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Mein Zürich

Mein Zürich. Diese Stadt; man MUSS sie einfach lieben!


Schon früher, als ich hier noch als Verkäufer in einer Boutique tätig war, hat es mich ungemein genervt, wie penetrant sich diese Stadt der Zünfte permanent in sämtlichen Medien präsentiert, bei ihren ausgesprochen peinlichen Selbstbeweihräucherungen anhand von irgendwelchen Rankings, die man voller Stolz und aufs Höchste entzückt Jahr für Jahr zusammenschludert: Wir bieten die höchste Lebensqualität, sind umweltbewusst, liberal, grün, weltoffen, hypermodern, multikulturell, multisexuell. Ein urbanes Paradies für besonders rücksichtsvolle Radfahrer.


Die einzige Authentizität an dieser Stadt sind die unzähligen Baustellen, Banken, die Korruption und die Prostitution, aber sonst besteht praktisch alles nur aus Imitation: Fasching, Oktoberfest, Filmfestival etc. Sogar die Kühe sind pure Imitation (darauf komme ich gleich zu sprechen bzw. zu schreiben ...).

 

Man schmückt sich eben nur allzu gern mit fremden Lorbeeren. Dabei sind diese weltstädtischen Hinterweltler nicht mal imstande einen anständigen Christkindl Markt auf die Beine zu stellen. Ein Postamt im Hauptbahnhof sucht der Passant vergeblich (im Gegensatz zu früher).

Dafür gibt es Kultur in Reinformat: Die regelmäßige Aufführung eines mopsfidelen Vandalentheaters mit Zerstörungsorgien, an denen unter anderem auch feurig-fruchtige Molotowcocktails serviert werden, und an denen die sensationsdurstigen Zuschauer bitter-blutig nippen dürfen. Demos, Demos und Demos, bis zum Abwinken. Es finden sich immer irgendwelche Gründe.

 

Dann diese prosaischen, billigen Inszenierungen wie das alljährliche, innerhalb der Millionenmenge von Menschen stattfindende Massenschunkeln und Herumgewackle an der Streetparade. Es wird eben nicht nur auf der Zürcher Wiesn um die Wette geschunkelt ... Ein gigantisches, offenes Massengrab mit lebendigen, spasmisch-umherzappelnden und mit Ecstasy vollgepumpten Leichen an der weltgrößten, legalen Open-Air-Drogen- und Technoparty, an der allein diese Stadt einen riesigen Reibach macht. Zwinglianisches Sodom und Gomorrha, akustisch begleitet von stumpfsinnigen, kakofonischen Klängen, deren Erzeuger - DJs oder DJanes genannt - natürlich keine Gage kassieren, aber dafür Hunderttausende von Franken aufs Spesenkonto einheimsen.

Sauberes Zürich produziert dabei Tonnen von Müll (Aber zumindest sind die hiesigen Geldwäschereien immer noch weltweit die saubersten und gründlichsten). Sag mir, wo die Grünen sind! Ach die ... die stecken irgendwo in der Menge und wackeln eifrig mit; schön solidarisch. Die haben jetzt keine Zeit für umweltbewusste Politik. Diese selbst ernannten Weekend Raver geben sich Technokratischhype ... und sich somit eben volkstümlich à la Bi de Lüt! Aber wenigstens haben sie ihre Ferraris für heute mal in der Garage gelassen und sind mit dem Fahrrad angereist. Ja, wir sind mit dem Radl da! Ach, wie nett und vor allem: Vorbildlich. Live vor der Kamera in einem Provinzsender noch schnell mal die Werbetrommel rühren für die kommenden Wahlen in der eigenen Partei, für humane Politik plädieren oder Spendengelder für die Pro-Profit-Organisationen erbetteln, mit welchen man ja verbandelt ist, etc. Na, wenn da keine Freude aufkommt ... Fröhlich sein auf Teufel komm raus. Zürich tanzt! Aber am Montag kraucht man dann wieder jeweils missgelaunt in die Bude. Alles ist nur aufgesetzt.

 

Das erinnert mich unwillkürlich an den Sommer im Jahr 1998, als ich hier gearbeitet habe: Über achthundert Kitsch Kühe waren hier überall in der Stadt aufgestellt und hinterließen ihre kulturellen Fladen. Ja, wahre Kunst! Der ganze Schwachsinn sprich künstliche Rinderwahnsinn ging in die Millionenhöhe, dazu noch auf Kosten des Steuerzahlers, und war auf dem hirnrissigen Misthaufen des Zürcher City Clubs gewachsen.

