Cover

Leseprobe

Inhaltsangabe

Das Buch

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Epilog

Die Autorin

Das Buch

Frühling in Sizilien – und Gina liebt ihr Leben zwischen dem bunten Markttreiben, dem kleinen Lokal an der Küste und den ruhigen Abendstunden beim Leuchtturm. Jetzt will sie nur noch den Traum ihres verstorbenen Vaters verwirklichen und mit seiner alten Segeljacht an der historischen Regatta teilnehmen. Das Einzige, was ihr weiterhin fehlt, ist ein Segelpartner ...

Leonardo arbeitet die Überfahrt von Tunis in seine alte Heimat auf einem Fischkutter ab. Nach dreizehn Jahren will er seinen Ziehvater wiedersehen, in dessen Bootswerkstatt arbeiten – und die Vergangenheit vergessen. In der Werft stolpert er über eine aufgebockte Holzjacht, die ihn sofort fasziniert. Und dann lernt er die Frau kennen, der sie gehört ...

 

Den beiden Menschen gewidmet,
deren Namen die beiden Protagonisten tragen:
Leonardo, meinem geliebten Enkel,
und Gina, meiner unvergesslichen Mutter.

 

 

Prolog

Lautlos flossen die Tränen über ihre Wangen, nahmen den Weg zu den zuckenden Mundwinkeln. Der salzige Geschmack brannte auf ihren aufgesprungenen Lippen.

»Geh nicht. Bitte. Lass mich nicht allein. Nicht ausgerechnet jetzt!«

Sie wusste nicht, weshalb sie es tat, aber sie klammerte sich schluchzend mit beiden Händen an seinen Oberarmen fest und starrte auf die Bewegung seines Kehlkopfs. Er schluckte.

»Gina, das ist pietätlos.« Verärgert stieß er die Worte aus und sie von sich. Mit seinen Mitarbeitern spricht er genauso, wenn sie auch nur den kleinsten Fehler machen. Der Gedanke blitzte in ihrem Kopf auf, irgendwo dort, in einem entlegenen Winkel, wo sich der letzte Rest ihrer Vernunft eingenistet hatte, das Wenige, was davon übrig war. Und doch machte sie erneut einen Schritt auf ihn zu, fasste ihn an den Handgelenken.

Brüsk hob er die Hände an und schüttelte zugleich die ihren ab. Wie eine lästige Fliege. Oder die Sekretärin, die er vor einigen Wochen hochkant rausgeworfen hat, weil sie ihm am Nachmittag einen normalen und nicht einen koffeinfreien Kaffee gebracht hatte. Sie war offenbar nicht mehr für ihn als eine x-beliebige austauschbare Mitarbeiterin.

»Es ist vorbei! Wie oft soll ich dir das noch sagen?« Seine Lippen, mit denen er in den vergangenen fünf Jahren jeden Millimeter ihres Körpers erforscht hatte, wurden zu einem schmalen Strich.

»Bitte ...« Wimmernd sank sie vor ihm auf die Knie, griff mit bebenden Fingern nach seinem Gürtel, zerrte daran, öffnete die Schnalle. Wie eine Verdurstende stürzte sie sich auf den Hosenknopf und drückte ihn zitternd durch das Knopfloch. Endlich bekam sie den Schieber zu fassen – und fiel den Bruchteil einer Sekunde später rücklings auf den Boden. Ihr Kopf schlug gegen die Kante des niederen Couchtisches. Ein gleißender Blitz erschien vor ihren Augen. Dann wurde es dunkel.

Kapitel 1

Sie hatte immer gedacht, dass es im Leben auf die großen Dinge ankommt. Ein Haus mit so vielen Zimmern, dass der Platz nie knapp wird, eine Limousine, in der man auf der Rückbank sitzen kann, ohne mit den Knien an den Vordersitz zu stoßen, und ein gut gefülltes Bankkonto. Eines, das sich wie von selbst ständig füllt, sodass man nie darüber nachdenken muss, was und ob man es sich leisten kann.

Das alles hatte sie gehabt – und wieder verloren.

Und trotzdem spürte sie jetzt den inneren Frieden, der sie erfüllte, obwohl sie an dem Ort war, den sie viele Jahre lang so sehr gehasst hatte.

 

Gina konnte sich nicht genau erinnern, wann sie dieses Ekelgefühl entwickelt hatte, aber es war irgendwann zwischen dem vierten und letzten Grundschuljahr gewesen. Sobald die Sommerferien begannen, fuhr sie mit ihrer Mutter jeden Tag auf einen anderen Wochenmarkt in den umliegenden Gemeinden. In ihrem Stand verkauften sie das auf ihrem Land angebaute Gemüse, allem voran Artischocken, selbst gemachte Konserven, Oliven, den Honig ihrer Bienen und manchmal auch Fisch, den ihr Vater im Morgengrauen vor der Küste ihres Heimatorts Torretta Granitola fing, wenn er nicht schlafen konnte. Es war ein strahlend blauer Sommertag gewesen, als dieses Mädchen, das kaum älter war als sie selbst, vor ihrem Marktstand stehen geblieben war und sie von oben bis unten musterte, bevor sie ihrer Mutter etwas ins Ohr flüsterte. Die elegant gekleidete Frau hatte in ihre schicke Handtasche gegriffen und einen Geldschein hervorgeholt. Mit einem Blick, der irgendwo zwischen Mitleid und Abscheu angesiedelt war, hatte sie ihr die zwanzig Euro hingehalten. »Kauf dir was zu essen, mein Kind«, hatte sie in unsicherem Italienisch mit starkem Akzent gesagt – und Gina in einen emotionalen Abgrund gestürzt.

