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Der Osteschipper

 

 Der Osteschipper

 

Es war so ein Sommertag, den man am besten gleich morgens genießt, weil er da am schönsten ist. Die zu erwartende Nachmittagshitze hingegen, hätte man bester an einem schattigen Platz verschlafen wenn es eine friedliche Zeit gewesen wäre.

Cuxhaven im Sommer 1943. Der Seemann Heinrich Ott war, wie so oft, im Hafengebiet unterwegs, um nach irgendeiner Tätigkeit Ausschau zu halten, mit der er etwas verdienen kann, ob Geld oder Lebensmittel ist ihm egal.

Hein, so wird er überall genannt, wohnt mit seiner nicht gerade kleinen Familien nicht in Cuxhaven, sondern auf dem Land in einem kleinen Ort direkt an dem Fluss Oste. 1940 wurde er als Soldat schwer verwundet und ist seitdem für Hitler nicht mehr brauchbar. Nachdem er so einigermaßen wieder hergestellt war, musste er mit ein paar Behinderungen klarkommen.

Sein rechtes Knie war steif und auf dem rechten Auge war er blind. Doch Hein war ein Stehaufmännchen, den so schnell nichts unterkriegen konnte und diese Eigenschaft sollte er auch weitervererben.

Hein fand 1941 sogar Arbeit auf einem Fischdampfer und konnte seine Familie für die damaligen Verhältnisse relativ gut versorgen. Doch irgendwann fuhren die Fischdampfer aus Angst vor den englischen U-Booten nicht mehr raus.

Doch auch da hatte Hein das Glück des Tüchtigen. Mal war es ein Fischkutter, mal ein Küstenmotorschiff oder auch mal ein Binnenschiff wo er einen Job fand, wenn auch nur für kurze Dauer. Er konnte sich und die seinen aber damit über Wasser halten.

Aber je länger der Krieg dauerte, desto schwerer wurde es Arbeit zu finden. Jetzt war der im Vorteil, der Ideen und Eigeninitiative entwickelte. Nicht dass es Hein daran mangeln würde, das Problem war nur, an jeder Ecke lauerte die Gefahr und wenn man da krumme Geschäfte machte landete man schnell hinter Gitter.

So schlendert Hein an diesem Sommermorgen durch den Hafen. Hier kennt ihn jeder, was es für ihn etwas einfacher machte über den Tag zu kommen. Hier mal eine heiße Pellkartoffel und eine Tasse Malzkaffee oder bei einem anderen auch mal ´nen Bückling schnorren, mehr brauchte Hein nicht zum Leben.

Der heutige Tag war für Hein schon ein voller Erfolg, denn er konnte bei einem Bekannten helfen , dessen Kutter wieder sauber zu machen. Sein Lohn waren ein Schellfisch und fünf Heringe. Das reichte für zwei Tage für die hungrigen Mäuler zu Hause. Zum Abschied gab es sogar noch einen aus der Buddel, also der pure Luxus.

Für den Weg nach Hause nahm Hein immer die Bahn , aber nicht auf die herkömmliche Art denn dafür hatte er kein Geld. Hein kannte da eine Stelle wo die Züge immer sehr langsam fuhren. Er bevorzugte Güterzüge auf die er dann aufsprang und kurz vor dem Zielbahnhof auch wieder sicher abspringen konnte. In Anbetracht seines steifen Knies muss man diese Leistung wirklich als sehr beachtenswert bezeichnen.

Doch es war erst kurz nach Mittag und die Züge die für ihn in Frage kamen fuhren erst ab fünf Uhr. So schlenderte Hein in Richtung „Alte Liebe“ – der bekannteste Ort im Hafen – in der Hoffnung hier noch etwas abstauben zu können. Den Fisch hatte er in seinem alten Rucksack sicher verstaut.

Hein war viel zu gut gelaunt als dass ihm irgend etwas diese Stimmung vermiesen könnte – bis auf eines. Ein schriller Ton ging ihm durch Mark und Bein, ein Ton den er nie wieder hören wollte, aber wer fragt danach, es war Fliegeralarm.

Die Menschen rannten panisch in alle Richtungen, keiner wusste was zu tun war. Viele fanden auf der Beckmann-Werft einen vermeintlich sicheren Platz, wurden aber sofort wieder weggejagt, denn die Werft war, zusammen mit der Mützelfeldtwerft in direkter Nachbarschaft, natürlich ein Ziel der englischen Bomber. Also war es logisch in Richtung Deichstrasse zu flüchten was die meisten auch taten.

 

In dem ganzen Chaos hatte Hein den Überblick total verloren und als er in Richtung Döse schaute sah er die Maschinen schon am Himmel. Für ihn war klar, er brauchte etwas festes und stabiles zwischen sich und den nahenden Kampfflugzeugen. Ohne lange nachzudenken kletterte Hein eine Leiter an der Kaimauer hinunter wo eine kleine Barkasse lag. Es war Ebbe und so bot die Kaimauer einen guten Schutz .

