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Leseprobe

 

 

 

 


Inhaltsverzeichnis

Das Buch

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Epilog

Die Autorin

Das Buch

Sabrina, 25, verdankt ihre Liebe zur Natur und ihren zweiten Namen Wild Rose ihrer Mutter Aponi, einer Cherokee-Indianerin. Von ihrem Vater Beau Gallagher, einem New Yorker Playboy und Modefotografen, hat sie die tiefblauen Augen geerbt – und von beiden ihre Schönheit und die Freude an der Lust. Ihre größte Leidenschaft ist der Sex.

Nach dem Debakel ihrer Lovestory mit ihrem Stiefbruder Jeremy, dem Sohn ihres zweiten Stiefvaters, verlässt sie Los Angeles und zieht nach Colorado. Drei Jahre später reist sie widerwillig in die Stadt der Engel zur fünften (!) Heirat ihrer Mutter.

Um ihr Unbehagen loszuwerden, begibt sie sich am Abend vor der Trauung auf die Suche nach einem One-Night-Stand. In einem Nachtklub trifft sie auf Zac, der ihr schon nach wenigen Stunden ihr Höschen, den Verstand und ein kleines Stück ihres Herzens raubt – und damit ein verwirrendes Gefühl beschert.

Sie wäre nicht Wild Rose, würde sie nicht davonlaufen. Schon morgen wird sie L. A. verlassen und ihn nie wiedersehen. Denkt sie, denn das Schicksal hat andere Pläne mit ihr …

 

Jeremy, Zac und Sabrina. Drei erwachsene Menschen. Miteinander verwandt, weil das Schicksal ihre Eltern zusammengeführt hat. Voneinander angezogen wie Magnete. Und so sehr sich Sabrina auch gegen ihre starken Gefühle wehrt, sie kommt nicht dagegen an …

 

Eine Frau und zwei Männer. Tiefe Gefühle. Verwirrend, beängstigend, unkonventionell. Liebe? Dieser Roman ist sexy, prickelnd, sinnlich, heiß – und eine (Lese-)Sünde wert!

 

 

1

Der Flughafen von L. A. brodelt in jeder Hinsicht. Nach dem beschaulichen Kleinstadtleben und dem Miniflughafen von Boulder trifft mich die Hektik wie eine Betonwand, in die ich mit voller Wucht hineinrenne. Seit knapp drei Jahren bin ich nicht mehr zu Hause gewesen. Besser gesagt in der Stadt, in der ich damals mit meiner Mutter und deren viertem Ehemann lebte. Gewöhnungsbedürftig ist das Erste, was mir einfällt, als ich durch die automatische Schiebetür in die Ankunftshalle trete, unerträglich das Zweite. Nicht einmal die Klimaanlage kann etwas gegen die Schwüle tun, die durch alle Ritzen dringt. Es ist, als ob der Pazifische Ozean seine Arme bis hierher ausstrecken würde. Dazu kommt noch das laute Stimmengewirr vieler verschiedener Sprachen, sodass sich meine Kopfschmerzen pochend wieder melden. Nur weg von hier, denke ich, und bahne mir in Schlangenlinien einen Weg durch die Herumstehenden. Rasch steuere ich, mit dem leuchtend gelben Rollkoffer im Schlepptau, auf den Ausgang zu und presse dabei die Schultertasche mit dem Ellenbogen eng an meinen Körper. Solange ich hier lebte, fiel es mir nicht so auf, aber jetzt spüre ich die Augenpaare, die mich beobachten. Obwohl ich lässig gekleidet bin und keinen auffälligen Schmuck trage, weiß ich, dass dreiste Diebe sich an allem vergreifen, egal wie jemand aussieht, und allein reisende junge Frauen wie ich sind besonders begehrte Opfer.

Die paar Meter bis zum Taxistandplatz treiben mir den Schweiß aus den Poren. Dankbar überlasse ich dem dunkelhäutigen Typen, der mit dem Hintern an seinem Yellow Cab lehnt und sich abstößt, als ich auf ihn zukomme, meinen Koffer. Aufatmend schlage ich die Tür des Taxis zu, nenne dem Fahrer den Namen des Hotels an der Ocean Avenue in Santa Monica und lehne mich aufatmend zurück. Hier drin ist es kühl und ruhig, sieht man von den leisen Klängen des Reggaes ab, der aus dem Radio kommt. Mit einem Blick auf die langen Rastalocken des Fahrers stellte ich die Verbindung her: Jamaica. Er scheint mich zu beobachten. Seine weißen Zähne blitzen im Rückspiegel auf, als er lächelt. Offenbar hat er meinen Tick bemerkt, der mir selbst gar nicht mehr auffällt. Ich schnippe den Takt mit den Fingern, wie immer, wenn ich einen Song mag, was in meinem Job als Assistentin des Programmleiters einer kleinen Radiostation nicht oft vorkommt.

An der Bewegung seines Kinns kann ich erkennen, dass er zum Reden ansetzt. Bevor er noch einen Ton sagt, habe ich schon die Augen geschlossen. Der Kerl ist in meinem Alter und wirkt sympathisch. Unter normalen Umständen würde ich mich mit ihm unterhalten, doch heute ist mein ganz persönlicher Black Friday. Oberflächliches Geschwafel mit einem Unbekannten ist genau das, was ich jetzt absolut nicht brauchen kann. Denn je näher der Zeitpunkt der Hochzeit rückt, umso nervöser werde ich. Gestern hatte ich daher freiwillig den Abenddienst übernommen, war erschöpft ins Bett gefallen, wie gerädert aufgewacht, und hatte ab sechs Uhr die Rocky Morning Show begleitet. Monty, mein Chef, hatte seinen Augen nicht getraut, als er mich im Regieraum sah, und mich kurzerhand hinausgeworfen. Er kennt meine Mutter zwar nur aus Erzählungen, doch ist er zu ihrem Fürsprecher geworden. Ich vermute, dass er Solidarität mit ihr verspürt, weil er ungefähr in ihrem Alter und selbst Vater ist. So kam ich also noch zu einem Shampoo mit Kopfmassage bei Annie, die auch noch meine lange schokobraune Mähne an den Spitzen zurechtschnipselte und glättete. In den quietschgelben Trolley, den ich extra für den Anlass gekauft habe, um meine Mutter zu schockieren, hatte ich dann so viel gepackt, dass er sich gerade noch schließen ließ. Obwohl ich das ganze Zeug nicht einmal während eines zweiwöchigen Urlaub anziehen könnte, und nur wenige Tage geplant habe. Aber wenn ich nervös bin, neige ich zu unkontrollierten Aktionen, um meine Hände zu beschäftigen, weshalb sich nun mein halber Kleiderschrank in dem auffälligen Rollkoffer befindet. Jetzt, fünf Stunden später, bin ich in der Stadt, die ich eigentlich für den Rest meines Lebens meiden wollte, obwohl Jeremy auch nicht mehr hier lebt. Zumindest denke ich das, da er ja den Einstieg in Daddys Unternehmen unserer Liebe vorgezogen hat.

