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Leseprobe

Liebesglück und Kaffeeklatsch

Romantische Komödie

Amelie Winter

Buchbeschreibung

Annie hat die Nase voll! Sie kündigt ihren Job in London, schickt ihren betrügerischen Verlobten in die Wüste und fliegt spontan nach Irland, wo ihre Tante Grace ein Café betreibt. Im Flugzeug begegnet sie Malcolm Reid, dem CEO von CoffeeStar, der nie um einen dummen Spruch verlegen ist. Die Chemie stimmt – aber Annie hat keine Lust auf eine neue Beziehung. Zudem will Malcolm ihrer Tante das Café abluchsen, was ihn nicht gerade sympathisch macht! Auf einen Flirt lässt sich Annie trotzdem ein, denn Spaßhaben ist erlaubt, nur Gefühle sind tabu. Als diese sich dennoch einschleichen, ist das Chaos nicht mehr aufzuhalten ...

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Epilog

Über die Autorin

Bücher von Amelie Winter

1

Annie quetschte ihre Reisetasche mühevoll in die Gepäckablage. Das blöde Ding war zu groß und fand nur schwer Platz. Nachdem es ihr endlich gelungen war, setzte sie sich ans Fenster. Sie war auf dem Weg nach Irland, wo ihre Tante Grace lebte. In anderthalb Stunden würde sie Cork erreichen. Annie zog das Handy aus der Hosentasche und aktivierte den Flugmodus. Ob Tante Grace sie abholen würde? Sie war immer viel beschäftigt. Sonst würde Annie eben mit dem Bus fahren. Bis Kinsale war es nicht weit. Viel Gepäck hatte sie auch nicht dabei: nur die Reisetasche und einen mittelgroßen Koffer.

Neugierig schaute sie aus dem Fenster, wo es nichts Aufregendes zu sehen gab. Ob ihr wieder schlecht werden würde? Annie hatte vorgesorgt und Pfefferminzbonbons eingesteckt. Auch hatte sie eine Tablette gegen ihre Reisekrankheit eingenommen. Annie liebte es zu fliegen, aber leider hatte sie die Übelkeit nicht unter Kontrolle. Die Spucktüte war in Reichweite, also konnte nichts schiefgehen.

Wann hatte sie zum letzten Mal Urlaub gemacht? Sie erinnerte sich nicht. In den vergangenen Jahren hatte sie sich nur auf die Arbeit konzentriert.

Und wofür das alles?

Gestern hatte sie ihren Job gekündigt. Gleichzeitig hatte sie mit ihrem Verlobten Schluss gemacht. Sieben Jahre war sie mit Matthew zusammen gewesen. Sieben verdammte Jahre!

Ihre Laune verdüsterte sich, wenn sie an ihre dramatisch gescheiterte Beziehung dachte. Also nahm sie sich fest vor, ihre Gedanken um was anderes kreisen zu lassen. In den letzten vierundzwanzig Stunden waren so viele Dinge passiert, die sie noch nicht richtig begreifen konnte. Jetzt einfach abzuhauen, war feige. Aber in Matthews verräterische Visage wollte sie vorerst nicht wieder schauen müssen! Da wurde ihr nämlich richtig übel. Sie hätte ihm ins Gesicht spucken sollen, als sie gekündigt hatte. Das verabsäumt zu haben, bereute sie zutiefst!

Die negativen Emotionen überrollten sie gerade, die Wut brodelte in ihr hoch. An was anderes denken, an was anderes denken – wiederholte sie wie ein Mantra in ihrem Kopf. Annie hatte eine Auszeit bitter nötig.

Sie blickte wieder aus dem Fenster und dann auf die Uhr. Wann würden sie endlich starten?

Plötzlich setzte sich jemand neben sie. Annie schielte kurz zu ihm hinüber, schaute dann weg und gleich darauf wieder hin. Der Kerl war heiß – und vermutlich jünger als sie. Der Mund klappte ihr auf, und bevor sie noch mit dem Sabbern anfing, schloss sie ihn ganz schnell. Dieser Mann war ein echter Hingucker! Das braunrote Haar trug er kurz, und die Bartstoppeln waren perfekt getrimmt. War er ein Ire? Also stimmte es doch, dass so viele Iren rothaarig waren? In Annies Familie war dieses Gen nicht vorhanden. Ihre irische Mutter hatte pechschwarzes Haar und Annie eine brünette Mähne, die sie seit Kurzem mit rostbraunen Strähnen etwas aufpeppte.

Wortlos setzte sich der Mann zu ihr und würdigte sie keines Blickes. Daran war sie gewöhnt. Männer achteten nie auf sie. Annie war nicht unattraktiv, aber sie war bestimmt nicht die Art von Frau, nach der sich das andere Geschlecht umdrehte. Eliza hingegen gehörte eindeutig zu dieser Kategorie! Annies Mundwinkel sanken tief hinab. Hatte Matthew deswegen mit Eliza Sex gehabt? Die beiden hatten eine Affäre, und Annie wusste nicht, wie lange das schon lief. Eigentlich wollte sie es auch gar nicht wissen. Im schlimmsten Fall schon seit Monaten!

Sie fror. Hätte sie einen dicken Pulli anziehen sollen? Im Flugzeug war es kühl. Den Koffer, den sie mit nach Irland nahm, hatte sie vorhin bei der Gepäckaufgabe abgegeben, und in ihrer Reisetasche befanden sich nur ein paar T-Shirts, ein Glätteisen, ihr iPad, etwas Make-up und Papiertaschentücher.

Die Flugbegleiterin forderte alle Passagiere dazu auf, sich anzuschnallen, und verwies auf die Sauerstoffmasken und die Broschüren, die erklärten, wie diese im Notfall zu verwenden waren. Annie hörte gar nicht richtig hin und schnallte sich an. Der Gurt klickte, und sie lehnte sich entspannt zurück. Sie flog bestimmt nicht zum ersten Mal, und eigentlich liebte sie den Moment, wenn sich das Flugzeug in die Lüfte hob – nur leider wurde ihr ständig schlecht!

