Cover

Introduction und Inhalt

 

Carmen Sevilla

 

Paul wird untreu

Neue Liebe im Roussillon

 

Erzählung

 

 

La raison peut nous avertir de ce qu'il faut éviter, le coeur seul nous dit ce qu'il faut faire. "

J. Joubert

Paul ist viel zu klug und zu schlau für sein Alter. Aber keiner erkennt es und niemand will es wissen. Ulrike, die Omi seiner Cousine, bekommt es zufällig heraus und ist verblüfft. Paul ist in der Pubertät, aber er hat ein Wissen und eine Bildung, um die ihn nicht wenige Abiturienten beneiden würden. Alles autodidaktisch angeeignet. Neben der Schule gibt es für ihn nichts anderes als Lesen. Ulrike und Paul können sich wie zwei Erwachsene unterhalten. Ulrike liest auch gern und viel. Paul sieht sich zum ersten mal in seinem Leben anerkannt, verstanden und gemocht. Er fühlt sich aber nicht nur bei Ulrike wohl und zu Hause, Paul verliebt sich in die siebenundfünfzig Jahre ältere Frau und träumt von ihr. Seine erste Liebe. Wir überlegten, was da wohl zu tun sei und hatten viel Spaß dabei. Etwa anderthalb Jahre später war Paul zu einem Schüleraustausch in Narbonne. Die Elogen über Caroles Vorzüge dehnten sich aus, bis er eines Tages erklärte, dass Carole ihn wohl sehr gut lei­den möge. Wenig später fragte er, ob ich ihm böse sei, wenn er mir untreu würde, er sei nämlich der Ansicht, sich in Carole verliebt zu haben. Ich meinte im dieses eine Mal noch verzeihen zu können, bei Häufung derartiger Vorfälle mich aber gezwungen zu sehen, nach einem neuen Liebhaber Ausschau halten zu müssen. Die beiden eroberten „Gallia Narbonensis“, aus der laut Paul immer seine neuesten Nachrichten kamen, und erkundeten gemeinsam das ganze Roussillon. Obwohl von Carole die Amouren ausgegangen waren, ließ sie es nicht weiter als bis zum Schmusen und flüchtigen Küssen kommen. Sie wolle nicht einen Liebsten haben, der zum Schuljahrsende plötzlich verschwunden sei. Sie stünde allein und könne ihrer Liebe allenfalls mal einen Brief schicken, auch wenn sie ihn noch so sehr liebe, aber darauf habe sie keine Lust. Er wolle das ja auch nicht, würde am Liebsten für immer in Narbonne bleiben und sei absolut ratlos, erklärte Paul. Jetzt gab es doch intensive Liebeskonsultationen, allerdings nicht mehr über Pauls Liebe zu mir, sondern in der Causa Carole Lajourdie & Paul Saalhoff.

 

Paul wird untreu - Inhalt

Paul wird untreu 5

Buchkultur 5

Pablos Bücher 5

Pauls Bücher 7

Der Quälgeist 8

Das Wunderkind 9

Regelmäßige Besuche 11

Soziale Welt und Erziehungskorrekturen 12

Neue Heimat und neue Liebe 14

Knabenliebe 15

Schüleraustausch 17

Pablo hat geschrieben 18

Erschütternde Story 19

Revision und Bearbeitung 20

Gespräch mit Ruth Saalhoff 21

Pauls Abschied 21

Meine Freundin Ruth 22

Schulliteratur 23

Narbonensis bellissima 24

Carole 25

Verlagsuche 25

Herbert der Verleger 26

Herbert der Elfenkönig 27

Lajourdies kommen 28

Erste Eindrücke 28

Roger geh schlafen! 29

Schloss Benrath 30

Kochen mit Solange 31

Visitez Cologne 31

Homo neanderthalensis 32

Mon chéri Gilbert 32

Peer und Sabine überflüssig 33

Schulprobleme 34

Großes Bett 34

Wer ist Kaspar Hauser? 35

Frankfurter Buchmesse 36

Besuch bei Lajourdies im Roussillon 36

Grand besoin des bicyclettes 38

Katalanische Weihnachten am Niederrhein 39

Studienpläne 40

Sabine findet Paul 40

Essen mit Sabine 41

Nachbesinnung 42

Lajourdies Frühlingsbesuch 43

Ruths Besuch 45

Niederrheintour 46

Ostern und Abschied 46

Melodien der Zärtlichkeit 47

Ne Narbonnaise plus 49

Literarische Sinfonie 49

Buchrezension 50

Arbeitsbienen 52

Fahrradfreuden 52

Élaine spricht Deutsch 53

Neue Blüte 54

Noël mit Lajourdies 55

Élaine 56

Alette 56

Roger 57

Temporäres Kollektiv 58

Élaine zieht ein 58

Élaines Bücher 58

Aufnahme ins Kollektiv 60

Keine Heirat 61

Neues Zuhause in Münster 62

Élaines Freund 63

Lajourdies in Münster 63

Abschied und Erhalt 64

 

 

Paul wird untreu

Sie können zwar über Pauls Liebeserkärung scherzen, aber Ulrike nimmt ihn schon ernst, und hilft ihm, sein Leben so zu organisieren, dass es auch Möglichkeiten gibt, sich in andere Mädchen, beziehungsweise junge Frauen zu verlieben und Paul nicht auf die Omi angewiesen ist. Dabei kommt es zu so vielfältigen Ereignissen, dass es sich bei der Erzählung im Grunde um einen Entwicklungsroman handelt, der alle Altersstufen einbezieht. Dominant ist immer das Lesen und auch die kuriose Beschäftigung mit Literatur, wobei Fragen und Probleme der Liebe keineswegs zu kurz kommen.

Buchkultur


Ich will ein Buch kaufen und weiß auch schon welches. Als ich zu lesen begann, hatte ich weder Geld genug, um mir Bücher kaufen zu können, noch wusste ich überhaupt, was denn spannend oder interessant zu lesen wäre. Die Kinder- und Jugendbücherei der Stadt mit ihrer Bibliothekarin wurden für mich schnell zu meinem Freizeitdomizil. Frau Bachmann, die Bibliothekarin, musste zu au­ßerirdischen Mächten in Beziehung stehen. Was sie wusste, und mit welcher Freundlichkeit und Wärme sie es mir vermittelte, kann nur Engeln oder ihnen ähnlichen Wesen vergönnt sein. Sie schien jedes Buch gelesen zu haben, er­klärte mir, was mich beim Lesen erwarten würde, gab Tipps, machte mich auf Neues und Besonderes aufmerksam und wollte meine Eindrücke hören, wenn ich die Bücher zurück brachte. Zu einem kleinen Zuhause gestaltete sie die Bi­bliothek für mich. Über sehr viele Jahre hat dieses Verhältnis bestanden. In der Bibliothek hat auch meine Entwicklung stattgefunden. Meine Interessenspäh­ren änderten sich, und Frau Bachmann begleitete mich dabei, wenn auch viel­leicht unbeabsichtigt, literarisch erwachsen zu werden.


Als ich mir selber Bücher kaufte, liebte ich es, mich von den Buchhändlern be­raten zu lassen. Zum Lesen gehörte ein angenehmes qualifiziertes Gespräch über das Buch dazu. Heute bin ich auf Rezensionen in Feuilletons und derglei­chen angewiesen. Bestimmt gibt es irgendwo Buchhändler oder Buchhändlerin­nen mit denen man auch heute noch informative Gespräche führen könnte, in der Regel kaufen die Menschen aber ihre Bücher in Filialen von großen Ketten und die Empfehlung besteht darin, dass besonders große Stapel irgendwo plat­ziert sind und auf den herausragenden Platz auf einer Bestsellerliste verwiesen wird. Die Verkäuferinnen könnten genauso gut Wurst verkaufen, da weiß man ja schließlich auch, was drin ist. Engelsgleiche Gestalten, denen die Liebe zur Literatur aus den Augen spricht, und denen es ein unstillbares Bedürfnis zu sein scheint, mit dir über ein Buch zu kommunizieren, findest du wohl kaum noch.


Pablos Bücher


Das interessierte Pablo auch nicht so sehr. Er liebte Bücher über alles. An den Auslagen einer Buchhandlung konnte er nicht vorüber gehen, auch wenn es nur ein kleiner Schreibwarenladen mit zusätzlichem Bücherverkauf war. Sein Gedächtnis über Buchtitel entsprach einem kleinen Bibliothekskatalog. Pablo kam mich immer noch manchmal besuchen, obwohl wir schon seit über dreißig Jahren mit der Kneipenkultur, zu der er auch gehört hatte, nichts mehr zu tun hatten. Wir waren damals öfter in der Kneipe, die ein ehemaliger Kommilitone, den wir aus politischen Zusammenhängen kannten, führte. Pablo war auch öf­ter in der Kneipe, obwohl er zu der Szene, die sich dort traf, keine Verbindung hatte. Mir gefallen Menschen wie Pablo, Menschen die Meinungen und Ansich­ten abseits der leading opinions vertreten. Was nicht zum unhinterfragten Kon­sens einer Gruppe passt, oder der Mehrheitsmeinung, die von der Verkäuferin bis zum Nachbarhausbesitzer geteilt, und in der Bildzeitung täglich thematisiert wird, halten die meisten für exzentrisch und skurril. Das Bedürfnis, sich mit derartigen Menschen zu befassen, ist meist sehr gering. Pablo versuchte nicht, seine Vorstellungen zu verbreiten, sie als neues Credo in Kunst, Musik oder Po­litik zu verkünden, er äußerte sie einfach nur so. Er war kein großer Revolutio­när, an Haspar Hauser erinnerte er mich schon eher. Seit seiner Kindheit gab es einen großen unerfüllten Traum für ihn. Er schaute in die Auslage einer Buchhandlung, und da läge ein Buch, das als Autor den Namen 'Pablo Steiner' trüge. Nein, nein, das bedeute schon seit Jahrzehnten nichts mehr für ihn, be­hauptete er. Als völlig unrealistisch sehe er es an und habe deshalb den Traum schon seit langem begraben, darüber zu sprechen schien ihm aber trotzdem immer wieder ein Bedürfnis. „Pablo, es muss doch nicht unbedingt ein Roman oder sonst etwas Poetisches sein, die meisten Bücher sind Sachbücher, und da gibt's ein ganz breites Spektrum.“ verdeutlichte ich ihm. „Aber wovon habe ich denn so viel Ahnung, dass ich ein Buch darüber schreiben könnte? Und dann kann man ja auch nicht etwas schreiben, was sowieso alle schon wissen.“ ant­wortete er mir. „Hah, Pablo!“ sprach ich laut, „Da sieht man, dass du nicht weißt, was in den Büchern drin steht. Jedes Jahr gibt es tausende von neuen Gebrauchsanweisungen für das Leben, Lebensabschnitte oder besondere Le­benssituationen. Als Penny klein war, hätte ich mir jedes Jahr ein neues Regal für die hinzugekommenen Bücher über Erziehung und Pädagogik zulegen kön­nen. Keins habe ich gekauft, aber alle haben sie etwas dazu zu sagen, die jun­ge Mutter, die alte Mutter, die alleinerziehende Mutter, der Kinderarzt, die Sozi­alarbeiterin und die Tierärztin. Irgendeinen Menschen, der nicht das dringende Bedürfnis verspüren könnte, über die Erziehung von Kindern, wie sie war, wie sie besser gewesen sein sollte, warum sie heute so sein müsse und welche Fehler man zu vermeiden habe, scheint es nicht zu geben. Und die Verleger nehmen ja diese Bücher, weil sie gut zu verkaufen sind. Über Erziehung kannst du immer etwas schreiben. Und wie es bei dir gelaufen ist, wie du aufgewach­sen bist, das ist ja tatsächlich nicht uninteressant.“ Ich hätte viel in ihm aufge­wühlt. Er müsse jetzt über alles neu nachdenken.


Ob er zuerst Bücher und dann seine Mutter geliebt habe, könne er nicht sagen, da er aus dieser Zeit alles vergessen habe, pflegte er scherzhaft seine Bücher­liebe zu erläutern. Seine Mutter, die sich als Schriftstellerin und Künstlerin be­zeichnet hatte, war wohl lese- buch- und literaturbesessen. Pablo erinnerte sich fast nur an Situationen, die er mit ihr in Buchhandlungen verbracht habe. Als schön habe er es dort empfunden, habe sich wohlgefühlt, und seine Mutter sei dort nett und freundlich zu ihm gewesen. Sie habe ihm stolz Bücher ge­zeigt, gesagt, wie sie hießen und von wem sie waren. Obwohl er mit allem ei­gentlich überhaupt nichts habe anfangen können, habe er das Buch bestaunt und seine Mutter toll gefunden. Wenn sie ihm zum Beispiel als Dreieinhalbjähri­gem sagte: „Schau mal, das ist die Comédie Humaine von Honoré de Balzac.“, was sollte er sich dabei denken? Nur das spielte auch keine Rolle. Seine Mutter hatte ihm etwas gezeigt, was sie selbst bewunderte. Das war Achtung, Aner­kennung und Liebe pur. So hatte Pablo Bücher kennengelernt anstelle von Bau­klötzchen. Nur als er vier Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Die Bücher­mutti verschwand und mit ihr auch die ganzen Bücher, zu Hause und in den Buchhandlungen. Pablo leidet für den Rest seines Lebens am Verlust seiner Kindheit in Form von Büchern. Seinem Vater fehlten jegliche Voraussetzungen, mit Pablo etwas anfangen zu können, folglich versuchte er es auch gar nicht. Pablos Entwicklung glich einer unbeachteten Verwilderung, die ihm schließlich doch noch einen Hauptschulabschluss ermöglichte. Warum jemand Bücher schreibt, sich das Bewundernswerte zwischen den Buchdeckeln befindet, was es ist und wie man sich daran erfreuen kann, diese Dinge haben sich Pablo nie erschlossen. Seiner Liebe und Bewunderung für die gedruckten und gebunde­nen Werke tat das aber keinen Abbruch.


Pauls Bücher


An Pablo musste ich denken, als ich mit Paul zusammen saß. Paul ist der ältes­te Sohn vom Bruder meines Schwiegersohns. Ich hatte ihn nur als Baby oder Kleinkind mal gesehen. Heute war die ganze Familie Peer und Sabine Saalhoff samt drei Kindern zu Pennys Geburtstag gekommen. Penny ist meine Tochter und lebt mit Malte Saalhoff, Peers jüngerem Bruder, und meiner kleinen Enkelin Fenja zusammen mit uns im Haus. Ich musste immer lachen, wenn ich dem kleinen jungen fünfzehnjährigen Mann zuschaute. Ich hatte bei meiner Tochter ja auch den Prozess des Erwachsenwerdens erlebt, Kurioses und Erstaunliches hatte sich da manchmal auch abgespielt, aber bei den kleinen jungen Männlein fand ich es noch lustiger. Ich dachte nicht abschätzig lächerlich über ihn, im Gegenteil, mit freundlich amüsanter Sympathie war ich ihm zugetan. Ich un­terhielt mich ein wenig mit ihm, wollte wissen, ob derartige Verwandtschafts­treffen denn nicht langweilig für ihn seien und einiges Weitere in der Art. Als ich in mein Zimmer gehen wollte, fragte er, ob er mitkommen könne. Waren es meine wenigen Worte, die Art und Weise, wie ich mit ihm gesprochen hatte oder einfach das Gespür für meine Sympathie ihm gegenüber, was in ihm das Bedürfnis geweckt hatte, sich mit mir alter Frau weiter unterhalten zu wollen. Er müsse da etwas richtig stellen, klärte er mich auf. Zu meiner Frage nach ei­ner Freundin habe er gesagt, dass er keine Freundin habe, und das sei nicht so ganz richtig. Sie gingen zwar nicht voll miteinander, aber er fände schon, dass die Fabia klasse sei, und sie möge ihn auch wohl gut leiden. Im Folgenden er­hielt ich eine Expertise über die Qualitäten und Mängel der jungen Damen sei­ner Umgebung im Hinblick auf ihr Begehrlichkeiten weckendes Erscheinungs­bild und Verhalten. Eine Teenywelt mit jungen sexuellen Implikationen.


Ob er denn viel Zeit mit Fabia und den anderen jungen Damen verbringe, oder ob er sich auch sonst noch für irgendetwas anderes interessiere, wollte ich wis­sen. Paul lachte: „Ach je, nein keinesfalls, wir haben nur jetzt darüber gespro­chen, aber ich denke, dass ich die weitaus meiste Zeit wohl mit Lesen zubrin­ge. Außerhalb von Schule natürlich. Es ist wunderbar, Frau Römer. Zu allem, woran du gera­de denkst, steht etwas Herrliches in Büchern geschrieben. Wenn du gerade träumst, liest du Gedichte, die dir deine Träume noch hundertfach versüßen, wenn du wissen willst, wie die Menschen vor über zweitausend Jah­ren dachten, liest du etwas von ihnen und stellst fest, wie viele frappierende Bezüge zu un­serem heutigen philosophischen Denken bestehen. Und es lockt dich immer weiter, ist spannend ohne Ende, und bringt dich auf immer neue Gedanken. Zur Zeit beschäftige ich mich gerade mit Diderot. Es ist faszinierend. Solche Menschen gibt es heute nicht mehr. Ihm gegenüber gibt es heute nur noch kleine ärmliche Fachidioten. Alle preisen Jimmy Wales, den klugen Wikipedia Gründer, Diderot hat das schon vor 250 Jahren gemacht als eines von vielem, was er entwickelt, vertreten und gedacht hat. Seine Vorstellungen über die Art und Weise der Darstellung von Schauspielern finden sich noch bei Brecht wie­der.“ Was war das denn? Mehr als Diderot faszinierte mich im Moment Paul. Nach Erläuterungen, wie und warum Brecht ein distanzierteres Verhalten der Schauspieler bevorzugte, kam Paul auf das epische Theater zu sprechen, zu dem er mir ausführliche Darstellungen bot. Ich hatte Theaterwissenschaften studiert und als Regisseurin gearbeitet. Davon wusste Paul natürlich nichts, er war nur erstaunt, wie gut ich mich auch auskannte. Was hatte dieser Paul mit dem kleinen Teenybopper von vorhin zu tun? Mit dem, was er jetzt sagte, hätte er die meisten fünfundzwanzigjährigen Studenten düpieren können. Ich starrte ihn nur staunend an. „Was ist? fragte er lächelnd und fuhr fort, „Ich sag immer Frau Römer, du. Findest du das nicht irgendwie komisch?“ Er solle mich doch einfach Rike, Ulrike oder Uli nennen, Rike sagten die meisten zu mir. Das sei auch besser, zumal ich ja die Mutter von Penny sei, die er auch so klasse fän­de.


Ich konnte das nicht einfach so als gehört hinnehmen, was ich heute Nachmit­tag mit Paul erlebt hatte und fragte ihn: „Paul, ich fand unsere Unterhaltung ausgesprochen spannend, wenn du es auch nicht schlecht fandest, hätte ich nicht wenig Lust, es fortzuführen. Du könntest mich ja dann zum Beispiel ein wenig dezidierter über den Stand deiner Diderotforschungen aufklären, da sehe ich bei mir einige Lücken, und es wird dich sicher interessieren, ein wenig aus der Theaterpraxis erfahren zu können, mit ein bisschen Hintergrund natür­lich.“ Paul lächelte und verkündete: „Na klar, selbstverständlich, nichts lieber als das. Mit wem soll ich denn sonst wohl darüber sprechen?“ Paul sollte rüber kommen, wenn er Lust dazu habe, mich nur vorher telefonisch informieren.


Der Quälgeist


Der denkwürdigste Geburtstag, den ich je mit Penny erlebt hatte, dank Paul, ihrem Neffen. Bis ich am Abend einschlief dominierte das Phänomen und Rätsel Paul meine Gedanken. Wie können so unterschiedliche Menschen gleichzeitig einen Kopf besiedeln, der naive kleine Junge, der anfängt sich Gedanken zu machen, wie's wohl mit den Mädels bestellt sei und ebenfalls der Erwachsene, der sich mit außergewöhnlicher Kompetenz zu philosophischen, literarischen und dramaturgischen Fragen äußern kann. Wieso konnte er das eigentlich? Ich war mir sicher, dass keiner seiner Mitschüler dazu in der Lage sein würde. Er las viel, aber dafür braucht es doch auch Motivationen und Bestätigung. Er sprach aber mit niemandem darüber. Warum eigentlich nicht? Seine Eltern und auch seine Großeltern waren doch gebildete Menschen. Die Spannung mit der ich den Fall Paul zu lösen hatte, lies mich nicht zur Ruhe kommen. Manfred, mein Gatte, wusste nur, das seine Eltern sich mal geäußert hätten, er sei ein wenig eigenbrötlerisch und ließe sich nur ungern etwas sagen. Malte und Penny konnte ich erst am nächsten Tag dazu konsultieren. Sie wussten auch nur von Peer und Sabine, dass Paul nicht direkt Schwierigkeiten mache, aber ganz ein­fach sei es mit ihm auch nicht immer. Er sei ein wenig eigensinnig und wolle am liebsten stets alles selbst entscheiden, habe Sabine gesagt. Das ist ja ei­gentlich nichts Ungewöhnliches. Ich entscheide auch am liebsten selbst, und kann nur allen raten und wärmstens empfehlen, ebenso zu verfahren. Warum seine Eltern sich nicht mit ihm über seine für ihn bedeutsamen Inhalte unter­hielten, dazu wussten sie nichts zu sagen.


Aber Paul verriet es mir, als er mich das nächste Mal besuchte. „Es kommt mir so vor, als ob es sowohl Mama als auch Papa lästig ist, sich mit mir über etwas zu unterhalten, was mich gerade beschäftigt. Meistens kommt es ihnen gerade nicht aus. Ich versuche es schon lange nicht mehr. Die Frustrationen brauche ich nicht. Warum das alles so ist, kann ich allerdings nicht verstehen. Unterein­ander sprechen sie ja auch über ähnliche Themen. Wenn sie zusammen im Theater waren und sich anschließend darüber unterhalten, könnte ich schon mal viel dazu sagen, aber ich traue mich gar nicht, weil ich denke es wird sie nerven. Meine Eltern sind immer sehr nett zu mir, aber manchmal kommt es mir vor, als ob sie mich für ein wenig meschugge halten. Ich kann mich in Be­reichen viel besser auskennen als Mama oder Papa, aber das kann nicht sein, weil ich ja irgendwie ein bisschen plemm plemm sein muss. Mich regt's nicht mehr auf. Ich kann eigentlich nur noch drüber lachen. Sollen sie damit selig werden, wenn sie's brauchen.“ äußerte sich Paul dazu mit einem süffisanten Lächeln. Wir diskutierten darüber, ob man derartiges, sicher unbeabsichtigtes Verhalten der Eltern ertragen könne und dürfe. Ich vertrat die Ansicht, dass seine Eltern wahrscheinlich ein Vorurteil mit defizitären Vorstellungen über ihn hätten, das es ihnen nicht ermögliche das Positive zu erkennen und zu bewun­dern. Ich sprach mit Paul über die psychischen Strukturen der Beziehung zwi­schen seinen Eltern und ihm, und er war kein anderer, als der, der über Diderot und Brecht gesprochen hatte. Er konnte also über Beziehungen und psychische Prozesse sehr vernünftig nachdenken und reden, was sollte es denn sein, dass ihn bei den Gedanken an die Freundinnen zum Kind werden ließ? Immer wenn ich Paul ansah, machte es mich staunen, wie konnte ich mit diesem jungen Fast-Mann in der vollsten Blüte seiner Pubertät reden wie mit einem ebenbürti­gen Partner? Vielleicht tat das auch niemand, weil für sie das Erscheinungsbild des Kindes dominierte. Du wirst die Realität gar nicht wahrnehmen können, weil für dich unhinterfragt feststeht, dass er ein Kind ist, und dir nicht überle­gen sein kann, du es besser wissen wirst. Dass du leicht geneigt bist, mit der­artigen Vorurteilen zu handlen, hatte ich schon sehr früh bei Penny erfahren. Was sie tat und wollte, hatte immer aus ihrer Sicht einen triftigen Grund oder ver­ständlichen Anlass, nur sich dar­um nicht zu bemühen und zu sagen: „Sie ist ein Kind und noch zu dumm da­für.“ zerstört jedes mal etwas zwischen dir und deiner Tochter. Wenn du sie zu verstehen und zu begreifen versuchst, ist es in der Regel nicht schwer, zu an­derem Verhalten zu gelangen, oder du siehst ein, dass deine eigene Einstellung nicht die optimale war. Vielleicht war es bei Paul ja schon als ganz kleinem Kind häufig zu Problemen gekommen, wenn man ihm klar zu machen versuchte, er müsse etwas tun, weil die erwachsenen El­tern es so wollten, obwohl er keinen Grund dafür sah, an seiner eigenen Auf­fassung zu zweifeln. Vielleicht war er als Kind oft schon so stark gewesen, sich behaupten zu können, nur seine Eltern hatten seine starke Durchsetzungskraft nicht anerkennend bewundert, sondern es für sich als lästig und quälend emp­funden. Möglicherweise war er das für sein ganzes Leben geblieben, der poten­tiell lästige Quälgeist.


Das Wunderkind


Das war es ja auch, was die gesamte Verwandtschaft über ihn wusste, dass er nicht ganz einfach sein sollte. Was sollte denn an ihm nicht einfach sein, er war wunderbar, faszinierend. Als ich ihm erzählte, was ich studiert und beruflich gemacht hatte, schienen sich für ihn die Himmelpforten zu öffnen. Zu jeder In­szenierung hätte er mich am liebsten stundenlang erzählen lassen und befra­gen können. Dieser süße kleine Junge schien mehr Interesse an meinen ver­gangenen Aufführungen zu haben, als sie die Intendanten bei der Planung je gezeigt hatten, und wenn man nicht nur über die Intentionen der Regie sprach, sondern auch aus der konkreten Praxis erzählte, gab's natürlich viel zu lachen und die Zeit verflog. „Paul, wir müssen Schluss machen. Wenn Manni nicht rechtzeitig sein Abendbrot bekommt, ist er für den Rest des Abends knatschig.“ erzählte ich lachend Blödsinn. „Iss doch mit uns.“ forderte ich Paul auf, „oder möchtest du lieber nach Hause?“ Paul versuchte Manni beim Abendbrot deut­lich zu machen, was für eine klasse Frau er doch habe, und der meinte Paul dankbar zu sein. Er wisse das zwar schon seit über vierzig Jahren, aber so eine Erinnerung könne ja nicht schaden, damit er es nicht vergesse und sie eventu­ell noch für eine alte Omaschlampe halte. „Warum hast du dich denn damals eigentlich in Rike verliebt,“ wollte Paul von Manni wissen, „weil sie so schön war oder weil sie so klug war?“ Das verursachte natürlich Heiterkeitsausbrü­che. Paul lachte mit, aber erfassen, warum es so lustig sein sollte, konnte er wohl gar nicht. Da hatte der fünfzehnjährige Teeny aus ihm gesprochen, und den vertrat er ja auch mit seiner ganzen Identität. „Weil Rike so schön klug war, und ich der Schönheit mein Leben weihen wollte. Jetzt ist sie alt, ist viel, viel klüger geworden, und wenn ich sie anschaue, sehe ich auch, dass sie für mich immer noch schöner wird.“ erläuterte Manni scherzhaft lächelnd und gab mir einen Kuss. Paul schmunzelte und wir versuchten ihm zu erklären, dass es mit der Liebe ganz anders ablaufe. Was es für die Persönlichkeit des Einzelnen bedeute und was sich emotional bei einem abspiele. Ich konnte ihm immer wieder an Beispielen aus Dramen demonstrieren, wie die Autoren sich die Liebe vorgestellt hätten. „Ihr meint also, wie ich Freundin und Liebe verstehe, sei eine Folie, die ich anwenden würde, weil ich sie für das halte, was alle machen. Mit mir persönlich habe das aber nichts zu tun. Ihr denkt, ich würde eventuell aus Mangel danach greifen, weil es bei mir selber gar nichts gebe, das mit Ver­trauen, Zuneigung, Liebe glückliche Emotionen verbinden könne. Verstanden habe ich das schon, und dass meine Einstellungen in diesem Bereich eigentlich nicht zu mir passen, würde ich auch wohl so sehen, aber dass ich es mir zu ei­gen machte, weil ich selbst kalt wäre, keine Vorstellung von Vertrauen, Zunei­gung und Liebe habe, das kann nicht sein. Ich vertraue dir völlig, Rike, und ich fühle, wie es mir gut tut. Ich denke, das wir uns beide mögen, das ist wunder­bar und ich liebe es. Also, als zu kalt für die Liebe kann ich mich nicht empfin­den. Vielleicht weiß ich ja einfach nur nicht, was ich denn anderes machen soll­te, als mich so zu verhalten, wie sie's alle tun.“ regierte Paul darauf.


Es wurde spät, und Manfred brachte Paul nach Hause. „Ja, dass ist nicht zu fassen.“ meinte er als er zurückkam, „Ein Wunderkind, und keiner merkt es. Wenn ich an meine Zeit zwischen vierzehn und sechzehn denke, oh je, wir wa­ren die größten Chaoten. Nichts konnte dämlich genug sein, als dass wir es nicht ausprobieren mussten. Vielleicht ist da ja doch etwas dran, dass mit Pauls Psyche nicht alles in Ordnung ist. Aber ich glaube, das Intellekt sich un­abhängig von der Pubertät entwickeln kann. Sieh mal früher gab's doch auch schon Jungs, die mit fünfzehn ihre Dissertation und mit siebzehn ihre Habilita­tionsschrift verfasst haben. Nur unser heutiges Erziehungs- und Bildungssys­tem lässt so freie Entwicklungen gar nicht mehr zu. Da genießt die Normierung erste Präferenz.“


Regelmäßige Besuche


Da wir ja noch so endlos viele Inszenierungen samt Autor und theoretischem Hintergrund zu diskutieren hatten, sollte Paul uns jetzt regelmäßig Freitags nach Schulschluss besuchen kommen und bis zum Abendessen bleiben. Wenn sich eine Diskussion nicht rechtzeitig beenden ließ, könne er auch zur Not bei uns schlafen. Sabine, seine Mutter, mit der ich gesprochen hatte, war der An­sicht, dass es ihm bestimmt gut tun würde. Er sei ja derartig begeistert von mir, dass sie nach Pauls Lobeshymnen, madonnenhafte Züge bei mir vermuten müsse. Es war meine Hauptintention, Paul einen Nachmittag zu vermit­teln, an dem er sich wohlfühlen konnte, darüber reden, womit er sich beschäf­tigte und was in interessierte und ihm die Anerkennung zu vermitteln, die ihm für seine Leistungen unbedingt zustand. Darüber hinaus begeisterte es mich selbst, die Gesellschaft dieses jungen werdenden Mannes zu genießen, mit dem ich mich intellektuell auf gleicher Ebene bewegen konnte. Ich freute mich auf die Freita­ge, wenn Paul kam. Wir diskutierten nicht nur miteinander, Aus­stellungen be­suchten wir zusammen und wenn Freitagsabends etwas für uns beide Inter­essantes im Theater gegeben wurde, nahmen wir das natürlich auch gemein­sam wahr. Ich dachte oft daran, dass die Leute mich mit meinen zweiundsech­zig Jahren wahrscheinlich für Pauls Großmutter hielten, was ja auch gar nicht so fernliegend war. Paul kam dieser Gedanke nie. Ich sei seine beste Freundin, alles andere sei ihm wurscht. Paul und Manni verstanden sich auch sehr gut. Sie liebten es, sich durch kleine gegenseitige Sticheleien zu necken, und sorg­ten so dafür, dass es beim Abendbrot immer amüsant wurde und viel zu lachen gab.


