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Soulmate

 

 

Lisa Wagner

 

Elves and Roses by Night

Soulmate

Fantasy-Liebes-Roman

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Copyright: Lisa Wagner 2021

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches - auch auszugsweise - sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil 1 der fantastischen

EARBN-Reihe

 

 

 

 

 

Widmung

Für all die Seelen,

die vergessen haben,

wie stark die Liebe

zwischen zwei Menschen

sein kann...

Prolog

Als sie mit ihren Fingern über ihr Gesicht strich, blieb Blut daran kleben. Feucht und dickflüssig lief es ihr über die Wange. Ihre Wunde musste schlimm sein.
Auch, wenn sie sie nicht sehen konnte.
Ihr ganzer Kopf schmerzte. Auf ihrem linken Ohr schien sie nichts mehr zu hören.
Ihr weißes Hemd war längst rot gefärbt. Es klebte ihr warm an der Brust. Selbst ihre Rüstung war mit Blut besudelt. Mit ihrem eigenen und das der anderen.
Ihr ganzer Körper bebte.
Und ihre Finger zitterten.
Ihr Schwert hielt sie in ihrer Hand. Doch ihre Kraft ließ bereits nach. Ebenso wie ihre Magie.
Sie hatte sie einfach gegen ihre Gegner eingesetzt.
Und jetzt war so gut wie alles verbraucht. Sie hatte einfach nicht darauf geachtet.
Jetzt stand sie in den Trümmern dieses unnötigen Kampfes. Blickte sich immer wieder um.
Ganz langsam. Sie sog alles in sich auf. Und der Schmerz setzte sich in ihr fest.
Nicht nur der körperliche. So viele Verluste hatte sie zu verkraften.
Sie sah nur noch das Blut.
Es war überall verteilt. Die Körper, die sich aneinander reihten. Leblos und besudelt mit Dreck.
Verzerrte Gesichter.
Wieso hatte es so weit kommen müssen?
Das alles hatte sie nicht gewollt.
Und doch hatte der König der Elfen ihr nicht zugehört.
Sturheit und Macht hatten ihn geblendet. Ließen ihn nicht das sehen, was sie gesehen hatte.
Und nichts hatte sie dagegen tun können. Gar nichts.
Als die Nachtelfen angriffen, war es bereits zu spät gewesen. So sah also ein unnötiger Krieg aus.
In ihrer Kehle bildete sich ein Kloß. Ihre Augen wurden feucht. Noch immer konnte sie das alles nicht glauben.
Es schien ihr wie ein Traum zu sein.
Doch das war es nicht. Überhaupt nicht.
Am liebsten hätte sie ihre Wut herausgeschrien. Doch ihr Hals glich einer Wüste. Staubtrocken.
Und ihre Stimme versagte ihr den Dienst. Auch ihr Körper gab jetzt langsam nach.
Ihre Muskeln fingen an zu zittern. Und schon landete sie mit ihren Knien auf dem weichen Boden. Die Kälte kroch ihr direkt in die Kleidung. Doch fühlen tat sie es nicht. Sie fühlte gar nichts mehr.
Alles war einfach nur leer.
Und dann blieb ihr Blick an der Elfe vor ihr hängen.
Zusammengekrümmt saß sie auf dem Boden. Ihr blondes Haar war nicht mehr zu erkennen.
Verdreckt und voller Blut. Ihr ganzer Körper zitterte.
Ein Weinkrampf nach dem anderen durchzuckte sie.
Ihre Tränen vermischten sich mit ihrem Blut.
Landeten in großen Tropfen in dem Fell ihres Schattenwolfes. Leblos lag der Körper direkt vor ihr.
Keine Atmung mehr zu erkennen.
Er war tot. Daran gab es keinen Zweifel.
Trotzdem strich sie geistesabwesend weiter über dessen Rücken. Vergrub die Finger tief in dem Fell.
Doch es gab kein zurück mehr für ihn.
Er würde nicht mehr erwachen.
Und das wusste auch die junge Elfe. Schnell wendete sie den Blick von den beiden ab.
Es zerbrach ihr das Herz. Sofort trat auch ihre Gefährtin in ihr Bewusstsein. Tief verborgen in ihrem Herzen.
Sie hatte Béal zur richtigen Zeit beschützt. Was ihr Erleichterung gab. Doch ihre eigene Kraft war dadurch ausgelastet worden. Es war immer ein riskantes Spiel.
Und der Krieg forderte nun einmal seine Opfer.
Doch zum Glück hatten sie es alle überlebt. So gut es ging. Auch wenn sie nicht genau wusste, wie es den anderen ging. Einige ihrer Freunde lebten.
Von den anderen hatte sie bis jetzt nichts gehört.
Irgendwann waren sie im Getümmel verloren gegangen.
Sie wusste nicht, wo ihre Freunde waren. Wie es ihnen ging. Welche Verletzungen sie hatten.
Waren sie vielleicht sogar schon in Sicherheit?
Irgendwie musste sie es doch herausfinden können.
Und wo war Siocháin? Er war doch immer in ihrer Nähe gewesen. Doch sie hatte ihn schon sehr lange nicht mehr gesehen.
Er musste noch am Leben sein. Wenn nicht, hätte sie es gespürt. Da war sie sich ganz sicher.
Außerdem war er stark genug, um sich verteidigen zu können. Seine Magie war immer gegen die Robúlái angekommen. Und auch gegen die Greifer.
Doch was war mit den Drachen? War er ihnen womöglich in die Arme gelaufen? Sie hoffte es nicht.
Doch das bestärkte sie nur umso mehr.
Sie musste ihn finden. Sofort.
Als sie bereits eine laute Stimme hörte.
„Alvá?“
Jemand suchte nach ihr. Es konnte nur er sein. Sie wollte zu ihm. Sie sprang auf. Machte die ersten Schritte.
Der Matsch unter ihren Füßen spritzte auf.
Doch sie kam nicht weit. Ein lautes Knacken direkt hinter ihr. Sie wollte sich umdrehen.
Ein weiterer Schmerz durchzuckte sie. Ließ ihren Körper einfrieren. Sie keuchte hörbar.
Versuchte immer wieder Luft in ihre Lungen zu bekommen. Es klappte nicht. Irgendetwas stimmte nicht.
Und dann wieder dieser unbändige Schmerz.
Direkt in ihrer Brust. Sie blickte an sich hinab.
Und sah die Spitze der schwarzen Klinge.
Ihr frisches Blut tropfte herunter.
Und dann eine schnelle Drehung. Sie stöhnte auf.
Und der Schmerz lähmte ihre Gedanken.
„Du bist keine Retterin. Nur wieder ein Mythos.“
Sie kannte diese Stimme. Brannte sich in ihre Erinnerung.
Und sie wusste, dass es zu spät war.
Ein starker Ruck durchzuckte ihren Körper.
Die Klinge war verschwunden. Ihr Blut floss ungehindert aus der Wunde. Färbte den Boden unter ihr dunkelrot.
Sie verlor das Gleichgewicht.
Und landete im Dreck des weichen Bodens.
Sie konnte nur noch die Umrisse wahrnehmen.
Und ganz kurz erschien ein Gesicht vor ihren Augen.
Schwarze Haare. Tiefblaue Augen.
Und dann hörte sie Schritte, die sich langsam entfernten.
Bis sie nichts mehr wahrnahm.
Außer die Kälte, die sich auf ihren Körper legte. Der Schmerz in ihrer Brust.
Das Einzige, was sie wollte, war, dass es aufhörte. Dass sie nicht mehr leiden musste.
Und dann schlossen sich ihre Augen.
Sie spürte nur noch die sanfte Berührung. Starke Hände, die sich an ihre Wangen legten. Die vor Wut und Trauer zitterten. Der noch warme Körper, der neben sie auf den Boden glitt.
Nachdem er sich selber die Kehle durchtrennt hatte.