Eine Flasche Mineralwasser hatte sie dabei. Sie durfte aber nicht zu viel trinken, sonst würde sie aufs Klo müssen. Auf keinen Fall wollte sie sich durch den engen Gang bis zur Flugzeugtoilette kämpfen müssen. Das erhöhte nämlich die Wahrscheinlichkeit, dass ihr das Frühstück hochkam.

Energisch schraubte sie den Verschluss der Mineralwasserflasche auf und nahm einen Schluck – und dann noch einen. Wenn sie nervös war, musste sie sich mit etwas beschäftigen. Lesen war keine Option, davon kriegte sie erst recht Magenschmerzen. Vorerst schaute sie wieder aus dem Fenster und trank die Wasserflasche in schnellen Schlucken bis zur Hälfte aus. Sie hickste. Sofort legte sie die Hand auf den Mund, als würde das was bringen! Sie hickste erneut. Der Schluckauf ließ sich nicht kontrollieren, nein, er wurde immer schlimmer.

Ihr Sitznachbar schaute zu ihr herüber – Annie konnte seinen Blick geradezu spüren! –, und sie hielt die Luft an. Vergeblich. Sie hickste wieder.

»Denken Sie an sieben glatzköpfige Iren, das hilft gegen Schluckauf«, sagte er mit ruhiger, tiefer Stimme. Annie kicherte. Sein irischer Akzent war deutlich zu vernehmen. Ihre Mutter hörte sich nämlich genauso an, auch wenn sie die letzten dreißig Jahre in London verbracht hatte. Er war mit Sicherheit im County Cork aufgewachsen. Annie hingegen hatte diesen für London typischen Cockney-Akzent. Weder an ihrer Sprache noch an ihrem Aussehen ließ sich vermuten, dass sie irische Wurzeln hatte. Sie war eine waschechte Londonerin: erfolgreich, unabhängig, selbstsicher – zumindest hatte sie bis vor Kurzem geglaubt, diese Beschreibung würde auf sie zutreffen.

»Oder Finger in die Ohren stecken«, meinte ihr Gegenüber amüsiert, als sie erneut hickste. Ihr Oberkörper hüpfte unkontrolliert auf und ab.

»Ich versuch’s«, erwiderte sie und folgte seiner Anweisung.

»Steht ihnen gut«, witzelte er.

Annie schaute zu ihm hin – die Finger in den Ohren –, und erstmals trafen sich ihre Blicke. Der Kerl war der absolute Hammer …! Seine Augen waren so blau wie die Keltische See vor der Südküste Irlands! Trug er Kontaktlinsen? Noch nie zuvor war ihr jemand mit roten Haaren und blauen Augen begegnet.

»Wow …«, rutschte es ihr heraus, und sie hickste erneut. Ihr Schluckauf beförderte sie zurück in die Realität. Schnell guckte sie weg – bevor ihm noch auffiel, dass sie ihn hinreißend fand. Er erwiderte etwas, aber Annie konnte ihn nicht deutlich verstehen, da ihre Zeigefinger weiterhin in ihren Ohren steckten. Sanft tippte er auf ihren Unterarm. Sie nahm die Finger raus und lauschte gespannt seinen Worten.

»Mit den Fingern die Ohren massieren!«, wies er sie an, und Annie grinste gequält. Sie fühlte sich doch jetzt schon wie ein Clown! Vielleicht sollte sie einfach noch mal die Luft anhalten. Doch dann fiel ihr auf, dass der Schluckauf weg war.

»Ich glaube, es hat geklappt«, sagte sie erleichtert.

»Super!« Er grinste zufrieden.

»Ich bin Annie.« Sie streckte ihm die Hand hin. Da fiel ihr ein, dass ihr Zeigefinger gerade eben noch in ihrem Ohr gesteckt hatte. Sie wollte die Hand schnell zurückziehen, als er spontan danach griff und sie schüttelte. Er hatte einen festen Händedruck.

»Malcolm«, stellte er sich vor.

»Und was machst du so, Malcolm?« Annie war nicht schüchtern. Sie lernte gern neue Leute kennen.

»Nichts Besonderes«, gab er sich geheimnisvoll, lächelte charmant, und Annie betrachtete ihn genauer. Er sah nicht nur gut aus, er war auch gut angezogen. Das Jackett war bestimmt teuer gewesen. Er roch auch gut! Der Kerl spielte eindeutig in einer anderen Liga. Warum hockte er dann in der Economy Class?

Annie schaute wieder aus dem Fenster, da die Maschine Fahrt aufnahm. Bald würde der Pilot das Flugzeug hochziehen. Sie wollte den Blick auf London nicht missen. Es machte sie traurig und glücklich zugleich, die Stadt hinter sich zu lassen. Sie liebte London. Aber im Moment wollte sie hier nicht mehr sein.

In ihrem Kopf rauschte es dumpf, und die Maschine hob ab. Augenblicklich wurde sie nervös. Die Übelkeit trat rascher ein als angenommen. Der Moment, wenn das Flugzeug quer nach oben stieg, war besonders schlimm. Ihr Magen rebellierte sogleich, und Annie wühlte panisch in ihrer Jackentasche nach dem Pfefferminzbonbon. Sofort schob sie es in den Mund. Als sie das letzte Mal in einem Flugzeug gesessen hatte, war Matthew gleich neben ihr gewesen und hatte ihre Hand gehalten.

»Alles in Ordnung?«, fragte Malcolm und klang besorgt. Sie wurde immer grün im Gesicht, wenn sie sich nicht wohlfühlte.

»Alles super«, keuchte sie und versuchte, die Vibrationen zu ignorieren. Annie war speiübel. Sie spürte, wie der kalte Schweiß auf ihrer Stirn ausbrach. Das Pfefferminzbonbon half auch nicht! Mit verkrampften Fingern hielt sie die Spucktüte fest. Sie hoffte sehr, dass sie sich nicht übergeben musste! Das wollte sie Malcolm nicht antun. Neben jemandem sitzen zu müssen, der sich die Seele aus dem Leib kotzte, war widerlich. Annie musste sich ablenken.

