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Am Fluss

Gelangweilt betrachtete Sophia die Blumen, die an den eisernen Streben hinab rankten, während sie auf die Rückkehr ihrer Mutter wartete.
Sie liebte den Marktgang am Wochenende, da der Markt direkt am Fluss stattfand. Er zog sich auf beiden Seiten entlang, eingekesselt vom Geländer und den Häuserreihen.
Jedes Mal übte das türkise Wasser eine unglaubliche Faszination auf Sophia aus.
Wie gerne würde sie eine der Teppen am Ufer hinab steigen und ihre Füße im kühlen Nass baumeln lassen.
Gedankenverloren schweifte ihr Blick über die tanzenden Wellen und kleinen Strudel, die den Fluss lebendig wirken ließen.
Sogar so lebdendig, dass sie sich schon manches Mal eingebildet hatte, einen Schemen im Wasser zu erkennen.
Natürlich hatte sie nur eine viel zu lebhafte Fantasie. Wahrscheinlich auch noch beflügelt von der wunderschönen Steinmetzarbeit, die den mittleren Brückenpfeiler zierte. Sie zeigte eine feingliedrige Nixe mit langem, wallendem Haar.
Sophia schüttelte den Kopf und wollte sich gerade abwenden, als sie eine Bewegung in den Schatten unter der Brücke warnahm...

 

Die Sonnenstrahlen tauchten Lias Welt in türkisgrünes Licht und ließen die Wasseroberfläche wie einen diamantbesetzten Himmel glitzern.
Übermutig drehte sie Pirouetten und versetzte so die kleinen silbernen Fischchen in Aufruhr. Ihr schmaler Fischschwanz schillerte dabei in allen Regenbogenfarben.
Wenn sie ganz nahe an die Oberfläche schwamm, konnte sie die großen Schatten der Menschenhäuser sehen und die gedämpften Stimmen der Spaziergänger hören.
Sie liebte die Geschäftigkeit des Tages genau so sehr, wie die Ruhe der Nacht. Oft saß Lia dann auf den untersten Stufen der Treppen, die nach oben auf die Straße führten und betrachtete ihren Lebensraum im Licht des Mondes.
Heute war ein besonders sonniger Tag und wieder einmal wünschte sich Lia, den Fluss nur ein einziges Mal so sehen zu können, wie es die Menschen täglich taten.
Zielstrebig steuerte Lia auf den Schatten zu, den die kleine Brücke warf. Sie verband die beiden Straßenseiten, links und rechts des Flusses, miteinander.
Dort angekommen verweilte sie unsicher neben einem der mit Algen bewachsenen Pfeiler. Sollte sie es heute wirklich wagen?
Die Dunkelheit unter dem grazilen Bauwerk würde sie vermutlich vor den Blicken der Menschen schützen.
Nach kurzem Zögern ließ Lia ein letztes Mal das Wasser durch ihre Kiemen laufen, bevor sie den Kopf über die Wasseroberfläche hob...

... Ihre Blicke trafen sich und verbanden, für einen flüchtigen Augenblick, zwei Welten...

Impressum

Texte: Tess M. Heingand
Bildmaterialien: pixabay
Cover: philhumor
Lektorat: Tess M. Heingand
Tag der Veröffentlichung: 02.11.2018

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