Ich liebte diese Freitage. Wir beiden Alten waren nicht mehr allein wie seit vie­len Jahren, sondern wurden dann zu einer kleinen Gesellschaft, einer Familie, wenn man so will, mit dieser mehrdimensionalen Person des fast noch Kindes Paul. Ein wenig kam er uns schon so vor, er war es ja faktisch auch, und ver­hielt sich auch nicht anders, als es zu einem fünfzehnjährigen Jungen passte. Aber es ist ja gerade ein Charakteristikum dieser Entwicklungsphase, dass man schon früh sehr großen Wert darauf legt, als gleichwertiger Erwachsener gese­hen und be­handelt zu werden. Über Mangel daran konnte Paul sich bei uns nicht beklagen. Wir versuchten ihn nicht absichtlich so zu behandeln, er ver­fügte einfach über Wissen und Bildung, für die ihn nicht wenige Erwachsene beneidet hätten. Unser Verhalten ihm gegenüber war nicht intentional sondern authentisch. Das vermittelt zu bekommen und zu spüren, gab ihm Vertrauen und Sicherheit. Es gab ihm das Gefühl, sich öffnen zu können und frei zu sein. Wenn er bei uns war, stand das Glück auf seiner Seite. Das konnte und wollte er nicht verbergen, ließ es Manfred und mich miterleben und daran teilhaben. Wenn Paul kam, ging die Sonne auf.


Soziale Welt und Erziehungskorrekturen


„Eigentlich hat der gar nichts gesagt,“ kommentierte Paul ein Politikerinterview im Fernsehen, „außer dass er ein ganz gebildeter Mann ist und ganz gewichtige Entscheidungen triff. Er meint doch, dass sie sich bald darum kümmern wer­den. Warum sagt er's dann nicht, sondern sagt, dass es oberste Priorität auf ihrer Agenda habe?“ Paul liebte es, die Diktion, den Stil und die Manier eines Sprechers zu beobachten, zu analysieren und sich darüber in die Person des Betreffenden einzudenken. Besonders amüsierten ihn Redewendungen, die de­zidiert Ernsthaftigkeit, Gewissenhaftigkeit und Bedeutungsgehalt unterstrei­chen sollten, und häufig gern schnell in den den common speech übernommen wurden. Es ist nicht unverständlich, dass Pubertierenden es auch sehr liegt, durch Ausdrucksweise und Wortwahl ihre Gewichtigkeit zu betonen. Paul mach­te sich darüber lustig. Er liebte es, Ausdrucksweisen zu persiflieren, und wenn er sagen wollte, dass er von etwas keine Ahnung habe, erklärte er, es stünde nicht auf seiner Agenda. Er las nicht nur gern und liebte es den Gedankengän­gen zu folgen, mit Scharfsinn und Freude betrachtete er auch die sozialen Strukturen und Zusammenhänge, die ihn umgaben. Als er mal begann, zu er­läutern, wie ich mich für ihn darstelle, unterbrach ich ihn: „Lass es, Paul! Ich will deine Laudatio nicht hören. Wenn ich dein guter Kumpel bin, du Lust hast mich besuchen zu kommen und dich mit mir zu unterhalten, ist das eine Aner­kennung, wie sie größer nicht sein könnte. Mehr kann es für mich nicht geben, was bedeutsam wäre. Es sei denn, du hättest etwas an mir zu kritisieren, das würde ich natürlich schon gern von dir hören.“ Das schien seinen Ohren sehr zu schmeicheln. Von jemand anderem hatten sie ähnlich Geartetes wohl noch nie vernommen. Paul kam zu mir rüber, umarmte mich und gab mir einen Kuss.


Ich sprach mit Penny und Malte darüber, welch armselig isoliertes Leben Paul wohl zu Hause führen müsse. Seine Eltern hätten bestimmt ein völlig verque­res Bild von ihm und würden ihn in keiner weise verstehen. Er sei kein schwie­riger Typ, er werde dazu erzogen. Malte versuchte immer wieder zu verdeutli­chen, welch nette und liebe Menschen sein Bruder und seine Schwägerin doch seien und dass sie Paul mit Sicherheit nichts Böses wollten. „Malte, sie haben ein Bild von ihm, und dieses Bild schleppen sie seit seiner Kindheit immer wei­ter fleißig mit sich rum. In allem was Paul tut, wird nach einer Bestätigung für dieses Bild gesucht. Nur mit ihrem Bild liegen sie völlig daneben, es hat mit Paul nichts zu tun. Er ist mit fünfzehn schon soweit, dass er sie oft nicht mehr für voll nehmen kann und ihr Verhalten belächelt. Ich bitte dich, was sind das denn für Zustände? Mit Böswilligkeit hat das nichts zu tun. Wenn ihr es Sabine und Peer nicht vermitteln könnt, dann brauchen sie einen Therapeuten, nicht der als leicht exzentrisch angesehene Paul.“ machte ich deutlich.


Auch Pauls Verhältnis zu seinen Geschwistern war nicht von besonderer Herz­lichkeit geprägt. Der elfjährige Aron und selbst die kleine Lana mit ihren neun Jahren suchten nicht die Zuneigung und Anerkennung ihres großen erfahrenen Bruders. Sie hätten nichts gegen ihn, aber ihr Freund sei er nicht, hatte Paul mal erklärt. Wahrscheinlich hatten sie sich unbewusst vieles von der Einstel­lung ihrer Eltern Paul gegenüber zu eigen gemacht, die ihm gegenüber ja auch ein teils reserviertes Verhalten zeigten und nicht bedingungslose Zuneigung si­gnalisierten. Im Grunde lebte Paul in einer Familie mit fünf Personen relativ isoliert. In der Familie, in der doch alles so glatt und glücklich aussah, suchte Paul seinen Platz. Es gab ihn nicht. Sein Platz, seine Welt war die, die er sich selber geschaffen und entdeckt hatte. Hier lebte er, diese Welt ließ ihn ständig neue Tore für sich öffnen. Sie zeigte ihm alles, sie sprach zu ihm und schien ihn zu verstehen. Sie ließ ihm Raum, sich nach seinen Bedürfnissen zu bedie­nen und kritisierte ihn nie. Hier in seinem Zimmer mit seinen Büchern nahm er an einer nie endenden Entdeckungsfahrt teil, die sein Leben war.


Ich konnte Mütter wie Sabine nicht verstehen. Sei war ja keine Frau, die sich mit kalter Brutalität oder Boshaftigkeit ihren Kindern gegenüber äußerte. Die meisten Mütter hätten sich in ihrer Situation wahrscheinlich nicht viel anders verhalten. Ich hätte Pauls Lage nicht ertragen können. Ich hätte mein Kind ge­sehen, aber für die meisten Mütter ändert sich mit dem Verlassen des Uterus schlagartig das Verhältnis zu ihrem Kind. Dadurch dass die Nabelschnur ge­kappt ist, und es nicht mehr von ihrem Blut abhängig ist, ist es nicht mehr Teil der Mutter selbst, sondern wird zum externen Objekt, an dem man handelt. Ich konnte das bei Penny überhaupt nicht so empfinden. Sie war ich, seit der Verschmelzung unserer Zellen war sie in meinem Bauch von den Nährstoffen in meinem Blut gewachsen, hatte von meinem Sauerstoff, den ich atme gelebt. Sie hatte meine Milch getrunken und sich davon entwickelt. Was ich sagte, hat sie hören geleert, Sprache hören, differenzieren und verstehen, das war das was ich ihr sagte, wie ich mit ihr sprach. Ich habe ihre Laute verstanden und bestätigt. Dass sie sprechen kann, liegt daran, wie ihre Laute durch mich strukturiert wurden. Über mein Gesicht hat sie erkennen gelernt, was die Au­gen ihr vermitteln. Was meine Tochter ist, bin ich. Sie gehört zu mir, ist ein Teil von mir, und ich bin es für sie von ihr. So empfand ich es, so sah ich es. Diese Bücher über Erziehung, ich hasste sie, sie waren mir zuwider. Ausschließlich alle gingen davon aus, dass sie wissen wollten, wie man das Objekt Kind zu behandeln habe. Penny war nicht mein Zögling, den ich zu bearbeiten hatte, sie war ein Teil von mir, ich selbst. Natürlich sollte sich der Zweig von mir die Welt erobern können. Selbstverständlich half ich ihr den aufrechten Gang zu erlernen, mein Ego Penny sollte sich nicht kriechend durchs Leben bewegen. Nur ich wirkte nicht auf sie ein, versuchte sie auf Grund irgendwelcher Inten­tionen zu behandeln und ihr Instruktionen zu erteilen, ich gab ihr Nährstoffe, damit sich die Knospe Penny zu voller Blütenpracht entfalten konnte, ähnlich wie schon vorher in meinem Bauch auch. Dass ich keine Lust gehabt hätte, ihr zuzuhören, mich auf sie einzulassen, unvorstellbar. Sie wie einen fremden Menschen zu sehen, mir ein Urteil über sie zu bilden und sie entsprechend zu behandeln, dann hätte sie nicht meine Tochter sein können.


Maltes Gespräch mit Sabine und Peer über Paul hatte wohl zu heftigen Ausein­andersetzungen geführt. Malte äußerte sich nicht detailliert dazu, er meinte nur: „Oh je, oh je, es hat nicht viel gefehlt und die hätten den Kontakt zu uns abgebrochen.“ Paul wusste aber mehr. Sie hätten ihm den Kontakt zu mir ver­boten. Er hatte wohl schlicht erklärt, dass er sich das nicht verbieten lasse. Wenn sie aber darauf bestehen sollten, habe er in ihrem Hause nichts mehr verloren. Er würde verschwinden. Sie hätten es nicht ernst genommen und ihn zu belehren versucht, welche Rechte er habe und was ihm nicht zustünde, so­lange er keine achtzehn sei. Er habe ihnen eindringlich deutlich gemacht, dass er nicht scherze und sie sich entscheiden müssten, zwischen der Zurücknahme ihres Verbotes oder der Perspektive, ihn überhaupt nicht mehr zu sehen. Dass er gewonnen habe, gebe ihm ein starkes Gefühl. Jetzt bestimme er, was er zu tun und zu lassen habe. Ich sah diese Entwicklung nicht ganz so glücklich. „Aber Paul, wo wolltest du denn hin, wenn du ausgerissen wärest?“ fragte ich ihn. „Zu dir natürlich, wohin denn sonst.“ meinte er lakonisch. Ich drückte ihn und gab ihm einen Kuss.


Bei der Diskussion darüber, wohin ausreißen von zu Hause mit fünfzehn führen könne, wurde mir deutlich, dass es außer uns beiden alten Menschen über­haupt keine Zusammenhänge für ihn gab, in denen er sich einbringen konnte. Er hatte kein angespanntes oder distanziertes Verhältnis zu seinen Mitschülern, aber auch keinen Freund. Die Mädchen schienen ihn wohl leiden zu mögen, aber Paul hegte keine ernsteren Absichten. Selbst Fabia, die er mal ganz nett gefunden hatte, interessierte ihn nicht mehr. Die Anforderungen in der Schule waren für ihn leicht zu bewältigen, und in den Geisteswissenschaften konnte er glänzen. Sein bester Freund nach uns war sein Deutschlehrer, der ihn auch an­erkennend bewunderte. Das war Pauls Welt. Etwas anderes gab es nicht. Als ich ihm erklärte, er wisse zwar außerordentlich viel, aber als Mensch empfände ich sein Leben außerordentlich schmal, meinte er: „Ja, ich würde gern besser Französisch und Englisch lernen als in der Schule. Die Originaltexte kannst du damit nicht lesen. Ich wollte's mal mit Zolas Germinal versuchen, aber bei dem ständigen Blättern im Lexikon wird das kein Lesen.“ „Nein, Paul, ich denke da an etwas ganz anderes. Mir kommt es eher so vor, als ob du wie ein Eremit lebtest. Die Enklave deines Kopfes in deinem Zimmer ist deine Welt. Beziehung nach außen hat sie nur zu uns und vielleicht ein wenig zu deinem Deutschleh­rer. Die Welt ist aber bunt und vielfältig, und da bist du nicht vertreten. Fast alle großen Schriftsteller haben aber voll in der sie umgebenden Welt gelebt, und ihre Werke kommunizieren damit. Du kommunizierst nur mit uns.“ erläu­terte ich meine Ansicht. „Aber Ulrike, was sollte es denn sonst geben, was mir etwas bedeuten könnte? Mir reicht das mit euch, und ich bin absolut happy. Ich komme mir nicht einsam vor oder habe das Gefühl, das mir etwas fehlte.“ er­widerte er darauf. Ich wollte nicht weiter insistieren. Vielleicht dachte er ja mal irgendwann an das Gespräch.


Neue Heimat und neue Liebe


Pauls Bindung an uns schien seit dem Streit zu Hause immer intensivere For­men anzunehmen. Sonst hatte er ab und zu bei uns übernachtet, jetzt war es die Regel. Wenn wir samstags nichts Besonderes vorhatten, blieb er auch den ganzen Tag über, und manchmal fuhr er sogar erst sonntags wieder nach Hau­se. Penny und Fenja, meine kleine vierjährige Enkelin liebte er auch heiß und innig, und wenn man ihm angeboten hätte, bei uns anstatt bei seinen Eltern zu leben, hätte er sicher keine Sekunde gezögert. Als wir an einem Samstagnach­mittag gemeinsam auf der Couch saßen und uns über etwas Lustiges unterhiel­ten, stockte Paul, schaute mich an und meinte: „Weißt du eigentlich Ulrike, dass du wunderschön bist.“ Was war das denn plötzlich? Nach einer kurzen Schrecksekunde nahm ich ihn in den Arm und gab ihm einen Kuss. „Paul, was redest du? Wie kommst du denn auf so etwas? Was ist mit dir los? Aber trotz­dem 'Danke', das war ja wohl ein Kompliment.“ fragte ich ihn lachend. Paul er­klärte, welche Assoziationen sich bei ihm einstellten, wenn er mein Gesicht be­trachte, es setze in ihm viele angenehme Emotionen frei, und es mache ihn glücklich, mich anzuschauen. Er könne mich unentwegt einfach nur ansehen, und er fühle sich wohl. Wie sollte ich das denn interpretieren, was sollte ich daraus denn verstehen. „Paul, fang' nicht an, dich in mich zu verlieben, dann ist es mit der Freundschaft mit Manni vorbei.“ scherzte ich, „Und im Übrigen, eine Frau, die 57 Jahre älter ist als du, die hat Ansprüche, die wirst du nie er­füllen können.“ Wir scherzten noch weiter, aber es stellte sich auch heraus, dass er meinte, sich nur in eine so kluge und intellektuelle Frau wie mich ver­lieben zu können, dass ich die tollste Frau sei, die er je kennengelernt habe, und dass er manchmal von mir träume. Oh je, Paul, so etwas wollte ich aber nicht. Wie konnte sich das nur entwickeln? Amouröse Empfindungen einer zweiundsechzigjährigen Frau gegenüber von einem sechzehnjährigen Jungen. Über Ödipuskomplex und dergleichen wusste ich viel zu wenig, aber seine Pu­bertät war ja auch noch nicht als abgeschlossen anzusehen. Sah er in mir viel­leicht das Idealbild einer Mutter, das er liebte und begehrte? Aber ich konnte in meinem Verhalten überhaupt keine mütterlich fürsorgenden Tendenzen sehen. War ich vielleicht nur das einzige weibliche Wesen, zu dem er engeren Kontakt hatte? Ich versuchte mir das Bild vorzustellen, wie Großmutter und Enkelsohn sich liebend umarmen und küssen. Skurril, obwohl … nein nichts obwohl, in Derartiges wollte ich mich nicht vertiefen.


Knabenliebe


Abends im Bett erzählte ich es Manfred: „Weißt du, dass ich einen Liebhaber habe, einen ganz jungen?“ versuchte ich stolz zu fragen. „Ja, Paul, nicht wahr?“ meinte er. „Woher willst du das wissen?“ fragte ich launig zurück. „Na siehst du denn nicht seine sehnsüchtig schmachtenden Blicke, wenn er dich anschaut. Der träumt doch vom Paradis.“ erklärte mir Manni. „Ich kenne keine sehnsüchtig schmachtenden Blicke mehr. Es ist zu lange her, dass du mich mal damit angeschaut hast. Und außerdem, wieso bist du nicht eifersüchtig? Ich erwarte von dir, dass du um mich kämpfst. Manni, was machen wir denn da? Wie kommt der denn zu so etwas? Wie kann denn ein Kind so ein altes faltiges Gesicht lieben? Der kann doch nicht jetzt schon einen Ödipuskomplex haben. Der steckt ja noch mitten drin.“ fragte ich ratlos. „Ich glaube nicht, dass Paul in dir eine Mutter ähnliche Gestalt sieht und dich deshalb liebt. Er wird dich auf gleicher Ebene sehen und dich ganz normal als Frau attraktiv und liebenswert empfinden. Das Gesicht spielt meiner Ansicht nach überhaupt keine Rolle. Wenn bei uns in der Firma jemand eingestellt wird, und ich denke: 'Meine Güte, wie sieht der denn aus?', drei Tage später nimmst du es überhaupt nicht mehr wahr. Das Paul empfinden könnte: 'Ich mag die nicht, weil die mir zu alt aussieht.' das kann nicht sein. Und wenn dir der oder die andere nicht auf Grund altersspezifisch Verhaltens unangenehm ist, die Jahreszahl der Differenz hat doch auf Liebe keinen Einfluss.“ versuchte es Manfred zu erklären. „Aber wie stellt er sich das denn vor? Will er mich in ein fernes Land entführen, um dort unsere Liebe leben zu können. Denkt er, ich würde dich im Stich lassen, um lieber mit ihm zusammen zu sein? Oder meint er vielleicht, wenn du mich schon liebst, könnte es ja auch ruhig einer mehr sein? Was kann er sich denn dabei vorstellen, das irgendeinen Sinn ergäbe?“ suchte ich nach Klärung für die skurrile Situation. „Gar nix wird der sich denken.“ meinte Manfred, „Das den­ken kommt erst nach der Liebe, wenn überhaupt. Paul wird wahrscheinlich ein­fach die Wonnen genießen und sich freuen, wenn du freundlich zu ihm bist. Ich denke nicht, dass du dir Liebe dadurch verbieten oder austreiben kannst, weil du weißt, dass sie unerfüllt bleiben wird. Aber überhaupt, was bedeutet seine Liebe zu dir denn für ihn. Als Liebe kannst du doch alles und nichts bezeichnen. Dass er scharf darauf ist, mit dir ins Bett zu gehen, glaube ich zum Beispiel nicht. Paul wird dich sicher ein Stück weit verehren, aber dass seine Liebe dar­aus besteht, dich als Göttin anzubeten, glaube ich auch nicht. Ich könnte mir eher vorstellen, dass er die Empfindungen der Zeit, in der er bei uns ist, in dir personifiziert sieht. Du bist für ihn ein Versprechen von Anerkennung, Vertrau­en, Zuneigung. Du versprichst ihm eine offene Welt, in der er sich frei und glücklich fühlen kann. Er träumt davon, wie wundervoll es sein müsse, sein Le­ben mit dir zu leben.“ „Das ist ja alles nicht schlimm. Ist ja nett, wenn's so wäre. Aber ich finde, das kompliziert alles. Ich fühle mich dadurch beengt. Und im Übrigen, was bedeutet es denn für Paul überhaupt, wenn er sich in unerfüll­ter Liebe nach mir verzehrt. Der arme Junge.“ meinte ich noch ergänzend. Ich wollte mich dezidierter mit ihm darüber unterhalten. Als ich mich schlafen leg­te, dachte ich immer noch weiter darüber nach. Was Paul wohl von mir träum­te. Es mussten ja irgendwelche Wunschträume sein. Vorstellungen davon, wie ich seine Liebe erwiderte, ihn liebkoste oder es von ihm genoss. Wunderliche Bilder. Empfand ich Paul eigentlich als schön? Mir gefiel es schon, sein junges Gesicht zu betrachten. Weil er ein junger Mann war? Konnte man Männer über­haupt als schön empfinden, oder ging's darum bei Männern gar nicht. Empfand ich den David in Florenz als schön? Ja, sicherlich, aber dass es die Gestalt ei­nes Mannes war und er mich deshalb erotisch angesprochen hätte? Zum La­chen. Dass ich Paul süß fand, hatte mit Sicherheit keine erotische Komponente. Das erotische bei Männern, begann für mich erst dann, wenn man sie anfassen konnte. Wie der kleine Paul sich wohl anfühlte? Was sollten denn so verrückte Gedanken, und außerdem war der kleine Paul größer als ich. Na ja, er musste ja etwas von mir und sich träumen, das seine Wünsche verkörperte, und das war für einen pubertierenden Jungen sicherlich mehr, als nur sich gegenseitig anlächeln. Ich denke schon, dass ein Junge mit sechzehn, der von einer Frau träumt sicher auch davon träumen wird, mit ihr im Bett zu liegen. Ich sah das Bild und musste schmunzeln. Was er wohl mit mir machen würde. Er musste sich ja irgendetwas vorstellen, praktische Erfahrungen hatte er ja keine. Ich würde ihm sicher alles beibringen müssen. Mit sechzehn ist da bei den Jungs eigentlich schon Samen im Sperma. Ulrike, wo bist du? Was spinnst du für einen Mist? Warum denkst du so einen Unsinn? Ich wollte an etwas anderes vom Tage denken, aber Pauls potentielle Träume schienen für meine Gedankenwelt im Moment Priorität zu haben. Was sollte das nur, wie kam ich dazu, ich wollte es nicht. Ich drehte mich zu Manfred und fragte ihn, ob er schon schliefe. „Mannimann, wirst du mich ganz lieb haben?“ fragte ich. Er sprach gar nicht, nahm mich nur in seine Arme und wir liebten uns. Ob er wusste, über welchen Unsinn ich sinniert hatte? So wird es gewesen sein, und er dachte, das Schweigen in diesem Falle wohl am angebrachtesten wäre.


Am nächsten Morgen musste ich wieder darüber nachsinnen. Was hatte mich dazu motiviert, meine Gedanken angeregt? Finden ältere Frauen grundsätzlich kleine Jungs interessant, oder ist es bei vielen so, oder kommt es zumindest öfter mal vor? Sollte ich eine von diesen Frauen sein? An so etwas hatte ich noch nie gedacht. Ich hatte ja auch nicht von Paul geträumt, nur als ich ange­fangen hatte, darüber nachzudenken, kam es immer wieder. Emotional völlig irrelevant konnte der Gedanke daran für mich also wohl nicht sein. Ich hatte noch nie davon geträumt, wie es wohl mit irgendeinem Mann im Bett sein könnte. Darüber machen hauptsächlich Männer sich Gedanken, aber jetzt bei einem Kind schien es mich zu bewegen. Sollte ich vielleicht pädophile Züge ha­ben, die sich bislang nur noch nicht offenbart hatten. Unfug. Dabei handelte es sich ja auch um jüngere Kinder. Warum hatten denn eigentlich die Athener Knaben interessanter gefunden als erwachsene Männer? Die waren ja auch schon älter, aber handelte es sich dabei nicht vornehmlich um Schüler und nicht primär Objekte erotischer Begierden. Ich wusste im Grunde von all dem gar nichts. Nur dass es ältere Frauen gab, die von jugendlichen Liebhabern träumten, wie umgekehrt bei Männern auch, war ja nicht unbekannt. Hatte ich aber bislang noch nie, und ich legte auch keinen Wert darauf, jetzt damit zu beginnen.


Schüleraustausch


Als Paul am Freitag kam, waren allerdings meine Gedankengänge sofort wieder gegenwärtig. Ich schaute ihn an und schmunzelte. „Womit hast du dich die Wo­che über befasst?“ wollte ich von ihm wissen. „Ich lerne jetzt Französisch.“ er­klärte er forsch. Er wolle schneller und tiefer voran kommen und habe sich ein Lehrbuch für Studenten besorgt. „Bist du sicher, dass das der optimale Weg ist. Ich denke Sprache kann man nur sehr unvollständig aus Büchern lernen. Ein Sprachempfinden als wichtigste Basis können sie dir nicht vermitteln. Was ich damals bei meinem Austauschjahr in den USA gelernt habe, hätte ich aus kei­nem Buch lernen können. Wenn mir heute mal irgendwelche Wörter oder Aus­drücke fehlen, ist das kein Problem. Ich habe in der Sprache zu denken und zu leben gelernt. Wenn du Sprache lernen willst, musst du sie im Kontext spre­chen lernen. Warum machst du denn nicht einen Schüleraustausch? Vom deutsch-französischen Jugendwerk wird so etwas doch intensiv gefördert.“ rea­gierte ich darauf. Auf derartige Gedanken war er noch nicht gekommen. Er überlegte lange und meinte dann als Quintessenz seiner Überlegungen: „Aber dann könnten wir uns ja gar nicht mehr sehen.“ „Oh Paul,“ nahm ich ihn in den Arm und drückte ihn, „das wirst du schon noch für ein Jahr oder ein halbes überleben, oder siehst du es so, dass dich das Heimweh nach uns in dieser Zeit zermürben würde?“ Er sah mich mit großen Augen an. Das war bestimmt der Blick, von dem Manfred gesprochen hatte. „Paul. Was machst du für große Au­gen? Erklär dich.“ forderte ich ihn auf. „Rike, ich brauche das, euch zu sehen. Es bedeutet mir sehr viel.“ antwortete er. „Ich denke du meinst nicht euch, sondern eher mich zu sehen. Paul, wir haben schon öfter über Liebe und Bezie­hungen gesprochen. Wenn du meinst in mich verliebt zu sein, dann ist das eben so. Du wirst es dir nicht verbieten können, weil es keinen Sinn und keine Perspektive hat, das wollen deine Emotionen nicht hören, aber ich denke es gibt sehr unterschiedliche Arten damit umzugehen. Von der Schülerin, die sich in ihren Lehrer verliebt hat, und dankbar ist, wenn sie ihn mal sehen darf, bis zu dem jungen Mann, der sich umbringt, weil er ein Leben ohne seine erfüllte Liebe für sinnlos hält. Und da kannst du schon etwas entscheiden und mehr oder weniger Sinnvolles tun.“ erwiderte ich. „Keine Angst, ich bring mich schon nicht um. Aber was soll ich denn machen, Rike, es ist einfach da. Es macht mich einfach glücklich, in deiner Nähe zu sein. Warm fühlt sich das an, sanft und trotzdem sehr lebendig. Ein Gefühl, das dich süchtig machen kann. Ich habe das noch nie erlebt, nur du löst es in mir aus.“ schwärmte Paul. „Ich glaube, dich gut zu verstehen, Paul, will nichts von dem, was du sagst in Abre­de stellen oder kritisieren. Ich glaube auch, ich kann mir vorstellen, dass es sehr schön für dich sein muss, nur das andere ist auch wahr. Die Zusammen­hänge, in denen sich das für dich abspielt, kannst du nicht leugnen oder aus­blenden. Auch wenn ich dich sehr gern mag, aber deine Liebe wird nie Erwide­rung finden. Liebe ist etwas, das nach Gegenseitigkeit sucht, das wird es für dich nie geben. Deine Liebe wird immer unerfüllt bleiben. Du kannst immer gern davon träumen, nur die Frage ist, wie du damit umgehst. Ob sie es wert ist, Einschränkungen und Behinderungen deines Lebens einzugehen. Ob sie es dir wert ist, auf für dich Bedeutsames zu verzichten, obwohl du weißt, dass sie nie erwidert werden wird. Zudem weißt du ja auch, dass Liebe kein festes un­veränderbares Kontinuum ist, dass sie sich ändern, ja sogar ganz erkalten kann. Auch wenn deine Gefühle im Moment stark sind, ich würde es ihnen aber nicht erlauben, mich in eine Richtung zu drängen, in die ich selber nicht will. Ich bin nie in einer solchen Lage gewesen, aber wenn mein Geliebter etwas ge­tan hätte, das meinen Lebensweg behinderte, hätte ich das keinesfalls akzep­tiert. Dass ich etwas mir sehr Bedeutsames aufgegeben hätte wegen der großen Liebe, niemals. Das steht für mich fest. Liebe ist etwas sehr Schönes in deinem Leben, aber dein gesamtes Leben ist das Wichtige, und die Liebe hat einen Platz, einen wichtigen Platz darin.“ erläuterte ich meine Sicht zu Pauls Problematik. Paul schwieg, schaute mich an und lächelte. Er schüttelte den Kopf und meinte lächelnd leicht gequält: „Ulrike, ich liebe dich immer nur viel mehr.“ Ich schloss seinen Kopf in meine Arme und verwuselte ihm das Haar. „Paul, du musst klug sein, auch mit der Liebe. Versprich es mir.“ mahnte ich ihn. „Nein, nein, ich finde schon gut, was du gesagt hast. Und ein Jahr in Frankreich, das wären ja außer der Sprache sehr viele neue Erfahrungen. Mein schmales Leben würde dadurch vielleicht ein wenig breiter.“ meinte Paul und lachte. Er schien sich schon damit angefreundet zu haben. Beim Kaffee überlegten wir, wie wir Austauschmöglichkeiten eruieren könnten, und das Einverständnis seiner Eltern sei hier allerdings zwingende Voraussetzung. Ich wollte Penny mal fragen. Sie hatte zwei Semester in Montpellier studiert und viele Freundinnen und Bekannte dort unten. Pauls Eltern waren einverstanden und Penny konnte große Hilfe leisten. Der Bruder ihrer Freundin Élodie wohnte in Narbonne, hatte selber drei Kinder in Pauls Alter und würde sich sehr über einen deutschen Jungen freuen. Jetzt konnte alles in die Wege geleitet werden. Zumindest für ein Jahr lang würde ich nicht den Amouren meines jungen Liebhabers ausgesetzt sein.


