. Da hatte der Knabe aufbegehrt: »Euer Tanz lehrt mich nicht regieren!« Denn bei allen Dingen, die er trieb, wollte er einsehen, wozu es geschah.

Er hatte sich dagegen aufgelehnt, daß sein Lehrer Rebeur, der ihm den Lebenslehrsatz einprägte und vorlebte »Tugend adelt den Menschen« von seinem Tische ausgeschlossen blieb. »Ihr seid ein wahrer Edelmann«, rief das königliche Kind, »wie kommt es dann, daß Ihr nicht an meiner Tafel speisen dürft?« Und er versprach dem Lehrer – den er im Überschwange seiner Leidenschaften schlug und küßte – Haus und Garten zum Trost, obwohl ihm der Ahner und Träumer Rebeur für einen Schulfuchser zu reinlich war.

Aber das schöne Wort von Adel und Tugend hatte den Prinzen noch nicht mit seinem ganzen Herzen begeistert. Da war noch ein anderes Wort, das ihm zum Lieblingsspruch wurde: Deum time – Fürchte Gott! Und fortan verlangte er nie mehr den Teufel zu sehen. Er hatte immer wieder den Anblick des Satans zu erzwingen getrachtet, bis man endlich einen alten, bösen Raben die zarten Wangen und Hände des Knaben zerhacken ließ. Jenes als lügnerisch verschriene, zornige, ja oft rasend scheinende Kind, das angesichts aller Schuld und allen Übels im Reiche des Vaters aufschrie: »Unser Herr Gott ist ein Teufel! Ich will Gott quälen; ich will katholisch werden!« hielt dennoch streng darauf, daß Gefolge und Dienerschaft allmorgendlich bei ihm zur Hausandacht erschienen. Und hatte der Knabe Friedrich Wilhelm Gäste bei sich, so pflegte er das Gespräch gern immer wieder auf religiöse Dinge zu bringen. In seinen sehr sorgfältigen Tuschereien aber malte der verwahrloste kleine Bursche mit den übergroßen, ernsten, blauen Augen und dem stets leicht träumerisch geschürzten Mund einen Altar, auf dem Bibel und Gesetzbuch aufgeschlagen lagen. –

Daran gemahnte Graf Dohna vor dem König. Es waren offene und kühne Worte gewesen, die den alten, nüchternen, gleichmäßigen, in jedem guten Dienste treuen Grafen wieder jünger scheinen ließen. König Friedrich reichte ihm lange die Hand. »Wollte Gott, daß alle, die sich mir nähern, so herzlich mit mir sprächen; allein das ist das Los der Fürsten, die Wahrheit nur durch die trüben Nebel der Verstellung und Kabale zu erblicken.«

Der Kronprinz dankte dem alten Erzieher sehr bewegt. Er habe ihm das Leben gerettet; denn Vater und Sohn zugleich zu verlieren, das vermöchte er nicht zu ertragen. Ohne die Versöhnung mit dem Vater wäre er in tödliche Schwermut verfallen; in all der Wirrnis und dem Elend brauche er aber Taten, Taten, die der König ihm aufgab.

König Friedrich beriet sich kaum mit seinem Sohn; er erteilte ihm einfach Vollmachten. Die Korrespondenten der auswärtigen Höfe hatten aus Berlin zu melden, daß die »Intrigen und herrschenden Fraktiones bei Hofe seit einiger Zeit gänzlich ruhten, indem des Kronprinzen Kredit und Autorität jeden zwischen Furcht und Hoffnung hielte und alle insgesamt obligiere, in ihren Demarchen große Vorsicht zu gebrauchen.«

Den Kronprinzen dagegen kam das Lachen an, wie die Blackschisser konfus wurden, als wenn das ganze Land schon verloren wäre.

Denn König Friedrich ging auf eine weite Reise und Heß dem Sohne das Land.

Es war nur eine armselige Macht, die König Friedrich seinem Sohn verleihen konnte; vor den großen Mächten blieb sie ein Spott. Er überließ ihm die armselige Zahl und das unnennbare Elend von zweieinhalb Millionen Menschen; er übergab ihm ein zerfetztes Länderbündel, benachbart dem unermeßlichen Rußland; gelegen neben dem französischen Reich, das von den Pyrenäen bis an den Oberrhein, von dem Mittelmeer bis an den Ozean reichte; gestellt neben das unerschöpflich scheinende Österreich: groß in Deutschland, dem Orient und Italien; und unvergleichbar mit dem reichen England, dem die See gehörte mit allen umfassenden Ansprüchen des großen Inselreiches.

Des Schwedenkönigs Karl XII. geschlagenes Heer zog, von der Pest gefolgt, durch brandenburgisches Land. Berlins Protest blieb ohnmächtig. Sachsen, Polen und Russen rückten gegen Oder und Uckermark vor – Brandenburgs Truppen lagen im Spanischen Kriege der Habsburgischen Hausmacht. Der Thronfolger hatte nur zwei Reiterregimenter und ein Bataillon Fußvolk zur Verfügung und mußte zuschauen, während sich fremde Heere zwölf Meilen von Berlin auf märkischem Boden bekriegten. Nichts blieb ihm als die Klage vor dem Fürsten Anhalt-Dessau: »Wir sitzen still; geht mir sehr nahe. Keine Regimenter im Lande, kein Pulver und kein Gold; und das Schlimmste, man muß sie wie rohe Eier traktieren. Die hiesigen Blackschisser, die sagen, mit der Feder wollten sie dem König Land und Leute schaffen!«

Er hatte genug, übergenug gelitten unter den Verträgen König Friedrichs und der drei Minister. Noch konnte ihm der König das so neu erst geschenkte Vertrauen mit jedem Tage wieder entziehen. Es galt, so grundlegende Veränderungen im Staatsgetriebe vorzunehmen, daß keine Sinnesänderung des Königs noch eine wesentliche Umwandlung zu bewirken vermochte.

So löschte Friedrich Wilhelm in der Zeit, da sein Vater ihn fürchtete und um Versöhnung warb, das Dreifache Weh aus. Mit dem Grafen Wartensleben durfte er noch am mildesten verfahren; dessen Hauptschuld war gewesen, dem Treiben der beiden anderen Minister nicht Einhalt geboten zu haben. Graf Wartenberg vermochte aus dem Anfang seiner Amtszeit tatsächlich Verdienste nachzuweisen; Friedrich Wilhelm billigte ihm eine Pension zu; er war bereit, sie ihm ins Ausland zu überweisen. Gräfin Wartenberg, die Gastwirtstochter, lächelte über solche Gerechtigkeit des Kronprinzen; sie nahm allein für fünfhunderttausend Taler Diamanten mit über die Grenze, Diamanten, aus Brandenburgs armem Sande gewonnen. Ihr übriger Besitz belief sich auf Millionen; doch erkannte der Kronprinz ihn als ihr unantastbares Eigentum an. Nur Schloß Monbijou fiel an den König zurück; der machte es der Frau Schwiegertochter, der trauernden, jungen Mutter zum Geschenk. Reichsgraf Wittgenstein wurde verhaftet und in die Feste Spandau überführt. Sämtliche Reichsgrafen protestierten. Sie fühlten sich in dem Urteil, nicht in Wittgensteins vorangegangenem Tun beleidigt. Der Reichsgraf deckte seine Veruntreuungen; er mußte die Staaten des Königs verlassen.

In das Untersuchungskomitee, das der Kronprinz eingesetzt hatte, war der Obermundschenk von Grumbkow berufen: über die schwierigsten und undurchsichtigsten Vorgänge zeigte er sich vorzüglich unterrichtet. Zum Kabinettssekretär des Komitees hatte der Kronprinz seinen neuen Regimentsschreiber Creutz beordert.

Graf Dohna wurde zum Premierminister ernannt. Im Staatsrat fand der Redliche nur Kreaturen des Dreifachen Wehs vor. Der Kronprinz beschloß, den ganzen Staatsrat aufzulösen. Aber dieser Schritt, der das ganze Fundament der preußischen Staatsverfassung veränderte, mußte mit Umsicht vorbereitet werden.

Inzwischen erging an sämtliche Regierungen des Landes ein Reskript, über den wahren Zustand des Landes zu berichten, dabei nicht das geringste zu verhehlen und die Meldungen unmittelbar zu Händen des Königs einzusenden. Meist verständigten sich die Berichterstatter untereinander, denn noch fand der Kronprinz keine Zeit, ihre Meldungen nachzuprüfen.

Leopold von Anhalt-Dessau schlug er zum Generalfeldmarschall vor.

In heimlichen Zusammenkünften mit den Gestürzten und Bedrohten klagte König Friedrich, er werde seiner alten Diener beraubt und wisse nicht, wem er sich noch zu vertrauen habe. Es wurde still um ihn. Ilgen, der unsäglich geduldige, einsichtige, tätige Leiter der auswärtigen Politik, und der Oberhofmarschall standen schon längst bei dem Neuen; Ilgen vor allem, nicht weil er zurückgesetzt war, sondern wie er sich klar eingestand, aus Voraussicht.

In diesen Tagen des Wechsels und der Wandlung, des Sturzes und Aufstiegs unternahm der Schreiber Creutz einen Selbstmordversuch. Doch zog man ihn noch lebend aus der Spree.

Der Kronprinz ließ ihn zu sich kommen. Creutz weilte schon lange in dem Kabinett, aber die Hoheit wandte sich ihm immer noch nicht zu. Der Kronprinz stand, dem Zimmer den Rücken zukehrend, am Fenster. So redete er mit Creutz.

»Glaubt Er, daß es der Ehre meines Regiments gar so förderlich ist, wenn ein neuer Schreiber kopfüber ins Wasser geht? So, so. Er will nicht mehr Regimentsschreiber sein? Er hat sich auf dem geraten scheinenden Wege um einen Posten beworben, und das Schreiben ist abschlägig beschieden worden? Es kann demnach nicht in meine Hände gelangt sein? Nun, noch gehen alle Gesuche an Seine Majestät den König. Der allein erteilt Gnaden, der allein vergibt Ämter. Der Posten, um den Er eingekommen ist, Creutz, ist auch heute dem König noch nicht verfügbar. Fünfzehn Taler mehr pro Monat liegen nicht auf der Gasse.«

Creutz nahm all seine Klugheit zusammen, und die war größer als alle Leidenschaft seines Ehrgeizes. Er schwieg, doch in Bescheidenheit und ohne Trotz. Es genüge ihm, sagte er dann, als der Kronprinz ihn entließ, wenn er das Bewußtsein mitnehmen dürfe, Seiner Hoheit gnädige Gesinnung nicht verloren zu haben.

Er hatte zu lange gehungert. Das Elend ließ ihn nicht los. Die schmalen Bissen eines Regimentsschreibers konnten diesen Hunger nicht mehr stillen. Was half es, daß er glücklich gewesen war über seinen neuen, sauberen Rock? War er nicht ein Günstling des Kronprinzen? Spürte nicht jeder: jetzt kommt der Neue zur Macht? Aber wen trug er mit sich empor? Die großen Herren, wieder nur die großen: den Fürsten, den Grafen, den Junker; den Dessauer, den Dohna und Grumbkow.

Der Kronprinz brauchte zu all seiner Härte ein reines Gewissen. Er bat den König, das verwahrloste Amt verbrecherischer Minister auf die wenigen zu übertragen, die der jungen preußischen Krone aus kurfürstlichen Zeiten her mit Eifer dienten. Für einen Günstling bat er nicht.

Erst als er den Thronfolger als einen mächtigen Herrn am Hofe seines Vaters wiedersah, begriff es Creutz. Der Kronprinz mußte schon sehr mächtig sein, wenn man in preußischen Ämtern mit fünfzehn Talern zu rechnen begann.

Für eine Nacht kehrte Creutz, freien Willens, in das Elend zurück, das ihn nicht losgab. Er blieb eine Nacht unter den verworfenen Mädchen seiner Gasse, unter denen die Ramen einherging wie ein stilles und erstauntes Kind und bei ihm blieb mit wunderlichen Fragen. Da war sein Sinn schon voller Geduld, aber es lag etwas Gefährliches in ihr. Noch mußte er dienen. Er pries den Neuen vor der Gasse. Er pries den kommenden König, der um fünfzehn Taler feilschte. Und die verworfenen Mädchen nachts und ihre Väter und Brüder, denen sie es morgens erzählten, nickten und gaben ihm recht: »Ja, fünfzehn Taler sind viel Geld.«

In diesen Tagen verbreitete sich das Gerücht, der König habe unter dem Einfluß seines Sohnes eine ungeheure Summe für ein Pestlazarett gestiftet. Um der großen Barmherzigkeit willen sollte es den Namen tragen: La Charité.