1

Ich will nicht mehr! Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Auf meinem Handy Display erschien wieder einmal die Uhrzeit. 7:45 Uhr. Wer hatte das beschlossen?
Ich saß schon wieder hier, seit fünf Minuten.
Natürlich wie immer überpünktlich.
Neue Bänke könnte man auch mal anschaffen!
Aber die Universität sollte ja nicht bequem sein. Wahrscheinlich wurden genau deswegen diese superbequemen Holzbänke erschaffen.
Nur für die Uni. Das nervt!
Und dann musste ich auch noch so früh aufstehen.
Nur, damit ich pünktlich an der Uni ankommen konnte.
Aber der Professor durfte sich natürlich verspäten.
Die wurden ja anscheinend fürs zu spät kommen bezahlt. Ich hätte Professor werden sollen.
Nein. Stattdessen entschied ich mich für meine Leidenschaft. Kunst.
Ja, ganz genau.
Ich studierte Kunst und Design.
Im 4. Semester, ich war schon ziemlich gut. Angeberin!
Aber dieses unchristliche frühe Aufstehen ging mir an die Nieren.
Jemand hätte damals darauf plädieren sollen, dass die Vorlesungen erst ab 11 Uhr stattfinden dürften.
Meine Stimme hätten sie bekommen.
Also saß ich wie jeden Tag pünktlich um 7:45 Uhr hier.
Mein Po rebellierte, was keine Seltenheit war bei den Bänken. Und heute war anscheinend mein Glückstag.
Der nette Herr Professor kam leider nur zwei Minuten zu spät. Also hatte er noch ganze 88 Minuten Zeit mich zu quälen. Und natürlich die zwanzig anderen Mit-Studierenden. Lächeln und Notizen machen.
Ich wusste irgendwie schon immer, dass ich beruflich etwas mit Kunst machen wollte.
Farben und Formen faszinierten mich.
Mit acht bekam ich mein erstes Pinsel-Set.
Schnell folgten die eigenen Farben und die großen weißen Leinwände, mit denen man sich stundenlang beschäftigen konnte.
Ich wurde dem Malen nie müde.
Meine Familie wusste somit auch immer, was sie mir schenken konnten und ich musste sie nie daran erinnern. Irgendwann bestand mein Zimmer nur noch aus Farben und Leinwänden.
Mich störte das nicht.
Ich fand es schön, fühlte mich wohl in meinem kleinen Reich.
Und meine Mutter ließ es durchgehen.
Was sollte sie auch dagegen tun?
Mir das Malen verbieten?
Ha, das hätte sie mal versuchen sollen.
Bis heute war diese starke Leidenschaft noch
immer vorhanden.
Damit konnte ich meine Gefühle ausdrücken.
Wenn es mir gut ging.
Wenn es mir schlecht ging.
Mein kleiner Zufluchtsort, mit dem ich allem anderen aus dem Weg gehen konnte.

 

***


Ich merkte, wie es in meiner Sitzreihe unruhig wurde.
Was ist denn los?
Links neben mir saßen fünf weitere Studierende.
Auf meiner rechten Seite hatte ich bis jetzt das Glück eines freien Platzes gehabt. Anscheinend nicht mehr lange.
Kam da etwa jemand zu spät? Aber es sind doch alle hier!
Ich zählte stumm noch einmal nach. Nein, ich hatte mich nicht verzählt. Es waren alle schon lange da.
Wer also provozierte diese Unruhe?
Und wer entschied sich im 4. Semester noch den Studiengang zu wechseln? Komisch.
„Entschuldigung, aber ist der Platz neben dir noch frei?“
„Eh was? Ach, ja klar.“
Ich stand auf, ließ den Typen durch und legte meine Aufmerksamkeit wieder auf meine Notizen.
Nicht, dass ich wegen so etwas noch ein wichtiges Thema verpasste.
„Das ist prüfungsrelevant! Sie sollten das besser aufschreiben!“
In Gottes Ohren, dieser Satz würde mich ein Leben lang verfolgen.
„Ich bin so blöd, ich hab doch glatt meine Stifte vergessen. Könntest du mir vielleicht einen von dir ausleihen?“
„Ja, von mir aus. Nimm dir einfach einen aus meinem Etui.“ Er hatte ja nerven!
Erst 15 Minuten zu spät kommen. Dann noch Unruhe verbreiten. Und zu guter Letzt hatte er noch nicht einmal irgendwelche Materialien dabei.
„Kannst den Stift dann gerne behalten. So hast du auf jeden Fall einen für Morgen.“
„Eh... Ja, eh... D-Danke“
Er stotterte. Es war doch nur ein Kugelschreiber.
Keine Einladung mit mir die Nacht zu verbringen. Aber das war mir egal. Ich wollte nur meine prüfungsrelevanten Notizen weiter schreiben.
Dafür hatte ich jetzt noch gute 65 Minuten Zeit. Danke dafür!

 

