Cover

Vorwort

Sämtliche Personen, Orte und Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

 

Der Inhalt dieses Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Covermodels aus.

 

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck oder eine andere Verwertung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.

 

Ebooks sind nicht übertragbar und dürfen nicht weiterveräußert werden. Bitte respektieren Sie die Arbeit der Autorin und erwerben eine legale Kopie. Danke!

BLIND - Sehen ist nicht alles

Damien

 

Schlecht gelaunt zog ich mir die Schuhe an, als bereits zum zweiten Mal geklingelt wurde. Da ich genau wusste, dass mein ungeduldiger Bruder vor der Tür auf mich wartete, beeilte ich mich nicht extra. Fünf Minuten später öffnete ich die Haustür und Elias begann gleich sich zu beschweren.

„Wenn du dich die nächsten Male nicht ein bisschen mehr beeilst, dann kannst du dir jemand anders suchen!“ Ich setzte mein unschuldigstes Lächeln auf und zog die Tür hinter mir zu. Er sollte mir nicht meine schlechte Laune ansehen.

„Nun sei doch nicht so. Ich hab meinen Schlüssel nicht gleich gefunden.“, log ich und wusste gleichzeitig, meinen Bruder damit besänftigt zu haben. Ich konnte sein Seufzen hinter meinem Rücken genau hören.

„Na schön. Dann sag das nächste Mal wenigstens Bescheid, dann kann ich dir beim Suchen helfen.“ Sanft legte er seine Hand auf meine Schulter und drehte mich zu sich um. „Hast du denn alles dabei? Wo ist dein Stock?“ Unsanft schob ich mich an Elias vorbei. Warum tat er das nur jedes Mal? War ich ein kleiner Junge? Obwohl ich es nicht wollte, verlor ich gleich wieder meine Beherrschung.

„Ich bin zwar blind, aber nicht blöd! Ich brauche das scheiß Teil nicht!“, fauchte ich ihn an. Eine Weile herrschte Stille. Keiner sagte etwas und auch ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mein Bruder konnte am wenigstens etwas für meine Situation. Er war es, der sich nach meinem Outing und nach diesem Vorfall nicht von mir zurückgezogen hatte, sondern immer für mich da gewesen war.

 

An meiner Situation war ich ganz alleine Schuld. Vor anderthalb Jahren hatte ich mich selbst in diese beschissene Lage gebracht. Bei einem riesigen Streit mit meinem Ex war ich, wie wild geworden aus dem Haus gestürmt, hatte die Tür hinter mir zugeknallt und war in meiner Wut einfach auf die Straße gelaufen. Der Autofahrer, der mich damals mitgerissen hatte, hätte gar nicht anhalten oder mir ausweichen können. Es kam alles viel zu plötzlich.

Ich spürte den harten Aufprall in jeder Faser meines Körpers. Doch das war nicht einmal das Schlimmste. Wäre ich danach nicht so unglücklich auf dem Hinterkopf gelandet, würde ich heute noch sehen können. Es war nicht so, dass ich überhaupt nichts mehr sehen konnte. Ich konnte sehr wohl noch Lichteindrücke erkennen, mit ein bisschen Anstrengung sogar Schattierungen. Aber das war es dann aber auch schon. Der Arzt hatte mir damals erklärt, dass der visuelle Kortex im Hinterkopfbereich bei mir verletzt wurde und ich deshalb nichts mehr würde sehen können. Eigentlich hatte ich noch ziemliches Glück gehabt. Immerhin hätte mehr passieren können.

Am Anfang hatte ich ziemliche Schwierigkeiten mit dieser neuen Situation, aber durch Elias ging es mir scheinbar von Tag zu Tag besser. Er war sogar eine Weile bei mir eingezogen, hatte sein eigenes Leben hinten angestellt.