Pablo hat geschrieben


Lange Zeit hatte ich schon nichts mehr von unserem spanischen Paul, Pablo, gehört. Konnte er bei unserem letzten Treffen irgendetwas falsch verstanden haben? Ich wusste schon gar nicht mehr, worüber wir im Einzelnen gesprochen hatten. Ich würde ihn mal anrufen. Das brauchte ich nicht, denn er rief an und fragte, ob er mal vorbei kommen könne. Er hatte eine große Tasche dabei, aus der er einen dicken Stapel Blätter auspackte, alle handbeschrieben. Oh je, was war das? Er hatte sein ganzes Leben dargelegt. Auf meine Veranlassung. Was hatte er getan? Sich ungeheure Arbeit gemacht, wochenlang aufgeschrieben, er, der Lesen und Schreiben gar nicht mochte und wahrscheinlich auch nicht konnte. Ich war schuld, wenn wie wahrscheinlich vorauszusehen, all seine Mü­hen für die Katz gewesen wären. Ich war erstaunt, erschrocken und hatte ein wenig Angst. Ich sollte es mir ansehen und sagen, was ich dazu meinte. Es war ja nicht ausgeschlossen, dass es unlesbar war, was würde ich ihm denn dann sagen? Wie würde ich ihm denn gegebenenfalls vermitteln können, dass es un­brauchbar sei, und seine Mühen umsonst gewesen wären. Wir besprachen et­was Allgemeines zu seinem Œuvre, darüber wie er sich letztendlich dazu ent­schlossen und wie sich seine Arbeit daran gestaltet hatte. Als er gegangen war, musste ich sofort einen Blick hinein werfen. Seine Kritzelschrift war nicht gut lesbar, aber wie und was er geschrieben hatte, ließ mir den Mund offen stehen. Natürlich wies es öfter grammatikalische und stilistische Mängel auf, aber es las sich wie ein ungeheuer spannender authentischer Bericht, detailliert und präzise, als ob er es gerade in diesem Moment erlebt hätte. Er beschrieb, was die Lehrer zu ihm in der Schule gesagt hatten, wie ihn seine vermeintlichen Kameraden zu demütigen wussten. Ein Zeichen, dass er es immer schon als Endwürdigung und Beleidigung empfunden haben musste. Sonst hätte es sich nicht so fest in seinem Gedächtnis eingegraben, dass er es heute noch zitieren konnte. Ein spannender, erschütternder Bericht. Ich konnte gar nicht aufhören, weiter zu lesen. Ich erzählte Manfred davon, und er wollte sogleich einen Blick hinein werfen. Nachdem er Einiges überflogen hatte, meinte er: „Das soll Pablo geschrieben haben? Der ist doch froh, dass er überhaupt schreiben kann.“ „Ja, so sieht die Schrift ja auch aus, aber wenn er das auspackt, was er sein Leben lang mit sich rumschleppt, dann erzählt sein Herz, und das verstehst du. Er spricht, wie er sprechen gelernt hat, und nicht nach dem, was man dir über Stil und Form in der Schule beizubringen versucht. Er spricht absolut authentisch und das fasziniert.“ bemerkte ich dazu. Im Bett lasen wir weiter bis in die Nacht, legten das Manuskript zur Seite, schauten uns an und gaben uns einen Gutenachtkuss.


Erschütternde Story


Nach dem Frühstück musste ich sofort weiter lesen und am Spätnachmittag hatte ich es geschafft. Erschütternd! Pablo war ja ganz normal in dieser uns alle umgebenden Welt aufgewachsen. Dass so etwas wie mit Pablo ständig um dich herum passiert, nimmst du gar nicht wahr. Natürlich ist es nicht nett, wenn du siehst, wie mal jemand diskriminierend behandelt wird, aber dass es ein strukturelles Moment unserer Gesellschaft ist, mit psychischen Verletzun­gen zu arbeiten, erlebst du nicht. Da tobt man sich in den Kreisen aus, die man als die Ärmsten und Schwächsten bezeichnet. Pablo war fast in die unterste Schicht der Comédie Humaine gedrängt worden. Seine Biographie war auch ein Sozialdrama, eine Beschreibung der Gesellschaft, wie man sie sonst nicht fin­det. Er hatte im Verlauf seiner Entwicklung das Leben als Aneinanderreihung von Unannehmlichkeiten, Missachtungen und Demütigungen erfahren. Von An­erkennung und Zuneigung wusste er nicht zu berichten. Er hatte sie gesucht, war aber stets zurückgewiesen und enttäuscht worden. Ich stellte mir vor, dass man bei einer derartigen Entwicklung in der Psychiatrie oder im Gefängnis lan­den müsse. Vielleicht waren ja auch viele der Insassen wegen einer Pablo ähn­lichen Entwicklung dort. Ich konnte jetzt erfassen, was wir für Pablo bedeute­ten, und warum der Kontakt zwischen uns nicht wie bei den anderen einge­schlafen war.


Revision und Bearbeitung


Natürlich konnte man sein Manuskript nicht einfach eintippen und veröffentli­chen. Das größte Problem war, dass er alles direkt mit Originalnamen verfasst hatte. Alle namentlich genannten würden Unterlassungsklagen einreichen. Pab­los einzige Belege waren seine Erinnerungen. Aber alles völlig zu anonymisie­ren und keine Namen zu nennen, hätte das Buch entstellt. Man würde für alles neue Namen finden, es an einen anderen Ort verlegen müssen, nicht gerade wenig Arbeit. Wer sollte das machen. Ich besprach alles mit Pablo und konnte mich vor mir selbst dem nicht entziehen, es beim Eintippen in eine passable Form zu bringen. „Pablo, es gibt einen Punkt, an dem ich ein weiteres Problem sehe. Du schreibst vieles sehr offen von dir selber. Ich wollte nicht, das alle Welt so etwas von mir wüsste. Das kann man seinem Psychiater erzählen oder du eben uns, aber ich meine, man sollte sich nicht vor jedermann so offenba­ren. Man könnte so schreiben, als ob man von jemand anders erzählt, aber dazu müsste man nicht nur die ganze Story umschreiben, es würde der Erzäh­lung auch vieles nehmen, was seine Betroffenheit ausmacht. Ich denke es wür­de eine andere Geschichte entstehen, wenn der Erzähler nicht mehr 'Ich' sagen kann. Das Einfachste wäre, man würde es unter einem Pseudonym veröffentli­chen, nur dann steht ja eben nicht „von Pablo Steiner“ drauf.“ erklärte ich Pa­blo meine noch vorhandenen Bedenken. „Das macht doch nichts. Wenn da „Karl Mayboom“ draufsteht, dann weiß ich doch wer das ist. Ist vielleicht sogar noch lustiger, wenn nur ich weiß, wer es wirklich ist.


Das nächste halbe Jahr war ich damit beschäftigt, Pablos Biographie bearbei­tend einzugeben. Ich verlegte sie von Düsseldorf nach Regensburg, der Rhein wurde zur Donau und die Namen der beteiligten Personen zeichneten sie als dem bajuwarischen Volksstamm zugehörig aus. Dann gab es natürlich Rede­wendungen, die so in Bayern mit Sicherheit ungebräuchlich wären. Pauls Oma kam aus Bayern. Paul der auch von Pablos Bericht ganz ergriffen war, animier­te sie, doch mal mitzukommen. Paul half mir immer fleißig bei der Namensfin­dung und der Anpassung der Lokalitäten, seine Oma sollte uns helfen, ein stimmiges bairisches Lokalkolorit zu erzeugen. Ich kannte Ruth Saalhoff gar nicht. Seit Pennys Hochzeitsfeier hatte ich sie nur einige Male begrüßt, wenn sie Malte und Penny besuchen kam. Paul mochte sie, nur sie versuche ihn im­mer wie ihr liebes Puschibärchen zu behandeln. Anscheinend hätte sie bis heu­te noch nicht wahrgenommen, dass er ganz alleine laufen könne, und sie ihm auch nicht den Zucker im Kaffee umzurühren brauche. Dass sie nicht versuche, ihn füttern zu wollen, sei schon ein riesiger Fortschritt, amüsierte sich Paul über das Bemutterungsbedürfnis seiner Oma. Paul hatte ihr schon erklärt, worum es sich bei unserem Projekt handelte. Ruth machte einen offenen und warmherzigen Eindruck. Sie kam aus Straubing, kannte natürlich die Donau und hatte sogar ihr erstes Semester in Regensburg studiert. Dann war sie in die revolutionären Zentren geflüchtet, zuerst nach Frankfurt und später zu ih­rem Freund, ihrem heutigen Mann, nach Köln. „Ja, ja,“ meinte sie, „wir erzie­hen uns viele Menschen kaputt, zu menschlichen Wracks. Welche Funktion das im kapitalistischen System haben soll, kann ich nicht erkennen. Vielleicht eine Drohgebärde, aber ich denke oft, dass es viel mit den Individuen zu tun hat, die daran beteiligt sind, denen hier die Möglichkeit geboten wird, ihren Frust, ihre Unzufriedenheit, ihre sadistischen Implikationen auszuleben. Kennt ihr den Pablo denn schon länger?“ Wir unterhielten uns über Pablo, und als wir ver­suchten, in der Schrift einiges bairischen Gegebenheit anzupassen, kamen wir aus dem Lachen nicht mehr heraus.


Gespräch mit Ruth Saalhoff


Ich mochte Ruth. Ich würde mich gern mal außerhalb der Arbeit allein mit ihr unterhalten. Ich wollte sie besuchen. Sie war drei Jahre älter als ich, aber ge­genüber ihren Einstellungen und Denkweisen kam ich mir als die wesentlich Gesetztere, Angepasstere vor. Natürlich besuchte ich sie wegen Paul. Ich bat sie um Verschwiegenheit, sei mir nicht sicher, ob ich überhaupt darüber reden dürfe und erzählte ihr, dass Paul sich ernsthaft in mich verliebt habe. Nachdem wir die Details dazu besprochen hatten, erklärte ich, wieso es dazu gekommen sei. Sie fiel aus allen Wolken. Sie habe ihn manchmal ein wenig bemitleidet und besonders nett zu ihm sein wollen, weil sie ihn auch ein bisschen als Au­ßenseiter wahrgenommen hätte. Aber das seien ja unmögliche Zustände, da müsse sie doch mal mit Peer ein sehr ernstes Wort reden. Hätten wahrschein­lich einen hochbegabten Sohn und würden ihn behandeln wie einen Idioten. Wenn Peer und Sabine nicht einsichtig wären, müsse Paul da raus, sonst ginge es ihm hinterher noch so ähnlich wie diesem Pablo. Ich meinte, dass es ratsa­mer sei, vorsichtig damit umzugehen. „Nein, das ist ja ein Verbrechen, was die Paul antun. Das läuft nicht so weiter, keinen Tag.“ erklärte Ruth strickt.

Sie hatte ihren Sohn wohl sehr zurecht gestutzt, und ihm erklärt, wenn er nicht hier und jetzt verspreche, ab sofort anders mit Paul umzugehen, käme er zu ihr. Sie würde ihn nicht eher wieder rausrücken, bis Peer sich anders benehme. Als Vater habe er schließlich Verantwortung, die nähme er nicht nur nicht wahr, sondern missbrauche sie. Das Paul nicht schon längst durchgedreht sei, habe er nicht ihnen, sondern ausschließlich sich selber zu verdanken. Wenn er die­sen Weg für sich nicht gefunden hätte, könnten sie ihn wahrscheinlich heute in der Kinder- und Jugendpsychiatrie besuchen. Das sei ihr Erziehungserfolg. Es falle ihr schwer, ihrem Sohn so etwas sagen zu müssen. Er solle das ändern, hier, sofort und jetzt auf der Stelle. Paul hatte alles Wort für Wort mitbekom­men. Seine Oma hatte sehr laut gesprochen und seine Zimmertür war nicht fest verschlossen. Seine Eltern hätten sich, als seine Mutter zurückkam, stun­denlang unterhalten. Er sei mal gespannt, was jetzt wohl passiere.


Pauls Abschied


Das Schuljahr ging zu Ende, Pablos Regensburger Bio war fast fertig im Rech­ner, und Paul würde bald bei Madame und Monsieur Lajourdie in Narbonne sein. Er freute sich darauf. Einige Briefe hatte er mit seinen neuen Gasteltern ge­tauscht und erfahren, das Monsieur Lajourdie Professor an der Faculté des Lettres et Sciences Humaines der Universität Perpignan war und Madame Leh­rerin an einem Collège in Narbonne. Er würde das Lycée Dr Lacroix besuchen, da die beiden anderen wirtschaftliche und technische Schwerpunkte hätten. Die Kinder erwarteten mit Spannung ihren neuen Bruder für ein Jahr. Als wir uns verabschiedeten, durfte Paul mich ganz feste drücken und richtig küssen. Wir wollten uns häufig Mails schicken, aber lettres d'amour waren strikt tabu. Seine Eltern hatten ihm einen gut transportablen Super-Laptop besorgt. Trotz­dem war das Verhältnis noch kurios. Ruths Philippika hatte mächtigen Eindruck hinterlassen. Sie fragten Paul jetzt ständig, ob alles in Ordnung für ihn sei und ob man etwas für ihn tun könne. Paul lächelte darüber. Liebe zwischen ihnen würde sich wohl so schnell nicht mehr entwickeln.


Meine Freundin Ruth


Ruth und ich wurden dicke Freundinnen. Mit fünfundsechzig und zweiundsech­zig arbeiteten wir unsere Zeit als Studentinnen auf, ein endloses Unterfangen, das an Spannung nicht zu überbieten war. Jetzt ging ich mit ihr statt ihrem Enkel Paul ins Theater, und auch andere Aktivitäten unternahmen wir gemein­sam. Sie war die Übermutter der Familie Saalhoff, war die intellektuell Überle­gene und wurde von allen respektiert. Nur mit Babette, ihrer Tochter, das schmerzte sie manchmal. Sie war ihre Jüngste und Liebste gewesen. Als sie nach dem Abitur zu Hause auszog, hatte sie gleich den Kontakt auf ein Mini­mum beschränkt. Sie war freischaffende Designerin und hatte angeblich immer irgendwelche Aufträge. Sie war nicht verheiratet und Ruth wusste auch nichts von einem festen Freund, aber dass sie allein ohne Mann leben würde, konnte sie sich auch nicht vorstellen. Warum sie die Beziehung zu ihr auf Anrufe zu Weihnachten und Neujahr beschränkt hatte, konnte Ruth nie erfahren. Sie hat­te es öfter anzusprechen versucht, aber Babette hatte ausweichend unehrlich darauf reagiert. Sie habe ja offensichtlich im Hinblick auf ihre Tochter etwas falsch gemacht. Es zu wissen und nicht erfahren zu können was, sei quälend. „Wenn du es auch anders lieber hättest, Ruth, du wirst nicht umhin können, die freie Individualität deiner Tochter zu akzeptieren. Wenn es dich schmerzt, ist das dein Problem, mit dem du fertig werden musst, aber du wirst die Ent­scheidung deiner Tochter respektieren müssen und ihr nicht Vorwürfe machen, dass sie dir das antut. Ich bin wach geworden, als Penny in der Pubertät war. Ich habe uns beide immer als Einheit gesehen, bei der sich beide gegenseitig geben und unterstützen, bis ich feststellen musste, dass meine Knospe mich platt, dreist und cool für ihren eigenen vermeidlichen Vorteil belogen hatte. Im ersten Moment konnte ich es überhaupt nicht fassen, bis mir klar wurde, dass ich mit meiner Einheitsvorstellung wohl ein ziemlich sonderbares Wunsch­traumgebilde für mich konstruiert hatte, dass meine Tochter ein eigenes Leben außer unserem gemeinsamen hatte, und dass die Entscheidungen in diesem Leben ganz allein sie selber fasste, für sich allein, ohne dass ich ständig damit verwoben war. Und wenn sie meinte, mich belügen zu müssen, konnte ich sie fragen, warum sie es tat, konnte ihr die Konsequenzen aufzeigen, die sie viel­leicht nicht sah, aber es ihr zu verbieten? Damit hätte ich völlig daneben gele­gen. Durch ihre Lüge hat sie mir beigebracht, ihre eigene Individualität zu re­spektieren. Das war gut und wichtig für uns beide.“ stellte ich meine Sichtwei­se dar. „Ich habe schon tausendmal darüber gegrübelt, was bei Babette falsch gelaufen sein könnte, es will sich mir nicht erschließen. Sie sollte es mir doch sagen, sollte mir doch Vorwürfe machen, ich wollte sie ja hören, aber sie schweigt. Mit den Jungs ist doch auch alles o. k., warum denn nicht mit Babet­te? Mit den Jungs ist es doch viel schwieriger und unangenehmer. Die werden ja draußen verdorben. Im Kindergarten fängt das schon an und verschlimmert sich immer mehr. Wenn sie in dir nicht den Boss sehen, zählt das nicht, was du sagst. Furchtbar ist es, bei seinen eigenen Kindern so etwas erfahren zu müs­sen. Ich denke es sollte unabhängig von der biologischen Ausprägung ein ein­heitliches Geschlecht für alle geben, und da könnte sich dann jeder später aus­suchen, welche sexuellen Präferenzen er setzen will. Du amüsierst dich über die kleinen Rabauken und Raufbolde, aber da wird doch etwas trainiert, das im Erwachsenenalter gar nicht mehr lustig ist. Ich bin keine Pädagogin, obwohl ich in der Schule war, nur was nutzen die jedes Jahr neu erscheinenden Werke über Erziehung, wenn sich nichts ändert.“ erklärte sich Ruth. „Wer will das denn, dass sich da etwas ändert, Ruth? Wir beiden alten Hexen, du und ich, und noch ein paar Feministinnen, aber die Mehrheit findet die Struktur, so wie sie jetzt ist, doch in Ordnung und hält sie für gottgegeben. So ist die Welt eben. Anderes wirkt eher befremdlich. Wer engagiert sich denn heute noch? Was machst du denn jetzt noch, du, die die Welt von der Basis aus revolutio­nieren wollte?“ fragte ich. „Ich bin Mittglied bei attac.“ verkündete Ruth stolz. „Und ich bin Mitglied bei den Grünen.“ konterte ich ebenso stolz. Worauf wir uns lachend in die Arme fielen und zum lustigen Teil des Gesprächs übergingen.


Schulliteratur


Pablo war in letzter Zeit häufiger bei mir gewesen. Er musste ja mit dem, was ich, beziehungsweise Ruth und ich fabriziert hatten, einverstanden sein. Jetzt hatte er nicht nur ein Buch über Düsseldorf geschrieben, sondern auch eins über Regensburg gelesen. Seine Begeisterung für Bücher war ja entstanden, bevor er mit dem darin Geschriebenen etwas anfangen konnte, nur aus seiner Biografie wurde auch deutlich, warum er die Beschäftigung mit den Inhalten mied. Er hatte sich nicht explizit damit befasst, aber aus seinen Beschreibun­gen des Unterrichts konnte man deutlich erkennen, wie ihm die Beschäftigung mit Literatur nicht nahegebracht, sondern gründlich verleidet worden war. Es handelte sich eben um ein Unterrichtfach, und in diesem Falle musste man et­was lesen und es am nächsten Tag erzählen oder Fragen dazu beantworten können. Er hatte gelesen, weil er es musste. Was er am nächsten Tag im Un­terricht dazu erzählte, war schlecht und wurde kritisiert. Fragen dazu hatte er nicht so beantwortet, wie der Lehrer es wünschte. Aus freien Stücken lesen, Hausaufgaben machen, bei denen sowieso alles falsch würde, wie käme er dazu. Er war ja froh, dass er es nicht mehr brauchte. Dass Lesen etwas ganz anderes bedeuten konnte, hatte er nie erfahren. Ähnlich war es bei den ande­ren Unterrichtsfächern auch. Sie hatten nie die Lust am Thema geweckt und Bestätigung vermittelt, sondern die von Pablo erfahrene Schule hatte vor­nehmlich die Funktion, die Lust an allem, was vermittelt werden sollte, gründ­lich auszutreiben. Bei den wenigen Büchern, die Pablo nicht mochte, standen die Schulbücher an erster Stelle, auch und vor allem das Lesebuch. Seine Leh­rer hatten alle Pädagogik studiert, es konnte keine Bücher über Erzielung ge­ben, in denen das Verhalten dieser Menschen gegenüber Pablo auf irgendeiner Seite sanktioniert worden wäre, dessen war ich mir sicher.


Von unseren Tradierungskünsten war Pablo begeistert und dankte mir immer wieder überschwänglich. Auch wenn jetzt ein lesbarer Entwicklungsroman über eine grausame Kindheit und Jugend in Regensburg entstanden war, wir brauch­ten ja noch einen attraktiven Titel und mussten einen Verleger finden. Vom Kaffee bis zum Abendbrot haben Ruth, Pablo und ich zusammen gehockt. Na­türlich auch mit viel Lachen haben wir überlegt, Vorschläge gemacht und wie­der verworfen, bis wir uns schließlich einigen konnten auf:


Karl Mayboom

Kein Leben

Biographie über alltägliche

Grausamkeiten der Erziehung



Narbonensis bellissima


Wenn Regensburg der übelste Ort in Pablos Geschichte war, dann musste Nar­bonne der schönste Ort in Pauls bisherigem Leben, wenn nicht sogar auf der ganzen Welt sein. Alles womit Paul konfrontiert wurde, wusste er mit über­schwänglichen Worten zu preisen. Familie, Schule, der Ort, die Landschaft, das Wetter, alles war wunderbar und mit Düsseldorf überhaupt nicht zu verglei­chen. Monsieur Lajourdie war angetan von Pauls Bildung und Wissen. Zunächst war er überrascht, dass sechzehnjährige Schüler in Deutschland einen so ho­hen Bildungsstand hätten, bis deutlich wurde, dass dies nur auf Paul zutraf. Pauls Anerkennung wuchs dadurch noch mehr. Im Allgemeinen genießt in Frankreich das intellektuelle Niveau des Menschen einen sehr hohen Stellen­wert bei der Beurteilung seiner Persönlichkeit. Hier bedeutet es so gut wie nichts, in Frankreich ist es der zentrale Gesichtspunkt. Paul erlebte zum ersten mal Anerkennung und Wertschätzung von allen Seiten. Alle suchten die Unter­haltung mit ihm, obwohl sein Französisch ja so stümperhaft war. Die ganze Fa­milie hatte Lust daran, ihm zu helfen, es möglichst schnell zu verbessern. Selbst die kleine Alette mit ihren zehn Jahren wusste ihm heiße Tipps zu ge­ben, wie er etwas am besten sagen sollte. Aber nicht nur beim Französisch ler­nen, auch bei anderen Angelegenheiten seien alle in der Familie super freund­lich zu ihm. Er sei gleich vom ersten Moment an wie ein lieber Bruder empfan­gen worden. Er habe nicht nur das Empfinden völlig dazuzugehören, sondern von allen geliebt zu werden. Alle hätten Lust daran, ihm zu helfen oder mit ihm Spaß zu machen und zu sehen, dass er sich freue. Sie wollten von ihm alles über Deutschland und Düsseldorf wissen. Der vierzehnjährige Roger frage ihn immer etwas zum Fußball in Deutschland. Weil er doch überhaupt keine Ah­nung davon habe, müsse er sich im Internet schlau machen. Alette sei die sü­ßeste Maus, Roger sein bester Kumpel und am meisten helfe ihm Carole, die ein Jahr älter sei als er. Dank ihr hätte er schon nach wenigen Tagen an der Schule alles voll gecheckt. Er müsse eine weitere Fremdsprache nehmen. Deutsch ginge nicht. Ich solle ihm mal Entscheidungshilfen für Spanisch oder Portugiesisch bieten. Mir standen vor Freude die Tränen in den Augen. So viel Glück hätte ich Paul gar nicht wünschen können. Als ich Ruth darüber berichte­te, kommentierte sie immer nur: „Wie gut. Wie schön. Wie fantastisch.“ Als sie sich mit Sabine und Peer darüber unterhalten wollte, wussten die nur, dass er gut angekommen war, die Familie nett sei, und es ihm gut ginge. Ich bekam immer ellenlange Berichte darüber, was sich im Lycée abgespielt hatte, was er gelernt hatte, wie sich was bei Lajourdies zu Hause zugetragen hatte und was sie unternommen hatten.


Carole


Die Passagen, in denen etwas mit Carole berichtet wurde, nahmen an Länge zu. Sie vermittele ihm, wie es sich mit dem Leben in Frankreich wirklich verhal­te. Zumindest für Jugendliche in ihrem Alter. Die Elogen über ihr Vorzüge dehnten sich aus, bis er eines Tages erklärte, dass Carole ihn wohl sehr gut lei­den möge. Wenig später fragte er, ob ich ihm böse sei, wenn er mir untreu würde, er sei nämlich der Ansicht, sich in Carole verliebt zu haben. Ich meinte im dieses eine Mal noch verzeihen zu können, bei Häufung derartiger Vorfälle mich aber gezwungen zu sehen, nach einem neuen Liebhaber Ausschau halten zu müssen. Die beiden eroberten „Gallia Narbonensis“, aus der laut Paul immer seine neuesten Nachrichten kamen, und erkundeten gemeinsam das ganze Roussillon. Obwohl von Carole die Amouren ausgegangen waren, ließ sie es nicht weiter als bis zum Schmusen und flüchtigen Küssen kommen. Sie wolle nicht einen Liebsten haben, der zum Schuljahrsende plötzlich verschwunden sei. Sie stünde allein und könne ihrer Liebe allenfalls mal einen Brief schicken, auch wenn sie ihn noch so sehr liebe, aber darauf habe sie keine Lust. Er wolle das ja auch nicht, würde am Liebsten für immer in Narbonne bleiben und sei absolut ratlos. Jetzt gab es doch intensive Liebeskonsultationen, allerdings nicht mehr über Pauls Liebe zu mir, sondern in der Causa Carole Lajourdie & Paul Saalhoff.


Verlagsuche


Einen Verleger zu finden, schien das größte Problem an Pablos Buch zu sein. Wir hatten uns schon gedacht, dass es, ohne über entsprechende Connections zu verfügen, nicht leicht sein würde. Wir suchten alles nach möglichen Verbin­dungswegen ab. Das Manuskript einfach mit Bitte um Prüfung an einen Verlag zu schicken, waren sinnlos vergeudete Portokosten. So viel war uns schon im Vorhinein klar geworden. Wir schickten es nur an Verlage, die am Telefon um Zusendung gebeten hatten. In der Regel reagierten sie trotzdem nicht mehr oder schickten eine formale Ablehnung, zu der sie sich Pablos Schrift gar nicht angeschaut haben mussten. Den Verleger eines kleinen, von mir geschätzten Verlages rief ich an. Er war wenigstens ehrlich. Sie könnten keine Germanisten finanzieren zum Lesen der täglich eingehenden unverlangten Manuskripte. Au­ßerdem sei Belletristik für einen kleinen Verlag immer ein Spiel mit dem Tode. Ein Verleger, der ohne ein entsprechendes Profil, schwerpunktmäßig Belletristik veröffentliche, könne nur von Todessehnsucht getrieben sein. Es gebe keine Bücher von Nonames, die nicht über einen entsprechenden Hintergrund ver­fügten oder besondere Beziehungen hätten. Die großen Verlage würden sich mit so etwas auch nicht abmühen. Die würden wahrscheinlich täglich ganze Müllcontainer mit ungelesenen Manuskripten füllen. Ohne die ökonomischen Gesichtspunkte entsprechend zu gewichten, könnten sie überhaupt kein Buch mehr veröffentlichen. Wir unterhielten uns länger, es schien ihm zu gefallen und er versprach zum Schluss, persönlich mal einen Blick rein zu werfen. Die wenigen anderen, von denen überhaupt eine Rückmeldung kam, stellten strikt unannehmbare Forderungen, die das Buch entstellt hätten. Dann wäre es nicht mehr Pablos Buch gewesen. Der Verleger aus Göttingen, mit dem ich länger te­lefoniert hatte, rief an. „Ich habe viel, fast alles, gelesen. Das ist ja ein er­schütterndes Gesellschaftsdrama. Ein Kaspar Hauser inmitten der Kultur.“ Er habe sich mit seinem Lektorat unterhalten, und bevor weitere Schritte erfolgen könnten, würde er sich gern mit mir unterhalten. In der kommenden Woche sei er in Düsseldorf, und ob wir uns nicht treffen könnten.


Herbert der Verleger


Er war in meinem Alter, und da wir nach zwei Sätzen festgestellt hatten, dass wir auf ähnlicher Wellenlänge segelten, war es selbstverständlich, dass wir uns duzten. Er war der festen Ansicht, dass ein Vorwort dazu erforderlich sei, um in die Zusammenhänge einzuführen, ansonsten fand er alles andere o. k.. Kleine­re Korrekturen würde das Lektorat besorgen. Er wunderte sich, dass er mit mir und nicht mit dem Autor selber spräche. „Dass ist doch nicht eine Geschichte, die du erfunden hast? Nein, nein das kann nicht sein. Das ist nicht ausgedacht, und du hättest dir so etwas schon gar nicht zusammenreimen können.“ meinte Herbert der Verleger. Ich erzählte ihm von Pablo und wie es zu dem Buch ge­kommen war. So etwas Ähnliches habe er noch nie gehört. Das allein sei ja schon eine fantastische Geschichte. Das müsse unbedingt ins Vorwort hinein, oder ob man es nicht sogar zum Aufhänger für das ganze Buch machen solle. Bei ihm selbst sei es nicht viel anders gewesen. „Ich habe Bücher geliebt, aller­dings nicht die Buchdeckel, sondern das was drin stand. Ich hätte so gerne auch Romane oder Erzählungen geschrieben, aber ich habe schmerzhaft erfah­ren müssen, dass es keinen Zweck hatte. Dass ich sie heute verlegen kann, stellt einen kleinen Trost für mich dar. Somit gehört ein Stückchen davon auch mir, ich sorge ja schließlich dafür, dass sie auch von anderen gelesen werden können. Ich denke alle kleinen Verleger werden ein irgendwie geartetes beson­deres Verhältnis zu Büchern und zum Lesen haben, sonst würden sie es nicht machen. Reich kann dabei keiner werden.“ Ich erzählte ihm mein Bücherleben, dass sich aber bei mir sonderbarer weise nie das Bedürfnis eingestellt habe, selber etwas schreiben zu wollen. Ich hätte immer nur staunend und mit Won­ne genossen. Bei der Entwicklung von Regiekonzepten sei natürlich viel eigene Kreativität eingeflossen, aber das sei vom Literarischen doch sehr weit ent­fernt. Wir unterhielten uns über Beziehungen zum Lesen, zu Büchern, sprachen über den Buchmarkt und die Messen, diskutierten alles rund ums Theater und einzelne Regisseure und plötzlich war es zu spät für Herberts Zug. Bei dem nächsten noch möglichen wäre er mitten in der Nacht in Göttingen angekom­men. Er sollte bei uns übernachten.


