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Auch Tiger können weinen

 

»Sieh mal«, rief Christina und zog eine Grimasse. Ihr Gesicht war bei der Dunkelheit nicht zu erkennen, doch ihr übermütiges Lachen steckte Jeanette an. Beide lachten und amüsierten sich köstlich. Schon lange hatten die jungen Frauen keinen solch tollen Abend mehr verbracht. Berauscht von lauter Musik und einigen Gläsern alkoholischen Mixgetränkes zu viel, aufgedreht vom ausgelassenen Tanzen und erleichtert und befreit von Alltagssorgen und Pflichten, rasten sie durch die Nacht und fühlten sich, als könne nichts und niemand ihre Laune verderben. Wie kleine Mädchen kicherten sie über die Eigenheiten der anderen Discogäste. Ausgelassen und guter Stimmung resümierten sie über den Abend. Die Straße war nass vom Regenguss, den sie noch im Foyer des Lokals abgewartet hatten. Sämtliche Lichter spiegelten sich auf der Straße. Die beiden Mädchen fühlten sie immer noch wie unter dem funkelnden Blitzlichtern der Diskothek.

Christina trampelte im Rhythmus der überlauten Musik aus der Stereoanlage des Wagens gegen das Bodenblech zu ihren Füßen und grölte lauthals mit. Im selben Rhythmus fuhr Jeanette gewagte Schlangenlinien um all die Lichtspiegelungen, die die Straßenbeleuchtung auf dem Asphalt zauberte. Zum Glück befanden sie sich zu dieser späten Stunde nahezu alleine auf der Straße. Die Nebenstraßen waren menschenleer und dunkel. Nur ein einzelner Wagen war ihnen bislang entgegen gekommen und dieser war auch wieder so schnell verschwunden wie er aus einer Seitenstraße aufgetaucht war. Noch ehe ihn die beiden Mädchen in ihrem Rausch der vergangenen Nacht bemerken konnten, hatten sie ihn auch schon wieder vergessen. Jeanette sang den Refrain des Liedes mit und klopfte dabei den Rhythmus auf dem Lenkrad. Dass sie für die regennassen Straßen viel zu schnell fuhr und mit ihren Gedanken nicht beim Autofahren war, bemerkte sie in ihrer Ausgelassenheit nicht. Sie fühlte sich so wohl, wie schon lange nicht mehr. An diesem Abend hatte sie all ihre Sorgen vergessen, war sie endlich mal wieder sie selbst gewesen. Heute Abend hatte sie all ihre Hemmungen fallen lassen können, sich wagemutig einige Gläser dieser alkoholischen Cocktails gegönnt, die sich sonst verbieten musste. Ausgelassen hatte sie sich mit anderen Gästen auf der Tanzfläche verausgabt, den beißenden Geruch von Schweiß und Zigarettendunst in sich eingesaugt und die sittsame und brave Jeanette vergessen, die sie sonst sein musste. Heute Abend war etwas besonderes. Einmal in drei, vier, fünf oder sechs Monaten durfte sie sich endlich mal so geben, wie sie immer sein wollte. Ungezwungen und frei von allen Konventionen, wagemutig, laut, befreit aus dem engen Korsett des Alltags, sich dem Genuss hingebend, sich verausgaben, schwitzend, kichernd wie ein kleines Mädchen, lästern wie eine Göre, unanständig sein ... All dies konnte sie nicht sein, wenn sie Jeanette sein musste. Das brave Töchterchen ihres Vaters.

Grölend fiel Christina in den Gesang ein. Quietschend versuchte sie die trällernde Eigenart der Sängerin zu imitieren und übertrieb dabei gewaltig. Jeanette stand ihr in nichts nach. In allen Tonlagen grölend fiel sie mit ein, bis sie sich vor Lachen bogen. Mit Tränen des Übermutes in den Augen jaulten sie die Strophen des Liedes nach. Es war ein gelungener Abend gewesen und würde ebenso enden, dessen waren sie sich in diesen Minuten einig.

 

Ein einzelnes Licht blendete plötzlich von der Seite.

»Vorsicht!«, schrie Christina. Ihr Warnruf kam zu spät.

Unfähig jeglicher Reaktion, blieb Jeanettes Fuß auf dem Gaspedal kleben. Vollkommen verkrampft drückte sie das Pedal beinahe bis zum Bodenblech durch. Erst als es ohrenbetäubend krachte, Glas splitterte und Material kreischend verformt wurde, fand sie die Bremsen und flog auch sogleich auf das Lenkrad zu. Aus dem Augenwinkel heraus sah sie die dunkle Gestalt Christinas nach vorne fliegen, doch sie konnte sich gerade noch am Armaturenbrett abstützen, bevor ihr Kopf gegen die Windschutzscheibe knallte. Jeanette hörte das Kreischen der Bremsen und den panischen Schrei ihrer Freundin. Aber ansonsten war ihr Kopf leer. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Ihr ganzer Körper schien nur noch aus pulsierendem Herz zu bestehen.

Vom Aufprall einen Dreheffekt erhalten, hatte sich der Wagen gedreht, rutschte auf dem nassen Asphalt unaufhaltsam über die Kreuzung hinweg und fing sich schließlich dumpf an einem Randstein.

Für einen schier unendlich langen Augenblick lang herrschte bedrückende Stille, obwohl die Musik noch immer in voller Lautstärke aus den Lautsprechern dröhnte. Doch Jeanette hörte es nicht. Für diesen einen Augenblick lang war es vollkommen still um sie herum. Sie hörte nicht einmal ihr eigenes Herz klopfen und glaubte schon gestorben zu sein. Stille hatte sie umgeben. Stille und Dunkelheit.

Dann schrie Christina gellend los. Gleichzeitig dröhnte das Radio in unveränderter Lautstärke. Der Motor blubberte noch seine letzten Atemzüge, bevor er stockend, wie eine bockige Ziege verstummte. Jeanette war zu nichts anderes fähig, als sich gegen Bremspedal und Lenkrad zu stemmen und sich so krampfhaft festzuhalten, dass ihre Knöchel weiß durch ihre Haut schimmerten. Erst als sie vollkommen stillstanden und der Motor würgend erstarb, verstummte Christina. Unbarmherzig plärrte die heitere Melodie weiter, die sie eben so ausgelassen mitgesungen hatten. Beide Mädchen verharrten wie versteinert in ihrer Stellung. Jeanette krampfte sich immer mehr um das Lenkrad. Sie war nicht fähig das Bremspedal freizugeben. Ihr Herz klopfte auf einmal bis zum Hals. Ein ohrenbetäubendes Rauschen dröhnte in ihren Ohren. Christina fand sich als erste wieder. Sie stellte die Musik ab. Es ging ihr auf die Nerven.

Somit war es beinahe totenstill.

»Oh, mein Gott«, flüsterte sie und starrte ihre Freundin entsetzt an. Immer wieder flüsterte sie. »Oh, mein Gott.« Jeanette begann zu zittern. Ihr Atem ging immer heftiger. Sie verlor die Kontrolle über ihren Körper. Tränen ertränkten ihren Blick. Sie konnte nichts mehr sehen und nichts mehr hören, sich aber auch nicht entkrampfen. Das Zittern schmerzte, ihre Knöchel schmerzten. Es war ihr unmöglich etwas dagegen zu tun. Es nahm Besitz von ihr; wie die Erkenntnis, aus Leichtsinn einen Unfall verschuldet zu haben. Sie begann zu schreien. Arme legte sich um sie. Sie stieß sie hektisch weg.

»Beruhig dich«, tröstete Christina sie. »Beruhig dich doch.« Doch Jeanette konnte ihr diesen Gefallen nicht tun, so gern sie es auch täte. Ihr Körper hatte die vollkommene Macht an sich gerissen und schien durchdrehen zu wollen. Sie konnte nichts dagegen tun. Christina presste ihre Freundin an sich, streichelte und tröstete sie, bis sie sich endlich erholte. Aber der Schock war längst noch nicht überwunden. Selbst in der Dunkelheit war ihr kreidebleiches Gesicht zu erkennen. Sie zitterte am ganzen Leib und krampfte ihre Finger ineinander. Schier unendliche Minuten vergingen.

»Bist du wieder okay?,« fragte Christina leise. »Wir müssen aussteigen.« Jeanette nickte, obwohl ihre Gefühle anderer Meinung waren. Nicht um alles in der Welt wollte sie aussteigen, die sichere Welt ihres Autos verlassen.

Jemand klopfte an die Windschutzscheibe. Die Mädchen schraken zusammen und starrten den Mann an, der durch das Glas zu ihnen hinein spähte.

»Wir kommen«, rief Christina. »Einen Moment noch.« Jeanettes Magen stülpte sich um, bei dem Gedanken nun aus dem Wagen steigen zu müssen. »Bist du auch wirklich wieder okay?«, vergewisserte sich Christina. Jeanette schüttelte den Kopf. Die Tränen kamen wieder. Ihr wurde übel. »Wir schaffen das schon«, ermutigte sie ihre Freundin. »Komm jetzt. Wir müssen aussteigen.«

Endlich öffnete sie die Türe und hielt inne, als der Warnsummer für das Scheinwerferlicht ertönte. Deshalb drehte sie den Zündschlüssel herum und schaltete das Licht ab. Gerade noch rechtzeitig dachte sie an die Warnblinkanlage und suchte wertvolle Moment nach dem Schalter, der sich hinter dem Lenkrad versteckt hatte, als wollte er nicht gefunden werden.

»Komm, Jani«, forderte sie noch einmal ihre Freundin auf und beide stiegen endgültig aus. Eine Straßenlaterne hoch oben inmitten der Kreuzung erhellte die nasse Straße nur nachlässig. Sie blieb in der geöffneten Türe stehen und sah sich um. Sie konnte kein anderes Auto entdecken, nur unweit von ihnen lag ein Motorrad, deren Schwung an einer niedrigen Mauer abrupt abgebremst wurde. Vom Fahrer war nichts zu sehen. Plötzlich wurde es Christina heiß. Es war ein Motorradfahrer gewesen, mit dem sie zusammenstießen. Ihr fiel augenblicklich ein, wie gefährdet diese im Straßenverkehr waren. Bilder von querschnittsgelähmten Motorradfahrern erschienen vor ihrem geistigen Auge. Schnell schüttelte sie den Kopf. Sie zwang sich, nicht daran zu denken. Sie musste klaren Kopf behalten. Wenigstens sie musste ihre Fassung behalten. Denn Jeanette war nur noch ein Nervenbündel.

Ein Mann trat auf sie zu. »Alles in Ordnung?«, fragte er besorgt.

Christina nickte, obwohl sie wusste, dass dem nicht so war. Sie ging um das Auto herum, öffnete die Fahrertüre und schnallte Jeanette ab. »Steig aus. Die frische Luft wird dir gut tun.«

Jeanette krabbelte mühselig und umständlich heraus. Sie stand auf wackligen Beinen und musste sich am Auto und an ihrer Freundin festhalten.

Aus der Richtung, in der das Motorrad lag, kam leises Stöhnen.

»Er ist verletzt«, rief Christina entsetzt aus. »Rufen Sie bitte einen Notarzt«, bat sie den Mann, doch dieser hörte gar nicht mehr hin. Er zog seine Jogginghose etwas höher und ging zu dem Motorrad. Unter seiner Jacke blitzte sein Schlafanzug hervor. Er rannte zu der Stelle, an der das Motorrad lag und ehe Christina es verhindern konnte, oder ehe sie etwas dagegen sagen konnte, brüllte er den Fahrer an.

»Du bist wohl wahnsinnig geworden!«, schrie er und wedelte wild mit den Armen. »Ihr Rowdys bildet euch wohl immer ein, dass euch die Straße allein gehört. Aber endlich hat es einen von euch erwischt.«

Der Fahrer schien noch bei Besinnung zu sein, denn das Stöhnen wurde immer lauter, je näher sie kamen. Christina beeilte sich näher zu kommen. Sie musste den Mann aufklären, wollte aber nicht über die ganze Straße brüllen. Doch Jeanette hielt sie auf. Sie sträubte sich gegen die Eile. Ein weiteres Auto hielt neben ihnen an. Die Insassen, ein älteres Pärchen, sprang mehr aus Neugierde denn aus Hilfsbereitschaft, sofort aus ihrem Wagen. Christina hatte das Motorrad fast erreicht, als der Mann in Jogginghose begann am Fahrzeug herumzuziehen. Als er versuchte es aufzurichten, schrie der Fahrer auf. Der Schrei verriet unsagbaren Schmerz und Verärgerung.

»Holt endlich einen Notarzt!«, brüllte Christina das ältere Paar aufgeregt an, worauf der Mann augenblicklich kehrt machte und auf eine Telefonzelle zueilte. Jetzt begann Christina selbst nervös zu werden. Sie zitterte. Der Schmerzensschrei des Fahrers hatte ihr bislang konstantes Nervenkostüm angekratzt.