Hein hatte sich auf der Barkasse unter dem kleinen Überdach zusammen gekauert als die ersten Bomben in Richtung Grimmershörn einschlugen. Die Einschläge kamen näher und er sah Steine, Holz und andere Gegenstände über seinen Kopf hinwegfliegen. Er hörte die Schreie der Menschen und vom Steubenhöft war Flugabwehrfeuer zu hören. Wie in Trance ging ihm sein Leben durch den Kopf, doch in erster Linie die Zeit als er aktiv im Krieg war. Er erlebte im Geist seine schwere Verletzung noch einmal, wie ihm das rechte Bein und rechte Gesichtshälfte durch eine Handgranate zerrissen wurden. Und dann ging ihm seine Familie durch den Kopf. Wie sollte seine Frau Anni die Söhne Karl und Ernst durchbringen und vor allen das Nesthäkchen die kleine Annemarie. Die Angst schien unerträglich, am meisten die vor einer neuen Verletzung, denn die Schmerzen hatte Hein nicht vergessen

Genau in diesem Moment klatschte eine Bombe etwa 50m neben ihm ins Wasser, detonierte aber nicht. Aber sie erzeugte eine mächtige Welle, welche die Barkasse erst gegen die Pier drückte und dann so stark wieder davon weg , dass die Seile, mit der sie festgemacht war, rissen.

Nach ca. 20 Minuten war der Angriff vorbei . Die Menschen die ihn überlebt hatten, kümmerten sich um die Verletzen soweit es ihnen möglich war. Viele hatten mit sich selbst genug zu tun und irrten planlos umher. Überall war Feuer und Zerstörung.

Hein ging es nicht besser als den Menschen an Land. Voller Angst hockte er noch über eine Stunde nach dem Angriff in einer Ecke der Barkasse bis er sich hoch wagte.

Er schaute sich um und sah nur Wasser. Die „Alte Liebe“ war zwar zu sehen aber für Hein in diesem Moment weit weg. Die Barkasse war aus dem Hafen und durch die Strömung schon ein ganzes Stück Richtung Nordsee getrieben Erst nach und nach wurden seine Gedanken wieder klarer und er überlegte was er wohl tun könnte. Ihm kam der Gedanke zu schwimmen aber das würde er nicht schaffen. Dann schaute er sich die Barkasse genauer an. Sie war in einem recht guten Zustand und auch gar nicht alt. Dann entdeckte er einen Kasten in der Mitte und es schoss ihm durch den Kopf – ein Motor !!.

Tatsächlich, die Barkasse war ziemlich neu und hatte einen kleinen 25 PS starken Dieselmotor. Die Panik und die Freude wechselten sich bei Hein ab, dass er sich selbst erst mal wieder beruhigen musste um zu überlegen wie man den Motor starten kann. Den Knopf für den elektrischen Anlasser hatte er komplett übersehen aber ihm wurde klar, dass er einen Benzinhahn öffnen musste. Nach einigen Suchen fand er diesen auch, öffnete ihn und wollte gerade nach der Kurbel greifen um den Motor anzukurbeln, da entdeckte er den kleinen Knopf. Ihm war sofort klar, dass das der Anlasser war, doch es tat sich nichts wenn er drauf drückte. Er wurde nervös, was war das noch, was musste man vor dem Anlassen machte.

Er grübelte und dann fiel ihm aus seiner Zeit auf dem Fischkutter ein, wie Käp´n Kröger immer vor dem Anlassen einen schwarzen Hebel umlegte. So einen muss es hier auch geben dachte er sich und wurde auch hier fündig. Jetzt war der große Moment da. Er drückte auf den Anlasser und es war wie eine Erlösung, der Diesel knatterte und die Barkasse nahm Fahrt auf.

Hein wollte nur noch zurück in den Hafen. Die Barkasse war schon ein gutes Stück an der Kugelbake vorbei getrieben und wie Hein so Richtung Hafen fuhr kam es ihm in den Kopf.

Wie jetzt nach Hause kommen.? Im Hafen Chaos, die Barkasse, die kann auch beim Bombenangriff draufgegangen sein.

Es durchfuhr ihn wie ein Blitz, die gebe ich nicht mehr her. Hastig drehte er am Ruder nahm Kurs Mitte Elbe gen Süden. Er kannte die Gewässer hier nicht aber er wusste, irgendwo mündet die Oste in die Elbe und da geht´s Richtung Heimat.

 

Nach gut 45 Minuten Fahrt elbaufwärts fand er die Einfahrt in die Oste und war sichtlich erleichtert, erst einmal aus dem Gefahrenbereich weg zu sein. Doch bei Tageslicht die Oste hinauf zu fahren erschien ihm zu riskant.

Dieser Gedanke war auch goldrichtig, denn die Oste fließt durch mehrere Ortschaften direkte durch. Neuhaus, Oberndorf, Osten oder der Hemmoor Hafen „Schwarzenhütten“ wären Stellen gewesen, wo er hätte auffallen können und das wollte Hein auf keinen Fall.

So machte Hein sich zwischen Otterndorf und Neuhaus im Schilf unsichtbar bis es dunkel war. Die Zeit bis zur Dunkelheit wollte er nutzen, um sich etwas Trinkwasser zu besorgen und wenn möglich einen Hering zu braten. Das Wasser war schnell gefunden, denn auf einer nahegelegenen Wiese liefen ein paar Rinder und die brauchten auch Wasser und was die saufen können war für Hein auch gut genug. Mit dem Fisch war es allerdings nur so einfach.

Wenn er ein Feuer machen würde könnte er nur unnötig auffallen. So durchsuchte er die „erbeutete“ Barkasse erst mal gründlich und fand auch vieles, was für ein so ein Boot nützlich war. Da waren Werkzeuge und mehrere kleine Blechstücke die an den Kanten schon Löcher hatten. Dazu fand er Holzschrauben und er kam nur zu einem Schluss; das war für den Fall, wenn das Boot einmal Leck schlägt. Doch dann entdeckte er auch einen kleinen Kanister und die Geruchsprobe ergab ganz klar – Spiritus. Damit war das Kochproblem gelöst. Eine alte Dose, Spiritus rein, angezündet, eine Stück Blech als Bratpfanne und der Brathering war gesichert.