Es erstaune ihn, meinte er scherzhaft, in Düsseldorf so nette normale Men­schen zu treffen wie uns. Man erwarte hier nur harte Business People oder Yuppies. „Na, die gibt es sicher auch viel hier, aber es existiert auch ein breites buntes Spektrum von Kunst über Mode bis Wissenschaft, und nicht wenige Yuf­fies gibt es hier auch, siehe Pablo. Wir leben ja auch nicht absichtlich hier, weil Düsseldorf uns so gut gefallen hat. Aber wir finden es sehr angenehm hier und sehen keinen Anlass zur Klage. Ein junger Verwandter von mir hat allerdings entdeckt, dass Düsseldorf gegen Narbonne überhaupt keine Chance hat.“ meinte ich dazu. Es gebe ja sogar Menschen, die es schön fänden in Hannover oder Wolfsburg zu leben, sinnierte Herbert. Es sei wohl müßig nach objektiven Kriterien zu suchen. Göttingen sei für ihn der schönste Ort der Welt, weil er hier während des Studiums seine intensivste Lebensphase verbracht habe, und nun sei natürlich alles Soziale mit Göttingen verwoben. Göttingen verlassen zu müssen, würde für ihn den kleinen Tod bedeuten. Wir plauderten quer durch alle Themen und lachten viel dabei. Herbert schien sich sehr wohl zu fühlen und mich auch gut leiden zu mögen. Ich bekam viel Anerkennendes zu hören, und seine Augen sagten mir, dass es ihm gefiel, mich anzuschauen. Mein gan­zes Leben hatte ich, seit ich mit Manfred zusammen war, keine Verehrer ge­habt, oder ich hatte es zumindest nicht wahrgenommen, und jetzt mit über sechzig gleich einen ganz jungen und wenig später einen gleichaltrigen. „Ulri­ke, wirst du mit zunehmendem Alter immer attraktiver?“ nahm ich mich selber auf den Arm. Aber ein wenig verändert hatte ich mich durch Paul und Pablos Buch schon. Das Leben in den Jahren vorher war nicht langweilig und uninter­essant gewesen, aber zum größten Teil hatte es doch routinemäßige Züge. Paul hatte mich wach gemacht, mich gefordert, den Trott unterbrochen und Pablos Buch war ebenfalls ein Ereignis, wie es mir in den vergangenen Jahren nicht begegnet war. Es forderte mich heraus und weckte in mir Energien, für die ich bislang keine Verwendung hatte. Es kam mir vor, als ob ich auf dem besten Wege gewesen sei, einzuschlafen, jetzt war ich aber wieder hellwach, freute mich darüber und kostete es aus.


Herbert der Elfenkönig


Herbert rief wegen Pablos Bio häufig an. Jede kleinste Änderungsabsicht nahm er zum Anlass, mich zu befragen. Er hatte ja eine Generalpermission für kleine Änderungen, und warum rief mich nicht die Lektorin an, wenn sie der Ansicht war, das etwas von mir zu sanktionieren sei. Herbert, ich mochte ihn eigent­lich gut leiden, aber mit derartigen Dingen sollte er nicht anfangen. Jetzt war ja al­les noch erträglich, aber er würde sich bestimmt im Laufe der Zeit stei­gern. Ich wollte ihn auch nicht verärgern, das Buch war ja noch nicht gedruckt, aber vielleicht wäre es jetzt noch am einfachsten, ihn zu stoppen. Ich wollte ihn be­suchen, nein er wollte lieber nach Düsseldorf kommen. Wir saßen scher­zend im Café und ich erklärte Herbert zu wissen, warum er durch seinen Verlag nicht reich werden könne. Er habe gar keine Zeit mehr für dringende Aufga­ben, weil er den ganzen Tag damit verbringe, Telefongespräche mit seinen Au­toren zu führen. Fragend lächelnd schaute er mich an. „Herbert, wenn du mit allen so häufig telefonierst wie mit mir, muss das so sein.“ erläuterte ich. Leicht verle­gen lächelte er und meinte: „Ja, das stimmt ja Ulrike, ich mag dich. Es gefällt mir einfach, dich am Telefon zu hören und mit dir zu sprechen. Was soll ich denn machen?“ reagierte er. „Herbert, ich mag dich ja auch und wenn du mich anrufst, stört mich das auch nicht. Nur ich möchte absolut, dass es dabei auch bleibt. Solange es dir gefällt, mit mir zu telefonieren, ist das o. k., aber einen Schritt weiter gibt es nicht, und wird es auch niemals geben. Ich habe nicht den Anflug eines Verlangens danach. Wenn du es trotzdem versuchen solltest, quälst du mich. Solange du mich magst, sollte dir das fern liegen. Lass uns gute Freunde sein, daran liegt mir viel, aber fang, bitte, nicht an, von mir zu träumen. Ich dachte alte Männer träumen sowieso immer nur von knacki­gen jungen Mädels und nicht von alten verwrinkelten Hexen.“ versuchte ich es ein wenig ins Heitere zu wenden. „Nein, nein,“ korrigierte mich Herbert la­chend, „doch nicht von knackigen Mädels. Von Jungs mit knackigem Po träu­men die älteren Ladies, die Männer träumen von jungen Nymphen oder Elfen.“ Die wür­den ja auch älter, aber das elfenhafte verlören sie nie. Ob es denn je­dem Sterblichen vergönnt sei, solche Elfen wahrnehmen und sehen zu können. Nicht jedem, aber ihm zum Beispiel, meinte Herbert. Und woran er erkenne, dass es sich um eine Elfe handele, wollte ich wissen, und dann versuchte er mein Gesicht lobpreisend zu beschreiben. Er solle dass doch aufschreiben, da­mit mein Mann auch wisse, mit welch bezaubernder Elfe er es zu tun habe. Herbert versuchte es wirklich und wir lachten uns tot dabei. „Und die kleinen Regenbögen neben den blinzelnden Äuglein hast du noch vergessen.“ wies ich auf noch Fehlendes hin. Als ich ihn zum Zug brachte, verdeutlichte ich es noch einmal: „Herbert, ich habe dich sehr, sehr gern, und möchte das nicht verlie­ren. Du musst mir versprechen, dass du es nicht zerstörst.“ Beim Abschieds­kuss streichelte er meine Wange, als ob er sagen wollte: „Ich habe dich ver­standen, es ist schon o. k..“ Dass sich irgendetwas nachteilig auf die Veröffent­lichung von Pablos Buch auswirken könne, war auszuschließen. Zwar rief Her­bert jetzt weniger häufig an, aber seine gute Stimmung bei den Anrufen war nach wie vor die gleiche. Und tatsächlich, das Buch wurde vor der Sommerpau­se fer­tig, und sollte im Herbst zur Buchmesse erscheinen. Es hieß jetzt nicht mehr 'Kein Leben' sondern 'Geraubtes Leben' mit einem Vorwort von Ulrike Rö­mer. Vorabdrucke brauchte ich unbedingt für Pablo, Ruth, Paul und mich selbst na­türlich. Ich sollte es auf der Buchmesse vorstellen, weil der Autor selbstver­ständlich anonym bleiben musste.


Lajourdies kommen


Paul war auch froh, dass es tatsächlich geklappt hatte. Er zeigte Carole stolz das Buch und bezeichnete sich als in gewisser weise einen Co-Autor. Er selbst hatte in Narbonne das Unmögliche geschafft. In langen Überlegungen hatten er und Carole beraten, wie sie der unabänderlichen Trennung zum Schuljahres­wechsel entgehen könnten. Dass es in Düsseldorf ein richtiges französisches Lycée gab, überraschte sie maßlos. Carole hatte über ihren Vater vermittelt an einem Sprachkurs Deutsch in Perpignan teilgenommen und wollte im nächsten Schuljahr zum Lycée francais de Düsseldorf wechseln und dort das Abibac able­gen. Sie hatte ein wenig Angst vor den Anforderungen, und sollte, wenn es sie überfordere, ein Jahr wiederholen. Ihr Vater und Penny hatten alles geregelt. Ich hatte mit Ruth gesprochen, und die Ansicht geäußert, dass ich es für güns­tiger hielte, wenn die beiden bei uns wohnen würden. Paul würde sich be­stimmt wohler fühlen als zu Hause, und an Platz mangele es ja überhaupt nicht. Hinzu komme, dass Penny auch eine halbe Französin sei und sich gerade auch im Süden auskenne. Ruth wollte es mal mit den beiden besprechen. In den Sommerferien sollten Lajourdies mit toute la famille für eine Woche kom­men. Bei Peer und Sabine konnten sie sowieso nicht alle übernachten, also wohnten die Kinder bei uns.


Erste Eindrücke


Ich war auch mit Penny am Flughafen, um sie abzuholen und Carole meinte gleich staunend, das sei ja hier wie in Paris. Zuerst fuhren alle zu Peer und Sa­bine zum Kaffee, und anschließend nahmen wir die Kinder mit zu uns. Penny hatte sich besonders um die kleine Alette gekümmert, damit sie sich bei uns ohne ihre Eltern nicht einsam fühlen würde, aber das war wohl nicht notwen­dig. Sie schien die Chefin zu sein, oder zumindest sich so zu fühlen. Roger konnte es nicht verstehen, dass die große Stadt Düsseldorf keine Fußballmann­schaft in der Bundesliga, und Paul überhaupt keine Fußballposter sondern nur Bücher und CDs in seinem Zimmer hatte. Carole war einfach hinreißend. Sie war eine Mittelmeerschönheit mit fransigen schulterlangen schwarzen Haaren, einem dunklen Teint, großen tiefen Augen und einem strahlenden Lächeln. Sie wollte wissen ob Römer die deutsche Bezeichnung für Romain sei, und meinte, dann hätten wir vor zweitausend Jahren sicher die gleichen Vorfahren gehabt. „Sie sind eine sehr gute Frau, Madame Römer. Paul liebt sie sehr. Er hat viel gesprochen von ihnen.“ sagte Carole auf deutsch zu mir. Ich versuchte mit meinem Schul- und Urlaubsfranzösisch deutlich zu machen, dass ich jaloux, ei­fersüchtig sei, weil sie mir meinen Liebsten genommen habe. Carole machte große Augen und Paul fiel lachend fast in Ohnmacht. Dann schien er Carole al­les zu erklären. Ich verstand kein Wort, sah nur, wie Carole mal schmunzelte, mal große Augen machte, aber Paul musste es ihr wohl sehr lieb erklärt haben. Carole sprang auf umarmte mich und meinte mit einem untergründigen Lä­cheln: „Pardon, Madame Römer, ich habe es nicht gewusst. Aber Paul liebt sie immer noch, und ich liebe sie jetzt zusätzlich auch. Werden sie es dann ertra­gen können. Aber Paul hat mir auch gesagt, dass sie seine Liebe nicht erhört haben. Dass ist immer sehr gefährlich.“ Wir lachten und ich erklärte, dass ich sie für eine wundervolle junge Frau halte, und es Paul daher gestatten würde, sie zu lieben. „Wir werden uns bestimmt gut verstehen und viel Spaß miteinan­der haben, wenn ich im kommenden Jahr hier leben werde. Ich freue mich dar­auf.“ meinte Carole und hielt mir die Hand hin damit ich einschlug. Penny hatte den beiden anderen ihre Zimmer gezeigt und kam mit ihnen und Fenja rauf. Nach wenigen Worten setzte ein großes Palaver ein, an dem nur ich und Fenja sich nicht beteiligen konnten. Paul erklärte sie hätten nur ihre neuen Eindrücke ausgetauscht und sich dabei manchmal um Erklärungen gestritten. Die jungen Gallier schienen gierig nach neuen Eindrücken aus Deutschland. Wir wollten noch raus durch die Innenstadt zum Rhein und dort oder gegebenenfalls in der Stadt etwas essen. Alles war merveilleux, die alten Gebäude, die große Kathe­drale, alles was Paul an Narbonne so bewundert hatte, den kleinen Narbonnais schien es nichts zu bedeuten. Düsseldorf war magnifique. Carole lauschte an­dächtig Pauls Erläuterungen zu Heinrich Heine, und dass man von hieraus nicht nur mit dem Flugzeug sondern auch mit einem Bötchen nach Frankreich gelan­gen konnte, war auch großartig. Roger und Alette schienen auf einem anderen Stern zu sein und nahmen alles staunend auf. Nur das Essen fand keine gren­zenlose Bewunderung. Carole und Paul machten alles unter sich aus, aber Ca­role schien es nicht weniger merveilleux zu finden, denn Paul bekam häufig zwischendurch einen Kuss.


Roger geh schlafen!

Roger wollte nicht ins Bett, er sei noch nicht müde und könne sowieso nicht schlafen. Carole redete mit ihm, und erreichte es, dass er aufstand, ihr einen Kuss gab und sich von uns umarmend zur Nacht verabschiedete.


Carole schien sich schon wie zu Hause zu fühlen. Sie reckte sich und lachte laut. „Madame Römer, ich denke, es ist sehr schön bei ihnen. Ich werde glück­lich sein, da bin ich ganz sicher.“ formulierte sie auf Deutsch. Ich hätte aber noch etwas zu kritisieren, meinte ich scherzhaft. Sie würde mich immer Frau Römer nennen. Menschen die hier im Haus wohnten täten das nicht. Ich hätte es lieber, wenn sie mich mit meinem Vornamen anspreche. Es schien Carol wohl sehr ungewöhnlich vorzukommen. Sie schaute fragend zu Paul, und der erklärte ihr, das es völlig in Ordnung sei, er würde mich ja auch Ulrike, Rike oder Uli nennen. Carole schaute mich lächelnd an. D'accord, Üli würde sie mich nennen, das fände sie am schönsten und höre sich an, als ob ich ein junges Mädchen wäre. In meinem Herzen sei ich das sicher auch. Aber das könne man nicht nur so sagen, das müsse man célébrer meinte sie. Gegenseitige Umar­mungen und ein guter Wein seien dazu erforderlich. Zum Wein sollte noch Käse geholt werden. Ich holte alles, was ich besorgt hatte, und die beiden diskutier­ten über die verschiedenen Sorten. Nicht Paul sondern Carole gab mir die nä­heren Erläuterungen dazu auf deutsch und ließ mich wissen, welcher beson­ders délicieux sei. Bei Wein und Käse redeten wir über die nahe Zukunft, und als Paul sich beklagte, dass er überhaupt keine Lust auf's Gymnasium habe, sondern viel lieber auf dem Lycée in Narbonne geblieben sei, meinte Carole: „Dann komm doch auch zum Lycée francais. Das ist doch nicht nur für Franzo­sen, und wenn ich dann ein Jahr zurückgehen muss, sind wir vielleicht sogar in der selben Klasse.“ Daran hatte Paul noch gar nicht gedacht. Wenn das zum kommenden Schuljahr noch funktionieren sollte, würde es allerdings höchste Zeit. Penny und Monsieur Lajourdie sollten es in dieser Woche noch in die Hand nehmen, wurde am Frühstückstisch überlegt. Nach dem Frühstück kamen die Eltern rüber, da wir heute nach Schloss Benrath wollten. Als Carole mich Üli nannte, bekam sie einen entsetzt strafenden Blick ihrer Mutter. Heftig erklärte sie ihr, dass Madame Römer es selbst so gewollt habe. In Deutschland sei man eben moderner und fortschrittlicher. In Frankreich lebe man dagegen in vielen Bereichen noch wie im Mittelalter, als ob die französische Revolution überhaupt nicht stattgefunden habe, lege man höchsten Wert auf die Beachtung und Ein­haltung hierarchischer Etikette. In Deutschland gibt es viele frankophile Men­schen, die in grenzenloser Bewunderung alles Französische verehren, Carole schien anzufangen, germanophil werden zu wollen.


Schloss Benrath


In Benrath wusste ich nicht, was ich von Paul hörte. Mir war auch einiges über das Schloss bekannt, schließlich war ich auch schon mehrfach hier gewesen, aber Paul kannte alles. Wie kam er dazu, mit Literatur oder Philosophie hatte das doch nichts zu tun. Das war doch Architektur und Geschichte. Er kannte alle Details und konnte zu den Hintergründen und Rahmenbedingungen etwas sagen. Einen besser informierten Fremdenführer konnte ich mir nicht vorstel­len. Er wusste auch sogar, dass ein Bild mit dem Schloss Benrath im Élysée Pa­last hänge. Die ganze Familie Lajourdie umlagerte ihn, und Penny wollte völlig erstaunt von mir wissen, woher er das habe. Sie seien mal mit der Schulklasse hier gewesen. Das sei aber sehr unbefriedigend verlaufen, der Lehrer habe nicht viel Ahnung gehabt. Er habe sich selber kundig gemacht, und dann sei es einfach eben immer weiter gelaufen mit Kulturgeschichte und Architektur. Ge­sprochen habe er mit mir nie darüber, weil er der Ansicht war, dass es mich nicht interessieren würde. So klärte Paul es auf. Während Monsieur Lajourdie gespannt zuhörte, was Paul ihm zu der Benrather Linie erklärte, fragte ich Ma­dame Lajourdie nach den Lieblingsgerichten der Kinder. Ich wollte nur die Na­men, nach den Rezepten wollte ich dann im Internet schauen, aber Madame war der festen Überzeugung, das das Wichtigste in den Rezepten gar nicht er­wähnt sei. Ich bekam dezidierte Kochanweisungen, die ich natürlich nicht be­halten konnte. Wir wollten mal an einem Abend bei mir zusammen kochen.


Kochen mit Solange


Beim Kochen blühte Madame Lajourdie auf. Die sonst einen eher ernsten, nüchternen Blick hatte, begann zu scherzen und zu lachen. Und dann wollte sie wissen, warum ich denn wirklich von den Kindern mit du angeredet werden wolle. Ich machte ihr klar, dass ich damit überhaupt keine modernen oder fort­schrittlichen Ambitionen verfolge, erläuterte ihr, wie es mit Paul dazu gekom­men sei, und dass ich es jetzt unpassend fände, wenn Paul mich duze Carole mich aber mit Sie anrede. Ich hätte mit dem Du sagen überhaupt keine Proble­me, fände es eher vertrauensvoller, persönlicher. In vielen Ländern gebe es das Sie überhaupt nicht. Wir kochten, scherzten und lachten weiter. „Nach ihrer Vorstellung wäre es jetzt sicher am angebrachtesten, wenn sie mich Solange nennen würden?“ meinte Madame Lajourdie, „ich fände das auch sehr schön.“ Ich lächelte, sie wollte mich auch Üli nennen.Wir gaben uns die Hand, strahlten uns an und umarmten uns. „Ich habe früher nicht viel von Deutschland gehal­ten. Weißt du, mein Großvater war in einem KZ oder Lager und ist dort umge­bracht worden. Ich merke jetzt noch manchmal, dass ich ganz erstaunt bin, dass hier ja richtig zivilisierte Menschen wohnen. Es ist unglaublich, wie tief so völlig unsinnige Vorurteile sitzen können. Ich bin ein wenig dumm in alledem, aber man sagt, dass es in Deutschland einen Hass auf die Franzosen gäbe. Weißt du warum das so ist?“ erklärte Solange. Ich musste schrecklich lachen umarmte Solange und wir wären beinahe vor Lachen ins Stolpern gekommen. Ich erklärte ihr, dass das Gegenteil davon zuträfe und die Zeit mit dem Franzo­senhass weit vor unser beider Existenz gelegen habe. Die Einstellung wegen ihres Großvaters könne ich aber sehr gut nachvollziehen. Ich hätte diese Ein­stellung in Israel erfahren und verstehen gelernt und Menschen bewundert, die sich trotz der KZ-Nummer auf dem Arm mit jungen Deutschen unterhalten hät­ten. Damit war das Tor zur gegenseitigen Information über unsere Biographien eröffnet und einem endlosen Gesprächsverlauf stand nichts mehr im Wege. Dass es intim und vertraulich wurde, dafür schien das 'du' bei Solange viel mehr zu bewirken als bei mir. Sie war zwei Jahre älter als Sabine, aber es kam mir vor, wie der Unterschied zwischen einer weisen Frau und einem Teenager. Ich glaube, Solange und ich waren dabei, Freundinnen zu werden.


Visitez Cologne


Am Dienstag waren wir in Köln gewesen. Manfred war auch mitgekommen, weil man sich bei den Museen nicht einigen konnte. Monsieur Lajourdie war es im Grunde gleichgültig, aber er wollte Köln nicht wieder verlassen, ohne Peter Zumthors Columba Museum gesehen zu haben, Carole und Paul wollten ins Rö­misch-Germanische, Roger musste ins Sportmuseum und Alette konnte man das Schockoladenmuseum nicht vorenthalten. Madame Lajourdie fand eine Ausstellung im Museum Ludwig so hervorragend und wollte sie unbedingt be­suchen, da sie so etwas sonst nie wieder zu sehen bekäme.

Am Mittwoch machte jeder was er wollte. Penny war mit den Infanten im Aqa­zoo, und ich ging mit Monsieur und Madame zum Markt und anderswo einkau­fen, ins Café und über die Kö, denn am Abend wollten wir ja kochen. Das ge­meinsame Essen gestaltete sich sehr bewegend, aber es gab auch viel zu la­chen. Ich erinnerte, dass ich sogar noch ein französisches Chanson über Freundschaft unter allen Menschen kannte. Ich hätte es nie offiziell gelernt, nur einige Male gesungen, aber ich glaubte,nichts davon vergessen zu haben. Ich sollte es singen. „Si tous les gars du monde, décidaient d'être copains“ begann es. Die Kinder staunten und lächelten, aber Solange stimmte mit ein. Sie kann­te das Chanson auch. Unter den Jugendlichen heute sei es nicht mehr so prä­sent. Nach dem Refrain sollten wir weiter singen. Bei „L'amour c'est comme au régiment, il n'faut pas chercher à comprendre.“ schaute ich Paul an, der lächel­te, umarmte seine Carole und gab ihr einen Kuss. Es herrschte eine Stimmung, wie Völkerfreundschaft im familiären, nein Unsinn, man freute sich einfach, dass man sich untereinander gut leiden mochte.


Homo neanderthalensis


Am nächsten Tag besuchten wir das Neandertal und aßen in Mettmann zu Abend. Monsieur Lajourdie und Carole hatten sich von Paul alles erklären las­sen, dass Solange sich mit mir darüber unterhielt, war selbstverständlich, und die beiden kleinen hingen an Pennys Lippen. Solange kam abends noch mit zu uns, weil sie sich gern mit mir unterhalten wollte. Es war so interessant und wichtig, was wir uns zu sagen hatten. Worüber wir sprachen hätte man endlos fortsetzen können, und der Wein schien heute Abend besonders lecker zu sein, sodass wir um ein Uhr die einzigen waren die noch nicht schliefen, und nie­mand mehr Solange nach Hause bringen konnte. Auf der Schlafcouch in mei­nem Zimmer musste sie übernachten. Die Kinder staunten nicht wenig, als Ma­man in meinem Bademantel auch ins Bad wollte. Solange lachte immer nur und machte Scherze. Die Kinder staunten und lachten auch. Ich war der An­sicht, dass sie sich äußerst wohl fühlen müsse. Vielleicht hatte sie ja zu Hause niemanden, mit dem sie so reden konnte wie mit mir, oder sie empfand sich als ungewöhnlich frei bei unserem Gespräch, auf jeden Fall wusste Carole, dass Maman mit Sicherheit Speed genommen haben musste. Dass Solange und ich Freundinnen waren und es bleiben würden, wer wollte das noch bezweifeln.


Mon chéri Gilbert


In Köln hatte sich herausgestellt, dass es nicht weit bis Bonn, Beethovens Hei­mat, sei. Das konnten Monsieur Lajourdie und seine Frau nicht ertragen, so nahe daran und nicht dort gewesen zu sein. Also Bonn, es gab ja auch nicht Weniges, was sonst noch interessant sein könnte. Carole und Paul wollten auch zum Beethoven-Haus, während Roger und Alette nach Information das Haus der Geschichte bevorzugten. Auf der Rathaustreppe, wo General de Gaulle 1962 die Deutschen wieder begrüßt hatte, musste jeder von den Kindern ge­standen, und den Marktbesuchern mitgeteilt haben, dass man die Deutschen auch voll in Ordnung finde. Als sie die sieben Berge von Blanche-Neige (Schneewittchen) sah, wollte Alette noch unbedingt mit dem Bötchen zum Drachenfels fahren, Monsieur Lajourdie lieber zur Lorelei, aber für beides war es mittlerweile zu spät geworden. Essen gab es heute in einem französischen Restaurant, und alle waren entzückt, dass es so etwas Hervorragendes gab. „In Deutschland nimmt man die Völkerfreundschaft viel ernster als in Frankreich.“ war Solanges Ansicht, „Hier gibt es eine französische Schule, französische Restaurants, Geschäfte, in denen du alles Französische kaufen kannst und bei uns? Nichts. Obwohl im Sommer auch immer sehr viele Touristen aus Deutschland bei uns sind. Nein, nein, das ist nicht in Ordnung.“ Sie solle froh sein, meinte ich. „Schau dir mal Palma de Mallorca an, da gibt es alles auf Deutsch. Es ist grässlich. Während die Franzosen haute culture exportieren, lieben es die Deutschen im Ausland manque de culture zu demonstrieren. Solange, freu' dich lieber, dass man denen, die deutsche Kultur exportieren wollen, nicht allzu sehr entgegen kommt.“ meinte ich dazu lächelnd. Sie verstand nicht recht, und ich erläuterte, dass es sich auf den Massentourismus bezöge. In kleineren und mittleren Orten finde man hier auch nichts Französisches. Monsieur Lajourdie korrigierte seine Frau, er könne sie nicht voll unterstützen. In Narbonne sei das vielleicht so, aber an der Universität dominiere Deutsch eindeutig vor Spanisch, obwohl Spanien ja direkt nebenan liege. Spanien biete keine Perspektive, während Deutschland hohes Ansehen genieße. Nach dem Essen kamen alle mit zu uns. Wir wollten uns noch unterhalten und Penny versprach, nichts zu trinken und die Lajourdies nach Hause zu bringen. Solanges aufgeschlossene Lustigkeit steckte auch ihren Mann an und im Verlaufe des Abends meinte er. Es sei vielleicht nicht der höflich korrekte Weg, aber ich würde seine Frau anreden, wie er sie auch anrede, ob es denn da nicht angebracht sei, dass ich ihn auch anspreche, wie seine Frau ihn nenne. Nein, nein, ich würde ihn nicht mon chéri nennen, scherzte ich. Nach Abwicklung der entsprechenden cérémonie waren wir füreinander Gilbert und auch Üli. Lajourdies wollten wissen, wie denn eigentlich genau meine Beziehung zu Paul sei, ob ich für ihn so etwas wie eine Mutterstelle übernommen habe, und er bei mir aufgewachsen sei? Er spreche immer nur von mir, nie von seiner tatsächlichen Mutter. Ich erklärte ihnen, was sich in den letzten zwei Jahren durch einen Zufall entwickelt hatte. Lajourdies waren fassungslos. „Und trotzdem ist er so ein wunderbarer Junge geworden, und so lettré, man kann es nicht glauben. Und du hast ihn gerettet Üli, du bist seine gute Fee, da kann ich mir gut vorstellen, dass er nur von dir spricht. Üli, ich brauche auch eine gute Fee, ihr müsst uns unbedingt so bald wie möglich in Narbonne besuchen.“ forderte mich Solange auf. In den Herbstferien, wollte ich sie mit Manfred besuchen kommen. Anders ging es ja nicht, ich hatte ja jetzt zwei schulpflichtige Kinder.

Natürlich musste auch noch das Heinrich-Heine-Museum besucht werden. So­lange wollte unbedingt ins Düsseldorfer Schauspielhaus, meine frühere Wir­kungsstätte. Sie würde nichts verstehen, aber einiges könnten wir ihr sicher erklären. Großer Abschied am Flughafen, das konnte vor dem Besuch niemand ahnen, Dank und Freude und Wünsche für baldiges Wiedersehen, Alette wollte demnächst auch in Deutschland zur Schule und ich kritisierte: „Carole, du weinst ja gar nicht.“ Sie lächelte, umarmte Solange und drückte sie ganz innig.


Peer und Sabine überflüssig


Bei allem was wir unternommen hatten, waren Peer und Sabine außen vor ge­blieben. Sie stellten nur Bett und Frühstück für Madame und Monsieur Lajour­die zur Verfügung. Sie konnten zwar an vielem nicht teilnehmen, weil sie beide arbeiteten, aber auch da, wo es möglich gewesen wäre, kam keiner auf die Idee, sie einzubeziehen. Wahrgenommen hatten sie es bestimmt, denn Sabine meinte einige Tage später zu Paul: „Du machst ja jetzt alles alleine, du brauchst uns ja nicht mehr. Wir sind doch bedeutungslos und überflüssig für dich.“ „Ach Mama,“ habe Paul geantwortet, „du wirst doch nicht gleich beleidigt sein, wenn du mal kurz erfährst, wie es für mich siebzehn Jahre lang war. Ich habe mich doch auch nicht beschwert. Reiß dich mal ein wenig zusammen. Und wenn du im Bett mal weinen musst, am nächsten Tag sind die Tränen wieder getrocknet. Also, Zähne zusammen und durch, du schaffst das schon.“ Sabine habe kein Wort gesagt und anschließend den ganzen Nachmittag, geheult und geschimpft. Alles was sie anfasse würde Mist, und woher sich der Junge das Recht nähme, sie so zu beleidigen. Peer und Sabine hatten mit Ruth darüber gesprochen, die der Ansicht war, sie hätten es ja nicht absichtlich dahin kom­men lassen, hätten nicht gesehen was sich entwickle, sie glaube nicht, dass sie allein aus dieser Situation wieder herausfinden und zu einem freundlichen Ver­hältnis zu Paul kommen könnten. Wenn sie es wirklich wollten, vielleicht sei ja noch nicht alles zu spät, dann könnten sie auf Hilfe von außen nicht verzichten.


Schulprobleme


Die Schule begann, und Paul war wohl dank des persönlichen Einsatzes des Herrn Professors doch noch am Lycée aufgenommen worden. Drei Wochen lang hockten die beiden vom Schulschluss bis spät abends ständig zusammen. Ca­role hatte ständig Angst, es nicht zu schaffen. Außerdem fühlte sie sich nicht wohl. Im Grunde seien die Mitschülerinnen und Mitschüler alles Deutsche, auch wenn sie einen französische Pass hätten. Nur ihre Ansichten seien äußerst kon­servative nordfranzösische Einstellungen mit den starken typischen Vorurteilen. Sie habe das Gefühl, wegen ihres dunkleren Teints immer als Beurette angese­hen zu werden, obwohl ihre glatten Haare ja gar nicht zu dem Bild passten. Nach drei Wochen war sie sicher, es zu schaffen, keine Klasse wiederholen zu müssen und eine deutsche Freundin hatte sie auch gefunden. „Paul ist ein Zau­berer. Er hat einen starken Geist. Er hat mich aufgerichtet. Jetzt brauche ich mir keine Sorgen mehr zu machen.“ erklärte sie mir.


Großes Bett


Carole fand es wunderbar, dass hier alles so grün sei. Die Wälder und die Wie­sen seien herrlich, das satte Grün sei voller Leben und schmeichle den Augen, bei ihnen sei alles nur beige, braun und vertrocknet. „Raus in die Natür!“ ver­kündete sie immer sonntags nach dem Mittagessen. Auf Discobesuche stand sie nicht. Es sei laut, dumpf und langweilig gewesen erklärte sie nach einem Versuch. Die beiden machten abends lieber etwas anderes, gingen ins Kino, mit mir ins Theater, Carole war zum ersten Mal in einer Oper, sie lachte sich tot beim Freischütz, fand es aber trotzdem nicht nur lustig, doch meistens lagen sie beim einen oder der anderen auf dem Bett, redeten miteinander und schmusten dabei. An einem Sonntagmorgen war es schon fast Mittag und die beiden waren immer noch nicht aus den Federn gekommen. Ich wollte nachschauen, aber Pauls Bett war leer. Als die beiden glücklich lächelnd auftauchten, flüsterte Paul mir zu: „Ulrike, Carole und ich haben zusammen geschlafen.“ Er gab Carole einen Kuss, und die streichelte ihm die Wange. „Mon Dieu, was machen wir jetzt? Ich glaube, ich sollte ein wenig Wein holen.“ meinte ich, stand auf, gab jedem einen Kuss und holte den Wein. Es wurde sehr lustig und ich versuchte zur Feier des Tages noch Plätze im Französischen Restaurant zu bekommen. Ich sah ein Problem. Wenn sie mit einander schlafen würden, müssten sie ja immer zu zweit in einem Einzelbett liegen. Das könne man mal einmal machen, aber als Dauerzustand sei es doch unerträglich, und ein großes Bett in eins der Zimmer stellen, dann sei es als Wohnraum zu klein. Keine Lösung in Sicht. Manfred machte den Vorschlag, Carole solle doch in unser Schlafzimmer ziehen, das sei als Wohnraum mit Doppelbett groß genug. Wir würden dann in ihrem Zimmer schlafen und das kleine Gästezimmer als Wäsche und Ankleideraum benutzen. Die beiden zierten sich erst, es anzunehmen, waren aber überglücklich und dankbar. Am Montag sollte ein Bett gekauft werden, und Carole verkündete ihrer Mutter stolz, sie wohne jetzt im größten Zimmer des Hauses. Die beiden schliefen nur noch bei Carole, und mir erklärte sie die Wonnen des gemeinsamen Schlafens und Aufwachens im gleichen Bett. Das wolle sie nie wieder anders haben.