Ihre Mamma war mit den Kunden beschäftigt und hatte nichts mitbekommen. Als Melina ihre Tochter in den darauffolgenden Wochen, Monaten und Jahren immer wieder fragte, was denn mit ihr los sei, erhielt sie keine Antwort. Versuchte sie zu verstehen, warum Gina nur stumm vor sich hinstarrte und um nichts in der Welt sonntags mit ihr und dem Vater nach Mazara fahren wollte, wo sie früher stets Eisessen waren, antwortete sie nicht. Sie zog sich immer mehr zurück, wurde einsilbig und unnahbar und saß stundenlang unter dem riesigen Olivenbaum, um aufs Meer zu starren und ihren Träumen nachzuhängen.

Gina wollte weg von dieser Insel – so rasch wie möglich und egal wie. Mit jedem Jahr, das verging, wurde ihr Wunsch übermächtiger, bis er sich erfüllte. Mit wehenden Fahnen und ohne zurückzuschauen, verließ sie mit Roberto und seinem Ring an ihrem Finger am Tag nach ihrem achtzehnten Geburtstag, der auch der Tag ihrer Hochzeit gewesen war, ihre Heimat und ihr Elternhaus und begann in Mailand das Leben, das sie sich immer gewünscht hatte.

Allein der Gedanke an die Durchschnittlichkeit der Menschen in Sizilien, die jeden Tag der Woche dem Festmahl nach dem sonntäglichen Kirchgang voller Vorfreude entgegenblickten und dieses als Höhepunkt ihres Lebens ansahen – sofern man von Weihnachten und Ostern absah –, ließ sie damals schaudern. Nie, nachdem sie weggegangen war, hatte sie das Bedürfnis verspürt, auch nur für wenige Tage hierher zurückzukehren.

Roberto hatte ihre Entscheidung nie hinterfragt, im Gegenteil, er war froh darüber. Hätte Gina den Entschluss nicht von selbst getroffen, hätte er es für sie getan. Doch das wurde ihr erst nach einiger Zeit klar, als sich ihre anfängliche Verliebtheit legte und sie seinen wahren Charakter erkannte. Um sein Gewissen zu beruhigen, hatte ihr Mann ihren Eltern Flugtickets geschickt, damit sie Weihnachten miteinander verbringen konnten, aber die beiden hatten sich weder in der riesigen Stadt noch in der elegant eingerichteten Wohnung wohlgefühlt. Wie Fische, die von der rauen See auf den Strand geworfen wurden, hatten sie gewirkt – und waren nie wiedergekommen. Die sonntäglichen Telefonate blieben jahrelang Ginas einziger Kontakt mit den Eltern und ihrer Heimat. Sprachen die Geschäftsfreunde ihres Mannes und deren Frauen begeistert von ihren luxuriösen Aufenthalten in Taormina oder einem der eleganten Golfresorts Siziliens, machte sie sich noch kleiner und unsichtbarer, als sie war. Obwohl sie sich die Mühe hätte sparen können – sie bemerkten sie bei solchen Gelegenheiten ohnehin nicht.

Für Roberto war sie sowieso nicht mehr als ein hübsches Mitbringsel aus dem Urlaub, das er geheiratet und ganz nach seinen Wünschen geformt hatte. Dass sie vierzehn Jahre jünger und »eine heiße Südländerin« war, machte ihn in den Augen seiner überheblichen und oberflächlichen Freunde zu einem Glückspilz. Sobald sie sich von ihren Begleiterinnen unbeobachtet fühlten, glitten ihre gierigen Blicke von Ginas dunklen Locken zu ihrer beachtlichen Oberweite, die sich ihre Frauen und Geliebten von plastischen Chirurgen vergrößern ließen, und weiter zu den gerundeten Hüften – und manchmal verirrte sich eine Hand an ihren Po. Anstatt sie zurechtzuweisen, lachte ihr Mann in solchen Momenten und meinte: »Jetzt stell dich doch nicht so an, Gina!«

 

Bei dem Gedanken, der so real wirkt, als ob es soeben erst wieder passiert wäre, grub Gina unwillkürlich die Fingernägel durch den Stoff der Jeans in ihre Oberschenkel, bis der Schmerz sie zusammenzucken ließ. Sie lockerte den Griff und legte den Kopf ein wenig zurück, um nach oben zu schauen. Mit dem Rücken lehnte sie gegen die Rinde des knorrigen Olivenbaums, den bereits der Urgroßvater ihres Urgroßvaters gepflanzt hatte. Seine Äste bildeten ein schützendes Dach und zwischen seinen Blättern säuselte der Libeccio, der warm aus Afrika über das Mittelmeer herüberwehte und den Frühlingsabend zum ersten angenehmen des Jahres machte.

»Wusste ich’s doch, dass du vor dem Schlafengehen wieder hier sitzt, sobald die Temperatur es zulässt.« Sie hatte Rosa gar nicht kommen sehen, die jetzt mit einem tiefen Seufzer zu Boden sank und sich neben ihr an den ausladenden Baumstamm lehnte. Die Dunkelheit wurde nur noch von den Sternen am wolkenlosen Himmel und dem nahen Leuchtturm von Capo Granitola, dessen Lichtstrahl in regelmäßigen Abständen aufblinkte, erleuchtet.

»Du solltest doch schon längst im Bett sein.« Gina griff nach Rosas Hand und strich über die Schwiele an ihrem Zeigefinger, die von dem Messer herrührte, mit dem sie heute wieder stundenlang die bald letzten Artischocken der Saison, die sie liebevoll nur mit der sizilianischen Bezeichnung cacocciuli nannte, geputzt hatte – neben all der Arbeit, die im Lokal anfiel.