 

»Miss, wir sind da.« Die Stimme befördert mich zurück in die Realität. Widerwillig öffne ich die Augen und sehe aus dem Wagenfenster. Die weiße Fassade des Ocean View Hotel strahlt in der Sonne. Ich schiebe die Ray-Bans von der Stirn auf die Nase und steige aus. Die Schwüle lässt mich straucheln. Ich bin diese feuchte Hitze einfach nicht mehr gewöhnt! Um den Halt nicht zu verlieren, halte ich mich am Wagendach fest. Der Fahrer hievt den Riesentrolley heraus, stellt ihn neben mir ab und nennt den Fahrpreis. Auch das ist gewöhnungsbedürftig. In Colorado zahle ich für eine halbe Stunde Fahrt nicht einmal die Hälfte. Trotzdem winke ich ab, als der Rasta-Typ mir die paar Dollar Wechselgeld geben will. Ich belohne ihn sozusagen dafür, dass er begriffen hat, dass ich keine Lust aufs Reden habe. Auch jetzt lächelt er mich wortlos an, bevor er wieder in sein Yellow Cab einsteigt, die Musik lauter dreht und davonprescht.

 

Es ist mir nichts anderes übrig geblieben, als das Fairmont, das Shore und das Georgian zu meiden und mich für das mittelklassige Hotel zu entscheiden, das ich nur von außen kenne. Neben Grautönen dominieren Weiß und Blau, die Farben von Sommer, Sonne und Meer. Ein Anflug von Urlaubsgefühl überkommt mich, als ich die Lobby betrete, wird aber sofort von dem Gedanken an den wahren Grund meines Hierseins zunichtegemacht. Rasch lasse ich den Blick umherschweifen, taxiere die Menschen um mich herum. Ich kann nur hoffen, dass sich nicht ausgerechnet einer der fünfhundert geladenen Hochzeitsgäste, der mich kennt, hierher verirrt.

Als ich endlich meinen sonnengelben Rollkoffer über die Schwelle des Zimmers ziehe, das Don’t-disturb-Schild anbringe und die Tür zusätzlich von innen versperre, lehne ich mich aufatmend mit dem Rücken gegen sie. Ich schüttelte die Sneakers von den Füßen, rutsche mit dem Rücken nach unten und frage mich, was ich hier eigentlich zu suchen habe! Inzwischen bezweifle ich, ob meine Idee, einen Tag vor der Trauung anzureisen, um mich an L. A. zu gewöhnen, so gut war. Diese Stadt, die ich so sehr geliebt habe, deprimiert mich. Ich spüre den Druck, der auf meinen Schultern lastet, meinen Kopf zu zersprengen droht und mein Herz außer Takt bringt. Ich spüre ihn, seitdem Jeremy mich vor vollendete Tatsachen stellte. Und so wie es sich anfühlt, hat sich seit damals nichts an meinem Empfinden geändert.

 

Mein jetziges Leben ist eine unkomplizierte Sache. Weil ich es in der lieblichen Stadt der Engel, die für mich schlagartig zum Fegefeuer geworden war, einfach nicht mehr aushielt, suchte ich mir vor drei Jahren einen Job in den Bergen. Ich snowboarde genauso gerne, wie ich surfe. Strand oder Skipisten brauche ich zum Leben wie Normalmenschen die Luft zum Atmen. Als ich durch Zufall über die Stellenanzeige von BRMR, Boulder Rocky Mountain Radio, stolperte, wusste ich, was ich wollte. Nach New York, Miami, La Porte und Los Angeles hatte ich genug vom Meer und sehnte mich nach den Bergen. Ich wollte die Rocky Mountains und Monty Malone, der Besitzer der kleinen Radiostation, mich. So bekamen wir einander. Zudem entkam ich dem Dunstkreis meiner schönen, fantastischen, umschwärmten Mutter, die zwar nicht auf Gluckenart unterdrückte, wie es andere tun, jedoch viel zu präsent war. Ich hatte Angst, dass sie die Sache zwischen Jeremy und mir irgendwann herausbekam, und keine Lust, mir dazu auch noch ihre Kommentare anzuhören. Es war schlimm genug, dass Bartholomew C. Harting durch einen Zufall von unserer Lovestory erfahren hatte. Es war also besser zu verschwinden, und der Zeitpunkt war perfekt, hatte ich doch kurz zuvor mein Studium abgeschlossen. Abgesehen davon wollte ich mit zweiundzwanzig Jahren endlich auf eigenen Beinen stehen.

Heute bin ich fünfundzwanzig, habe einen tollen Job, einen ebensolchen Chef, nette, wenn auch ziemlich ausgeflippte Kollegen und Tammy. Sie hat sich als Vermieterin in mein Leben geschlichen, als ich eine Wohnung suchte, und ist zu meinem Rundum-Menschen geworden, meiner Seelenverwandten, Vertrauten, Lehrmeisterin in allen Lebenslagen und meinem Mutterersatz. Zumindest kommt sie mit ihrer Art meinem Idealbild einer Mutter nahe.