Vor Kurzem hatte man sogar noch einen Hafenkran in der Nähe des Großmünsters hingestellt. DIE Attraktion! Der toxische Rosthaufen aus der ehemaligen DDR kostete dem Steuerzahler nur eine halbe Million Schweizer Franken. (Hing da nicht noch eine riesige, tote Hose dort oben ...? Ah, nein, die hängt jetzt am Mast von irgendeinem Baukran). Tolle Idee. Aber nur wenn sich jene Initianten selber daran aufgehängt hätten. Hang 'em high! Es baumelt sich eben so schön über der Limmat! Fehlt nur noch eine kolossale schwimmende Klosettschüssel darunter; spülen wir's runter!

 

Zürich ist die eigentliche Hauptstadt der Schweiz. Aber nicht nur das: Wir sind die schönste und beste Stadt der Welt! ICH BIN ZÜRICH. Ja, DER NABEL DER GANZEN WEITEN WELT! WIR SIND NICHT NUR INTERNATIONAL, SONDERN INTERKOSMISCH!
Von Größenwahn natürlich keine Spur. Wer das behauptet, hat in meinen Augen nichts von der Welt gesehen, ja, der kennt nicht mal die Schweiz. Für die eingefleischten Zwinglianer dagegen ist hier einfach alles Weltklasse. Letzteres sind hier jedoch nur die Preise.

 

Zürich geht aus. Ja, wo geht's denn hin, das glanzvolle Zürich? Immer dorthin, wo die tote Hose hängt, denn diese ist nicht zu übersehen. Und das hiesige Nachtleben?

Wir sind eine einzige Partystadt, DIE einzige Partystadt in der ganzen Schweiz!

So das großspurige Credo dieser provinziellen, einfältigen Szenen Fuzzis. Party? Wo denn? Party machen? An einer richtigen Party ist man entweder eingeladen, an der man selbstverständlich gratis speist und trinkt, oder man macht, schmeißt eine Party, an der man als Gastgeber all seinen Gästen Speisen und Getränke offeriert. Basta! Wird man hier in Zürich zum Beispiel zu einer Geburtstagsparty eingeladen, muss man als Gast damit rechnen, sämtliche Konsumationen selbst zu berappen (das habe ich schon zweimal erlebt).

 

 Was man ebenfalls unter 'Partymachen' versteht, ist das Herumhängen, chillen, das sinnlose Besaufen in den hiesigen Clubs, in diesen überlauten Schuppen, welche zudem während der Wochenenden hoffnungslos überfüllt sind, und wo man(n) noch Eintritt zu bezahlen hat. Wieso haben eigentlich nur FRAUEN freien Eintritt?

Vorher steht man fast eine Stunde lang hübsch brav wartend in der Schlange, ob mit oder ohne Membercard. Dann folgt der obligatorische, hündische Kniefall vor dem Doorman. Bauchmiezeln, Speichellecken, Arschkriechen ist jetzt angesagt. Doch die Bettelei nimmt man gern in Kauf. Die holden Weibchen haben es in dieser Hinsicht ein bisschen einfacher, wenn sie Einlass begehren. In der Linken hält man das iPhone oder den Pappbecher voll mit Starbull Gülle und mit der Rechten zupft man emsig den Mini-Jupe nach unten. Letzteren trägt man möglichst kurz. Es geht ja nicht allein darum, die weibliche Konkurrenz zu übertrumpfen, sondern in erster Linie um ein zweckentsprechendes Outfit zu präsentieren, das seine Wirkung nicht verfehlt: So manch prüde Tussi mutiert dann plötzlich zum (vermeintlichen) Vamp: "Ich geb' dir meine Handynummer ... Komm, ich blas' dir einen, ja, ich lass' dich bei mir ran, wenn du mich reinlässt ... !"

Na, das sind doch Angebote! Sollte es der Wächter doch mal darauf ankommen lassen, um sie beim Wort zu nehmen, gibt Frölein Saubermann ihm entweder eine falsche Handynummer oder erwähnt, dass sie eigentlich einen festen Freund hat, der bereits drinnen im Club auf sie wartet. Der grunzende Gorilla, dessen gewaltige Größe sowie Körperlänge meistens nur noch von seinem imposanten, dreimeterlangen Vorstrafenregister übertroffen wird, vor dem Eingang bestimmt auf jeden Fall, wer in den Zoo rein darf und wer nicht. Es gibt anscheinend nichts Aufregenderes als sich durch einen Mob von zugedröhnten Primaten zu wühlen. Tanzt Euch doch frei! Ist das nicht affengeil?