»Lass das, du Arsch«, brüllte es so ärgerlich und durchdringend hinter dem Motorrad hervor, dass der Mann im Hausanzug augenblicklich von seinem Vorhaben abließ und wich einige Schritte zurück.

Die Mädchen waren nahe genug, um zu erkennen, dass der Fahrer verdreht und halb unter seinem Fahrzeug lag, eingeklemmt zwischen Mauer und Motorrad, und noch bei vollem Bewusstsein war. Christina blieb entsetzt stehen. Jeanette ging weiter.

»Es tut mir so leid«, stammelte Jeanette. Sie kniete sich neben den Verletzten nieder. »Es tut mir so leid. Ich ... .«

»Rufe endlich einen Notarzt, verdammt noch mal. Ich krepiere hier sonst noch«, fiel er ihr ins Wort. Seine Stimme klang böse, aber auch von Schmerzen geplagt.

»Ist unterwegs«, antwortete Christina schnell und sah nach dem älteren Mann in der Telefonzelle. Seine Frau stand neben ihr und gaffte den Verletzten neugierig an. »Ist schon unterwegs«, wiederholte Christina, als der Mann zurückgelaufen kam. Sie kam auch endlich näher.

»Ich habe das nicht gewollt«, stammelte Jeanette. Der Fahrer knurrte nur zur Antwort vor Schmerz, als er versuchte, sein Gewicht etwas zu verlagern. Er gab sein Vorhaben sofort wieder auf.

»Es war alles meine Schuld«, schluchzte sie. »Ich habe das nicht gewollt.« Der Schock keimte wieder auf. Erneut begann sie zu zittern. Als sie den Fahrer betrachtete, wurde es ihr kalt und heiß. Obwohl eine Motorradbrille seine Augen verdeckte, glaubte sie, dass sich sein böser Blick in ihre Haut fraß. Es war ihr äußerst unangenehm. Sie fühlte sich so schuldig, wie noch nie. Sie glaubte in einem Loch versinken zu müssen. Siedendheißes Blut schoss ihr in den Kopf. Durch ihre Sorglosigkeit brachte sie einen unschuldigen, wildfremden Menschen beinahe um. Im Stillen erlaubte sie ihm, sie auf der Stelle zu verprügeln. Aber er tat es nicht. Statt dessen wartete er tapfer auf das Eintreffen der Sanitäter. Die Mädchen bissen sich auf die Lippen. Gerne hätten sie ihm seine Schmerzen abgenommen. Leise schimpfte und stöhnte er vor sich hin.

Nach einer schier unendlichen Zeit waren endlich die Sirenen zu hören. Erleichtert atmeten alle auf. Christina zog ihre Freundin weg, als der Notarztwagen mit kreischenden Bremsen neben ihnen anhielt. Doch diese weigerte sich. Sie ließ sich von dem Mann, an dessen Verletzungen sie die Schuld trug, nicht wegziehen, als wolle sie ihm mit ihrer Anwesenheit die Schmerzen erleichtern.

»Vorsicht«, warnte Christina die Sanitäter, die sich daran machten, das Motorrad aus dem Weg zu räumen. Zwei Ärzte untersuchten den Verletzten, während der Dritte vorsichtig das Motorrad hochhob. So behutsam er auch war, er konnte ihm die Schmerzen nicht ersparen. Noch ehe die Ärzte Jeanette wegschieben konnten, griff eine lederbehandschuhte Hand nach ihrem Arm und krallte sich mit eisernem Griff daran fest, als die Last von seinen verrenkten Gliedern genommen wurde. Ein zweites Mal hallte der Schrei durch die Nacht, jedoch wesentlich kürzer, als das erste Mal. Gnädig erlöste ihn die Ohnmacht. Die Sanitäter hatten nun leichtere Arbeit. Sie hievten ihn vorsichtig auf die Bahre und schoben ihn in den Rettungswagen. Als sie ihn hoch gehoben hatten, konnte Jeanette auf dem Rücken der Lederjacke des Fahrers ein Bild entdecken. Es prägte sich in ihrem Unterbewusstsein ein, aber für die nächsten Stunden vergaß sie dies. Erst viel später als die beiden Freundinnen in Christinas Zimmer saßen und die ganze Sache noch einmal durchdiskutierten, erinnerte sie sich wieder an das Erkennungszeichen der Motorrad-Clique.

Endlich traf auch die Polizei ein. Als Jeanette den Vorhergang des Unfalles erklären musste, brach ihr Nervenkostüm endgültig zusammen. Sie war nicht mehr fähig klar zu denken und stammelte nur noch unverständliche Worte. Erst viel später, irgendwann am späten Vormittag wachte sie in Christinas Zimmer auf. Einige Minuten lang fragte sie sich, ob sie nur einen bösen Traum gehabt hatte und atmete erleichtert auf. Doch als sie ihre Freundin sah, die noch immer ein kreidebleiches und ernstes Gesicht machte, kam ihr die Erkenntnis wieder. Es packte sie eisig und unbarmherzig. Tränen liefern ihr über das Gesicht und sie heulte vor Scham und Bestürzung den ganzen restlichen Sonntag lang.

 

Tage später hatte sich Jeanette so weit erholt, dass sie begann sich Sorgen um den Motorradfahrer zu machen. Sie rief in einigen Krankenhäusern an, doch in keinem konnte man ihr Auskunft geben. Da sie seinen Namen nicht kannte, nicht wusste, in welches Krankenhaus er eingeliefert wurde und die freundlichen Leute am Telefon mit der wagen Beschreibung der Motorradjacke nichts anfangen konnten, musste sie ihre Suche bald aufgeben. Sie wusste aus den Medien, dass täglich mehrere Motorradfahrer in die Unfallstationen eingeliefert wurden. Ohne Namen besaß sie von vornherein keine Chance, ihn zu finden. Sie besaß auch nicht den Mut, bei der Polizei nachzufragen. Die hätte sämtliche Personalien haben müssen. Doch da ihr diese Angelegenheit zu peinlich war, verdrängte sie den Vorgang einfach. Sie hörte auf ihn zu suchen und hoffte, dass sie nie wieder etwas von diesem Vorfall hören würde. Trotzdem fragte sie sich, warum die Polizei nicht auf sie zukam. Schließlich war sie am Unfall schuld. So vergingen einige Wochen, ohne dass etwas passierte. Jeanette und Christina wunderten sich zwar beide, ließen es aber, ihrem schlechten Gewissen zur Folge, auf sich beruhen.

Die beiden vergaßen den Unfall beinahe. Die Schäden an Jeanettes Auto, tat sie mit einer kleinen Notlüge ab. Sie erzählte ihrem Vater von einer Kollision mit einem Pfosten, denn seltsamer Weise war an ihrem Wagen kein großer Schaden entstanden. Der rechte hintere Kotflügel war beschädigt und die hintere Rückbeleuchtung. Es sah tatsächlich so aus, als wäre sie beim Rangieren an einem Pfosten hängen geblieben. Die Mädchen waren froh, dass nicht mehr passiert war und sie daher zu dieser Ausrede greifen konnten. Jeanettes Vater glaubte es ihnen und bezahlte die Reparatur für den Wagen, wenn auch nur zähneknirschend.

 

Eines Abends gingen die beiden Freundinnen wieder in ihre Stammdiskothek. Christina kam völlig aufgeregt von der Toilette zurück.

»Komm schnell mit, Jani«, rief sie und zog sie mit sich fort, zurück in Richtung Toiletten, in dessen Vorraum auch die Spielautomaten standen. An der Türe blieb sie stehen. »Sieh mal«, flüsterte sie. Der Lärm von der Tanzfläche übertönte ihre Stimme, zudem machten die Besucher in dem Vorraum ebenfalls gewaltigen Radau. Christina zeigte auf die Bilder auf dem Rücken der Jacken.

»Kann es das sein?« fragte sie und sah ihre Freundin an. Jeanette betrachtete das Bild eingehend, bevor sie zustimmend nickte. Sofort schoss siedendheißes Blut in ihren Kopf und in ihren Ohren rauschte der Puls. Sie war sich absolut sicher. Sie hatte sich dieses Bild eingeprägt, ein Sonnenauf- oder -untergang, oder ein gelb-orange-roter Feuerbogen, über Motorradfahrern mit Totenmasken. An der Wand in ihrem Zimmer hing dieses Bild seit ihrem Unfall. Sie hatte versuchte es aus ihrer Erinnerung heraus zu rekonstruieren. Es war ihr gelungen, stellte sie nun fest. Es sah fast genauso aus.

»Welcher ist es?« wollte Christina unbekümmert wissen und betrachtete jeden einzelnen der Gang. »Keine Ahnung«, schüttelte Jeanette den Kopf. Ihr Herz begann lauter zu klopfen. Der Gedanke, dass es tatsächlich einer dieser Rocker gewesen sein könnte, machte ihr Angst.

Ein Rempler von hinten ließ sie in den Vorraum fallen. Jemand wollte auf die Toilette und fragte nicht lange, ob die Mädchen die Durchgang freigeben wollten, oder nicht. Er schubste sie kurzerhand hinein. Christina regte sich deswegen auf und beschimpfte den ungehobelten Rohling. Die Motorradclique, die sich erst mit den Flippern, Spielautomaten, mit ihrem Bier und sich selbst beschäftigt hatten, wurden auf sie aufmerksam. Sie lachten und grölten und rissen abfällige und zweideutige Witze und Bemerkungen über die Mädchen.

»Lass uns hier schnell verschwinden, Tina«, schlug Jeanette vor. Diese schloss sich nur allzu gerne an. Sie beeilten sich, in der Menge der tanzenden Gäste zu verschwinden. Eiligst bahnten sie sich einen Weg durch die vollbesetzten Gänge.

Einer der Motorradfahrer folgte ihnen. Er kam nur langsam voran, denn nicht nur die vielen Leute behinderten ihn. Er hinkte zudem noch. Suchend stand er neben der Tanzfläche und blickte in die Gesichter der Umstehenden. Er überlegte, ob er sich nicht vielleicht doch getäuscht hatte, als er das Gesicht nicht wieder fand. Enttäuscht kletterte er die terrassenförmige Anrichtung der Sitzgruppen wieder hinauf und blieb auf der obersten Empore noch einmal stehen, um den Raum unter sich, mit den hüpfenden Leibern, ein letztes Mal abzusuchen, doch er entdeckte es nicht wieder.

»Jani«, rief Christina. »Warte mal.« Sie hielt ihre Freundin zurück. »Ich glaube, das ist er.« Sie zeigte auf den, in schwarzes Leder gekleideten Mann, der suchend auf der obersten Empore stand. »Er scheint dich wiedererkannt zu haben.«

»Ich muss zu ihm«, rief Jeanette von einer plötzlichen Entschlossenheit gepackt und bahnte sich einen Weg durch die Menge. Den Ruf ihrer Freundin hörte sie nicht mehr. Er war im Lärm der lauten Musik untergegangen. Jeanette pirschte sich von hinten an ihn heran und hatte Glück, dass er genug Geduld aufbrachte und noch immer dort stand, als sie oben ankam. Sie atmete tief durch und tippte ihm mutig auf die Schulter. Er fuhr herum.

»Hi«, grüßte sie und versuchte ein Lächeln. »Ich bin Jani.« Sie räusperte sich und verbesserte sich schnell. »Jeanette Petermann.« Nervös spielte sie mit ihren Fingern, die sie schnell hinter ihrem Rücken versteckte.

»Hi«, sagte er und sah sie nicht gerade freundlich an. Die bunten Lichter in der Disko zauberten abstrakte Schatten in sein Gesicht. Mal hatte er eine Fratze, mal ein ausdrucksloses Gesicht mit aschfahler Hautfarbe. »Mit dir habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen.« Er klang ebenso unfreundlich, wie sein äußerst unwirscher Gesichtsausdruck. Wütend wischte er über seine Nase. Trotz der flackernden Blitzlichter der Laserbeleuchtung der Tanzfläche konnte man das wütende Blitzen in seinen Augen erkennen.

»Ich weiß«, nickte Jeanette schuldbewusst und schluckte einen dicken Kloß hinunter. Sie musste brüllen, um die Musik zu übertönen. »Lass uns nach draußen gehen. Dort ist es etwas ruhiger.« Sie ging voran. Er humpelte hinterher. Als sie seine Behinderung bemerkte, legte sich ihr schlechtes Gewissen wie eine Schlinge um ihren Hals. Doch sie schluckte dieses Gefühl schnell hinunter. Sie musste jetzt stark sein. Draußen angekommen, lehnte sie sich an eine Mauer und atmete tief ein. Die frische Luft tat ihr gut und versorgte sie mit klaren Gedanken. Endlich kam auch er heraus. Er manövrierte sich geschickt durch die Schlange der Neuankömmlinge, die glaubten, noch in die, ohnehin schon hoffnungslos überfüllten, Diskothek hinein gelassen zu werden.

