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Traumhirsch


Vorsichtig machte sie einen weiteren Schritt auf die Lichtung. Das taunasse Gras kitzelte an ihren nackten Fußsohlen.

Honovi wusste selbst nicht genau, was sie hier tat. Eigentlich müsste sie gerade Wasser vom Fluss holen. Die Holzeimer hatte sie jedoch achtlos im Wald liegen lassen, denn plötzlich hatte sie das dringende Bedürfnis gehabt, die Lichtung aufzusuchen.

Und nun stand sie hier, betrachtete die im Sonnenlicht glitzernde Blumenwiese, die von grazilen Birken eingefasst wurde, und lauschte dem lieblichen Gesang der Vögel.

Honovi schloss die Augen und atmete tief den frischen Geruch des Morgens ein. Für einen Augenblick genoss sie einfach nur die Friedlichkeit des Moments.

Ein leises Rascheln und Knacken ließ sie die Augen wieder öffnen. Prompt sog sie scharf die Luft ein, als sie IHN auf der gegenüberliegenden Seite der Lichtung stehen sah.

Sein Fell schimmerte in allen Farben des Regenbogens und sein stattliches Geweih wurde von den herabhängenden Ästen der Birken umspielt.

Es gab keine Zweifel: Er war es!

Vor ihr stand, in all seiner Pracht, der Traumhirsch.

Hatte er bisher nur in den Legenden ihres Clans existiert, war er nun umso realer, als er auf die Lichtung schritt.

Honovi war unfähig sich zu bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen erwiderte sie den wissenden Blick des Tieres.

Laut den Erzählungen ihrer Großmutter Kachina war er bisher nur den zukünftigen Stammesführern erschienen. Doch das war sie ganz gewiss nicht. Ahiga, der Sohn von Akecheta, dem momentanen Häuptling, sollte diesen Posten nächstes Jahr übernehmen.

„Schön, dass du gekommen bist, Honovi.“

Die tiefe, sanfte Stimme erklang in ihrem Kopf und sorgte dafür, dass sich ihr Herzschlag beschleunigte.

Der majestätische Hirsch kam immer näher, bis er schließlich knapp vor ihr stehen blieb. Das Farbenspiel in seinem Fell wirkte lebendig, schien sich stetig zu verändern.

„Nicht der Kämpfende, sondern du wirst deinen Stamm führen, starker Hirsch.“

Ungläubig starrte Honovi den Traumhirsch an. Ihr Mund öffnete sich und doch verließ kein Laut ihre Lippen.

Den Namen Honovi, was starker Hirsch bedeutete, hatte ihr ihre Großmutter gegeben. Aufgrund ihrer kleinen, zierlichen Statur schien er überhaupt nicht zu ihr zu passen. Doch Namen wurden bei ihrem Volk immer nach dem Gefühl und oft mithilfe einer Trance vergeben. Man glaubte daran, dass die Ahnen einem den richtigen Namen zuflüstern würden.

Manchmal dauerte so eine Prozedur mehrere Tage, aber bei Honovi war das anders gewesen. Schon als ihre Großmutter sie das erste Mal im Arm gehalten hatte, war sie sich bezüglich des Namens absolut sicher gewesen.

„Kachina hatte Recht damit.“, meinte der Hirsch, als könne er all ihre Gedanken hören. „Ich habe sie geführt.“

Leicht senkte er sein Haupt und Honovi bemerkte mit Entsetzen, wie sich Tropfen bunter Farbe von seinem Geweih lösten. Wo sie auf den Boden trafen schien sich das Gras aufzulösen, zu verwischen.

„Wir haben nicht mehr lange Zeit. Merk dir nur eines…“, sagte die warme Stimme in ihrem Geist. „… Die körperliche Stärke ist lange nicht so wichtig, wie die Innere. Und in dir bist du mehr als das.“

Langsam tropfte auch die Farbe vom Körper des Hirsches.

„Du wirst deinem Stamm eine gerechte und kluge Anführerin sein…!“

Immer mehr löste sich der Hirsch vor ihren Augen auf und mit ihm verlor auch die Welt um sie herum die Konturen. Alles floss zusammen, wurde eins, bis Honovi nur noch von einem Wirbel aus Farben umgeben war. Doch sie verspürte keine Angst.

„Honovi…“

Erneut drang eine leise Stimme an ihr Ohr. Doch dieses Mal kam sie ihr merkwürdig vertraut vor.

„Honovi, wach auf!“

Blinzelnd öffneten sich ihre Lider und sie blickte in das lachende Gesicht ihrer Schwester.

„Komm schon du Schlafmütze! Wir müssen Wasser holen!“

Impressum

Texte: Tess M. Heingand
Bildmaterialien: Tess M. Heingand
Tag der Veröffentlichung: 27.03.2019

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