Der Kronprinz speiste mit seiner Gattin. Über den Geschäften war es eine Seltenheit geworden. Die Kronprinzessin war ohne Vorwurf und nur erfüllt von Ehrgeiz und Stolz. Welcher Thronfolger hatte solchen Anteil an den Geschäften des regierenden Herrn wie ihr Gemahl? Zu welcher Geltung erhob er sie dadurch vor der Königin! Wie triumphierten bereits die Damen des kronprinzlichen Hofstaates über die hochmütigen, bäurischen Mecklenburgerinnen der bigotten Königin.

Der Kronprinz sah voll Besorgnis und Liebe, wie seine Frau, zu hohen Leibes, bei der gemeinsamen Tafel immer ein wenig vom Tisch abgerückt saß, rührend und unbeholfen, wenn sie sich stärkte und labte für ihr Kind. Er erschrak vor ihrer Blässe und war zugleich beseligt, weil sie die nahenden Wehen verriet. Was war der Tod zweier Söhne vor der Fruchtbarkeit dieser Frau!

Er wollte die Pest bekämpfen und den Tod: das kleine Leben sollte wachsen, zu jeder Stunde dieser furchtbaren Monate freudig und behütet wachsen. Niemals war größere Sanftheit in dem Ungestümen, als wenn er auf den Leib der mütterlichen Frau sah. Daß sie immer wieder zwiefaches Leben war in all dem Jammer, all dem Sterben, all der Angst!

Er ließ sich die kleine Wilhelmine, die er lange vernachlässigt hatte, bringen und hob das zarte Kind mit bedauernder Geste empor.

»Sie ist anderen Kindern ihres Alters überlegen«, beharrte die Kronprinzessin, als er lachend den Kopf schüttelte, »sie ist der Abgott der Hofdamen. Sie schwatzt den ganzen Tag.«

Wilhelmine war ein Kind, wie geschaffen, präsentiert zu werden. Sie tat sofort, was Mama ihr abzulocken suchte. Sie merkte geradezu, daß man eine kleine Prüfung mit ihr veranstaltete. Alle Scherze rollten wie am Schnürchen ab. Dem Vater war alles neu. Er hielt den schwachen, kleinen, im Brokat verhüllten Körper in zärtlichen und starken Händen; er fühlte das weiche Gesicht ohne eine Scheu des Kindes an seiner Wange. Aber zugleich war es ihm nicht mehr die Tochter, das einzige Kind – das neue hielt er umklammert, den Sohn.

Die Damen unterbrachen ihn wieder mit ihrer Konversation.

Er hatte noch nicht von dem Wunder vernommen. Es fiel ein dichter Schnee in kleinen, festen Flocken, die größere Kälte verkündeten. Im Schloßgarten in Köpenick blühte die alte Agave zum erstenmal mit einer zauberhaften Blüte von mehr denn siebentausend Blütenblättern. Der Kronprinz sah nur in den Schnee hinaus.

Die neuen Häuser der niedergebrannten Stadt Crossen waren noch nicht unter Dach und Fach, der Bau der Charité kaum begonnen. Das Jahr ging zu Ende.

Er verabschiedete sich rasch, neue Tagesbefehle auszugeben. »Die Untertanen sollen nit übern Haufen gehen, gegen Ruin der Untertanen sollen alle guten Anstalten machen.« So begann das erste Edikt, das er aufsetzen ließ im Namen des Vaters.

 

Die Wochenstube der Kronprinzessin war im stillsten Zimmer des ganzen Schlosses eingerichtet worden, über dem Turm der alten Kapelle, wo der alte und der neue Flügel zusammentrafen, hoch über dem abgelegenen zweiten Hof, in dem nur bei den großen Festen die Auffahrt der Gäste stattfand. Dort lag, durch eine Tapetentür von der reichen Büchersammlung der Königin Sophie Charlotte getrennt, das braungetäfelte kleine Bibliothekszimmer der Kronprinzessin Sophie Dorothea; dahin hatte man ihr Baldachinbett und die alte Kurfürstenwiege getragen. Die Brüstung der offenen Galerie des Hofdamenflügels verdunkelte den von Bücherwänden golden-bunten Raum selbst noch in der Mittagstunde; und nun, da ein Schneetreiben eingesetzt hatte, mußten schon sehr zeitig die Kerzen in den Leuchtern der Wandfelder brennen. Das Feuer im Kamin schlug hohe Flammen um die neuen Scheite und warf seinen Schein auf die Bücherwände und die Wiege. Der Kronprinz hob, als letzter von der Freudenbotschaft erreicht, die ganze Wiege auf die Feuereröffnung zu; die Wehmütter kreischten auf; er lachte.

»Ihr müßt ihn gut wärmen. Er hat kühle Hände. Ihr müßt ihm viel Biersuppe geben, das macht stark.«

Drohend und dabei so strahlend ließ er den Knaben den Frauen.

Am Bett der Mutter stand er still. Er knöpfte seinen Rock auf über dem brausenden Herzen und nahm aus den Taschen, was er seit dem Morgen bei sich trug für diese Stunde: die kostbaren Etuis mit dem Schmuck seiner Mutter. Er wagte kaum, die Wöchnerin zu berühren. Er schlang ihr die Ketten nicht um; er legte ihr die Perlenschnüre nur lose um ihr offenes Haar und auf die Brüste voller Milch. Er fügte behutsam die Diamantringe in ihre Hände. Nur ein Armband, strahlender als alles, streifte er fest um ihr Gelenk, den Schlag ihres Pulses zu fühlen, der immer wiederklang in neuen Menschenherzen.

»Sagen Sie selbst dem König den Namen«, bat die Wöchnerin lächelnd und begann, beseligt zu ihm aufblickend, die Ketten um den Hals zu knüpfen und die Ringe an die Finger zu stecken.

Die Hände sind noch krank, dachte der Kronprinz; daß es so schwer ist, Leben zu geben.

Wie niemals, küßte er auch heute nicht ihre Hand. Er küßte den Mund; der war wieder rot und voller Leben.

Die Wehmütter wußten nicht, wohin vor Verlegenheit.

Friedrich I. war zeitig zu Bett gegangen. Er fühlte sich unwohl und fror. Auch hatte er unangenehme Eindrücke gehabt, denn er hatte der Königin einen flüchtigen Besuch abgestattet und war sehr entsetzt, wie maßlos aufgeregt all ihre heiligen Reden waren. Sie bangte sich namenlos vor der Weißen Frau des Hauses Brandenburg.

Zum erstenmal sah Friedrich Wilhelm seinen Vater im Bett. Er saß aufrecht, und das Hemd gab ihn noch mehr preis, als es schon einmal die Generalsuniform getan hatte. Er hatte eine hohe, schiefe Schulter. Sonst war sie von Locken und schön gerafften Falten verdeckt. Mit den knochigen, wächsernen Händen spielte er aufgeregt in den noch immer nicht ergrauten Haarsträhnen. Seine Augen waren trübe. Er blickte vom Sohne hinweg in eine Ecke.

Friedrich Wilhelm verzieh dem Vater viel. Er sah, daß er gelitten hatte.

In Haltung und Blick des Königs war etwas Zweifelndes gekommen. So saß er jetzt oft da: die wächsernen, gekrümmten Finger in den Haarsträhnen; fragend, zweifelnd, tatenlos – doch hinderte er die Taten des anderen nicht mehr. Oft saß er auch an der Wiege des Enkels, der – wie der Großvater sagte – brav schrie und recht fett und frisch war. Hier war etwas wie Vergebung.

»Er soll Friedrich heißen«, hatte der Sohn ihm versprochen, weil die Furcht des Vaters ihn bedrückte. Nun griff Leben in Leben und Name in Name. König Friedrich hütete das neue Leben, wie er, der Tatenlose, es vermochte. Er ließ ihm ein Kleid aus Silberbrokat mit Diamanten besticken, dessen Schleppe sechs Gräfinnen tragen sollten; der König würde ihn unter einem Baldachin erwarten, dessen vier Stangen vier Kammerherren und dessen goldene Quasten vier Ritter des Schwarzen Adlerordens hielten. Dem Knaben war der Titel Prinz von Preußen und Oranien zugedacht, wobei es unklar blieb, was fragwürdiger war, der Besitz Preußens oder die Anwartschaft auf Oranien. Die siebenhundert Trommeln der bisherigen Prinzentaufen aber sollten schweigen.

Auch in den Wochen nach der Taufe blieb König Friedrich an der Wiege.

Nachts, wenn er wach lag, war der König voller Angst – Angst vor der Weißen Frau. Auch die Grimasse solcher Masken muß Gott dulden. Die Gatten, König und Königin, verband nichts als die Furcht. Die Gemahlin wollte bei ihm beten, und er wies sie ab. Da verlangte sie danach, über den Schlafenden ihre bannenden Sprüche zu sagen. Noch wußte außer ihren Mecklenburgerinnen niemand am Hof um ihren Wahnsinn; und die bewachten ihr Geheimnis ängstlich. Sie beobachteten auch das Tun und Treiben des Königs für die Herrin, die fieberkrank zu Bette lag.

Der König war soeben aus seinem Betkabinett gekommen, jenem Raum, der Friedrich Wilhelm unter allen Sälen und Zimmern des Schlosses am verhaßtesten war. In einem wunderlichen kleinen Tempel mit roten, damastenen Tapeten und buntem Fußboden, mit Spiegelschränken und blitzenden Kandelabern, der kleinen Kapelle oder dem Sommerzimmer, das durch eine hohe Laterne sein Licht von oben empfing, pflegte Preußens erster König vor Gott zu knien. Der Vorraum zum Gebetsgemach, ein chinesisches Kabinett mit verwirrendem Wandmosaik voller phantastischer Vögel, trug an der Tür die Tafel, daß der Eintritt in diese Appartements verboten sei, solange der König mit Gott Zwiesprache vor den Spiegelwänden halte. Nach dem Gebet zog sich der König zur Mittagsruhe in ein Stübchen seiner ersten Gattin am Ende eines langen Ganges zurück; dort hatte er durch eine Glastür einen freundlichen Ausblick auf den weinberankten Laubengang, der zu dem Alten Haus der Herzogin, dem Aufenthalt der jetzigen Königin, führte. Noch im Entschlummern gingen seine Blicke immer wieder zu der Tür hin.

Da geschah das Entsetzliche, daß er das Gespenst in ihr erblickte: wirren Haares, weiß, mit lodernden Augen und blutigen Händen, angekündigt von gläsernem Klirren. Sein Herzschlag war wie gelähmt.

Auch als sich das Furchtbare erklärte, blieb jene Mattigkeit und Dumpfheit in der Brust, und seine Knie trugen ihn nicht mehr. Die Ärzte waren um beide sehr bemüht, den König und die Königin. Diese schien gefährdeter. Das Blut war kaum zu stillen und der Schrecken, der sie vor dem Schmerz ihrer Wunden und dem Aufschrei des Königs gepackt hatte, wollte nicht mehr von ihr weichen. Noch wagten die Ärzte es nicht zuzugeben, daß der Wahnsinn offenkundig ausgebrochen war, als sie von ihrem Krankenlager heimlich aufstand, im Hemd, mit nackten Füßen auf die kalte Galerie hinausschlich und in dem Wunsche, über ihm zu beten, der gläsernen Tür nicht mehr achtete, die sie von dem schlafenden König trennte. Manchmal brach aus ihren wirren Worten noch der echte Schmerz über ihr zerronnenes Leben hervor.

Der Kronprinz empörte sich über all die Heimlichkeit um die Kranke. Er wollte ihr Leiden vor alle Öffentlichkeit gebracht wissen, um endlich die dumpfen Gerüchte um die Weiße Frau der Hohenzollern zu zerstreuen. Dem freilich gab er recht, daß der Vater seinen Tod vorausgesehen haben sollte.

Andere glaubten es mit ihm. Die Besorgnis um ihr eigenes Wohl und Wehe gab ihnen klareren Blick. Es war so weit. Der neue Herr würde kommen. Jeder Tag, den der alte König noch lebte, wurde kostbar. Man mußte versuchen, noch rasch Verträge mit der Majestät zu schließen für Renten und Pensionen. Ein letztes Mal mußte es gewagt sein, unter dem Schutze des todkranken Königs das Wirken des Thronfolgers abzuwenden oder aufzuhalten. Die Federn der Schreiber flogen. Die Kurierpferde jagten zum Kaiser und zu den Verbündeten. Alles war Kampf gegen Friedrich Wilhelm. Sie wollten ihm solche Lasten aufbürden, in solche Schwierigkeiten ihn verstricken, daß ihm die Möglichkeit zu freien Taten nicht mehr blieb.