Ein Longdrink kostet im Schnitt, sage und schreibe zwölf bis fünfzehn Euro umgerechnet! Aber nicht für die weiblichen Gäste ohne männliche Begleitung, denn es findet sich immer wieder ein Trottel, dem man schöne Augen, gepaart mit ein bisschen Schenkelzeigen und leere Versprechungen machen kann, damit dieser die überteuerten Drinks bezahlt. Dazu mit einem Publikum, das vorwiegend, zu siebzig Prozent aus Männern besteht, und man als Gast jederzeit damit rechnen muss, angepöbelt, zusammengeschlagen oder im schlimmsten Fall abgestochen zu werden.

Selbst wenn es ohne Anpöbeleien, Schlägereien oder Messerstechereien ausgeht, bleibt einem dann im Winter immer noch das zweifelhafte Vergnügen, sich aufgrund des hier überall herrschenden Rauchverbots draußen in der Schweinekälte den Hintern abzufrieren, schön gemütlich im Gedränge. Und im Hochsommer ist ein Affenstall nichts dagegen, weil, Klimaanlagen kennt man nur vom Hörensagen. Diese wären nicht nur zu teuer, sondern werden allein aus dem Grund nicht installiert, damit die Leute mehr schwitzen und umso mehr saufen, sprich konsumieren. Das versteht man unter chillen.


Was für ein sündhaft teures aber armseliges und gefährliches Nachtleben diese Stadt zu bieten hat! Darüber würde so mancher Nachtschwärmer in Wien, Las Vegas, São Paulo, Bangkok und in anderen Metropolen nur ungläubig den Kopf schütteln. Doch hier kann man sich gleich lebendig begraben lassen. Der reinste Friedhof, aber einer, auf dem es alles andere als friedlich zu und hergeht. So viel also zum Nachtleben in Zürich Zappenduster.

Nachtleben? Wohl eher eine endlos andauernde Nacht der lebenden Toten. George A. Romero sollte mal in dieser Stadt einen Horrorfilm drehen, mit der Premiere am Zürcher Filmfestival. Titel: Die Zwingli Zombies sind los. Und der Untertitel lautet: Ihr hungrigen Wiedergänger, ihr Zürcher Zombianer, wollt ihr denn ewig leben oder sterben?

 

Apropos Hunger: Plagt einem um 4.00 Uhr Früh der Hunger, hat man die große kulinarisch-anspruchsvolle Auswahl zwischen Hamburger und Kebab. In einer Weltstadt, die den Besitzern vorschreibt, wie lange deren Geschäfte und Läden geöffnet sein dürfen, und darüber hinaus noch entscheidet, wo und wann Alkohol verkauft wird.

Da ja im Kanton Zürich die Wirteprüfung bereits vor einigen Jahren abgeschafft wurde, darf jedermann einen Gastwirtbetrieb eröffnen. Der Spruch 'Wer nichts wird, wird Wirt' hat hier wieder absolut seine Gültigkeit. Dafür dürfen dann wiederum keine Bratwürste zwischen ein Uhr und fünf Uhr verkauft werden.

In einer Stadt, in der jedes Hobbyköchlein, jeder selbst ernannte Bauchmensch, Sandwichschmierer, Burgerbrutzler oder irgendein anderer kulinarischer Tiefflieger zum Top Gastronomen hochstilisiert werden kann. Ein Vegi-Restaurant wirbt sogar noch mit dem Slogan: "Salad loves you always back". Es ist unglaublich!

 

Einige der wenigen Dinge, auf die diese Stadt wirklich stolz sein kann, sind die öffentlichen Verkehrsmittel wie Straßenbahnen, Busse und die S-Bahn. ... tagsüber, wohlbemerkt. Die paar Nachtbusse fahren sowieso nur an bestimmten Zeiten und sind somit kaum erwähnenswert. Dafür gibt es hier etwa eintausendsiebenhundert zugelassene Taxis und diese zählen zu den teuersten der Welt.


Die tote Hose prangt wie eine überdimensionale, schwarze Flagge über der Stadt. Selbst bei Windstille hört man sie flattern. Und das wird sie auch, bis zum Jüngsten Tag ...

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 10.10.2015

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Copyright by Carl Isangard. Cover by Mike Kast

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