***


Während der restlichen Vorlesung gab es keine weiteren Störungen. Der neue Typ hatte seine eigenen Blätter dabei und machte sich fleißig Notizen.
Und auch sonst sprach er mich nicht noch einmal an.
Was mir relativ egal war. Ich wollte nur die Vorlesung so gut es ging überleben. Alles andere war irrelevant!
Trotzdem erwischte ich mich, wie ich zu ihm herüberschaute. Ein einziges Mal. Doch in diesem Augenblick brannte sich etwas in meine Seele.
Ich wusste nicht, was es war. Ein komisches Gefühl.
Seine Augen leuchteten in einem kastanienbraunen Ton.
Ein paar goldene Pigmente waren auch vorhanden. Faszinierend.
Solche Augen hatte ich noch nie gesehen. Und dann sein Haar. Es war zu einer modernen Männerfrisur geschnitten. Hinten kurz, vorne etwas länger.
Die einzelnen Strähnen spielten ihm auf der Stirn.
Ein bisschen mit Gel in die ordentliche Richtung gerückt, sah es perfekt aus und stand ihm unfassbar gut.
Ein Kastanienbraun. Passend zu seinen Augen.
Wenn das Licht hineinfiel, leuchteten sie leicht golden.
Bei Schatten glitt es in ein schwarz braun.
Ich sollte ihn nach seinem Friseur fragen. Da muss ich auch unbedingt hin!
Die Vorlesung war zum Glück schnell zu Ende. Mein kleiner Tagtraum hatte mich aus meiner Konzentration gerissen. Gott sei Dank hatte ich alles Wichtige notiert.
Jetzt brauchte ich erst einmal etwas zu essen.
Heute war Pasta-Tag! Mein Lieblingstag in der Uni.
Es gab nichts Besseres als Pasta. Und das in jeglicher Form.
Ob Penne, Spaghetti, Tagliatelle, Fusilli, Tortellini. Lecker!
Also ging es auf dem schnellsten Weg in die Mensa.
Der Duft von frischer Pasta durchströmte die Gänge.
Schnell schnappte ich mir ein Tablett und reihte mich in die Schlange ein.
Zum Glück wusste ich schon genau, welches Gericht ich nehmen würde. Leider gab es immer nur ein Pasta-Gericht, welches mit Käse-Sahne-Soße serviert wurde.
Und nichts ging über Käse-Sahne-Soße. Nehme ich noch extra Parmesan?
Was für eine Frage. Natürlich, wenn schon, denn schon!
Beladen mit einer riesigen Portion Pasta, extra Käse und leckerem Ciabatta Brot gesellte ich mich an einen Tisch, an dem schon zwei weitere Personen saßen.
Die wichtigsten Frauen in meinem Leben.
Meine besten Freundinnen!
„Hey, Braunschopf. Ich dachte schon, du verpasst deinen so hochheiligen Pasta-Tag. Sei froh, dass Lien keinen großen Hunger hatte, sonst wäre nur noch rote Soße Pasta übrig!“ Danke dafür!
Ich setzte mich auf den freien Stuhl, stellte das Tablett vor mir ab und fing ungeniert an, die Pasta in mich zu schaufeln. Die war aber auch einfach zu gut.
Sid und Lien unterhielten sich derweil weiter über uninteressantes Zeug.
Sidney, auch liebevoll von allen Sid genannt, kannte ich schon seit der Oberstufe. Sie war neu in unser Städtchen gezogen. Dumfries. Schottland.
Wir verstanden uns sofort. Waren beide immer etwas Außenseiter und wollten uns nicht der Masse anschließen.
Ihr feuerrotes Haar leuchtete in der Sommersonne.
Manchmal zogen wir ihre Sommersprossen mit einem Kugelschreiber nach. Das ergab immer ziemlich absurde und lustige Bilder. Passend dazu hatte sie leuchtend grüne Augen. Fast wie kleine Smaragde.
Auch nach acht Jahren waren wir immer noch ein Herz und eine Seele. Ich hab so ein Glück!
Als es dann um die Frage ‚welche Universität‘ ging, fackelten wir nicht lange.
Wir beworben uns an den gleichen Unis und wurden auch an der gleichen Uni zusammen angenommen.
University of Edinburgh.
Sid entschied sich für den Mythologie-Studiengang.
Davon war sie schon immer fasziniert. Und das bis heute. Außerdem bezogen wir eine Wohnung zusammen, mitten in Edinburgh. Unsere kleine WG.
Wo jeder für sich sein konnte, wir aber trotzdem immer zusammen waren. Mein kleines Freundinnen-Glück.
Ein halbes Jahr später. Wir hatten uns gerade eingelebt und fanden schon ohne Navigation den Weg zur Uni.
Da trafen wir auf unseren kleinen Blondschopf.
Collien.
Oder auch Lien.
Sie war neu in der Gegend, ein Jahr jünger als Sid und ich. Ohne jemanden zu kennen, war sie an die Uni gekommen. Ich erinnerte mich noch genau, wie unsere Liebesgeschichte mit Lien anfing.
Sid und ich saßen in der Mensa.
Es war, wie soll es auch anders gewesen sein, Pasta-Tag.
So lecker!
Ich sah Lien aus dem Augenwinkel, sie stand ganze zehn Minuten vor der Essensausgabe. Konnte sie sich nicht entscheiden? Also wieder eine Tomatensoßenesserin.
Bleibt mehr Käse-Sahne-Soße für mich.
Irgendwann hatte sie sich wohl entschieden und suchte mit Adleraugen nach einem freien Platz.
An diesem Tag war die Mensa aber auch überfüllt. So viele Menschen hatte ich auf dem Gelände der Uni auch noch nie gesehen.
„Hey, tut mir leid, aber dürfte ich mich zu euch beiden setzen. Sonst ist leider kein Platz mehr frei.“
„Na klar, mach es dir gemütlich. Wir beißen auch nicht!“
Sid, immer einen komischen Spruch auf den Lippen.
„Danke. Wenn man hier schon keine Auswahl an Käse-Sahne-Soße hat, möchte man wenigstens einen ordentlichen Platz haben.“
WAS? Hatte ich mich da verhört?
„Da kann ich nur zustimmen. Immer diese Bevorzugung der Tomatensoßenesser. Schrecklich!“
Und da war das Eis gebrochen, ob sie wollte, oder eben nicht.
Lien wuchs in Kirkcaldy auf. Ganz nah an der Küste.
Daher kam auch ihre Affinität zum Fotografieren. Und natürlich belegte sie einen passenden Studiengang.
Fotografie.
Seitdem war sie für allerlei Fotos von unserer kleinen Gruppe zuständig. Es sah für mich immer noch faszinierend aus, wenn Lien mit ihrer großen Tasche um die Ecke kam. Beladen wie ein kleiner Esel.
Zwei Kameras waren immer dabei. Zusätzlich natürlich noch Linsenreinigung und Zubehör. Für die perfekten Fotos. Aus jedem Winkel. In jeder Situation.
Spontan oder gewollt. Lien war einfach die Meisterin für die perfekten Fotos.
Ihr blondes, langes Haar passte perfekt zu ihrer braunen Haut. Ihre strahlend Karamell-braunen Augen waren mir schon immer ein Rätsel. Als würde flüssiger Bernstein durch sie fließen. Einfach wunderschön!
Einen Monat später zog sie in unser freies WG Zimmer.
Und seitdem waren wir drei einfach unzertrennlich.
Ein perfektes Dreiergespann.

 

***

 

„Ich hab zum Glück bald Abgabe. Dann darf ich ein paar Tage ausspannen. Der Stress macht mich fertig!“
Ich konnte Lien sehr gut verstehen. Jeden Monat ein Portfolio an neuen Fotos abgeben zu müssen, so etwas schlauchte. Und dann noch das passende Motiv zu finden. Harte Arbeit.
„Ich bin auch sehr froh, wenn ich endlich den Abgabetermin hinter mir habe. Ständig habe ich meine Nase in irgendwelchen dicken Wälzern versteckt.“
Sid war schon immer unsere kleine Streberin.
Vor drei Tagen hatte sie mir erzählt, dass sie ihre Arbeit schon abgeschlossen hätte. Abgabetermin war natürlich erst in zwei Wochen. Streberin!
„Meddi, wie sieht es bei dir aus? Ist dein Kunstwerk endlich fertig?“
Die Gabel vollgepackt mit Pasta schwebte vor meinem Mund.
„Eh ja, eigentlich schon. Es gefällt mir. Aber irgendetwas fehlt noch.“
„Medina, du hast ja Nerven. Musst du nicht morgen abgeben?“
Lien, mein persönlicher Terminkalender.
„Nur meine Mum nennt mich so. Und ja, ich muss morgen Nachmittag abgeben. Das schaffe ich schon, keine Sorge!“
„Wenn du das sagst.“ Danke Sid.
Ich wollte doch einfach nur in Ruhe essen. Wie hatten sie es geschafft, ihr Gesprächsthema auf mich zu lenken?
Ich hatte meine geliebte Pasta. Dabei war eine Konversation mit mir nun einmal unmöglich.
Und über meine Abgabe reden zu müssen, nein Danke.
„Was steht bei euch jetzt noch an?“
„Die Mythologie der Urvölker bei Professor Breading!“
Die arme Sid.
Professor Breading war eine Frau von der schwierigeren Sorte. Man konnte auch nichts dagegen tun. Entweder mochte sie dich, oder nicht. Ersteres war natürlich immer von Vorteil.
„Ich werde jetzt den Kurs ,Belichtung - das Experiment‘ besuchen müssen. Zum Glück bei Professor Sexy!“
Natürlich hatte Lien mal wieder den Jackpot gewonnen.
Gemein.
Professor „Sexy“, im wahren Leben auch Professor Maxwell Hardt genannt, war einfach der wahr gewordene Frauentraum. Pechschwarzes Haar, klassisch, hinten kurz, vorne verspielt. Immer perfekt gestylt.
Tiefblaue Augen. Als würde man in einen glasklaren See schauen. Dieses Lächeln. Verschmitzt, und doch irgendwie süß. Verführerisch.
Wie oft ich den einen Gedanken hatte. Seine Lippen auf meinen. Sabber!
Karamell braune Haut. Und auch wenn keine von uns den Mann jemals oben ohne gesehen hatte, wusste man auch so, was darunter verborgen war.
Wenn man früh genug an der Uni ankam, konnte man beobachten, wie er jeden morgen durch den Park seine Runden lief. Man traf auf die zahlreichen Grüppchen von Frauen, die ihm schmachtend nachsahen. Mit seinen 32 Jahren war er einfach noch im richtigen Alter.
Und angeblich immer noch nicht verheiratet. Er ist dein Professor!
Ja, liebes Gewissen. Ich weiß.
„Ok, ich verschwinde jetzt auch. Mich erwartet sehnsüchtig ‚Grafikdesign‘ bei Professor Taddel. Wir sehen uns dann zu Hause.“
„Ja, genau. Sid geht noch einkaufen. Sie hat als Erste von uns frei und dann kochen wir später alle zusammen. Das wird ein Spaß!“
Lien, Frohnatur in einer Person. Nicht immer toll. Vor allem nicht morgens um 5:30 Uhr. Aber was sollte ich sagen. Wir ergänzten uns ziemlich gut.
Wir drei Mädels.