Tagelang teilte die Majestät an die Familie und die hohen Staats- und Hofbeamten Gnaden aus, um ihrem Sterben Glanz zu verleihen. Der Sohn wurde erst am dritten Abend gerufen.

Er hörte die leeren Formeln ohne Rührung. Heute und morgen, glaubte er, würde der Vater noch nicht sterben. Er gab sich vorerst noch ein Schauspiel seines Todes. Als wirklich eine Besserung sich zeigte, ordnete König Friedrich Dankgottesdienste, Trinkereien und Tanzereien an. Friedrich Wilhelm ging zu seinem Grenadierbataillon, das gegenwärtig in Köpenick lag. Doch wurde er sofort zurückgerufen. Dem, der ihn weinen sah und ihn mit großer Rede trösten wollte, hörte er schluchzend zu; dann aber fuhr er ihn an: »Was hast du Hundsfott dich darum zu kümmern, daß ich doch um meinen Vater weine?!«

Nachts arbeitete er mit Creutz. Es war so spät geworden, daß der Kronprinz die Kerzen noch einmal erneuern lassen mußte. Das Schloß und die Höfe lagen schon im tiefen Dunkel der kalten Februarnacht. Mitten im Rechnen sprang Friedrich Wilhelm auf, eilte ans Fenster und starrte in die Finsternis.

»Warum sind alle Kerzen angezündet? Was ist im Schloß?« rief Friedrich Wilhelm, seinem Schreiber unverständlich, denn vor den Fenstern lag die Nacht. Er aber sah strahlende Säle. Der Regimentsschreiber sprach auf ihn ein. Der Kronprinz konnte ihm nicht glauben. Er ließ noch Diener rufen. Die standen nun frierend, übermüdet und töricht an den Fenstern. Nichts war, als tiefe, tiefe Nacht. Dem Prinzen flammte das Schloß vom Schimmer der Leuchter. Die Männer eilten mit ihm die Treppe hinab, durch die Gänge, über den ersten und zweiten Hof, sie stießen sich an Stufen und Pfeilern. Ihm war alles hell. Sie weckten noch manchen im Schloß. Keiner sah brennende Leuchter. Nur die armen Lichte, die sie mit ihren gewölbten Händen vor dem Zugwind schützten, warfen unruhigen Schein.

Im Flügel der königlichen Gemächer kamen ihnen Bediente entgegen. Sie sollten den Thronfolger holen. Die Ärzte waren beim König. Da erkannte auch der Kronprinz, daß es dunkel war ringsum und daß nur ein sehr schwacher Lichtschein aus dem Vorraum der Königszimmer zu ihm drang. Er dachte: Ich will nicht Dinge sehen, die nicht wirklich sind.

Er wollte nicht die Welt der Träume und Gesichte aufgerissen wissen. Die schwerste Wirklichkeit war über ihn hereingebrochen. Er sollte König sein, wenn er die Flucht dieser Gemächer wieder verließ. Und was bei dem Vater in seinem leidenschaftlichen Handel um die Königskrone im alten Herzogtum Preußen nur vermessener Anspruch war, wurde für den Sohn zum unentrinnbaren Auftrag: das Königtum bestand.

Der König regte sich nicht; doch sagten die Ärzte, daß er noch lebe. So ging die Dämmerung hin. Nun steckten sie überall im Schloß wirklich die Leuchter an, in den Bedientenkammern, bei den Kammerherren vom Dienst, beim Oberhofmarschall. Die Lakaien richteten die Vorsäle im Flügel des Königs her; heute noch würden sie sich mit Trauernden füllen.

Unbewegten Gesichtes stand der Kronprinz zu Füßen des Sterbebettes, noch diese Stunde und die nächste. Dann zogen als erste die Ärzte sich zurück. Sie ließen den neuen König allein.

 

Die vom Geblüte und vom Hofe blickten immer wieder auf die goldene Tür. Die Frist der Vorbereitung war nicht kurz bemessen.

Schweigend trat der neue König aus dem Sterbezimmer. Er neigte nur den Kopf zum Gruß und schritt schnell an allen vorüber, dem Arbeitskabinett des verstorbenen Monarchen zu.

Langsam fanden sie wieder empor aus ihren stummen Verneigungen. Der Oberhofmarschall nahm an einem Schreibtisch im Vorzimmer Platz. Seine Herren reichten ihm die angeforderten Listen. Er hatte die Inhaber aller Würden und Ämter des Hofes zu melden, die nun der neuen Bestätigung bedurften. Ein Page eilte lautlos durch die Schar der Wartenden und sprach leise mit dem Hofmarschall. Der folgte ihm sofort.

König Friedrich Wilhelm nahm ihm die Listen ab. Er las sie mit Sorgfalt. Er legte die Blätter einzeln auf den Schreibtisch. Im Stehen tauchte er die Feder ein und zog, Seite um Seite, einen Strich durch die Würden und Namen. Die durchstrichenen Listen reichte er dem Hofmarschall zurück. Der war schweigend entlassen.

Draußen wandten sich ihm alle zu. Er blieb dicht vor der Schwelle stehen. Die Blätter zitterten in seinen Händen. Der Nächststehende nahm sie ihm ab, warf einen Blick darauf und meinte halblaut zu dem Kreis, der ihn umscharte: »Meine Herren – unser gnädigster König ist tot, und unser neuer Herr schickt uns alle zum Teufel!« Das war das erste laute Wort am Hofe der Trauer.

Von den Ministern sprach der König nur den Grafen Dohna. Ihm gab er einige Erklärungen ab. Alle bestehenden Hofämter seines Vaters seien aufgehoben. Er brauche nicht so vielerlei Bedienung. Jedoch solle keiner sich vom Hofe entfernen, bis die Beisetzung vorüber sei. Das Amt des Oberhofmarschalls übrigens werde um der Redlichkeit des derzeitigen Inhabers willen erst mit dessen Tode erlöschen.

Während er so sprach, überflog der König die Papiere, die ihm von den Geheimsekretären seines Vaters vorgelegt wurden. Meist waren sie ihm wertlos. Er zerriß die Seiten, zerknüllte die Bogen; Fetzen und Knäuel häuften sich um ihn.

Etwas übereifrig stellte Dohna ihm die Frage, ob nicht der Fürst von Anhalt-Dessau nach Berlin zu berufen wäre.

König Friedrich Wilhelm sagte: »Nein. Aber schreibt dem Fürsten von Anhalt-Dessau, daß ich der Finanzminister und der Feldmarschall des Königs von Preußen bin. Das wird den König von Preußen aufrecht erhalten.«

Es sollte also keine neuen Günstlinge geben, und Dohna begriff nicht mehr, wie man je an seinem Zögling hatte verzweifeln wollen, ihn unfürstlich hatte nennen können.

Aus den letzten Worten seines jungen Herrn schien ihm aber noch hervorzugehen, daß er nicht mehr gewillt war, die demütigende Einschränkung auf sich zu nehmen, die in seinem Titel lag: »König in Preußen.«

Auch in den Gemächern der Königin wurde fast nur von den erfolgten Entlassungen gesprochen, abgesehen von einigen herkömmlichen Redensarten über den hohen Verstorbenen und mancher mehr oder minder versteckten Huldigung an Preußens neue Herrscherin. Königin Sophie Dorothea saß ein wenig abseits im engsten Kreise ihrer Damen. Sie trug bereits große Trauer, war sehr gnädig und ernst, sprach aber ziemlich lebhaft. Sie wartete darauf, jeden Augenblick zum König gebeten zu werden. Sie hatte einen ihrer Herren zu ihm geschickt, wann ihre Kondolation wohl genehm sei. Doch kam der König selbst. Er war dem Kammerherrn der Gattin sofort gefolgt und hatte alle Schriften liegenlassen.

Die Königin ging der Majestät bis zur Mitte des Zimmers entgegen. Friedrich Wilhelm zog seine Frau an sich und schien bewegt. »Vielleicht wird niemand ehrlicher um meinen Vater trauern als du. Ihr habt euch ausgezeichnet verstanden. Du hast einen Freund verloren, der ungleich mehr für dich tat, als ich vielleicht je zu tun imstande sein werde.«

Die Königin kam nur dazu, Bruchstücke ihrer Anrede zu stammeln. Die sollte feierlich mit »Sire« beginnen. Aber nun hatten die Worte des Gatten alles durchkreuzt. Zudem bereitete er sie darauf vor, daß auch ihr eigener Hofstaat auf das Notwendigste beschränkt werden müsse.

Bereits am Spätnachmittag standen die Personalien der königlichen Hofhaltung fest: ein Hofmarschall; vier Generale, in Uniform, als Kammerherren; einige Kammerjunker zum Dienste der Königin. Die Königin schämte sich im Gedanken an die anderen Höfe.

 

Als man bemerkte, welche Anstalten für die Beisetzung Friedrichs I. getroffen wurden, schöpften Königin und Hof wieder Hoffnung. Der gesalbte Leichnam, in Goldbrokat gekleidet, war im Weißen Saal auf einem Paradebett von rotem, mit Perlen besticktem Samt acht Tage lang zur Schau gestellt. Neben dem Katafalk lagen die Zeichen der königlichen Würde. Die Marmorstatuen von zwölf Kurfürsten, welche den Weg zum Königtum bezeichneten, umstanden das Totenlager. Der ganze Saal war mit violettem Samt ausgeschlagen und verschwenderisch mit Kerzen erleuchtet. Der Sohn gab dem Vater Feste des Todes, wie der sie längst zuvor bestimmte. Nichts fehlte am Prunk und der Schönheit, die Preußens erster König sich zugemessen wähnte. Der neue König selbst erschien in strahlendem Trauermantel zu der Überführung in den Dom. Acht Pagen trugen ihm die Schleppe. Die Schweizergarde leuchtete in ihrem goldenen Schmuck. Die siebenhundert silbernen Trommeln dröhnten, die Trompeter schritten in weißen Federhüten einher. Man begriff nicht, daß der König eine alte Zeit abschloß und daß es eine Wiederkehr solchen Glanzes nie mehr geben würde.

Als der Trauergottesdienst im Dom begann, riß sich der König plötzlich von den Pagen, schlug den langen Mantel um sich, kehrte sich nicht an die entsetzten Blicke, verschwand in dem Gedränge und hockte sich in eine Kirchenbank hinter einen hohen Pfeiler, der das düstere Gewölbe eines halben Jahrtausends über sich trug. Niemand, so groß die Fülle der Menschen auch war, hatte diesen Platz begehrt, weil er den Ausblick auf das Schauspiel nicht freigab. Dort saß nun König Friedrich Wilhelm I. und sah vor sich hin; er hatte nur noch den Wink gegeben, zu beginnen. Sein hoher Podest am Katafalk blieb leer. Die Königin thronte allein bei dem Sarge. Die weiten Falten ihres schwarzen Samtgewandes hüllten neues Leben ein. Der junge König aber dachte an den Sohn, der in der Wiege lag, in der Würde, die eben noch er selbst getragen hatte: Der Kronprinz.

 

Kaum daß der Sarg in der Gruft versenkt war, zog der König seine Trauerkleider aus und legte die Uniform an. Als Oberst seines Regimentes stieg er zu Pferde und stellte sich an die Spitze der Garden, die sich, solange noch die Glocken läuteten, von dem Schloßplatz am Dom zwischen der Breiten- und der Brüderstraße zur Stechbahn bewegten. Er ließ eine dreifache Salve geben, und dreifach klang sie noch weiter bei der goldenen Wachtschar der Schweizer, bei den Grenadieren am Saume des Lustgartens und bei den Kanonen auf den Wällen. Des Königs schönes Pferd trug ihn mit Sicherheit und Anmut durch das Feuer und Gedröhn. Der König ritt in den Kampf seiner Herrschaft, ritt aus zur Eroberung des eigenen Landes, das ihm feind war, in der niedersten Würde, die sein König und Vater ihm ließ: ein Oberst. Er ließ den Hut des Kurfürsten und die Insignien des Reichserzkämmerers daheim und nahm nicht die Krone des Königs; sein Vater war schon vor der Krönung mit Krone und Zepter einhergeschritten.