Tamara gelangte vor dreißig Jahren mit dem Bolschoi-Ballett für ein Gastspiel nach Ostberlin. Sie war achtzehn, gerade erst in das Corps de Ballet aufgenommen worden. Über ihre Flucht spricht sie nie, nur einmal, in einem melancholischen Moment zu Weihnachten, erwähnte sie, dass ihr bester Freund und Tanzpartner es nicht über die Grenze geschafft habe. Ich kenne weder seinen Namen, noch weiß ich, was in jener Nacht geschehen ist. Es ist schlimm genug, jemanden zu verlieren, den man liebt, denke ich, auch wenn es sich um eine alte oder kranke Person handelt. Aber Tammy war damals blutjung und plötzlich ganz allein in einem fremden Land. Ich kann es ihr nicht verdenken, dass sie ihre Erinnerungen an den Freund unter Verschluss hält.

Sie ging zur amerikanischen Botschaft in Westberlin und landete wenige Monate später in Boulder. Den Grund dafür nennt sie nicht, aber ich denke, dass sie untertauchen musste. Ich weiß nur, was man über Filme und Bücher vermittelt bekommt. Die Russen verfolgten damals abgesprungene Sportler, Wissenschaftler und Freidenker rund um die Welt. Eine mittelgroße, wenig bekannte Stadt in Colorado war sicher besser dazu geeignet, die Spuren zu verwischen, als New York oder San Francisco.

Tamara Sokolowa ist fast doppelt so alt wie ich, wird aber oft wegen ihres Aussehens für meine große Schwester gehalten. Die langen Haare glänzen in der Farbe von dunklem Nugat, und ihre blauen Augen strahlen intensiver und heller als meine. Wir sind beide schlank und muskulös, nur bin ich mit meinem Meter sechsundsiebzig zwei Zentimeter größer als sie. Auch in ihrer Wahlheimat hatte sie noch viele Jahre getanzt, bis sie vor zwei Jahren ihre Spitzenschuhe an den Nagel hängte. »Meine Füße sind alt und möchten sich endlich ausruhen«, sagte sie. Was ich sehr gut verstehen kann, nachdem ich nur einmal versucht habe, mich in diese engen Folterinstrumente mit der Betonspitze zu zwängen. Ich bewundere sie dafür, dass sie fast vier Jahrzehnte tagtäglich viele Stunden auf schmerzenden, oft blutenden Zehenspitzen verbracht hat und den Rest der Zeit damit, ihre Füße zu pflegen. Vor etwa fünfzehn Jahren eröffnete Tammy, neben ihrer aktiven Tätigkeit, ein Tanzstudio. Mittlerweile gibt es in ganz Colorado mehrere Niederlassungen. Ihr Erfolg erklärt sich damit, dass sie nicht nur klassisches Ballett anbietet, sondern auch viele andere Tanzkurse sowie Kraft- und Ausdauertraining. So hat sie sogar mich dazu gebracht, nicht nur im Fitnessraum zu arbeiten, sondern auch Tango zu lernen. Überraschenderweise mag ich den sinnlichen argentinischen Tanz, obwohl ich leider keinen männlichen Partner habe. Boulder ist zwar eine relativ große Stadt, doch ziemlich provinziell. Im Tangokurs schreiben sich immer nur Paare ein, und so muss ich mich an den zwei Abenden pro Woche mit der Führung meiner Freundin und Lehrmeisterin begnügen. Ich stehe wirklich nicht auf Frauen, und trotzdem stellt sich in meinem Bauch immer dieses verräterische Kribbeln ein, wenn wir eng aneinandergepresst tanzen. Der Tango hat in mir den sinnlichen Teil meiner Cherokee-Abstammung zum Leben erweckt, der bis dahin nur in meiner Naturverbundenheit zum Ausdruck gekommen war.

Am Ende jeder Tanzstunde blicken mir im Spiegel gerötete Wangen entgegen, ich atme flacher und muss kaltes Wasser über die Handgelenke rinnen lassen, um meine innere Hitze abzukühlen. Was jedoch meistens nicht gelingt und dazu führt, dass ich auf ein paar Stunden Richtung Denver verschwinde. Im Vinyl, Beta oder Mercury, den angesagten Nachtklubs der Hauptstadt, findet frau immer, was sie sucht. Am darauffolgenden Morgen ist die Indianerin Ogin, mein wilder Part, verschwunden und die anständige Sabrina, die Nachfahrin europäischer Einwanderer, nimmt ihr Leben wieder auf. Ungeschminkt und in Jeans oder Sportkleidung verbringe ich meine Tage zwischen Arbeit und Freizeit und, sobald Schnee liegt, auf dem Snowboard. Nur ans Meer bin ich nicht mehr gefahren. Bis heute.

 

Ich rappele mich auf und durchquere das geräumige Zimmer. Die Balkontür steht offen. Die Brüstung aus Glas, oben von einem azurblauen Geländer begrenzt, gibt den Blick auf die Ocean Avenue, die hoch aufragenden Palmen, den Strand und das Meer frei. Die Sonne steht tief, bald wird sie sich in einen orangenfarbenen Ball verwandeln und am Horizont versinken. Ich starre auf die Schaumkronen, die auf den Wellenkämmen tanzen, und meine innere Unruhe wächst. Es kribbelt in meinen Armen und Beinen und mein Magen beginnt zu vibrieren. Das passiert, wenn das vom Wind bewegte Meer oder eine dicke weiße Schneedecke vor mir liegt. Dann schnappe ich mir das Snowboard, schnalle es auf den Jeep und fahre los. So wie ich es früher machte, als ich noch hier lebte. Nur ritt ich damals auf meinem Surfbrett die Wellen. Doch nicht nur Wellen oder Skipisten versetzen mich in diesen Zustand, es fühlt sich auch so an, wenn ich verliebt bin, erkenne ich mit Schrecken. Meine Augen werden feucht und ich fahre schniefend mit den Fingern unter die Sonnenbrille und wische die Spuren weg. Verdammt!