Während er so aß, fiel es ihm ein, dass Anni sich bestimmt schon große Sorgen machen würde.

Normal wäre er schon lange zu Hause und der Bombenangriff dürfte sich wohl auch schon bis zu ihr durchgesprochen haben. An dieser Tatsache konnte er aber jetzt nichts ändern und weil es auch dunkel genug war, lies Hein den Diesel an. Doch im gleichen Moment kam ihm der Gedanke – wie viel Treibstoff hab ich noch? Der Peilstab zeigt 21cm , ungefähr ein Drittel aber das nutzt nichts wenn man nicht weiß wie viel Sprit in den Tank geht. Bleibt nur die Hoffnung das es bis nach Hause reicht.

Damit er auch durch das Motorgeräusch nicht unnötig auffällt, fuhr Hein nur mit halber Drehzahl und tuckerte so langsam aber sicher Richtung Heimat. Während der Fahrt schmiedete er schon Pläne. Das Boot musste ein ganz neues Aussehen bekommen, so, dass es keiner wiedererkennt. Aber er musste das Boot auch erst einmal verstecken und zwar sicher.

Das war ein großes Problem. Ab Schwarzenhütten war zwar kein Schiffverkehr mehr aber an der Oste es gab genug Leute die Aalreusen im Wasser hatten und wenn er dann das Boot irgendwo im Schilf verstecken würde, wäre es bestimmt schnell entdeckt. Er brauchte wohl keine Angst haben, dass es gestohlen werden würde, aber es gab so viele Neider die nicht einen Augenblick zögern würden ihn anzuschwärzen.

Es war ihm außerdem klar, dass, egal was er mit der Barkasse später machen wollte, er es nicht alleine konnte. Er brauchte zwei Mann denen er absolut vertraute. Der eine war sein Bruder Jan. Die beiden sind schon zusammen durch Dick und Dünn gegangen. Hein war mit seinen 49 Jahren der ältere von beiden, aber sie teilten das gleiche Leid. Auch Jan war mit schweren Verletzungen aus Polen zurückgekehrt.

Das war der eine aber wer sollte der zweite sein. In Frage kamen sein Schwager Freddi – der eigentlich Alfred Waller hieß- oder der beste Freund der ganzen Familie Ott – Karl-Heinz Thomsen. Beide genossen von Haus aus das volle Vertrauen von Hein doch es gab da etwas, was ihn angesichts dieses nicht unbedingt legalen Unternehmens zweifeln ließ. Freddi war der Dorfpastor und Kalle der Bürgermeister. Keine leichte Entscheidung zumal er damit rechnen musste, dass derjenige, den er nicht einweihen würde zu tiefst beleidigt wäre, wenn er auf andere Weise dahinter käme was Hein so treib, obwohl Hein selbst noch nicht wusste, was er später einmal treiben würde.

Beim Pläne schmieden merkte er gar nicht wie gut er schon voran gekommen war. Erst als er Hemmoorer Hafen vor sich sah, wusste er, dass es nicht mehr weit war nach Hause.

Von jetzt an hielt sich Hein schön mittig vom Fluß denn von hier bis zur Schwebefähre war wohl die gefährlichste Stelle entdeckt zu werden, denn hier liefen öfter mal Soldaten Streife..

Er drosselte den Motor noch mehr um so leise wie möglich zu sein und erst als die erste Flussbiegung hinter Osten passiert hatte gab er wieder Gas, diesmal aber voll, denn von nun an waren es waren es nur noch einzelne Häuser die direkt am Fluss standen. Eine Halbe Stunde später - es war schon nach drei Uhr morgens und die Dämmerung war nicht mehr weit – war sein Ziel erreicht. In etwa einem Kilometer Entfernung konnte er die Konturen der Hechthäuser Mühle ausmachen. Für heute musste er sich mit einem Liegeplatz im Schilf begnügen und er wusste auch schon wo. Es gab da eine kleine Ausbuchtung der Oste die komplett mit Schilf zugewuchert war. Wenn er hier so gut es geht mittig das Boot abstellt dürfte es weder von Land noch vom Wasser sichtbar sein. Das einzige Problem war, wie sollte es an Land kommen.

Ihm kam die Idee sich einen Weg aus Planken zu bauen. Das Holz dafür müsste er sich allerdings „organisieren“. Zu diesem Zweck bot sich eine Sägerei auf der linken Osteseite in Großenwörden an. Noch war es dunkel genug und schon war er auf dem Weg zum anderen Ufer. Da die Sägerei vor dem Krieg ihr Holz per Schiff transportiert hatte, gab es hier auch einen Anleger den Hein schamlos nutzte. Er war nicht wählerisch und nahm alles was ihn unter die Finger kam und nach Brett aussah . Mit dieses Landung ging´s wieder auf die andere Seite der Oste und mit der Dämmerung verschwanden Barkasse inklusive Holzladung im Schilf.