Man fragte nach dem Beginn der Feierlichkeiten zur Thronbesteigung. Er erklärte, die für ein so großes Fest erforderlichen Summen für nützlichere Zwecke ersparen zu müssen, und sprach lediglich von der Regierungsübernahme, für die zweitausend Taler Unkosten vollauf genug seien. Die Königsberger Krönung seines Vaters hatte sechs Millionen Taler von dem Lande gefordert, und als Friedrich I. sich mit seinem Hofstaat auf die Reise zur Krönung begab, wurden nicht weniger als dreißigtausend Pferde für den Transport der Menschen, Koffer und Reiseeffekten benötigt.

Nur Generalität und Garnison zu Berlin, sechs Bataillone, mußten Friedrich Wilhelm I. am Tage der Beisetzung des Vaters den Treueid schwören. Die Kurmärkische Ritterschaft war zu kurzer Huldigung aufs Schloß befohlen; die Abordnungen der Städte sollten sich auf dem Domplatz versammeln. Die litauischen und clevischen Stände aber durften erst gelegentlich nachfolgen, je nach den Reisen des Königs in seine Provinzen. Denn solche Reisen hatte er vor.

 

Am nächsten Morgen waren zu der ungewöhnlich frühen Stunde von sieben Uhr die Minister zum König beordert. Man rechnete mit einem neuen Strich durch die Liste.

Der König sprach zum erstenmal in längerer Rede; man war auf Schimpfworte gefaßt gewesen und erwartete sein schnarrendes »Ordre parieren – nicht räsonieren«, das schon den alten König zur Verzweiflung brachte, wenn er es den Kronprinzen von den höchsten Räten sagen hörte.

»Nach den Umstellungen der letzten Jahre«, hob König Friedrich Wilhelm ruhig an und blickte jeden von ihnen, die im Halbkreis vor ihm standen, sinnend an, »haben Sie alle dem verstorbenen König, meinem Vater, wohl gedient; ich hoffe, daß Sie auch mir das gleiche tun werden. Ich bestätige jeden von Ihnen in seinem Amte und verspreche Ihnen, daß, wenn Sie mir treu sind, ich Ihnen gegenüber nicht nur als ein guter Herr, sondern als Bruder und Kamerad handeln werde. Es gibt aber einen Punkt, von dem ich Sie benachrichtigen muß: Sie sind an beständige Kabalen gegeneinander gewöhnt; ich will, daß sie unter meiner Regierung aufhören, und versichere Ihnen, daß ich jeden, der eine neue Intrige anfängt, auf eine Weise bestrafen werde, die Sie in Erstaunen setzen wird. Man muß dem Landesherrn mit Leib und Leben, mit Hab und Gut, mit Ehre und Gewissen dienen und alles daransetzen – außer der Seligkeit. Die ist für Gott. Aber alles andere muß mein sein.«

Er legte Dohna und Grumbkow Schwert und Krone, wie er sagte, in die Hände – doch keiner seiner Anhänger kam an die Leitung. Wenn einer hoch in Gunst zu stehen schien, war es Graf Dohna, der ständige Vermittler zwischen Vater und Sohn. Denn noch aus der letzten Zeit des alten Königs und seit dem Sturz der Dreifachen Wehs hieß er Der Tribun des Volkes.

Daß Dohna diesen Namen trug, war weithin Creutzens Werk, obwohl der noch niemals ein gutes Wort von einem großen Herrn gesprochen hatte. Aber seine Klugheit und Wachsamkeit waren jetzt reger denn je. Die Zurücksetzung, die er durch seinen hohen Protektor erfahren hatte, schien alle seine Sinne noch geschärft zu haben. Er machte Dohna groß. Er brachte dem Minister alle Unterlagen, die das Volk betrafen; er machte sich ihm unentbehrlich; und verhandelte der neue Minister mit dem jungen Fürsten, so geschah es nun ein um das andere Mal, daß der Schreiber Creutz hinzugerufen wurde.

So erlebte Creutz jetzt den Triumph, als einziger Geheimschreiber den neuen König auf sein Jagdschloß Wusterhausen, das Kastell der Knabenjahre, begleiten zu dürfen, als sich der Herr sofort nach jenem ersten Empfang des Ministeriums, nur in Begleitung eines Adjutanten, für vier Tage dorthin begab. In so knapper Frist gedachte er Etat und Regierungsplan zu vollenden, die er sechs Wochen hindurch heimlich vorbereitet hatte. Diesmal hätte Creutz keinen Geheimratstitel für sein niederes Amt eintauschen mögen, denn die Begleitung jedes anderen hatte der König mit der barschen Bemerkung abgelehnt, ob denn nicht bekannt sei, daß er von keinem draußen importuniert sein wolle. Und als man den König warnte, daß er sich aller Räte entblöße, hatte er nur geantwortet, seine neuen Rechenkünste halte er höher als alle seine Räte, weil er diese gar nicht nötig habe, wo ihm seine eigenen Schreibtafeln und Ziffern das Fazit in die Hand gäben; und unter menschlichen Handlungen sei dies die einzige, die nicht betrüge, noch betrügen lasse. Ein akkurater Rechenmeister tue ihm viel sicherere Dienste als alle Schreibmeister, wie er denn auch viel eher die letzteren als den ersteren missen wolle.

Auf dieses Wort vom Rechenmeister baute der arme Mann Creutz seine Zukunft. Noch in den durchwachten Nächten in der Giebelkammer mühte er sich, das Warten zu lernen. Manchmal erschien der junge Mann sich schon zu alt dazu vor zu viel Wissen um die Hoffnungslosigkeit.

Aber ausgeruht wie einer, der in florentinischem Prunkbett schlummerte, schrieb er vier Tage hindurch Etat und Regierungsplan nieder, die König Friedrich Wilhelm entwarf. Der Regierungsplan schien ein einziges Rechenexempel. Die Schulden waren endlich samt und sonders aufgerechnet. Danach gab es keinen anderen Weg, als von nun an jedes Jahr zweieinhalb Millionen Taler einzusparen. Mit dem Verbrauch von Siegellack, Papier und Tinte fing es an; dies war die erste Weisung: »Zu den Expeditionen, die im Lande bleiben oder an den Hof gehen, müssen keine feinen, sondern nur gemeine und graue Papiere gebraucht und also das in dem Kammeretat dazu ausgesetzte Quantum bestmöglich menagieret werden. Der Quark ist nicht das schöne Papier wert.«

Nahezu in allem sollte man sich künftig mit der Hälfte des bisher Üblichen begnügen. Der Etat des Hofes aber wurde auf den fünften Teil herabgesetzt. Alle hohen Gehälter wurden rund auf ein Drittel gekürzt, sollten nun aber auch wirklich ausgezahlt werden – wenn nicht jeden Monat, so doch schlimmstenfalls zum Quartal – und nicht mehr nur in abgetretenen Forderungen und Außenständen bestehen. Heraufgesetzt wurden dagegen die Gehälter der untersten Beamten. Dem Staatsrat wurde mitgeteilt, daß er aus Ersparnisgründen aufgelöst sei. Der König mied die harten Worte, die ihm in die Feder kamen. Zwei oder drei Namen dieser durchgestrichenen. Staatsratsliste erhielten den Vermerk: »Ist gut. Bleibt.«

Als König Friedrich Wilhelm sich von seinem Schreibtisch in der Fensternische des Hirschsaals erhob, hatte er für sein erstes Regierungsjahr eine halbe Million Taler eingespart. Allenthalben in den Reichen rings gehörte aller Staatsschatz, dem Herrscher. Der neue Herr in Preußen nahm alle Schulden auf sich und bewilligte sich nur ein kleines Gehalt.

 

In Berlin zitterte man, wie die Rechnung des Königs wohl aufgehen werde. Zwischen Erlaß und Durchführung war keine Zwischenspanne mehr gegeben, sich von dem Entsetzen zu erholen. Wer mehr borgte, als er bezahlen konnte, wurde als Dieb und Fälscher angesehen, seiner Ämter enthoben und für alle Zeiten unfähig erklärt, solche zu bekleiden. Wer sich boshaft benahm durch Üppigkeit, überflüssiges Bauen, übelgeführte Menage, Schädigung von Kaufleuten, ungedeckte Wechsel und dergleichen, sollte durch Pranger, Gefängnis, Festungsarbeit, Landesverweisung, Staupenschläge oder gar Tod durch Strang verurteilt werden.

Das Rangreglement all der Schuldenmacher, das am alten Hofe auf einhundertzweiundvierzig Stufen angewachsen war, verringerte der neue Herr um ein volles Hundert. Vor allem aber hatte er die höchsten Staatsbeamten und die Generale nun über die Hofmarschälle und Kammerherren gesetzt, als gedenke er eine neue Würde seines Hofes aufzurichten, soweit man dies übriggebliebene Gebilde noch Hof zu nennen bereit war.

Die Hoftrompeter und Hoboisten, die jeden Mittag das Schloß mit ihrer Festmusik erfüllten und den glänzenden Herren und Damen aufspielten zu dem schwelgerischen Mahl des alten Königs, waren zum letzten Male im Trauerzug des ersten Königs von Preußen und zum Leichenschmaus der Trauergäste erschienen. Von nun an sollten sie nur noch auf Kasernenhöfen zu dem Exerzitium der Soldaten blasen und die Becken schlagen. Der neue Herr behielt nur einen Hoftrompeter.

Die Schloßwache der hundert Schweizer, die bislang in Samt und Seide, reich mit Gold gestickt, einherstolzierte, war entlassen und wurde wie die prächtigsten Leibgardisten unter die Regimenter König Friedrich Wilhelms gesteckt. Die Schweizer warfen seinen Korporalen ihre weißen Federhüte vor die Füße. Aller Welt klang es wie Hohn in den Ohren, als der König erklärte, er jage niemand von sich; es stehe auch all den Kammerjunkern, Hofherren, Zeremonienmeistern, selbst den Hofpoeten frei, als Offiziere in die neue Armee einzutreten.

Eine königliche Tafel gab es nicht mehr für sie. Die Silbergedecke wanderten aus den Sälen in die Münze, damit Geld aus ihnen geprägt werde. Die kostbaren Weine des Schloßkellers gingen über die Grenze, über die sie kamen, und das für sie ausgeworfene Geld sollte wieder zurückkehren.

Über hundert edle Pferde aus dem Marstall, Karossen und Sänften in unermeßlicher Zahl wurden fremden Fürsten zum Verkauf angeboten. Dabei trafen gerade jetzt dreizehn spanische Hengste, eine Bestellung noch des alten Königs, von siebenhundert Meilen her ein.

Aus den Gärten entfernte man die Statuen. Die ausgeräumten Gebäude, Ställe, Gärten und Parks wurden verpachtet. Die Pächter drängten sich in den Toren, und in den Vorkammern des Schlosses warteten die Juweliere. Denn die diamantenen Agraffen und Schnallen, die Perlenkrone und die Juwelen hatten als letztes das Paradebett des königlichen Leichnams geziert. Alle überflüssigen Schmuckstücke, neu getaxt und registriert, wurden verkauft und die daraus gelösten Summen vom König zur Errichtung neuer Regimenter und zur Bezahlung der väterlichen Schulden verwendet. Es sprach sich herum, daß der neue König viele Juwelen des alten Königs geschmacklos gefaßt fand.

Die wilden Tiere und seltenen Vögel der königlichen Menagerie wurden an König Augustus nach Dresden verkauft, die antiken Statuen am sächsischen und russischen Hofe zu Golde gemacht. Der Fundus des väterlichen Opernhauses in der Breiten Straße gelangte zur Auflösung.

Die Staatsminister bekamen keine Schildwachen mehr vor ihre Häuser.

Der König brach mit der Gepflogenheit, daß nur Fürsten von Geblüt an der königlichen Tafel sitzen durften. Die Tafel der Gräfinnen hörte auf; der Maître de la garderobe verschwand.

Die Tafelbedienung hatten nicht mehr Edelleute, sondern nur noch Pagen und Lakaien; und selbst der Leibmundschenk war nun nicht einmal mehr wie vordem als Lakai, sondern nur wie ein Stall- und Reitknecht gekleidet, ohne Tresse und mit rotem Kragen.

Die Königin übersah geflissentlich die Verwandlung, die mit der Tafel vor sich gegangen war. Zinn war statt Silber gedeckt. Sie übersah auch die Aufmerksamkeit, die der König ihr erweisen ließ: ihr eigener Platz war mit allen edlen Geräten, wie sie einer Fürstin nur irgend zukommen können, bestellt. Von den hausväterlichen Tischreden des Königs, der plötzlich nur noch deutsche Hausgerichte auftragen ließ, fühlte sie sich unangenehm berührt.