Genau das ist der Grund, weshalb ich nicht nach L. A. kommen wollte! Dieses beschissene Gefühl, das meinen Magen in einen schmerzenden Klumpen verwandelt, ist plötzlich wieder da, die elf Jahreszeiten, die seit damals ins Land gezogen sind, reduzieren sich auf den Moment eines Wimpernschlags.

Es ist schon ewig her, dass ich daran, dass ich an ihn gedacht habe! An das bittere Ende zwischen uns, als er plötzlich beschloss, sich den Wünschen seines Vaters zu beugen. Jeremy B. Harting. Natürlich passte ich, ausgerechnet ich!, absolut nicht in den Plan von Mr. Perfect! Um den Wünschen seines Vaters gerecht zu werden, brauchte er ein Vorzeigefrauchen mit makellosem Stammbaum und ebensolcher Vergangenheit, nicht die Tochter der Ex-Frau seines Vaters. Für den Ölmagnaten Bartholomew C. Harting war und blieb ich die Stieftochter, der Ableger der Frau, die ihn um fünf Jahre seines Lebens und etliche Millionen erleichtert hatte. Dass ausgerechnet er, der Texaner, dem die Westküste verhasst ist, hier auftauche und mich mit seinem Sohn in einer ganz offensichtlich nicht-geschwisterlichen Umarmung sehen würde, waren mehrere unglückliche Zufälle in einem. Hätte er sich wenigstens bemerkbar gemacht und uns zur Rede gestellt! Doch er zog es vor zu verschwinden, seinem Sohn einen Privatdetektiv auf den Hals zu hetzen und ihn anschließend mit eindeutigen Fotos zu konfrontieren. Ich nannte das, was mein zweiter Stiefvater getan hatte, Erpressung und ging davon aus, dass Jeremy unsere Liebe nicht verraten würde. Doch, aus welchem Grund auch immer, er tat es. Als er es mir erklären wollte, unterbrach ich jeden Kontakt und zog nach Boulder. Ich gab ihm niemals die Gelegenheit, mit mir darüber zu sprechen. Warum auch? Er hat mich benutzt und weggeworfen, wie einen alten Hut, mich wie eine Schwerverletzte zurückgelassen. Und da Wunden bekanntlich nie komplett verheilen, sondern eine Narbe zurücklassen, tut es mir immer noch weh, an ihn zu denken. Vor allem jetzt und hier, in der Stadt, in der ich meine einzige wirkliche Liebe erlebt habe.

Das Verhalten meines Stiefvaters hat mich hingegen weder verblüfft, noch wirklich getroffen. Er vertrat seine festgefahrene Meinung, was ich ihm auch gar nicht verübeln konnte. Schließlich ist meine Mutter nicht der klassische Typ einer netten, treuen und liebenswerten Ehefrau. Sie entspricht eher dem Bild eines Vamps, der sich von einem Opfer zum nächsten hangelt. Zwar wechselt sie ihre Ehemänner nicht so häufig wie ihre Slips, doch stets nach etwa sechs Jahren. Und bei der Scheidung entzieht sie ihnen einen Teil der ach so lebensnotwendigen Lymphe, den schnöden Mammon. Die Herren vergessen dabei jedoch, dass sie sich in der Zeit der Ehe mit einer der bemerkenswertesten und schönsten Frauen der Vereinigten Staaten dekorieren. Denn Aponi, was in der Sprache ihres Volkes, der Cherokee-Indianer, Schmetterling bedeutet, wurde im zarten Alter von sechzehn Jahren zur schönsten Frau der Vereinigten Staaten gewählt. Was meinen Vater, den Modefotografen und Playboy Beau Gallagher, wohl auch dazu gebracht hatte, sie direkt vom Podium weg in sein Bett zu zerren und zu schwängern. Dass er sie heiratete und über sechs Jahre mit ihr zusammenblieb, obwohl er sie regelmäßig mit irgendeinem Model betrog, lag wohl daran, dass es mich gab. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Die Sonne hat mittlerweile das gleißende Weiß gegen ein langsam dunkler werdendes Orange eingetauscht und steht nur noch eine Handbreit über dem Horizont. Ich fixiere immer noch das Meer, bewege meine nackten Zehen auf dem dunklen Steinboden des Balkons, als ob ich mich auf dem Surfboard festhalten müsste. Wenn ich nicht wegen der Hochzeit hier wäre, würde ich jetzt in dem Haus sein, in dem meine Mutter bis vor Kurzem wohnte, und in der Garage das Surfboard aus seiner Verankerung lösen. So wie ich Francisco, meinen dritten Stiefvater, kenne, hält er den kleinen Suzuki-Jeep immer noch für mich und meine Strandeskapaden bereit. Oder vielleicht doch nicht? Würde auch er so tun, als ob ich niemals Teil seines Lebens gewesen wäre, weil Aponi ihn verlassen hat? Gegen die erneut aufsteigenden Tränen bin ich machtlos. Dabei bin ich fünfundzwanzig und habe bereits drei Stiefväter hinter mir!

 