Wer ist Kaspar Hauser?


Ich konnte den Flug nach Perpignan gar nicht buchen, weil die Buchmesse in den Herbstferien stattfand, und ich den genauen Termin für meinen Auftritt noch nicht kannte. Herbert sollte sich mit seinen Terminplanungen beeilen, sonst könnte ich eventuell erst Weihnachten wieder fliegen. Am nächsten Tag nannte Herbert mir den Termin für meinen Auftritt. Er lag zu Anfang der Ferien, und ich konnte alles für Perpignan klären. Pablo hatte nochmal sein gedrucktes Buch gelesen. Er trug es immer mit sich herum und strahlte, wenn wir davon sprachen. Ich hätte im Vorwort etwas von Kaspar Hauser geschrie­ben, wer das denn sei und was der denn mit ihm zu tun habe. Ich erzählte ihm von Kaspar Hauser und verdeutlichte die Bezüge. „Aber warum liest du es nicht selber, wenn du jetzt Bücher auch liest?“ fragte ich ihn vorwurfsvoll lächelnd. Ja er wollte es lesen. Was ich dazu besaß, war aber nicht als Erzählung zu le­sen, ich wollte ihm morgen eine andere Ausgabe besorgen. Handkes Kaspar wäre zwar für die Erklärung der Zusammenhänge interessanter, ist aber keine Story Kas­par Hausers. Also sollte der Roman von Jakob Wassermann: 'Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens' besorgt werden. Zur Buchmesse hatte Pablo schon drei Bücher gelesen, zweimal sein eigenes und einmal Kaspar Hau­ser. Die Frage, was er mit dem Roman-Kaspar zu tun hätte, löste umfangreiche Diskussionen aus, die Pablo dazu brachten, seine Geschichte nicht nur aus der Perspektive individuell betroffener Verletztheit zu sehen, sondern sie im Rah­men ihres gesellschaftlichen Kontextes erkennen zu können. Eine neue Welt tat sich damit für ihn auf. Carole hatte Pablo jetzt auch schon zweimal gesehen, und sie würde ja auch mit zur Buchmesse fahren. Sie erkundigte sich näher zu Pablo. Ob er spanische Eltern habe? Ich erklärte ihr, dass seine Mutter eventu­ell Picassofan gewesen sei oder er habe den Namen in Anlehnung an Pablo Ne­ruda erhalten, was naheliegender sei. Seine Mutter sei nämlich wohl in Litera­tur vernarrt gewesen. Carole meinte, sie würde sich gegenüber Pablo wahr­scheinlich auch eher wie die anderen Kneipengäste verhalten haben. Es sei auch ungeheuer schwer, ein Bild könne man lange betrachten und sich darauf einlassen, aber bei anderen Menschen habe man einen kurzen Blick, höre ein paar Worte, und das Urteil sei gefällt, und das oft eben oberflächlich, vorur­teilsbehaftet und falsch. Wieso ich denn von Pablo ein anderes Bild gehabt hät­te als die Übrigen, wollte sie wissen. „Üli, du bist selbst ein wenig exzentrisch, oder? Ich liebe das auch, und deshalb liebe ich dich auch. Wir werden einen 'Club des Femmes excentriques' gründen und uns nur sehr verrückte Dinge einfallen las­sen.“ schlug Carole vor und wir lachten.


Frankfurter Buchmesse


Wir waren zu Fünft in Frankfurt, alle zum ersten Mal auf der Messe, und alle waren ergriffen, nur mir stank es. Bei der Diskussion im Anschluss an die Vor­stellung schien es niemandem der Journalisten um den Inhalt des Buches zu gehen, alle versuchten nur, durch Tricks und plumpe Fragen Hinweise auf An­haltspunkte hinter der Anonymität zu finden. Ich hatte schon mal erklärt, dass es sich nicht um einen Krimi handele, bei dem es darum ginge die Anonymität zu knacken, aber Herbert riet mir zur Mäßigung und ich solle sie keinesfalls verärgern. Mir passte auch das ganze Ambiente der Messe nicht. Ich mag es viele Bücher zu sehen in Buchhandlungen und Bibliotheken, aber hier das erin­nerte mich eher an eine Mischung aus Winterschlussverkauf und Autosalon. Zu dem, was ich mit Lesen verband, passte die Atmosphäre überhaupt nicht. Ca­role hatte gedacht, die Franzosen würden viel lesen, aber in Deutschland schi­en es ja noch viel schlimmer zu sein. Paul konnte das aufklären. Was aus Pab­los Buch werden würde, konnte man nicht voraussehen, aber die Vorzeichen 'unbekannter Autor' in einem 'kleinen unbedeutenden Verlag' waren nicht eben sehr erfolgversprechend. Herbert meinte, er wisse nicht ob er das jetzt noch­mal machen würde. Er habe sich sehr stark von seiner Betroffenheit leiten las­sen, ökonomisch gesehen sei das falsch und gefährlich. Das Buch bewege sich zwischen allen Kategorien. Ein Großverlag könne seine Marketing-Maschinerie anlaufen lassen, und das Außergewöhnliche und Besondere großartig heraus­stellen, über so etwas verfügten sie aber leider nicht. Vielleicht melde sich ja im nächsten Jahr Suhrkamp und wolle die Rechte erwerben, scherzte er und lachte.


Besuch bei Lajourdies im Roussillon


Die älteste römische Provinzhauptstadt scheint heute fast außerhalb dieser Welt zu liegen, in Paris die Flughäfen wechseln, und von Perpignan Rivesaltes dauert es dann noch mal eine Stunde mit dem Auto nach Narbonne. Dass es trotzdem von Paul mit Begeisterung aufgenommen und mit Lob überschüttet wurde, kann ich jetzt gut nachvollziehen. Eine andere Welt scheint es wirklich zu sein, zumindest mit Sicherheit als die Düsseldorfer. Dank Solanges per Mail geschickter detaillierter Rezepte waren wir geschmacklich schon okzitanisch ausgerichtet, aber die Welt sieht hier aus wie eine Mischung aus Katalonien, Pyrenäen und alter französischer Geschichte. Und vorher, als von Düsseldorf noch nichts zu sehen war, hatten die Römer schon eine Zentrale ihres späteren Weltreiches hier eingerichtet. Auch wenn hier ein wenig mehr Ehrfurcht gebo­ten ist als in der Wirtschaftszentrale am Niederrhein, sind es die südwestlich mediterrane Lebensweise und das Klima, die ein völlig anderes Flair und Le­bensgefühl vermitteln. Alle waren gekommen, um uns am Flughafen zu begrü­ßen, obwohl wir ja offiziell gar nichts mit Paul und Carole zu tun hatten, son­dern lediglich die Räume zur Verfügung stellen. Faktisch war es jedoch anders und wurde auch so gesehen. Die Kinder wollten alles genau wissen, und Alette interessierte, ob Carole und Paul denn jetzt bald heiraten würden. Lajourdies Haus war nicht üppig, aber dass Paul sich hier wohlgefühlt, und es besser als in Düsseldorf gefunden hatte, konnte ich nachvollziehen und bestätigen. À propos alles braun und vertrocknet, Carole. Sie hatte wohl noch nie gesehen, was ihr Haus umgab. Bunte Blumen, Feigenbäume und alle möglichen Kräuter und Ge­würze. Wir sollten uns ein Auto mieten und die vielen Sehenswürdigkeiten im Roussillon besuchen, da sie und Gilbert ja beide arbeiten mussten und die Kin­der in der Schule waren, meinte Solange. Dazu hatte ich aber keine Lust. Ich wollte weniger Sightseeing machen, als das Leben hier erfahren, mich einfüh­len können. Solange, die vermutete, ich wolle es wegen des Geldes nicht, bot uns ihr Auto an. Sie wolle sich dann von einer Freundin eins leihen. „Solange, ich bin nicht wegen der Sehenswürdigkeiten hier, dann hätte ich auch zu den Pyramiden fahren können. Ich wollte erfahren, wie du lebst, was dich umgibt, wie dein Alltag aussieht. Ich bin neugierig und es macht mir Freude, ein wenig in deiner Welt zu leben.“ erklärte ich. Solange schaute in die Luft und meinte nach kurzem sinnieren: „Weißt du Üli, dann machen wir alles ganz falsch. Sonst sind Nachmittags oder abends immer Freundinnen oder Bekannte da, und wir haben allen gesagt: 'Jetzt geht es nicht. Wir haben Besuch aus Deutschland.' Wie dumm! Ich werde alle anrufen und ihnen sagen, dass dem Besuch aus Deutschland nichts lieber wäre, als sie kennen zu lernen. Machen wir das so? Und du wirst mir viel mehr bei der Hausarbeit helfen und auch mal einkaufen müssen. Dann erlebst du ein wenig mehr meiner Welt. Nur mit Gil­bert das würde ich gerne allein weitermachen, oder stört dich das?“ Wir lach­ten, umarmten uns und ich freute mich. „Aber am Wochenende zum Pic du Ca­nigou, unserem catalanischen Olymp und nach Collioure und Banyuls-sur-Mer das machen wir doch. Ohne das erlebt zu haben, darfst du hier nicht wieder wegfahren.“ ergänzte Solange. Nein, nein, das wollte ich ja auch. Vielleicht gab's in Collioure ja auch etwas über Picasso, als er dort gelebt hatte. Am bes­ten mit einem dicken Pablo drauf. Jetzt musste ich wieder an ihn denken. Seit­dem ich hier war, schien Düsseldorf völlig ausgeblendet, auch an Paul und Ca­role hatte ich keinen Gedanken verschwendet, doch Paul rief an. Ich verstand gar nicht, was er sagen wollte. In immer wieder neuen Wendungen mühte er sich, rumzudrucksen und sich Selbstvorwürfe zu machen. Sie seien so unver­nünftig gewesen, hätten keine Obacht gegeben, so leichtsinnig hätten sie ge­handelt. „Paul, hör' auf! Sag' was ist. Du machst mir Angst.“ unterbrach ich ihn. Die Süßen hatten kein Geld mehr. Waren in Berlin, Münster und Aachen gewesen, zu viel für das schmale Konto. Und ich dachte schon, Carole sei schwanger, das Haus abgebrannt oder etwas in der Richtung. Carole lache immer, aber ihm sei es unendlich peinlich. Ich bemühte mich, Paul auch wieder zum Lachen zu bringen, und erklärte ihm, ich würde Penny anrufen und mich dann wieder bei ihm melden. Sie sollte den beiden 500 € geben, denn wenn sie Paul fragen würde, wie viel er benötige, würde er wahrscheinlich 7,50 € sagen.

Bei Lajourdies war es jetzt nachmittags voll. Es war wohl üblich, das wenigsten eine Freundin oder ein Bekannter zum Kaffee oder einfach, um sich kurz zu un­terhalten, vorbei kam, jetzt waren es immer mehrere. Sie kamen nicht aus Neugier, Deutsche bekam man ja im Sommer genug zu sehen, es war eine Art von Verbundenheit mit Solange, dass man ihre deutschen Freunde begrüßte. Wir begegneten ausschließlich aufrichtigem Interesse, Freundlichkeit und Herz­lichkeit. Wenn ich zum Beispiel erzählte, das es bei uns auch die Roussilon Kü­che gäbe, war das Interesse besonders groß. Ich musste öfter meine E-Mail-Adresse nennen, weil man mir noch hilfreiche Tipps geben wollte. Zunächst dachte man immer, ich sei Pauls Großmutter. Ich konnte es erklären, wie mein Verwandtschaftsverhältnis zu Paul war, hatte es extra gelernt. „Das machen wir nicht.“ erklärte Solange, „Was sagt das aus? Tu es l'ange gardien qui veille sur Paul. Du bist Pauls Schutzengel. Das sagt alles und ist wahr.“ Wir saßen auf der Terrasse oder unterhielten uns in der Küche, und mir kam es vor, dass in Nar­bonne nur äußerst freundliche und nette Menschen wohnten, zumindest die, die Solange und Gilbert davon kannten. So etwas hätte ich den beiden in Düs­seldorf gar nicht bieten können. Neben Ruth hatte ich nur eine engere Freun­din. Ansonsten gab es einen Bekanntenkreis, zu dem ich sehr lose Beziehun­gen hatte, und von denen ich sicher niemanden hätte fragen zu brauchen, ob er nicht Lust habe, meine französischen Freunde kennen zu lernen. Für Deutschland war es nicht ungewöhnlich, aber Solange gegenüber war ich eine Einsiedlerin. Dass die Verwandten mit den Leuten, bei denen Carole jetzt lebte, ein paar Worte wechseln wollten, verstand sich von selbst. Mein kleines Büch­lein war fast voll mit Tipps und Hinweisen, mit Namen und Adressen. Als wir uns verabschiedeten erklärte ich Solange, dass ich sie um ihr Leben hier benei­de. So würde ich leben wollen, 'wenn ich mal alt wäre'.


Grand besoin des bicyclettes


Ich hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt, ob es für Manfred und mich nicht hier eine angenehmere Zukunft gebe? Zu Hause wollte ich mir alle Bü­cher über das Roussillon besorgen, aber ob man daraus mehr über Leben und Menschen erfahren konnte, als ich in den vierzehn Tagen hier erlebt hatte, wagte ich zu bezweifeln. Zumindest hatte ich das Empfinden, gegenüber Paul beim Verständnis der Welt, aus der Carole kam, ein Stück ebenbürtiger gewor­den zu sein. Das Wort 'farbenblind' gefiel Carole so gut, das es zu ihrer Lieb­lingsbezeichnung wurde für alle, die nicht den entsprechenden Durchblick hat­ten, wenn man etwas nicht verstand oder sich sonst wie ungeschickt verhielt. Obwohl ja tatsächlich selbst das üppige Grün um Canet-en-Roussillon und in der Umgebung des Canigou natürlich eine mediterranes Grün war, und nicht dem satten Voll­ton der Rhénanie basse entsprach. Es wunderte mich, das Ca­role nicht mehr Heimweh nach dem Leben zu Hause hatte, aber für junge Men­schen kann eine große Stadt natürlich sehr attraktiv wirken, zumal Düsseldorf ja wenig Nachteiliges, wie schmutzige Industrie zum Beispiel aufzuweisen hat­te. In Marseille war sie gewesen, da würde sie nie leben wollen, alles voller Maffia und Gangstern. Alle größeren Städte Frankreichs hielten ihrer Einschät­zung nach einem Vergleich mit Düsseldorf nicht stand. Auch Berlin, Aachen und Münster seien wunderbare Städte. Am interessantesten und lustigsten fand sie Münster, hier würde sie gern studieren wollen, nur habe sie leider gar kein Fahrrad und ohne könne man sich wahrscheinlich nicht immatrikulieren. „Paul, warum hast du kein Rad?“ fragte sie. Paul hatte sich darüber noch nie Gedan­ken gemacht, außer der kleinen Fenja besaß keins der Kinder ein Fahrrad. „Bei uns sind sie ja auch alle farbenblind. Die Tour kommt öfter bei uns vorbei, aber selber auf's Rad steigen tut niemand.“ kritisierte Carole. Die beiden spannen, was man alles machen könne, wenn man ein Fahrrad hätte. Dass es ganze We­genetze für Radfahrer gab, wusste Paul gar nicht, aber Carole war bekannt, das Fahrradfahren in Paris auch sehr beliebt war. Ein Fahrrad als Weihnachtsge­schenk für die beiden? Non, non, non, das war zu viel. Das konnte man nicht akzeptieren. Ich argumentierte, dass es ja nicht nur zum Vergnügen diene, sondern ein wichtiges Übungsgerät für Caroles Studium sei.


Katalanische Weihnachten am Niederrhein


Dafür müssten die beiden das Weihnachtsfest gestalten. Ich lege Wert auf möglichst viel mediterranen Zauber. Entscheidend sei das Essen und hier vor allem Gebäck und Süßes, aber Weihnachten ohne einen 'gâteau de Noël' mit getrockneten Birnen und Apricosen, das sei eigentlich kein richtiges Fest, denn der Kuchen symbolisiere den Körper des Jesuleins. Ohne Krippe oder ein Krip­penspiel sei Weihnachten eigentlich auch nicht komplett. Nein, nein, eine Krip­pe kaufen wollte man auch gar nicht. Die Figuren müssten ja arme Katalanen aus den ersten Jahrhunderten sein, aber viel beliebter seien sowieso die pesse­bres, die Krippenspiele. Fenja spielte das Neugeborene, Carole und Paul les saintes parents, Manfred sollte den Hirten geben und ich ihm als Engel erschei­nen. Bevor mit dem Menü begonnen werde, läse die Mutter etwas vor, so habe es ihre zumindest immer gemacht. Carole bat mich, das doch auch zu tun. So­lange würde mir bestimmt Texte schicken. Paul wollte auf einen prächtigen Weihnachtsbaum nicht verzichten und Carole war davon auch begeistert. Es wurde die lustigste, bunteste und opulenteste Weihachsfeier, die wir je erlebt hatten. Aber es gab auch Besinnliches. Als ich vorm Essen Solanges Geschichte über Freundschaft und Liebe der Menschen untereinander vorlas, kamen Carole die Tränen. Sie stand auf, umarmte mich und sprach leise zu mir: „Merci, Üli, das tut sehr gut.“. Jetzt mussten doch noch unbedingt sofort Lajourdies ange­rufen werden. Carole schien ein wenig high zu sein. „Maman, du hast etwas verpasst, in Düsseldorf geht es viel katalanischer zu als in Narbonne und der Düsseldorfer Papa Noël scheint mich auch sehr zu lieben. Er hat mir ein Fahr­rad geschenkt. Non, non, non, c'est vrai.“ musste sie der Maman immer wieder versichern. Ich musste mich bei Solange dafür fast entschuldigen. Alle wollten immer wieder miteinander reden, aber wir konnten ja das Essen nicht ver­schmoren lassen. Weihnachten hatten wir immer mit Penny, Fenja und Malte gefeiert. Es ging hauptsächlich ums gemeinsame festliche Menü. Der übliche Weihnachtsrummel und -tand konnte mich nicht gerade animieren. Den letzten Weihnachtsbaum hatten wir gehabt, als Penny klein war. Aber jetzt war alles ganz anders, und es machte uns unendlich Spaß. Die Fahrräder mussten direkt am Weihnachtsmorgen getestet werden. Sie hatten sie natürlich mit gekauft, aber vor Weihnachten durften sie nicht benutzt werden. Penny und Fenja ka­men zum Fotografieren mit raus, denn die Bilder mussten sofort nach Nar­bonne geschickt werden.


In den Weihnachtstagen holten sie Pauls letzte Bücher rüber. Alle Belletristik kam in Caroles Zimmer, das gemeinsame Schlafzimmer, „Weist du, Üli, wir le­sen immer im Bett.“ erklärte mir Carole, „Manchmal werden wir dann unter­schiedlich müde, aber manchmal reden wir auch darüber, wovon wir gelesen haben, und dann machen wir immer Liebe. Unser Sex kommt immer, wenn wir über das Gelesene reden. Ist das pervers? Ja, nicht wahr?“ Ich konnte mir das Lachen nicht verkneifen und meinte: „Ich weiß gar nicht, wann mein Sex kommt. Er ist manchmal einfach so da, und dann will er meistens etwas von Manfred.“ wir lachten und gaben uns einen Kuss, „Carole, alles ist o. k., wenn du es möchtest, weil du es so möchtest. Pervers gibt es nicht. Nur wenn es so ist, dass es dich quält oder auch andere belästigt, brauchst du Hilfe, dann musst du zum Arzt. Nur dafür, dass du Paul beim Reden über Gelesenes ero­tisch findest, wirst du wohl keinen Arzt finden können.“ „Nein, nein, wir lieben uns ja auch sonst.“ schwächte sie ihr Sexualproblem ab.


Studienpläne


Carole musste viel arbeiten. Sie wollte ein gutes Zeugnis beim Abitur/Bacca­lauréat haben, aber wofür? Was sie studieren wollte, das wusste sie nicht. Auf jeden Fall wollte sie mit Paul zusammen bleiben können, etwas mit Deutsch und Französisch und vielleicht auch Spanisch machen, aber auf keinen Fall Übersetzerin oder Fremdsprachenkorrespondentin in einer Firma werden. Wo sie studieren wollte, wusste sie auch nicht. Münster gefalle ihr wirklich gut, aber Perpignan sei auch nicht schlecht, nur eben sehr begrenzt. Paul war ganz anderer Ansicht. Sie lasse ja das Beste an ihr unberücksichtigt, wenn sie ihr Berufsleben nur auf den Sprachen aufbaue, die sie spreche. Er wisse schon, dass er Kulturgeschichte studieren werde. Dass müsse Carole doch eigentlich auch viel mehr interessieren. „Ja schon, aber was willst du nach dem Studium machen? Zu Hause sitzen, Hunger leiden und den Niedergang der Kultur bekla­gen. Das ist schön, wenn du nicht zu arbeiten brauchst, um deinen Lebensun­terhalt zu verdienen. Wir sind beide im Deutschen und Französischen zu Hau­se, warum sollen wir das für unsere berufliche Zukunft ungenutzt lassen? Wür­den wir da nicht auch etwas Wesentliches unberücksichtigt lassen?“ meinte Ca­role dazu. In den kommenden Wochen und Monaten diskutierten sie das The­ma weiter. Gleichzeitig holten sie Informationen über die Möglichkeiten in Münster und Perpignan ein. Der Masterstudiengang 'Journalismus und Medien­wandel' am Institut für Kommunikationswissenschaften in Münster gefiel Carole sehr gut, nur musste sie vorher den Bachelor oder etwas Ähnliches machen. Romanistik wollte sie noch zusätzlich belegen. Paul war's zufrieden, aber sei­nen eigenen Bedürfnissen entsprach es nicht. Er überlegte, in welchen Berufen, denn wohl Menschen mit umfänglichen Kenntnissen deutsch-französicher Lite­ratur, Kultur und Philosophie gebraucht würden. Eigentlich überall, nur gesucht wurden sie nie. Am ehesten noch in den Kulturredaktionen der großen Sender oder für die Feuilletons überregionaler Zeitungen. Sollte er vielleicht doch et­was mit Journalismus und Medien studieren? Um dann hinterher im L'Indepen­dant in Perpignan über die diesjährige Muschelernte zu berichten? Nein, dazu würde er es nicht kommen lassen, auch wenn er keine Beziehungen zu irgend­welchen Sendern oder großen Zeitungen hatte, er würde es schon offensiv an­gehen. Also wollten sich beide im übernächsten Jahr in Münster bewerben. Im nächsten Jahr wollte Carole sich um Praktika bei Zeitungen und beim WDR kümmern. Die Zukunft war geplant, beschlossen und wurde verkündet.


Sabine findet Paul


In den Frühlingsferien sollten Lajourdies kommen, und eine gute Freundin von Carole, der sie immer vorgeschwärmt hatte, wollte auch gerne mit. Wenn die Eltern wieder bei Paul zu Hause übernachten würden, bekämen wir die drei Jüngeren schon untergebracht. Wir wollten Fahrräder ausleihen, um mit allen eine Tour über Kaiserswerth zum linken Niederrhein zu machen. Sabine hatte Paul angesprochen. Sie seien wegen der angespannten Situation in der Familie bei einem Therapeuten. Ihr sei klar geworden, das sie vieles, ganz, ganz falsch gemacht hätten, und er am stärksten darunter zu leiden gehabt hätte. Ihr wäre sehr an einem klärenden Gespräch mit ihm gelegen. Das Verhältnis schmerze sie als seine Mutter, und wenn irgendeine Möglichkeit bestünde, dar­an etwas zu ändern, würde sie das sehr freuen. Ob er dazu auch bereit sei und Interesse daran habe, oder ob für ihn alles abgeschlossen sei, und es ihn nicht mehr interessiere. „Wieso? Ich habe doch nichts gegen dich. Ich fand euer Ver­halten nur manchmal lächerlich und fühlte mich oft sehr unverstanden und lieblos behandelt. Und das soll jetzt plötzlich alles ganz anders werden, und von mir erwartest du, dass ich das glaube? Mama, so unrealistisch kenne ich dich gar nicht.“ antwortete ihr Paul. „Ich weiß es nicht Paul, vielleicht ändert sich ja sehr vieles für uns beide, wenn wir miteinander gesprochen haben. Bit­te, lass es uns doch versuchen.“ Es kam zu dem Gespräch. Vom Spätnachmit­tag bis weit in den Abend unterhielten sie sich. Er hätte seine Mutter noch nie so erlebt. Sie hätte ständig gefragt, alles wissen und erklärt haben wollen und ihm ständig Zustimmung signalisiert. Nie habe sie ihm, wie sonst üblich, zu er­klären versucht, wie sich etwas tatsächlich verhielte. Sie wollten sich weiter unterhalten und dabei spazieren gehen. Paul konnte es noch gar nicht fassen: „Die Frau, mit der ich gesprochen habe, kann nicht meine Mutter gewesen sein. So schnell kann man sich nicht so massiv verändern. Dieser Therapeut muss ein Hexenmeister sein.“ meinte er. „Ich glaube gar nicht, dass deine Mut­ter ein anderer Mensch geworden ist, sie wird nur die Brille gewechselt haben und sieht jetzt einiges ganz anders. Wenn sie dem Therapeuten vertraut, und der ihr klar machen konnte, dass du unabhängig davon ob du ganz jung und ihr Kind bist, eine eigenständige Persönlichkeit hast, die respektiert und aner­kannt werden will, wie jeder andere Mensch auch, und dass du nicht nur ein Recht darauf hast, sondern psychischen Schaden erleidest, wenn es dir verwei­gert wird, und dass ausgerechnet noch von den Eltern, denen du doch vertrau­en können möchtest. Sie tun dir weh und quälen dich, obwohl sie meinen dich zu lieben. Wenn er ihnen das aufzeigen und sie davon überzeugen konnte, wird deine Mutter dich mit ganz anderen Augen sehen, wird wissen wollen, wie es sich für dich dargestellt hat. Erkläre es ihr gut, es wird ihr die Augen weiter öff­nen. Sie selbst wird sich kaum an etwas erinnern könnten, da ihr Handeln für sie ja normal und selbstverständlich war. „Ulrike, es ist kaum zu begreifen, aber ich glaube, sie wird meine Freundin.“ erklärte er mir fassungslos nach dem nächsten Gespräch. „Wir reden kaum noch über früher. Wir sprechen mit­einander wie gute Freunde und können auch zusammen lachen. Ich glaube, sie ist sogar stolz auf mich. Sie sei immer so gewesen, nur habe sie bei uns eine ganz schlechte Mutterfigur abgegeben. Jetzt sehe sie wo ihre Fehler gelegen hätten, aber man könne das Geschehene ja leider nicht zurücknehmen. Ich soll sie Sabine nennen, wenn ich mag. Wenn ich dich mit Vornamen anrede, könne ich das bei ihr auch. Sie lege keinen Wert auf das Mama, das habe sie schlecht genug gemacht. Meinst du nicht, wir sollten sie mal zum Essen einladen?“ frag­te Paul.


Essen mit Sabine


Sabine hatte nicht nur gelernt, Paul zu respektieren und zu akzeptieren, sie konnte auch frei darüber sprechen, konnte sich ihre Fehler eingestehen und es zwang sie nichts mehr, sich gegen vermeintliche Vorwürfe verteidigen zu müs­sen. “Ich konnte alles nicht sehen. Auch gegenüber Aron und Lana ist sicher vieles ganz schief gelaufen. Du siehst die Kinder, willst dein Bestes tun, damit sie zu fähigen, erfolgreichen Erwachsenen heranwachsen, und gleich das erste Kind will nicht so, schon als Baby. Ich habe bei Paul wirklich überlegt, ob ich noch ein weiteres Kind wollte. Aron ist ja dann auch erst vier Jahre später ge­kommen. Dass du etwas falsch machen könntest, auf die Idee bist du gar nicht gekommen. Das Kind war das Problem. Ich habe viel gelernt. Es hätte mir gut getan, es vorher zu wissen. Ein Kind, das ein Problem ist, gibt es nicht, es ist die Beziehung zwischen ihm und dir, die nicht stimmt, das Problem liegt bei dir selber. Auf solche Ideen kam ich nicht, ich hätte sie mir auch wohl kaum einge­stehen können.“ erklärte Sabine beim Essen. „Hast du ihn denn gar nicht ge­liebt, hast du immer nur gedacht, er macht Probleme?“ wollte Carole, die sehr aufmerksam zuhörte, wissen. „Doch schon, nur wenn er so oft etwas anders will als du, scheint er deine Liebe nicht zu erwidern. Das ist Unsinn, aber du empfindest es so, er wird dir langsam fremder. Der Beginn einer fatalen Ent­wicklung. Anstatt dich zu bemühen, ihn zu verstehen oder zumindest liebevoll seine kleine Persönlichkeit zu respektieren, denkst du wie dumm er ist, und wie wenig er seine Mutter liebt, wenn er nicht tut, was die von ihm möchte. Wenn du so denkst, wird die Beziehung zu deinem Kind immer unpersönlicher. Es bleibt zwar dein Kind, und du meinst es auch irgendwie noch zu lieben, aber ich weiß nicht wie groß Liebe ohne gegenseitiges Verstehen, Respektieren und Akzeptieren sein kann.“ antwortete ihr Sabine darauf, und Carole meinte: „Und trotzdem ist er so ein prächtiger Junge geworden, da hast du aber sehr viel Schwein gehabt.“ Alle lachten und Carole fuhr fort: „Vielleicht war es ja mein Schutzengel, der dafür gesorgt hat, dass der Mann, der mich mal nach Düsseldorf holen sollte, trotz allem ein sehr lieber und kluger Mensch wurde.“

Ich kannte Sabine vorher fast ausschließlich aus ihrem Verhalten Paul gegen­über und aus kurzen Gesprächen, um organisatorische Dinge zu klären, aber wenn mein Bild über sie zutreffend gewesen sein sollte, konnte sie nicht nur ei­niges psychisch geklärt haben, dann schien sie tatsächlich eine andere Frau geworden zu sein. Wahrscheinlich aber war sie schon immer so gewesen, nur sie konnte es nicht erkennen lassen, wir konnten es nicht sehen und beurteil­ten sie nach unseren Vorurteilen.