»Sie entbehren«, hob er schon beim Vorgericht an, »heute zum Nachtisch die Früchte südlicher Zonen – in wenigen Monaten werden die gleichen Früchte in unseren Gärten reif sein, uns genau so gut munden und nicht den zwanzigsten Teil kosten.«

Der König war mitten in der Durchführung des Wusterhausener Reformplans. Jedes Ereignis des Tages war zu diesem Projekt in Beziehung gesetzt, selbst die Rast und Labsal der Mahlzeiten.

Noch ehe es dunkel wurde, hielt der Hausherr einen Rundgang durch sein Schloß, Schlüters machtvolles Werk, die Schöpfung eines Römers in der Mark Brandenburg. Friedrich Wilhelm gedachte nicht, die oberen Räume des verstorbenen Königs mit all ihrem Gold und Elfenbein zu beziehen, sondern richtete sich im Erdgeschoß ein, das wesentlich einfacher, wenn auch für seine Begriffe noch sehr prächtig, eingerichtet war.

Er durchschritt das ganze Viereck und seine vier Höfe, die ihm siebenhundert Säle und Staatsgemächer umschlossen; er scheute nicht die langen Säulentreppen und die schmalen Wendelstiegen. Bewußt ergriff er von allem Besitz. Er stand im Turmgemach des Grünen Hutes, hielt Umschau in der Gobelingalerie und im Alten Haus der Herzogin und war entsetzt von der Unordnung in den niedrigen, dunklen Domestiken- und Offiziantenbehausungen im Halbstock. Er sprach mit der königlichen Waschfrau und dem Bettzeugmeister, die ihre Wohnung zwischen zwei Portalen hatten. Die Weißzeugkammern aufzusuchen, war ihm nicht minder lohnend als einen Blick in den Pfeilersaal mit seinen ionischen Säulen und in das Speisezimmer der Marschallstafel zu tun, wo goldene Adler Tische und Kamine aus buntem Marmor trugen. Er freute sich am Spiegelglanz der Kassettenfußböden im Cour- und Konzertsaal. Die weiten Hallen ermüdeten ihn nicht; er stand in den für fremde Fürstlichkeiten hergerichteten Appartements im Hause des Großen Kurfürsten, die von Ebenholz und Schildpatt strahlten, und sah aus den Bogenfenstern der Galerie auf den düsteren Hof und die Ufer der Spree. Tief und wie beschattet von den Wolken, stießen die Möwen über dem Fluß am Schlosse regellos stromauf, stromab. Bibliothek und Manuskriptenkammern wurden nicht übergangen; in den fast geleerten Silberkammern dachte er über die Möglichkeiten ihrer neuen Verwendung nach. Hinter dem Komödiensaal öffneten sich ihm wieder unversehens Türen in weite, in allen schweren Farben leuchtende Zimmerfluchten, mit denen nachtschwarze, schmale Alkoven wechselten; die Unzahl der Treppen führte in die Irre, die Fülle der Türen verwirrte – König Friedrich Wilhelm stand erschöpft. Doch hatte er sein Schloß durchwandert.

Es war nicht sein Haus, war eine Wirrnis, zerrissen von zu vielen Willen, war steingewordene Flüchtigkeit der Leidenschaften und Launen und Spielball im Kampfe seiner Erbauer. Eine Stadt war es mit vielen Häusern und Wohnungen. Verfall war es und Übermaß der Pracht in einem, Schutt alter Zeit und Unvollendetes, Friedlosigkeit in der Unruhe fürstlicher Wünsche – zuviel Glanz, zuviel Unrat, zuviel Fremdheit! Ein Geist der Antike hatte einem armen Herrschergeschlechte einen Cäsarenbau, im Norden den größten aller römischen Paläste zu schaffen getrachtet. Die Kraft des ersten »Königs in Preußen« versagte davor. Der zweite König mußte einen Abschluß schaffen, dort, wovon Spinnenweben verhängte Gerüste noch auf den Fortgang des Baues harrten. Das Schloß sollte bewohnbar und verwertbar werden und namentlich menschenwürdige Dienerkammern neben dem Übermaß der Säle erhalten; ganze Zimmerfluchten standen noch unmöbliert.

So endete alle Umschau nur im Rechnen. Creutz zählte dem Herrn im Baubuch Spalte um Spalte auf. Die Berechnung der letzten sieben Jahre lagen dem König und dem Schreiber vor; Monat für Monat hatte das Land sechstausend Taler zum Schloßbau gegeben. Dreihunderttausend Taler waren an Spiegelwände und Brokattapeten, an Marmorportale und Schnitzereien von kostbarstem Zierholz vergeudet. Die Scharlatane und Verschwender waren über das Werk eines Gewaltigen gekommen. Schlüter, der große Römer des Nordens, war an der Weite seiner Ahnungen gescheitert; er war gestürzt, weil er das Gewimmel der Winzigen um sich an König Friedrichs Hof zurückzudrängen suchte; am Hofe König Midas' siegten die Winzigen. Die Launen eines Eosander triumphierten, des Königinnenschützlings, des Mannes von Geschick, der sich in Spielereien und Spiegelfechtereien gefiel. Der Dekorateur der Königsberger Krönung hatte weiterbauen dürfen, was Schlüter begann. Und solch kostbare Kraft wie einen Eosander legte der junge Barbar, der nun in König Midas' Reich regierte, brach!

»Im allgemeinen«, erklärte der König, »handelt es sich bei diesen Herren, die uns nun verlassen wollen, um Ausländer, die den Erfordernissen meines armen Landes fremd bleiben müssen. Wenn Künstler und Tapetenmacher« – und dieser Zusatz klang verächtlich – »weggehen, sie mögen nur hinziehen. Es wird sie eher gereuen als mich.«

Ehe er dahinzog, mußte aber der Chevalier Eosander noch auf eigene Kosten das Trauerportal abbrechen lassen, das er eigenmächtig zu König Friedrichs Beisetzung aufgeführt hatte.

 

Jeder Morgen sah den König jetzt auf einem anderen seiner umliegenden Schlösser, auf dem vasengeschmückten Oranienburg und dem trophäenreichen Friedrichsfelde, auf Schönhausen, Ruhleben, Charlottenburg. Ach, daß der Sand der Mark nichts tragen sollte als Arkaden, Säulen und Kapitale fremder Zonen und vergangener Zeiten, als die wunderlichen und steifen Figuren der Taxushecken ferner Gefilde! Ach, daß die weiten Buchen mit glatten, harten Kugeln sich schmücken mußten, statt ihrer schattenden Kronen! Ach, daß mit blauen Seidentapeten, durchwirkt von goldenen Drachen, die Armut der Schloßherrschaft verhüllt sein sollte! Siebentausend Zentner Silber wurden auch aus diesen Schlössern nach Berlin geschafft als kleiner Beitrag zu der Schuldendeckung. Der Herr sprach sein Nein über seine Schlösser und Gärten.

Nur in Charlottenburg verweilte er. Zögernd stand er an dem goldenen Tor zum Schloß seiner Mutter. Wie eine eigene, weite Landschaft und ein besonderes Reich breiteten sich die Königinnengärten jenseits der kleinen Hügelwellen zwischen dem Lietzensee und der Spree. An jener Böschung des Ufers hatte er die Mutter und ihre Damen bei dem Gartenfest mit seiner Knabenkompanie, verkleidet als Türken, überfallen und zu Schiffe auf der Spree in sein Lager entführt, in bunte und gastliche Zelte, in denen die Knaben die Damen bewirteten. In den Nischen der bilderbedeckten Säle und Konzertzimmer blätterte er in den Büchern der Mutter. Dann und wann fand er an dem Rande mancher Seite ein Datum und Wort, die ihn selbst betrafen, und von den Wänden lächelte er sich überall selber entgegen, bald im Harnisch, bald im Hirtenmantel auf Befehl der Mutter gemalt. Er blieb lange vor der Schatzkammer ihrer Notenschränke, schlug die Partituren auf, summte einige Takte; da war nichts Tänzelndes und nichts Gespreiztes, nur Festlichkeit und süßer Klang und manchmal auch ein frommes Rauschen, manchmal auch der Schlag eines Herzens. Der König nahm die Schlüssel zu den Notenschränken an sich. Es hatte wohl in seiner Knabenzeit nicht zu Unrecht von ihm geheißen, daß er im Flötenspiel so sehr weit fortgeschritten sei; und es traf ihn tief, wenn man ihm seine Flöte nahm. Freilich wollte er auf ihr blasen, was ihm einfiel.

Der König sprach sein Ja über das Schloß und den Garten der Mutter, in den er auch die raren Gewächse all der anderen Lustgärten bringen ließ, die der Auflösung bestimmt waren. Und hier vergaß er es zum erstenmal, darüber zu richten, daß das Schloß mit den drei mächtigen Flügeln und seiner weiten Cour de la reine zu reich angelegt war für den Landsitz der ärmsten deutschen Fürstin und daß es von Eosanders maßlosem Turmbau zu üppig gekrönt war für die Wandelhalle einer philosophierenden Königin, die sehr unphilosophisch Wünsche für Wirklichkeit nahm.

 

Alle sollten sie begreifen, was der neue Herr sich vorgenommen hatte. Die Menschen, die sich nicht Gedanken machen wollten, brauchten grelle Bilder. Sie mußten erfassen, daß das Alte vergangen und alles neu im Werden war und anders wurde; daß der Zauber verflog und nur ein Wunder das Unglücksland zu retten vermochte. Weil er das Wachsende liebte, sollten die starren Bosketts und Rondelle, all die müßigen Irrgärten vergehen, die Wasserkünste der Fontänen versiegen, die Mosaike und Arabesken der Alleen zertreten sein.

Blitzende Silberscheren und farbige Baste genügten nicht mehr, und die zierlichen, geputzten Herrlein aus Paris, die einen Park nur stutzten und frisierten, waren dieses Frühjahr überflüssig. Männer mit Seilen und Sägen hielten frühe Ernte in den Gärten, die noch niemals Frucht getragen hatten. Die mit Fabeltieren und Blumengöttern ausgemalten Gartenwagen fuhren nicht mehr von Brunnenspiel zu Grotte, von Terrasse zu Pavillon. Große, schwere Walzen preßten die Erde ein, der man alles entrissen hatte, was Farbe war, Zierat und Duft. Die Parketts, Zeugnisse hoher Gärtnerkunst, sah man der fremden Blumen beraubt und von breiten Aufschüttungen märkischen Sandes überdeckt. Die Vögel fanden in den Laubengängen keine Stätte mehr, und entsetzt flatterten sie auf aus all der Leere und Kahlheit.

Was sollte nun noch das Ballhaus zwischen geköpften Lorbeerbäumen und vernieteten Fontänen? Der König forderte die Schlüssel ein. Die Brunnen sprangen nicht mehr. Immer schwächer, matter, welker war ihr Strahl und ihr Rauschen geworden. Düster stand der Herr dabei, als die letzten Tropfen ins geleerte Becken fielen. Das kleine Haus, darin das Triebwerk stand, wurde zum Pulvermagazin bestimmt.

Plötzlich war der König voller Leben. Die Kraft, die alle Wasserkünste spielen ließ, durfte er nicht vergeuden. Unermeßliche Summen waren an all die spielerischen Erfindungen verschwendet. König Friedrich Wilhelm ließ die Gärtner stehen. Baumeister und Ingenieure wurden geholt. Der König selber nahm den Zollstock zur Hand – der König, der den Marschallstab nicht führen und durchaus ein Oberst bleiben wollte, weil keiner da war, ihn zu erhöhen, außer ihm selbst.

Wo die Wasserbehälter lägen, die das Röhrennetz der Wasserspiele speisten, fragte er eifrig. Sie zeigten sie dem Herrn am Wehr der Werderschen Mühle. Er ließ die Schritte zählen von der Mühle bis zum Lustgarten, vom Lustgarten zum Schloß, vom Portal zur Empore, vom Erdgeschoß bis zum Dach. Dann entwickelte er seinen Plan. Es sollte sauber werden im Schloß. Der König lachte. Was galten Wasserspiele! Wasser war da zur Reinlichkeit! Die aber fehlte.

Wasser ist Fruchtbarkeit, dachte er einen Augenblick, und es schnitt ihm ins Herz, daß er die Blumen ausrotten, die Bäume fällen, die Hecken zerreißen lassen mußte, statt sie wachsen und grünen zu lassen, von immer rinnendem Wasser beregnet.