Nur mit Heston, dem ersten, der auf meinen Vater folgte, bin ich immer noch in Kontakt. Er war damals, als ich im Alter von acht Jahren meine Schulfreunde, die Lehrer, mein winziges Zimmer oberhalb der Bagel-Bäckerei in Brooklyn und die lauten Straßen New Yorks gegen zwei Räume und eine Nanny in der Villa in Miami tauschen musste, mein einziger Halt. Mum hatte den zwanzig Jahre älteren Besitzer einer Modehauskette bei einem Shooting kennengelernt. Er mochte ihr ungewöhnliches Aussehen, engagierte sie exklusiv und machte aus ihr das weibliche Gesicht des Modelabels der Fisher-Boutiquen. Als sie dann plötzlich mit einer kleinen Tochter allein dastand, kam er, hielt ihre Hand, hörte ihr zu und behandelte mich wie eine Prinzessin. Beau, mein Vater, hatte nicht nur meine Mutter, sondern auch mich verlassen, und ich litt unsäglich darunter. Der Kontakt zwischen ihm und mir brach mit seinem Auszug einfach ab, als er irgendwo im Südpazifik verschwand und Models gegen Fische austauschte. Seit ein paar Jahren schreibt er mir hin und wieder eine kurze Nachricht auf Facebook, die ich ebenso knapp beantworte. Doch damals war ich klein, allein mit einer todunglücklichen Mutter, und hatte niemanden, mit dem ich darüber reden konnte. Bis Heston das erste Mal auftauchte und mir die neueste Barbie mitbrachte. Aponi meinte später, dass sie Hestons Antrag nur mir zuliebe angenommen habe. Das entsprach natürlich nicht der Wahrheit, doch die verdrängte sie. Niemals sprach sie von dem fantastischen Haus, der Mitgliedschaft im exklusivsten Country Club Floridas oder der Jacht, die am hauseigenen Bootssteg vertäut lag. Mit nur vierundzwanzig Jahren hängte sie ihren Job an den Nagel, posierte anstatt vor der Kamera nur noch an der Seite ihres strahlenden Ehemanns. Doch war sie nicht nur das schöne Aushängeschild, denn schon damals war ihr bewusst, dass Schönheit vergänglich ist, Bildung hingegen die Attraktivität eines Menschen steigert.

Sie verschlang Bücher und Zeitschriften, lernte Französisch und Spanisch, besuchte Kochkurse bei einem Sternekoch, legte sich ein umfassendes Allgemeinwissen zu und perfektionierte ihren ganz persönlichen zeitlosen Stil, den sie bis heute beibehalten hat. Sie war rund um die Uhr beschäftigt, zu sehr, um sich der Tochter zu widmen, die sie zwischen Privatschule und Nanny sowieso gut aufgehoben wusste.

Allerdings gibt es etwas, das Aponi und mich verbindet, nämlich die Liebe zu den Pferden. Mum ist in einem Cherokee-Reservat sozusagen im Sattel geboren worden, und ich hatte dieses Indianer-Gen, die Liebe zur Natur, den Tieren und dem Glücksgefühl, das ein rasender Galopp mit sich bringt, offensichtlich schon während der Schwangerschaft mitbekommen. Die schönsten Stunden, die ich jemals mit meiner Mutter verbracht habe, waren unsere gemeinsamen Ausritte. Und während unserer sechs Jahre in Florida gab es davon unzählige.

Alles andere machte mein Stiefvater mit mir, da Aponi stets Wichtigeres zu tun hatte. Disney World, Krokodilsafari in den Everglades, das Delfinarium, Rollerskating, Kino, die Liste ist endlos. Sogar Fast Food ging er mit mir essen! Heston machte alles mit mir, wenn ich nur gute Noten heimbrachte. Ich himmelte meinen Stiefvater an, der alles tat, um mich rundum glücklich zu machen. Schade nur, dass er mir meinen allergrößten Herzenswunsch nicht erfüllte. Ich wollte ein Geschwisterchen, jemanden, der jünger war als ich. Wie gerne hätte ich ein Baby gefüttert, im Kinderwagen herumgeschoben, mit ihm gespielt. Irgendwann hasste ich sogar meine Puppen, die einfach kein Ersatz für eine jüngere Schwester oder einen Bruder waren.

Der Mensch, der mir im Haus altersmäßig am nächsten stand, war meine nur siebzehn Jahre ältere Mutter. Hestons Töchter waren zwar nur wenig jünger als sie, jedoch bereits ausgezogen, als wir nach Miami kamen. Nicht einmal auf der Hochzeit ihres Vaters ließen sie sich blicken, obwohl ihre Mutter ihn wegen eines jüngeren Mannes verlassen hatte. So wurde ich, die kleine Stieftochter, Hestons Kind. Im Gegensatz zu Mum, die mich immer nur mit meinem ersten Namen Sabrina rief, verwendete er meinen Cherokee-Namen. Ogin, Wild Rose, die Wildrose. In meiner Kindheit mochte ich es nicht, so genannt zu werden, das war eine Sache, die damals nur ihm vorbehalten war.

Und es ist bis heute so. Sobald das Telefon läutet und die tiefe warmherzige Stimme meines ersten Stiefvaters diese vier Buchstaben ausspricht, fühle ich mich sofort zu Hause. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort, kein Haus, keinen Menschen, der mir dieses Gefühl vermittelt. Nur Heston Fisher schafft es, auch wenn er Tausende Kilometer weit weg ist. Er beruhigt mich und vermittelt mir das Gefühl der Zugehörigkeit, des Daheimseins.

Wie gerne würde ich ihn jetzt anrufen. Doch ich kann ihm einfach nicht sagen, dass sie schon wieder heiratet. Ich würde ihm das Herz brechen.

Seufzend verfluche ich den Moment, in dem ich beschlossen habe, einen Tag vorher anzureisen. Ins Bett gehen kann ich nicht, denn zum Schlafengehen ist es definitiv noch zu früh. Ich starre auf die untergehende Sonne und nehme die Sonnenbrille ab, drehe sie zwischen den Fingern. Wenn ich nicht wahnsinnig werden will, weil ich weiterhin aus den Untiefen meines Gehirns Erinnerungen an die Vergangenheit hervorkrame, muss ich mich ablenken.

 

An erster Stelle steht eine Dusche, damit ich mich wieder wie ein Mensch fühle. Nicht nur die Schwüle, auch der unangenehme Geruch des Flugzeugs haften an mir. Ich drehe mich um, trete ins Zimmer und öffne den Koffer. Mit meinem Lieblingsduschbad in der Hand gehe ich ins Badezimmer. Wenig später stehe ich in der verglasten Duschbox und lasse das Wasser auf mich einprasseln.