»Und du nicht? Wenn mich nicht alles täuscht, bist du auch schon seit fünf Uhr auf den Beinen und sitzt immer noch da.«

»Das ist doch ganz etwas anderes«, wiegelte sie ab und zog ihre Hand zurück. Blitzschnell griff Rosa danach und drückte ihre Finger so fest zusammen, bis sie ihren Blick erwiderte.

»Findest du? Ich wusste nicht, dass wir mit zweierlei Maß messen. Liegt das daran, dass ich deine Mutter sein könnte?« Die Worte sprudelten einfach so aus Rosas Mund, und als sie bemerkte, was sie gesagt hatte, war es bereits zu spät.

Tränen traten in Ginas Augen. Hektisch sprang sie auf, wischte mit den Händen die verräterischen Spuren aus ihrem Gesicht und versuchte sich in einem Lächeln.

»Komm, es ist spät. Lass uns schlafen gehen.«

Ohne sich noch einmal umzudrehen, lief sie auf den ehemaligen aus Stein erbauten, renovierten Stall zu, in dem sie lebte. Seit gut vier Jahren – und allein. Und soeben war ihr wieder klar geworden, dass sie daran nichts ändern wollte, obwohl Rosa sie nahezu täglich darauf ansprach, zu ihr in das Doppelhaus zu ziehen. Sie war froh, dass sie den Teil davon, in dem sie aufgewachsen waren und wo ihre Eltern gelebt hatten, als Lager und für ihre Arbeit verwendete und nicht zwischen erdrückenden Erinnerungen leben musste.

Ohne das Licht anzumachen, hängte sie die Jacke auf, streifte ihre Kleidung Schicht für Schicht ab und ging ins Bad. In der geräumigen Duschkabine legte sie den Hebel um und griff nach der Handbrause, damit die Haare nicht nass wurden. Wenige Minuten später lag sie im Bett. Damals, in Mailand, brauchte sie abends allein zum Abschminken länger als heute für ihre gesamte Abendtoilette. Die Vorstellung, wie entsetzt Roberto wäre, wenn er das wüsste, ließ sie in der Dunkelheit kichern und vertrieb den schmerzlichen Gedanken an ihre Eltern allerdings nicht lange, denn als sie die Augen schloss, sah sie ihre Gesichter plötzlich vor sich. Sie waren beide abgearbeitet und müde, aber sie lächelten ihr zu. »Mi dispiace tanto, Mamma. Es tut mir so leid, Papà«, flüsterte sie und schluckte den Kloß, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, hinunter. Dann umklammerte sie das Kissen und rollte sich wie ein Embryo zusammen – wie jeden Abend.

Das muntere Gezwitscher der Vögel weckte sie auch heute – wie an allen Tagen, außer während des kurzen, kalten Winters. Hier an der Mittelmeerküste Westsiziliens, fernab jeder größeren Stadt, wurde der Spruch »früher Vogel fängt den Wurm« seiner Aussage gerecht. Je nach Jahreszeit und Sonnenaufgang ein wenig eher oder später, sobald das Tageslicht die Nacht verdrängte, machte sich das Federvieh auf die Nahrungssuche. Gina hörte den Schrei einer Möwe, sprang aus dem Bett und lief zum Fenster. Das Schlafzimmer lag an der Ostseite des ehemaligen Stalls, und so konnte sie hinter dem Leuchtturm den zartrosa Streifen erkennen, den die noch unter dem Horizont liegende Sonne malte. Das unwahrscheinliche Gefühl von Freiheit und Glück, das sie so viele Jahre vermisst und hier endlich wiedergefunden hatte, rieselte wie ein warmer Schauer über ihre Wirbelsäule. Fest umschlang sie ihren Oberkörper mit beiden Armen, als ihr Rosa einfiel. Rosa, die sie am Vorabend einfach hatte stehen lassen, ganz ohne Gutenachtkuss. Rasch zog Gina das Oberteil aus, tauschte die Pyjamahose gegen Slip und Jeans und lief ins Bad. Nach einer Katzenwäsche streifte sie ein baumwollenes Langarmshirt über den BH. Dann stieg sie in die Sportschuhe aus Segeltuch, ergriff die Jacke aus Ballonseide, die im April morgens unerlässlich war, und band die Locken mit einem Gummi zu einem hohen Pferdeschwanz, während sie zwischen Gemüsebeeten und am Kräutergarten vorbei hinüber zum Haus ging.

Wie immer klopfte sie nicht an die Vordertür, sondern folgte der offenen Terrasse des Erdgeschosses zur rückwärtigen Tür, die in die Küche führte – und lief Rosa direkt in die Arme.

»Ich ... Entschuldige bitte wegen gestern ... Es hatte nichts mit dir zu tun ...«, stotterte sie.

Die ältere Frau umarmte sie fest und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Du musst mir nichts erklären, Kind. Ich weiß doch genau, was in dir vorgeht. Aber meinst du nicht, dass du dir nach all den Jahren endlich verzeihen solltest?«

Gina machte einen Schritt zurück und schüttelte verständnislos den Kopf. »Das kann ich nicht.« Ihre Stimme ist nur ein Flüstern.