Er hielt sofort Konsilium mit den Ingenieuren. Er selber wies die Möglichkeiten; das Wehr an der Werderschen Mühle habe jene Wasserstärke, der Springstrahl der Fontänen diese Höhe. Wenn man ihn nun in dünnen Röhren in den Mauern des Schlosses aufquellen ließ? Eine Wasserleitung tat not! Er beschrieb sofort die Zeichnung, nannte Maße, Zahlen, erwog die Kostenanschläge. Zwei oder drei der Herren Baumeister und Ingenieure verstanden, einige verbargen das Lachen. Der König wollte große, steinerne Becken mit gutem Abfluß für das tägliche Morgenbad. In jedem Stockwerk verlangte er Hähne für die Wasserleitung. Die Waschbecken schienen ihm am meisten zu eilen. Einer unter all den Zögernden sagte: »Ich würde es wagen.« Der Herr erbat den Namen, warf einen Blick auf den Mann. Nun war er fest im Gedächtnis des Königs.

 

Während der lärmenden und schmutzigen Bauarbeiten in dem Großen Residenzschloß entschloß sich die Königin, ihr Lustschloß Monbijou zu beziehen. Ihre beiden Kinder nahm sie mit sich. Die einstigen Gemächer der verbannten Gräfin Wartenberg wurden eiligst für die Bedürfnisse der Königin hergerichtet; wiederholt ließ König Friedrich Wilhelm anfragen, was etwa noch fehle. Doch war alles reichlich vorhanden. Die Königin hatte endlich ihren eigenen, wenn auch kleinen Hof und war deshalb in bester Laune. Das Schloß, ein Bau zu ebener Erde, ein Eosanderscher Lusthof nach italienischer Art mit französischem Garten, schien der Königin reich und schön und für die Repräsentation einer großen Dame wie geschaffen, weil auf die Gesellschaftsräume unendliche Sorgfalt verwendet worden war. Für Personal und Gäste waren reichlich Nebenflügel vorhanden. Die Galerie mit ihren Arkaden und den wie Bambusstäbe zarten Säulen und die kleinen Säle der Hauptfront lagen fast den ganzen Tag in der Sonne, und nahe an dem Gartensaal, vor der steinernen Terrasse, floß die Spree unter breiten Akazien vorüber. Der König freilich teilte nur wenig das Entzücken seiner Gattin darüber, daß der Chevalier Eosander die Schauseite so hatte anmalen lassen, daß sie den Marmor des Mittelmeeres mit dem Lack von China zu verbinden schien, und daß er über eine erdrückende Balustrade mit Vasen und Genien noch eine schelmische Pagode setzte.

Alle Deckengemälde des kleinen Palastes trugen den Namenszug der neuen Königin. Wenn möglich, wirkten sie plastisch, wie beinahe die ganze glatte Architektur von Monbijou perspektivisch bemalt war – eine dem König von Herzen verhaßte Wirkung, welche die Epoche aber grenzenlos bewunderte. In all und jedem zeigte sich eben der König im Widerspruch und Unrecht. Er trübte aber nicht die Freude der jungen Königin an ihrem Gartenschlößchen à la mode, zumal es ein Geschenk seines Vaters an sie gewesen war.

Dabei, und das war ihr willkommen, verhielt es sich gar nicht so, als habe sich die Königin auf einen stillen Sommersitz zurückgezogen. In ihren Empfangsräumen und Gesellschaftszimmern herrschte vielmehr ein ungleich regeres Leben als drüben in dem großen Schloß, von dem Monbijou nur durch den der Vernichtung preisgegebenen Lustgarten getrennt war. Bald fuhr eine Equipage an der Seitenauffahrt von Monbijou vor, bald trug man eine Sänfte bis an die hohe Glastür der Galerie; die Königin hatte zu begrüßen, Konversation zu machen und war glückselig. Sie wollte sich nicht eingestehen, welch armen Landes Königin sie geworden war. Sie spürte es deutlich, wie die Kreise des alten Hofes nur darauf gewartet hatten, daß sie eigenen Hof hielt. Wer Glanz und Weite suchte, würde sich hier um sie scharen! Man bemühte sich, Zutritt bei ihr zu erlangen; man warb um ihre Gunst, um ihr allerlei Anliegen vorzutragen, für die beim König kein Gehör zu finden war. Wenn es nur noch ein anderes Thema gegeben hätte als die engstirnigen, kleinlichen Maßnahmen des Gatten!

Bestieg ein junger König sonst den Thron seines Vaters, so geschah es, daß selbst weither vom Morgenland die Kaufherren kamen mit reich beladenen Karawanen, die bunte, kostbare, golddurchwirkte Tücher mit sich führten, seltene Gewebe, hauchzarte Spitzen und üppige Pelze und Federn, um königliche Ware auszubreiten vor dem neuen Herrn.

Zum neuen König von Preußen hatte ein einziger, schlecht unterrichteter Händler sich verirrt; der bot ihm zwei Löwen und einen Mohren an. Der König empfahl ihm als Käufer für die Löwen den Kurfürsten August von Sachsen, der ihm selbst bereits die väterliche Menagerie abgenommen hatte. Den Mohren behielt er, weil er fand, er gebe einen herrlichen Krieger.

So hatten denn bei dem zweiten König von Preußen statt der fremdländischen Händler nur einfache märkische Wirker und Tuchmacher täglichen Zutritt, und er hielt Rat mit ihnen, als wären sie Ministern oder Kammerherren ebenbürtig. Ein Verbot für die Einfuhr fremder Tuche und für die Ausfuhr einheimischer Wolle war schon ausgesprochen; und um die Mode der Hofkreise zu verhöhnen, trugen die Profosse, die Henker der Regimenter, die prunkende Pracht französisch gekleideter Kavaliere. Frauen, die sich in fremdländischen Kattunkleidern sehen ließen, hatte der König auf offener Straße die Kleider vom Leibe reißen lassen. Die Untertanen sollten nur noch preußische Wolle tragen. Den königlichen Beamten und Lehnsleuten war befohlen, kein anderes als rotes und blaues, im Lande angefertigtes Tuch und lediglich inländische Zeuge, Strümpfe und Hüte für sich und ihre Dienerschaft zu verbrauchen. Die alte Markgräfliche Hofburg in Berlin war bereits in ein Lagerhaus für inländische Stoffe verwandelt. Der König prüfte die Proben des elenden Machwerks, als böte man ihm Kaschmir und Scharlach dar. Der König fragte und trieb die zögernden Antworten ein. Wie läßt die Leinenweberei sich beleben? In welcher Frist kann man Ersatz beschaffen für die auswärtigen Kattune und Baumwollstoffe? Auf welchen Gebieten der Stoffabrikation fehlt es an Facharbeitern? Soll man nicht Werkmeister aus Holland für die Tuch- und Gewebeindustrie als Lehrmeister holen? Muß man nicht Wollkämmer, Tuchscherer, Walker, Presser, Seidensortierer, Wicklerinnen, Blattmacher, Mouliniers, Musterleserinnen, Färber, Appreteure, Webstuhlschlosser, Stuhlaufsetzer aus Lyon, Turin, der Schweiz herrufen? Wie steht es um Berliner Ellen und Archinen, ums Zwirnen und Haspeln und Zupfen, die besten Binsen zum Wollrade, das feinste Baumöl für die Walkmühle?

Nun wieder fragten die anderen, und oft taten sie es töricht; namentlich schienen aber alle ihre Erkundigungen, die offenen und die versteckten, dahin zu zielen, wer denn nun eigentlich der große Kunde all der neuen Manufakturen sei. Der König überstürzte sich in Antworten, Bescheiden, Erklärungen; sein Gesicht war ganz hell.

»Der König von Preußen wird mein Abnehmer für die Tuche sein. Der König von Preußen vergrößert sein Heer. Alle Bedürfnisse der neuen Armee sollen durch inländische Arbeit aus inländischen Stoffen preußischer Tuchmachereien gedeckt werden. Bisher hat lediglich der Aufwand des Hofes, und zwar allein in der Residenz, dem Verkehr und Gewerbe Nahrung gegeben. Fortan soll die Armee dem ganzen Lande den gleichen Dienst in gesünderer Weise leisten. Damit aber nie mehr hergestellt wird, als verbraucht werden kann, ist die gesamte Tuch- und Wollindustrie von nun an unter strenge Kontrolle gestellt – auch darum, daß keiner sich zu Unrecht bereichere.

Noch kann man eure Waren im Ausland billiger und besser haben. Aber wir werden alles tun, das Ausland zu überflügeln. Nur dieser Weg führt euch aus der Armut. Der geldraubende Import aus Frankreich, England und Holland muß ein Ende finden. Wurde nicht bisher aus unserem Land Wolle für ein Schleudergeld exportiert und, modisch verarbeitet, zu Wucherpreisen an uns zurückverkauft? Welcher Wahnsinn! Wollt ihr nicht an der selbständigen Verarbeitung zu wohlhabenden Handwerkern werden? Traut ihr euch nicht mit mir zu, selber gutes Soldatentuch und Landtuch zu weben, der Schwierigkeiten mit der grünen und der roten Farbe Herr zu werden, Spanisches und Londoner Tuch zu fabrizieren, Kirsey, Perpetuel und frisierten Molton, radrillierten Brillanttaft, Drap des Dames und Quinette – alles, was die Damen zur Seligkeit brauchen? Es gilt nur, noch einmal in die Lehre zu gehen! Es gilt nur vor allem für mich, das große Schafsterben für euch zu bekämpfen!«

Hätte nicht der Herr vor ihnen gestanden, manche hätten sich den Kopf gekratzt. Bis dahin hießen ihre Tücher Weinelaken, so viele Tränen der Not waren in ihr Gewebe gefallen. Der König raste noch mit der Feder: »Haben sie den Tuchhandel verdorben, so hole der Deuffel die kovmannschaft« und griff nun dieses eine Gewerbe heraus, um an ihm zu erlernen, wie er in allen anderen sachkundig und leistungsfähig werden könne. Auf diesem einen Gebiete machte er ein Experiment für alle übrigen. Es war an der Zeit. Die Industrie in ganz Deutschland war tief herabgekommen; in der Mark Brandenburg war der Verfall am traurigsten.

»Ein Land ohne Manufaktur ist ein menschlicher Körper ohne Leben, also ein totes Land, das beständig pauvre und elend ist und nicht zum Flor gelangen kann«, beharrte der von allen angezweifelte König auf seiner Meinung, »Manufakturen im Lande sind ein rechtes Bergwerk aller Schätze«. Und er gründete auf eigene Kosten die erste Feinspinnerei für spanische Wolle in Berlin. Auf diese Weise, hieß es, vertat er das Geld, das er den anderen wegnahm.

 

Allgemein prophezeite man, die preußischen Zustände würden sich nur noch dieses Jahr und allenfalls das nächste halten lassen. Es könnte nicht so weitergehen; der Sturm würde, je heftiger er rase, desto eher ausgetobt haben. Am wenigsten glaubte man und sprach es höchst leichtfertig aus, daß in so wüstem Hin- und Herfahren irgendein Plan und Zusammenhang wäre; der junge Herr würde bald genug festsitzen. Aber da niemand den nächsten Schlag vorher wisse, sei es unmöglich, ihn zu parieren.

Die europäische Fama nannte den König einen guten Doktor, der durch seine dauernden Kürzungen die Leute von der Üppigkeit kuriere. Der König, als eine Gräfin es ihm vorlas, bemerkte, es sei ihm lieb, daß er ein so trefflicher Doktor würde. Er wolle bemüht sein, noch bessere Kuren auszuüben.

Gerade die, denen er Wohlstand verhieß, die Handwerker, wurden zu sieben- oder gar achttausend vorstellig, sie könnten statt fünf bis acht Gesellen nur noch einen oder zwei beschäftigen, wenn das vornehme Berlin derart zu verarmen drohe. Der König ließ sofort Ermittlungen anstellen.

Das Gesinde aufgelöster Haushalte der alten Hofkreise saß herrenlos in Schenken umher. Der König mußte die Leute ins Spinnhaus, in seine neuen Fabriken oder die Kasernen bringen lassen. Die Gesindeordnung schreckte Dienstboten und Herrschaften; eine höchste und tiefste Lohnstufe war festgesetzt, Zeugnisse von Geistlichen und bestimmte Kündigungstermine wurden gefordert, Prämien für langjährige Dienste erwogen.

Die Kaufleute der Refugißes schlossen ihre Läden und verkauften ihre Waren stückweise und freihändig, ohne sie noch zu ergänzen. Vierzig französische Handwerkerfamilien machten sich heimlich davon.

Ein großer, vierzehn Tage währender Markt wurde kaum beschickt.