Inzwischen merkte Hein auch , dass er seit 24 Stunden nicht mehr geschlafen hatte aber darauf konnte er jetzt keine Rücksicht nehmen. Es war ein schweres Stück Arbeit mit Hilfe der Bretter an Land zu kommen. Der Schlick war tief und rutschig und immer wieder nahm Hein ungewollte ein Moorbad. Als er endlich festen Boden unten Füssen hatte, hätte er sich vor Wut selbst in den Hintern beißen können. Er hatte den Rucksack mit den Fischen auf dem Boot zurück gelassen und um ihn noch zu holen, dafür war er jetzt wirklich zu fertig.

Dreckig und total durchnässt stapfte er los. Er hatte noch gute zwei Kilometer zu laufen. Sein Haus gehörte zum Ortsteil Wisch. Mit seiner Frau Anni hat Hein hier noch ein bisschen Landwirtschaft, drei Kühe , zwei Schweine, Hühner und Gänse. Für die Zeit in der sie lebten klang das schon fast nach Wohlstand. Doch das täuscht, denn abgesehen von den Kinder Karl (17) , Ernst (15) und Annemarie (6) lebten auch noch sein Bruder Jan, dessen Frau Gerda und deren Kinder Irma (14) und die Zwillinge Lars und Ole (8) auf dem Hof. Also musste dieser zehn Personen ernähren.

Hinzu kam, dass es damals für die Ott´s selbstverständlich war, die alte Oma Lüders von nebenan mit zu versorgen, denn sie hatte keine Angehörigen mehr.

Ach und dann war da ja noch Freddi, der Schwager und Dorfpastor der einmal die Woche wenigstens, natürlich völlig zufällig vorbeikam, und wann sollte es anders sein als zur Mittagszeit. So ein Pastor litt in der damaligen Zeit merkwürdigerweise aber auch nie unter Appetitlosigkeit und es gab im Dorf wohl niemanden, der je erlebt hatte, das Freddi eine Einladung zum Essen abgelehnt hätte.

Hein hatte beschlossen, Anni, Gerda und den Kinder nichts von dem Boot zu erzählen weil die erstens immer sehr ängstlich waren und zweitens den Mund nicht halten konnten.

Er hatte sein Haus fast erreicht, als Ernst, der gerade die Hühner fütterte, ihn entdeckte.

„Papa!“ schrie er so laut, dass es aber auch jeder gehört hatte.

Dann kamen sie aus allen Türen auf ihn zu gelaufen. Jeder freute sich, dass Hein den Angriff in Cuxhaven überlebt hatte. Alle redeten durch einander, nur Anni stand ohne ein Wort allein da und weinte vor Freude. Hein ging zu ihr, nahm sie in den Arm und sagte liebevoll:

„Du glaubst doch wohl nicht, mich so billig los zu werden?“

Hein wollte ins Haus gehen aber da hatte sich Anni vor ihm aufgebaut.

„So dreckig kommst du nicht in Haus. Wo hast du dich denn so eingesaut?“

Und die vielen anderen Fragen, wie er nach Hause gekommen ist, was da in Cuxhaven passiert ist u.s.w. Hein musste sich ganz schön was einfallen lassen um alles beantworten zu können.

Er erzählte, dass er in der Nacht auf einen Zug aufspringen konnte in Cadenberge aber fast entdeckt worden wäre. Von da ist er von einem Bauern auf einem Pferdewagen mitgenommen worden und den Rest ab Hemmoor hat er dann auf Schusters Rappen zurückgelegt.

In der Zwischenzeit hatte Anni ihm trockene Sachen gebracht und Hein ging in die Scheune, um sich umzuziehen. Er gab Jan einen Wink, mitzukommen. Hier erzählt er Jan dann die wahre Geschichte.

Jan war schon immer derjenige von den Beiden, der erst mal überlegte bevor er handelte wobei eine gehörige Portion Schlitzohrigkeit unübersehbar war. Ohne ein Wort zu sagen hörte er Hein´s Geschichte an. Dann stand er auf und mit den Worten : „Lass mich mal ´ne Zeit überlegen.“ verließ er die Scheune.

Jan fehlt der linke Unterarm, der war in Polen geblieben. Ein Tischler hatte ihm in mühevoller Kleinarbeit eine Prothese angefertigt mit der Jan mittlerweile gar gut klar kam.

Nachdem er sich über eine Stunde das Gehirn zermartert hatte, ging er zu Hein. Er musste mit Hein alleine sein und sagte laut damit alle es hörten: „Komm großer Bruder, auf deine Rückkehr geb ich einen aus. Wir gehen mal eben nach Kalli – das ist die Kneipe – mal sehen was der so zu trinken hat.“

Die Frauen lachten, hatten aber nichts dagegen. Warum denn auch, die beiden hatten ja einen echten Grund. Gerda rief ihnen noch nach, sie sollen zum Mittagessen wieder zurück sein.

 

Auf den Weg ins Dorf fing Jan denn an:

„Du kannst dich doch noch an dieses merkwürdige Patrolienboot erinnern, welches 38 –39 hier immer mal wieder auf der Oste auftauchte. Damals wusste doch kein Mensch, wo dieses Boot herkam oder stationiert war.“

Natürlich konnte Hein sich erinnern.

„Ja klar, damals haben viele behauptet, es würde irgendwo zwischen hier und Bremervörde sein aber gefunden hat es niemand.“

Man konnte Jan ansehen, dass er was ausbaldowerte.

