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1.

Sascha kaute an einem ihrer selbst gebackenen Lebkuchen, während sie stoisch aus dem Küchenfenster blickte und sich die Ereignisse des gestrigen Tages zum wiederholten Mal in Erinnerung rief. Draußen wirbelte der Wind die Schneeflocken durch die Luft. In Wien schneite es nicht oft. 

Ein gelber Lieferwagen fuhr vors Haus und bremste rasant ab. Kurze Zeit später ertönte ein Klingeln an der Tür. Sascha war erst vor wenigen Tagen in dieses Haus gezogen. Zum ersten Mal erhielt sie Post! Aufgeregt machte sie sich auf den Weg und öffnete eifrig dem freundlichen Mann, der ein Paket für sie bereithielt. 

»Sascha Wieland?«, fragte der Postbote. 

»Ja, das bin ich.« Sie lugte neugierig auf die riesige Sendung. Schnell krakelte sie ihren Namen auf das Unterschriftenpad und bedankte sich. 

Das Paket war über einen Meter lang und fast genauso breit. Als sie es entgegennahm, stellte sie überrascht fest, dass es federleicht war. Schnurstracks ging sie zurück in die Küche. War ein Bild darin? Hatte ihre Freundin Emily ihr vielleicht etwas zum Einzug geschenkt? Eine Leinwand oder einen Kunstdruck? Emily kündigte derartige Geschenke aber meist theatralisch an und konnte zudem nichts für sich behalten. Sie hatte vor wenigen Monaten für Sascha eine Überraschungsparty zum Geburtstag geschmissen und ihr das dummerweise schon Tage vorher verraten. Sascha hatte sich dennoch große Mühe gegeben, äußerst überrascht zu tun. 

Neugierig spähte sie auf den Absender. In Schönschrift stand der Name Marvin Kaiser darauf. 

Marvin …

Er hatte ihr dieses Paket geschickt? Sascha presste die Lippen zusammen und glaubte, ihr eigenes Herz schlagen zu hören. Normalerweise reagierte sie nicht so, wenn sie an ihren besten Freund dachte, mit dem sie schon im Alter von sechs Jahren im Sandkasten Burgen gebaut hatte. Das hieß, Marvin hatte sie gebaut. Sascha hatte sie lieber dem Erdboden gleichgemacht, um die Konstruktionen auf ihre Widerstandsfähigkeit hin zu untersuchen. 

Sie war durch und durch Wissenschaftlerin. Experimentieren lag ihr im Blut. Marvin hatte damals immer schrecklich geheult, da seine mit viel Mühe errichteten Bauwerke ihrem Härtetest nie standgehalten hatten. 

Sie erreichte die Küche und öffnete das Paket an der oberen Kante. Rücksichtslos riss sie die Verpackung auf. Geduld gehörte wahrlich nicht zu ihren Stärken. 

Etwas aus Pappe befand sich darin. Also doch ein Bild? Sie zog es vorsichtig aus der Verpackung. Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, als sie das Geschenk Zentimeter für Zentimeter freilegte. 

Saschas Adventskalender, stand in großen Buchstaben darauf. Einen solchen hielt sie jetzt in der Hand. Das Ding war gigantisch! Eine Winterlandschaft war auf der Vorderseite abgebildet. Sascha betrachtete mit offenem Mund den hübsch illustrierten Kalender mit den vierundzwanzig Türchen. Sie kannte Marvins Zeichnungen zur Genüge. Zweifellos hatte er dieses Geschenk selbst entworfen. Seit anderthalb Jahren arbeitete er als Kinderbuchillustrator. Er hatte schon früher ständig in seine Hausaufgabenhefte gekritzelt. Die Lehrer hatten ihn deswegen das eine oder andere Mal gerügt, aber Sascha hatte ihn stets ermutigt, bloß nie damit aufzuhören, denn er würde mal ein großer Künstler werden. Ganz sicher. Wie’s aussah, hatte sie recht behalten. In einem Monat wurden seine Illustrationen in einer Ausstellung gezeigt. Eher beiläufig hatte er ihr vor zwei Wochen davon erzählt, als wäre es keine große Sache. Dabei war sie doch so stolz auf ihn! 