»Es tut mir leid«, begann sie sofort. »Ich hätte mich schon viel früher bei dir gemeldet, wenn ich gewusst hätte, wer du bist. Aber ich hatte weder Namen, noch Adresse. Es tut mir wirklich leid.« Damit nahm sie ihm den Wind aus den Segeln. Tatsächlich wollte er ihr eine gehörige Standpauke halten und hatte schon tief Luft geholt, doch als er dies hörte, atmete er wieder aus. Er wusste, sie hatte Recht. Einen kurzen Moment sah er sie schweigend an und wendete dann seinen Blick ab. Die neuen Gäste schienen ihn plötzlich mehr zu interessieren. Jeanette blickte verlegen zu Boden. Dabei entdeckte sie die Ursache für sein Hinken. Sein rechtes Bein steckte bis zum Knie in Gips, geschickt mit schwarzer Farbe und aufgemalten Schnallen, dieselben, die an seiner Lederhose und an den Stiefeln saßen, getarnt. Den Grund für diese Täuschung konnte sie sich nicht erklären. Der Anblick des Gipsbeines berührte sie äußerst peinlich und ihr schlechtes Gewissen drückte noch schwerer auf ihren Schultern. Deswegen zwang sie sich wegzusehen.

»Wie lange fährst du denn schon Auto«, knurrte er ärgerlich. Jeanette schrak bei seinem barschen Ton etwas zusammen. Man konnte deutlich die Zornesfalten auf seiner Stirn erkennen. Er hatte sich erstaunlich gut unter Kontrolle. »Hättest du dich nicht wenigstens halbwegs an die Verkehrsregeln halten können? Du hast ein Stoppschild übersehen und bist sicherlich auch viel zu schnell unterwegs gewesen.«

Jeanette drehte sich schnell um und kämpfte mit den Tränen. »Es tut mir leid«, sagte sie leise und steckte ihre kalten Finger in ihre Hosentaschen.

»Das sagst du schon so oft, dass man es schon beinahe glauben könnte«, erwiderte er patzig und setzte sich neben sie auf die niedrige Mauer.

»Es ist so«, sagte sie und hob ihr Kinn, dabei traf ihr Blick genau den seinen. Schnell wendete sie sich wieder ab. »Ich bin dir dankbar dafür, dass du keine Anzeige erstattet hast.«

»Anzeige?«, rief er ärgerlich aus. »Für was hältst du mich?« Er schnaubte wütend. »Ich wusste von dir weder Namen, noch Adresse. Außerdem glaubte mir von den Bullen keiner, dass ich nicht schuld war. Es gab wegen dem Regen keinerlei Spuren, die auf meine Unschuld hingewiesen hätten. Als die ankamen, sah es für sie aus, als sei ich aus der Seitenstraße geschossen.«

Jeanette versuchte ein zaghaftes Lächeln. Sie wollte ihm zeigen, dass sie Stärke besaß, obwohl ihr im Moment mehr nach Ohnmacht zumute war. Schweigen trat zwischen sie und lastete beinahe noch schwerer als ihr schlechtes Gewissen.

»Was ist nun?«, fragte er ungeduldig. »Ich brauche von dir Name, Adresse und Versicherung und ´ne Schuldanerkennung.«

»Aber sicher.« Schnell kramte sie in ihrer Handtasche und brachte eine kleine weiße Karte zum Vorschein, die sie ihm mit zittrigen Fingern überreichte.

»Visitenkarte«, kommentierte er das Ding wenig beeindruckt. »Wie clever. Warum hast du mir das nicht gleich an dem Unfall gegeben?«, fragte er, drehte und wendete die kleine Karte in seinen Fingern, steckte sie aber in eine seiner Tasche der Lederjacke.

»Das ist eine Idee meines Vaters«, sagte sie schnell mit einem entschuldigenden Lächeln. »Ich kann sie meinen Freunden geben, wenn sie wissen wollen, wo ich wohne.« Sie war nicht sonderlich begeistert gewesen von dieser Idee. An diesem Abend hatte sie zum ersten Mal die Gelegenheit, eine ihrer Karten zu überreichen. Sonst trug sie sie stets umsonst mit sich herum.

Auf seinem bislang so versteinerten Gesicht tauchte ein kleines Schmunzeln auf, nur das schwache Zittern eines Mundwinkels. Es verschwand jedoch ebenso überraschend, wie es gekommen war. Jeanette wagte es, ihn näher zu betrachten. Sein Gesichtsausdruck war stets ungerührt von allem, was sie wunderte nicht besonders darüber, denn bisher hatte er mit ihr noch nicht viel zu lachen gehabt. Er sah so aus, wie sie sich einen richtigen Rocker vorstellte. Etwas vernachlässigt, mit Bartstoppeln und längerem Haar, gänzlich in schwarzes Leder gekleidet, mit zahlreichen Ketten, Nieten und anderem Accessoire und dem Cliquen-Emblem auf dem Rücken einer zerfransten Jeansjacke, deren Ärmel abgetrennt wurden, dicke Motorradstiefel und dem Geruch nach Bier, Schweiß, Benzin, Öl, Schmierfett und Leder. An seinem linken Ohrläppchen glitzerte ein kleiner Ohrring. Als sie ihn näher betrachtete, ohne ihn jedoch dabei anzustarren, erkannte sie es, als einen Tiger im Sprung. Sie bekam fast etwas Angst vor ihm, auch wenn er bislang noch keine Anzeichen von Rüpelhaftigkeit oder der typischen rauen Art von Rockern zeigte, oder ihr gar etwas antun wollte. Er schien ganz vernünftig zu sein. Sie hoffte es jedenfalls, denn sie musste ihm noch ein Problem offenbaren.

Da sie lange Zeit geschwiegen hatte, schien er das Gespräch als beendet anzusehen. Er wandte sich ohne ein weiteres Wort um und wollte zum Eingang zurückhumpeln. Jeanette räusperte sich verhalten und brachte ihn dazu, stehen zu bleiben und sich wieder zu ihr umzudrehen.

»Ich habe noch eine Bitte an dich«, gab sie vorsichtig von sich und versuchte sich in einem freundlichen Lächeln. Er zog skeptisch eine Augenbraue hoch und wartete stumm auf das nun kommende. »Mein Vater denkt, ich bin an einem Pfosten hängen geblieben.«

»Das ist doch wohl dein Problem«, gab er ungerührt von sich.

»Ja, sicher«, sagte sie und steckte ihre Hände wieder in ihre Hosentasche. »Aber weißt du, mein Vater ist entschiedener Gegner von Motorradfahrern. Einen Unfall mit einem Auto kann ich vielleicht noch durchbringen, aber einen mit einem Motorrad nicht.« Ihr Lächeln wurde breiter.

Er atmete tief ein und verdrehte die Augen. »Auch das noch«, murmelte er schimpfend vor sich hin. »Ist das nicht ein bisschen zuviel verlangt«, wandte er sich wieder ihr zu. »Meine Mühle ist nur noch Schrott wert. Ich war deinetwegen fast zwei Wochen im Krankenhaus und du willst, dass ich für dich und deinen Papi auch noch lüge. Das ist wirklich etwas zu viel.« Er wollte schon gehen, denn diese Unterhaltung wurde ihm zu dumm.

»Dann kann es möglich sein, dass du den Schaden nicht ersetzt bekommst«, rief sie ihm nach.

Er blieb stehen und drehte sich wieder um. Nachdenklich holte er die Karte zum Vorschein und betrachtete sie schweigend. »Die Versicherung und deine Autonummer fehlen noch«, bemerkte er, ohne auf Jeanettes letzte Worte einzugehen.

»Oh, ja, sicher!« Sie holte eiligst einen Kugelschreiber aus ihrer Handtasche, nahm ihm die Visitenkarte aus der Hand und kritzelte die fehlenden Angaben auf die Rückseite. »Die Versicherungsnummer weiß ich nicht auswendig«, sagte sie und sah ihn entschuldigend an.

Ihm kamen gewisse Bedenken. Er betrachtete die Karte mit den neuen Angaben eindringlich und hob dann den Kopf. Aus dem was sie zuletzt sagte und der Visitenkarte, die ausschließlich eine Idee ihres Vaters zu sein schien und die die Tochter nun herumtragen musste, reimte er sich etwas zusammen. »Die Versicherung läuft doch nicht etwa auf deinen Vater«, erriet er.

Jeanette nickte. »Doch«, sagte sie und steckte den Kugelschreiber zurück. »Deswegen sage ich dir das ja. Es könnte Schwierigkeiten geben, wenn du den Schaden an deinem Motorrad angibst.«

»Wie soll ich das Bitteschön machen. Ich kann doch kein Gutachten fälschen«, schimpfte er und steckte die Karte wieder in seine Jackentasche.

»Mein Vater ist eben so«, zuckte sie mit den Schultern. »Es tut mir wirklich leid. Aber ich kann ... .«

»Schon gut«, fuhr er ihr ins Wort. »Mal sehen, was ich machen kann. Ich will schließlich auch zu meinem Geld kommen. Vielleicht geht es auch ohne Versicherung. Aber das kann teuer werden. Die Mühle hat Oltimerwert und die Ersatzteile müssen handgefertigt werden. Das kostet einiges.«

»Danke«, sagte sie erleichtert und musste einen weiteren Kloß hinunterschlucken. Sie besaß kein eigenes Bankkonto. Sie musste sich wirklich etwas einfallen lassen, um den Schaden bezahlen zu können.

»Jani«, rief eine männliche Stimme, von Eingang her. »Alles in Ordnung?« Jeanette fuhr herum. Es war David, ihr Freund. Eigentlich bildete er sich nur ein, mit ihr zu gehen. Mit dieser Beziehung wollte er sich bei ihrem Vater einschmeicheln, um bessere Chancen in der Firma zu haben, in der sie beide arbeiteten. Jeanette fand ihn oberflächlich gesehen zwar ganz nett, aber ihr Typ war er nicht gerade. So, zum Ausgehen und Vorzeigen, war er genau der Richtige, doch fühlte sie sich an seiner Seite nicht so recht wohl. Sie hatte immer das Gefühl, dort fehl am Platze zu sein, wie ein hässliches Entlein an der Seite eines stolzen Schwanes. David war ein ausgesprochener Yuppie, ein Karrieretyp, der fast nur seine Arbeit im Kopf hatte. Wenn sie beide allein waren, versuchte er ständig, ihr umständliche Kalkulationsberechnungen oder Budgetplanungen zu erklären. Sie konnte seinen hochtrabenden Ausführungen oft nicht folgen. Sie war dessen längst überdrüssig, konnte sich aber davon nicht befreien. David hing an ihr, wie ein besorgter großer Bruder. Sie wurde ihn nicht los.

Mit einem besorgten Gesicht eilte er die Treppe hinunter. »Ist alles in Ordnung?«

Jeanette nickte. »Ja, alles in Ordnung.«

»Ich sah, wie du rausgingst und dieser Kerl dir folgte.« David betrachtete den Rocker abfällig. »Er hat dir doch hoffentlich nichts angetan?«

»Nein, David«, wehrte sie ab. »Es ist nichts passiert.«

»Du kannst es mir ruhig sagen. Hab keine Angst.« Er zog Jeanette aus der Reichweite des vermeintlichen Unholdes.

Sie konnte dasselbe kurze Zucken des Mundwinkels im Gesicht des Motorradfahrers erkennen, wie es ein paar Minuten zuvor schon einmal zu sehen war. Er amüsierte sich über Davids unbegründete Sorgen.

»Was soll schon passiert sein«, erwiderte Jeanette und machte sich aus Davids Griff frei. »Es ist alles in Ordnung. Wir hatten etwas zu besprechen.«

»Etwas zu besprechen«, wiederholte David ungläubig und beäugte den Motorradfahrer angewidert. »Was willst du denn mit solchem Abschaum besprechen?«

»Das reicht, Freundchen«, schaltete sich endlich auch der Rocker ein.

»Vorsicht!«, warnte David und stellte sich auf seine Zehenspitzen, um bedrohlicher zu wirken. Er war um ein beträchtliches Stück kleiner. »Wenn du sie auch nur angerührt hast, bekommst du es mit mir zu tun.«

»Ich schlottere schon vor Angst«, machte er sich über den aufgebrachten Freund lustig.

»Sie ist meine Freundin und du rührst sie nicht an, hörst du. Sie ist viel zu gut für dich.« Davids Gesicht lief rot an. Er steigerte sich in etwas hinein, das seine Selbstbeherrschung zu überbieten drohte.

»Nun halt mal die Luft an, Kleiner.« Es brauchte nicht mehr viel, bis auch der Motorradfahrer die Geduld verlor. Bisher jedoch, besaß er sich noch gut unter Kontrolle. Noch schien er die Ruhe in Person zu sein. »Du hast keinen Grund, dich aufzuführen und aus dir einen Kasper zu machen. Blas deinen Dampf ab, es ist umsonst.«

»Ich weiß, was solche Typen, wie du vorhaben. Aber Jeanette bekommst du nicht. Dafür werde ich sorgen.«

Der Rocker verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, winkte Jeanette einen kurzen Abschiedsgruß zu und wandte sich zum Gehen. Für ihn war dies erledigt.