»Doch, du kannst – und musst. Deine Eltern haben dir nie etwas nachgetragen, Gina. Im Gegenteil. Deine Mutter war so froh, als sie am Tag deiner Hochzeit dein strahlendes Gesicht sah. Jetzt ist alles gut, sie ist endlich glücklich, hat sie zu mir gesagt. Dein Glück war das Einzige, was für sie zählte.«

»Und wie habe ich es ihr gedankt?«, rief Gina aus. »Ich bin nicht einmal zu ihrem Begräbnis gekommen!«

»Ihr wart in Amerika, als es passierte, Roberto und du«, konterte Rosa. »Selbst wenn wir euch sofort nach dem Unfall erreicht hätten, wäre es zu spät gewesen. Du weißt doch, dass wir unsere Toten innerhalb von vierundzwanzig Stunden begraben – vor allem im Sommer.«

»Und als dann kurz darauf Papà starb? Du hast mir die Nachricht geschickt, dass man ihn ins Krankenhaus eingeliefert hatte ...«

»... und er ist, eine Stunde bevor du gekommen bist, gestorben. Willst du dir das auch vorwerfen, Gina? Dich mit Schuldgefühlen jeden Abend in den Schlaf weinen, anstatt dir endlich zu verzeihen, dass du keine hellseherischen Fähigkeiten hast und ihren Todeszeitpunkt deshalb nicht vorhersehen konntest?«

Fassungslos starrte sie Rosa an. In den vier Jahren seit ihrer Rückkehr hatte sie das Thema nie angesprochen. Gina war zu feige, sich den Vorhaltungen der besten Freundin ihrer Mutter zu stellen, denn sie war immer davon überzeugt gewesen, dass sie ihr Vorwürfe an den Kopf werfen würde, sobald das Gespräch darauf käme. Und jetzt das?

Kraftlos ließ sie sich auf einen Küchenstuhl sinken und schaute auf. Zweimal musste sie sich räuspern, bevor sie mit zittriger Stimme fragte: »Du bist mir nicht böse?«

Rosa trat näher und strich ihr über die Schulter und den Arm entlang. Um ihren Mund lag ein melancholisches Lächeln. »Gina, wenn deine Eltern jetzt hier wären, würden sie mir den Kopf waschen, weil ich so lange geschwiegen habe. Hätten wir nur schon früher darüber gesprochen!«

Das Geräusch der Moka, die gluckernd den Kaffee ausspuckte, unterbrach den berührenden Moment. Rosa wandte sich ab, um die Espressokanne vom Herd zu nehmen. Kurz darauf stellte sie die beiden gefüllten Tassen auf den Tisch und sank auf ihren Stuhl. Gina griff nach dem dampfenden Getränk und nahm einen vorsichtigen Schluck. Über den Tassenrand hinweg schaute sie Rosa an, die ihren fragenden Blick richtig deutete.

»Niemand kann dir irgendetwas vorwerfen, Gina. Du warst nicht hier, doch du weißt, dass deine Mutter für mich die Schwester war, die ich nie hatte – und ich für sie. Wir haben von klein auf nur einen Steinwurf weit voneinander gelebt, jede mögliche Minute miteinander verbracht und über alles gesprochen. Immer schon, aber noch mehr, als wir nach dem Tod meines Mannes unsere Idee von dem Lokal am Strand verwirklichten. Du musst mir glauben, wenn ich dir sage, dass es ihr und deinem Vater nur darum ging, dass du mit deinem Leben glücklich warst.«

Gina schluckte schwer. »Aber ...«

»Sie wussten es nicht, Kind«, unterbrach sie Rosa, noch bevor sie weitersprechen konnte. »Niemand ahnte die Wahrheit auch nur im Entferntesten. Und das ist gut so, glaube mir. Deine Eltern sind in der Überzeugung gestorben, dass deine Ehe und dein Leben perfekt und genau so waren, wie du es dir gewünscht hattest.«

Sie griff nach einem Mandelkeks, tunkte es in den Kaffee und schob es in den Mund. Dann trank sie die Tasse leer und fixierte Gina, die sie stumm anschaute.

»Es sind fast fünf Jahre vergangen.« Rosa streckte den Arm aus und strich über ihren Handrücken. »Lass die Grübeleien. Die bringen nichts außer schlaflose Nächte und schlechte Laune. Denk doch lieber daran, was du schon alles geschafft hast, seitdem du zurück bist, und das, obwohl du nie wieder einen Fuß auf die Insel setzen wolltest.«

Mit einem zaghaften Nicken trank Gina aus und stand auf. Sie streckte die Hand nach ihrer Tasse aus, doch Rosa war schneller. »Lass. Schau lieber zu, dass du losfährst, bevor du im Stau steckst und die Ware nicht rechtzeitig zum Markt bringst und Pinu dir die Leviten liest.«

Gina musste lächeln. Ausgerechnet Rosa, der schon ein Tag in der Provinzhauptstadt Trapani wie eine Weltreise vorkam, zu erklären, dass der Verkehr im gerade mal zwölf Kilometer entfernten Mazara im Vergleich zu dem von Mailand selbst zu Stoßzeiten lächerlich war, hatte keinen Sinn. Daher drückte sie ihr einen Kuss auf die Wange und machte sich auf den Weg.

Kapitel 2

Die riesige San Pietro mit dem Heckaufbau für den Schleppfang lief mit leise tuckerndem Dieselmotor in den Hafen von Mazara del Vallo, das von allen nur Mazara genannt wurde, ein. Neben all den anderen Fischkuttern fiel er heute trotz seiner Größe im wichtigsten Fischereihafen Italiens kaum auf. Und das, obwohl das Flaggschiff der Flotte, das nun den Mündungskanal des Flusses Màzaro erreichte, so tief im Wasser lag, dass niemand Zweifel daran haben konnte, dass die Tage zwischen Afrika und Sizilien der Mannschaft einen außerordentlichen Fang beschert hatten. Die Blicke all derer, die ihre Arbeit auf den Booten oder am Pier unterbrachen, galten hingegen dem Mann, der am Bug stand. Groß, breitschultrig und mit vom Winde zerrauftem Haar, das ihm weit über die Ohren reichte und sich im Nacken kringelte, glich er einem Wikinger. Einem, der sich in den Süden verirrt hatte und draußen lebte. Die goldblonde Farbe auf seinem Kopf und das intensive Blau seiner Augen wurden durch die Sonnenbräune unterstrichen. Dass er an das Leben an der frischen Luft gewöhnt war, stand außer Zweifel – und offensichtlich schien ihm auch die Temperatur, die noch nicht einmal die Fünfzehngradmarke erreichte, nichts auszumachen. Seine muskulösen Oberarme waren nur von den kurzen Ärmeln eines eng anliegenden weißen Shirts bedeckt, und seine Füße lugten nackt unter den engen stonewashed Jeans hervor. Für niemanden stand außer Zweifel, dass der außergewöhnliche Mann ein Ausländer war, Amerikaner oder Engländer vermutlich, der auf der San Pietro in Tunis angeheuert hatte, um sich die Überfahrt nach Sizilien zu erarbeiten.