Ich greife nach dem duftenden Gel, verreibe es zwischen den Handflächen und verteile es auf meinem Körper. Arme, Beine, Hals, Schultern, Brüste, Bauch, schließlich weiter unten, zwischen den Beinen. Tut das gut! Mit dem Daumen streiche ich kreisend über die Perle, die sich unter meinen Berührungen vorwitzig aufrichtet und erhärtet. Mit zwei Fingern öffne ich die Schamlippen, fahre durch die Nässe, die nichts mit dem von oben kommenden Wasser zu tun hat. Wie sehr ich das mag! Lustvoll versenke ich mich in der Enge, die leicht pulsiert, mich willig aufnimmt, drücke die Klit, lege stöhnend den Kopf in den Nacken und schließe die Augen. Das warme Wasser rinnt über mein Gesicht, die Schultern, die aufgerichteten Brustwarzen. Die Bewegung meiner linken Hand zwischen meinen Beinen wird rascher, immer tiefer dringe ich in mein Lustzentrum ein, während die andere über meine Brust streicht. Ich kneife die Brustwarze, drehe sie zwischen den Fingern, genieße den Schmerz, der sich wie ein Stromstoß den Weg nach unten bahnt. Mein Innerstes kontrahiert, umschließt die Finger, die rasch zustoßen. Mein Keuchen wird rascher, Wasser rinnt in meinen Mund, ich schlucke es, stelle mir einen prallen, ejakulierenden Penis vor und komme, schreiend. Die Knie sind weich, ich lehne mich mit dem Rücken an die geflieste weiße Wand, rutsche nach unten, die Beine leicht angewinkelt. Ob das Badezimmer an ein anderes grenzt? Falls ja, was wohl die Gäste nebenan denken? Dass ich fantastischen Sex hatte? Mein post-orgastisches Lächeln verschwindet, ich spüre die Abwärtsbewegung der Mundwinkel, reiße die Augen auf.

Das ist es, was ich brauche! Einen Mann für eine Nacht!

Das Wundermittel gegen tiefschürfende Gedanken über die Vergangenheit und hypothetische Schauervorstellungen die nahe Zukunft betreffend, genauer gesagt den morgigen Tag, und meine unersättliche Gier nach sexueller Befriedigung.

 

Niemand ahnt, nicht einmal Tammy, bei der ich seit bald drei Jahren in Untermiete wohne, wie oft mein Körper sein Recht fordert. Ich stehe ständig unter Strom, sehne mich nach Berührungen auf meiner Haut, Schmerz, Nippelklemmen und Dildos, allem, was mir Erlösung verschafft. Mittlerweile ist die Anzahl der Toys, die unter der Patchworkdecke meiner Großmutter in der verschließbaren Holztruhe in meinem Zimmer liegen, auf dreiundzwanzig angewachsen. Ich benutze sie alle, je nach Lust und Laune, während lautlos Sexvideos über den Bildschirm meines Notebooks flimmern. Jede Nacht danke ich dafür, dass ich in der Mansarde untergebracht bin und Tamara ein Stockwerk tiefer schläft, nicht im Zimmer nebenan.

Inzwischen denke ich nicht mehr darüber nach, ob mein sexueller Appetit normal ist. Ich habe ihn geerbt. So wie meine Liebe zu Pferden, der Natur und der Freiheit, meinen nicht zu befriedigenden Wissensdurst und die Manie, meinen Körper herauszufordern und mit sportlicher Betätigung bis zum Limit zu treiben. So gesehen sind das Surfen und das Snowboarden für mich nicht nur Hobbys, sondern lebenswichtig. Doch meine allergrößte Leidenschaft ist der Sex.

 

Mein Vater ist, trotz seiner einundfünfzig Jahre, immer noch ein Playboy, und sein Ruhm als solcher überschattet in den Medien den des Fotografen. Früher senkte ich keusch den Blick, wenn mich Mitschüler auf ihn ansprachen. Heute wünsche ich mir, irgendwann einmal einem Typen wie Beau Gallagher in die Hände zu fallen. Mein Erzeuger ist jedoch nur eine Seite der mathematischen Gleichung, die andere meine Mutter. Ihre erotische Ausstrahlung spürte ich schon, als ich klein war. Sie sah einen Mann an, und er lag ihr bereits zu Füßen.

Heston Fisher, mein erster Stiefvater, bezeichnet das, auch heute noch, als Aponis Sex-Appeal.

Bartholomew C. Harting nennt meine Mutter, in seiner trockenen direkten Art, das geilste Frauenzimmer zwischen hier und dem Ende der Welt. Wobei das hier jeden Ort bezeichnet, an dem er sich gerade befindet.

Francisco Cordoba, ihr vierter Ehemann und somit mein dritter Stiefvater, schweigt mit einem tiefgründigen Lächeln und seinem südamerikanischen Charme, sobald jemand eine eindeutig zweideutige Bemerkung über seine Frau macht. Zumindest tat er das noch vor drei Jahren, als ich eine solche Situation zum letzten Mal mit eigenen Augen miterlebte und die beiden noch verheiratet waren. Und nachdem meine Mutter morgen mit nur zweiundvierzig Jahren Ehemann Nummer fünf ihr Jawort geben wird, kann ich nur davon ausgehen, dass es nicht nur ihr Erscheinungsbild ist, dass das starke Geschlecht auf die Knie zwingt. Denn Männer liegen ihr grundsätzlich zu Füßen.

 

Zurück zum Sex-Gen, das in mir schlummert. Da bekanntlich eins plus eins zwei macht und ich das Produkt von Beau, der seinen Namen zu Recht trägt, und Aponi, dem Schmetterling, der von Blüte zu Blüte schwebt, bin, sind weitere Gedanken zum Thema überflüssig. Seitdem ich das akzeptiert habe, lebe ich besser, halte mich aber auch strikt daran, Distanz zu halten. Ich habe keine Lust wie Mum zu enden, und Scheidungsurteile ebenso zu sammeln wie Heiratsurkunden. Das ist es mir nicht wert. Wahrscheinlich war das Debakel mit Jeremy der Wink mit dem Zaunpfahl, den ich brauchte, um den richtigen Weg einzuschlagen. Den Pfad in Richtung sexuelle Freiheit ohne Komplikationen, und den bekomme ich in Colorado genauso.