2

Wenn du weiter so viel isst, wirst du noch fett!
Danke, liebes Gewissen!
Ich hatte es in mein Bett geschafft. Rund wie eine Kugel.
Vollgefressen mit leckerem Fisch, dazu Buttergemüse und Kartoffeln. Wieso konnten wir drei auch alle so gut kochen? Zum Glück ging ich regelmäßig zum Sport. Lügnerin!
Ja ok. Ich versuchte, regelmäßig zum Sport zu gehen.
Aber klappen wollte das natürlich nicht immer.
Uni-Stress war eine der vielen Ausreden.
Und auch jetzt fand diese Ausrede wieder ihren Platz auf dem Treppchen. 21:10 Uhr.
Ich musste mein Kunstwerk vollenden. Morgen war Abgabe. Aber was fehlte?
Ich war doch fertig. Oder nicht?
Es verzaubert mich nicht!
Ich sprang auf, nahm die Schutzfolie von meinem Gemälde und betrachtete es eingehend.
Die Farben passten perfekt.
Ein wunderschönes Zusammenspiel zwischen Türkis und Blau. Kleine Nuancen von Rot. Eine zarte Verführung, eine Lebendigkeit. Mir brummte der Schädel.
Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen.
Was wollte ich übermitteln?
Natürlich, die Faszination. Sich in den Farben zu verlieren. Ich nahm den Pinsel und mischte eine Farbe, die ich bis heute nicht oft gewählt hatte.
Und dann war es auch schon geschehen. Die Farbe war auf der Leinwand. Ich konnte nichts mehr machen.
Aber wollte ich das überhaupt?
Ich ließ es auf mich wirken.
Und war ziemlich überrascht. Es gefiel mir, mehr als nur gut.
Jetzt noch trocknen lassen und dann würde ich es morgen abgeben. Das würde schon werden. Meddi, besser geht‘s nicht.

 

***

 

Ich war früher wach als gewollt. Wahrscheinlich lag das an der Abgabe meines Bildes.
Ich packte alles ein. Umwickelte extra noch einmal zwei Lagen Folie. Nur zur Sicherheit.
Sid und Lien traf ich heute Morgen zum Glück nicht an.
Das hätte nur wieder unnötige Fragen gegeben.
„Ist dein Bild fertig?“
„Hast du jetzt noch etwas verändert?“
„Lass mich mal gucken!“
Oh Gott, nein danke. Ich war sehr froh darüber, meine Ruhe zu haben.
Schnell noch einen Kaffee zum Mitnehmen und ab zur Uni. Da wir direkt vor der Haustür eine U-Bahn-Station hatten, war es ein Klacks zur Uni und wieder nach Hause zu kommen. 10 Minuten Fahrt.
Was wollte man mehr? Doch heute hatte ich ein riesiges Paket mitzuschleppen.
Hoffentlich ging in der U-Bahn alles gut. Ich hatte mich schon am Vorabend dazu entschieden, zwei U-Bahnen eher zu nehmen. Wenn man Pech hatte, war die U-Bahn so voll, dass man sich fühlte, als wäre man eine Sardine in einer viel zu kleinen Dose.
Und meinem Bild durfte einfach nichts passieren. Ein Zweites gab es nun mal nicht.
Meddi, du bist doch so gut. Da hättest du auch gleich zwei Bilder fertig machen können!
Ja klar, ich hatte ja sonst nichts zu tun! Doch irgendeine höhere Macht meinte es wohl gut mit mir. Die U-Bahn war, bis auf vier Menschen, die sich in der ganzen U-Bahn verstreuten, leer. Also konnte ich mir sogar einen Sitzplatz aussuchen.
10 Minuten noch einmal in Ruhe entspannen, Kaffee trinken, abschalten. Ein wahrer Luxus.
„Hey, das ist aber ein großes Paket. Was ist da denn drin?“
Oh nein! Die Ruhe war dahin.
Wer wagte es... Er!
Der Typ, der sich gestern zu spät in den Hörsaal geschlichen und dann auch noch sein Material vergessen hatte.
Auf Smalltalk hatte ich absolut keine Lust.
„Ein Gemälde.“
Das sollte doch wohl als Antwort reichen. Dachte ich.
„Ein Gemälde also. Von welchem Künstler wurde es gemalt?“
Musste das jetzt wirklich sein? Merkte er nicht, dass ich keine Lust hatte mit ihm zu reden? Ich kannte ja noch nicht einmal seinen Namen.
„Da wir uns gestern in der Kunstvorlesung über den Weg gelaufen sind, solltest du annehmen, dass das Gemälde von mir ist.“
Ein bisschen schnippisch war meine Aussage ja schon.
Aber er konnte auch nicht erwarten, morgens um 7 Uhr vernünftige Antworten von mir zu bekommen. Ich hatte ja noch nicht einmal meinen Kaffee ausgetrunken.
Ob ihm das aufgefallen war? Egal. Noch zwei Haltestellen. Dann konnte ich ihm zum Glück ganz schnell wieder aus dem Weg gehen.
„Ach, ich bin aber auch doof. Natürlich ist das Gemälde von dir. Da hätte ich auch gleich drauf kommen können!“ Ach was, Schlauberger.
„Und da heute Nachmittag Abgabe ist, musste es leider mit in die U-Bahn. Aber das wusstest du bestimmt. Du bist ja jetzt auch in meiner Vorlesung.“
Sein Gesicht zeigte keine Regung.
Entweder hatte er es wirklich gewusst, oder er konnte ein gutes Pokerface auflegen. Doch viel schlimmer waren seine Augen, die sich unmittelbar in meine bohrten. Dieses goldene Funkeln.
Ich konnte gar nicht wegsehen. Was war das?
Mir wurde schlecht. Ob das wohl daran lag, dass ich das Frühstück hatte ausfallen lassen?
Bestimmt!
„Nächster Halt: University of Edinburgh!“
Endlich, die lang ersehnte Haltestelle.
„Danke für das nette Gespräch, aber ich muss vor der Vorlesung noch das Gemälde in Sicherheit bringen. Wir sehen uns bestimmt nochmal.“
Ich konnte ja sogar richtig nett sein. Vielleicht war die Angst vor der Abgabe doch größer. Ich wollte es einfach nur hinter mich bringen. Und diesem Typen am liebsten aus dem Weg gehen.
„Eh, ja. Kein Problem. Ich... Eh, ich bin übrigens Lenox!“ Wie bitte?
Lenox. Für einen so komischen Kerl ein ziemlich cooler Name.
„Medina. Aber eigentlich reicht Meddi. Freut mich, bis dann mal.“
Und schon hatte ich mir mein Paket geschnappt und war aus der offenen Tür verschwunden.
Schnell, schnell, schnell. Einfach nur aus der Sichtweite rauskommen. Man, war das vielleicht komisch.
Ich nahm den letzten Schluck aus meinem Kaffeebecher.
Selbst die warme, braune Flüssigkeit half nicht gegen dieses merkwürdige Gefühl. Seine unglaublich schönen Augen hatten sich in mein Gehirn gebrannt.
Ich sah sie immer noch vor mir. Kastanienbraun.
Mit einem Hauch von goldenem Schimmer. Wunderschön!
Nicht weiter darüber nachdenken. Ich musste mein Gemälde abgeben. Also los!