Leonardo Maltese bemerkte von all dem nichts. Weder von den Blicken, die ihm und dem Boot folgten, noch spürte er die kühle Feuchtigkeit, die einen Film auf seiner Haut bildete und sein Shirt durchdrangen. Er umklammerte die silbrig glänzende Reling am Bug der San Pietro so fest, dass seine Fingerknöchel kalkweiß aus der Sonnenbräune hervorstachen, und versuchte vergebens, tief einzuatmen. Sein Herz wummerte in seiner Brust, sein Kopf dröhnte, und er konnte den rasenden Puls seiner Halsschlagader spüren. Wie oft hatte er sich vorgestellt, an Bord eines Schiffes in Mazara einzulaufen, so wie er damals von hier weggefahren war. Nur war er in seiner Vorstellung der strahlende Held, der auf dem Deck einer schneeweißen Segeljacht als Sieger einer Wettfahrt in die Heimat zurückkehrte. Stattdessen stand er am Bug der San Pietro, die zugegebenermaßen der schönste Kutter der Flotte Mazaras war – jedoch keine Regatta gewonnen hatte, sondern etliche Tonnen Fisch in ihrem Bauch mit sich führte, der rasch entladen werden musste.

»Leo, svegliati!« Der laute Zuruf, mit dem ihn der Capitano aufforderte, aufzuwachen, riss ihn aus seinen Träumereien und er landete mit einem Schlag in der Realität. Behände kletterte er über die Reling, ergriff das schwere Tau, warf es backbord Richtung Pier und sprang nach.

 

Die Sonne ähnelte einer blassen Orange, die vom Himmel zu fallen drohte. Sie näherte sich bereits wieder dem Horizont, als ihm der Capitano die Heuer auszahlte. »Leute wie dich kann ich immer brauchen, Leo, egal mit welcher Vergangenheit«, rief ihm der Mann nach, sobald er seinen Rucksack schulterte und zum letzten Mal von Bord ging. Leonardo tippte sich wortlos an die Stirn und brachte mit ausladenden Schritten Distanz zwischen sich und die San Pietro. Falls er jemals wieder an Bord eines Schiffes gehen sollte, dann nur, um es selbst zu steuern – und zwar zu seinem Vergnügen.

Er verließ den Hafenbereich in nördlicher Richtung und blieb stehen, ließ den Blick umherschweifen. Hier hatte sich in all den Jahren nichts verändert. Nur er war nicht mehr der, der er mit neunzehn gewesen war, als er auszog, um Erfahrungen zu sammeln. Jetzt, mit zweiunddreißig, hatte er eine zu viel davon im Gepäck. Eine, die er nie vergessen würde und die ihn für immer geprägt hatte. Seinem schlimmsten Feind wünschte er nicht, monatelang in einem Gefängnis einzusitzen – schon gar nicht in Nordafrika. Was er gesehen und erlebt hatte, reichte für mehrere Leben und hatte das seine unwiederbringlich und für immer zerstört. Das, wonach er sich jetzt sehnte, war ein Bett mit einer richtigen Matratze in einem Raum, der weder ein Bullauge noch ein vergittertes Fenster hatte – und Ruhe. Und dann war da seine zunehmende Sehnsucht nach dem einzigen Menschen, der seine ganze Familie war und dessen bunte Postkarten mit den krakeligen Sätzen auf der Rückseite ihm den Mut gegeben hatten, an eine bessere Zeit danach zu glauben.

Leonardo überquerte die Straße am Westufer des Màzaro und steuerte auf die Werkstatt zu, in deren Hof einige Fahrzeuge standen. Falls sich auch hier nichts geändert hatte, konnte er irgendeines davon für ein paar Tage mieten – und dann würde er weitersehen.