Die Einwohnerzahl Berlins verringerte sich zusehends. Nicht nur die Maler, Architekten und Bildhauer verließen die Residenz.

Einer der Hofnarren des alten Hofes erhängte sich auf dem Heuboden des Marstalls. Gerade die armen Narren und Zwerge aber, die bei seinem Vater in Gold- und Silberstoff gekleidet einherstolzierten, hatte König Friedrich Wilhelm nicht entlassen, bis auf den Zwerg aus Kurland, der jährlich für sechstausend Taler Wachslichte stahl. Auch schickte er des Königs Midas Mohren aus dem Morgenlande nicht hinaus in die Fremde nördlicher Länder.

Präsidenten und Geheimräte, deren sich das alte Regime durch Festungshaft entledigt hatte, wurden jetzt, wie es ausdrücklich hieß, wegen ihrer bekannten Fähigkeit, Treue und Redlichkeit aus dem Gefängnis auf hohe Posten gestellt. Kühnen Bewerbern gab der König kleine Chargen, vor allem aber zunächst einmal die Gelegenheit, das Metier zu lernen.

Der gerechten Verteilung der Geldmittel wegen wurde der Etat der Akademie der Künste auf zweihundert Taler herabgesetzt. Allerdings hatte der König nun auch für die herrschende Richtung kein sonderliches Wohlwollen. Er liebte nicht Maler, die zugleich Ballettänzer und Hoftanzmeister waren. Die Mitglieder der Akademie der Wissenschaften sahen sich eben um jener gerechten Verteilung der Geldmittel willen in der Verlegenheit, ihre Ämter niederzulegen, den Aufenthalt künftig in fremden Staaten zu suchen oder, was am häufigsten geschah, von nun an zurückgezogen und unbekannt zu leben. Die mit so großer wissenschaftlicher Spannung erwartete Begegnung des Jupiter mit dem Saturn sollte angeblich schuld daran sein. Der König hatte nur zu gut verstanden, warum die müßiggängerischen Sterngucker gar so viel Aufhebens machten von der erwarteten Opposition des Jupiter und Saturn! Er verstand es ohne astronomische und astrologische Kommentare, wer mit Jupiter, dem guten und gerechten, und Saturn, dem tückischen und unheilbringenden, gemeint war. Die Räume des Observatoriums wurden durch Anschlag zum Vermieten ausgeboten.

Die Brüder des verstorbenen Königs, die Herren Markgrafen, sah man nur noch als ein Häuflein ängstlicher, verschüchterter und verschuldeter alter Männlein.

Des Lamentierens und des Klagens war kein Ende. Selbst jene, die den Abschied begehrten, jammerten; sie wollten Dienst in Nachbarländern suchen. Aber manchen gab der Herr nicht frei, weil jener vielleicht ein Archiv und dieser einen Landesbezirk mit einiger Gründlichkeit kannte. Andere wieder sollten ihr Geld im Lande verzehren, weil man es ja auch hier erworben habe. So ging, dies schrieben die Gazetten, ein jeder sehr piano. Der ist ärger als Karl XII. von Schweden und Zar Peter, stöhnten viele.

Am Osterfest predigte der Hofprediger Henrich, es würden sich wohl wenige unter seinen Zuhörern an diesem Feste zu erfreuen haben, weil den meisten das Brot genommen wäre. Selbst der Fortbestand der Gotteshäuser wäre ungewiß, und wer könnte wissen, ob nicht sogar der Dom noch zu einem anderen, gewinnbringenderen Gebäude würde verwendet werden. Predigttexte wurden versehentlich und zufällig verwechselt, so in einer Predigt, die mit der Klage über den Tod des guten, alten Königs begann, Daniel 2, Vers 20 und 21 – was als leicht möglich galt – mit den entsprechenden Versen in Daniel 11; und dort hieß es: »An seiner Statt wird ein Ungeachteter aufkommen, welchem die Ehre des Königreichs nicht zugedacht war; der wird einen Schergen sein herrliches Reich durchziehen lassen; aber nach wenig Tagen wird er zerbrochen werden.« Auch die Verse untereinander waren also noch ein wenig verwechselt, was ebenfalls leicht möglich sein sollte. Dennoch mußte der Pastor für sechs Monate nach der Feste Spandau gehen, in größerer Ruhe den Text für seine nächste Predigt auswählen zu können.

An dem dritten Feiertagsmorgen – den Beamten war verboten, den dritten Tag der hohen Feste und die sogenannten Bummelfeste noch zu begehen – hingen Schilder aus den Fenstern des Schlosses: »Dieses Schloß ist zu vermieten und diese Residenz Berlin zu verkaufen.«

Die Zeitungen berichteten es und fanden ungeheuren Absatz. Der König verbot die Journale; er liebe theoretische und kritische Auseinandersetzungen nicht.

Daß er in aller Munde Der Plusmacher hieß, vermochte er nicht zu verhindern. Da half ihm keines seiner neuen Gebote, von denen er gesagt hatte: »Edikte müssen Edikte bleiben, ohne alles und ferneres Räsonieren. Dieses ist die Meinung.«

 

Die Gesandten der fremden Staaten waren sich in einem ungewöhnlichen Maße einig. Sämtlich fanden sie, daß ihre schwierigen Missionen außerordentlich erleichtert würden, wenn dieser eigenartige und heftige junge Herr sich derart in Bagatellen verzettele und seinem Feuereifer mit Lappalien genüge. Der junge Herr schien die Bedeutung der diplomatischen Vertretung unter den Ländern nicht zu erkennen. Die auswärtigen Gesandtschaften wurden eingeschränkt, die Residentenposten in den kleinen Ländern völlig eingezogen. Für den Plusmacher schien es nur den einen Gesichtspunkt der Sparsamkeit zu geben. Die fremden Herren wollten erfahren, ob dem auch ganz gewiß so wäre; und so wurden sämtliche Minister und Geheimräte, die im Amt belassen worden waren, allabendlich in einen der Gesandtschaftspaläste eingeladen. Auch waren beruhigenderweise gerade in dem Departement der auswärtigen Affären die wenigsten Veränderungen vorgenommen worden, als begnüge sich der junge König, er, der Neuerer, damit, daß er hier bereits drei seiner Anhänger aus seiner Kronprinzenzeit walten wußte. Wahrscheinlich aber war, daß er keinerlei Erschütterungen in Preußens Beziehungen zu dem Auslande wünschte und also eine tiefe Einsicht in die Ohnmacht seines Landes zeigte.

Dem widersprach, daß er plötzlich den Befehl ausgab, die Minister dürften nur noch auf bestimmte Weisung mit den fremden Gesandten verhandeln; und den Geheimräten war mit einem Schlage nicht einmal mehr erlaubt, sich selbst auf Assemblees mit den Gesandten überhaupt auch nur in vertrauliche Gespräche einzulassen.

Überdies erhielt man Kenntnis davon, daß der neue Herr alle Militär- und Regierungsschreiben eigenhändig aufbrach. Er wollte es lernen, diplomatische Schriftsätze zu lesen und Diplomatenreden anzuhören. Er haßte beide; er wollte, er wäre dieser Teufelsgeschichten frei, weil sie ihn von den Dingen abzögen, die ihm nützlicher seien, gestand er. Aber er begann, die Teufelsgeschichten wohl zu verstehen. Niemand wußte es ganz, wie eingehend er sich mit den auswärtigen Affären befaßte, wie selbständig in seinen Entschlüssen er vorging, auch wenn er sich immer wieder sehr sorgsam mit seinen Ministern beriet und namentlich den alten Ilgen hörte, der nun schon dem dritten Brandenburger diente; Ilgen, der zu einer so vollkommenen Kenntnis aller Beziehungen und Interessen des Staates und der Dynastie gelangte, daß er in ihnen zu Hause war wie in seinem Eigentum.

Die eigenen und die fremden Minister aber lasen mit Befremden die Bedingungen, die der König für alle mit ihm zu führenden Verhandlungen stellte; er wollte deutsch von deutschen Dingen reden: »Ich bin ein Deutscher. Ergo will ich meine Sprache schreiben wie der Zar die seine.« Immerhin verhieß er, daß in seine deutschen Briefe, sein Entgegenkommen zu beweisen, noch ein lateinischer eingeschlossen sein werde, »von Deutsch in Lateins übersetzet«.

Die Herren Gesandten von Österreich, den Generalstaaten der Niederlande und von Großbritannien gedachten den Unerfahrenen, als den er sich selbst ausgab, mit ihren neu erhaltenen Instruktionen zu überschütten. Wie diese aber auch umschrieben waren: sie wollten nur den Krieg gegen Frankreich.

Der große Alte von Frankreich, der greise Sonnenkönig, schien müde geworden nach zweiundsiebzig Jahren seines Königtumes.

Der junge Kaiser wollte vor dem alten König Spaniens Thron für die eigene Hausmacht behaupten, zum mindesten für Habsburg spanische Provinzen retten. Der Krieg durfte noch immer nicht enden.

Der junge Kaiser trat den Kurfürsten des Reiches hochfahrend entgegen in dem Glanz des uralten Stammes und seines Anspruches. Der Kurfürst von Brandenburg ließ sich nicht durch große Versprechungen und kleine Belohnungen verlocken. Mit Worten, aus denen der herrische Befehl der Jahrhunderte widerklang, verlangte der junge Kaiser vom jungen Kurfürsten von Brandenburg Entscheidung zum Gehorsam. Der junge Herr im armen Lande gab ihm eine harte Antwort. Er sah das Reich vergessen; er sah die Notwendigkeit nicht, daß der müde, junge Kaiser der Herr sein müsse einer sehr weiten und sehr kranken Welt, die er nicht mehr zu behaupten vermochte. Er sah Notwendigkeiten, die ihn härter bedrängten. Der junge Habsburger hielt seinen müden Blick gebannt aufs Alte. Der junge Hohenzoller hob den schweren, hellen Blick zum Neuen. Er hatte in alten Registern die Namen verschollener Ortschaften gefunden, von denen ihm Vater, Räte und Minister niemals sprachen. Noch war der Dreißigjährige Krieg in seinem Lande nicht verwunden – der Spanische und der Nordische Krieg aber drohten sich bis zu einem Menschenalter hinzuziehen, ach, vielleicht noch alle seine Königszeit zu überschatten!

Das Cito! Cito!, das der König unter alle seine neuen Edikte noch vor den Namenszug setzte, brannte ihm im Herzen. Der Krieg mußte ein Ende finden, der Krieg, in dem er die Fürsten gegen ihre Völker streiten, sie vernichten sah. Er aber hatte noch sein eigenes Land zu erobern. Er nahm den Kampf mit Brandenburg-Preußen und Europa zur gleichen Zeit auf.

Der Kaiser bat, versprach, drohte, bereitete Schwierigkeiten, schuf Hindernisse, stellte den Kurfürsten von Brandenburg bloß und schmeichelte dem König in Preußen oder umgekehrt, verwirrte angestrebte Klärungen und suchte ihn mit allen Mitteln in den Krieg zu reißen.

Der neue Herr in Preußen, der Erbe der alten Mark Brandenburg, blieb fest, und sollte er darüber alles verlieren. Als König von Preußen sei er im Frieden mit Frankreich; als Stand des Reiches werde er sich seinen Pflichten nicht entziehen. Mit dem Zorn des Kaisers müsse er es darauf ankommen lassen. Es sei ihm dabei einerlei, ob er Käse und Brot oder Lerchen und teure Ortolanen äße. Doch kujonieren lasse er sich nicht. Wer das versuchen wolle, müsse haut à la main spielen. Aber wie jetzt der Kaiser wolle, ginge fürwahr nicht. Die Würfel lägen noch auf dem Tisch.

Aus dem Zerfall des Reiches und einer alten Welt begehrte er ein eigenes starkes Land zu retten.

Solche Sprache vor Diplomaten war neu. Sie schuf eine arge Ratlosigkeit; Offenheiten war man nicht gewachsen. Man beriet, was sich dahinter wohl verbergen könnte.

Noch standen die Kurierpferde in Berlin und Wien gesattelt, da waren die Würfel gefallen. Des greisen Sonnenkönigs Enkel war Herrscher über Spanien. Das Weltreich des Kaisers wurde zum Traumgebilde, fern aller Tat. Aber auch der Keim entsetzlicher Kriege – Kriege des Zerfalls, nicht des Entstehens – starb im Werden. Nach vielen verlorenen Schlachten ging Frankreich mit glänzenden diplomatischen Erfolgen aus dem zähen Kriege hervor. Aber war es, fragte der Neuling in der Weltdiplomatie, Herr Friedrich Wilhelm von Brandenburg, ein Gewinn für Frankreich, daß fortan ein bourbonischer Prinz Spanien und Indien beherrschte? Länder und Völker waren erschöpft.