 

„Hör mal, Damien. Ich möchte dir nur helfen!“ Elias stand nun wieder neben mir. Ich konnte seine sanfte Stimme deutlich wahrnehmen und augenblicklich wurde ich wieder ruhiger. Ich wusste genau was er meinte. Immerhin hatte ich ihn um diesen Gefallen gebeten.

 

Nachdem ich mich endlich, Elias zuliebe, mit meiner Blindheit abgefunden hatte, begann ich mein Leben neu zu ordnen. Ich begann zuerst in meiner näheren Umgebung. Elias schickte ich also nach sechs Monaten wieder nach Hause, immerhin sollte auch er sein Leben wieder aufnehmen.

So durchquerte ich Tag für Tag aufs Neue meine Wohnung, prägte mir jeden Millimeter, jedes Möbelstück, jede Deko, ja alles, genau ein. Heute kann ich ohne große Probleme durch meine eigenen vier Wände gehen, ohne an jeder Ecke irgendwo dagegen zu laufen. Auch habe ich damit begonnen, mir die Brailleschrift anzueignen. Dies mache ich bereits seit sechs Wochen und es macht wirklich Spaß.

Mein größtes Problem besteht jedoch darin, dass ich meine Wohnung ohne Begleitung nicht mehr verlassen will. Sie gibt mir die Sicherheit, die ich brauche, aber irgendwann hatte auch ich einsehen müssen, dass mein 26 jähriger Bruder nicht immer für mich würde da sein können. Ich selbst war nur zwei Jahre jünger und musste endlich auf eigenen Beinen stehen. Deshalb hatte ich Elias um diesen letzten Gefallen gebeten. Ich wollte mir die wichtigsten Wege, die ich täglich brauchte einprägen, um auch in Zukunft besser alleine klarzukommen.

 

„Es tut mir leid…“, murmelte ich und suchte mit den Händen nach meinem Bruder. Dieser kam sofort auf mich zu und nahm mich in seine schützenden Arme.

Wieder einmal wurde mir bewusst, dass ich noch lange nicht soweit war, vollkommen alleine klarzukommen. In solchen Situationen hatte ich das Gefühl, in ein tiefes schwarzes Loch zu fallen, aus dem ich nicht mehr alleine herauskam. Manchmal fragte ich mich wirklich, ob das alles einen Sinn hatte.

Ich konnte Elias Hände auf meinem Rücken spüren, die beruhigend auf und ab strichen. „Du wirst es schaffen. Du musst nur an dich glauben!“ Ich versuchte fest an seine Worte zu glauben, doch im Moment gelang es mir nicht. Um meinen Bruder jedoch nicht zu verunsichern, löste ich mich von ihm und ging die paar Schritte, die ich bereits auswendig kannte, voraus.

 

Bereits eine halbe Stunde später, dröhnte mein Kopf und ich wäre am liebsten wieder nach Hause zurückgegangen.

„Du musst weiter nach links.“, rief Elias hinter mir. „Nein, nicht ganz so viel! Wieder ein Stück nach rechts!“ Völlig orientierungslos und verwirrt blieb ich stehen. Wie sollte man etwas in seinen Kopf bekommen, wenn hier so viel los war?

Stimmengewirr, vorbeifahrende Autos, weinende Kinder, Bauarbeiten. All diese Geräusche rasten mir durch den Kopf und ich konnte mich kaum auf meinen Bruder konzentrieren. Obwohl ich bei einem Psychologen eine Therapie begonnen hatte, bei dem ich lernen sollte, unwichtige Geräusche auszublenden, gelang es mir heute überhaupt nicht. Völlig überfordert, hielt ich mir die Ohren zu, in der Hoffnung, für einen kleinen Moment abschalten zu können. Wo zum Teufel waren wir überhaupt?

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Alle Rechte liegen bei der Autorin
Bildmaterialien: Shutterstock.com / Bearbeitet von Caro Sodar
Lektorat/Korrektorat: V. J. Albert
Tag der Veröffentlichung: 23.12.2013
ISBN: 978-3-7309-7118-5

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Jayden

Nächste Seite
Seite 1 /