»Guck nach draußen und fixier einen Punkt«, riet er ihr. Sie schaute zu ihm hin, und er drehte ihr Kinn sachte zum Fenster. »Ich weiß, dass ich gut aussehe, aber jetzt solltest du woanders hinschauen!« Malcolm lachte. Es war ein nettes und ehrliches Lachen. Er war nicht nur gut aussehend, sondern offenbar auch sehr von sich eingenommen! Vorerst befolgte Annie seinen Rat. Es klappte. Ihr Magen beruhigte sich, und die Anspannung fiel von ihr ab, als das Flugzeug an Höhe zulegte. Bequem lehnte sie sich zurück. Die Übelkeit war abgeklungen, und Annie atmete tief durch.

»Fühlst du dich besser?«, wollte er wissen. Sie nickte stumm, und er richtete kein weiteres Mal das Wort an sie. Ab und zu warf Annie wieder einen Blick zu ihm hin. Er scrollte gedankenverloren durch sein Handy, und sie überlegte, ob sie versuchen sollte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

»Du bist Ire?«, sagte sie schließlich, dabei kannte sie die Antwort bereits. Er schaute von seinem Handy auf und lächelte. Er war eindeutig jünger als sie! Annie wurde in vier Wochen fünfunddreißig. Fünf-und-dreißig! Wie hatte sich ihr Leben nur derart verändern können? Vor einer Woche hatte sie noch geglaubt, alles unter Kontrolle zu haben – und jetzt saß sie in einem Flugzeug, ohne Plan und ohne Zukunft.

»Es ist der Akzent, nicht wahr?«, meinte er.

»Ja.« Annie lächelte. »Warst du geschäftlich in London?«

Er nickte. »Nur für ein paar Tage. Jetzt fliege ich wieder nach Hause.« Er verstaute das Handy in der Innentasche seines Jacketts. »Und was führt dich nach Irland?«, fragte er.

»Meine Tante Grace lebt in Kinsale. Ich werde ein paar Tage dort verbringen.«

»Kinsale ist nett. Ich bin häufig dort.«

»Tatsächlich?« Sie flogen nach Cork. Kinsale war nur dreißig Fahrminuten davon entfernt. Würden sie sich vielleicht in Zukunft öfter begegnen? Kinsale war doch ein recht kleiner Ort. Nur fünftausend Menschen lebten dort. Sollte sie ihn nach seiner Telefonnummer fragen? Vielleicht konnte er ihr die Gegend zeigen?

Annie zögerte nie. Sie nahm sich immer, was sie wollte. Schüchternheit war keine ihrer Eigenschaften. Als sie damals Matthew kennengelernt hatte, war sie alles andere als zurückhaltend gewesen. Hemmungslos hatte sie mit ihm geflirtet. ›Eine Frau wie dich habe ich noch nie getroffen‹, hatte er damals gesagt. Annie war selbst schuld – an allem! Sie hatte sich in ihn verguckt und den ersten Schritt gemacht. Zum Glück wusste er nicht, dass sie in den letzten Wochen fleißig Hochzeitsmagazine durchgeblättert hatte! Annie hatte sich sogar schon ein hübsches Kleid ausgesucht: trägerlos, mit einem schimmernden Satinrock und raffinierten Drapierungen, die eine königliche Silhouette zauberten. Das Kleid hätte ihrer Mum sicher gut gefallen. Matthew sowieso. Er mochte es, wenn sie sich elegant kleidete. Er wollte eine Prinzessin an seiner Seite haben. Und Annie hatte sich stets bemüht, eine solche zu sein.

Hatte sie aus ihren Fehlern gelernt? Vermutlich nicht. Warum sonst dachte sie darüber nach, mit ihrem Sitznachbarn zu flirten? Einem Kerl, den sie überhaupt nicht kannte und der sich bestimmt vor Angeboten kaum retten konnte? Wieder schielte sie zu ihm hin. Wie gut, dass er nicht wusste, was in ihrem Kopf vorging! Sonst würde er sofort Reißaus nehmen und sich woanders hinsetzen wollen. Annie hatte bestimmt keine Chance bei ihm.

»Und was machst du so?«, meinte er plötzlich.

»Hm?«

»Ich meine beruflich …«, erwiderte er charmant.

»Werbung.«

Sie hatte in einer Werbeagentur gearbeitet. Hatte er doch Interesse an ihr – oder war er nur freundlich? Annie hatte schon zu lange nicht mehr mit einem Mann geflirtet. Sie wusste gar nicht mehr, wie das ging. Sie konnte die Zeichen nicht deuten.

»Gibst du mir deine Telefonnummer?«, fragte sie unverblümt. Spätestens jetzt würde er sich wünschen, woanders zu sitzen! Bloß nicht neben einer Frau, die ihn derartig plump anmachte. Aber Annie redete nie um den heißen Brei herum. Was hatte sie schon zu verlieren? Sein Blick war schwer zu deuten, aber dass er sich mit seiner Antwort so viel Zeit ließ, sprach Bände. »Ich dachte, du könntest mir Cork zeigen … Wenn du Zeit und Lust hast …«, erklärte sie. Erteilte er ihr gerade eine Abfuhr? Wahrscheinlich wurde er ständig von Frauen angemacht, und zwar solchen, die besser aussahen als Annie und sicher auch charmanter und jünger waren. Seufzend schaute sie zum Fenster hinaus auf die weißen Wolken unter ihnen. Sie hatte sich genug blamiert. Aber Annie hielt was aus. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, einen wildfremden Mann nach seiner Nummer zu fragen, nachdem sie gestern erst mit Matthew Schluss gemacht hatte? Wollte sie sich selbst etwas beweisen?

»Wie wär’s, wenn du mir deine Nummer gibst?«, meinte er plötzlich. Sie drehte ruckartig den Kopf zu ihm hin. Fürchtete er, sie würde ihn stalken?

»Okay«, erwiderte sie dennoch fröhlich und ratterte die Zahlen herunter. Ob er sie anrufen würde? Wohl eher nicht.

A-n-n-i-e tippte er in sein Smartphone.