Sascha seufzte theatralisch auf. Vor zwei Wochen war die Welt noch in Ordnung gewesen. Eigentlich war sie bis gestern noch in Ordnung gewesen …

Marvin, ihr allerbester Freund, mit dem sie schon durch dick und dünn gegangen war, hatte sie gestern nämlich gefragt, ob sie seine Frau werden wollte – einfach so! 

Sie hatten sich gemeinsam einen Film im Kino angesehen; das taten sie immer mal wieder. Während Sascha damit beschäftigt gewesen war, ihren Mund mit Popcorn vollzustopfen, hatte sich Marvin zu ihr herübergebeugt und ihr ins Ohr geflüstert: ›Willst du mich heiraten?‹ 

Woraufhin Sascha in schallendes Gelächter ausgebrochen war, weil sie anfangs natürlich geglaubt hatte, er wollte sich nur einen Spaß mit ihr erlauben. Der Puffmais war – zum großen Unmut der anderen Kinobesucher – meterweit aus ihrem Mund geflogen. Marvin hatte daraufhin die Augen verdreht, wie er es immer tat, wenn sie sich unmöglich benahm. Ihr bester Freund war Weltmeister im Augenrollen! Das kriegte keiner so gut hin wie er.  

Überwältigt von seinem Geschenk setzte sie sich an den Küchentisch. Den Kalender stellte sie auf die Eckbank, um ihn ausgiebig betrachten zu können. 

Marvin hatte Schnee gemalt und einen Weihnachtsbaum; einige kleine Häuser standen im Hintergrund, der Himmel war strahlend blau. Eines der Gebäude sah aus wie ihr Elternhaus. War das möglich? Sascha verengte die Augen zu Schlitzen und sah genauer hin. Ja, Marvin hatte ihr altes Zuhause gemalt. In einem kleinen Dorf in der Steiermark war sie aufgewachsen, mit siebenhundert Einwohnern. Sogar die Kirche hatte er nicht ausgelassen! Der gotische Kirchturm ragte weit in die Höhe und kitzelte die weißen Wolken, die wie flauschige Schafe vereinzelt den Himmel bevölkerten. Die Bushaltestelle, die Grundschule – nichts hatte er vergessen. 

Ihr Herz pochte immer noch viel zu schnell. Sie schaute erneut in die Verpackung. Hatte er ihr keine Notiz hinterlassen? Nein. Ob auf der Rückseite des Kalenders etwas stand? Sie drehte ihn um. Tatsächlich fand sie dort einige an sie gerichtete Worte. 

Liebe Sascha, 

der Heiratsantrag war ernst gemeint. 

Offenbar hatte er schon vorher gewusst, dass sie ihn für einen Scherz halten würde! Diesen Kalender zu erstellen, war mit Sicherheit zeitaufwendig gewesen. Hatte er schon vor Wochen entschieden, ihr einen Antrag zu machen? Sascha hatte ja keine Ahnung gehabt … 

Betrachte diesen Adventskalender als eine Reise in die Vergangenheit. Er erzählt von uns. 

Ich liebe dich, Marvin. 

Er liebte sie … Egal, ob sie diese Worte aus seinem Mund hörte oder sie schwarz auf weiß auf der Rückseite eines riesigen Adventskalenders prangten – Sascha konnte sie nicht glauben. Schlimmer noch, sie wurde rot. Nach dem Film hatte sie ihn zur Rede gestellt. 

›Ich liebe dich, und ich will, dass du meine Frau wirst‹, hatte er zu ihr gesagt. Sascha hatte geblubbert wie ein Fisch im Wasser. Ihrem Mund waren statt Worten nur Luftblasen entwichen. 

Mit dem Heiratsantrag hatte er sie völlig überrumpelt! Sie waren immer nur Freunde gewesen, beste Freunde, aber nie mehr. Sie hatte Marvin kein einziges Mal geküsst. Und jetzt sollte sie ihn heiraten? Das war doch vollkommen verrückt! Nur leider mochte Marvin vieles sein, aber verrückt war er nicht. Die Rolle der Verrückten, die zuerst handelte und erst später nachdachte, hatte stets Sascha übernommen. 