»He, warte«, rief ihm David hinterher. »So einfach kommst du mir nicht davon.«

»Nein, David. Lass ihn«, versuchte Jeanette ihn aufzuhalten.

»Du wirst ihn doch wohl nicht auch noch in Schutz nehmen«, brüllte er sie an. »Warte, du Dreckskerl.« Er eilte ihm hinterher, packte ihn, zog ihn herum und versetzte ihm einen Kinnhaken. Auf einen Angriff nicht gefasst und durch seine Behinderung nicht in der Lage gewesen, den Schlag rechtzeitig abzufangen, verlor der Rocker das Gleichgewicht und stürzte auf die Treppen, mitten in die Schlange der Wartenden hinein. Doch schneller, als David es erahnen konnte, war er wieder auf den Beinen und verpasste ihm die Revanche. David flog auf Jeanette zu und riss sie mit um. Der Schlag des Rockers war wesentlich kräftiger gewesen als Davids, sodass dieser für einen Moment vollkommen benommen war.

»Sag deinem Freund«, meinte der Mann in Leder höchst missmutig zu Jeanette. »Er soll sich bloß nicht mit mir anlegen. Es könnte ungeahnte Konsequenzen für ihn haben.« Damit drehte er sich um und verschwand humpelnd in der Diskothek.

 

»Jeanette!« Wenn Herr Petermann den Namen seiner Tochter so aussprach, dann war Unangenehmes angesagt. Jeanette wusste genau, was nun kommen würde. »Ich bekam heute einen Anruf von meiner Versicherung«, begann er und Jeanette sank ängstlich tiefer in ihren Fernsehsessel. »Was hat das zu bedeuten?«, wollte er wissen. Er blieb in der Mitte des Zimmers stehen, die Hände in die Hüften gestemmt und wartete auf die Antwort seiner Tochter.

»Weißt du ... », stotterte sie ausweichend. Sie hatte sich noch keine Ausrede einfallen lassen.

»Der Sachbearbeiter von der Versicherung redete von einem Unfall mit einem anderen Fahrzeug«, sprach er weiter. »Was sagst du dazu?«

»Das stimmt«, gab sie zu.

»Was war das mit dem Pfosten?«

»Ich ... ich habe nicht den Mut gefunden, dir das zu sagen«, presste sie hervor.

»Jeanette«, brüllte er donnernd, sodass sie zusammen zuckte. »Hast du denn so wenig Achtung vor mir, dass du mich anlügen musst?«

»Nein«, schüttelte sie den Kopf. Sie versuchte, bei dieser halben Wahrheit zu bleiben. »Ich hatte Angst.«

»Angst?«, wiederholte er. »Jeanette, du hattest einen Unfall mit einem anderen Verkehrsteilnehmer und verschweigst dies aus Angst vor Strafen. Einen Unfall zu haben ist nicht so schlimm, als zu lügen. Ist dir das klar, Jeanette.«

»Ja, Vati«, nickte sie artig.

»Also, dann erzähle. Was ist wirklich passiert?« Er blieb immer noch in der Zimmermitte stehen und wartete. Jeanette schluckte, bevor sie antwortete. Sie musste auf ihre Worte achten. Nachdem ihr Vater von einem Unfall mit einem anderen Auto erzählte, musste der Motorradfahrer es geschafft haben, die Angelegenheit so hinzudeichseln. Sie war ihm unsagbar dankbar dafür. So erzählte sie alle Einzelheiten, setzte jedoch für das Motorrad einen anderen Wagen ein. Als er zufrieden, aber immer noch etwas skeptisch nickte, glaubte Jeanette die Angelegenheit endlich für erledigt. Doch etwas hatte er noch auf dem Herzen.

»Weißt du, wie hoch der Schaden ist, den du verursacht hast?«, fragte er plötzlich und betrachtete seine Tochter eindringlich. Jeanette schüttelte den Kopf. »Es ist eine Summe von Fünfundzwanzigtausend Euro.«

Jeanette blieb der Mund offen stehen. An soviel hatte sie niemals geglaubt. Ein Motorrad konnte doch nicht soviel kosten.

»Hast du irgendein Schuldbekenntnis unterschrieben?«, wollte ihr Vater barsch wissen.

Jeanette überlegte kurz. »Nein«, schüttelte sie den Kopf.

»Dann haben wir eine Chance. Wir werden dagegen protestieren. Niemand kann von einem anderen so einfach eine solch utopische Summe verlangen. Solange du kein Schuldbekenntnis unterschrieben hast, kann niemand Schadensersatz von dir verlangen. Fünfundzwanzigtausend Euro kann und will ich nicht so ohne Weiteres zahlen. Wir werden dagegen angehen.« Er drehte sich um und verließ das Zimmer.

Jeanette blieb mit einem entsetzten Ausdruck in ihrem Gesicht zurück. Ihr Entsetzen rührte nicht von der gewaltigen Höhe des Schadens her, sondern von den Absichten ihres Vaters. Sollte er tatsächlich gegen die Schadensersatzforderung angehen, bekäme er unwillkürlich die ganze Wahrheit heraus, dann gäbe es erst recht Ärger. Nervös spielte sie mit der Fernbedienung in ihrer Hand. Ihre Finger wurden feucht und eiskalt. Sie musste ihn warnen. Sie musste ihn unbedingt warnen. Kurz entschlossen sprang sie auf, warf sich schnell eine Jacke über, schlüpfte in ihre Turnschuhe, die sie eigentlich nur zum Squash anziehen sollte und rannte aus dem Haus. Sie hatte keine Ahnung, wo sie ihn finden konnte. Ihr fiel ein, dass sie erneut vergessen hatte, nach seinem Namen zu fragen. Ihr einziger Anhaltspunkt war der Ort, an dem sie ihn wiedergefunden hatte, die Diskothek. Also sprang sie in ihren Wagen und fuhr dorthin. Glücklicherweise war der Betrieb die ganze Woche geöffnet.

Der Parkplatz war fast leer. Auf dem an den Wochenenden, hoffnungslos überfülltem Parkplatz, standen nur beinahe ein Handvoll Autos und ganze zwei Motorräder. Jeanette befürchtete, dass die Clique nicht da war. Und tatsächlich fand sie die Clique weder an den Spielautomaten, noch an der Bar, oder im großen Tanzsaal. Ihre letzte Hoffnung war der Barkeeper. Vielleicht kannte er sie.

»Hallo«, rief sie die Musik überbrüllend. »Kann ich sie mal sprechen?« Der Barkeeper kam zu ihr herübergeschlürft und betrachtete sie missmutig. »Kennen sie die Motorradclique, die sich immer bei den Flippern und Spielautomaten aufhält?«

»Kann sein«, brummelte er und wischte mit einem feuchten Lappen über die gescheuerte Oberfläche des Tresens. Seine Stimme war fast nicht zu hören. »Da sind viele.«

»Ich suche eine bestimmte. Sie haben auf dem Rücken einen gelb-orange-roten Bogen, unter dem Motorradfahrer mit Totenmasken fahren. Kennen sie die?«

Der Barkeeper zuckte mit den Schultern. »Schon möglich.«

Jeanette spürte, dass er es ihr nicht direkt sagen wollte. Er kannte die Clique aber zweifellos. »Ich muss einen von ihnen unbedingt sprechen. Wissen sie zufällig, wo ich sie finden kann?«

»Keine Ahnung«, zuckte der Barkeeper wieder mit den Schultern. »Die melden sich bei mir nicht ab.«

Jeanette ärgerte sich über die mangelnde Hilfsbereitschaft des Mannes. »Es ist wichtig«, flehte sie. »Ich muss ihn unbedingt sprechen. Vielleicht kennen sie ihn. Er hat seit kurzem ein Gipsbein.« Erwartungsvoll sah sie ihn an. Für einen kurzen Moment zuckte sein missmutiger Gesichtsausdruck auf, doch die erwartete Antwort blieb aus. Er zuckte erneut mit den Schultern. Jeanette verlor beinahe die Geduld. »Bitte, sagen sie mir, wo ich ihn finde. Sie wissen es. Ich muss ihn unbedingt sprechen.«

»Ich sagte doch, ich habe keine Ahnung. Die Jungs haben ihre eigenen Wege.« Damit war für ihn diese Unterhaltung beendet. Er wendete sich einem anderen Gast zu.

Leise vor sich hin schimpfend verließ Jeanette das Lokal. Sie setzte sich in ihr Auto und fuhr wieder nach Hause. Sie hoffte, dass sie ihn am Wochenende hier treffen würde. Um ihrem Vater nicht zu begegnen, ging sie gleich auf ihr Zimmer. Lange saß sie vor der Zeichnung, mit den maskierten Easy Ridern. »Wir haben ein Problem«, sagte sie zu dem Bild. »Wo bist du?«

 

Ein paar Tage später, wartete vor dem Ausgang der Firma, in der Jeanette arbeitete, ein Mann mit einem Gipsbein. In Jeans und modischem Hemd, frisch rasiert, das Haar ordentlich zurückgekämmt und mit einem Band im Nacken zusammengehalten, erkannte sie ihn beinahe nicht wieder. Sein schwarzes Gipsbein, das nun größtenteils von einer, bis zum Oberschenkel aufgeschnittenen, Jeans verdeckt wurde, verriet ihn allerdings. Ihr wurde heiß und kalt, als sie ihn entdeckte. Lässig lehnte er an einem Geländer und wartete geduldig. Er zuckte nicht einmal mit den Mundwinkeln, als Jeanette und Christina, die ebenfalls hier arbeitete, aus der Türe traten. Sprachlos starrte Jeanette ihn an. Ein Rempler von ihrer Freundin brachte sie in die Wirklichkeit zurück.

»Woher wusstest du, wo ich arbeite?«, fragte sie, immer noch nach Fassung ringend.

»Du wolltest mich sprechen?«, fragte er zurück, ohne auf ihre Frage zu antworten.

»Ja ... », begann sie zu stottern. »Das heißt ... .« Sie schluckte. »Der Barkeeper gibt anscheinend über mich bereitwilliger Auskunft, als über dich.«

»Was ist so wichtig, dass du mich unbedingt sprechen musst?« Er blieb an dem Geländer gelehnt und machte keine Anstalten, ihr irgendwie entgegen zu kommen, oder auf ihre Fragen einzugehen.

»Es gibt Probleme«, erwiderte sie.

»Schon wieder?«, fragte er maulend.

»Es handelt sich um die Höhe der Summe.« Jeanette hielt einen Moment inne, als müsse über ihre weiteren Worte nachdenken. »Ist der Schaden wirklich so hoch?«

Er schnaufte genervt. »Ich hab’s dir doch gesagt. Ich ließ den Schaden von Fachleuten schätzen, wenn du das meinst. Es ist ein Totalschaden. Mein Motorrad war ein Oldie. Die Ersatzteile müssen eigens angefertigt werden. Zuzüglich Krankenhaus- und Schmerzensgeld kommt das dabei raus. Die Endsumme stammt übrigens nicht von mir. Die hat ein Profi errechnet.«

»Aber fünfundzwanzigtausend ... .« In Anbetracht dieser enormen Zahl, blieb selbst Christina der Mund offen stehen. »Mein Vater erkennt deine Forderung jedenfalls nicht an. Er will dagegen angehen.« Jeanette sah ihn entschuldigend an. Sie befürchtete einen Wutausbruch, doch er blieb gefasst.

»Hast du ihm nicht gesagt, dass es eindeutig deine Schuld war?«, wollte er nach einer längeren Pause, wissen.

»Habe ich. Doch er sagte, solange ich kein Schuldbekenntnis unterschrieben habe, kann niemand Schadensersatz von mir fordern.«

»Und warum hast du nicht?«, fragte er mit einem gewissen Anflug von Hohn. In seiner Stimme klang die Verärgerung über die Probleme immer stärker mit.

»Ich bin nicht dazugekommen. Damals ... », Sie stockte. »Damals war ich nicht in der Lage dazu.«

»Dann solltest du das schnellstens nachholen«, riet Christina.

»Exakt«, stimmte er ihr zu.

»Wie denn?«, rief Jeanette und hob ahnungslos die Schultern.

»Du musst bei der Polizei ein Protokoll aufnehmen lassen und ihnen sagen, dass du die Schuld zugibst.«

»Mein Vater wird mich umbringen«, rief Jeanette verzweifelt.

»Entweder dein Vater, oder ich. Du kannst es dir aussuchen.« Das Ultimatum hörte sich nicht freundlich an. »Außerdem kommt es früher oder später sowieso heraus. Du hast mehr Chancen, es zu verheimlichen, wenn du jetzt das Protokoll unterschreibst. Nachher vor Gericht, wird es viel peinlicher.«

Jeanette überlegte, was sie tun sollte. Sie fühlte sich zwischen zwei Stühlen. Im Stillen verwünschte sie diesen unheilvollen Abend. Aber es war nun einmal passiert. Nun musste sie zusehen, wie sie die Sache wieder zurechtbog. »Also gut«, entschloss sie sich endlich. »Gehen wir zur Polizei.« Sie fand, dass dies der bessere Weg war. »Fahren wir mit meinem Wagen?«, fragte sie Christina.