Nachbesinnung


Als Sabine gegangen war, diskutierten wir unter uns noch bis in die Nacht dar­über. Carole meinte, wir hätten uns Sabine gegenüber genauso verhalten, wie die anderen Leute Pablo gegenüber. Kurze Einschätzung und Beurteilung nach Vorurteilen. Ich sah das nicht so. Sabine sei nicht erfreut darüber gewesen, wenn man sich auf sie eingelassen hätte, sie habe es sich verbeten und sich dagegen gewehrt. Dass es jetzt bei ihr nicht mehr so sei, stelle sicher den größten Erfolg der Therapie dar. Man könne mit ihr reden. Das bedeute sehr viel. Mit den meisten Menschen könne man nur plaudern. Carole interessierte sich sehr dafür, wie Sabine mit ihren Kindern umgegangen war. „Warum ist sie denn mit Aron und Lana klar gekommen? Warum hat sie die denn nicht als wi­derspenstig empfunden?“ wollte sie wissen. Ich meinte, das Kinder von ganz klein an sehr unterschiedlich sein könnten. Sie ließen sich alles gefallen, und begännen dort schon zu lernen, dass andere besser wissen, was richtig für sie ist. Ich denke, dass man zu unterwürfig ist, die Meinung anderer zu leicht übernimmt, problemlos sich der Mehrheit anpasst, dass wird schon in ganz frü­hen Kindertagen trainiert. Da müsse man schon etwas Besonderes sein, wie Paul, wenn man das verhindern und sich dagegen durchsetzen wolle. Dafür be­kam Paul einen Kuss und Carole meinte: „Ich habe es sofort gespürt, dass er etwas ganz Besonderes ist. Auf so einen normalen Durchschnitts-Mec hätte ich mich doch nicht eingelassen.“ Sie lachte und fuhr fort: „Aber richtig verstehen kann ich das mit Sabine immer noch nicht. Sie hätte sich doch mal kundig ma­chen sollen, bevor sie Kinder bekommt. Hätte etwas darüber lesen sollen, wie man Kinder erzieht.“ Da musste ich ihr widersprechen: „Ich glaube schon, dass du durch Lesen gebildet werden, dir neue Welten erschließen kannst, aber dein Kind lieben und verstehen, das musst du selber mit deiner Persönlichkeit und deiner Liebe aktiv tun. Du musst die Kommunikation mit ihm suchen von der ersten Minute an. Es wird dich nicht verstehen, aber es versteht, dass du dich ihm zuwendest, dein Kind merkt, dass es für dich wichtig ist, dir etwas bedeu­tet, es erfährt Liebe von dir. Schau mal, was die Mutter von Pablo damals ge­macht hat. Absoluter Unsinn würde man sagen. Das Kind versteht doch nichts davon. Pablo hat verstanden, dass er seiner Mutter etwas bedeutete, dass sie ihn liebte. In allen Büchern wird dir erklärt, wer dein Kind ist, was es versteht und wie du es zu behandeln hast. Ich denke, das neunzig Prozent der Bücher zu dem führen, wie Sabine sich verhalten hat. Das kleine unwissende Objekt zu behandeln, damit es später ein toller Erwachsener wird.“ Carole schaute ins Leere und überlegte. Sie lächelte und erklärte: „Üli, es ist sehr sonderbar. Wenn wir zusammensitzen, reden wir miteinander, als ob wir alle gleichaltrige Freunde wären. Dass du meine Großmutter und ich deine Enkelin sein könnte, dieses Bild zeigt sich mir nie. Mit meinen Eltern wäre das nicht möglich, obwohl sie ja viel jünger sind. Es bedeutet auch nichts, dass du viel weiser und klüger bist als ich, für mich bist du meine ganz normale Freundin. Ich denke, ich fange an zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, dass Paul sich in dich verliebte. Es ist wunderschön. Ich möchte es nie anders haben. Wenn wir allein in Münster sein werden, sterben wir wahrscheinlich vor Heimweh, oder sind an jedem Wochenende wieder zu Hause.“


Lajourdies Frühlingsbesuch


Nur Sabine war mit am Flughafen, als Lajourdies kamen. „Peer sieht es im Grunde genauso wie ich, nur es ist für ihn wohl ein wenig schwerer seine Feh­ler vor anderen einzugestehen, ein bisschen verklemmter, ein Mann eben. Da­bei ist es so befreiend, darüber sprechen zu können.“ meinte Sabine, aber viel­leicht habe sie auch den größeren Leidensdruck gehabt. Sie hatte vorher ge­fragt, ob Paul und Carole wohl etwas dagegen haben könnten, wenn sie ein wenig mehr in die Aktivitäten mit Lajourdies involviert würde. „Es ist ein wenig vertrackt, Sabine. Sie kommen uns, ihre Freunde, besuchen, aber wohnen bei euch. Ich habe aber nichts dagegen, wenn du öfter teilnimmst. Mit Paul und Carol redest du am besten selber.“ empfahl ich ihr. Natürlich hatte Carole be­richtet, dass Paul und seine Mutter sich ausgesöhnt hätten und sich jetzt gut verstehen würden. Lajourdies waren also informiert und begrüßten Sabine herzlich und freundlich. Jetzt fuhren wir alle zu uns, und Sabine wollte Solange und Gilbert anschließend mit nach Hause nehmen. Élaine, Caroles Freundin stand nur immer staunend, ein wenig verlegen lächelnd dabei. Die beiden hat­ten sich zwar innigst, cordialement begrüßt, sich immer wieder lachend mit ge­genseitigen Wortschwällen übergossen, aber jetzt kümmerte sich Carole um andere Angelegenheiten. Élaine sah allem mit großen Augen zu, schien es wohl nicht fassen zu können, dass Menschen, die fast zweitausend Kilometer von­einander entfernt lebten, und dazu noch Deutsche und Franzosen, bessere Freunde als die liebsten Nachbarn waren. Ich forderte Carole auf, sich doch mal ein wenig um ihren Gast zu kümmern. „Ah, die macht das alleine. Die ist frech und hat eine große Klappe, die sagt schon, wenn sie etwas will.“ meinte Carole dazu. Für den ersten Abend traf das nicht zu. Élaine war freundlich, re­serviert und fragte nur vorsichtig. Sie unterhielt sich abends noch lange mit Paul und Carol, und nach dem Stadtbummel am nächsten Tag war die Zurück­haltung vom Vortag verschwunden. Es hatte sich bei uns eingebürgert, wenn Französisch gesprochen wurde, deutlich und nicht zu schnell zu reden. Élaine schien eine Schnellsprechkünstlerin zu sein. Kein einziges Wort konnte ich ver­stehen. Die anderen schien sie zu infizieren. Wenn sie sprach, redeten sie auch schneller. „Élaine,“ klärte Carole sie auf, „hier spricht man Deutsch, und wenn man Französisch spricht, nur deutlich und langsam, damit alle am Gespräch teilnehmen können.“ Élaine machte eine Schnute, warf Carole einen bösen Blick zu und meinte zu mir: „Madame Römer, sie wissen es vielleicht nicht, aber Carole ist nicht meine Freundin, sie ist meine Mutter. Sie sagt mir immer, was ich zu tun habe, und was sich nicht gehört.“ sie lachte und fuhr fort, „Aber ich denke, ich werde eine folgsame Tochter sein. Excusez-moi, Madam Römer, dass ich so unhöflich ihnen gegenüber war.“ Wir schauten uns an, schmunzel­ten, und ich empfand, dass wir uns gut verstehen würden.


Gekocht werden sollte jetzt immer bei uns. Sabine sollte nach Beratungen mit Solange auch daran teilnehmen, und das Trio Élaine, Carole und Paul sollten die fehlenden Zutaten besorgen. Wir wollten diesmal nicht viele Exkursionen ma­chen. Nur nach Aix-la-Chapelle, Charlemagne besuchen, das musste unbe­dingt sein, und in Köln hatte man ja auch viel zu wenig mitbekommen. Paul und Ca­role prüften, ob sie per Rad ins Neandertal fahren und Élaine ihre Vor­fahren zeigen könnten, und natürlich gab es die Niederrheintour per Rad mit allen. Für den Rückweg hatten wir schon bei Jean-Claude Bourgueil in Kaisers­werth Plät­ze zum Essen reserviert. Wir wollten viel ruhige Zeit zum gemeinsa­men Leben und Unterhalten haben. Von besonderem Interesse waren natürlich Caroles Zu­kunftspläne. Solange konnte wenig mit Caroles Studienabsichten an­fangen. Carole übertrug ihr die deutsche Beschreibung des Studiengangs ins Französi­sche. Mit vielen Nachfragen und Gilberts Unterstützung schien sie ein kla­reres Bild zu bekommen. Gilbert war ganz angetan davon, und meinte nicht, dass es bei ihnen in Frankreich so etwas gebe. Carole stand mächtig unter Druck. In den kommenden Wochen standen die Abiturprüfungen an. Dann musste sie so­fort ihre Bewerbungsunterlagen nach Münster schicken. Achtzig Prozent der Plätze würden nach Abiturnoten vergeben. Da meinte sie gute Chancen zu ha­ben, aber sie galt ja als Ausländerin, auch wenn sie hier ihr Ab­itur gemacht hatte, und nur maximal acht Prozent der Plätze wurden an Aus­länder verge­ben. Musste sie Deutsche werden, oder bewarben sich vielleicht kaum Auslän­der. Sie musste sich vorher noch beraten lassen. War es da nicht sinnvoller, bis zum nächsten Jahr zu warten und mit Paul gemeinsam zu begin­nen. Sie neigte dazu.


Ruths Besuch


Ich hatte Ruth gebeten, mal zum Kaffee zu kommen, und unsere Freunde ken­nen zu lernen. „Das ist Pauls richtige Großmutter, die sich auch nicht um ihn gekümmert hat.“ stellte ich sie Solange vor. Die schaute leicht verwirrt, und Ruth fiel mit einem Aufschrei lachend fast in Ohnmacht. „Madame Lajourdie, diese Frau hier will meine Freundin sein und verbreitet derartige Unverschämt­heiten über mich. Ich sollte ihr die Freundschaft kündigen, was meinen sie?“ Solange lächelte jetzt. Als ein wenig sonderbar schien sie es schon zu empfin­den, aber ihr wurde auch wohl deutlich, dass wir sehr gute Freundinnen sein mussten. Sie spielte mit. „Erzählt sie ihnen denn auch derart Unglaubliches über mich, Madam Saalhoff, sollte ich das mit meiner Freundschaft dann nicht auch mal überprüfen. Nur ich mag sie, ich liebe sie, ich will nicht auf sie ver­zichten. Ich denke, bei ihnen wird es ähnlich sein. Lassen wir sie doch lieber unsere Freundin bleiben. Es ist besser für uns, auch wenn sie schon mal sehr ungezogen sein kann.“ antwortete Solange lächelnd. Trotz der Erheiterung war damit natürlich Paul das Thema. Dass Sabine und Paul öfter miteinander ge­sprochen, und wir sie zum Essen eingeladen hatten, davon wusste Ruth nichts. Sabine hatte mit ihr wohl darüber gesprochen, dass sie jetzt sehe welche schlimmen Fehler sie gemacht, Paul gegenüber ein sehr schlechtes Gewissen habe, und dem Himmel dafür dankbar sei, dass er ein so toller junger Mann geworden sei. Sie habe ihr gesagt, dass sie nicht dem Himmel danken müsse, sondern Paul. Es sei ihm nicht geschenkt worden, er habe sich alles mühsamst selbst erarbeiten müssen. Ein kleines Wunder, nur sie seien blind gewesen. Einen sehr aufgeschlossenen und veränderten Eindruck habe Sabine schon auf sie gemacht.

Ob es sie als Mutter nicht schmerze, wollte sie von Solange wissen, wenn ihre Tochter Carole in Deutschland bleiben wolle. „Es ist immer sehr gemischt und hat sich langsam entwickelt. Meistens überwiegen ja auch die positiven Aspek­te.“ antwortete Solange, „Zu sehen, wie die beiden sich immer besser verstan­den und verliebten, war wunderschön. Dass Carole dann auch ein Austausch­jahr in Deutschland machen wollte, war selbstverständlich, auch wenn ich sie vermissen würde. Dass alles so hervorragend für sie lief, und sie bei Üli sein konnte, hat mich alle Schmerzen vergessen lassen, ich habe mich für sie ge­freut. Und jetzt, warum studiert sie nicht in Perpignan? Aber es ist ihr Leben, sie ist erwachsen und muss ihre Zukunft gestalten, und das ist mehr und etwas anderes, als ihrer Mutter eine Freude machen und bei ihr in der Nähe sein. Zu Hause wäre es nicht anders gewesen. Da hätte sie vielleicht in Paris studieren wollen. Und die paar Kilometer von Paris bis Düsseldorf, was macht das schon für einen Unterschied. Das faire des câlins, das Schmusen mit ihr sei auch ei­nes Tages zu Ende gegangen, jetzt habe sie sich schon daran gewöhnt, nicht mehr mit ihr zusammenzuleben und sie nur noch gelegentlich zu treffen. Wenn du weißt, dass es ihr gut geht, und du dir keine Sorgen um sie zu machen brauchst, ist der Ablösungsprozess nicht schwer zu ertragen. Dass du dich als Mutter freuen wirst, wenn du mal wieder alle Küken um dich versammelt hast, das bleibt bestimmt bis zum Lebensende so.“ erläuterte Solange, wie sich der Prozess der Lösung Caroles von zu Haus für sie darstelle. Ob ich denn für die Radtour auch fleißig trainiert habe, damit nicht alle meinetwegen schon auf halber Strecke umkehren müssten. „Kein Problem, wenn sie schlapp macht, nehmen wir sie auf dem Gepäckträger mit.“ meinte Solange.


Niederrheintour


Ich hatte tatsächlich nicht bedacht, dass ich doch wohl ein wenig älter wäre. Körperlich war ich ja eigentlich ganz fit, nur die Räder durch Rotieren der Peda­le voran zu bringen, schien bei den anderen von allein zu funktionieren, wäh­rend ich als Einzige dafür heftig meine Beine arbeiten lassen musste. Aber be­vor ich dazu etwas kund tat, sollte Manfred sich äußern. Der war doch viel schlaffer als ich und musste schon längst Probleme haben. Aber er schien zäh zu sein, und die Zähne zusammen zu beißen, und so zäh wie Manfred, konnte ich schon lange sein. Wieder zurück in Kaiserswerth unterhielten sich alle eif­rigst darüber, was sie, vor sich auf dem Tisch serviert bekommen möchten, ich empfand nur unter dem Tisch meine Beine. Sie fragten mich, warum denn bei der Vielzahl an Möglichkeiten, von hier aus das Zuhause zu erreichen, ausge­rechnet sie es sein sollten, die sich dies quälend zu erarbeiten hätten. Nur weil man die Räder ja nicht hier stehen lassen konnte, mussten sie die Niederlage trotz ihrer triftigen Argumente leidvoll akzeptieren.

Élaine fand das Essen formidable, und meinte so etwas gebe es in Narbonne nicht und auch in ganz Perpignan nicht. Da müsste sie nach Deutschland kom­men, um das beste französische Essen zu bekommen, dass sie je genossen habe. Jetzt sei sie auch völlig überzeugt. Na ja, Jean-Claude Bourgueil war ja schließlich auch nicht irgendein guter Koch. Er war Ritter der Ehrenlegion für seine Verdienste als kulinarischer Botschafter. Dann seien die Preise auch er­laubt, meinten die anderen. Er unterhielt sich kurz mit uns, und Élaine forderte ihn auf, mit nach Narbonne zu kommen, dann würde sie auch fleißig sparen und öfter bei ihm zum Essen kommen. Er lachte und versprach, es sich zu überlegen, riet ihr aber, noch ein wenig mehr zu sparen und in Barcelona essen zu gehen. Wenn sie aus Narbonne käme, könne sie sich doch sicher gut ver­ständigen, sagte er zu ihr auf Spanisch, und alle bis auf Alette hatten verstan­den. Monsieur Bourgueil erklärte, dass er längere Zeit in Spanien gekocht habe, allerdings in Madrid. Im Roussillon kenne er sich nicht sehr gut aus, wusste jedoch von einige Köstlichkeiten. Er selbst käme nicht aus dem Midi, sondern aus der Gegend von Tours. Den Ziegenkäse Sainte-Maure de Touraine aus seinem Heimatdorf könnten wir gleich probieren, man könne ihn auch in Düsseldorf, ja eigentlich auf der ganzen Welt, kaufen. Er gab uns noch Tips für's französische Einkaufen in Düsseldorf, aber das meiste hatten wir im Laufe des Jahres schon selbst herausgefunden. Dann wollte er von den jungen Nar­bonnais noch wissen, wie es ihnen denn hier gefalle. Und auf ihr überschwäng­liches Lob reagierend meinte er: „Da könnt ihr sicher verstehen, warum es mir auch gut gefällt, hier zu leben.“ Lachte und verabschiedete sich wieder in die Küche. Nach der ausführlichen Recreationsphase während des Essens, erklär­ten sich meine Beine auch wieder bereit, mich die letzten Kilometer nach Hau­se zu transportieren, forderten allerdings am nächsten Tag mit einem heftigen Muskelkater Entschuldigung für meine rücksichtslose Überforderung. Mit Man­fred, dem es genauso ergangen war, überlegte ich, ob es unserer Gesundheit nicht zuträglich sei, öfter derartiges zu tun. Gefallen habe mir das Fahrradfah­ren im Prinzip sehr gut.


Ostern und Abschied


Élaine bedauerte es, nicht auch an einem Schüleraustausch teilgenommen zu haben, aber sie hätte ja auch keinen Paul. Ihr Joël sie auch ganz in Ordnung, aber der könne ihr eben nur die Gipfel der Pyrenäen zeigen und nicht die kuli­narisch Gipfel in Düsseldorf. Sie überlegte mit Carole und Paul, ob sie nicht auch deutsch lernen solle, um hier später ein Auslandssemester machen zu können. Neben allen österlichen Speisen und einem selbst gebackenen Oster­lamm mussten natürlich Ostereier gesucht werden. Nach Caroles Motto 'Raus in die Natür' sollten sie bei einem Osterspaziergang an den Wegrändern der Duisburger Sechs-Seen-Platte gesucht werden. Paul war die fliegende Oster­glocke, für Fenja natürlich der Hase, die die Œufs de Pâques so gut am Weges­rand versteckt hatte, dass mindestens noch ein Drittel für die nachfolgenden Spaziergänger übrig geblieben war. Élaine, die wohl ein härteres Leben kannte, war äußerst lustig und freute sich wie ein kleines Kind. Beim Abschied weinte sie. „Nein, ich bin nicht traurig. Keinesfalls. Ich freue mich. Es war ganz wun­dervoll. Und wenn ich demnächst mal zufällig in Düsseldorf sein sollte, darf ich sie dann besuchen kommen, Madame Römer?“ fragte sie und lachte wieder. Ich würde mich immer über ihren Besuch freuen, auch wenn sie nicht zufällig in Düsseldorf sei. Ich hatte diese junge Frau nicht nur kennengelernt und mochte sie sehr, auch die Beziehung zwischen Carole und ihr hatte wohl durch diesen Besucht an Tiefe und Intensität gewonnen. Dieser Besuch, wirke auf mich, wie ein Treffen unter Freunden, die sich nicht in diesem Jahr kennenge­lernt und zweimal gesehen hatten, sondern alles war so selbstverständlich und familiär, als ob wir schon seit Jahrzehnten zusammen wären. Ein Empfinden, dass sich normalerweise erst einstellt, wenn man über viel gemeinsame Le­benserfahrungen verfügt. Ich denke das es viel mit Carole und Paul zu tun hat­te, aber auch die Persönlichkeit von Solange spielte eine entscheidende Rolle. Ich konnte mir vorstellen, dass sie eine wunderbare Mutter war, die sich her­vorragend in ihre Kinder einfühlen konnte. Zum Beispiel Carole gegenüber zeigte sie keine Spur von Bemutterungsansätzen, sie war eine junge Frau, mit der sie sich ernsthaft unterhalten oder kumpelhaft scherzen konnte. Ich denke man muss sehr achtsam und flexibel sein, wenn man auf die schnell heran­wachsenden Kinder entsprechend eingehen und nicht einmal geübtes Verhalten perpetuieren will. Sicher zeigte sich das auch in Solanges Umgang mit anderen Erwachsenen. Carole und Paul wollten im Sommer nach Narbonne, ob wir auch im Sommer ins Roussillon führen, hatten wir noch nicht entschieden, aber Alet­te beschwerte sich. Warum Penny und Fenja denn nicht kämen, sie seien noch nie bei ihnen gewesen, und außerdem habe Paul ja auch einen Führerschein, da könnten sie doch zusammen mit dem Auto kommen und brauchten das teu­re Flugzeug nicht zu bezahlen. Penny versprach Alette, es sich zu überlegen und sie zu informieren.


Melodien der Zärtlichkeit


Carole schaffte das Abibac, wie sie es sich gewünscht hatte mit hervorragen­den Noten. Die Eltern wollten ihr ein Autochen schenken, damit sie und Paul beweglicher seien. Nur Carole hatte ja selbst gar keinen Führerschein. Den be­kam sie von uns geschenkt, damit sie ihr Auto wenigstens bewegen konnte. Sie wollten es im Sommer in Frankreich kaufen, weil es dort wesentlich billiger sei. Ich bestand darauf, dass es auch hinten genug Platz für uns haben müsse. Nach dem Sommer machte sie Praktika beim WDR und der Rheinischen Post. „Ulrike, Carole will, dass ich verblöde.“ beschwerte sich Paul beim Abendessen, „Die einzige Zeit, die ich noch habe, das zu lesen, was ich möchte, ist abends im Bett. Carole will neuerdings, dass wir gemeinsam lesen sollen, das heißt, ich soll ihr etwas vorlesen, ausschließlich Gedichte. Sprich bitte ein ernstes Wort mit ihr.“ Das meiste was wir sagten war ernst, nur was Paul gerade ein wenig lächelnd gesagt hatte, war wohl nicht so ganz ernst gemeint. Ich schau­te Carole an. Die machte schmunzelnd eine Schnute und äußerte sich dazu: „Ja, ich bin total froh, dass der ganze Stress endlich vorbei ist, und da möchten meine Ohren nicht wichtige Philosophische Fragen oder literarische Problem­konstellationen hören. Das tut ihnen nicht gut. Sie wollen etwas Freundliches hören, wollen hören, wie lieb du mich hast. Das sind Klänge, die ihnen gefal­len, die sie gerne hören, von denen sie nie satt werden können.“ „Aber, ma chérie, das weißt du doch. Carole, du weißt doch, wie sehr ich dich liebe. Soll ich es dir immer wieder sagen? Willst du es immer wieder nochmal hören?“ fragte Paul ratlos. „Natürlich, meine Worte sagen es dir auch ganz oft, ich den­ke manchmal, du bekommst es gar nicht mit, aber du wirst es sicher spüren.“ erwiderte Carole, „Meine Augen sehen nur in bestimmter Form strukturierte Farbkontraste, mein Kopf versteht, dass du es bist, aber er lässt mich dich nicht nur erkennen, er weiß, was mit dir los ist, dass du mein Liebster bist und lässt mich glücklich sein, dich sehen zu können. Es reicht nicht, dass wir uns einmal gesehen haben und ja jetzt Bescheid wissen, wir schauen uns immer wieder an und genießen es. Bei meinen Ohren ist das nicht anders. Sie wollen nicht einmal hören: 'Ich liebe dich.' und dann weiß mein Kopf Bescheid. Nein, sie lieben diese Klänge, die so etwas sagen, möchten es immer wieder in Neu­en Variationen hören, möchten die Melodien deiner Zärtlichkeit vernehmen. Was mir sagt, dass du mich lieb hast, sollte eine nie endende Sinfonie sein. Es freut mich und lässt mich glücklich sein, und wenn du das möchtest, ist das ein Zeichen, wie sehr du mich liebst. Wenn du mir ein Gedicht vorliest, sagt mir jede Zeile auch: 'Ich liebe dich, Carole.'“ Paul umarmte Carole und sie küssten sich lange. „Ich werde alle Bücher mit Liebesgedichten, die es gibt, besorgen und sie dir vorlesen, ma chérie. Dass es Bücher gibt, in denen etwas anderes steht, werde ich vergessen.“ erklärte Paul. Wir schauten uns an und lachten. „Ich werde dann ein großer amoureux werden, vielleicht ein wenig blöd, aber was macht das schon. Nein, Carole, ich habe dich sehr gut verstanden. Es hat mir geholfen. Ich werde es anders sehen.“ fügte Paul hinzu. Es war nicht sel­ten, das Liebesfragen am Tisch erörtert wurden. Obwohl ich mich fast immer völlig raushielt, gefiel es ihnen anscheinend, so zu reden, als ob sie meine Sicht hören oder meinen Rat holen wollten, obwohl sie anschließend alles unter sich allein klärten.


Ich selbst hatte sonst viel mehr gelesen. Wenn ich nur im Bett las, brauchte ich ewig, bis ich ein Buch durchgelesen hatte. Lesen war für mich das beste Ein­schlafmittel. Sehr bald fingen meine Gedanken an, mit dem Gelesenen davon zu fliegen und zu träumen. Häufig schlief ich mit dem Buch vorm Gesicht ein. Tagsüber war ich viel zu sehr beschäftigt. So intensiv, wie seit Paul und Carole bei uns wohnten, war ich in meinem ganzen Leben noch nicht 'Hausfrau und Mutter' gewesen. Ich war froh, wenn ich noch meine Rezensionen gelesen be­kam, für die Bücher selbst hatte ich meistens keine Zeit. Die Rezensionen aus einigen überregionalen Zeitung zu belletristischer Literatur hatte ich gesam­melt, seit durch das Internet die Möglichkeit dazu bestand. Mittlerweile war Ei­niges zusammen gekommen, und die externe Festplatte, auf der ich es gespei­chert hatte, wurde von Paul und Carole auch fleißig genutzt, um sich über Ge­genwartsliteratur zu informieren.


Ne Narbonnaise plus


Penny fuhr im Sommer mit nach Narbonne. Sie hatten noch Meinungsverschie­denheiten über das Auto. Penny war der Ansicht sie sollten sich doch nicht so etwas Winziges zulegen, da würden sie sich immer ärgern. Demnächst wären sie ja schließlich allein und würden das Auto doch nicht nur zum Brötchen ho­len benutzen. Wenn sie etwas nicht transportieren könnten, wenn ihr Urlaubs­gepäck nicht hineinpasse, sie würden immer ihre Entscheidung bereuen. Aber so viel, wie zum Beispiel der billigste Citroën Berlingo koste, würden ihre Eltern nie bezahlen und nicht bezahlen können, wandte Carole ein. „Das Auto wird ja genauso gut für mich da sein, wieso sollst du es eigentlich alleine bezahlen?“ fragte sich Paul, aber wieso kämen Sabine und Peer dazu, Paul jetzt soviel Geld zu schenken? Penny, Paul und Carole sprachen zunächst mit Sabine. Es sollte auch als Abiturgeschenk im voraus gelten, denn dass Paul das Abitur nicht be­stehen würde, war ja auszuschließen. Als sie wiederkamen, hatten sie ein großes Auto, in dem sie sogar ihre Fahrräder transportieren und zur Not auch mal übernachten konnten. Carole war zum ersten Mal wieder zu Hause. Weh­mütig habe sie sich ihr Zimmer angeschaut, berichtete Solange. Sie war ja da­von ausgegangen, nach einem Jahr zurück zu kehren. Jetzt lösten sie es auf. Einiges, das sie in Münster haben wollte, wurde in Kartons verpackt, anderes brachten sie direkt mit für ihr Zimmer in Düsseldorf. Jetzt war sie keine Nar­bonnaise mehr, sondern nur noch zu Besuch dort. Élodie, Gilberts Schwester und Pennys Freundin, war so angetan von den Folgen ihrer Vermittlung, dass sie meinte unbedingt Trauzeugin sein zu müssen, wenn Carole und Paul heira­ten würden. Ohne sie wären sich die beiden nie auf dieser Welt begegnet. Élai­ne begann in Perpignan zu studieren und lernte schon eifrigst Deutsch. Auch Solange meinte, dass es ihrem Gehirn nicht schaden könne, etwas zu lernen. Sie wollte wenigstens so viel Deutsch lernen, dass sie sich halbwegs verständ­lich machen und zum Beispiel im Café Kaffee und Kuchen selbst bestellen kön­ne.


Literarische Sinfonie


Manfred und ich fuhren gar nicht in Urlaub. Wir genossen die Ruhe und ich kam endlich wieder dazu, mehr zu lesen. Lesen hatte mir immer sehr viel be­deutet, es verband mich mit anderen Menschen, deren Gedanken, Vorstellun­gen und Empfindungen, eröffne mir neue Sichtweisen, ließ mich verstehen und erweiterte meinen Horizont. Bücher, die mir literarisch, poetisch besonders ge­fielen, konnte ich gleich zweimal nacheinander lesen. Es wurde mir nicht lang­weilig, weil ich den Inhalt ja schon kannte, es war wie eine Sinfonie, die beim er­neuten Hören ja auch kein Gefühl von Langeweile vermittelt, weil man die nächsten Takte schon kennt. Ich konnte mich tiefer auf das Buch einlassen, und mich von seiner Sprache, seinen Gedankengängen und seiner Ausdrucks­form verzaubern lassen. Als Kind hatte ich mir immer Bücher aus der Biblio­thek ausgeliehen. Die Schätze, die meine Neugier geweckt, die mich so viel hatten erfahren lassen, die für kurze Zeit Freunde in meiner Welt gewesen wa­ren, mich begleitet hatten, waren hinterher wieder verschwunden. Zurück blieb nur, was mein Kopf nicht vergaß. Jedes mal, wenn ich heute eines meiner Bü­cher in die Hand nehme, wird die Erinnerung daran viel deutlicher und lebendi­ger. Auch von Büchern, die ich mir heute nicht mehr kaufen würde, kann und will ich mich nicht trennen. Das Lesen und die Beschäftigung damit, war ein Teil von mir und soll es bleiben. Ja ich liebe meine Bücher, sie sind ein Teil mei­ner Geschichte, meiner gedanklichen und emotionalen Entwicklung, sie zu be­trachten vermittelt Besinnlichkeit und Freude. Ein netter Zeitvertreib war lesen für mich nie. E-Books hätten bei mir überhaupt keine Chance, und ich denke, alle, die ähnlich mir eine Beziehung zum materiellen Wert eines gedruckten li­terarischen Werkes haben, werden es nicht viel anders sehen. Gespräche über Bücher und Gelesenes haben einen breiten Raum in der Kommunikation zwi­schen meinem Mann und mir, und ich sehe es so, dass wir dabei nicht nur ge­genseitig Informationen austauschen . Es sind immer angenehme, offene und vertrauensvolle Situationen, in denen wir nicht nur die Ansicht des anderen zu einem Buch erfahren, sondern wir sind uns auch sehr nahe dabei, erleben und erfahren viel vom anderen selbst, von seiner Person und Persönlichkeit. Ich will nicht ausschließen, dass diese Gespräche mit ein Grund dafür sind, dass wir es so lange glücklich miteinander ausgehalten haben. Wenn du auch in unter­schiedlichen Bereichen beschäftigt bist, liebst du Literatur, stellt ein gemeinsa­mes Gespräch über das Gelesene stets etwas eng Verbindendes dar.