Sie drehte den Kalender wieder um und suchte nach dem Türchen mit der Nummer eins. Heute war der erste Dezember; der Kalender war gerade noch rechtzeitig bei ihr eingetrudelt. Wie lange hatte Marvin vorausgeplant? 

Ganz vorsichtig öffnete sie das erste Türchen, weil sie bloß nichts kaputt machen wollte. Was sich wohl dahinter verbarg? 

Es war eine niedliche Illustration. Eine Schaukel war abgebildet, und ein kleines Mädchen mit streichholzkurzem blondem Haar und knallgelben Gummistiefeln saß darauf. Daneben stand ein Junge mit einem blauen Fahrrad. Es regnete in Strömen! Sascha lächelte, weil sie sich wieder erinnerte …

Mit der Schaukel hatte nämlich Marvins und ihre Geschichte begonnen. 

Seine Familie war damals erst eingezogen; drei Häuser weiter hatten sie gewohnt. Sascha war sechs Jahre alt gewesen. 

Diesen Sommer hatte sie noch gut in Erinnerung! Ständig hatte es nur geregnet und geregnet und geregnet … Trotzdem war Sascha im Freien herumgetollt, bis sie sich eine üble Erkältung zugezogen hatte. Mit ihren Gummistiefeln war sie von einer Matschpfütze in die nächste gehopst – zum großen Ärger ihrer Mutter, da sie mit den dreckigen Stiefeln natürlich auch durchs Haus gerannt war. 

Ihr Vater hatte ihr in diesem Sommer eine Freude machen wollen und eine Holzschaukel aufgestellt. Eigentlich hatte sie ihm wochenlang deswegen in den Ohren gelegen.

Sie erinnerte sich noch gut an den Jungen, der mit seinem blauen Fahrrad immer am Haus vorbeigefahren war und sehnsüchtig auf die Schaukel geblickt hatte, ohne es je zu wagen, Sascha anzusprechen oder sie gar zu fragen, ob er nicht auch mal schaukeln dürfte – sollte ihr Vater dieses Ding je fertigstellen. 

Marvin war immer recht klein und schüchtern gewesen. Lange Zeit hatte Sascha ihn um einen ganzen Kopf überragt. 

Die tolle Schaukel und drei Tage Regen, hatte Marvin auf die Rückseite des Türchens geschrieben. 

Als die Schaukel endlich in Betrieb genommen werden konnte, hatte sich Sascha wie verrückt gefreut, in die luftige Höhe geschubst zu werden. 

Doch dann kam der Regen. Genau in dem Moment, als ihr Vater das Werkzeug niedergelegt hatte, war ein regelrechter Sturm über sie hereingebrochen.  

Stunden- und tagelang hatte es ohne Pause geschüttet. Am dritten Tag hatte sie auf den hölzernen Stufen der Veranda ihres Elternhauses gesessen, und da war er wieder mit seinem blauen Fahrrad an ihrem Haus vorbeigefahren. 

Ob sie die Schaukel nicht mal ausprobieren wollte, hatte er sie gefragt. 

Ihre Eltern hatten es ihr nicht erlaubt, weil sie sich mit Sicherheit wieder erkälten würde, wenn sie bei diesem Sauwetter rausging. Zudem war der Boden nass und matschig gewesen. 

Marvin hatte einen hässlichen giftgrünen Regenmantel getragen. Mit der spitzen Kapuze und der dicken Hornbrille hatte er ausgesehen wie einer von Schneewittchens sieben Zwergen. 

›Dann warten wir eben, bis es aufhört.‹ Mit diesen Worten hatte er sich zu ihr auf die Veranda gesetzt, und gemeinsam hatten sie auf das Ende des Regens gewartet. 

So hatten sie sich kennengelernt.