Diese Überlegung unterstreicht die Tatsache, dass ich mich in dieser Stadt einfach nicht mehr wohlfühle und am liebsten sofort wieder abreisen würde. Aber das kann ich Mum nicht antun. Immerhin bin ich ihre einzige Tochter, auch wenn ich immer noch nicht begreife, weshalb sie bei ihrem aktiven Liebesleben kein weiteres Kind in die Welt gesetzt hat. Doch es ist nun mal so und eben deshalb, weil ich sozusagen der einzige Mensch bin, der ihr wirklich für immer erhalten bleibt (ich lache schon lange nicht mehr über diesen Scherz!), kann ich meine Teilnahme an der morgigen Zeremonie nicht vermeiden. Aber ich verzichte für diese Nacht dankend auf eine Übernachtung in ihrer Nähe, egal, ob im Anwesen ihres Fast-Ehemannes oder im Luxushotel, in dem die geladenen Gäste von auswärts untergebracht sind.

Beim Gedanken an die privilegierte Unterbringung, auf die ich verzichte, knurrt mein Magen immer lauter. Hätte ich mich unter Schmetterlings Fittiche begeben, wäre ich bereits bei der Ankunft mit einem Champagner-Cocktail und nachfolgender Massage begrüßt worden, Austern und Appetithäppchen mit Kaviar inklusive. Das macht sie immer. Bei jeder Hochzeit. Da ich mein Anreisedatum mitsamt Uhrzeit jedoch verschwiegen habe, sitze ich nun in fliederfarbenem String und dazupassendem BH auf dem Bett in diesem anonymen Hotelzimmer und befestige die hauchdünnen Riemchen der violetten Sandalen mit dem Mörderabsatz um meine Fußknöchel.

Ich stehe auf, teste den Sitz der Jimmy Choos, packe das Nötigste in die dazupassende Clutch und ziehe das Aufreißkleidchen aus dem Koffer. Es ist eines von mehreren. Denn auch wenn ich vorhabe, innerhalb von zwei Tagen wieder von hier zu verschwinden, kann man nie wissen. Da Monty Malone darauf bestanden hat, dass ich eine ganze Woche freinehme, um einen Teil meiner Überstunden abzubauen, könnte ich auch ein paar Tage länger bleiben.

Das Leben ist kurz, daher sollte man es abwechslungsreich gestalten. Sobald ich die morgige Tortur hinter mir habe, werde ich Francisco anrufen und um mein Surfboard bitten. Das herrliche Sommerwetter und die salzige Brise des Ozeans, die in der Luft liegt, schreien förmlich danach, ausgekostet zu werden. So wie die abendlich beleuchtete Küstenstraße und das Riesenrad am Santa Monica Pier zu anderem einladen. Falls sich hier an der Küste in den letzten Jahren nicht zu viel verändert hat, sollte es an interessanten Männern nicht mangeln. Und genau das will ich überprüfen. Nach dem Abendessen, da im Moment mein hungrig knurrender Magen die Entscheidungen trifft.

 

Wenn ich schon vor sechs Uhr in der Radiostation bin, kriege ich einfach keinen Bissen runter. So habe ich auch heute, wie immer, während der Rocky Morning Show nur drei Tassen Milchkaffee getrunken. Einen pro Stunde. Als mir Annie später die Haare machte, versenkte ich meine Hand immer wieder in der Packung mit Marshmallows, die sie mir, mit einer lakonischen Bemerkung zu meinem laut knurrenden Magen, in die Hand gedrückt hatte. Danach war ich hungrig, aber es war einfach zu spät. Trotz der unzählbaren Flüge quer über den Kontinent, und darüber hinaus ist meine Flugangst heute noch größer als in meiner Kindheit. Damals saß immer irgendwer neben mir, der meine Hand hielt. Heute nicht. Wahrscheinlich liegt es daran. Bereits Stunden, bevor ich in einen dieser riesigen, silbrig glänzenden, metallenen Vögel einsteige, gerät mein Magen in Aufruhr. Da ist an Essen einfach nicht zu denken. Wie zur Bestätigung knurrt er jetzt ganz laut.

 

Ich ziehe das federleichte Kleid aus cremefarbener Seide an, dessen kurzer Rock einige Zentimeter über den Knien meine Oberschenkel umspielt. Das ärmellose Oberteil ist an den Schultern gerafft und hat sowohl vorn als auch hinten einen tiefen Wasserfallausschnitt. Der einzige Farbtupfer ist der schmale Gürtel in der Farbe von Tasche und Sandalen. Vor dem Badezimmerspiegel überprüfe ich Lidstrich und Mascara, den Hauch des fliederfarbenen Lidschattens und trage dunkelroten Lippenstift auf. Der gehört zu mir, wenn ich nicht in Jeans herumlaufe. Wenn ich diese erotisierende Farbe auflege, fühle ich mich unwiderstehlich, was wiederum meine Flirtlaune um etliche Prozent anhebt. Mit einem lasziven Augenaufschlag hauche ich meinem Spiegelbild ein Küsschen zu, drehe das Licht ab und verlasse das Zimmer. Die natürliche, ungeschminkte Sabrina bleibt zurück, die aufreizende, sexlüsterne Ogin schließt die Zimmertür hinter sich.

L. A., ich komme! Wild Rose is back in town!

 

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Santa Monica ist, obwohl es in unmittelbarer Nähe zu Los Angeles liegt, eine Welt für sich. Belebt im Sommer, halb tot während der regnerischen Wintermonate, laufen jetzt, Anfang Juli, sämtliche Lokale auf Hochtouren. Ich habe Lust auf Seeluft, Meeresfrüchte und trockenen Weißwein. Die wenigen Minuten auf der Promenade vom Hotel in Richtung Pier katapultieren mich in Urlaubslaune. Eine Frau bedenkt mich bereits aus einigen Metern Entfernung mit einem giftigen Blick, weil mich ihr Mann anstarrt. Natürlich lächle ich, als sie auf meiner Höhe sind. Die keifende Stimme der Person, die auf den armen Trottel an ihrer Seite einredet, beschwingt meinen Blick und reduziert meine Angst, jemandem zu begegnen, den ich kenne. Diejenigen, die damals mit mir studierten, leben in alle Himmelsrichtungen zwischen Alaska und Feuerland verstreut, und die Bekannten meiner Mutter, allen voran die Hochzeitsgäste, gehören einer Liga an, die sich kaum hier herumtreibt.