»Eigentlich heiße ich Mary Ann«, erzählte sie. »Ziemlich altmodisch, nicht wahr? Meine Großmutter hieß so!« Annie quasselte drauflos und machte sich gerade erfolgreich zum Affen. Aber so was hatte sie noch nie gekümmert. Das hatte sie wohl von ihrer Tante Grace. Sie musste sich für nichts schämen. Auch nicht dafür, dass sie Malcolm hinreißend fand – was mit Sicherheit die meisten Frauen taten.

»Mir gefällt der Name.« Er lächelte ihr zu, und Annie war wirklich gespannt, ob er sie anrufen würde.

2

Malcolm holte den Koffer von der Gepäckausgabe. Das Ding war nass! Wo hatten sie es bloß gelagert? Seine neue Bekanntschaft wartete derweil noch immer auf ihr Gepäck und wirkte hibbelig. Malcolm überlegte, wie er sich von ihr verabschieden sollte. Sie standen gleich nebeneinander. Ein Koffer nach dem nächsten zog auf dem Gepäckkarussell an ihnen weiter. Ihrer war nicht dabei.

»Du kommst zurecht?«, fragte er.

»Sicher doch!«

»Dann mach’s gut.«

Sie winkte ihm zum Abschied zu, und Malcolm lächelte, bevor er sich umdrehte und den Ausgang anpeilte. Ob sie ihm hinterhereilen würde? Er hatte nämlich vor, den Bus zu nehmen, und auf den musste er eine Viertelstunde warten. Zweifellos hatte sie einen Narren an ihm gefressen und wollte keine Gelegenheit auslassen, sich länger mit ihm zu unterhalten. Malcolm war sich seiner Wirkung auf Frauen bewusst. Er war daran gewöhnt, dass die Damen sich in ihn verguckten. Aber normalerweise war er derjenige, der die Initiative ergriff. Es passierte ihm nicht oft, dass Frauen offen und ungeniert mit ihm flirteten – so wie Annie das tat. Gleichzeitig gelang ihr das Kunststück, nicht aufdringlich zu erscheinen. Sie war nett. Er hatte sich gerne mit ihr unterhalten.

Als er vor dem Flughafengebäude stand und sich nach der Haltestelle umsah, entdeckte er einen Wagen, den er kannte – und der Mann, der sich lässig gegen die geschlossene Fahrertür lehnte, den kannte er auch.

»Der Schnurrbart steht dir wirklich nicht«, witzelte Malcolm und ging zu ihm hin. »Du siehst aus wie Tom Selleck.«

»Halt die Klappe und steig ein, Junge!«, erwiderte Onkel Vincent mit einer unwirschen Handbewegung. Den Schnurrbart trug er erst seit einigen Wochen, und Malcolm meckerte deswegen ständig. Das Ding war potthässlich!

»Ich mein’s ernst! Du solltest dir diese Pornoleiste wirklich abrasieren!« Es gruselte ihn jedes Mal, wenn er den Schnurrbart im Gesicht seines Onkels sah.

»Dir muss mein neuer Look ja nicht gefallen!«

»Gefällt das buschige Ding etwa deiner neuen Freundin?«, hakte Malcolm schmunzelnd nach und ging zum Kofferraum, wo er sein Gepäck verstaute. Der SUV hatte genügend Platz.

»Interessierst du dich für mein Liebesleben?«, gab Onkel Vincent schmunzelnd zurück.

»Willst du sie mir nicht mal vorstellen?« Malcolm setzte sich auf den Beifahrersitz, und sein Onkel klemmte sich ächzend hinters Steuer.

»Wen denn?«

»Die Frau, deretwegen du dieses hässliche Ding trägst!«

»Da gibt es niemanden. Ich hatte nur mal Lust auf eine Veränderung.« Onkel Vincent trug einen braunen Anzug und eine braune Krawatte. Nicht nur der Schnurrbart erinnerte an die Siebzigerjahre, auch seine Anziehsachen. Das Haar – ursprünglich auch braun – war mittlerweile vollends ergraut. Er schaute immer so zerknittert aus, dabei war der Anzug faltenfrei.

»Wie lief’s in London?«, fragte er und startete den Motor.

»Super. Die Verträge sind hier drin!« Malcolm klopfte auf den Aktenkoffer, der auf seinem Schoß balancierte. »Wir können jederzeit mit dem Umbau anfangen. Bald wird es eine neue CoffeeStar-Filiale inmitten von London am Piccadilly Circus geben! Die Lage ist der Hammer.«

»Auf dich ist Verlass, Junge«, sagte Onkel Vincent anerkennend. Malcolm grinste zufrieden. Er war gut darin, andere für sich zu gewinnen.

Sie fuhren Richtung Norden, zum The Elysian, das sich im Herzen von Cork City befand. Er wohnte erst seit einer Woche dort. Die dreitausend Euro Miete lohnten sich. Zum Gebäudekomplex gehörte ein über achtundsechzig Meter hoher Tower, der mit seinen siebzehn Stockwerken majestätisch in den Himmel ragte. Malcolms Apartment befand sich im elften. Die Wohnung war fantastisch! Er konnte von dort aus ganz Cork überblicken. Hier oben fühlte er sich wie ein König. Malcolm hatte es weit gebracht. Es erschien ihm surreal, wenn er daran dachte, dass er auf einer kleinen Farm in Charleville aufgewachsen war. Sein Onkel lebte weiter außerhalb in einer stilvollen Villa auf einem großen Anwesen. Er war seit vielen Jahren ein erfolgreicher Geschäftsmann, und Malcolm respektierte und bewunderte ihn.

»Du wirst es noch weit bringen, Junge!«, meinte er anerkennend, als er vor dem Tower parkte. Malcolm holte das Gepäck aus dem Kofferraum. Onkel Vincent stieg aus und stützte den Arm auf der offenen Autotür ab.

»Ruf Maggie mal an!«, rief er ihm zu. Instinktiv verdrehte Malcolm die Augen. »Das habe ich gesehen!«, rügte ihn Onkel Vincent. Maggie war Malcolms Mutter. Eigentlich hieß sie Margret.

»Ich ruf sie doch ständig an«, murmelte Malcolm.