 

***

 

Die erste Vorlesung konnte ich ohne besondere Ereignisse hinter mich bringen. Design - Mediale Gestaltung. Eine meiner liebsten Vorlesungen.
Und anscheinend gab es hier keinen komischen Typen, der mich aus der Bahn warf. Noch einmal Glück gehabt.
Auch so konnte man sich in dieser Vorlesung sehr schlecht konzentrieren.
Aber nicht im schlechten Sinne. Professor Sexy!
Ja, da war er wieder. Der wahr gewordene Frauentraum.
Seine graue Chinohose stand ihm einfach fantastisch.
Und betonte zusätzlich die richtigen Stellen. Ein perfekter Po.
Dazu trug er ein schwarzes T-Shirt aus Baumwolle.
Lässig, als hätte er keine Mühe damit vergeudet, so auszusehen, wie er nun mal aussah.
Die schwarzen Locken leicht nach hinten drapiert.
Wie konnte man nur so gut aussehen?
Die ersten Semester hatte ich mich immer gefragt, warum diese Vorlesung so gut wie jedes Mal voll war.
Ich hatte immer darum kämpfen müssen, einen Platz zu ergattern. Irgendwie schaffte ich es doch immer wieder.
Das war mir ein Rätsel. Oder ich hatte auch einfach mal Glück. Wer wusste das schon.
Jedenfalls wurde mir sehr schnell bewusst, was es mit dieser Vorlesung auf sich hatte.
Mehr als die Hälfte der Vorlesungsbesucher waren Frauen. Natürlich musste das nicht unnormal sein.
Handelte es sich doch immer noch um die mediale Gestaltung. Sowieso eher ein Frauending.
Doch schon nach ein paar Vorlesungen war es mir dann klar. Viele Studierende besuchten dieses Fach einfach nur nebenbei.
Und nicht, um etwas zusätzlich für ihr Studium zu erlernen. Nein. Es lag einfach nur an dem ziemlich heißen Professor. Diese Muskeln! Sabber!

 

***

 