Die Glasfront des Lobster-Restaurants zu Beginn des Piers leuchtet einladend, ebenso wie der feurige Blick des mexikanischen Kellners, der mir einen kleinen Tisch mit Blick auf das Ferris Wheel zuteilt. Das beleuchtete Riesenrad zieht meinen Blick an, während ich an dem herrlich kühlen Chardonnay aus dem Sonoma Valley nippe.

An sich habe ich für Vergnügungsparks nicht viel übrig, aber dieser hier hat eine besondere Bedeutung für mich. Es ist der Ort, an dem sich zwischen mir und Jeremy alles änderte. Zweimal. Hier nahm die Story, die niemals hätte beginnen dürfen, ihren Anfang, und hier endete sie. Er ist und bleibt mein Stiefbruder, auch wenn unsere Eltern, als alles begann, bereits geschieden waren.

 

Ich war vierzehn, als meine Mutter Bartholomew C. Harting heiratete und wir nach La Porte zogen, er war sechzehn. Zwei Jahre lang lebten wir unter dem gleichen Dach und gingen uns so gut wie möglich aus dem Weg. Mit achtzehn begann er sein Studium in Harvard und verbrachte nur die Weihnachtsfeiertage und einige Wochen im Sommer daheim. Aber für das Surfen, die Leidenschaft, die wir schon damals teilten, gibt es an der Küste nicht so viele perfekte Locations, und so kam es, dass wir gemeinsam an den Strand fuhren und den gleichen Bekanntenkreis hatten. Doch das war es auch schon.

 

Mit achtzehn, nach dem Highschool-Abschluss, verließ ich die texanische Küstenstadt La Porte südlich von Houston, um in L. A. zu studieren. Damals herrschte zwischen Bartholomew und meiner Mutter eitel Sonnenschein. Bis sie mich im darauffolgenden Frühjahr für zwei Wochen in der Stadt der Engel besuchte. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr nach Texas reichte sie die Scheidung ein und heiratete wenige Monate später Francisco Cordoba. Natürlich zog sie nach Los Angeles und bestand darauf, dass ich zu ihr und meinem dritten Stiefvater zog. Immerhin hat Hollywoods Star-Coiffeur eine Villa von der Größe eines Mega-Luxushotels, wo sich die Kinder des vierten Ehemanns meiner Mutter nur selten blicken ließen. Doch ich verbrachte nur hin und wieder ein Wochenende dort, zog meine Studentenbude vor.

Mein Leben verlief mehr als drei Jahre lang perfekt. Ich studierte, baute mir ‒ wieder einmal ‒ einen Freundeskreis auf, trieb viel Sport und hatte hin und wieder Sex. Der Mr. Right war nicht darunter, aber ich sah das entspannt. Es gab keinen Grund, in Torschlusspanik zu verfallen, so wie andere Mädchen in meinem Alter. Zuerst wollte ich mir etwas aufbauen, beweisen, dass ich auf eigenen Beinen stehen konnte. Ich vertrat die Meinung, dass ich für die Familiengründung noch locker zehn Jahre Zeit hatte. Sollte bis dahin der ideale Vater meiner Kinder nicht aufkreuzen, würde die Welt auch nicht untergehen. Doch ich musste nicht allzu lange warten, denn der Traummann tauchte ganz plötzlich in meinem Leben auf. Zumindest dachte ich das.

 

Das Verhältnis zu Bartholomew C. Harting, meinem zweiten Stiefvater, war niemals besonders innig gewesen. Der Kontakt riss sofort ab. Mein Stiefbruder Jeremy meldete sich hingegen zu meinem Geburtstag und den Feiertagen mit Glückwünschen per Mail und ich antwortete auf die gleiche Art und Weise. Darüber hinaus hörten und sahen wir uns nicht mehr, vermieden auch jeden Kommentar über meine Mutter, seinen Vater und das Ende ihrer Ehe.

 

Der schwarzhaarige Kellner mit dem Zahnpastalächeln stellt den gegrillten Hummer mit Zitronen-Knoblauchbutter und getoastetem Brot vor mir ab und wünscht mir guten Appetit. Ich starre auf den Teller. Mein Unterbewusstsein hat mir einen bösen Streich gespielt, als ich bestellte. Es ist das gleiche Gericht wie an dem Abend vor etwa drei Jahren, nur war ich damals mit ihm hier.

 

Im letzten Studienjahr war ich mit ein paar Freunden auf dem Pier, um den erfolgreichen Abschluss eines Kurses zu feiern. Auf der Kaimauer sitzend tranken wir Bier, aßen Tacos und unterhielten uns angeregt. Plötzlich stand Jeremy vor mir. Und genau in dem Moment geschah etwas, wofür ich niemals eine Erklärung fand. Es war, als ob ein Lichtstrahl die Nacht durchbohrte und uns beide umschließen wollte, wie der Scheinwerfer eines Raumschiffes, bevor Menschen von Außerirdischen entführt werden. Ich sah, hörte und spürte nichts außer ihn. Als er mir die Hand reichte und mit sich fortzog, ließ ich alles liegen und stehen und folgte ihm. Wir stiegen in eine Gondel des Riesenrads, hielten uns weiterhin an den Händen, waren wie zusammengeschweißt. Wir sprachen kein Wort. Als wir ganz oben hielten, legte er den Arm um meine Schultern, zog mich an sich und strich mit

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: © 02/2019 Lisa Torberg, Italien (Web): www.lisatorberg.com
Bildmaterialien: Depositphotos/konradbak, Depositphotos/ollallya
Cover: ED-Design, Italien
Lektorat/Korrektorat: studiotextart.de
Satz: ED-Design, Italien
Tag der Veröffentlichung: 30.01.2019
ISBN: 978-3-96465-120-4

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