»Nein, machst du nicht. Aber weißt du, wer ständig anruft? Maggie. Und weißt du, wen sie anruft? Mich!« Er deutete mit dem Finger auf seine fade Krawatte.

»Und was hat das mit mir zu tu…«

»Sie glaubt, dass du meinetwegen in Arbeit ertrinkst! Maggie gibt mir die Schuld, dass du dich nicht bei ihr meldest!«

»Tut mir leid, aber –«

»Sie macht sich Sorgen!«, fiel Onkel Vincent ihm ins Wort.

»Ich bin kein Kind mehr«, grummelte Malcolm. »Ich lebe mein eigenes Leben.«

»Tun wir doch alle. Und trotzdem finden wir Zeit, uns um unsere Familie zu kümmern. Wie schaffen das bloß alle anderen – und du nicht? Wo du doch sonst alles hinkriegst?«

»Ist gut, hab verstanden«, ratterte Malcolm emotionslos herunter. »Ich ruf sie gleich an.«

»Warum glaube ich dir das nicht?«, gab Onkel Vincent seufzend zurück, und Malcolm verzog das Gesicht. Sein Onkel kannte ihn gut. »Wirst du mir irgendwann verraten, warum du dich unbedingt von deiner Familie abkapseln willst?«

»Nein.« Malcolm grinste schelmisch.

»Und wenn du es mir verraten würdest, wär’s wahrscheinlich gelogen, nicht wahr?« Onkel Vincent stieg kopfschüttelnd ins Auto und winkte ihm durch die offene Fensterscheibe noch mal zu.

»Wir sehen uns morgen im Büro. Pass auf dich auf, Junge!« Dann wendete er den Wagen und fuhr zurück. Sein Onkel hätte ihn nicht am Flughafen abholen müssen. Aber er war dennoch gekommen. Er kümmerte sich gut um seinen Neffen.

Müde zog Malcolm den Koffer hinter sich her. Auf dem Weg zu seinem Apartment durchstreifte er einen hübschen Garten, im japanischen Stil angelegt. Diese Oase der Ruhe gehörte zum Grundstück. Er betrat das moderne Gebäude, grüßte den Concierge und stieg in den Aufzug.

Die kurze Londonreise hatte sich wirklich gelohnt. Malcolm hatte einen guten Deal mit seinen zukünftigen Geschäftspartnern aushandeln können.

Er erreichte das Apartment und setzte den Koffer im Flur ab. Dann zog er die Schuhe aus und schlurfte mit den Hauspantoffeln zu den großen Fenstern, um kurz den Ausblick zu genießen und tief durchzuatmen.

Hier ließ es sich gut leben.

Gedankenverloren trabte Malcolm zur Couch, machte den Fernseher an und ruhte sich aus. Das Handy klingelte, und er holte es aus der Innentasche seines Jacketts hervor. Sein Bruder hatte ihm eine Nachricht geschickt – und natürlich ein Foto. Darauf waren seine Frau Sarah und seine Tochter Emily zu sehen, wie sie im Garten saßen und in niedlichen Sommerkleidern für die Kamera posierten. Malcolm rieb sich seufzend die Stirn. Sein Bruder war unmöglich! Ständig schickte er ihm Familienfotos. Er wollte unbedingt, dass Malcolm an seinem Leben teilnahm, dabei hatten sie sich in den letzten fünf Jahren kaum gesehen. Warum konnte Daniel nicht verstehen, dass Malcolm sich auf sein Leben konzentrieren wollte? Er hatte zu seinem Bruder stets ein gutes Verhältnis gehabt, bis …

Malcolm war genervt.

Die kleine Emily war mittlerweile vier Jahre alt. Bald würde sie ein Geschwisterchen kriegen. Sarah war wieder schwanger.

Er wollte das Handy weglegen, als es klingelte. Julie war dran. Vermutlich wollte sie sich mit ihm treffen. Er zögerte, bevor er abhob. Julie kannte er seit einem Monat, und vor einer Woche hatten sie zum ersten Mal Sex gehabt. Wenn er sich heute Abend mit ihr traf, würde er wieder mit ihr schlafen – und dann mit ihr Schluss machen. So lief das immer. Er schlief nie öfter als zweimal mit derselben Frau – danach wurde es nur unnötig kompliziert. Aber vorzuwerfen hatte er sich nichts! Im Schlussmachen war er ein Profi! Er erzählte den Frauen eine rührselige Geschichte – dass er noch nicht über eine unerwiderte Liebe hinweg war und sich deswegen auf nichts Neues einlassen konnte –, dann umarmte er sie zum Abschied und wünschte ihnen alles Glück der Welt, mit einem anderen Mann, der sie so behandelte, wie sie es verdienten. Malcolm war charmant, beliebt und freundlich. Auch wenn er mit den Frauen Schluss machte, war er freundlich. Bislang hatte ihm noch keine eine Ohrfeige verpasst – die er bestimmt verdient hätte! Die Frauen verknallten sich sowieso nur in ihn, weil er gut aussah. Dabei war er ein Spätzünder gewesen. Vor zehn Jahren hätte sich noch keine von ihnen nach ihm umgedreht! Er sah seinem Vater immer ähnlicher, und der sah heute noch gut aus. ›Dein Vater war der schönste Mann in ganz Irland‹, schwärmte seine Mutter manchmal, wenn sie durch alte Fotoalben blätterte! Wie kitschig. Dabei war seine Mom sonst gar nicht kitschig.

Bevor Julie auflegte, ging er doch noch dran.

»Hi«, grüßte er charmant.

»Ich störe dich doch nicht gerade, oder?«, fragte Julie.

»Nein, natürlich nicht! Ich lieg nur faul auf der Couch rum. Hab dich vermisst, Liebling!« Sie kicherte am anderen Ende der Leitung. Julie würde sich bestimmt nicht darüber freuen, wenn er mit ihr Schluss machte! Also sollte er es lieber schnell hinter sich bringen. Aber heute Abend war ihm nicht danach.

»Wie war’s in London?«, wollte sie wissen.