Kopfschüttelnd kippte Sascha etwas Rum in ihren Winterzauber-Tee. Marvin war wirklich unmöglich! Ihr ein derartiges Geschenk zu machen … 

Bevor Sascha ihm auf seine Frage, ob sie ihn heiraten wollte, lautstark ein ›Nein, natürlich nicht!‹ hatte entgegenschmettern können, hatte er sie gebeten, erst einmal darüber nachzudenken. Und zwar so richtig. Er kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie zu impulsivem Verhalten neigte. Bis Heiligabend hatte sie Zeit, dann wollte er ihre Antwort hören – und sie akzeptieren, egal, wie sie ausfiel.

2.

Marvin saß in seinem Zimmer und stellte eine Illustration fertig. Den Auftrag hatte er gestern erhalten, und bis heute Abend sollte er damit fertig sein. Auch wenn er vorwiegend Kinderbücher illustrierte, so nahm er ab und zu auch kleinere Jobs an. Für einen Artikel in einem Printmedium musste er ein paar schnelle Striche anfertigen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen, also machte er vorerst eine Pause. Es fiel ihm ohnehin schwer, sich zu konzentrieren. 

Erschöpft schlurfte er in die Küche, wo er auf seine Mitbewohnerin Ella traf, die wie üblich leicht bekleidet durch die Wohnung streifte. Sie holte gerade ihre selbst gemachte vegane Mayonnaise aus dem Kühlschrank. 

»Willst du auch ein Gurkensandwich?«, fragte sie fröhlich. Ihre dünnen Baumwollshorts endeten knapp unterm Po, das Trägerhemdchen war beinahe durchsichtig. Er konnte ihre Brustwarzen sehen; BH trug sie keinen. 

Marvin trabte zur Küchentheke und nahm gähnend auf einem der Barhocker Platz.  

»Ist das ein Ja?«, hakte sie nach. Er nickte müde. Die ganze Nacht über hatte er kaum ein Auge zugemacht. Heute würde Sascha den Kalender erhalten – hoffentlich. Er hätte ihn persönlich vorbeibringen sollen, aber nach dem gestrigen Fiasko war es ihm ohnehin lieber, dass sie sich nicht so schnell wiedersahen. 

Der Heiratsantrag war nicht gut ankommen. Nichts anderes hatte er erwartet. Genau deswegen hatte er sich kaum Mühe gemacht. Wäre er vor ihr auf die Knie gegangen und hätte vielleicht sogar versuchen wollen, ihr einen Ring an den Finger zu stecken, wäre das peinlich für ihn geworden. 

Ella bestrich das Toastbrot mit Mayonnaise und Gurkenpampe. Marvin sah ihr wortlos dabei zu. Er war ein ruhiger und besonnener Mensch. In den zwanzig Jahren, die Sascha und er sich nun kannten, hatte er gelernt, ruhig und besonnen zu sein. Sascha war immer ein richtiger Wirbelwind gewesen, da war Marvin nichts anderes übriggeblieben, als den Ausgeglichenen zu mimen. 

»Alles okay?«, fragte Ella. Marvin redete nie viel, aber so schweigsam wie heute war er sonst nicht. 

»Sicher …«, erwiderte er gedankenverloren. Ella wohnte seit zehn Tagen hier. Sascha hatte er noch nichts davon erzählt. Immer wenn eine Frau in sein Leben trat, wollte sie ihn verkuppeln. Es schien ihr ein Herzensbedürfnis zu sein, ihren besten Freund in einer glücklichen Beziehung zu wissen. 

Ella schob ihm das fertige Gurkensandwich hin, und Marvin bedankte sich höflich. Dass eine Frau bei ihm wohnte, irritierte ihn etwas. In der Vergangenheit hatte er immer männliche Mitbewohner gehabt. Er sah zwar ziemlich harmlos aus, aber trotzdem war es bisher noch nie vorgekommen, dass Frauen auf seine Inserate geantwortet hatten. Die Wohnung war recht groß; allein konnte er sie nicht bezahlen. Eigentlich hatte er gehofft, dass Sascha bei ihm einziehen würde, aber die Gegend sagte ihr nicht zu. Zu viel Stadt, zu wenig Grün. Er wohnte in Ottakring, in der Nähe der Wiener Stadthalle. Auf der anderen Seite der Donau gab es offenbar mehr Pflanzen und Tiere zum Anschauen und Retten. 