„Und als es dann 1940 nicht mehr kam, hat sich niemand mehr für diesen versteckten Liegeplatz interessiert. Der muss doch aber verdammt gut gewesen sein und ich meine, dass es die Mühe wert ist, mal etwas genauer danach Ausschau zu halten.“

Dem konnte Hein nur zustimmen. Sie waren sich darüber einig , das dieser Platz , wenn überhaupt von der Wasserseite am ersten zu finden sei, aber nicht mit der Barkasse.

Dafür wollten sie sich von irgendeinem aus dem Dorf ein Ruderboot leihen. Dieser Jemand war schnell gefunden, denn als sie in die Kneipe kamen, saß der Schied dort bei einer Flasche Bier. Der hatte bei der Mühle ein Boot liegen.

Sie bestellten zwei Bier und zwei Köm und kamen mit dem Schmied ins Gespräch. Sie erzählten, sie wollten Schilf schneiden weil das Dach vom Haus mal nachgestopft werden muss. Das wollten sie im Herbst machen und damit das Schilf dann trocken genau ist, müssten sie es jetzt schon schneiden.

Der Schmied willigte ein und wurde auch auf Stelle bezahlt, nämlich mit zwei doppelte Köm die er dankend genoss.

 

Sie hatten sich ausgedacht, gleich nach dem Mittag mit der Suche zu beginnen. Ihren Frauen wollten sie erzählen, dem Bürgermeister bei der Reparatur seines Ackerwagens zu helfen.

Doch sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

„Der Bürgermeister kann warten. Erst müssen die Rüben gehakt werden.“ Klare Anweisung von Anni. Aber diese Arbeit wäre in einer Stunde vergessen, wenn Karl und Ernst helfen würden. Bei den beiden brach nicht gerade Begeisterung aus. In der Mittagshitze Rüben hacken, das muss aber wirklich nicht sein. Nach einiger Überzeugungsarbeit waren sich alle einig, diese Arbeit auf den Abend zu verlegen.

So verschwanden Hein und Jan um mit dem Ruderboot die Oste aufwärts zu fahren und nach dem versteckten Liegeplatz Ausschau zu halten. Doch als sie bei der Mühle ankamen hatte Hein absolut kein Lust mehr. Er hatte seit 36 Stunden nicht mehr geschlafen. Sie beschlossen mit dem Ruderboot wenigsten noch eben zur Barkasse zu rudern , denn Jan platzte fast vor Neugier.

Vom Wasser aus war es wirklich nicht zu sehen so das Hein schon dachte es wäre weg. Als sie aber ins Schilf fuhren war es schnell gefunden. Jan kriegte den Mund nicht mehr zu. „Mein lieber Freund, wenn du schon etwas klaust dann aber richtig.“

Auch Hein betrachtete sich das Boot zum ersten Mal so richtig. Es hieß „Edith.P“ war 7-8m lang und tatsächlich noch ziemlich neu. Im vorderen Bereich hatte es sogar eine kleine Kabine mit zwei Kojen.

„Als guter Mensch müsste ich jetzt ein schlechtes Gewissen haben,“ meinte Hein, „aber ich habe keines. Ganz im Gegenteil , ich bin richtig stolz auf meinen Fang. Was mag das wohl bedeuten?“

„So was darfst du mich nicht fragen, für solche Sachen ist Freddi zuständig.“ erwiderte Jan.

In einem kleinen Stauraum auf der Steuerbordseite fanden sie noch einen Spirituskocher etwas Kochgeschirr und so allerlei Sachen die man an Bord so braucht.

Hein zog den Peilstab vom Tank heraus um zu schauen wie viel Diesel er verbraucht hatte. Der Stab zeigte 17 cm, also hatte er 4 cm verbraucht. Dann nahm er sich den Zollstock auf dem kleinen Stauraum .

„ Was hast du denn jetzt vor?“ wollte Jan wissen.

„ Ich will den Tank ausmessen um zu wissen wie viel reingeht.“ Und das tat Hein auch.

Er war 58 cm hoch und die Oberfläche war 70 mal 70 cm.

„ Da gehen 280 Liter Diesel rein!“ rief er erstaunt

„ Na toll,“ lästerte Jan, „und wo willst du soviel Diesel kriegen und wer soll das bezahlen?“

„Brauch ich nicht.“ Hein hatte schnell gerechnet.

„ Es sind noch über 80 Liter im Tank .Gestern waren es 100 Liter. Ich war ungefähr sechs Stunden unterwegs aber nur mit halben Gas. Das heißt wir kommen noch eine ganze Zeit damit aus.“

Jan wäre am liebsten sofort los um eine Probefahrt zu machen.

„Du Hein, ich glaub wie brauchen den Äppelkahn vom Schmied nicht. Morgen Nachmittag nehmen wir die schottsche Karre tun Werkzeug drauf und Pfähle und dann bauen wir uns erst mal einen provisorische Steg. Und Abends, so ab acht Uhr fahren wir mit der Edith denn die Oste ab. Ist ersten nicht so ansträngend und schafft auch mehr Strecke. Wenn wir schön langsam fahren können wir bis Sonntag – das waren noch drei Tage – das Stück bis kurz vor Fähre Brobergen schaffen.“

Hein war einverstanden, war er doch vom Plan mit dem Ruderboot von Anfang an nicht recht begeistert. Das Rudern hätte er alleine machen müssen, denn Jan konnte ja nicht wegen seinem fehlenden Arm.

Auf dem Rückweg zur Mühle beratschlagten sie, ob sie noch jemanden einweihen sollten.