»Warm.« Er lächelte. Cork war kälter und feuchter. »Wenn ich noch mal dorthin fliege, nehme ich dich mit!«, log er. Bis dahin würden sie wieder getrennte Wege gehen. Malcolm war es immer leichtgefallen, andere anzulügen. Auch seine Eltern log er ständig an, indem er ihnen erzählte, er hätte keine Zeit, nach Hause zu kommen. So beschäftigt war er nicht! Lügen war ein Talent, und Malcolm war es in die Wiege gelegt worden. Manchmal konnte er Lüge und Wahrheit kaum noch voneinander unterscheiden.

»Sehen wir uns morgen?«, fragte Julie.

»Lieber übermorgen. Ich habe mal viel zu tun.« Ausnahmsweise log er nicht. Er würde mit Onkel Vincent über seine Pläne mit den Partnern in London sprechen müssen. Als sein Onkel vor über zwanzig Jahren ins Kaffeegeschäft eingestiegen war, hatte ihn jeder belächelt. Iren tranken doch keinen Kaffee! In Irland trank man Tee – oder man ging ins Pub. Aber die Dinge änderten sich. Heute boomte das Geschäft. Auf der grünen Insel gab es mittlerweile über dreißig CoffeStar-Filialen. Bald würde es zwei weitere in London geben.

»Dann übermorgen. Ich freu mich!«, rief Julie ins Telefon. Er vernahm ein schmatzendes Geräusch. Offenbar hatte sie ihr Handy geküsst, gleich zweimal. Malcolm legte lächelnd auf. Julie war süß. Die Frauen, mit denen er sich traf, waren immer nett und ziemlich einfältig. Es war leicht, ihnen etwas vorzumachen.

Annie fiel ihm plötzlich ein. Sie sollte öfter die Finger in die Ohren stecken – da hatte sie nämlich süß ausgesehen.

Malcolm öffnete seine Kontaktliste. Ihr Name stand ganz oben. Sollte er die Nummer löschen? Eigentlich hatte er nicht vor, sie jemals anzurufen. Sie war vermutlich in seinem Alter – oder ein paar Jahre älter als er. Malcolm traf sich lieber mit Frauen, die weit jünger waren. Vielleicht war es an der Zeit, sich das abzugewöhnen? Seine Mutter fand es nicht gut, dass er ihr jedes Mal, wenn er nach Hause kam, eine neue Freundin vorstellte. Keine war bisher älter als fünfundzwanzig gewesen.

›Ist das was Ernstes?‹, hatte sie anfangs noch wissen wollen. Nachdem er ihr in den letzten fünf Jahren unzählige Frauen präsentiert hatte, verkniff sie sich diese Frage seit Kurzem.

Was sie wohl von einer Frau wie Annie halten würde?

Malcolm drehte das Handy in der Hand hin und her. Seine Mom hatte in zwei Wochen Geburtstag. Vor dieser Festlichkeit würde er sich nicht drücken können. Er wollte nicht, dass seine Familie mitkriegte, dass er sich ganz bewusst rarmachte. Wenn er mit Julie Schluss machte, musste er schnell einen Ersatz für sie finden. Ohne Freundin am Arm würde er sicher nicht nach Hause fahren, um den Geburtstag seiner Mom zu feiern.

Annie fiel ihm wieder ein. Ihre Augen waren genauso braun gewesen wie ihr Haar. Und wie durchdringend sie ihn angeguckt hatte! Als wollte sie geradewegs in seine Seele schauen – aber da gab es nicht viel zu entdecken. Solche Frauen bedeuteten Ärger.

Angestrengt rieb sich Malcolm die Stirn. Vielleicht sollte er einfach nach London ziehen und jeglichen Kontakt zu seiner Familie abbrechen? Dann konnte er sich diese Farce sparen!

Sekundenlang starrte er auf den Namen Annie. Malcolm überlegte lange, dann bewegte er die Daumen auf die Handytastatur und tippte: Gut in Kinsale angekommen?

Als er die Nachricht abschicken wollte, zögerte er. Es reichte doch, dass Malcolm eine Frau an der Backe hatte, die er schnell loswerden musste! Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl. Er hatte sich bisher nur ein einziges Mal in seinem Leben richtig verliebt – und die Frau war älter gewesen als er. Aber Malcolm hatte seine Lektion gelernt! Nie wieder ließ er sich auf ältere Frauen ein, die zudem klug und selbstsicher waren. Solchen Frauen konnte er nämlich nichts vormachen. Im schlimmsten Fall würde er sich wieder verlieben – und darauf hatte er keinen Bock. Echt nicht. Dieses eine Mal hatte ihm gereicht.

Erneut scrollte er sich durch den Chat. Malcolm war ein Masochist. Warum sonst schaute er sich die Fotos, die sein Bruder ihm schickte, immer wieder an? Sarah sah großartig aus. Das Sommerkleid war schick, das Lächeln umwerfend. Emily kam ganz nach ihrer Mutter: das blonde Haar, die großen blauen Augen – sie war auch genauso dickköpfig!

Daniel hatte verdammtes Glück gehabt.

Wann würde Malcolm endlich mit seiner Vergangenheit abschließen können?

Er öffnete die Nachrichten-App und tippte erneut: Gut in Kinsale angekommen? Diesmal drückte er auf Senden.

Annie würde ihm bestimmt antworten. In was ritt er sich nur wieder rein?

3

Annie tippte eifrig in ihr Handy: Ich bin am Flughafen! Sie fügte noch einige Smileys hinzu und wartete dann gespannt auf eine Antwort. Mit Tante Grace hatte sie heute Morgen telefoniert. Zum letzten Mal getroffen hatten sie sich vor anderthalb Jahren, als Onkel Steven gestorben war. Sie sah Annies Mutter gar nicht ähnlich. Die Schwestern waren auch sonst grundverschieden. Annies Mutter hatte ihr Leben immer streng nach Plan gelebt. Tante Grace hingegen ließ immer alles auf sich zukommen.

Annies Handy bimmelte.