»Stress mit deiner Freundin?«, forschte Ella nach. Marvin sah überrascht auf. 

»Gut geraten«, sagte er mit vollem Mund. 

»Sie betrügt dich doch nicht, oder?« Seine Mitbewohnerin zog ein betroffenes Gesicht.  

»Wir sind nicht … Ich meine, wir sind nur befreundet …«, stellte er klar. Einer Freundin machte man eigentlich keinen Heiratsantrag, und trotzdem hatte Marvin genau das getan. 

Im Moment begriff er selbst nicht, warum. Wie sie gestern reagiert hatte …!

Seufzend rieb er sich den Nacken. 

»Was ist jetzt mit deiner Freundin?«, bohrte Ella weiter. Sie hatte eine freche Kurzhaarfrisur; die grünen Augen funkelten. Ella war hübsch. Vielleicht sollte Marvin mir ihr sein Glück versuchen? Sascha würde ihm sowieso nur das Herz aus der Brust reißen und darauf herumtrampeln, wie sie es früher immer mit seinen Sandburgen getan hatte – natürlich ohne eine böse Absicht zu hegen. Sascha war der gutherzigste Mensch, den er kannte. Aber wenn’s um Gefühle ging, benahm sie sich wie ein Elefant im Porzellanladen. 

»Ist mal alles ziemlich kompliziert zwischen uns«, sagte Marvin. 

»Wie lange seid ihr denn befreundet?« Die Gurkensandwiches waren aufgegessen und hatten gar nicht mal so schlecht geschmeckt. Nun schnippelte sie Obst klein, um einen Smoothie zuzubereiten. Der Inhalt seines Kühlschranks hatte sich komplett verändert, seit Ella bei ihm wohnte. Gesunde Ernährung war ihr wichtig.  

»Sehr, sehr lange«, sagte Marvin. Sie kannten sich seit zwei Jahrzehnten, und genauso lange hingen sie auch schon miteinander rum. Sie hatten dieselben Schulen besucht und danach entschieden, nach Wien zu ziehen, um dort ein Studium abzuschließen. Sascha hatte sich für Naturschutz und Umweltkunde begeistert, und Marvin hatte immer nur zeichnen wollen.  

Als er damals mit seinem blauen Fahrrad am Nachbarhaus vorbeigefahren war, hatte er noch nicht gewusst, dass diese rotzfreche Göre mit den gelben Gummistiefeln mal der wichtigste Mensch in seinem Leben sein würde. 

Er holte das Telefon aus seiner Hosentasche. »Ich muss sie anrufen ...« 

»Hast du ein Foto von ihr?«, fragte Ella neugierig. Sie lehnte sich über den Tisch zu ihm rüber, um auf sein Handydisplay schielen zu können. 

»Ähm … ja.« Dass ihre riesigen Brüste nur wenige Zentimeter von seinem Gesicht entfernt waren, irritierte ihn. 

»Lass mich mal sehen! Ich will wissen, wie die Frau aussieht, die dir das Herz gestohlen hat!«

Marvin zog die Stirn in Falten, bevor er ein Bild auswählte. Er musste nicht lange suchen, denn Sascha war ziemlich fotogen. 

»Hier.« Er hob das Handy hoch, damit Ella sich seine Freundin ansehen konnte. Sie pfiff anerkennend. 

»Sie ist hübsch«, meinte sie lächelnd. 

»Ich weiß«, brummte er missmutig. Und viele andere Männer wussten das auch. Die Liste ihrer Exfreunde war lang. Bei zehn hatte er aufgehört zu zählen. 

»Wie heißt sie?«, hakte Ella nach. 

»Sascha.« Marvin wurde immer warm ums Herz, wenn er ihren Namen aussprach. »Ich habe ihr gestern einen Heiratsantrag gemacht. Sie hat gelacht«, sagte er verstimmt. Ella schenkte ihm einen mitleidigen Blick. 