»Glaubst du wirklich, dass ich es riskieren sollte, mit dir mitzufahren«, antwortete er statt der Freundin.

»Ich werde fahren«, beschloss Christina und nahm Jeanette die Schlüssel aus der Hand.

So fuhren die drei auf die Polizeiwache, die den Unfall aufgenommen hatte. Jeanette konnte sich, trotz der Aufregung an diesem berüchtigten Abend, noch an den Namen des Kommissars erinnern.

»Kann ich Herrn Riedlinger sprechen?«, fragte sie den Beamten hinter dem Tisch. Dieser zeigte auf einen Uniformierten weiter hinten im Zimmer. Der Gesuchte hörte seinen Namen und kam näher. Jeanette holte tief Luft, bevor sie sich aufraffte, ihren Entschluss auszuführen. »Erinnern sie sich noch an den Unfall auf der Zubringerstrasse?« Der Beamte nickte. »Deswegen sind wir hier. Wir haben Schwierigkeiten mit der Versicherung, weil ich meine Schuld nicht auf dem Protokoll bestätigt habe.« Sie wusste nicht, ob es der Richtigkeit entsprach, was sie da von sich gab. Doch der Beamte nickte wissend, so konnte es gar nicht so falsch sein.

»Sind sie sicher, dass sie das machen wollen?«, fragte er und beäugte den Motorradfahrer kritisch.

»Ich bin eindeutig schuld. Solange ich das nicht zu Papier bringe, bekommt er sein Geld nicht.«

»Wie sie wollen.« Der Polizist bat die drei in ein Hinterzimmer. Als sie endlich vor einem, mit unzähligen Papieren überhäuften Schreibtisch saßen, wollte der Beamte Jeanette noch einmal auf einen möglichen Fehler hinweisen. Er schien, trotz eines flüchtigen Überfliegens des zugehörigen Berichtes, ebenfalls nicht an die Schuldlosigkeit des Motorradfahrers zu glauben. »Sie geben hiermit eine Aussage ab, die sie nicht widerrufen können.«

Jeanette ärgerte sich über den Polizisten. Schließlich war er ein Profi und musste genauso gut wissen, wer an dem Unfall schuld war. Sie erinnerte sich daran, was der Motorradfahrer zu ihr gesagt hatte. Bei der Polizei glaubte ihm niemand. Ihr fiel plötzlich wieder ein, dass sie seinen Namen immer noch nicht wusste. Sie setzte schon an, ihn zu fragen, doch sie verschluckte die Frage schnell, als ihr klar wurde, dass dies der falsche Zeitpunkt war.

»Ich bin mir sicher«, antwortete sie und versuchte höflich zu bleiben.

Der Beamte nahm einige Bögen Papier aus einer Schublade und spannte einen davon in eine Schreibmaschine. Als er den Motorradfahrer nach seinen Personalien fragte und ihm dieser statt einer Antwort seinen Personalausweis überreichte, versuchte Jeanette etwas vom Namen zu erhaschen. Sie konnte jedoch nichts erkennen, denn das Licht spiegelte sich auf dem Plastiküberzug und verdeckte die Angaben. Wie ein kleines Kind, das bei der Verletzung eines Verbotes erwischt wurde, wand sie den Kopf zur Seite und verpasste den überraschten Blick, den der Polizist dem Motorradfahrer zuwarf, als er dessen Personalien las. Kurze Zeit später, als das Protokoll unterschrieben werden musste, hatte sie ihre Neugier bereits wieder vergessen und versäumte es, auf der ersten Seite seinen Namen und die Adresse zu nachzulesen.

Der Blick des Polizisten verriet noch immer, dass er es für einen Fehler hielt, dass Jeanette ihre Schuld nun zu Protokoll gab. Für ihn schien jeder Motorradfahrer schuldig zu sein, egal was passierte. Er besaß den typischen voreingenommenen Blick und Jeanette hasste diese vorschnell urteilenden Menschen plötzlich. Das einzige was sie wollte, war, diese Angelegenheit endlich zu den Akten legen zu können. Sie ging hinter dem humpelnden Mann her. Er ging ihr fast zu langsam. Zwar wusste sie, dass er mit seinem Gipsbein nicht schneller gehen konnte, doch in ihr brannte der Wunsch, dieses Haus endlich verlassen zu können. In ihren Gedanken war sie auch schon bei einer Ausrede für ihren Vater.

»He, Tiger«, rief plötzlich eine Stimme aus einem Seitenzimmer. Der Motorradfahrer blieb stehen und drehte sich nach der Stimme um. Ein Uniformierter kam aus einem Zimmer und ging ihm entgegen. »Was haben sie denn mit dir gemacht?«, fragte er und amüsierte sich köstlich über das Gipsbein. »Bist du unter einen Traktor geraten?« Er hielt ihm die Hand hin.

»So etwas Ähnliches«, antwortete Tiger und schlug ein. »Wie war dein Urlaub?«

»Zu kurz, was sonst«, kicherte der Polizist. Er beäugte den jungen Mann vor sich eingehender. »Es ist doch hoffentlich nicht noch mehr unter den Häcksler geraten?«

»Es hat gereicht.«

Christina und Jeanette sahen sich verwundert an. Das sonst so versteinerte Gesicht ihres Motorradfahrers war plötzlich wie verwandelt. Plötzlich strahlte es gute Laune aus und lachte dem Polizisten entgegen.

»Erzähl mal, was ist denn passiert«, forderte der Beamte neugierig. »Hat dich jemand von deiner Lady geholt?«

»Erraten«, antwortete er kurz angebunden.

»Wer wagte es, dich von deiner einzig Geliebten zu trennen?« Der Beamte lachte über seinen eigenen Scherz.

Tiger drehte sich um und zeigte auf Jeanette, die plötzlich puterrot anlief. Der Polizist musterte sie abschätzend. »Ist doch ein guter Tausch«, meinte er schließlich. »Oder etwa nicht?«

»Du, Affe«, schimpfte Tiger und versetzte ihm einen Rempler in die Seite.

»He, pass auf. Das ist ein tätlicher Angriff an einem Bediensteten des Staates«, warnte er ihn, meinte es aber nicht besonders ernst.

Der Beamte Riedlinger kam hinzu und unterbrach die heitere Unterhaltung jäh. Der Polizist räusperte sich schnell, wischte seine Uniform glatt. »Wir sehen uns später noch«, verabschiedete er sich eiligst und verschwand wieder in dem Zimmer, aus dem er gekommen war.

Draußen konnte sich Jeanette nicht mehr länger beherrschen. »Wie heißt du?«, fragte sie und blieb abwartend vor ihm stehen. »Tiger ist doch nicht dein richtiger Name.« Christina sah sie fragend an, dann jedoch wartete sie neugierig auf die Antwort.

Auf seinem Gesicht erschien ein Lächeln. »Ben... Benedikt«, antwortete er. »Benedikt ... Maisen.« Die kurze Pause zwischen Vorname und Familienname erweckte keine Skepsis. Die Mädchen waren so froh, endlich seinen Namen zu erfahren, dass ihnen das entging.

»Tiger ist dein Spitzname in der Motorrad-Clique, stimmt`s?«, wollte Jeanette bestätigt wissen.

»Richtig«, antwortete er.

»Von woher kommt er?« Jeanettes Neugier ließ sich plötzlich nicht mehr bremsen. Sie brannte darauf, alles von ihm zu wissen.

»Von Ladies Lackierung«, antwortete er gefällig.

»Wer ist Lady?«

»Mein Motorrad, das nun leider nicht mehr zu gebrauchen ist.«

»Oh«, machte Jeanette mitfühlend. »Das tut mir leid.«

»Du könntest langsam damit aufhören. Ich besitze bereits genügend Mitgefühl von dir.« Er war schnell ernst geworden, humpelte um sie herum, ohne auf weitere Fragen zu warten und wollte davon hinken.

»Warte!«, rief sie ihm nach. »Können wir dich irgendwo absetzen?« Sie rannte ihm hinterher. »Das ist das Mindeste, was wir für dich tun können.«

»Du hast bereits getan, was du tun musst«, antwortete er. »Mehr verlange ich auch nicht.«

»Willst du wirklich nach Hause laufen, mit deinem Gipsbein?«

»Wer sagt, dass ich nach Hause will?«

»Sag einfach, ja, danke, das nehme ich gerne an und wir fahren dich wohin du willst.«

Dieses leichte Schmunzeln erschien wieder. Es verweilte diesmal etwas länger in seinem Gesicht. Kurz sah er zu Boden. »Ja, danke«, sagte er endlich und hob seinen Kopf wieder. »Das nehme ich gerne an.«

»Soll ich wieder fahren?«, fragte Christina.

»Ja, bitte«, antwortete Benedikt für Jeanette. Er traute ihren Fahrkünsten noch immer nicht über den Weg.

Christina sperrte den Wagen auf. »Wohin soll es gehen?«, fragte sie und schwang sich hinter das Lenkrad.

»Immer geradeaus«, antwortete er und kroch auf den Beifahrersitz, wo er mit seinem Gipsbein genügend Platz hatte. Jeanette kletterte auf den Rücksitz. Er lotste die beiden durch die Stadt, bis sie, in einem Randviertel, an einem kleinen Haus stehen blieben.

»Wohnst du hier?«, wollte Jeanette neugierig wissen.

»Ich wohne hier«, antwortete er und öffnete die Tür.

»Ist sie hier?«, fragte Jeanette.

»Wer?«

»Deine Lady. Ist dein Motorrad hier?«

Er sah Jeanette einen Moment fragend an. »Willst du überprüfen, ob ich die Wahrheit sage?«

»Nein«, wehrte Jeanette schnell ab. »Ich wollte es nur wissen. Das ist alles.«

Er sah sie skeptisch an. »Sie ist hier«, antwortete er.

»Kann ich sie sehen?« Jeanette setzte einen flehenden Ausdruck auf. Es interessierte sie nicht nur, wie sein demoliertes Motorrad aussah, sondern auch, wie er lebte. Sie wollte plötzlich alles von ihm wissen. Sie wollte seine Familie kennenlernen, so schräg, wie sie vielleicht waren. Sie wollte es nur einfach sehen und ihre brennende Neugierde befriedigen. »Bitte, es interessiert mich wirklich«, bat sie noch einmal.

»Schon gut.« Er stieg aus. Freudig beeilte sich Jeanette, ihm zu folgen. Sie brauchte sich nicht sonderlich zu beeilen, denn er war nicht besonders schnell zu Fuß. Er humpelte über den Vorhof auf eine Garage zu. Noch während er ging, klopfte er seine Taschen, wahrscheinlich nach dem Schlüssel, ab.

»Mist«, schimpfte er plötzlich und blieb vor dem Tor stehen. Er versuchte es zu öffnen, doch es war abgeschlossen. Deswegen trat er einige Schritte zurück und hob suchend den Kopf. Im ersten Stock war ein geöffnetes Fenster, aus dem laute Heavy Musik drang. »Carola!«, brüllte er hinauf. Es tauchte niemand am Fenster auf. Noch einmal rief er den Namen, diesmal etwas lauter. Dann erschien eine junge Frau am Fenster. »Wirf den Garagenschlüssel runter!«, rief er ihr zu. Sie zögerte einen Moment, musterte die Mädchen und nickte ihm dann zu. Sie tauchte jedoch nicht wieder am Fenster auf, sondern kam kurz darauf aus der Haustüre auf sie zu.

»Willst du denen wirklich deinen Schrotthaufen zeigen?«, sagte sie maulend und warf ihm den Schlüssel zu. Die Antwort auf ihre unfreundliche Begrüßung war ein ärgerliches Knurren. Er ging nicht weiter darauf ein. Offensichtlich, Carola, schwang ihre in knallengen Lederhosen steckenden Hüften weitausholend hin und her, als sie sich ihren Gästen näherte. »Wer sind die?«, fragte sie, mehr auf ihren Kaugummi kauernd, denn sprechend. Sie lachte, als ihr scheinbar ein Licht aufging. »Hey«, kreischte sie und trat Christina etwas zu nahe, sodass diese vorsichtshalber zurücktrat. »Seid ihr vielleicht die, die ihm seine ... .« Weiter kam sie nicht. Benedikt packte sie und schob sie unsanft weg. »Verschwinde!«, zischte er sie böse an.

»Hoppla«, maulte sie. »Wer wird denn gleich zickig.« Sie lachte erneut auf. »Ich weiß, du kannst es nicht leiden, wenn jemand deine Lady antastet.«

»Hau endlich ab!«, brüllte er sie donnernd an, sodass die beiden Mädchen zusammenschraken und glaubten, mit ihrer Bitte einen Fehler begangen zu haben. Er schob den Schlüssel in das Schloss, drehte es herum und öffnete das Tor. In der Mitte der Garage lag ein halb zerstörtes, verbeultes und bereits teilweise auseinander gebautes Motorrad. Der Anblick, dieser metallenen Leiche, schnürte den Mädchen die Kehle zu. Auf dem zerbeulten Tank waren noch die Reste einer Tigerlackierung zu erkennen.