Bin unterwegs!, stand dort. Ob Tante Grace immer noch ihren alten Austin Mini aus dem Jahre 1983 fuhr? Das Auto liebte sie abgöttisch. Sich in das Ding zu setzen, bedeutete eine Reise in die Vergangenheit anzutreten. Annie schob den Gurt der Reisetasche auf ihre Schulter und zog den Koffer hinter sich her, während sie das Flughafengebäude verließ.

Draußen war es kühl.

Von Malcolm hatte sie sich bei der Gepäckausgabe verabschiedet. Daraufhin hatte er sich einfach aus dem Staub gemacht, als wäre er auf der Flucht gewesen. Hatte er sich von ihr belästigt gefühlt? Eigentlich hatte Annie geglaubt, dass er sich gerne mit ihr unterhalten hatte, aber vielleicht war sie doch zu aufdringlich gewesen.

Den Koffer stellte sie neben der Straße ab und setzte sich dann darauf. Annie wog nicht viel, das Ding hingegen war recht stabil. Neugierig schaute sie sich um. Cork war ein netter Ort, der Flughafen recht klein. Da ging es bei Weitem nicht so geschäftig zu wie in Heathrow, dem größten Flughafen Europas.

Annie genoss es, ruhig und entspannt auf Tante Grace zu warten. In den letzten Tagen hatte sie das Gefühl gehabt, durchzudrehen. Ihre Emotionen waren völlig außer Kontrolle geraten. Jetzt hingegen fühlte sie sich frei. Unbeschwert. Ihr Kopf war leer. Ihr Herz war leer. Von Cork aus war es nicht weit bis zur Küste. Sie wollte unbedingt die irischen Klippen bestaunen und aufs Meer schauen, während Möwen am Himmel ihre Kreise zogen.

Der bekannte feuerrote Austin Mini rollte auf sie zu und hielt genau neben ihr an. Annie lächelte breit und winkte glücklich. Tante Grace zog die Handbremse – ein knarzendes Geräusch ertönte –, stieg in Windeseile aus und rauschte auf Annie zu. Kurz bevor sie bei ihr anlangte, blieb sie stehen. Die Hände in die Hüften gestemmt, inspizierte sie Annie von Kopf bis Fuß.

»Gut siehst du aus!«, meinte Tante Grace enthusiastisch.

»Du lügst«, erwiderte Annie schmunzelnd. Sie hatte letzte Nacht kaum geschlafen, und vom Fliegen wurde sie immer ganz träge.

»Ich lüge nie, Liebes! Dafür habe ich keine Zeit.« Annie lachte lauthals. Tante Grace war immer in Eile.

Wenn eine von ihnen beiden gut aussah, dann war sie es – mit dem dezent aufgetragenen Make-up und den wilden Locken, die sie zu einem abenteuerlichen Knoten hochgebunden hatte, zog sie Aufmerksamkeit auf sich. Annie mochte auch die farbenfrohen, knielangen Kleider, mit den wallenden Röcken, an der Taille eng geschnitten, die an die Fünfzigerjahre erinnerten. Sie waren Tante Grace’ Markenzeichen. Sie hatte auch die passende Figur dazu. Die Pfunde saßen an den richtigen Stellen. Annies Mum sah ganz anders aus. Sie war gertenschlank und eine wahre Gesundheitsfanatikerin, die schon jede Entschlackungsdiät mitgemacht hatte und sich regelmäßig durchkneten ließ. ›Pass auf, dass du nicht Falten kriegst‹, hatte sie zu Annie kürzlich gesagt. ›Willst du so enden wie Tante Grace?‹ In ihrem Gesicht zeichneten sich tatsächlich etliche Furchen ab, aber auch diese passten zu ihr. Annies Mum war hingegen faltenfrei seit ihrem letzten Lifting. Nur ihr Lächeln wirkte seitdem recht starr. Aber besonders viel hatte sie ohnehin nie gelächelt.

»Los, los! Steig ein!«, sagte Tante Grace. Annie trug ihr Gepäck eilig zum Kofferraum. »Die Tür klemmt, Liebes!«

»Willst du dich nicht endlich von diesem Auto trennen?«, scherzte Annie und öffnete die Beifahrertür. Sie klappte den Sitz nach vorne, um das Gepäck hinten auf der Rückbank verstauen zu können.

»Mein Austin ist doch noch super in Form!«

Tante Grace setzte sich hinters Steuer und legte den Gang ein. Annie nahm neben ihr Platz. Dann düsten sie davon – oder viel eher fuhren sie im gemächlichen Tempo Richtung Süden. Annie schielte auf das alte Tachometer. Der Wagen fuhr fünfzig Meilen die Stunde, und Annie glaubte schon, er würde gleich in seine Einzelteile zerfallen, so sehr ratterten der Motor und die Karosserie.

»Warum bist du so verspannt, Liebes?«, fragte Tante Grace. »Auf Austin ist Verlass! Wenn nur auf die Männer so viel Verlass wäre wie auf dieses Auto!« Sie klopfte liebevoll auf das Armaturenbrett, und Annie schmunzelte. »Steven hat mir versprochen, dass wir gemeinsam alt werden!«, fuhr Tante Grace fort. »Dieser Lügner! Lässt mich einfach allein zurück.«

Annie wusste, dass Tante Grace über den Tod ihres Mannes noch immer sehr traurig war.

»Und was ist mit dir und … Matthew?«, fragte sie plötzlich. Annie stutzte. Hatte ihre Mum etwa Tante Grace angerufen und ihr erzählt, dass Annies Beziehung in die Brüche gegangen war?

»Warum fragst du?«, erwiderte Annie vorsichtig. Tante Grace lächelte wissend. Sie hatte eindeutig mit ihrer Schwester telefoniert!