»Aber du meintest doch, ihr seid gar nicht …?« Sie wunderte sich zu Recht über Marvin. Sascha hatte sich auch gewundert. 

»Das ist kompliziert«, sagte er erneut. 

Warum verhielt er sich heute so ungewöhnlich? Normalerweise sprach er nie über persönliche Dinge. Auch nicht mit Sascha. Besonders nicht mit Sascha! 

Er bedankte sich noch mal für das Sandwich und ging zurück in sein Zimmer. Über seinem Schreibtisch hing der Adventskalender. Er hatte zwei drucken lassen. Genau wie Sascha wollte er jeden Tag ein Türchen öffnen. 

Schließlich wählte er ihre Nummer. Er musste sichergehen, dass sie sein Geschenk erhalten hatte. Diesen Anruf konnte er nicht länger hinausschieben. Ob ihr der Adventskalender überhaupt gefiel? 

»Hey«, sagte Marvin, als sie endlich abhob. Sie antwortete nicht. »Sascha? Bist du dran?«, fragte er irritiert. 

»Ähm, ja.«

»Ist das Geschenk angekommen?« 

»Welches Geschenk?«, meinte sie verwundert.  

Ach, verdammt! Er hätte es ihr persönlich vorbeibringen sollen.  

»Du meinst den Adventskalender? Dieses Geschenk?«, sagte sie frech. Sie lachte leise. Wie’s aussah, fand sie nicht nur seinen Heiratsantrag komisch, sondern auch seinen Kalender. Marvin war erleichtert. Solange sich Sascha über ihn amüsierte, war noch nicht alles verloren. 

»Gefällt er dir?« 

»Natürlich. Ist niedlich … und groß … und überhaupt … Du bist verrückt!«

»Das ist dein heilsamer Einfluss«, entgegnete er trocken. »Nur ein Türchen am Tag aufmachen, verstanden?«, wies er sie an. Sie hielt sich mit Sicherheit nicht daran. Im schlimmsten Fall würde sie noch heute alle vierundzwanzig Türchen öffnen. 

»Okay«, trällerte sie ins Telefon. 

Er schwieg vorerst und wartete gespannt, ob Sascha ihm etwas zu sagen hatte. Nachdem er ihr gestern klargemacht hatte, dass er es wirklich ernst meinte, war sie verstummt. Der restliche Abend war seltsam verlaufen. Plötzlich hatte sie ihm nicht mehr in die Augen sehen können. Als er sie zufällig am Arm berührt hatte, war sie zur Seite gesprungen, als hätte er ihr einen elektrischen Schlag verpasst. 

»Ähm … ich muss jetzt auflegen«, sagte sie plötzlich. 

»Warum denn?«

»Weil …« Sascha war eine furchtbar schlechte Lügnerin, und das sagte er ihr auch ständig. »Ich habe Lebkuchen gebacken, und wie’s aussieht, brennen sie gerade an! Tut mir leid, Marvin!« Gleich darauf ertönte der Besetztton. Tut-tut-tut …

Er legte das Handy weg und guckte hoch zum Adventskalender. Hinter dem ersten Türchen verbarg sich die Zeichnung von einem blonden Mädchen mit Jungenhaarschnitt und grellgelben Gummistiefeln. Seine neue Freundin hatte er damals richtig cool gefunden. Ganz anders als er hatte sie sich vor gar nichts gefürchtet … 

Aber die Zeiten änderten sich; sie beide hatten sich verändert. Im Moment schien sie ein Gespräch mit ihm zu ängstigen. Wie lange glaubte sie, ihm aus dem Weg gehen zu können? Er wusste nur eins: Er würde ihr keine Gelegenheit dazu geben. 

Marvin war nicht mehr der ängstliche und unsichere Junge von damals. Das hatte er vermutlich seiner allerbesten Freundin zu verdanken.

3.

Das nervtötende Klingeln des antiken Weckers holte Sascha unsanft aus dem Schlaf. Dieses Ding gehörte – wie alles in diesem Haus – Tante Gertraud, die jeder in der Familie nur Tante Trude nannte. 