Zu Utrecht erhielt das Reich seinen Frieden.

Es war der fünfzigste Tag der Regierung König Friedrich Wilhelms I., an dem der alte Ilgen den Vertrag für ihn ratifizierte. Ein Uhr mittags unterzeichneten England und Frankreich, um vier Savoyen, um sieben die Portugiesen, um acht die Holländer, um zehn die Preußen, »weil sie mit Fleiß nicht gern die ersten sein wollten, damit es nicht bei den Kaiserlichen das Ansehen gewinne, als ob sie dazu ein so großes Empressement gehabt«.

Aber, sein glühendes Cito! Cito! im Herzen, hatte der junge Preußenkönig ein großes Empressement, dem unglücklichen Erdteil den Frieden zu geben.

Europa lächelte über die Friedensbedingungen, die der junge Barbar in Brandenburg für seinen Anteil ausmachte. Er nahm Geldern und nannte sich seinen Herzog. Er gab Oranien, doch behielt er sich Titel und Erbanspruch. Auch ließen Frankreich und Spanien von nun an die preußische Königswürde des Kurfürsten von Brandenburg als anerkannt gelten. Ein Friede schien es, wie auch König Friedrich ihn geschlossen hätte – ein Handel um Würden, Titel und Ansprüche.

Prinz Eugen, beim Kaiser stehend und über die Karten gebeugt, lächelte nicht. Habsburgs alter Diener war in Sorge.

»Der Brandenburger gibt die Parks und Schlösser von Oranien, weil er sie, umklammert von französischem Land, im Kriegsfall niemals halten könne. Er nimmt sich Geldern, weil es nahe vor seinen Grenzen liegt, ihm fruchtbare Ländereien und ein halbes Hunderttausend Menschen bringt. Er beginnt, Menschen zu sammeln; er ist wie besessen von seinen menschenleeren, zerrissenen Ländern. Der Kurfürst von Brandenburg wird uns nie mehr Truppen stellen als ein kleines Pflichtheer.«

»Es sei denn«, sprach gelassen der Kaiser zu seinem Wächter und Mahner, dem heldischen Zwerg, »das Reich und nicht Habsburg wäre jemals bedroht.«

Denn vom Reiche sollte der junge, wilde Herr der Mark Brandenburg altmodische und zuverlässige Ansichten haben, wie sie unter den Kurfürsten sonst nicht mehr im Schwange waren.

Auch Friedrich Wilhelm saß über die Karten gebeugt. Doch suchte er nicht Wien, Paris, Madrid, die nun in aller Munde waren. Sein Stift umzog den Osten und Norden. Die Stirn des jungen Königs war umwölkt: Fern war er Spaniens heißer Sonne. Seine Not kam ihm von Eis und Sumpf.

Die Farben, Umrisse, Linien, Namen, Zahlen der Atlanten lebten ihm auf als Gefahr. Er sah die Länder des Nordens leiden an den alten Kriegen und das Ostreich der Wälder, Ströme und Steppen, Zar Peters gewaltiges Land, nach der Zukunft drängen, die eine alte Welt verwandeln sollte. Auch der Nordische Krieg war beendet – nur befriedet war er nicht. Noch lebte Schwedens großer König, wenn auch ein Gefangener, fern den nördlichen Meeren, am Bosporus.

Was wollte es bedeuten, daß die Verbündeten die Krone Schwedens in Besitz genommen hatten. Der Mann, dem sie gehörte, lebte noch und blieb ein König, und immer wieder, wo man seinen Namen nannte, klirrte Waffenlärm. Brach der Krieg noch einmal aus – so mußte er dahinstürmen über Friedrich Wilhelms Land. Der Brandenburger tat dem Schwedenkönig hohe Ehre an. Er hielt auch den Gefangenen noch für groß und gefährlich, Brandenburg und das Reich von ihm bedroht. Der junge König sah sich eingekreist von verschleppten Kriegen und ähnlichen Verraten, wie sie den Großen seines Geschlechtes vom Sterbebette des herrlichen Sohnes in Straßburg in die Sümpfe von Fehrbellin, von den Sümpfen des Havellandes in das Eis und den alles begrabenden Schnee des Ostens jagten. Das Antlitz des Großen Kurfürsten, des Siegenden, Leidenden und Betrogenen sah den Enkel an aus den Atlanten, näher als ihm je das Angesicht seines Vaters war.

Heute war der Zar der Sieger über Schweden.

Aber noch lebte König Karl XII.

Auf den Schlachtfeldern des Brandenburgers konnten sie noch einmal einander begegnen.

Es mußte ein Ende sein, auch mit diesem Kriege. Niemand, außer dem Dessauer, der noch immer seines Rufes nach Berlin harrte und das bloße Wort eines jungen Mannes für Siegel, Stempel und Verträge nahm, wollte verstehen, warum der sparsame König nach dem Spanischen Frieden sein Heer nicht verringerte. Er schien doch plötzlich schwach und friedfertig! Was sollten ihm die freigewordenen Regimenter!

»Es muß«, erklärte der König, »vielmehr bis Jahresende auf fünfzig Bataillone und sechzig Schwadronen gebracht werden.«

Sechstausend Mann wurden auch wirklich noch aufgestellt.

Des greisen Sonnenkönigs gedachte ihr Kriegsherr kaum noch.

Und Spanien war ihm nur ein ferner Klang.

 

Über all der Sorge und dem Eifer war es geschehen, daß die Geburt eines Kindes ihn nicht tief bewegte. Die zweite Tochter war geboren, die junge Mutter war gesund, der Taufgäste wurden nicht wenig, der Name Charlotte Albertine ward ohne Zaudern gewählt – all dies erschien ihm mit einem Male durchaus nur als Frauensache. Er sah die Seinen nur selten, und ein längerer Besuch bei der Königin war etwas Besonderes geworden.

Noch immer bewohnte sie Monbijou; gelegentlich lud er sich bei ihr zur Tafel. Seine Bitte, in kleinem Kreise mit ihr speisen zu dürfen, schien dann allerdings meist unerfüllbar. Immer empfing ihn die Gattin in größerer Umgebung, und das Gespräch bewegte sich daher bei Tische nur um recht allgemeine Dinge. Kaum daß der Nachtisch abgetragen war, bat der König, die Kinder sehen zu können.

Die Königin entschuldigte sich, sie seien zu so später Stunde nicht mehr angekleidet, da der König ihr in dieser Hinsicht keinen Befehl habe zukommen lassen.

Der König versicherte, das mache nichts. Er sehe die Kleinen gern in ihren Bettchen.

An Friedrichs Wiege lachte er. »Oho, das kleine Tier bekommt ein zu starkes Gebiß. Wir werden das kleine Tier abschaffen müssen. Sonst erbeißt es die anderen.«

Wilhelmine stammelte schlaftrunken auf Geheiß der Mutter ein paar Begrüßungsworte, die dem König im Munde einer Fünfjährigen possierlich vorkamen; doch fand er seine Älteste sehr blaß.

An Charlottes Albertines Wiege wurde er nachdenklich, wie ihm dieses sein fünftes Kind so fremd blieb, weil ihn die Angelegenheiten des Landes so sehr beschäftigten. Das Kleine wuchs, und er sah es nicht. Es schrie, und er hörte es nicht. Es trank und aß, und nie war er zugegen. Er fragte nach der kleinen Tochter, wie man sich nach eines fremden Mannes Kind erkundigt. Die Königin wußte dem Vater von seiner Tochter nichts zu erzählen, als daß die Prinzessin manchmal etwas Hoheitsvolles an sich hätte. Darüber mußte der junge Vater laut lachen. Doch schritten sie jetzt schon durch die Galerie zum Mittelflügel zurück, und er störte die drei Kleinen nicht. Er öffnete die Tür zum Garten. Ein abendlicher Gang mit der Gattin durch den schmalen Park zwischen Fluß und Schlößchen schien ihm verlockend. Vor der Säulenfassade des Ufers am offenen Lusthaus blieb der König stehen. Zwischen glatten, schön geschwungenen Mauern floß die Spree leise, eilig und dunkel. Der König wies auf das Wasser. »So ist sie zu bändigen. So kann die Spree nützen. Ich werde sie im ganzen Stadtbereich mit Mauern einfassen.«

»Ich habe bemerkt, daß Sie die Spree für Ihre Hauptstadt benötigen« – Königin Sophie Dorothea lächelte, doch ohne Güte –, »es kommen jetzt viele Lastkähne den Fluß herauf. Die Schiffer sind sehr laut.«

Der König nahm es dankbar auf, daß die Gattin verfolgte, was er tat. Jede ihrer Äußerungen bot ihm die Möglichkeit eines freundlichen Irrtums.

Die Königin sprach die Hoffnung auf baldige Beendigung der lästigen Bauten aus. Über diesen ihren Wunsch war Friedrich Wilhelm glücklich. Er wollte seine Frau bald wieder bei sich haben.

Diesen Abend fand er keine Trennung: einmal kein Rechnen, einmal kein lärmendes Handwerk, einmal kein schwieriger Vertrag! Gar nichts war auf der Welt als nur das kleine, lichte Schloß und sein Spätsommergarten, von schlanken Kandelabern durchleuchtet. Er hatte die Kinder wiedergesehen und wünschte den Park der Gattin heiteren Lärmens voll von der Fülle fröhlicher Söhne und zärtlicher Töchter. Einen Blick nur in den Garten der Frau zu tun – es würde ihm die schönste Rast und tiefste Ruhe bedeuten! Es sollte ihm kein Kind mehr so verloren gehen, wie ihm das zweite Töchterchen fremd blieb bis in diese Stunde. Er wußte nicht, daß er zu dieser Stunde schon das ganze Leben dieses Menschenkindes betrauerte. Er dachte neues Leben, indes der Tod zum dritten Male eines seiner Kinder verlangte, als sei dieses harte Land kein Hüter jungen Lebens.

Jedes seiner Worte, das er auf dem abendlichen Weg durch ihre Gärten mit seiner Frau sprach, war Hoffnung und Dankbarkeit. Eine Freude kam über ihn, die er noch gar nicht kannte. Seine Frau war ganz allein bei ihm; seine Frau zeigte Anteilnahme an all seinen Geschäften; auch trug sie den Schmuck seiner Mutter. Er sah es schon den ganzen Abend. Er ahnte nicht, daß sie es tat, ihn davon abzulenken, daß sie seine Gabe, die ersten Tüchlein seiner neuen Gespinste, verschmähte und seiner Bitte nicht entsprechen konnte, seine preußischen Tuche zu tragen – sie, deren gesamter Toilettenfundus zur Heirat mitten im Kriege mit Frankreich zur großen Genugtuung des Sonnenkönigs in Paris bestellt worden war. Sie sprach vom kostbaren Schmuck seiner Mutter, und wie alles andere erst zu Glanz und Schönheit kommen müsse. Er hörte sie von seinen Angelegenheiten reden, und zum ersten Male begann er die Nähe eines sehr vertrauten Menschen zu spüren; und es schien ihm mild, aus so unendlich wohltuender Nähe und Wärme leise Worte, nur für ihn und sie bestimmt, in die Weite des Abends und der versunkenen Welt zu sprechen. Die Hoffnung erwachte in ihm, in Monbijou vermöchte ihm ein freundliches Eiland im aufgewühlten Ozeane seines jungen Königsdaseins zu erstehen.

 

Die Königin blieb bis tief in den Herbst in ihrem Monbijou. Der Bau riß noch immer die Treppenhäuser des Großen Residenzschlosses auf. Es war kalt auf ihrem Sommersitz geworden. Dunkel und langgestreckt duckte sich das Schloß unter kahle Bäume. Der Fluß stand im Eis. Und dennoch überkam sie ein Grauen vor der Rückkehr in das Hauptpalais, auch wenn sie dort kein Hämmern mehr stören sollte. Aber im Alten Haus der Herzogin, dem Flügel an der Spree, irrte die wahnsinnige Königinwitwe umher, lachte, sang mit geschlossenen Augen stundenlang oder weinte in tiefem Jammer, putzte sich dauernd mit anderen Kleidern und redete wirr; auch klagte sie laut, sie würde mißhandelt.

Der König, sehr von

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Lektorat/Korrektorat: verlag.bucher@gmail.com
Tag der Veröffentlichung: 26.04.2013
ISBN: 978-3-7309-2481-5

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