Buchrezension


In der taz war Pablos Buch besprochen worden. Kein negatives Wort, aber man hatte sich auch nur auf die sozialen und pädagogischen Hintergründe bezogen und sie gesellschaftspolitisch diskutiert. Ich rief Herbert an. Der wusste natür­lich Bescheid, seine Begeisterung hielt sich jedoch in Grenzen. Es sei zwar nicht schlecht, dass das Buch in einer überregionalen Zeitung rezensiert wor­den sei, nur die Leserschaft der taz sei begrenzt und bestünde nicht aus Leu­ten, die jedes Buch kauften, weil es besprochen worden sei. Mit einem sprung­haften Anstieg der Verkaufszahlen rechne er nicht. Zur Zeit liefe es mehr schlecht als recht, und eine zweite Auflage werde es mit Sicherheit nicht ge­ben. In vierzehn Tagen sei er in Düsseldorf, ob wir uns nicht treffen könnten? „Herbert, damit du nicht wieder anschließend deinen Zug verpasst, kommst du direkt zu uns und übernachtest hier. Richte dich, bitte, darauf ein. Manfred wird uns einen exquisiten Cappuccino zubereiten und wenn du möchtest, gibt es auch Kuchen. Solltest du aber ein Brot mit Leberwurst bevorzugen, werden wir dir auch das zubereiten. Es soll dir an nichts mangeln.“ erklärte ich ihm. Er lachte und wollte es so machen.


Ich solle doch mal versuchen, selber etwas zu verfassen. Pablos Buch habe ich ja schließlich auch in eine lesbare Form gebracht. Als literarisch versierte Re­gisseurin verfüge ich doch über einen breiten Fundus, meinte Herbert, als er bei uns war. „Nein, nein, Herbert, da wird nix draus. Zuerst fehlen mir die Ide­en, und dann fehlen mir die Worte. Wenn ich poetisch besingen sollte, wie schön es sei, in Düsseldorf am Rheinufer zu sitzen und den vorbeifahrenden Schiffen zuzuschauen, muss ich mich schon totlachen, wenn ich daran denke, welchen Stuss ich schreiben würde. Vielleicht ist es mir ja auch schon in der Schule verleidet worden. Die Aufsätze waren ja immer Aufgabenstellungen, die man zu bearbeiten hatte, Lust daran, Ideen zu haben und sie sprachlich umzu­setzen, die Lust am Umgang mit der eigenen Sprache, ist eigentlich nie ge­weckt und gefördert worden. Eventuell hätte man durch Tagebuchschreiben dazu kommen können, aber danach war mir nie.“ erwiderte ich auf Herberts Anregung. „Manfred, warum schreibst du eigentlich nichts. In der Firma schreibst oder diktierst du den ganzen Tag, warum ist es dir kein Bedürfnis, als Ausgleich zu den juristischen Texten zu Hause etwas Schöngeistiges zu formu­lieren? Nicht mal Liebesbriefe hast du mir damals geschrieben. Hol das nach, indem du jetzt etwas Poetisches verfasst.“ forderte ich ihn auf. Er werde mor­gen damit beginnen, erklärte Manfred schuldbewusst, in romantischen Tönen das Hohelied der Wonnen um den Düsseldorfer Bahnhofsostausgang anzustim­men. Wir sprachen noch über andere Autoren, die Herbert verlegte und welche ihm davon am besten gefielen. „Das ist ja die Krux.“ klagte er, „Wenn ein Buch anfängt etwas besser zu laufen, kommen die Großen und besorgen sich die Li­zenzen. Finanziell ist das zwar nicht schlecht, aber du hast den Autor nicht mehr im Programm. Am sichersten sind immer wissenschaftliche Arbeiten, die Standard in Seminaren an den Unis werden. Nur das kannst du den Texten ja vorher nicht ansehen. Belletristik ist eigentlich nur unser riskantes Spielbein, obwohl das der Anlass für mich war Bücher zu verlegen. Wir haben zunächst Texte und Arbeiten von Kommilitonen in Göttingen gedruckt und veröffentlicht. Zu der Zeit wurde ja alles, was unters studentische Volk kommen sollte, hekto­graphiert, in minimalster Auflage und schlechtester Qualität. Fotokopierer gab's ja noch nicht. Wenn jemand Gedichte oder wichtige Texte verfasste und davon 120 Stück in wässrigem Blau verteilte, dann war die Arbeit, wenn sie sinnvoll war, doch für die Katz. Bekannte waren an einen kleinen gebrauchten Rotaprint Drucker gekommen, und folglich änderten wir das. Ich kümmerte mich darum, was wir drucken wollten und bereitete es für den Satz vor. Die anderen nudel­ten dann alles bis in die Nacht durch, schnitten und hefteten oder banden es. Alles umsonst, wie Freizeitbeschäftigung, nur war unser Tun ja politisch und wissenschaftlich ungeheuer wichtig. Den Preis bestimmten ausschließlich die Materialkosten. So empfinde ich mich heute auch manchmal, wenn ich mich frage, warum ich das alles eigentlich mache. Es muss wohl ein unausrottbares Stück des alten studentischen Idealismus übrig geblieben sein.“ „Ich verstehe sehr gut was du sagst, Herbert. Fast in jeder Universitätsstadt sind aus studen­tischen Kreisen Zeitungen, Druckereien und andere alternative Projekte ent­standen. Die taz hat ja auch so angefangen, weil man journalistisch eine ande­re Öffentlichkeit herstellen wollte. Ich war Mitglied in einem sozialistischen Schauspielkollektiv, meine Freundin wollte die Struktur der großen Chemiekon­zerne destruieren und sie den revolutionären Arbeitermassen zurück geben. Es hatte teilweise irre Züge, aber war wunderschön. Wir haben die Zeit voll ge­lebt. Die Erfahrungen waren so intensiv, dass man sich noch heute davon ge­genseitig stundenlang erzählen kann. Sei stolz auf das, was du davon behalten und nicht irgendwelchen Zwängen und Konventionen geopfert hast.“ war meine Ansicht dazu. Herbert wollte uns ein Paket mit Büchern, die ihm gut gefielen, aus seinem Verlag zusammenstellen und zukommen lassen. „Nein Herbert, das will ich nicht. Wenn mir Suhrkamp oder Rowohlt so ein Angebot machen wür­den, hätte ich überhaupt kein Problem, aber du musst deine Bücher doch nicht auch noch verschenken. Teile mir die Titel mit, und ich verspreche dir, sie mir alle zu kaufen. Ich will solche Verleger wie dich doch unterstützen, möchte dass sie am Leben bleiben können und die kleinen Buchhandlungen dazu.“ er­klärte ich ihm kategorisch. Herbert lächelte und bedankte sich, aber das sei jetzt einfach ein Geschenk für uns. Ihm läge daran, uns persönlich eine Freude zu machen. Er wisse ja, welche Beziehung ich zu Büchern habe und ich nie vergessen würde, dass es sich um ein Geschenk von ihm handele, wenn ich das Buch sehe. Er könne ja auch eine Widmung hineinschreiben. Finanziell hät­ten wir ihn schon sowieso weit über den Wert der Bücher hinaus unterstützt, indem er keine Hotelkosten gehabt hätte. Ein schlechtes Gewissen sei daher völlig unangebracht. Zu Reaktionen auf die taz-Besprechung konnte er noch nichts sagen. Aus den wenigen Direktbestellungen beim Verlag ließen sich kei­ne Schlussfolgerungen ziehen, erst wenn Lingenbrink nachordere, weil die Be­stellungen der Buchhandlungen zunähmen, könne man sagen, das es besser liefe. Das sei aber noch nicht geschehen, und würde, wenn überhaupt, sowieso erst vier Wochen später erfolgen. Wenn das Buch im Fernsehen besprochen worden wäre, und alle es plötzlich von heute auf morgen kaufen wollten, dann ginge es auch wohl schneller, aber nicht so bei einer Rezension in der taz.


Arbeitsbienen


Paul musste Carole nicht mehr immer Gedichte vorlesen, ihr war deutlich ge­worden, dass sie kommunikationstheoretisch sehr großen Bildungs- und Wis­sensbedarf habe und las jetzt selber viel wissenschaftliche Literatur, um sich später im Studium zurecht finden zu können. Von 'Theorie des kommunikati­ven Handelns' von Jürgen Habermas, das ich ihr gegeben hatte, war sie be­geistert, vor allem auch wegen der Bezüge zu anderen und älteren Wissen­schaftlern und Philosophen. Sie hatte es Paul, der es noch nicht gelesen hatte, als sehr interessant und eine gute Grundlage empfohlen. Jetzt suchte sie selbst danach, was die Kritiken zu diesem Buch geäußert hatten. Beide waren wieder voll bussy. Carole mit Praktikum und Vorbereitung auf's Studium und Paul mit seinem Ringen für möglichst gute Abiturnoten. Das schien die ihnen vertraute Lebensform zu sein. Die Zeit der Entspannung nach Caroles Abitur stellte eine Ausnahme dar. So emsig war ich nie gewesen. Mir war es immer viel wichtiger erschienen, auch genießen zu können. Ich hatte früher nie meine Zeit vertän­delt und gelangweilt irgendwo herumgehangen, aber alles was ich tat, sollte mög­lichst auch einen passablen Genussfaktor haben. Die Beschäftigung mit den Hausaufgaben in Mathematik hatte den nicht. Biographien über berühmte Ma­thematiker konnten interessant sein, aber das Lösen von Aufgaben nach im Unterricht erklärten Formeln, war nicht in der Lage eine irgendwie geartete Form von Lustempfinden in mir zu wecken. Paul schien so etwas nicht zu stö­ren. Wenn es darum ging eine gute Abiturnote zu bekommen, war für ihn die Frage, ob er Spaß daran habe, völlig irrelevant.


Fahrradfreuden


Mein Mann und ich hatten uns tatsächlich Fahrräder zugelegt. Während es Manfred nur für unsere gemeinsamen Exkursionen am Wochenende nutzte, war ich begeistert davon, alles Mögliche mit dem Fahrrad ausprobieren zu kön­nen. Wenn es nicht regnete, fuhr ich bald überall mit dem Rad hin. Ob zum Einkaufen oder ins Museum, und im Theater waren wir auch schon per Velo. Ich empfand es als lustig und spannend, und konnte die Münsteraner sehr gut verstehen. Paul und Carole lachten sich immer schlapp, wenn ich ihnen die neuesten Stories aus meinem Leben als Bikerin erzählte. Auch Ruth schwärmte ich vor, sie müsse sich unbedingt eins zulegen: „Ruth, es ist wunderbar. Wo du hin willst, fährst du direkt mit dem Rad hin. Du brauchst nicht von zu Hause zur Haltestelle zu laufen und von der Haltestelle wieder bis zum Museum, du steigst einfach zu Hause auf's Rad, fährst direkt bis vor die Tür und gehst rein. Es macht Spaß zu fahren, ich fühle mich dann in gewisser weise frei, ich könn­te jetzt überall hin radeln. Du wirst mich bestimmt öfter besuchen kommen, weil der Weg mit dem Fahrrad Spaß macht. Du wirst überlegen, wo du denn jetzt mal hin fahren könntest, weil du gern das Rad benutzen willst.“ Ruth lach­te und wollte wissen, ob ich einen Werbevertrag mit der Fahrradindustrie habe, aber sie wollte es sich ernsthaft überlegen. Wenn ich so begeistert sei, müsse ja etwas daran sein, und wir könnten ja dann auch mal gemeinsam einen Aus­flug mit dem Rad machen. Sie hatte sich schnell entschieden, und das Ziel un­serer ersten gemeinsamen Exkursion war das Restaurant 'Alte Rheinfähre' in Kaiserswerth. Es wurde so lustig mit uns beiden alten Ladies auf dem Rad, dass wir manchmal vor Lachen ins Schlingern kamen.


Élaine spricht Deutsch


Mit Élaine hatten wir regen Austausch. Neben den individuellen E-­Mail-Adressen hatten wir auch noch ein Gemeinschafts-E-Mail-Konto. Häufig schrieb sie nicht an Carole privat, wenn sie Fragen zum Deutschunterricht hatte, son­dern wandte sich an uns alle. „Wer von euch kann diese Frage beantworten?“ schrieb sie immer. Einmal hatte sie sogar ihrem Lehrer sagen können, dass es zwar korrekt sei, wie er es ausdrücke, aber so spreche in Deutschland nie­mand. Sie wäre gern in den Herbstferien für eine Woche gekommen, um ihre Künste vorzuführen und in Deutschland ein wenig Deutsch zu hören, aber sie habe das Geld für den Flug nicht zusammenbekommen. In einer schummrigen Spelunke hätte sie servieren können, aber davor habe sie Angst gehabt. Es war das einzige Angebot, dass sie in Narbonne zum Jobben bekommen hatte. Schade. „Das kann doch nicht sein. Wir leben hier fast in Saus und Braus und Élaine kann nicht kommen, weil sie den Flug nicht bezahlen kann.“ meinte ich beim Abendbrot, „Carole, du willst doch auch, dass sie kommt, wir alle wollen doch das sie kommen kann. Es liegt doch genauso gut in unserem Interesse. Ist es da nicht selbstverständlich, dass wir sie unterstützen? Lass uns zusam­menlegen, für uns ist es doch kein Problem. Vielleicht beteiligen sich Penny und Malte ja auch noch daran.“ Élaine schrieb ich, dass ihr Flug schon so gut wie gebucht sei, sie müsse mir nur noch die gewünschten Tage für Hin- und Rückflug nennen. Sage mir einfach die Tage und du bekommst von der Air France eine E-Mail mit deinem Ticket. Obwohl bei uns viel gelacht wird, die Woche mit Élaine war extrem. Für die eine Woche wollte sie eine Deutsche sein. Nur noch Deutsch sprechen und möglichst viel Kontakt zu anderen Men­schen draußen bekommen. Sie hatte zwar fleißig gelernt, aber wie kann man nach zweieinhalb Monaten Unterricht eine Sprache sprechen? Élaine konnte es zu unser aller Erheiterung. Am lustigsten war es immer, wenn sie französische Redewendungen wörtlich übertrug. Sie hielt es strikt durch, und bat um ehrli­che Kritik, nichts was nicht korrekt wäre, solle man großzügig hinnehmen. Sie wolle es ja schließlich richtig lernen, mindestens so gut wie Carole. In der Knei­pe sprach sie abends andere Leute an der Theke an, und es ärgerte sie, dass man sofort beim ersten Wort erkannte, dass sie Französin war. „Ich denke, du musst einen ganz anderen Mund beim Sprechen machen.“ erklärte sie in einem Tonfall, der sich eher nach Sauerland als nach Roussillon anhörte. „Du wirst immer ein wenig einen französischen Akzent behalten, wenn du nicht zweisprachig aufgewachsen bist.“ reagierte Carole darauf, „Bei allen hörst du es, auch wenn sie noch solange in Deutschland leben. Der Satzrhythmus und die Intonation sind seit deiner Zeit als Säugling fest mit dir verwachsen. Das kannst du nicht so einfach umgehen, und jetzt mal eben beschließen, anders zu sprechen. Wenn es nicht sehr gravierend ist, stört es auch überhaupt nicht. Die meisten Menschen in Deutschland mögen es sogar. Bei Mitschülern von mir, die hier geboren und aufgewachsen waren, zwar einen französischen Pass hatten, aber Frankreich nur von Verwandtenbesuchen kannten, war es anders. Denen hörtest du nicht an, dass sie Franzosen waren, auch wenn zu Hause nur Französisch gesprochen wurde.“ „Madame Römer, sie haben eine exzellente Sprachschule. Ihr Personal ist sehr auf der Höhe.“ meinte Élaine scherzhaft anerkennend zu mir. Das sei nur durch Zucht und Strenge zu erreichen, erklärte ich es, aber die Lehrkräfte seien frech und würden mich einfach mit meinem Vornamen anreden. Ich hätte gehört, dass sie auch ein wenig frech sein könne. Mir gefiele das sehr gut, nur dass sie mich immer Madame Römer nenne, passe dazu überhaupt nicht. „Ich soll zu ihnen Üli sagen? Non, Madame, das ist nicht möglich.“ wehrte sie ab und schaute die anderen an. Carole nickte ihr mit breitem Mund zu, als ob sie ihr sagen wolle: „Mach' es nur, Élaine. Es ist schon in Ordnung.“. Sie schaute mich leicht verlegen an, brachte dann ein „Üli“ hervor und viel mir um den Hals. „Bist du jetzt meine Schwester geworden?“ fragte sie, „Meine Freundin warst du ja schon.“ Ich empfand es schon ein wenig bewegend, weil es für Élaine sehr bedeutsam zu sein schien. Paul meinte unsere Familie habe jetzt ein neues Mitglied bekommen, das müsse man doch feiern, selbst wenn das Baby nicht mehr ganz frisch sei. Am nächsten Morgen war Élaine noch lebhafter. In allem wurde die neue Schwester konsultiert, alles mit ihr beraten. Es schien ihr sichtbar Freude zu machen, mich immer wieder mit 'Üli' ansprechen zu können. Als sie wieder abreiste, meinte ich, dass sie wesentlich besser, freier und sicherer sprach als zu Beginn. Sie selbst erklärte sogar, in dieser Woche mehr gelernt zu haben, als in den zweieinhalb Monaten zuvor.


Neue Blüte


Wenn Élaine, Paul und Carole zusammen waren, kam ich zu nichts anderem mehr, sie bildeten das Programm, ein lebhaftes junges Trio, bei dem man sich untereinander noch zu pushen schien. Ob sie sich über Zukunftsfragen, wis­senschaftliche Themen oder Pläne für den nächsten Tag unterhielten, immer wurde daraus ein leidenschaftlicher Diskurs mit häufigem Lachen. Ich stellte mir vor, dass die drei meine Kinder wären, obwohl sie ja eher zur Generation meiner Enkel gehörten. Eine wunderbare Familie dazu so völlig hierarchielos. Die bei Eltern bestehende Abhängigkeit der Kinder lässt so etwas wahrschein­lich überhaupt nicht zu. Die dominierende Position von Vater und Mutter erfor­dert, dass man als Erwachsener lernt, selbständig zu werden, sich von den El­tern zu lösen. Diese Basis gab es hier überhaupt nicht, hier brauchte sich nie­mand zu lösen, Abhängigkeiten hatte es nie gegeben, selbständig mussten alle immer sein. Auch wenn wir die Möglichkeit zu diesem Leben geboten hatten, sahen wir uns nie in der Rolle von tonangebendem Elternersatz. Wir taten es, weil es uns gefiel. So wie ich Lust daran gehabt hatte, mich mit Paul zu befas­sen, war es im Grunde immer geblieben. Wir redeten, diskutierten und lebten miteinander, weil wir Lust dazu hatten, weil wir uns gut dabei fühlten, weil es spannend war und uns glücklich sein ließ.


Ich musste mich manchmal daran erinnern, dass ich weit über sechzig war, empfunden habe ich so nie. Diese Zeit stellte für mich eine völlig neue Lebens­erfahrung dar. Neue Lebenserfahrungen? Wozu sollte ich mit über sechzig noch neue Lebenserfahrungen sammeln? Es war ein Fest auf dem ich immer tanzen wollte. Es hat mich verändert. Der geruhsame gemächliche Fluss des Lebens, wie wir ihn vorher kannten, konnte nicht wiederkehren. Ich schämte mich fast dafür. Die allgemein üblichen Vorstellungen vom Älterwerden hatten auch uns unbemerkt durchwirkt und einen Weg gehen lassen, der einer sukzessiven Vor­bereitung auf's Altersheim gleich kam. Jetzt hatte ich bemerkt, dass ich das gar nicht war, dass ich das überhaupt nicht wollte, dass ich leben wollte, und zwar intensiv. Ich wollte nicht meiner Blüte beim Verwelken helfen, ich wusste, dass sie noch lange blühen konnte und wollte mich an der strahlenden Pracht ihrer bunten Farben erfreuen. In der Gemeinschaft mit Paul und Carole hatte ich mein Leben wiedergefunden. Wenn sie nicht mehr bei mir wären, ich würde es verkraften. Mein Leben hatte sich verändert. Einen Rückwärtsgang gab es nicht. Es hatten sich vielfältige Kontakte ergeben, bei denen es mir ein Bedürf­nis war und ich Lust dazu hatte, sie zu pflegen. Und zur Not konnte ich mich ja immer noch gemeinsam mit Ruth in den Sattel schwingen und mir heiße Ge­schichten von den revolutionären Kämpfen im Frankfurter Westend erzählen lassen. Das volle intensive Leben von damals, ich brauchte mich nicht wehmü­tig daran zu erinnern, von den aufregenden Zeiten zu träumen, ich hatte es für mich wiedergefunden, wenn auch nicht im revolutionären Kampf der Arbeiter­klasse.


Noël mit Lajourdies

 

Wir überlegten, ob wir Lajourdies nicht zu Weihnachten einladen sollten. Aber wie sollten wir sie dazu bewegen? Weihnachten hatte man immer zu Hause im Kreis der Familie gefeiert, das jetzt nicht zu tun und zu uns zu kommen, wäre sicher kein Gedanke, den sie freudig begrüßen würden. „Ich versteh das nicht.“ meinte Carole, „Das ist doch stumpfsinniger Traditionalismus. Ihre Familie wird nicht vollständig sein, hier ist sie es. Katalanisches hatten wir hier im letzten Jahr mehr als jemals zu Hause. Roger und Alette werden bestimmt nicht scharf darauf sein, unbedingt zu Hause zu bleiben. Die würden sicher viel lieber kom­men. Ich weiß nicht welchen Grund es gibt, der sie zu Weihnachten unbedingt ans Haus in Narbonne bindet. Außerdem würden sie mir auch eine Freude ma­chen. Dass und was Maman immer am Heiligabend vorgelesen hat, war immer das Besinnlichste. Ich hab es sehr gemocht und mag es noch immer, werde es wahrscheinlich mein Leben lang vermissen, wenn ich es nicht habe.“ Das war doch genau richtig. Carole wünsche sich zu Weihnachten nichts sehnlicher, als von Solange persönlich die Geschichte vorgelesen zu bekommen. Ich wollte mit ihr telefonieren. Sie hätte ich überzeugt, und sie würde sich darüber freuen, meinte Solange, aber sie müsse es natürlich erst mit den anderen besprechen. Weil die Kinder Feuer und Flamme waren, hätte Gilbert gemeint, selbst wenn er etwas dagegen haben sollte, hätte er als einzelner gegen drei ja sowieso keine Chance. Also Joyeux Noël dieses Jahr mit der großen Familie. Letztes Jahr hatten wir zwar viel zu viel gebacken, aber dieses Jahr musste es für zusätzlich vier Personen doch ein wenig mehr sein. Alles sollte wie im letzten Jahr gemacht werden, auch das Krippenspiel, obwohl das Jesulein nicht mehr ganz dem äußeren Erscheinungsbild eines Frischgeborenen entsprach. Aber bevor wir eine Puppe in die Krippe legten, ließen wir es natürlich Fenja machen, die sich sehr darauf freute. Das Krippenspiel wurde, wie im letzten Jahr auch sehr komisch. Nur jetzt hatten wir mehr Zuschauer, und Roger und Alette hielten sich die Bäuche vor Lachen. Die Geschenke bewegten sich, wie abgesprochen in sehr minimalem Rahmen, dafür hatten wir beim Essen versucht, Jean-Claude Bourgueil zu überbieten. Vor allem die Mengen, das sieben Gänge Menü zog sich bis in die Nacht hin. Natürlich gab es vorher eine Geschichte, vorgelesen von Solange persönlich in Düsseldorf. Sie bezog sich in vielem indirekt auf Caroles Situation. Carole verstand und strahlte. Dafür bekam Maman eine feste Umarmung und einen dicken Kuss. Später beim Essen gab es von Carole noch eine Laudatio für Solange. Ihr habe sie zu verdanken, was sie sei, es gefalle ihr und sie sei glücklich mit sich, lautete der Tenor ihres Lobes für die Maman. Jetzt strahlte Solange.

 

Élaine


Am Weihnachtsmorgen wurde mit allen möglichen Freunden kurz telefoniert, selbstverständlich auch mit Élaine. Sie wollte mich sprechen. Es stimme sie traurig, nicht bei uns sein zu können. „Zu Hause war ich jetzt das allerletzte Mal.“ erklärte sie, „Ich mach das nicht mehr mit. Es braucht ja gar nicht lieb­lich und süßlich zu sein, aber man muss doch nicht auch Weihnachten noch permanent streiten. Ich ertrag das nicht mehr. Ich verschwinde hier sobald ich kann. Mein zu Hause ist das nicht mehr.“ sagte sie und begann dabei zu wei­nen. „Élaine, willst du nicht mal auschecken, ob du nicht zum Sommersemes­ter schon rüber kommen kannst? An der Uni hier gibt es alles Mögliche, was man sich an Sprachkursen und Prüfungen nur ausdenken kann, und Germanis­tik und Romanistik kannst du doch hier auch studieren. Finanziell wird es für dich kein Problem sein. Dein Zimmer hier ist dann zwar nicht sehr groß, aber du kennst es ja. Das Angebot soll mein Weihnachtsgeschenk für dich sein. Es macht mich selber traurig, zu wissen, dass du unglücklich bist, Élaine. Ich wür­de mich freuen, wenn ich dazu beitragen könnte, dich wieder lachen zu sehen und scherzen zu hören.“ erklärte ich ihr. Sie bedankte sich überschwänglich und wollte nochmal Carole sprechen, die anschließend meinte, das Élaine be­stimmt kommen würde, wenn es sich mit dem Studium regeln ließe. Sie wolle in den nächsten Tagen mal alles abklären.


Alette


Bei den früheren Besuchen hing Alette immer mit der sechs Jahre jüngeren Fenja zusammen. Keine konnte von der anderen ein Wort verstehen, aber das schien die beiden nicht zu stören, die Kleinsten bekamen durch Gesten, Mimik und Sprachklang alles geregelt und hatten Spaß miteinander. Es war ein großes Amüsement ihnen dabei zuzuschauen. Jetzt suchte Alette häufigen Kontakt zu mir. Sie lernte seit einem Jahr in der Schule Deutsch und konnte ein wenig sprechen und verstehen. Anlass für ihre Unterhaltung mit mir waren meistens sprachliche Fragen, aber dann kam sie schnell auf andere Themen. Am häu­figsten wollte sie von mir etwas zur Beziehung von Paul und Carole hören, auch wenn ich ihr immer wieder sagte, dass sie dazu doch die beiden selber fragen solle. Es schien ihr auch wohl mehr um Fragen von Freundschaft, Bezie­hung und Liebe zwischen Jungen und Mädchen allgemein zu gehen, die sie nur nicht direkt stellte, sondern an Carole und Paul festmachte. Warum gerade ich für die zwölfjährige Alette, als geeignete Ansprechpartnerin erschien, darüber konnte ich nur mutmaßen. Vielleicht galt ich ihr als neutrale erfahrene Vertrau­ensperson, bei der sich ja auch Carole und Paul wohlfühlten.


Roger


Auch bei Roger stand Fußball nicht mehr an erster Stelle. Er hatte angefangen, sich mehr für Politik, Geschichte und philosophische Themen zu interessieren. Natürlich hatten seine Augen auch begonnen, sich für die jungen Damen seines Alters zu öffnen. Er hatte eine Freundin, mit der er sich wohl ganz gut ver­stand. Die große Liebe sei es mit Sicherheit nicht, meinte Solange, sie verhiel­ten sich wie gute Copains. „Ich kann es nicht mit ansehen, Üli. Willst du denn nicht Leidenschaft empfinden? Willst du denn nicht spüren, wie es dich ver­rückt macht? So brav nebeneinander herlaufen, mal ein Scherzchen miteinan­der machen, was ist das denn. Ich möchte ihnen am liebsten sagen, lasst es sein oder macht es richtig. Du musst doch sagen 'Ich will dich' und nicht 'Ist ganz nett, wenn du da bist'. Sie sind beide immer lieb, brav und freundlich. Es ist zum Verzweifeln.“ beschwerte sich Solange, nur sie könne ja nicht Roger und Fabienne vorschreiben, wie sie sich zu lieben hätten. Aber sprechen wolle sie auf irgendeine Art mit Roger darüber doch noch mal, es ließe ihr keine Ruhe. „Mit Carole und Paul hat es sich ja auch relativ langsam entwickelt, aber du spürtest es doch von Anfang an, dass die beiden Interesse aneinander hat­ten, du sahst es an ihren Blicken, du merktest wie sie immer die Nähe des an­deren suchten, wie sie miteinander redeten, kokettierten. Jeder spürte, dass die bei­den sich wollten. Bei Roger und Fabienne ist da nichts, sie scheinen dir vermit­teln zu wollen, das Freundschaft am besten ist, wenn sie langweilig ist.“ er­gänzte Solange und fuhr fort „Ich war froh, mitzubekommen, wie er anfing, sich mehr und mehr für andere Dinge zu interessieren, nur ich empfinde, dass er auch ein anderer Mensch geworden ist. Zu seinem Interesse am Fußball ge­hörten Lust, Intensität und kompletter Einsatz, das lebte er. Mit seinen neuen Interessen verbindet er das nicht. Beschäftigung mit ernsteren wichtigeren Themen, schließt doch nicht Vitalität, Lust und Intensität aus. Bei Paul ist das doch auch nicht so, obwohl er sich unter so widrigen Bedingungen entwickeln musste. Warum tut Roger das, warum will er das?“ Ich meinte, dass eine di­chotomische Ansicht von intellektueller Arbeit und und sinnlichem Lustempfin­den sehr weit verbreitet sei. Lust daran, etwas zu lesen, es zu kommunizieren und in sein Leben einzubeziehen, habe für Paul von Anfang an auch sinnlichen Erfahrungswert gehabt, es sei sein Leben, sein ganzes volles Leben gewesen. Bei Roger höre sich das für mich eher nach einer pubertären Attitüde an, die aber wahrscheinlich nicht anschließend von selbst wieder verschwinde. Dieses Bild, dass erwachsenes, intellektuelles Denken immer mit gebremster Intensi­tät eines reichen Lebens und Erlebens konjugiert sei, könne sich das gesamte Leben über erhalten, was man ja auch bei vielen Menschen so erfahre.