Ächzend und stöhnend kämpfte sich Sascha aus den Laken. An dieses Haus musste sie sich erst gewöhnen. Altmodische Lampenschirme hingen von der Decke, die Holzmöbel hatten Schrammen, die Polsterungen waren verschlissen und voller Tierhaare. Tante Trude hatte fünf Katzen besessen, die zum Glück alle ein neues Zuhause gefunden hatten, als sie weggezogen war. 

Aber Sascha schätzte den großen Garten mit den Birnenbäumen. Außerdem erreichte sie von hier aus die Alte Donau in wenigen Minuten zu Fuß. 

Vorher hatte sie in einem kleinen Apartment nahe der Innenstadt gewohnt, in der Nähe des Technischen Büros für Biologie, wo sie seit einem Jahr artenschutzrechtliche Studien und Umweltverträglichkeitsprüfungen durchführte. 

Verschlafen setzte sie Kaffee auf und nahm am Küchentisch Platz. Der Adventskalender stand nach wie vor auf der Eckbank. Sie hatte sich noch nicht überlegt, wo sie ihn aufhängen sollte. Das Ding war viel zu groß. In diesem Häuschen gab es kaum freie Wände; überall hingen eingerahmte Erinnerungen. Tante Trudes Kinder waren schon lange aus dem Haus und hatten Familie. Es gab niemanden, der sich um dieses Grundstück kümmern wollte. Nach dem Tod ihres Mannes war sie an die Nordsee gezogen, wo ihr nun der raue Wind um die Nase blies, während sie den Rufen der Möwen lauschte. Da sie viel zu sehr an diesem Haus hing, um es zu verkaufen, war Sascha eingezogen. 

Der Kaffee war fertig. Sie holte eine große Tasse mit Blumenmuster aus dem Schrank und füllte sie bis zum Rand. Während sie einen Schluck nach dem anderen nahm, schaute sie wie hypnotisiert auf den Kalender. Wegen Marvin hatte sie gestern Abend lange nicht einschlafen können. Der ganze Tag war träge vorbeigezogen. Sie hatte ihn größtenteils in der freien Natur verbracht. Sascha hatte den Nationalpark Donau-Auen zu Fuß erkundet und die dortige Flora und Fauna bestaunt. Sie liebte es, die mit Misteln bewachsenen Eicheln zu betrachten. Die Fülle an gelb leuchtenden Beeren im Astwerk diente den Vögeln im Winter als Nahrung und brachte etwas Farbe in die kahle Landschaft. 

Ihre Gedanken drifteten ab. Dabei war es an der Zeit, das nächste Türchen zu öffnen. Draußen im Freien kam sie immer zur Ruhe. Wahrscheinlich würde sie nach dem Frühstück gleich wieder losziehen. Mit ihrem Fotoapparat um den Hals, warmen Stiefeln an den Füßen und einer dicken Wollmütze auf dem Kopf machte sie sich an den Wochenenden regelmäßig auf den Weg in die Natur. Marvin hatte sie schon oft begleitet. Er trabte dann immer neben ihr her, schlotterte erbärmlich und fror sich die Nase ab. Er konnte mit Kälte nicht umgehen, dabei war es in Wien nicht mal besonders kalt. Sie waren beide niedrigere Temperaturen gewöhnt. 

Sascha suchte im Kalender nach der Nummer zwei. Marvin hatte ihr aufgetragen, nur ein Türchen am Tag aufzumachen, und daran wollte sie sich auch halten. Vorerst. 

Das Türchen war offen, und Sascha entfuhr ein ungläubiges Schnauben. Ausgiebig betrachtete sie sich die Zeichnung. Ein Junge und ein Mädchen standen um einen Frosch herum, dem die rosafarbenen Gedärme

Impressum

Verlag: Elaria

Texte: Amelie Winter
Bildmaterialien: www.fotolia.com; www.123rf.com
Lektorat/Korrektorat: Sandra Nyklasz
Tag der Veröffentlichung: 29.10.2018
ISBN: 978-3-96465-079-5

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