„Hey Braunschopf, soll ich dir ein Lätzchen bringen? Du sabberst ganz schön doll!“
Auf dem Weg in die Mensa kamen mir Sid und Lien entgegen. In meinem Tagtraum gefangen, hatte ich sie gar nicht bemerkt.
„Du kannst mir ja deines geben. Bei Professor Sexy fängst du doch immer als Erste an, den kompletten Tisch voll zu sabbern!“ 1:0 für Meddi!
„Da hast du ausnahmsweise einmal recht.“
Ein Lachen breitete sich in unseren Gesichtern aus.
Sid hätte niemals verleugnet, dass sie sich den hübschen Professor gerne in ihr Bett geholt hätte.
Was ja irgendwie möglich gewesen wäre.
Sid war die Einzige von uns, die keine Vorlesung bei Professor Maxwell Hardt belegte. Also war er auch rein theoretisch nicht ihr Professor. Aber das war natürlich nicht meine Baustelle.
„Gehen wir jetzt endlich etwas essen? Ich habe schrecklichen Hunger!“ Ach, Lien...
Lien war schon immer schön und atemberaubend schlank gewesen. Und doch konnte sie sich Massen an Essen hineinschaufeln. Wie ein Tier, das seit Wochen nichts mehr bekommen hatte. Einen zweiten, vollgepackten Teller holen?
Lien war immer als Erste mit dabei. Sie hatte schon fast ihren zweiten Berg aufgegessen, da war ich gerade mit meiner ersten Portion fertig. Das würde ich ja auch gerne können. Essen, was und so viel ich eben wollte.
Konsequenzen? Rein gar nichts...
Schlank und schön sein. Pustekuchen!
Sobald ich nur an einen Nachschlag dachte, hatte ich schon 4 Kilo mehr auf den Rippen.
Und immer dieses schlechte Gewissen.
Ach, die Packung Chips kann ich auch noch essen! Die Schokolade einfach liegen lassen? Nein, die fühlt sich doch dann vernachlässigt!
Ich hatte auch immer ein Glück.
Aber warum gab es denn auch so leckere Sachen?
In der Mensa angekommen, holten wir uns alle schnell etwas zu essen. Große Platzauswahl gab es leider nicht mehr. Der Raum war mal wieder ziemlich überfüllt.
„Dort ist noch ein freier Tisch!“
Sid schnappte sich ihr Tablett.
Mit zwei riesigen Schritten war sie durch den halben Raum geflogen. Verteidigte den Tisch mit all ihrer Kraft.
Lien und ich liefen entspannt auf den Tisch zu.
Bloß keine Hektik während des Essens. Ich hatte gerade mein Tablett abgestellt, als ich ihn aus dem Augenwinkel sah. Lenox!
Schnell pflanzte ich meinen Po auf einen der Stühle.
Hoffentlich konnte er mich in der Menschenmenge nicht sehen. Kurz dachte ich daran, einfach unter den Tisch zu kriechen. Meddi, was ist los mit dir?
Warum wollte ich mich unbedingt vor einem Fremden verstecken? Das war doch absurd!
Ich nahm meine Gabel in die Hand und fing in Ruhe an zu essen. Bloß nicht auch noch die Mittagspause verderben lassen.
„Moment, ich komm gleich wieder.“
Sid sprang von ihrem Platz auf und lief direkt in Lenox Richtung. Vielleicht hatte sie etwas vergessen.
Nachtisch zum Beispiel. Mir war es egal, denn die ersten leckeren Happen landeten gerade in meinem Mund.
Köstlich!
„Hey ihr zwei, das ist Carrán. Wir haben uns gestern in einem Seminar kennengelernt. Und das ist sein bester Freund, Lenox!“
Mir fiel die Gabel aus der Hand.
Und urplötzlich bekam ich keine Luft mehr. Ich fing lauthals an zu Husten. Bloß nicht übergeben.
Nicht jetzt! Mist, Mist, Mist, Mist!
„Hey, wir kennen uns noch nicht. Ich bin Carrán und neu hier an der Uni.“
Lien reichte ihm die Hand und bot ihm den Platz neben sich an. Ich nickte nur stumm. Das Essen hing mir immer noch im Hals. Und jetzt kam auch Lenox ins Spiel.
„Hey Lien. Lenox, freut mich sehr. Und wir kennen uns ja schon. Meddi, richtig?“
„Eh, ja... Hi!“
Was war nur los mit mir?
Sonst war ich nie so wortkarg. Irgendetwas an ihm schüchterte mich ein.
„Ach, ihr kennt euch schon? Das hat die liebe Meddi gar nicht erzählt! Woher das denn?“
Sid, lass es doch einfach gut sein. Danke, beste Freundin!
„Wir haben uns gestern in der Vorlesung ,Kunstgeschichte‘ kennengelernt. Ich
kam leider etwas zu spät und nur noch der Platz neben Meddi war frei.“
Wenigstens leugnete er nicht, dass er wohl die Uhr nicht richtig lesen konnte.
„Meddi, alles ok mit dir?“
„Eh, ja Lien... Alles super. Und heute Morgen traf ich Lenox noch einmal kurz in der U-Bahn. Wohnt ihr in der Nähe?“
Wieso interessierte mich das eigentlich?
Mir konnte es doch wirklich egal sein, wo er wohnte.
„Ja, das tun wir. Nur drei Haltestellen von hier entfernt. Eine kleine Männer-WG!“
Carrán war mir irgendwie sympathischer. Vielleicht lag das aber auch einfach an seinem Blick, der mich nicht jedes Mal bis zu meiner Seele durchbohrte.
Carrán war ziemlich groß. Und muskulös.
Er hatte mittellanges, kupferrotes Haar. Es war ziemlich zerzaust und anscheinend sehr widerspenstig. Aber genau das passte zu ihm. Es sah einfach gewollt aus.
Er hatte einen dunklen Hautton. Als hätte er die letzten drei Monate am Strand gelebt und die Sonne quasi in sich aufgenommen.
Es stand ihm. Typisch Surfer-Boy!
Seine Augen waren grau.
Und auch er hatte diese kleinen goldenen Schattierungen. Wenn du ihn noch länger so anguckst, denkt er noch, du wärst verliebt...
Danke, Gewissen!
Lenox und Carrán mussten beide schmunzeln. Hatte jemand etwas Lustiges gesagt? Wenn ja, hatte ich es nicht mitbekommen. Aber anscheinend war es nicht so wichtig. Sid und Lien unterhielten sich weiterhin mit Carrán. Ich hörte nur mit einem Ohr zu.
„Woher kommt ihr denn?“
„Ihr seid schon 28? Ihr seht gar nicht so aus!“
„Ich würde dich gerne mal fotografieren.“
Und immer so weiter.
Lenox war anscheinend heute auch nicht sehr gesprächig. Er lauschte still dem Gespräch. Genauso wie ich. Ich schaute auf mein Handy. Mist! Ich komme zu spät.
„Sorry Leute, ich muss mich beeilen. In zwei Minuten fängt Grafikdesign bei Professor Taddel an, wenn ich da zu spät komme....“
Ich sprang auf und nahm meine Tasche in die Hand.
„Grafikdesign bei Taddel? Oh Mist, die Vorlesung habe ich auch. Wir können zusammen zu spät kommen!“
Ein schelmisches Grinsen. Das war doch nicht sein Ernst.
Reichte es nicht, dass ich ihn schon in Kunstgeschichte ertragen musste?
„Wenn du dich beeilst, dann wird es kein zu spät kommen geben! Mädels, wir sehen uns zu Hause. Bis später!“
Ich war schon halb aus der Tür, als ich schnelle Schritte hinter mir hörte. Und dann sein grinsendes Gesicht neben mir. Idiot!
„Cool, dass wir auch Grafikdesign zusammen belegen!“
„Eh, ja... Ziemlich!“
Meine Freundlichkeit war irgendwie bei den anderen in der Mensa geblieben. Wieso machte er das mit mir?
Ich fühlte mich komisch in seiner Nähe, dabei kannte ich ihn gar nicht.
„Hast du vorher auch schon Kunst und Design studiert?“
Ich wollte ganz sicher nicht, dass er dachte, ich wäre ein unfreundlicher Mensch. Außerdem interessierte es mich.
Nicht viele Menschen hatten eine Affinität zur Kunst und Malerei.
„Ja, ich habe schon immer Kunst studiert. Bei uns in Irland an der Universität war es nur leider nicht möglich, den Studiengang mit Design zu verbinden. Deswegen sind Carrán und ich jetzt hier in Edinburgh.“ Ok, interessant.
„Irland muss ein schönes Land sein. Wie lange seid ihr jetzt schon in Edinburgh?“ Kurzes schweigen.
„Noch nicht lange. Um ehrlich zu sein erst seit zwei Wochen. Wir wurden beide für dieses Semester noch angenommen und haben nicht lange überlegt. Die Wohnung hatten wir auch schnell. Ziemlich großes Glück!“
Das war es wirklich. In Edinburgh eine Wohnung zu finden, die groß genug, bezahlbar war und in der Nähe der Uni lag, das war nicht so einfach.
Ich erinnerte mich, dass Sid und ich 3 Monate vor Semesterbeginn immer noch keine Wohnung hatten.
Natürlich wohnten wir nicht in einem anderen Land. Nur auf der anderen Seite. Aber jeden Morgen 3 Stunden mit der U-Bahn zur Uni fahren?
Nein, danke!
„Vielleicht kann ich dir ja bald mal meine Heimat in Irland zeigen.“ Was will er?
Ich war schon ein bisschen sprachlos.
„Warum sollte ich das wollen?“
„Wer weiß...“
Und schon wieder dieses schelmische Grinsen.
Kleine Grübchen zeigten sich auf seinen Wangen.
Er nahm die Türklinke in die Hand, öffnete die Tür und hielt sie wie ein Gentleman für mich auf.
Freudestrahlend, das breiteste Grinsen auf den Lippen.
Ich ging durch die Tür und setzte mich auf meinen Platz.
Wir hatten Glück. Trotz Smalltalk kamen wir pünktlich.
Er ist trotzdem immer noch ein Idiot. Gentleman hin oder her...

3

„Die Jungs sind doch super nett. Wir sollten sie mal zum Essen einladen. Was meint ihr?“
Eigentlich hatte Lien ja recht.
Carrán war echt ein netter Kerl.
Und Lenox war ja irgendwie auch ganz cool.
Ich nahm einen kräftigen Schluck aus meiner Tasse.
Der Geschmack von Orange und Minze erfüllte meinen Mund. Lecker!
„Auf jeden Fall! Carrán ist schon ziemlich gut aussehend...“
Sid hatte nie wirklich Glück mit Männern gehabt.
Die längste Beziehung ging 2 Monate.
Irgendwann hatten wir eine Theorie aufgestellt.
Jeder Mann auf der Welt wollte nur einmal mit einer hübschen Rothaarigen ins Bett.
Anders hatten wir uns das Phänomen Sid und die Männer nicht begreiflich machen können. Arme Sid.
„Und er studiert sogar das gleiche Fach wie du!“
Ich hätte es ihr wirklich gewünscht.
Einmal ein Happy End für alle!
Natürlich fielen mir dabei direkt seine wunderschönen Augen wieder ein.
Lenox.
Irgendwie hatte ich immer noch ein komisches Gefühl im Bauch.
Er machte mich immer noch nervös.
Es war eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
„Hey, Erde an Meddi. Wo bist du schon wieder mit deinen Gedanken?“
„Eh, was? Sorry, ich glaube, ich sollte mich mal langsam hinlegen.“
Hoffentlich nahmen sie mir diese Ausrede ab.
Aber ich wusste es besser.
Natürlich taten sie es nicht.
Ich stand auf und stellte meine Tasse in die Spüle.
„Sag mir nicht, du bist aufgeregt wegen deiner Abgabe und der Note, die du morgen bekommst?“
Sid kannte mich einfach zu gut.
Ich wüsste nicht, was ich ihr jemals hätte verheimlichen können.
Selbst bei Geburtstagsgeschenken hatte ich Pech.
„Ja, du hast bestimmt recht.“
Ich ging in mein Zimmer und schloss die Tür hinter mir.
Einfach mal ein bisschen Ruhe. Herrlich!
Auf dem Handy noch eben den Wecker stellen.
Nicht, dass ich die Notenvergabe noch verschlafen würde.
Mit dem Gesicht voran ließ ich mich auf mein Bett fallen.
Der Duft frischer Bettwäsche umfing mich.
Ich würde mit Sicherheit gut schlafen können.