Kapitel 3

Lächelnd stapelte Gina eine weitere leere Holzkiste auf eine andere. Markttage waren zwar anstrengend, aber sie war rundum zufrieden. Niemals hätte sie sich vor knapp fünf Jahren gedacht, dass ihr Leben irgendwann glücklich sein würde. Denn genau das war sie. Seit dem Tag, an dem Roberto sie im wahrsten Sinne des Wortes von sich gestoßen hatte, hatte sie in wenigen Monaten sämtliche Grauschattierungen durchlaufen, vom tiefsten Schwarz bis zu einem schmutzigen Grau. Aber niemals, bis zu dem Tag, an dem sie ihren damals Noch-Ehemann in inniger Umarmung mit einer magersüchtigen Blondine mit Babybauch unweit ihres ehemaligen Lieblingslokals am Domplatz sah, hatte sie ein helles Licht am Horizont auch nur erahnt. Die Erkenntnis, dass er sie wahrscheinlich immer schon betrogen hatte, hatte sie erleuchtet. Sie hatte mit ihrem Handy eine Serie von Fotos geschossen, sich einen Anwalt genommen, und der hatte Roberto mit der offensichtlichen Tatsache konfrontiert – und ihn vor die Wahl zwischen der Zahlung eines lauteren Schweigegelds oder eines Skandals gestellt. Einen, den er, der Sohn der Bonettis, deren Name in der lombardischen Metropole unter den wirtschaftlich einflussreichsten ganz oben auf der Liste stand, sich nicht leisten konnte. Der Moment, in dem Gina ihn mit dieser schwangeren Frau sah, war ein gleißender Blitz gewesen, der die Dunkelheit aus ihrem Kopf vertrieben hatte. Vom Zorn aufgeputscht hatte sie ihn am Abend erwartet, ihm entgegengeschrien, was sie gesehen hatte – und sich wenig später schluchzend an ihm festgehalten, als er ihr sagte, dass er froh war, dass sie es herausgefunden hatte. Er hatte sie von sich gestoßen – und ihr Kopf war gegen die Kante des Couchtisches gedonnert. Sie wusste nicht, ob sie ohnmächtig oder nur benebelt gewesen war, aber plötzlich hatte sie erkannt, dass sie ihn nie wiedersehen, ja nicht einmal mehr in Mailand leben wollte. Die einvernehmliche Trennung, bei der er auf alle von ihrem Anwalt scherzhaft als Schmerzensgeld deklarierten finanziellen Forderungen eingegangen war, ging rasch über die Bühne. Tags darauf hatte sie ein Flugzeug nach Palermo bestiegen und war nach Palermo geflogen. War sie während der zweistündigen Fahrt Richtung Torretta Granitola, ihrem Heimatort, noch unsicher gewesen, das Richtige getan zu haben, so verschwanden ihre Zweifel beim Anblick des Mittelmeers und des hoch aufragenden Leuchtturms im Handumdrehen. Vor dem Strandlokal, das ihre Mutter mit derer bester Freundin wenige Jahre zuvor eröffnet hatte, war ihr Rosa mit ausgebreiteten Armen entgegengekommen und hatte sie an sich gezogen.

 

»Träumst du, nicarìedda?« Pinu Pipitones buschige Augenbrauen tauchten vor ihrem Auge auf. Er grinste sie an, und die Falten in seinem vom Wetter gegerbten Gesicht gruben sich noch tiefer ein. Sie bohrte ihren Zeigefinger spielerisch in seine Brust.

»Du sollst mich nicht immer Kleine nennen.«

»Aber das bist du doch«, erwiderte er lachend, »und für mich wirst du das auch bleiben, Gina«, fügte er hinzu, während sie die Augen verdrehte. »Immerhin, ich habe dich schon auf meinen Knien geschaukelt, als du noch nicht einmal richtig laufen konntest.«

Lächelnd winkte sie ab.

»Fang jetzt nicht wieder davon an, Pinu. Sag mir lieber, wie viel wir heute eingenommen haben.«

Er begann zu strahlen, so sehr, dass sie die Lücke hinter dem oberen linken Eckzahn sehen konnte. »Fünfhundertdreiundzwanzig Euri und zehn Cent«, flüsterte er verschwörerisch.

»Man sagt Euro, Pinu«, wies sie ihn zurecht.

»E chi se ne frega!«, rief er aus. »Das ist doch völlig wurscht, wie die Hochgestochenen sagen. Geld ist Geld. Und das hier ist viel Geld!« Er hielt die handliche elektronische Registrierkasse hoch und drückte sie dann fest an seine Brust.

»Vielleicht solltest du sie deine Kleine nennen, wenn du sie wie ein Baby behandelst«, meinte Gina grinsend – und er wusste warum.

Pinu hatte sich gegen die Kassenpflicht genauso vehement gewehrt wie die meisten, die ihre Waren auf den Wochenmärkten verkauften, als diese eingeführt wurde – und ab dem kommenden Jahr wurden sogar telematische Kassen, die sämtliche Einnahmen direkt an das Finanzamt übermitteln, für alle italienischen Gewerbetreibenden Pflicht.

»Die Zeiten ändern sich eben«, brummte er. »War schon gut, dass du eine der Ersten warst damit – und auch mit all den anderen Sachen.«

Überrascht zog Gina die Augenbrauen hoch. Das waren ja ganz neue Töne!

Nachdem ihre Eltern kurz nacheinander gestorben waren und ihre Ehe mit einem Knall zu Ende gegangen war, hatte sie große Mühe gehabt, in die sizilianische Lebensweise und den Rhythmus, der hier am Mittelmeer so ganz anders war als oben im Norden, zurückzufinden. Nach der Zeit in Mailand und den unzähligen Geschäftsreisen, auf die sie Roberto als sein Vorzeigestück hatte begleiten müssen, fühlte sie sich in vielen Dingen um ein halbes Jahrhundert zurückversetzt – manchmal auch um ein ganzes. Doch die unberührte Natur, das Meer, die Sonne und die bedächtige Gleichmäßigkeit, mit der die Menschen hier das Leben so nahmen, wie es sich ihnen präsentierte, zogen sie bald in ihren Bann. So sehr, dass sie gar nicht mehr wusste, warum sie sich viele Jahre lang danach gesehnt hatte, von hier fortzugehen. Und so hatte sie ihre Scheu der Kritik der Mitmenschen gegenüber abgelegt, sich gewappnet und damit begonnen, sich mit allem vertraut zu machen, worum sich Rosa ganz allein kümmerte, so gut es eben ging. Die eine im Lokal und auf dem Land, der andere auf den Märkten. Und jetzt ...