»Seht euch nur an, was ihr ihm angetan habt«, sagte Carola, mit Hohn gespickt. »Ihr habt seine Lady ermordet.« Sie legte einen dramatischen Ton in ihre Stimme und lachte dann über ihren Scherz, aber keiner lachte mit. Die Mädchen wagten es nicht, näher zu treten, deswegen stolzierte sie hinter sie und stieß sie nach vorne. »Geht ruhig etwas näher. Seht es euch in Ruhe an. Dieser Haufen Schrott war einmal eine beeindruckende Schönheit.« Sie warf einen bissigen Seitenblick auf den vor Ärger und Wut schier überkochenden Mann, der sich nur noch mit Mühe zurückhalten konnte. »Erzähl ihnen doch, wie viele Stunden du damit verbracht hast, diesen Haufen Blech zu einem richtigen Motorrad zu machen. Erzähl ihnen doch, wie viele Stunden du hier in dieser Garage verbracht hast und deswegen für nichts anderes mehr Zeit hattest.«

Christina und Jeanette sahen sich verlegen an. Es bahnte sich ein Eifersuchtsdrama an. Sie fühlte sich durch sein Hobby vernachlässigt und brachte es nun mit all ihrem Hass zum Ausdruck.

»Noch ein Wort«, knurrte er böse. In seinen Augen funkelte die pure Wut wieder.

»Was dann?«, wollte sie wissen. Ihre Stimme überschlug sich fast. »Willst du mich verprügeln, hm?« Sie ging einen Schritt auf ihn zu, gewahrte aber noch den sicheren Abstand, der sie davor bewahrte, tatsächlich verprügelt zu werden. Scheinbar besaß sie mehr Respekt vor ihm, als sie zugeben wollte. »Ha«, machte sie. »Ich kann schneller laufen als du!«, schrie sie und zog ihm eine Grimasse. Sie war weit genug von ihm entfernt, sodass er sie nicht erwischte. Aber mit der richtigen Verlängerung könnte er sie treffen. Blitzschnell packte einen Besenstil und holte aus. Er traf ihren Oberschenkel. Mit einem Schrei fiel Carola zu Boden. Nun begann sie fast hysterisch zu kreischen. Sie schimpfte und fluchte, stieß Verwünschungen und Drohungen aus, streckte ihm ihre rotlackierten Krallen entgegen und versuchte ihm das Gesicht zu zerkratzen. Er hielt sie mit dem Besenstil auf Distanz.

Jeanette und Christina wichen diskret zurück. Es war ihnen außerordentlich peinlich, diesem Streit beizuwohnen. Obwohl Carolas Worte nur Provokation sein sollten, glaubten sie einen Funken Wahrheit daran. Nicht zu unrecht hatte sein Motorrad zu dem Spitznamen beigetragen und selbst der Polizist bezeichnete das Motorrad als Tigers Geliebte. Mit dem Unfall wurde diese Liebe jäh zerstört. Eines hatte Carola mit ihren Anspielungen erreicht und in gewisser Weise hatte sie Recht. Mit einem äußerst schlechten Gewissen verdrückten sich die Beiden still und heimlich, solange Benedikt noch mit Carola beschäftigt war. In diesem Augenblick wünschten sie sich, sie hätten ihn nicht danach gefragt.

 

»Du hast was?«, brüllte Herr Petermann seine Tochter an. »Bist du wahnsinnig geworden?« Jeanette wich ängstlich zurück, hieß sich aber an, mutig zu bleiben. Sie hatte sich überwunden, ihrem Vater zu beichten, dass sie zur Polizei gegangen war. Nun musste sie auch das Donnerwetter überstehen. »Du hast uns damit alle Chancen genommen«, schrie er puterrot im Gesicht. Jeanettes Mutter stand ein wenig verängstigt und besorgt im Türrahmen und beobachtete das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Sie schien zu überlegen, wem sie Hilfestellung leisten sollte. Jeanette holte Luft. Sie musste zu ihrer Entscheidung stehen.

»Ich war eindeutig schuld. Daran ist nichts zu rütteln«, schrie sie ihren Vater an. Sie musste schreien, um gegen ihn ankommen zu können. »Vor Gericht würden wir sowieso verlieren.«

»Woher willst du denn das wissen?«, rief er fassungslos. »Du hast doch von nichts eine Ahnung. Du bist noch fast ein Kind. Wie kannst du nur auf eine solche dumme Idee kommen?« Plötzlich fiel ihm ein, wer sie dazu ermuntert haben könnte und sah eine Chance darin, die Sache doch noch für sich zum Guten wenden zu können. »Hat der Andere dich dazu gezwungen?«, fragte er.

»Nein«, rief sie. »Es war meine eigene Entscheidung. Es war nur gerecht.«

»Woher kannst du wissen, was richtig, oder falsch ist? Du bist nicht in der Lage so etwas zu entscheiden. Sag es mir, wenn er dich dazu gezwungen hat. Wer ist das überhaupt?«

Jeanette stutzte einen Moment. Der Versicherungsmann hat doch mit ihm geredet, dann musste er auch wissen, wer der Unfallgegner. »Keine Ahnung. Ich bin ihm noch nie zuvor begegnet.« Das war nicht einmal gelogen.

»Keine Ahnung?«, wiederholte er fassungslos und warf die Arme in die Luft. »Man hört doch ständig in den Nachrichten von Betrügern, die solche Unfälle provozieren. Die Summe ist enorm. Das riecht nach Betrug.«

Jeanette biss sich auf die Lippen, um nichts preisgeben zu müssen. Wieso diese Lüge, fragte sie sich. War das überhaupt möglich? Vielleicht gehörte das zu Benedikts Plan, das Motorrad zu einem Auto zu machen? Sie wusste es nicht und solange sie dies nicht eindeutig erklärt bekommen hatte, und zwar von Benedikt selbst, würde sie keinen Ton sagen. »Ich weiß nicht«, sagte sie deshalb.

»Du weißt es nicht?«, rief der Vater fassungslos. »Du weißt nicht, wem du angeblich einen Schaden von fünfundzwanzigtausend Euro angerichtet und ihm das Geld nun durch dein Schuldanerkenntnis direkt in den Rachen geworfen hast? Du hast dich vorher nicht erkundigt? Das kannst du mir nicht weismachen.«

»Ich weiß es wirklich nicht«, log sie. »Ich war eindeutig schuld. Ich habe ein Stoppschild übersehen. Es ging viel zu schnell. Der Notarzt, dann die Polizei. Ich kam nicht dazu, ihn danach zu fragen.« Wer dachte auch schon bei all der Aufregung nach einem Unfall, sich die Personalien des Unfallgegners zu notieren. Jeanette jedenfalls nicht.

»Welcher Notarzt?«, hakte er nach. »Hast du vielleicht auch noch jemanden verletzt?«

Jeanette stutzte erneut. Beinahe hätte sie herausgerufen, dass natürlich Benedikt verletzt war, doch sie biss sich schnell erneut auf die Lippen. Was um Himmels willen, steht auf dieser Rechnung, fragte sie sich. Scheinbar verschwieg er auch noch seinen Krankenhausaufenthalt. Sie hätte ihn dafür küssen können.

»Wer war verletzt?«, hakte er streng nach.

»Eigentlich niemand«, wich Jeanette aus. »Tina und ich, wir waren nur etwas verschreckt. Die Sanitäter gaben uns etwas zur Beruhigung. Wir zitterten am ganzen Leib.« Das war zwar nur halb gelogen, aber die einzige Möglichkeit, es ihm zu erklären.

Er gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Schulterzuckend und zähneknirschend wand er sich nach seiner Frau um. »Was machen wir jetzt?«, fragte er ratlos und ließ sich in einen Sessel fallen. »Ich habe irgendwie den Eindruck, dass sich meine eigene Tochter gegen mich verschworen hat.«

»Ich habe mich nicht gegen dich verschworen«, widersprach sie ihm. »Ich habe nur der Gerechtigkeit entsprochen. Ich war Sch ... .«

»Gerechtigkeit!«, rief er und unterbrach dadurch seine Tochter. »Ist es gerecht, dass der Kerl so mir nichts dir nichts, eine solche utopische Summe verlangt. Womöglich ist an seinem Wagen nur eine kleine Schramme und er kann sich dann von meinem Geld einen neuen Wagen kaufen. Ist es gerecht, wenn skrupellose Trickbetrüger absichtlich mit unschuldigen, naiven Opfern Unfälle provozieren und dann kräftig absahnen. Was kannst du denn schon von Gerechtigkeit wissen? Du hast eben bewiesen, dass du überhaupt keine Ahnung von Gerechtigkeit hast. Das war das schlechte Gewissen, das dir dieser Betrüger in den Kopf gesetzt hat. Nur das schlechte Gewissen. Darauf bauen die doch nur auf.«

»Vati!«, brüllte Jeanette dazwischen. »Er ist kein Betrüger.«

»Woher willst du denn das wissen?«, schrie er, erneut puterrot anlaufend. Er erhob sich von seinem Sessel und ging auf seine Tochter zu. »Du kennst ihn nicht. Ich kenne ihn nicht. Niemand kennt ihn. Es ist eindeutig ein Betrüger. Du hast diesem Gauner eben zu fünfundzwanzigtausend Euro verholfen. Ist dir das klar? Fünfundzwanzigtausend Euro, weißt du, wie lange du bei deinem Gehalt dafür arbeiten musst?« Er warf die Arme in die Luft. »Wie kannst du das auch wissen«, antwortete er für sie, als hielt er seine eigene Tochter für unfähig dies selbst auszurechnen. »Beinahe zwei Jahre. Du musst für deine Unterschrift auf diesem dämlichen Stück Papier zwei Jahre arbeiten und das nur, weil gerissene Ganoven klug genug waren, sich an ein unschuldiges und unwissendes Mädchen heranzumachen. Durch diese läppische Unterschrift muss ich nun fünfundzwanzigtausend Euro berappen.«

Das war zu viel für Jeanette. Sie schlug ihrem Vater ins Gesicht. »Und was bist du?«, schrie sie außer sich vor Wut und verletztem Stolz. »Ein egoistischer, herrischer Pascha, weiter nichts.« Sie rannte aus dem Zimmer, die Treppen hinauf und sperrte sich in ihr Zimmer ein. Weinend warf sie sich auf das Bett und vergrub ihr Gesicht im Kissen. Für ihren Vater war sie noch immer ein unschuldiges, kleines Mädchen, das für sein Handeln unmöglich verantwortlich gemacht werden konnte. Und wenn es nach ihm ging, dessen war sich Jeanette sicher, würde sich daran nichts ändern, bis sie eine alte Jungfer war. Außerdem verstand sie nicht, warum sich ihr Vater aufregte. Die Summe würde ohnehin die Versicherung bezahlen, nicht er persönlich – höchstens durch die angestiegenen Versicherungsbeiträge.

Sie hörte ihren Vater ihre Mutter anbrüllen, die scheinbar Partei für sie übernommen hatte. Zu gerne hätte sie ihrer Mutter geholfen, denn sie konnte am allerwenigsten etwas dafür. Aber dann hätte sie den Streit mit ihrem Vater weiterführen müssen, und sie wusste nicht, ob sie noch imstande dazu war. Deshalb blieb sie liegen und erlaubte dem Kissen ihre Tränen aufzusaugen.

 

Der nächste Tag, ein Sonntag Nachmittag, verhieß, entgegen Jeanettes, Stimmung eitlen Sonnenschein. Sie musste raus aus ihrem Zimmer. Beinahe den ganzen Tag hatte sie dort verbracht, nun drohte ihr die Decke auf den Kopf zu fallen. Das Haus war menschenleer. Ihr Bruder war mit seiner Freundin zum Baden gefahren und ihre Eltern unternahmen eine Fahrradtour. Sie fragte sich, was sie noch zu Hause machte. Hier sitzen und Trübsal blasen, während ihr Vater sich auf einem Ausflug vergnügte, das durfte nicht sein. Deshalb verließ sie das Haus und spazierte ziellos durch die Straßen.

Sie hatte kein bestimmtes Ziel und wanderte nur einfach so herum. Die heiße Sonne und die heitere Stimmung der Leute, denen sie auf ihrem Spaziergang begegnete, wirkten sich auf ihre Stimmung aus und ihre Laune besserte sich allmählich, sodass sie bald leise vor sich hinsummend durch die Stadt spazierte.

Als sie an einer Eisdiele vorbeikam, verspürte sie plötzlich irgendwie Gelüste. Lange überlegte sie nicht, ob sie sollte, oder nicht, sie ging einfach hinein. Ein Eis holen und sich irgendwo in einen Park setzen und den Tag besser und bei besserer Stimmung ausklingen lassen, das war es eigentlich, was sie wollte. Sie stand noch etwas unschlüssig vor der Theke und starrte die verschiedenen Eissorten an, alle sahen lecker und erfrischend aus, als sie plötzlich eine bekannte Stimme hörte.