Temporäres Kollektiv


Vor etwa anderthalb Jahren waren wir uns zum ersten Mal begegnet. Mittler­weile hatten wir zusammen Weihnachten und Silvester gefeiert, hatten ge­meinsam Ostereier gesucht und vieles mehr, was vielleicht noch größere Be­deutung hatte. Waren wir gute Freunde geworden? Nein die Bezeichnung war zu schwach. Eine große Familie vielleicht? Nein das stimmte nicht, und die Be­nennung gefiel mir nicht. Manfred, Paul, Carole und ich bezeichneten uns als Kollektiv. Vielleicht gehörten die Lajourdies temporär dazu, zumindest gab es, wenn sie hier waren, keine Unterschiede. Ja, so sollte es sein, ein zeitweiliges Kollektiv, das zwischenzeitlich in räumlicher Distanz lebte. Nur was war das Ziel, das Gemeinsame, uns Verbindende in diesem Kollektiv. Dass es so etwas gab, verspürten alle, nur benannt hatte es noch nie jemand. Wir freuten uns aufeinander, hatten Lust und empfanden Glück, wenn wir zusammen waren. Ging es uns darum, das Leben gemeinsam lustvoll zu genießen? Nein, ein he­donistisches Kollektiv waren wir nicht. Wir hatten Lust daran aktiv zu sein, zu gestalten, zu denken, zu lesen, zu diskutieren. Wir wollten unser Leben inten­siv gestalten und die damit verbundene Freude genießen. Ja, ein Kollektiv für intensives Leben, so sahen wir unser gemeinsames Bedürfnis,das uns trieb und verband.


Élaine zieht ein


In diesem Jahr gab es kein gemeinsames Ostereiersuchen, auch wenn Fenja es nicht verstehen konnte, da Lajourdies doch im letzten Jahr da gewesen seien. Paul und Carole fuhren auch nicht runter in den Süden, einerseits, weil Paul in den Ferien für's Abi arbeiten musste und andererseits, weil sie zum Semeste­rende sowieso nach Narbonne fahren wollten, um Élaine zu holen. Wir hatten schon alles überlegt, was wir tun könnten, um ihr das Leben in dem kleinen Gästezimmer so angenehm wie möglich zu gestalten. In ständigem Kontakt mit Élaine, wurden Schlafcouch, Schreibtisch und Bücherwand besorgt. Élaine habe nämlich außergewöhnlich viele Bücher, von denen sie möglichst wenige zu Hause zurücklassen wollte, wusste Carole. Als die beiden am Sonntagabend nach einem langen Wochenende mit Élaine zurückkamen, stand sie vor mir, machte freudestrahlend eine breite Schnute und verkündete: „Da bin ich Üli.“, wobei sie mir um den Hals viel und mich intensiv lange drückte. Nach der Be­sichtigung des Zimmers musste bei einem Kaffee unendlich viel besprochen und berichtet werden. Wir halfen beim Auspacken, eingeräumt werden konnte heute nicht mehr.


Élaines Bücher


Als ich in den nächsten Tagen Élaine mithalf beim Auspacken und Einräumen ihrer Bücher, war ich nicht wenig erstaunt über die Menge und Qualität ihrer Li­teratur. Gegenwartsliteratur, aber auch sehr viel klassische Belletristik, Philoso­phisches, Soziologisches und Psychologisches aus allen Bereichen und vor al­lem viel feministische Literatur. Sie musste eine sehr gebildete junge Frau sein. So hatte ich sie bislang nicht gesehen. Vielleicht hatte ich ja doch das Vorurteil im Kopf, dass sie zu lustvoll sei, um Interesse daran zu haben, sich viel und in­tensiv intellektuell zu betätigen.


Natürlich wollte ich das alles erklärt haben. Beim Kaffee erzählte Élaine: „Es herrscht permanent so eine angespannte Atmosphäre bei uns zu Hause. Jeden Moment kann es zum Streit kommen. Seit ich denken kann ist das so, und seit ich denken kann mochte ich das nicht. Ich habe mich dem immer entzogen, in­dem ich mich in mein Zimmer verkrochen habe. Als kleines Kind habe ich ge­spielt, und seit ich's konnte habe ich gelesen. Unendlich viel Mist. Als mir die billigen Liebesromane allmählich stanken, habe ich mit Krimis angefangen oder wahllos irgendetwas gelesen, bis ich so mit zwölf etwas von Susan Sontag las. Ich habe es zweimal gelesen, bis ich es verstehen konnte, aber schon beim ersten Mal hatte ich gemerkt, dass es etwas Besonderes für mich war. Ich weiß noch jetzt, dass ich dabei richtig geschwitzt habe. Das regte mich auf, das war eine andere Welt, da musste ich mehr von hören. In einer halben Stunde, war alles, was ich bis dahin gelesen hatte Plunder geworden. Es war ja nur ein Essay, aber er verdeutlichte mir, das Leben etwas anderes sein kann, etwas sein kann, das ich unbedingt wollte. Ich habe alles von Susan Sontag gelesen, was ich bekommen konnte. Sie war meine Lesemutter, und dann lief im Weite­ren alles wie von selbst. Alle über die sie gesprochen hatte, kannte ich natür­lich nicht, ich musste sie auch kennenlernen, und so ging es immer weiter. In zwei Jahren habe ich unendlich viel verschlungen, und bin dabei ein anderer Mensch geworden. Als Kassiererin oder Wurstverkäuferin zu arbeiten, das ging nicht mehr. Die einzige Chance da raus zu kommen, war Lycée, Baccalauréat und Studieren. Das war mir sehr bald klar, und ich merkte schnell, wie mir das Gelesene half. Das ist mein Leben, meine Bücher sind mein Leben, sonst würde ich heute in Narbonne Käse verkaufen oder in der Fabrik arbeiten. Und Susan Sontag hat es initiiert. Sie ist meine Schutzheilige. Ich werde es ihr danken bis an mein Lebensende. Jedes Buch das ich lese impliziert auch eine Reminiszenz an diesen glücklichen Weg, auf den ich auch ein wenig stolz bin. Aber ich habe es ja nicht zwanghaft gemacht, weil ich ein Ziel erreichen wollte. Susan Sontag hat in mir die Lust geweckt, und mit meiner Lust, ja fast Gier nach neuen Er­kenntnissen, nach einem erweiterten volleren Leben ist es immer verbunden gewesen, ist es heute noch und ich möchte auch nicht, dass es jemals anders wird. Die Situation zu Hause ist wie eh und je. Es ist unerträglich. Ich gehöre da nicht mehr hin. Ich wüsste nicht, was ich da sollte. Das einzige, was ich po­sitiv sagen kann, ist, dass sie mich nicht haben verhungern lassen, mir Geld für Bücher gegeben und meine Ausbildung unwidersprochen akzeptiert haben. Ich habe keine schlechte Jugend und Kindheit gehabt, durch meine Bücher, aber das Kapitel 'zu Hause' ist für mich ohne jede Wehmut abgeschlossen.“ Élaines Ausführungen machten mich stumm. Ich sinnierte, schaute sie an und streichelte ihr die Wange. Warum, ich weiß es nicht, mir war einfach danach. Ich mochte sie und bewunderte sie. „Es fällt mir nicht leicht, ein französisches Buch zu lesen, aber deiner Bibliothek werde ich wahrscheinlich nicht widerstehen können. Was liest du selbst zur Zeit?“ fragte ich Élaine. „Ah, ein mittelmäßiges Buch und dazu noch auf Französisch. „Cousins par alliance. Les Allemands en notre miroir“ von Béatrice Durand, ich weiß nicht, ob ich es zu Ende lesen werde. Es langweilt mich. Ich möchte gern mal bei dir stöbern. Ich bin sicher, dass du interessante Bücher für mich hast, und dazu noch alle auf Deutsch.“ antwortete Élaine. Ich stand auf und holte ihr Pablos Buch. „Mit einem Vorwort von Ulrike Römer?“ Élaine starrte mich fragend an. Für heute mussten die restlichen Bücher in ihren Kartons bleiben, jetzt wurde Pablos Story erzählt und diskutiert. „Ich mag Bücher auch.“ erklärte Élaine,“ Einfach nur anschauen macht ein gutes Gefühl. Nur wenn ich meine Bücher anschaue, in irgendeiner Bibliothek empfinde ich nichts. Gottlob hat es bei mir erst angefangen, nachdem ich lesen konnte. Ich denke, es ist so, weil du weißt, dass es alles kleine Schätze sind, Schätze zu denen du eine Beziehung hast. Jedes Buch hat eine andere kleine Persönlichkeit, die du kennst, mit der du eine Verhältnis hattest. In gewisser weise sind es alles deine Lieblinge. Ja, in der Tat, wenn du ein Buch liest, gehst du eine Beziehung mit ihm ein. Lässt die Gedanken auf dich wirken, arbeitest mit ihnen, oder lässt von der Poesie deine Emotionen anregen. Das Buch macht etwas mit dir, du verhältst dich zu ihm, und anschließend ist es für dich nicht mehr mit Buchstaben bedrucktes Papier, sondern jemand mit dem du kommuniziert hast. Es hat dir etwas gegeben, ist dein Schatz geworden. Ich kann es sehr gut verstehen, wenn es dir etwas anderes bedeutet, dein Bücherregal anzuschauen, als ein Regal mit Marmeladengläsern.“.


Aufnahme ins Kollektiv


Vom ersten Moment an war Élaine nicht nur Mitglied, sondern eine Bereiche­rung unseres Kollektivs. Unser gemeinsames Motiv könne sie nur aus vollstem Herzen unterstützen. Die Aufnahme Élaines musste natürlich mit einem richti­gen Fest für's ganze Haus gefeiert werden. Großes Menü und Carole sollte die Tischrede halten. Sie bestand aus einem Sammelsurium von Scherzen und Al­bernheiten, bis sie schließlich im allgemeinen Palaver und Gelächter unterging. Élaine sagte noch einige ernstere Worte. Als sie im Flugzeug im letzten Jahr zu Ostern hierher geflogen sei, habe es sie interessiert zu sehen, wie Carole hier lebe, und sie habe sich auf ein Wiedersehen mit ihr gefreut. Seit diesem Be­such habe sich für sie alles verändert, und das in einem rasanten Tempo in ei­nem Jahr. Aber ihr gefalle es. Es sei für sie schon intensives Leben in höchster Dich­te gewesen, und sie denke damit die Aufnahmequalifikation für das Kollek­tiv gut erfüllt zu haben. Vielleicht war es das Leben gewesen, wonach sie such­te, und sie hatte es bei uns gesehen, ähnlich dem, was sie als zwölfjährige ge­sucht hatte, es aber nicht beschreiben konnte. Susan Sontag hatte ihr ein Bild davon ge­zeigt und sie hatte sich darin erkannt. Penny machte sich immer über unser Kollektiv lustig, und Malte machte alles nur immer wieder erneut sprach­los. Er schien sich nicht entscheiden zu können, ob er uns bewundern oder für über­geschnappt halten sollte. Die Entwicklung in unserem Hause, die in den Ge­sprächen mit Paul ihren Ausgangspunkt hatte, begrüßte er aber uneinge­schränkt. Er war Gymnasiallehrer, zwar nicht für Sprachen sondern für Mathe­matik. Mit dem Französischlehrer hatte er über Carole und Paul gesprochen. Der hielt ein Austauschjahr während der Schulzeit auch für sehr empfehlens­wert, nur die Schule könne nicht die Rolle der Organisatoren übernehmen, da so etwas sich ja nicht immer selbstverständlich so entwickle, wie bei uns. Aber warum sollten es die Eltern nicht selbst in die Hand nehmen, wenn man die entsprechenden Kontakte böte. Er wolle mal mit Kollegen in Toulouse, zu der eine Partnerschaft mit Düsseldorf bestand, darüber reden.


Keine Heirat


Carole hatte sich entschieden, Deutsche werden zu wollen, da ihr die minimale Ausländerquote für die Bewerbung in Münster zu riskant erschien. Europäische Staatsbürgerin bliebe sie ja, und so empfände sie sich auch überwiegend. Man­fred hatte sich schlau gemacht und wusste, dass Carole wohl keine Chance ha­ben würde, dafür lebe sie noch nicht lange genug hier und verfüge selbst nicht über einen gesicherten Lebensunterhalt. Das spiele keine Rolle, wenn sie mit einem Deutschen verheiratet sei, dann könne sie sogar ihre französische Staatsbürgerschaft auch behalten. Natürlich liebte sie Paul, ging auch davon aus, immer mit ihm zusammen zu bleiben und alt genug zum Heiraten, wäre sie ja schließlich auch gewesen, aber nein das wollte sie nicht. Heiraten werte ihre Beziehung ab. Sie wolle nicht mit einem amtlich gesicherten Partner leben. Sie wolle Carole bleiben und Lust daran haben, diese eigene individuelle Per­sönlichkeit Paul immer wie­der neu zu begehren. Heiraten passe nicht in ihre Vorstellung von Liebe, Bezie­hung und Leben zwischen Mann und Frau. Sie lebe mit Paul und liebe ihn, und so solle es bleiben. Die Staatsbürgerschaft zu wechseln, verändere sie nicht, aber zu heiraten, verlange etwas von ihrer Per­sönlichkeit, zu dem sie nicht stehe und was sie nicht wolle. Das habe sie in ih­rem Leben bisher grundsätzlich nicht zugelassen, sonst sei sie nicht die, die sie heute wäre, und sie gedenke auch nicht, dies jetzt zu än­dern. Eher sei sie be­reit etwas anderes zu studieren, als dafür anzufangen, sich selbst aufgeben zu müssen.


He, Carole, da sprach die junge Ulrike. Heiraten? Niemals hätte ich geheiratet. Mich an einen Mann so fest binden, wie sie das jetzt mit Paul machte, war für mich schon nicht denkbar. Männer hatten eine Funktion, mich deshalb aber binden zu lassen, sie in mein Leben eingreifen zu lassen, damit ich immer Sex mit ih­nen haben konnte, niemals. Nur bei Manfred war alles ganz anders, er schi­en das gar nicht zu wollen und zu beabsichtigen. Seine Distanziertheit machte ihn mir sympathisch. Er war für mich der einzige Mann, bei dem ich das Emp­finden hatte, mich ganz normal mit ihm unterhalten zu können, ohne dass die Mann-Frau-Rolle anwesend war. Dass dieser Mann je beabsichtigen könnte, mich zu beeinflussen, mich als seine Frau zu betrachten, war nicht vor­stellbar. An so etwas dachte ich zwar gar nicht, aber so sah ich ihn. An Bezie­hung, Lie­be oder etwas Ähnliches hatte ich auch nie einen Gedanken ver­schwendet. Ich mochte ihn schon, und zwischen unseren Treffen schienen sich auch unbeab­sichtigt die Abstände zu verkürzen, bis ich feststellte, dass ich un­gewöhnlich häufig an ihn dachte. Sonderbar, ich hatte ja nichts mit ihm. Trotz­dem fing ich an, von ihm zu träumen. Nein, was sollte das, ich wollte es nicht. Ich hatte noch nie von einem Mann geträumt. So etwas wollte ich nicht, auch nicht von einem Mann, mit dem ich nicht im Bett gewesen war, ja mit dem es sogar bis­lang nie zum Austausch irgendwelcher Zärtlichkeiten gekommen war. Ich konn­te mich nicht dagegen wehren, es verschlimmerte sich nur noch. Ich war wü­tend über mich selbst, dass ich mich von so etwas okkupieren lassen musste. Ich empfand mich als machtlos gegenüber meinen eigenen Wünschen und Be­dürfnissen. Das musste es wohl sein, was man als Liebe bezeichnete, und was ich jetzt zum ersten Mal erlebte und mit mir geschehen lassen muss­te. Liebe zu einem Mann, den ich außer seiner Hand bei der Begrüßung, noch nie berührt hatte, mit dem ich kein einziges Wort über Beziehung, Liebe, Sex gewechselt hatte. Was sollte ich denn mit meiner Verliebtheit eigentlich anfan­gen? Ihm einfach sagen: „Komm mit ins Bett, ich will dich.“? Es zwang mir bei unseren Treffen ein Schmunzeln ab, wenn ich dar­an dachte. Es blieb alles wie eh und je, aber das gefiel mir nicht mehr. Ich musste irgendetwas ansprechen, musste ja wissen, wie er mich denn wohl als Frau sah, ich wusste ja nichts. Als ich es versuchte, war ich verlegen, wie ein kleines Mädchen, ein Verhalten, das ich von mir überhaupt kannte. Er fände mich schon sehr reizvoll und begeh­renswert, aber so etwas müsse ja auf Ge­genseitigkeit beruhen. Da ich nie et­was in der Richtung hätte anklingen lassen, sei er davon ausgegangen, dass ich daran kein Interesse hätte. Ich habe ihm dann alles von mir erzählt und es dauerte nicht lange, bis wir, unter strikten Auflagen zwar, zusammenwohnten. Alles Negative, was mit Ehe oder enger Partnerschaft üblicherweise einher ging, sollte ausgeschlossen werden. Zwei eigenständige Persönlichkeiten, die sich gegenseitig respektierten und keine Ansprüche aneinander stellten. Ein wenig illusionär, aber dass wir es im­mer beachten wollten, war unserer Bezie­hung bestimmt förderlich. Im Zusam­menhang mit Penny haben wir dann sogar geheiratet, weil uns die Nachteile für Penny und uns selbst nicht vertretbar er­schienen. Und unsere alte Einstel­lung behielten wir ja bei. So ist es bis heute geblieben. Ob es viel bewirkt hat? Ich glaube schon. Als die Frau des Herrn Rö­mer habe ich mich nie empfunden, und immer zu wissen, das gegenseitige Ak­zeptanz und Respektierung der ei­genständigen Persönlichkeit des anderen oberste Priorität besitzen, schafft eine Basis, auf der wir beide uns wohl fühlen und gern zusammen leben.


Carole bewarb sich als Ausländerin, bemühte sich aber um einen Gesprächster­min bei einem ihrer potentiellen zukünftigen Pro­fessoren und bekam ihn. Er habe zwar keinen direkten Einfluss auf die Zulas­sung, sei aber Mitglied der Kommission, sähe das Problem und wolle es zur Sprache bringen. Bei den aus­ländischen Bewerbern wurde nicht ausschließlich nach den Zensuren des Reife­zeugnisses entschieden, da es keine einheitlichen Vergleichskriterien gab. Sie mussten eine ausführliche Begründung, warum sie hier Kommunikationswis­senschaften studieren wollten, beifügen.


Neues Zuhause in Münster


Eine ehemalige Studienkollegin von mir wohnte in Münster. Zu Anfang hatten wir uns noch öfter geschrieben. Langsam wurde es immer weniger, bis es schließlich bei einem Kärtchen zu Weihnachten gelandet war. Dann hat es kei­nen Sinn mehr. Ich versuchte Kontakt mit ihr zu bekommen, und erzählte ihr, dass meine Kinder in Münster studieren wollten. Es wurde ein lustiges Ge­spräch, sie fand alles äußerst spannend, und wir verabredeten uns zu einem gemeinsamen Besuch in Münster. Sie war Dozentin für Germanistik und mitt­lerweile auch emeritiert. Von den dreien war sie begeistert, gab Élaine viele Hinweise für's Germanistikstudium und bot sich auch für spätere Hilfen an. Eine geeignete Wohnung für die drei zu finden, sei äußerst schwierig. Bei der Wohnungssuche wollte sie ihnen behilflich sein, sich umhören und umschauen. Sie selbst wohnte in einer Altbauwohnung im Kreuzviertel und hatte hier auch reichliche Kontakte. Etwa einen Monat später rief sie an. Die drei sollten ganz schnell kommen. Sie habe eine Wohnung in einem Jugendstilhaus ganz bei sich in der Nähe. Den Vermieter habe sie zum Abwarten überreden können, da sie ihm eine fast sichere Zusage gemacht habe. Alles wunderbar, vier Zimmer mit Balkon und Gartenbenutzung, 110 qm zum erschwinglichen Preis und jeden Abend ins Kuhviertel. Jetzt hatten die drei eine Wohnung in Münster. Sie muss­ten nicht nur ab sofort Miete bezahlen, sie brauchten auch Möbel, die Wohnung war völlig leer. Hier sollte nichts ausgeräumt werden. Das Kollektiv sollte ihr Stammsitz bleiben, auch wenn sie vielleicht nicht an jedem Wochenende her kämen. Pauls und Caroles Eltern zeigten sich großzügig und für Élaine über­nahmen wir die Patenschaft. Petra, meine ehemalige Studienkollegin hatte sich schlau gemacht, wo es billige Möbel aus Wohnungsauflösungen gab, und jedes Wochenende verbrachten die drei jetzt in Münster, um ihre Wohnung zu kom­plettieren, obwohl Paul und Carole noch gar keine Zusage von der Uni hatten. „Dass wir hier leben und studieren werden ist sicher, selbst wenn's mit den Kommunikationswissenschaften nicht klappen sollte. Auch wenn hier alles ge­mütlich und geruhsam scheint, diese Stadt vermittelt Inspiration und verleitet nicht zur Abstumpfung. Wir werden hier unsere intellektuellen Kompetenzen lustvoll weiter entwickeln. Da bin ich sicher und freue mich darauf.“ schätzte Carole ihre Zukunft ein und die anderen sahen es nicht anders.


Élaines Freund


Seit Élaine bei uns war, hatten wir kein Wort über ihren Freund Joël gehört. Als ich sie danach fragte, meinte sie scherzend: „Ich bin einfach abgehauen. Nein, ich habe ihn schon sehr gemocht, es hat mich auch nicht kalt gelassen. Er wollte, dass ich in Narbonne bliebe, aber die Beziehung zu Joël war nicht mein Leben. Ich definierte mein Leben nicht über unsere Beziehung, unsere Freund­schaft hat Bedürfnisse bedient, aber mein Leben war weitaus mehr und mir un­endlich viel wichtiger. Dafür war ich diesen Weg nicht gegangen, um mit Joël schmusen und im Bett liegen zu können, und alles andere als sekundär zu be­trachten. Dann hätte ich auch Wurstverkäuferin sein können. Ich habe ver­sucht, es ihm zu erklären, aber er hat mich nicht verstanden. Seitdem hat er nicht mehr mit mir gesprochen. Ich habe ihm eine E-Mail geschickt, und alles nochmal erklärt, aber er hat sie nicht beantwortet. Tout est fini. Was soll man machen? Ich werde einen anderen Mann finden, vielleicht jemanden, der mir mehr bedeutet, als ein netter Mann zu sein, vielleicht finde ich ja auch meinen Paul, wer weiß.“


Lajourdies in Münster


Lajourdies machten in diesem Jahr zum ersten Mal Urlaub in Nordfrankreich. Von Cayeux-sur-Mer an der Somme Bucht kamen sie über Belgien zu uns. Für Alette war es eine außergewöhnliche Enddeckungsreise. Die Französische At­lantikküste in der Picardie, die Fahrt durch Belgien, die Besuche in Brüssel und Liège und dann auch noch das neue Zuhause in Münster. Als sehr ungewöhn­lich und amüsant, aber sehr angenehm empfand Solange das Leben dort. Sie könne sich gut vorstellen, dass es den dreien in Münster gefalle. Lajourdies blieben noch ein paar Tage und wollten auf der Rückfahrt Alette Paris und die Vulkane der Auvergne zeigen. Carole war einmal in Paris gewesen, aber an­sonsten hatte sie außer dem Süden von Frankreich noch nichts gesehen. „Na ja, was soll ich in der Normandie oder im Zentralmassiv? Ich will keine Auver­gnate werden. Mein Leben spielt sich hier ab, und was ich mir anschaue und kennenlernen will, soll damit zu tun haben. Ich fahre lieber nach Berlin als nach Clermont-Ferrand. Das versteht man doch?“ meinte Carole dazu.


Abschied und Erhalt

 

Nach dem Sommer war es wirklich so weit, dass die drei uns verließen. Obwohl wir ständig in Kontakt bleiben wollten, sie so gut wie immer an den Wochenen­den kämen, würde sich für uns der Alltag doch sehr verändern. Ein Leben ohne die ständige Anwesenheit der drei jungen Intellektuellen stand uns bevor. Ich hatte es geliebt und mich ausgesprochen wohl dabei gefühlt. Auch wenn sie nicht mehr anwesend wären, wollte ich dieses Leben nicht aufgeben. Natürlich gab es die Freude am ständigen Kontakt und Austausch nicht mehr, aber da war ja auch noch etwas anderes gewesen als die Freude, die es bereitet einem geliebten Menschen zu begegnen. Wir hatten ja Lust daran empfunden, uns in­tellektuell auszutauschen, gemeinsam zu denken und zu hinterfragen. Sollte ich vielleicht doch mal etwas, worüber ich nachdachte und mir Gedanken ge­macht hatte, aufzuschreiben versuchen? Sollte ich das, worüber ich sonst mit den anderen im Gespräch kommuniziert hatte, in einer dichteren Form zu Pa­pier bringen? Nur für mich selbst als eine Art Tagebuch. Nichts Poetisches oder literarisch Wertvolles, sondern es mehr essayhaft für mich formulieren und festhalten. Ja, das könnte mir gefallen. Mit fünfundsechzig anfangen ein intel­lektuelles Tagebuch zu führen. Ich freute mich darauf.

 

An Aktivitäten mangelte es nicht. Ich war ja froh darüber, nicht mehr so viel mit der Haushaltsorganisation zu tun zu haben. Herberts Bücher hatte ich noch nicht einmal alle gelesen und die vielen mir unbekannten Werke in Élaines Bi­bliothek reizten mich auch sehr. Außerdem war ich täglich längere Zeit mit meinen E-Mails beschäftigt. Aus Münster kam jeden Tag eine Mischung aus An­sichten, Gedanken und Tagesprotokoll von einem der Dreien. Trotzdem schien mir die Möglichkeit, meine Gedanken mit anderen zu kommunizieren, zu feh­len. Die Gespräche mit den dreien hatten auch einen sinnlichen Erfahrungsge­halt, den ich jetzt vermisste. Ich unterhielt mich öfter und lange mit Ruth über derartige Fragen. Sie vertrat die Ansicht, dass das Schlimmste am Altwerden sei, dass sie meine auch so zu empfinden, obwohl sie es eigentlich gar nicht wolle. Ihre Persönlichkeit sei doch seit sie eine junge Frau gewesen wäre, die gleiche geblieben, sie handele jetzt in vielen Dingen anders, aber sie müsse doch nicht denken, wie man es von einer Oma erwarte. Das passe doch gar nicht zu ihr, stimme doch gar nicht mit ihr überein. Der Prozess des Älterwer­dens käme ihr wie eine Art Entfremdung vor, die sie zwar nicht beabsichtige, gegen die sie sich aber auch nicht zu wehren wisse. Sie meinte, dazu bedürfe es anderer Erfahrungen, als die alten Tage angenehm gestaltend zu verbrin­gen. „Du hast doch ein Bedürfnis, teilzuhaben, dich einzumischen, warum tust du es nicht? Weil es nicht in das Bild passt, dass man gemeinhin von einer al­ten Frau hat. Was für ein Unsinn, du machst ihn dir zu eigen und merkst nicht einmal mehr, was du da tust. Wir brauchen andere Praxiserfahrungen, Ulrike. Ob wir uns nicht bei den Grünen oder in einer Menschenrechtsorganisation en­gagieren sollten?“ Ich dachte nach. Der kleinpolitische kommunale Alltagshick­hack bei den Grünen hatte mir überhaupt nicht gefallen. Das war es nicht, wo­nach ich suchte, und was ich brauchte, aber Amnesty, warum nicht? Das könn­te ich mir schon vorstellen. „Nein, Ruth, bei Terre des Femmes sollten wir uns engagieren. Warum tun wir es nicht sowieso schon längst?“ forderte ich. Wir wollten uns erkundigen, ob es in Düsseldorf überhaupt eine Gruppe gebe, wenn nicht, wollten wir eine gründen.

 

Ich hatte zu einem erfüllten, dichten und intensivem intellektuellen Leben ge­funden durch einen fünfzehnjährigen pubertierenden Jungen, der zu viel las. So viel las, weil er in den Büchern das fand, was er suchte. Ein Leben, das frei war von den psychisch Verstrickungen und Missverständnissen seiner Alltagser­fahrungen. Es wurde sein Leben, seine Welt die er gefunden hatte, die er gierig aufsog und sich aneignete. Ich war die erste, mit der er sie kommunizieren konnte. Sein Fieber und das der beiden jungen Frauen, die sich in ähnlicher weise die Welt aneigneten, hat mich infiziert. Die Lust und In­tensität, mit der sie ihre Intellektualität entwickelten, hat mich fasziniert und verändert. Die drei jungen Menschen haben mir gezeigt, wonach ich suchte. Wieder verlieren werde ich es nicht mehr können. Zum Rückfall in ein abge­stumpftes, lahmes und gemächliches Altenleben kann es nicht kommen. Nur zu sagen: „Mir graust davor.“, wäre eine zu schwache Formulierung. Ich kann es nicht mehr. Meine Person wäre das nicht.

 

FIN

 

 

La raison peut nous avertir de ce qu'il faut éviter, le coeur seul nous dit ce qu'il faut faire. "

J. Joubert

Paul ist eigentlich so etwas Ähnliches wie ein Wunderkind. Aber keiner erkennt es und niemand will es wissen. Ulrike, die Omi seiner Cousine, bekommt es zufällig heraus und ist verblüfft. Paul ist in der Pubertät, aber er hat ein Wissen und eine Bildung, um die ihn nicht wenige Abiturienten beneiden würden. Alles autodidaktisch angeeignet. Neben der Schule gibt es für ihn nichts anderes als Lesen. Ulrike und Paul können sich wie zwei Erwachsene unterhalten. Ulrike liest auch gern und viel. Paul sieht sich zum ersten mal in seinem Leben anerkannt, verstanden und gemocht. Er fühlt sich aber nicht nur bei Ulrike wohl und zu Hause, Paul verliebt sich in die siebenundfünfzig Jahre ältere Frau und träumt von ihr. Seine erste Liebe. Wir überlegten, was da wohl zu tun sei und hatten viel Spaß dabei. Etwa anderthalb Jahre später war Paul zu einem Schüleraustausch in Narbonne. Die Elogen über Caroles Vorzüge dehnten sich aus, bis er eines Tages erklärte, dass Carole ihn wohl sehr gut lei­den möge. Wenig später fragte er, ob ich ihm böse sei, wenn er mir untreu würde, er sei nämlich der Ansicht, sich in Carole verliebt zu haben. Ich meinte im dieses eine Mal noch verzeihen zu können, bei Häufung derartiger Vorfälle mich aber gezwungen zu sehen, nach einem neuen Liebhaber Ausschau halten zu müssen. Die beiden eroberten „Gallia Narbonensis“, aus der laut Paul immer seine neuesten Nachrichten kamen, und erkundeten gemeinsam das ganze Roussillon. Obwohl von Carole die Amouren ausgegangen waren, ließ sie es nicht weiter als bis zum Schmusen und flüchtigen Küssen kommen. Sie wolle nicht einen Liebsten haben, der zum Schuljahrsende plötzlich verschwunden sei. Sie stünde allein und könne ihrer Liebe allenfalls mal einen Brief schicken, auch wenn sie ihn noch so sehr liebe, aber darauf habe sie keine Lust. Er wolle das ja auch nicht, würde am Liebsten für immer in Narbonne bleiben und sei absolut ratlos, erklärte Paul. Jetzt gab es doch intensive Liebeskonsultationen, allerdings nicht mehr über Pauls Liebe zu mir, sondern in der Causa Carole Lajourdie & Paul Saalhoff.

 

 

Paul wird untreu – Seite 61 von 61

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 21.06.2013

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