»Deine Mutter macht sich Sorgen.«

Annie hatte zu Hause angerufen und erzählt, dass sie für einige Wochen nach Irland zu Tante Grace fahren würde. Allein. Ihre Mum hatte unbedingt wissen wollen, warum. Und da hatte Annie ihr die Wahrheit erzählt. Sie neigte nicht zum Lügen. Außerdem hatte sie sich nichts vorzuwerfen, auch wenn ihre Mum das sicher anders sah. Sie hatte Matthew von Anfang an gemocht. Er war höflich, gebildet, erfolgreich – und somit ganz anders als die Männer, mit denen Annie vorher ausgegangen war. Ihre Mum war zu Tode erschrocken, als sie ihr Frederick vorgestellt hatte, ihren allerersten Freund. Er war tätowiert gewesen – und meist zugekifft. Annie hatte sich absichtlich nach Männern umgesehen, die ihre Eltern schrecklich fanden. Aber aus dem aufsässigen Teenager war am Ende eine brave Lady geworden. Warum wurde Annie erst jetzt klar, dass sie unbewusst genau die Art von Tochter geworden war, die ihre Mutter sich immer gewünscht hatte? Dabei hatte Annie früher doch immer über ihr Leben selbst bestimmen wollen.

»Matthew ist ein Mistkerl«, grummelte Annie.

»Und um das zu merken, hast du sieben Jahre gebraucht?«, witzelte Tante Grace.

»Sieht so aus.« Annie lachte. Sie kam sich dumm vor. Dass er sie betrogen hatte, behielt sie lieber für sich. Sie hatte Matthew vertraut, und er hatte ihr Vertrauen schamlos ausgenutzt. Ihre Mum würde bestimmt ihr die Schuld dafür geben, dass Matthew sie betrogen hatte. ›Kümmere dich besser um deinen Mann‹, hatte sie mal zu ihr gesagt. In welchem Jahrhundert lebte ihre Mutter denn?

Das Auto ruckelte und polterte. Selbst wenn die Kiste gleich auseinanderflog – bei dieser Geschwindigkeit konnten sie sich wie zwei Helden in einem Actionfilm aus dem Auto werfen, eine Rolle seitwärts machen, und sie würden es überleben.

»Was hat dir Mum am Telefon erzählt?«, hakte Annie vorsichtig nach.

»Dass du verwirrt bist. Sie hat mich gebeten, mich um dich zu kümmern!« Verwirrt? Sie war doch nicht verwirrt. So klar hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie gedacht!

»Du sollst also dafür sorgen, dass ich mich wieder mit Matthew versöhne?«, brummte Annie.

Tante Grace lachte schallend. »Du warst schon immer ein besonders kluges Mädchen. Ich bin mir sicher, du weißt ganz genau, was am besten für dich ist!«

Annie presste die Lippen zusammen und schwieg. Tante Grace überschätzte sie. Wenn Annie auf ihr Leben zurückblickte, dann kam es ihr so vor, als hätte sie bisher alles falsch gemacht.

Sie wechselten das Thema und unterhielten sich über Nichtigkeiten, bis sie das Stadtzentrum erreichten. Gemächlich fuhr Tante Grace durch die engen Gassen, an den Häusern vorbei, deren Fassaden knallbunt bemalt waren. Annie fühlte sich wie im Märchenland. Vor einem butterblumengelben Haus hielten sie an.

»Wir sind da!«, verkündete Grace fröhlich.

»Wo sind wir?« Annie stutzte. Das Haus kannte sie nicht.

»Das ist mein neues Café!« Tante Grace stieg aus und holte den Koffer vom Rücksitz. Auch Annie kletterte aus dem alten Ding und schaute sich um. Tief atmete sie ein und füllte ihre Lungen mit der wunderbar klaren und frischen Luft. An diesem Ort schienen ihre Probleme ganz weit weg zu sein. Vielleicht sollte sie einfach hierbleiben und London den Rücken kehren? Ihr altes Leben hinter sich lassen? Noch mal von vorne anfangen? Der Gedanke war unglaublich verlockend – aber albern. Sie fühlte sich wieder wie ein Teenager, der einfach nur ausbrechen wollte. Warum hatte sie am Ende genau den Weg eingeschlagen, den ihre Eltern für sie vorgesehen hatten? Sie hatte gute Schulen besucht, gute Noten geschrieben, einen guten Job ergattert und sich einen netten und erfolgreichen Verlobten geangelt – genauso, wie es sich gehörte. Und jetzt hatte sie den Salat! Ihr Leben war ein einziger Scherbenhaufen.

»Gleich über dem Café ist ein kleines Apartment. Guck’s dir an! Ich will es sanieren und später mal vermieten.« Annie wollte Tante Grace nicht zur Last fallen. »Das Apartment ist in einem schlechten Zustand«, fuhr sie seufzend fort. »Wenn’s dir nicht gefällt, kannst du natürlich bei uns wohnen! Ist zwar etwas eng, seit Oscars Freundin bei uns eingezogen ist, aber das kriegen wir schon hin!« Tante Grace hatte drei Kinder. Oscar war ihr ältester Sohn.

Sie ging mit dem Koffer voraus, und Annie folgte ihr ins Café. Drinnen sah Annie sich gespannt um. Große gewölbte Fenster sorgten für viel Licht. An der Wand hingen bedruckte Kneipenspiegel von bekannten irischen Biermarken. Alte Holzstühle standen um alte Holztische und erzeugten eine gemütliche Pubatmosphäre. Hinter der Theke stand ihre Cousine Katie, die gerade einen Kaffee zubereitete. Annie zählte insgesamt fünf Gäste.

»Hey!«, rief Katie aufgeregt, als sie kurz von der Siebträgermaschine aufschaute und Annie erblickte.

»Du bist erwachsen geworden!«, rutschte es Annie heraus. Ihre Cousine war kein Mädchen mehr, sondern eine Frau. Tante Grace sah sie überhaupt nicht ähnlich. Sie kam mehr nach ihrem Vater. Das Haar war rotblond, die Augen grün. Katie war immer schon hübsch gewesen, und nun war sie sogar noch hübscher, da die Zahnspange endlich raus war und das Lächeln frei von Drähten.

»Du willst doch sicher einen Kaffee«, sagte Tante Grace fröhlich, stellte den Koffer neben der Theke ab und machte sich an die Arbeit. Annie rutschte auf einen der

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Amelie Winter
Bildmaterialien: Adobe Stock © Jan Engel, Jena_Velour, OlgaStrelnikova, Artefficient, Argus, Idey;
Lektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 28.09.2021
ISBN: 978-3-7487-9586-5

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