»Du bist also nicht mehr böse auf mich, Pinu?«

Er schüttelte den Kopf. »Dir kann man ohnehin nicht böse sein, nicarìedda. Außerdem hast du ja recht gehabt.« Demonstrativ deutete er mit dem Kinn auf die Kasse in seinen Armen. »Deine eigenartigen Gewürzmischungen und diese Gemüsemarmeladen, die ihr jungen Leute heutzutage zum Käse esst und die alle ein Schweinegeld kosten, gehen weg wie die warmen Semmeln. Noch dazu zum vollen Preis, niemand versucht zu feilschen!«

»Dabei tust du das doch so gern.« Gina zwinkerte ihm zu, bevor sie weitersprach. Man musste das Eisen schmieden, solange es heiß war, und Pinu schien so weit. Seit Wochen wartete sie auf den richtigen Moment ... Sie räusperte sich und legte eine Hand auf seine Schulter.

»Meinst du, dass du ab morgen allein mit der Kasse zurechtkommst?«

»Mit der Kasse sicher, aber ob ich es ohne dich schaffe, picciridda«, meinte er grinsend.

Lachend versetzte sie ihm einen liebevollen Stoß. Immerhin nannte er sie jetzt nicht mehr Kleine, sondern Mädchen.

Plötzlich wurde er ernst. »Danke für alles, Gina. Wenn du damals nicht zurückgekommen wärst, dann würde ich bei dem pescivendolo, dem Fischhändler unten am Hafen, Fische ausnehmen und entschuppen und so sehr stinken, dass mich meine Frau erst in Chlorlauge legen würde, bevor sie mich anfasst.«

Gina saß bereits in ihrem Cinquecento und fuhr an der Küste entlang Richtung Osten, als ihr Pinus Worte wieder einfielen. Er musste immer alles mit einem Witz garnieren, weil er niemals zugeben würde, dass unter seiner rauen Schale ein weicher Kern steckte. Dabei wussten alle, die ihn kannten, wie sehr er seine Frau Milla und seine Kinder liebte und dass ihn seine Enkelkinder wahlweise als Kletterbaum oder Schaukelpferd benutzen durften und ihn mit Wasserfarben bemalten. Er war ein richtiger Softie, ganz im Gegensatz zu dem Mann, vor dessen Werkstatt sie nun den Wagen abstellte. Der war nämlich ein Einzelgänger, einer, der nur für seine Arbeit und das Meer lebte.

 

Sie zog den einen Flügel des hohen Eisentors auf und musste blinzeln. Trotz der unter dem First angebrachten Leuchten war es im Inneren ziemlich dunkel. Nur der Rumpf des hölzernen Segelbootes, das aufgebockt mitten in der riesigen Halle stand, leuchtete im oberen Bereich weiß. Gina trat näher und blieb zwischen dem Kiel und der Öffnung, wo Pinne und Ruder miteinander verbunden sein würden, stehen. Dann legte sie den Kopf in den Nacken und schaute nach oben.

»Gefällt dir, was du siehst?«

Sie zuckte zusammen. Der alte Mann lachte leise.

»Würde man gar nicht denken, dass du so schreckhaft bist, Gina. Bei den Haaren, die du auf den Zähnen hast ...«

Wie gewohnt musste sie sich zurückhalten, um ihm nicht ihre Meinung zu geigen. Immerhin konnte er locker ihr Großvater sein, und wenn sie eines gelernt hatte, dann, dass man den älteren Generationen Respekt zollte.

»Dass du dich aber auch immer anschleichen musst, Tano!«

»Ich trage eben die richtigen Schuhe. Dich habe ich schon gehört, bevor du hereingekommen bist.«

»So ein Quatsch«, murmelte sie leise und warf einen Blick nach unten auf ihre Segeltuchschuhe mit den Gummisohlen.

»Ich bin alt, aber nicht taub, junge Dame. Und wenn ich dir sage, dass ich dich vorhin gehört habe, so liegt das nicht an deinem Schuhwerk, sondern an deinem Gang. Du bist so klein wie ein Schoßhündchen, so leicht wie ein Schmetterling und trittst auf wie ein Elefant. Manchmal frage ich mich, warum du deinen Exmann nicht einfach mit einem Arschtritt aus deinem Leben befördert hast, anstatt jahrelang auf die Scheidung zu warten.« Tano, der mit vor der Brust verschränkten Armen dastand, legte eine Kunstpause ein. »Womit wir beim Thema wären.«

Gina hielt die Luft an und wartete. Aber er schwieg. Sie fühlte sich plötzlich wie ein Fisch auf dem Trockenen – und stieß den Atem aus. Sie ging auf den alten Mann zu und blieb unmittelbar vor ihm stehen. »Jetzt sag doch endlich!«

Er löste seine Arme aus der Verschränkung und legte seine Hände auf ihre Schultern. »Ich hab nicht reingeschaut, aber der Brief liegt drüben im Büro. Schaut so aus, als ob wir was zu feiern hätten!« Er zog sie an sich, umarmte sie fest und flüsterte ihr ins Ohr: »Es ist so weit, Gina. Dein altes Leben ist endgültig abgeschlossen. Jetzt müssen wir nur noch dein Boot seetauglich machen und dann löst du dein Versprechen ein, okay?«

 

Mit leuchtenden Augen saß sie wenig später neben Tano auf einem Holzstapel, den geöffneten Brief ihres Anwalts auf ihrem Schoß. Sie stießen zwar nur mit billigem, lauwarmem Prosecco in Plastikbechern an – aber er schmeckte besser als der teuerste Champagner. Roberto hatte sie, nachdem die staatlich festgelegte Frist, die zwischen dem gerichtlichen Dekret der gesetzlichen Trennung und dem Einreichen der Scheidung vergehen musste, weiter warten lassen, bis er sein Einverständnis dazu gegeben hatte. Fast doppelt so lange! Ihr Immer-Noch-Ehemann hatte offenbar nicht das Bedürfnis verspürt, die Blondine zu heiraten, deren Kind wohl schon in den Kindergarten ging – und so waren mehr als drei Jahre vorüber, bis auch er endlich den Scheidungsantrag unterschrieb. Aber italienische Gerichtsmühlen mahlen langsam, und so zog sich die Wartezeit weitere fünf Monate, bis ein Termin für das Verfahren festgelegt worden war. Eines, bei dem sie zum Glück nicht persönlich erscheinen musste, da sie nichts voneinander wollten.

»Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das für mich bedeutet.« Gina hielt das mehrfach abgestempelte Blatt Papier hoch, das ihre Scheidung von Roberto Bonetti bescheinigte.

»Vielleicht besser, als du denkst«, erwiderte Tano leise und ein dunkler Schatten überzog sein Gesicht. Sie hatte den alten Bootsbauer und Segelmacher kennengelernt, als Papà sie einmal in seine Werft mitgenommen hatte – warum auch immer. Damals hatte ihr Vater nur ein kleines Ruderboot, mit dem er vor der Küste fischte. Es musste in den Weihnachtsferien in der ersten oder zweiten Grundschule gewesen sein, denn sie erinnerte sich, dass der Wind eiskalt in die zur Wasserseite offenen Halle geweht hatte und sie nicht viel höher war als die Werkbank, auf der viele eigenartige Werkzeuge lagen. Danach hatte sie Tano nie wiedergesehen, bis man ihr nicht seitens der Capitaneria di Porto, der Hafenbehörde, nach ihrer Rückkehr aus Mailand diese Adresse hier gegeben hatte. »Das Segelschiff Ihrer Eltern, Signora Adamo, besser gesagt die Reste davon, wurden in eine kleine Werft nach San Vito, einen direkt am Meer gelegenen Randbezirk Mazaras, gebracht. Die ist leicht zu finden, befindet sich genau dort, wo der neue Jachthafen entsteht«, hatte ihr der Hafenmeister mitgeteilt.

Nichts ahnend und mit klopfendem Herzen hatte sie das hohe Eisentor der Werkstatt aufgezogen – und plötzlich hatte Tano vor ihr gestanden.

Mittlerweile war der Porticciolo San Vito in Betrieb, und Tano Coppola hatte mehr Arbeit denn je zuvor. Doch obwohl er in seinem Alter eigentlich weniger machen und an seinen Ruhestand denken sollte, dachte er nicht im Traum daran. Zwar baute er nicht, wie früher, neue Boote, aber er reparierte solche aus Holz, brachte sie während der Wintermonate auf Vordermann, renovierte auch schon einmal eine Kajüte – und hatte im letzten Sommer sogar damals fünfzehnjährige Zwillinge eingestellt. Einer wollte Bootsbauer werden, der andere Segelmacher.

»Wo sind denn deine Lehrlinge heute?« Gina nahm einen Schluck von dem warmen und gar nicht mehr prickelnden Prosecco, der trotzdem herrlich schmeckte, und prostete Tano zu.

»Berufsschule«, meinte er und fuhr mit einem Schmunzeln fort. »Das gab’s früher alles nicht. Da war nur wichtig, dass du keine linken Hände hattest, mit einem Hammer umgehen konntest und genug Grips im Hirn hattest, um die Anweisungen zu verstehen. Heute müssen sie Handelskorrespondenz und Buchhaltung und korrektes Italienisch studieren, als ob das ein Handwerker brauchen würde.«

»Dir ist aber schon klar, dass du stinkreich wärst und auf einer Insel in der Karibik sein könntest, wenn du nicht dein Leben lang nur das Material und einen geringen Stundenlohn für deine Arbeit verrechnet hättest, oder?«

Gina grinste und er antwortete mit einem Augenzwinkern.

»Wie oft hatten wir solche Gespräche schon?«

Sie zuckte mit den Schultern, trank den Becher leer und stand auf.

»Ich weiß ohnehin, dass du mit deinen Ansichten eher auf meiner Linie liegst, Tano. Du tust ja nur so, als ob du der typische Sizilianer deiner Generation wärst. Trotzdem. Du hast deine Arbeit immer unter dem Wert verkauft – ganz zu schweigen davon, dass du mich für das hier«, sie deutete auf das aufgebockte Segelboot, »gerade mal das Material bezahlen lässt. Wenn du nur ...«

»Sch!« Er legte den Zeigefinger an die Lippen und sie verstummte. »Ich mochte deinen Vater sehr, Gina. Er war ein großartiger Mensch und ein begnadeter Segler.«

Tano sah die Tränen, die ihr in die Augen traten, stand auf und zog sie in seine Arme. Sie vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. Er hielt sie fest und strich sanft über ihren Rücken.

»Niemand hatte vorhergesehen, dass das Unwetter sich so rasch und zu dieser Intensität entwickeln würde. Er war nicht der Einzige, der an dem Tag in Seenot geriet – und du weißt das. Dass deine Mutter von einer Welle über Bord geholt wurde, während er das Segel einholt und er sie nicht retten konnte, weil er vom Baum des Großsegels getroffen und ohnmächtig wurde, war ein Unglück, Gina. Und selbst wenn man ihn früher gefunden hätte, wäre das Blutgerinnsel nicht rechtzeitig erkannt worden, an dem er gestorben ist.«

Mittlerweile schluchzte sie so sehr, dass ihre Tränen auf Tanos Hemd einen riesigen Fleck bildeten. Sie

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: © 2019 Lisa Torberg, Italien (Web): www.lisatorberg.com
Bildmaterialien: konradbak/Adobe Stock, PUNTOSTUDIOFOTO Lda/Adobe Stock
Cover: Chris Gilcher (buchcoverdesign.de)
Lektorat/Korrektorat: SW-Korrekturen e.U.
Satz: ED-Design, Italien
Tag der Veröffentlichung: 08.04.2019
ISBN: 978-3-96465-137-2

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