„Ne das lass erst mal.“ meinte Jan. „Wenn wir später noch einen dazu brauchen, können wir immer noch darüber nachdenken. Aber jetzt würde ich sagen, je weniger es wissen um so besser. Und deine Idee mit Freddi oder Kalle finde ich sowieso nicht gut, dann lieber die Jungs Karl und Ernst.“

Hein staunte.“ Wieso was hast auf´n mal gegen Freddi und Kalle?“

„Im Prinzip nichts.“ konterte Jan. „Aber Freddi ist Pastor und viel zu redselig. Der kann doch das Maul nicht halten. Und Kalle, den würden wir doch in eine richtige Zwickmühle bringen.

Als Bürgermeister muß er uns sofort melden und als unser Kumpel würde er das nie tun. Und wenn sie uns denn bei die Büchs kriegen, ist er doch besonders dran.“

Hein kapierte da etwas nicht. Das Boot hatte er doch geklaut. Wieso sollte dann Kalle so schlecht dran sein. Doch dann merkte er was.

„ Jan du alter Sauzahn, was hast du vor?“

„ Na, was werde ich schon vorhaben.“ Das war genau die Situation, wo Jan´s Schlitzohrigkeit zum Vorschein kam.

„Überleg mal, Brüderchen. Wir geben dem Boot ein neues Aussehen. Schwarz muss es werden. Dazu bekommt es noch zusätzlich Staukästen und wenn möglich auch eine Persenning. Marks Müs?“

„ Jan du elender Hund, du willst doch nicht ...?“

„ Und ob ich will mein lieber Hein – S C H M U G G E L N – !“

Jan hatte sich das auch schon richtig gut zurecht gelegt. Aber nicht erst seit heute.

„ Seit ich im Lazarett lag bastle ich an diesem Plan und du Hein, du hast mir heute meinen Traum erfüllt.“

„ Kerl du bist verrückt. Erstens was willst du schmuggeln und zweiten womit willst du das bezahlen?“ Hein war sehr skeptisch.

„Schmuggeln werden wir alles, was uns unter die Finger kommt und vor allem was uns hier im Dorf fehlt und bezahlen tun wir mit dem was wir im Dorf haben, erst mal, der Rest kommt von selbst. Im Übrigen einen Verbündeten haben wir mit Sicherheit schon. Den Gutsherrn und wenn der nicht dann sein Sohn. Die sind doch immer dabei, wenn es heißt Hitler und seinen Schergen eins auszuwischen.“

Das musste Hein erst mal verdauen. Vieles hätte er sich vorstellen können , aber schmuggeln?

Andererseits hatte Jan schon recht. Auf ihn und seine Familie hat vor einem Jahr auch keiner Rücksicht genommen. Da haben Zehn Soldaten seinen ganzen Hühnerstall leergeräumt und alle Hühner geschlachtet.

Aber jetzt war Hein zu müde. Sie hatten den Hof erreicht und gaben Gerda die Fische, die sie dieses Mal nicht vergessen hatten. Auf deren Frage, wo sie die Fische herhätten, kam nur die Antwort: „Nicht fragen, braten!“

Hein suchte schnurstracks nur noch sein Bett. Er hatte es sich gerade schön gemütlich gemacht, als die kleine Annemarie das dringende Bedürfnis verspürte noch mal eben kurz mit Papa zu schmusen. Dass der sich in diesem Moment nun wirklich was besseres vorstellen konnte, war außerhalb ihrer Vorstellung.

Aber die Kleine war nun mal Papa´s Liebling und die Schmuserei dauerte nicht lange da schliefen beide zusammen ein. Diese Situation entstand nicht so oft, weil die Eltern es der kleine Tochter nur in Ausnahmen erlaubten bei ihnen zu schlafen. Dieses geschah weniger aus erzieherischen Gründen, vielmehr aus praktischen, denn das Bett der Eltern war nur 1,40m breit und wenn Vater und Tochter sich darin breit machten blieb für Anni nicht mehr viel Platz. Aber für diese Nacht musste sie sich geschlagen geben und so rückten alle drei zusammen, was Annemarie besonders genoss.

Am nächsten morgen war Hein wieder richtig fit und wäre am liebsten sofort zu „seinem“ Boot gegangen, um zu schauen ob alles in Ordnung ist. Aber erst mal war die ganz normale Alttagarbeit auf dem Hof angesagt. Melken, Schweinestall ausmisten usw.

Gerda kam es in den Kopf, das Hein und Jan sich heute um das Brennholz kümmern könnten, welches noch zersägt und gehakt werden musste. Zu ihrer großen Verwunderung waren die beiden auch sofort zu dieser ungeliebten Arbeit bereit, passte es ihnen doch hervorragend in den Kram. Die langen Stücke wurden nämlich gleich auf die schottsche Karre gelegt und aus dem Blickfeld der Frauen gebracht. Die wurden ja für viel sinnvollere Zwecke gebraucht, als zum Verbrennen.

Während der Arbeit diskutierten die beiden, wie sie das mit dem Steg machen wollten und kamen dabei immer mehr zu der Überzeugung, dass sie es Angesichts von nur drei Händen und dazu einem steifen Bein nicht alleine schaffen würden.

„Lass uns die Jungs einweihen,“ meinte Hein, „wenn wir die richtig impfen, halten die schon den Mund.“

Jan war einverstanden und nach dem Mittagessen, es gab Schellfisch in Senfsoße mit Pellkartoffeln, schnappten sie Karl und Ernst und verschwanden mit ihnen in der Scheune.