 

Überall hörte ich Schreie.
Neben mir, ganz nah, weinte eine Frau.
Nein, es war keine Frau.
Sie war schlank und durchtrainiert.
Das lange silberne Haar hing ihr über die Schultern.
Die spitzen Ohren waren blutverschmiert.
Eine Elfe!
Sie weinte bitterlich.
Vor ihren Knien lag ein Wesen.
War es ein Hund?
Nein.
Es war größer als ein Hund.
Ein Schattenwolf!
Es war überall Blut.
Ein Bein fehlte ihm.
Weit entfernt hörte ich weitere Schreie.
Ich sah hinab.
Hier stand ich, ganz alleine.
Ein einziges Schlachtfeld.
Das Grab eines ganzen Volkes.
An meinen Händen klebte das Blut vieler Unschuldiger.
Und nicht nur an meinen Händen.
Ich schmeckte es auf meinen Lippen.
Sah es an meiner Kleidung.
Auf meiner Haut.
Was war bloß schiefgelaufen?
In der Rechten hielt ich ein Schwert.
Das Schwert der Retterin.
Lyvián.
Ich hätte sie alle retten müssen.
„Medina?“
Das... Das war mein Name!
Ich hörte ihn noch einmal rufen.
Diese mir so vertraute Stimme.
Mein Seelengefährte suchte nach mir.
Er kam immer näher, das spürte ich.
Zum Glück war er noch am Leben.
Ein Knacken hinter mir riss mich aus meinen Gedanken.
Ein Fremder!
Ich musste so schnell es ging zu Lenox.
Zusammen wären wir stärker.
Ein Brennen tief in meiner Brust hielt mich auf.
Ich war zu langsam.
Ich sah an mir hinab.
Aus meiner Brust ragte eine pechschwarze Klinge.
Blut tropfte hinab.
Nein!
Lenox, hilf mir!
Doch es war zu spät.
„Retterin? Pah, als ob. Nur wieder ein Mythos, eine unechte Geschichte.“
Diese raue Stimme kannte ich irgendwoher.
Mit einem Ruck zog er mir die Klinge aus der Brust.
Ich konnte mich nicht mehr halten.
Ganz alleine würde ich sterben.
Hier, auf dem modrigen Boden.
In meinem eigenen Blut.
Der Fremde beugte sich über mich.
Es war ein Elf, seinen Kopf zierten pechschwarze Haare.
Er hatte ein blutverschmiertes Gesicht.
Seine Augen leuchteten tiefblau, ein schwarzer Schimmer jagte durch sie hindurch.
Ich kannte ihn.
Ein Nachtelf... Tobén!
Er hatte es geschafft, er hatte mich getötet.

 

Schweißgebadet wachte ich auf.
Wo war ich?
Was war passiert?
Ich saß senkrecht in meinem Bett.
Das T-Shirt klebte an meiner Haut. Gott sei Dank!
Das war alles nur ein schlechter Traum.
Nichts davon war real.
4:22 Uhr. Noch zwei Stunden zum Schlafen.
Ich versuchte es erst gar nicht.
Meine Gedanken spielten verrückt.
Es hatte sich alles so echt angefühlt.
Ich fasste an meine Brust.
Selbst der Schmerz.
Er war immer noch greifbar.
Aber das konnte nicht sein.
Es gab keine Elfen oder Schattenwölfe.
Medina, deine Fantasie spielt dir einen Streich!
Genau, das war nur ein Traum.
Ein schlechter Witz meiner aufblühenden Fantasie.
Ich sprang aus dem Bett.
Erstmal eine heiße Dusche. Und einen Kaffee.
Danach würde es mir wieder besser gehen.
Bestimmt...

 

***

 

Ich wusste nicht, wie ich den Weg zur Uni geschafft hatte.
Die U-Bahn war durch die unterirdischen Tunnel geflogen. Menschen zogen in Schlieren an mir vorbei.
Den Fußweg zur Uni nahm ich auch nicht richtig wahr.
Dieser Traum warf mich mehr aus der Bahn, als ich gedacht hatte. Ich brauchte Schokolade!
Zucker war schon immer ein Wundermittel gewesen.
„Meddi? Alles gut bei dir? Du bist ziemlich blass!“
Ich zuckte zusammen.
Heute war anscheinend der beste Tag für einen Herzinfarkt.
Er sah mich an. Seine Augen so wunderschön wie immer.
Seelengefährte!
Nein, das war nicht echt!
Ich schüttelte den Kopf. Der Gedanke musste verschwinden.
„Lenox, hey... Nein, es ist alles bestens. Ich hab unglaublich schlecht geschlafen, mehr nicht. Liegt wohl an der Notenvergabe heute.“
Mehr wollte ich dazu nicht sagen.
Ich sollte besser auch noch etwas frühstücken. Das würde ich noch vor der ersten Vorlesung schaffen.
„Ach, du brauchst doch keine Angst zu haben. Dein Gemälde ist doch bestimmt ein Meisterwerk!“
Ich wusste das Kompliment von ihm zu schätzen.
Heute war mir irgendwie nicht nach schnippisch sein.
Also lächelte ich verlegen.
„Du bist unglaublich hübsch, Medina.“ Was, Was, Was?
Er hatte mir doch tatsächlich ein Kompliment gemacht.
Ich war sprachlos.
Ich spürte seinen Blick auf mir. Diese wunderschönen kastanienbraunen, goldschimmernden Augen.
„Ich glaube an dich. W-wir sehen uns später!“
Ein kleines, zartes Lächeln stahl sich auf seine Lippen.
Man sah seine Grübchen. Im nächsten Augenblick war er durch die große Innenhoftür gehuscht und im gegenüberliegendem Gebäude verschwunden. 7:43 Uhr.
Ich musste mich beeilen. Mit Professor Sexy war nicht zu spaßen, wenn es um Pünktlichkeit ging.