»Hi, Jani«, hörte sie ihren Namen. Sie fuhr herum und suchte diesen jemand, der sie angesprochen hatte. Sie fand diesen jemand, dieser Autofahrer, der eigentlich ein Motorradfahrer war, kurz genannt Tiger, alias Benedikt Maisen. Er saß allein in einer Ecke und hielt ein halb gefülltes Glas Bier in der Hand. Jeanette kam bereitwillig näher, als er sie zu sich winkte.

»Hallo«, grüßte sie und setzte sich zögernd, als er auf den Stuhl neben sich zeigte. »Was machst du denn hier?«

»Ich glaube, so ziemlich das Gleiche, wie du«, antwortete er. »Ich versuche, die Hitze des Tages mit etwas Kaltem besser zu ertragen.« Er hielt sein Bier hoch und prostete ihr zu, bevor er einen Schluck davon nahm.

Jeanette fühlte sich nach dem Erlebnis in seiner Garage etwas unbehaglich in seiner Nähe. Sie wurde nervös und begann zu frieren. Eine Gänsehaut wanderte über ihren Körper. Sie zitterte.

»Dir ist doch wohl nicht etwa kalt«, bemerkte er ihr frösteln. Jeanette schüttelte den Kopf und bestellte bei der jungen Bedienung ein Portion Eis, obwohl ihr im Moment eher nach einem heißen Grog zumute war.

»Du musst das von neulich entschuldigen«, brachte er das Thema von sich aus, auf Jeanettes Ursache für den Frost.

»Geht ihr immer so miteinander um?«, fragte sie und versuchte nicht allzu viel Interesse in ihre Worte zu legen.

»Manchmal braucht es das«, antwortete er kurz. Seinen Groll spülte er gleich danach mit einem Schluck Bier hinunter. »Du siehst auch nicht so aus, als kämst du eben von einem heiteren Familienfest.« Er betrachtete sie kritisch. »Ärger gehabt?«

»Mehr als das«, antwortete sie.

»Mit deinem Eifersuchtskasper?«

»Nein«, schüttelte Jeanette den Kopf.

»Aha«, machte er wissend. »Mit Big Daddy. Ich nehme an, du hast ihm deine Tat auf der Polizei gebeichtet.«

»Genau.« Nervös bohrte sie ihre Finger in den Stoff ihres Kleides. Es hinterließ hässliche Beulen. Deswegen streifte sie es wieder glatt. »Es tut mir wirklich leid«, sagte sie und redete gleich weiter, als er etwas entgegnen wollte. »Nein, ehrlich. Ich meine das ernst. Es tut mir aufrichtig leid, ohne dir mehr von meinem Mitleid zukommen zu lassen, als du haben willst. Weißt du, das Erlebnis in der Garage machte es mir erst richtig deutlich, was ich dir angetan hatte. Das Motorrad war dein Leben. Ich habe es zerstört. Eine kleine Unachtsamkeit und dein Traum, wofür du hart gearbeitet hast, ist für immer zerstört.«

»Na ja«, machte er. »Ich überlebe es. Die Wunde ist tief, die Schmerzen sind gewaltig, aber ich überlebe es.« Er versuchte ein Lächeln. Doch dieses Lächeln stand ihm nicht. Es gehörte nicht zu ihm und auch nicht dorthin.

»Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen«, sagte sie aufrichtig.

»Super!«, rief er aus. »Dann sind wir ja schon Zwei.« Er nahm einen Schluck aus seinem Glas. »Wo hast du nur deine Augen gehabt? Beim Autofahren sollten sie auf der Straße sein.«

»Ich weiß«, lächelte sie vorsichtig. »Wir kamen aus der Disko, waren noch ein wenig aufgedreht. Machten Witze, sangen und alberten ein bisschen herum. Ich weiß, ich hätte besser aufpassen sollen. Ich bin eine miese Autofahrerin, ich weiß. Man sollte mir den Führerschein entziehen.« Damit zitierte sie eigentlich nur jemanden, der das vor nicht allzu langer Zeit zu ihr sagte, als sie diesem Jemand beichtete, dass sie an einen Pfosten gefahren war.

Was sie niemals für möglich gehalten hatte, geschah. Benedikt lachte. Er amüsierte sich über das, was Jeanette über sich selbst sagte. Es war ein ehrliches Lachen und sie konnte ihm daher nicht böse sein.

»Oh, Mann«, kicherte er. »Du bist auf einer herrlichen Art so wunderbar naiv.«

Jeanette setzte sich augenblicklich aufrechter. Sie glaubte, sich verhört zu haben. Er wiederholte sinngemäß die Worte ihres Vaters. Vielleicht war es doch richtig, was ihr Vater ihr vorwarf, wenn es schon ein Zweiter, noch dazu ein völlig fremder, behauptete. Sie weigerte sich jedoch, das zu glauben. »Wieso?«, fragte sie deshalb.

»Na ja«, begann er. »So wie du über dich redest. Du zerfließt beinahe vor Selbstmitleid. Und doch bist du irgendwie so geheimnisvoll, wie ein Zwilling mit dem du ständig die Fronten tauschst, der eine hoffnungslos naiv und unbeholfen, der andere frech und verschmitzt. Hinter deiner schüchternen Fassade sitzt ein kleiner frecher Kobold, der nur dann und wann Ausgang hat.« Er zwinkerte ihr zu. Jeanette versuchte ein Lächeln. Sie war von seiner Beurteilung über sie zu beeindruckt, um glücklich zu sein. »Mein Vater denkt da ganz anders«, sagte sie. »Er hält mich für hoffnungslos dumm.«

»Vielleicht liegt er da gar nicht so falsch«, erwiderte er, deutlich ernster und nahm einen weiteren Schluck. Ein zweites Mal setzte sich Jeanette aufrechter. Die Bedienung brachte das bestellte Eis an den Tisch. Obwohl die Oberfläche bereits zu zerlaufen begann, machte sich Jeanette nicht darüber her. Sonst schaufelte sie es immer schnell in sich hinein, bevor es flüssig werden konnte. »Wieso?«, fragte sie erneut.

»Wie alt bist du eigentlich?«, fragte er, statt auf ihre Frage zu antworten.

»Einundzwanzig«, antwortete sie.

»Dann bist du noch mehr, als hoffnungslos dumm. Mit einundzwanzig solltest du dir von deinem Vater keine Visitenkarten mehr aushalsen lassen, die du nicht willst. Und dich schon gar nicht ungestraft von ihm für dumm verkaufen lassen.«

Verlegen betrachtete Jeanette ihr Eis, das bereits schon einen See in der Schale bildete.

»Iß dein Eis, sonst kannst du es bald trinken«, riet er ihr. Doch Jeanette hatte keinen Hunger mehr. Lustlos stocherte sie darin herum. »Hat dir die Wahrheit nun den Tag gänzlich verdorben?«, fragte er. Sie brachte es nicht fertig, ihn anzusehen. Die Wahrheit hatte ihr nicht nur den Tag verdorben. Wenn sie die Wahrheit von jemandem gesagt bekam, der sie nur, alles zusammen gezählt, erst seit ein paar Stunden kannte, dann war das bitter, äußerst bitter.

»Bist du mit deinem Auto da?«, fragte er und riss sie aus ihren Gedanken. Sie schüttelte den Kopf. »Auch gut«, meinte er und schüttete den Rest seines Bieres in sich hinein. »Willst du dein Eis nicht mehr aufessen?« Erneut schüttelte Jeanette den Kopf und legte den Löffel beiseite. Ihr war die Lust darauf gänzlich vergangen. »Ist zwar schade, aber zwingen will ich dich auf keinen Fall. Was hältst du von einem Ausflug?« Jeanette starrte ihn entsetzt an. »Du bist allein, ich bin allein und wenn du deinem Kasper nicht unbedingt etwas erzählen musst, könnte es vielleicht doch noch ein schöner Sonntagabend werden. Was hältst du davon?«

Jeanette dachte zweifellos an das Falsche, als sie ihren Kopf schüttelte. Zwar sah er in diesem Moment nicht wie der Unhold, vor dem David sie beschützen wollte, aus, aber sie wusste, dass er so aussehen konnte.

»Tut mir leid«, sagte sie schnell. »Ich habe ... .«

»... bestimmt nichts vor«, beendete er ihren Satz. »Was soll das? Hast du Angst vor mir? Du kannst ja wieder mit dem Auto über mich drüber fahren, wenn ich es wagen sollte. Komm, hör schon auf. Ich werde doch deinem Macker keinen Grund geben, seine miesen Boxkünste an mir auszuprobieren. Ich habe dich lediglich zum Rest dieses Sonntages eingeladen, damit vielleicht noch etwas Besseres daraus werden kann. Irgend etwas werden wir doch noch tun können, oder meinst du nicht? So trüb dürfen wir den Tag doch nicht ausklingen lassen, wie er begann.« Jeanette sah ihn ungläubig an. Er legte seine Hand zum Schwur an sein Herz. »Ehrenwort«, schwor er. Sie wollte nicht mit ihm fortgehen, gleichgültig was er auch vorschlug. Und wenn es nur ein Spaziergang vor die Türe dieser Eisdiele sein sollte.

»Ich weiß nicht«, gab sie nervös von sich und suchte eiligst jemanden, den sie sonst noch kannte und an den sie sich hängen könnte.

»Ich verspreche dir, dass dieser ... wie heißt er noch gleich, David? ... dass dieser David keinen Grund bekommen wird, noch einmal auf mich loszugehen. Du kannst dich darauf verlassen.«

Jeanette wünschte sich sehnlichst, dass David in diesem Moment zur Türe hereinkam. Zu keiner Zeit wünschte sie sich so sehr in seine Nähe, wie jetzt. Benedikt rief die Bedienung und bezahlte die Rechnung, einschließlich Jeanettes verlaufenem Eis. Mühselig erhob er sich von seinem Stuhl und humpelte um den Tisch herum. »Na komm schon«, forderte er sie auf, als sie sitzen blieb. »Du wirst es nicht bereuen.« Jeanette bezweifelte dies. Widerwillig erhob sie sich und folgte ihm nach draußen. Sie könnte einfach davon laufen, doch dies war kindisch und bestätigte seine Aussage von vorhin nur noch. Warum konnte sie ihm nicht sagen, dass sie nicht mit ihm fortgehen wollte? Warum brachte sie ihren Mund nicht auf? Sie wusste genau, dass sie im Laufe dieses restlichen Tages dafür bestraft werden würde. Ihre eigene Feigheit war der Grund dafür, dass sie wissentlich in eine Falle lief. Benedikt stützte sich auf ihre Schulter, als er aus der Eisdiele humpelte. Sie fragte sich plötzlich, warum er keine Krücken benutzte. Gleichzeitig wusste sie aber auch die Antwort darauf. Ein Kerl wie er brauchte keine Krücken. Sie sah auf die Uhr. Es war erst kurz vor halb vier Uhr. Unter normalen Umständen hätte sie gesagt, der Sonntag war vorbei, aber so, würde er für sie noch ewig dauern.

»Nachdem ich nicht besonders gut zu Fuß bin, fällt ein Spaziergang flach«, sagte er und hüpfte neben ihr her. »Was hältst du von Kino?«

»Hast du keine Krücken?«, wollte Jeanette wissen.

»Habe ich«, antwortete er. »Aber irgendwie komme ich mit diesen Dingern nicht klar. Es geht auch so, zwar etwas langsamer, aber es geht. Was ist mit dem Kino?«, blieb er unbeirrt und hielt an. »Oder hast du eine bessere Idee?«

Jeanette besaß überhaupt keine Idee und weigerte sich auch, sich etwas anderes einfallen zu lassen. Deswegen zuckte sie nur mit den Schultern.

»Da läuft ein lustiger Streifen im Royal«, schlug er vor. »Soll gar nicht so schlecht sein.« Jeanette zuckte erneut mit den Schultern und schimpfte über sich, dass sie zu feig war, nein zu sagen. »Keine Lust?«, fragte er. »Oder kannst du dich nicht entschließen?«

»Ich weiß nicht«, brachte sie endlich hervor.

»Also, ich schlage vor, wir gehen rein. Vielleicht kommt dann deine Laune wieder.« Er stützte sich wieder auf ihre Schulter und humpelte weiter.

 

Der witzige Cartoonhase auf der Leinwand schaffte es tatsächlich, Jeanette etwas aufzulockern. Am Anfang war sie noch etwas verkrampft, doch schon nach nur wenigen Minuten des lustigen Filmes lachte sie lauthals mit. Sie hatte befürchtet, dass sich Tiger in der Dunkelheit des Kinosaales an sie heranmachen würde, doch ihn interessierte nur der Film und die große Tüte Popcorn. Die fast nahtlos aneinander gefügten Gags benötigten ihre ganze Aufmerksamkeit und als der Film endlich zu Ende war, glaubte Jeanette, sich buchstäblich einen Muskelkater angelacht zu haben. Ihr Bauch und ihr Gesicht schmerzten.