„So Jungs,“ fing Hein an, „ihr beide seid ja schon fast Erwachsen, aber auf jeden Fall alt genug, um ein Geheimnis für euch zu behalten. Onkel Jan und ich wollen euch heute in ein ganz großes Geheimnis einweihen, aber wir müssen uns ganz fest darauf verlassen können, dass ihr niemanden etwas erzählt , auch Mama und Tante Gerda nicht, absolut niemanden. Wir könnten durch euer falsches Gesabbel alles verlieren was wir haben. Haben wir euer Wort?“

Die beiden Jungs wussten gar nicht wie ihnen geschah. So ernst und entschlossen hatten sie ihren Vater noch nie erlebt.

Ernst antwortete als erster: „ Ich weiss zwar noch nicht worum es geht, aber wenn ich dich so höre, ist es dir wohl ziemlich ernst und was mich betriff kannst du dich drauf verlassen, dass ich die Klappe halte.“

Karl war der ältere von den beiden und hatte schon einen Verdacht.

„Das hört sich für mich illegal an und damit richtig spannend. Komm raus damit Papa, was hast du ausgefressen, ich bin dabei.“

Jan erklärte ihnen, dass sie in etwa einer Stunde mit der Karre Richtung Oste gehen würden.

„ Da werdet ihre unser Geheimnis sehen.“

Den Frauen wollten sie die gleiche Geschichte erzählen wie dem Schmied, denn das Dach hatte es wirklich nötig, repariert zu werden.

Für Ernst und Karl wollte diese Stunde nicht vorbei gehen. Sie waren nervös und platzen fast vor Neugier aber sie durften sich ja nichts anmerken lassen. Um Sicher zu gehen, keinen von den Frauen in die Hände zu fallen, griffen sie sich den alten Fetteimer und schmierten die schottsche Karre was Hein und Jan ein Staunen entlockte als sie zum Schuppen kamen.

„Das ist ja eine richtig gute Idee von euch ,“ meinte Hein. „Seid ihr da von allein drauf gekommen?“

Die Spannung der beiden Sprösslinge wuchs in Unermessliche, als Jan Werkzeug und Nägel auf die Karre lud. Zum Schluss sollten sie auch noch die Holzpfähle aufladen.

Aber dann ging es endlich los. Nach fast einer Stunde Fußmarsch, in der die beiden Grossen aber nicht eine Minute Ruhe vor den bohrenden Fragen hatten, hatten sie das Ziel erreicht.

Selbst wenn man es wusste, war das Boot nicht zu sehen.

„So, und was ist hier jetzt so geheimnisvoll. Ich seh nichts als Schilf.“ Karl war erst mal enttäuscht.

„Hose ausziehen und Schuhe anbehalten,“ befahl Hein, „und dann ab ins Schilf.“

Etwas verwundert und mit fragenden Blick taten die Jungs wie ihnen geheißen. Karl war als erster im Schilf. Kaum war 3-4m vorgedrungen sah er es: „ Ich wird verrück , ein Boot.“

Ernst stürzte sofort hinterher, obwohl er seine Schuhe noch nicht wieder angezogen hatte.

Jan rief noch : „Halt, erst Schuhe anziehen.“ Aber da war es schon zu spät. Ernst war schon im Schilf und das nächste was sie von ihm hörten war: „Au, verflucht !“

So ein Schilfhalm kann einem ganz schön schmerzhafte Wunden zufügen, vor allem wenn man auf ein abgebrochenes Ende tritt.

Sie holten Ernst aus dem Wasser und reinigten den Fuß mit dem Trinkwasser aus der Feldflasche die sie mitgenommen hatten. Für Ernst war das Abenteuer erst mal vorbei bevor es begonnen hatte. Der große Zeh am rechten Fuß hatte eine tiefe Fleischwunde. Notdürftig wurde die Wunde versorgt und verbunden. Dann luden sie die Karre ab und Ernst wieder drauf.

„Fangt ihr schon mal an,“ schlug Hein vor. „Ich bring den Bengel nach Hause und komm dann mit dem Fahrrad zurück.“

Was Hein da vorhatte war bewundernswert. Man darf nicht vergessen, dass er ein steifes Bein hatte und dann den Jungen auf der Karre nach Hause schieben auf unbefestigten Wegen, Hut ab.

Für Ernst war es doppelt ärgerlich. Er hatte das Boot noch nicht einmal gesehen und nun sagt Papa auch noch, dass dieser Zustand noch wenigstens zwei Wochen anhalten sollte. Das ihm der Fuß weh tat war in diesem Augenblick nebensächlich, aber wie sollte er die lange Zeit überstehen.

Die Aufregung zu Hause hielt sich in Grenzen. Auch das mittlerweile blutgetränkte Taschentuch um Ernst´ Fuß konnte Anni nicht wirklich schockieren, hatte sie ihre Söhne doch schon zu oft in diesem oder ähnlichen Zustand gesehen. Ohne langes Zögern wurde der Verband entfernt. Ernst wusste aus schmerzlicher Erfahrung was jetzt kam und wollte noch nein rufen, aber die Mama war schneller und bei Leibe nicht zimperlich. Ein dicke Schuss Jod ergoss sich über Ernst´Fuss der diese Tat mit einem gellenden Aufschrei quittierte, der wohl bis ins Dorf zu hören war. Danach wurde alles schön säuberlich verbunden und man konnte wieder dem Alttagsgeschäft nachgehen, während der Sohn fast vor Selbstmitleid zerfloss.