***

„Das gesamte Kunst- und Designkollegium dankt Ihnen für ihre vortreffliche Arbeit. Alle Studierenden haben Ihre Gemälde pünktlich abgegeben. So etwas kommt nicht oft vor, darf ich Ihnen sagen.“
Ein leichtes Kichern ging durch die Reihen.
Heute hatte Professor Hardt die Ehre, uns unsere Testate zu übergeben.
Natürlich nur für diejenigen, die die Abgabe für ihr Hauptfach hatten. Bring es bitte schnell hinter uns!
Mein Puls fing an zu rasen. War ich doch so überzeugt von dem Gemälde gewesen.
Ich hatte es bestimmt nicht geschafft. War doch klar.
Und dann immer dieses lange warten. Irgendwie wurde mir schlecht. Jetzt bitte nicht übergeben. Bitte nicht!
„Medina Aryell!“
Ich! Ich war gemeint.
So versunken in meine Gedanken, hatte ich gar nicht mitbekommen, wie die Anderen vor mir ihre Testate entgegengenommen hatten. Mit zitternden Knien ging ich die Reihe entlang und die kleine Treppe hinunter.
Vor dem großen Pult blieb ich stehen.
„Herzlichen Glückwunsch für eine hervorragende Arbeit.“
Er hielt mir das Papier entgegen.
Das Blatt zitterte, als ich es in die Hand nahm.
Mit großen Buchstaben stand mein Ergebnis geschrieben:

 

Qualität 94 Punkte

Ausführung 92 Punkte

Farbwahl 99 Punkte

Aussagekraft 95 Punkte

 

Gesamtnote 95 Punkte


„Sie können stolz auf sich sein. So ein Gemälde habe ich schon lange nicht mehr gesehen!“
Und das war ich auch. Unfassbar stolz!
„Danke, Professor Hardt.“
Ich schaute auf, direkt in sein Gesicht und in die tiefblauen Augen, die ruhig auf mir lagen.
Mir wurde warm und ich fing an zu schwitzen.
Das Gefühl von Angst kroch durch meine Adern.
War das möglich? Oder spielte mir meine Fantasie wieder einmal einen Streich?
Diese Augen, tiefblau. Glasklar wie ein See.
Und dann dieser schwarze Schimmer, der durch sie hindurch glitt. Unmöglich...
Das war doch nur ein Traum. Davon war doch nichts real...
Mir wurde schwindelig.
„Miss Aryell? Geht es Ihnen nicht gut? Soll ich einen Krankenwagen rufen?“
Seine Hand berührte meinen Ellenbogen.
Bei normalen Umständen hätte ich diese Berührung als angenehm empfunden. Aber jetzt...
Ich zog meinen Arm weg. Taumelte einen Schritt nach hinten.
„N-nein Professor, alles bestens! Danke für die unglaublich tolle Note. Danke!“
Und schon hatte ich beide Beine in die Hand genommen.
War die Treppe hinauf gehastet. An meinem Platz angekommen, schnappte ich mir meine Sachen und rannte aus der erst besten Tür hinaus ins Freie.

 

***

 

Der frische Wind durchzog meine Lungen. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen...
Mein Puls wurde langsamer. Ich bekam endlich wieder ordentlich Luft.
Diese Augen! Sie waren mir doch schon vorher aufgefallen. Aber noch nie so. Lag es an dem Traum?
Oder hatten sich diese Augen einfach in mein Unterbewusstsein geschlichen?
Dieser Tag wurde immer seltsamer. Immer wieder montags!
Ich hielt immer noch mein Testat in den Händen. Dieses Stück Papier hatte von einer auf die andere Sekunde alles verändert.
„Meddi, ist das deine Note? Zeig mal her!“
Lenox kam auf mich zugeeilt und schnappte mir das Testat aus der Hand. Ohne mich zu fragen.
Von Privatsphäre hatte er offensichtlich noch nicht viel gehört. Idiot!
„Wow, Meddi. Das sind ja super Punkte. Muss wohl ein richtiges Meisterwerk sein!“
Ich wurde rot.
Noch nie hatte mir jemand ein so tolles Kompliment gemacht. Vor allem nicht zu meinen Gemälden.
Ich fing unwillkürlich an zu lächeln.
„Danke, Lenox!“
Mehr bekam ich nicht heraus. Entweder dank dem Schock, der sich immer noch in meinen Knochen festgesetzt hatte oder seinem Blick, der mich tief im Innern berührte. Seelengefährte...
Diese Augen waren wunderschön und versetzten mich nicht in Angst.
Er kam ein Stückchen näher.
„Meddi... Ich...“
Er strich mir eine Locke aus dem Gesicht. Diese Berührung brachte das Fass zum Überlaufen. Ein Raunen ging durch meinen Bauch, meine Seele. Durch mein Herz.
„Meddiiiii!“
Ich sprang zur Seite.
Hoffentlich hatte das jetzt keiner gesehen. Sid und Lien kamen in Windeseile auf mich zu.
Mir wurde direkt ein Kaffeebecher in die Hand gedrückt.
Danke für dieses flüssige Gold!
Lien schnappte sich das Stück Papier, welches Lenox immer noch in der Hand gehalten hatte. Das hatte ich schon total vergessen. Beide beäugten jetzt das Resultat meines Gemäldes.
„Wow, Meddi. Nicht dein Ernst! Und zu mir sagen, ich wäre die Streberin... Ab jetzt nicht mehr, das kannst du mir glauben.“
Und das tat ich auch. Mit Sicherheit durfte ich mir das jetzt mein Leben lang anhören. Sid war einfach ein wandelndes Tagebuch, wenn es um so etwas ging.
„Herzlichen Glückwunsch Meddi! Das heißt aber auch, dass wir heute Abend zusammen darauf anstoßen werden. Carrán und du dürft natürlich auch gerne kommen.“
Lien setzte ein schelmisches Grinsen auf. Mist.
Entweder hatte sie gerade doch etwas mitbekommen oder sie wollte Sid und Carrán Beihilfe leisten.
Irgendwie schoss mir schon wieder die Wärme in die Wangen. Diese kleine, zärtliche Berührung. Dieser eine Moment. Es war so intensiv.
Ich wünschte, es hätte nie aufgehört. Wie er wohl küsst?
Lenox war auf einmal ganz still.
Aus dem Augenwinkel sah ich, wie er leicht rot wurde und anfing verschmitzt zu lächeln. Er räusperte sich.
„Danke für die Einladung. Natürlich werden Carrán und ich bei eurer Festlichkeit anwesend sein.“
Er zwinkerte uns allen ein letztes Mal zu und verschwand dann in einem der Uni-Gebäude.
„Meddi ist verknallt! Meddi ist verknallt!“
Ich gab Sid einen leichten Knuff in die Seite.
Wie konnte sie sich nur so benehmen. Wie ein Kind!
„Quatsch, bin ich gar nicht! Wir sind Freunde.“
Ich sagte es mit so viel Überzeugung, wie ich nur aufbringen konnte.
Wir waren Freunde! Oder?
„Wenn du das sagst. Trotzdem habe ich vorhin gesehen, dass er seine Hand in deinem Gesicht hatte. Und du ihn, rot wie eine Tomate, ziemlich angestarrt hast.“
Also hatte sie es doch gesehen. Wie konnte ich auch nur vom Gegenteil ausgehen. Die liebe Lien bekam doch einfach alles mit. Egal, ob wichtig oder unwichtig.
Lien war

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Lisa Wagner
Bildmaterialien: Lisa Wagner, Katja Hemkentokrax
Cover: Katja Hemkentokrax: Cover Atelier Buchgestalten
Korrektorat: Lisa Wagner
Satz: Lisa Wagner
Tag der Veröffentlichung: 29.08.2021
ISBN: 978-3-7554-0176-6

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für all die Seelen, die vergessen haben, wie stark die Liebe zwischen zwei Menschen sein kann

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