„Alles nicht so schlimm wie es aussieht,“ meinte Mama gelassen. „Das Bein ist ja noch dran.“ Dass sie diesen Satz wahrscheinlich zum letzten Mal von sich gab, nein, das konnte Anni wirklich nicht ahnen.

Die einzige die mit ihm fühlte war seine kleine Schwester Annemarie, denn die erinnerte sich noch genau an Mamas Jodfolter, als sie sich an einem rostigen Nagel gerissen hatte.

Hein hatte es vorgezogen, sich die ganze Prozedur zu ersparen und war schon wieder mit dem Fahrrad auf dem Rückweg.

Jan und Karl hatten schon die ersten 3m Steg fertig, aber das war in flachen Teil. Jetzt wurde das Wasser tiefer und die Arbeit mühevoller. Bevor er sich in diese stürzte, rief Hein die anderen beiden zu sich. Sie gingen auf´s Boot und Hein zog eine Flasche selbstgemachten Kirschwein aus der Tasche. Den hatte er zu Hause mitgehen lassen. Für Karl wurde der Wein noch mit etwas Wasser verdünnt. Da saßen sie nun und erzählten Karl die ganze Geschichte, der jedes Wort verschlang .

 

Zu Hause auf dem Hof war Gerda gerade beim Wäsche aufhängen, als Kalle der Bürgermeister vorbei kam und nach Hein fragte.

„Die sind doch Schilf schneiden gegangen. Haben sie dir das gestern nicht erzählt.“

„Ich habe die Beiden gestern nur von Ferne gesehen als sie in Richtung Mühle gingen.“ Erwiderte Kalle ein wenig verwundert.

Hatte Sie da was falsch verstanden. Gerda war etwas durch den Wind. Sie wollte aber auch nicht weiter fragen aus Angst für neugierig gehalten zu werden.

Kalle wollte noch wissen, wo sie denn Schilf schneiden, aber weil Gerda das nicht genau wusste, zog der Bürgermeister unverrichteter Dinge wieder ab.

Gerda hatte aber nichts Eiligeres zu tun, als Anni noch mal über den gestrigen Tag auszufragen, speziell über die Vorhaben der Männer.

„ Die waren doch bei Kalle und haben den Ackerwagen repariert.“ Meinte Anni überzeugt.

„ Ja, und warum sagte Kalle gerade, dass er die zwei gestern nur von weiten bei der Mühle gesehen hat?“

Jetzt war der weiblich Ehrgeiz erwacht. Irgendetwas stimmt hier nicht und das mussten sie herauskriegen. Anni ging zu Ernst der auf der Bank unter der Eiche saß und ein Buch las.

Das war zwar ungewöhnlich für Ernst aber da er ja nichts anderes im Moment machen konnte, nahm Anni es so hin, zumal es Hein´s Buch über Schiffe war.

„Sag mal, wo sind die eigentlich am Schilf schneiden?“ wollte sie wissen.

„ In Kleinwörden an der Oste.“ Lautete die knappe Antwort.

„Na toll, die Oste ist lang in Kleinwörden.“ Anni bohrte nach. „Wo, genau?“

„Weiß nicht, irgendwo. Hab nicht so genau aufgepasst.“ Ernst stellte sich dumm denn er hätte die Stelle mit verbundenen Augen wiedergefunden.

Aber er war scheinbar überzeugend, denn Anni winkte bloß ab und verschwand sichtlich unzufrieden über die karge Auskunft.

Aber so schnell wollten die Frauen nicht aufgeben. Sie griffen sich Irma , die gleich alt war wie Ernst, sie solle ihn doch mal ein bisschen aufheitern und dabei versuchen etwas zu erfahren obwohl sie zweifelten ob Ernst überhaupt etwas weiß.

Irma war für ihr Alter schon ganz schön durchtrieben. Sie holte das Mensch-Ärger-Dich-Nicht Spiel und hatte im selben Augenblick ihr beiden Brüder Lars und Ole an den Hacken kleben. Das wusste Irma natürlich vorher, denn es brauchte bloß jemand dieses Spiel anfassen und schon waren Zwillinge zur Stelle und genau das wollte Irma auch bezwecken.

Die drei gingen zu Ernst und brauchten ihn gar nicht lange bitten, der war für jede Ablenkung dankbar und so war das Spiel auch schnell im vollen Gange.

Immer wieder kam sie auf das Thema Verletzung zu sprechen, wo war es, wie ist das passiert und so weiter. Aber Ernst blieb bei seiner Geschichte, dass er beim Schilf schneiden keine Schuhe an hatte und ein Halmstumpf ihn den Zeh zerrissen hat.

Nach über zwei Stunden hatte Irma keine Lust mehr denn mittlerweile war sie der Überzeugung , dass Anni und Gerda die Flöhe husten hören. Zum Ärger der Zwillinge packte sie das Spiel ein und brachte es ins Haus.

Anni war auch der Meinung, dass Ernst nicht wusste, was Hein und Jan da ausheckten, aber der Verdacht blieb. Man musste in der nächsten Zeit nur auf der Hut sein.

 

Es war bereits nach 19.00 Uhr als die drei im Schilf beschlossen Feierabend zu machen. Am Steg fehlte noch ungefähr

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG Sonnenstraße 23 80331 München Deutschland

Tag der Veröffentlichung: 24.10.2013
ISBN: 978-3-7309-5715-8

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