Sie ließen sich von der Menge dem Ausgang zutreiben und wurden beinahe getrennt, als jemand über Benedikts Gipsbein stolperte. Es wäre für Jeanette die Gelegenheit gewesen, zu verschwinden, doch in diesem Moment dachte sie nicht mehr daran. Als sie endlich draußen standen und sie, die noch relativ warme Abendluft empfing, sahen sie sich mit geröteten Gesichtern an.

»Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich könnte jetzt eine ganze Pizzeria verschlingen«, sagte er und klopfte auf seinen Bauch.

»Ich glaube auch, dass das, was mir mein Magen meldet, Hunger sein soll«, lachte sie. Längst hatte sie ihre Scheu verloren. Der Kinobesuch wirkte wunder. So ging sie mit ihm in die nächste Pizzeria.

Unter Erzählen und Lachen - sie diskutierten noch einmal die einzelnen Szenen des Filmes durch - vertilgten sie ihre Pizzas. Die berauschende Wirkung einiger Gläser süßen roten Weines setzte ihrer guten Laune nur unwesentlich hinzu. Die Zeit, die Jeanette nur wenige Stunden zuvor zu langsam verstreichen sah, verging wie im Flug. Ehe sie sich versah, waren sie die letzten Gäste und der Wirt bat sie höflich hinaus. Jeanette hätte niemals gedacht, dass der Sonntag noch so schön werden würde.

Benedikt stützte sich wieder auf ihre Schulter, als sie die fast menschenleere Einkaufsstraße entlang schlenderten und Jeanette hing sich, wie selbstverständlich bei ihm ein. Der Film gab ihnen noch eine Weile Gesprächsstoff. Sie sprachen auch noch über die Produktionsmethoden des Filmes und über andere Filme, die interessant oder einfach sehenswert waren, als Jeanette plötzlich vor einem Schaufenster stehen blieb. Es gehörte einer Boutique, die allerhand Verrücktes und Skurriles verkaufte und stets mit aufwendigen Dekorationen auffiel. Was jedoch Jeanettes Aufmerksamkeit erregte, war ein Overall aus schwarzem Leder und zahlreichen Strasssteinen, Nieten und Kettenbändern verziert, den eine Schaufensterpuppe gekonnt frech präsentierte. Das besondere an diesem Anzug war, dass er nicht Rockermäßig aussah, sondern eher feminin, mit einem gewissen Outlaw-touch, und genau das faszinierte Jeanette besonders. Die silbernen Nieten und Kettenbändern, funkelten in der Strahlerbeleuchtung mit dem Strasssteinen um die Wette.

»Gefällt dir so etwas?«, wollte Benedikt wissen.

»Sieht irgendwie toll aus«, antwortete sie begeistert.

»Dir würde er stehen«, bemerkte er, ihre Figur abschätzend.

»Ach, Quatsch«, wehrte sie ab und riss sich von dem Overall los. »Ich bin überhaupt nicht der Typ dazu. Außerdem würde mich mein Vater umbringen, wenn ich so etwas nach Hause brächte.«

»Aha, dein Vater«, machte er nur.

Jeanette überhörte dies. Sie hatte eben das Preisschild gelesen. Entsetzt stöhnte sie auf. »Das ist ja Wahnsinn«, rief sie empört aus. »Also wirklich.« Sie ging weiter. Benedikt blieb noch einen kurzen Moment stehen und betrachtete dieses teure Modell. Als ihn Jeanette rief, riss er sich endlich davon los und folgte ihr.

»Was hast du jetzt noch vor?«, fragte sie. »Ich müsste morgen wieder in die Arbeit. Das heißt früh aufstehen.«

»Dann solltest du artig ins Bett gehen«, erwiderte er.

»Ich wünschte, mein Wagen stünde hier«, gab sie von sich und drehte sich nach ihrem Auto um, als würde es tatsächlich am Straßenrand parken. »Es ist noch ein ganz schönes Stück zulaufen.«

»Ich rufe ein Taxi«, sagte er und streckte seine Glieder. Seine Beine waren durch die andauernde Anstrengung müde geworden.«

»Kein Taxi«, wehrte sie ab.« Das ist zu teuer.«

»Entweder du fährst mit dem Taxi nach Hause«, forderte er. »Oder du läufst. Aber dann könnte es sein, dass du einem Unhold begegnest, der dir etwas antun will, das dann dein Kasper wiederum mir anhängt und mich erneut zusammenschlägt. Nein, das kann ich nicht zulassen.«

Jeanette lachte vergnügt. Ihr gefiel es zwar nicht, wie er über David redete, widersprach aber nicht.

»Was machst du, wenn der Taxifahrer der Verbrecher ist?«, kicherte sie. »Das soll es auch geben.«

»Ich fahre mit und beschütze dich vor ihm.« Er nahm sie in den Arm und drückte sie an sich. Unter normalen Umständen wäre es ihr unangenehm gewesen, doch in diesem Moment dachte sie nicht mehr an die Zweifel, die sie zuvor plagten. »Wehe dem, der es versuchen will«, knurrte er, irgendeinen Kinohelden imitierend. »Es steht auch mein Leben auf dem Spiel, und das verkaufe ich teuer.«

Jeanette machte sich frei, aber nicht aus Scheu. »Hör auf«, kicherte sie. »Ich fahre nicht mit dem Taxi heim.«

»Komm schon. Sag einfach, ja, danke, nehme ich gerne an, und du wirst vor deiner Haustüre abgesetzt.«

Jeanette kicherte. Sie kannte diesen Satz. Er stammte von ihr. »Trotzdem«, hatte sie noch Einwände. »Es ist viel zu teuer.«

»Lass das mal nicht deine Sorge sein«, wehrte er ab und humpelte auf eine Telefonzelle zu.

»Aber du hast doch schon den ganzen Abend bezahlt. Du kannst doch nicht ... .« Sie verstummte, als er sich umdrehte und einen Finger auf den Mund legte. »Kannst du dir das überhaupt leisten?«, fragte sie dennoch, aber ganz vorsichtig.

»Um ein schönes Mädchen vor bösen Übeltätern, wunden Füssen und schlaflosen Nächten zu bewahren, würde ich selbst meinen letzten Groschen hergeben.« Damit verschwand er in der Telefonzelle.

»Du bist verrückt«, rief Jeanette und klopfte gegen die Scheibe.

»Du bist nicht die Erste, die das bemerkt«, rief er durch das Glas. »Das scheint nun mal in meiner Natur zu liegen.« Dann war die Taxizentrale am anderen Ende der Leitung und er musste sich der freundlichen Dame widmen, die nach seinem Standort fragte.

Wenig später saßen sie im Taxi. Je näher Jeanette ihrem Zuhause kam, desto ruhiger wurde sie. Der Sonntag war bald vorbei und sie müsste ihrem Vater wieder unter die Augen treten. Als sie an ihren Vater dachte, erinnerte sie sich an den Streit und an das was alles gesprochen wurde.

»Was soll eigentlich diese Lüge mit dem Auto?«, fragte sie plötzlich. »Warum gibst du falsche Tatsachen an? Das fliegt doch auf, ich meine, es gibt doch einen Polizeibericht und so …«

Benedikt schien schon halb eingeschlafen zu sein, denn er schrak hoch, als ihre Stimme die Stille zerriss. Trotzdem hatte er mitbekommen, was sie fragte und wusste auch sogleich, worüber sie sprach. »Das war nicht meine Idee«, erwiderte er müde. »Außerdem stand im Schreiben an die Versicherung deines Vaters nicht, dass es sich um ein Auto handelt. Ich weiß auch nicht, wie mein Anwalt das gedreht hat. Er kennt da ein paar Leute … Aber du wolltest doch bestimmte Dinge verschweigen. Wir können es auch gerne anders machen, aber dann …«

»Mein Vater glaubt, du seist ein Betrüger«, gab sie von sich. Benedikt verstummte. »Ich schätze, er wird versuchen das zu beweisen.«

»Damit wird er keine Chance haben.«

Jeanette bemerkte, wie der Taxifahrer in den Rückspiegel schaute, um die vermeintlichen Betrüger zu sehen. Deswegen schwieg sie für den Rest der Fahrt.

 

Benedikt hieß den Fahrer an zu warten und begleitete Jeanette noch bis zur Türe. »Gute Nacht«, wünschte er ihr, als sie den Schlüssel in das Schloss steckte.

Sie drehte sich um. »Danke, für den halben Sonntag«, sagte sie, mit gedämpfter Stimme, um ihre Eltern nicht zu wecken.

»Ich habe zu danken«, wehrte er ab. »Ohne dich wäre es ein trübsinniger Sonntag in einer Eisdiele geworden. Am Ende wäre ich vielleicht betrunken gewesen und hätte auch noch einen miesen Montag gehabt.« Im schwachen Licht der Straßenbeleuchtung, blitzten seine Zähne auf, von einem Grinsen freigelegt. Er nickte ihr kurz zu und wand sich dann zum Gehen.

»Ich kann dich nach Hause fahren«, versuchte sie ihn aufzuhalten.

»Nein«, sagte er schnell und winkte ab. »Lieber nicht.«

»Komm schon. Sag einfach, ja, danke, nehme ich gerne an und du sparst dir eine Menge Geld.« Aber diesmal ließ er sich nicht überreden. Er schüttelte den Kopf und humpelte zum Taxi.

Jeanette blieb noch solange an der Türe stehen, bis das Taxi um die nächste Ecke bog und die Rückleuchten nicht mehr zu sehen waren. Dann trat sie endgültig ein. Leise öffnete und schloss sie die Türe. Auf keinen Fall wollte sie ihre Eltern wecken.

»Wo warst du?«, fragte eine barsche Stimme aus der Dunkelheit des Flures. Jeanette fuhr erschrocken herum. Ihr Vater hatte auf sie gewartet. Jetzt erst knipste er das Licht an.

»Fort«, antwortete sie mit klopfendem Herzen und blinzelte gegen die plötzliche Helligkeit an.

»Wer war das«, war die nächste Frage.

»Niemand«, erwiderte sie ausweichend.

»Er sah mir nicht nach niemand aus«, sagte er und verstellte ihr den Weg, als sie an ihm vorbeihuschen wollte.

»Ich habe ihn in der Disco kennen gelernt«, log sie.

»Jeanette«, rief er empört und etwas zu laut. »Du kannst dich doch nicht mit einem wildfremden Mann tagelang herumtreiben.«

»Übertreibe nicht, Vati«, widersprach sie. »Erstens, war ich nicht tagelang unterwegs und zweitens, wäre ich nicht mit ihm fortgegangen, wenn er mir unangenehm gewesen wäre.«

»Du warst den ganzen Tag weg«, behauptete er.

»Das stimmt nicht. Ich bin erst nachmittags weggegangen.«

»Das wird David aber nicht gefallen, was du da tust.«

»Was David macht, gefällt mir auch nicht immer.« Sie wusste genau, dass sich David mit anderen Frauen traf. Manche waren sogar aus der Firma.

»Du verscherzt dir mit solchen törichten Dummheiten einen guten Freund«, warnte er. Doch dies waren für Jeanette schon seit langem leere Worte. David war nicht ihr Freund. Sie verlöre höchstens einen lästigen Mitesser. Um weiteren Argumenten zu entfliehen, schob sie sich schnell an ihrem Vater vorbei. »Du wirst ihn nie wieder sehen«, befahl er. »Wer immer er auch ist. Er ist kein Umgang für dich.«

»Woher willst du denn das wissen?«, schnaubte sie wütend. »Du kennst ihn doch gar nicht.«

»Ich brauche diesen Kerl nicht zu kennen. Junge Männer, die sich in einer Diskothek an unschuldige Mädchen heranmachen, sind doch alle gleich. Rowdys, unfähige Halbstarke, die nur Sinn für das Eine haben.«

Jeanette schnappte nach Luft. »Wie wäre es?«, brüllte sie, »wenn du ihn dir erst einmal ansiehst, bevor du dir ein solches spießiges Vorurteil bildest?«

»Werde nicht frech!«, warnte er sie. »Du sprichst immer noch mit deinem Vater.«

»Genau, Vati! Das ist es«, rief sie. »Kennst du eigentlich noch mein Geburtsdatum?«

»Was hat dein Geburtstag damit zu tun?«

»Wenn du noch wüsstest, wann ich geboren wurde, dann hättest du längst erkannt, dass ich alt genug bin, selbst zu entscheiden, mit wem ich fortgehe und wie lange.«

»Ich weiß nicht, Jeanette«, rief er fassungslos und schüttelte den Kopf. »Seit dem Unfall hast du dich sehr zu deinem Nachteil verändert. Ist dir der Schock etwa zu Kopf gestiegen?«

»Du bist widerlich!«, zischte sie zornig und rannte die Treppe hinauf.

»Jeanette, komm sofort zurück«, brüllte ihr Vater durch das Treppenhaus, sodass spätestens jetzt der Rest der Familie wach sein würde.

Sie weigerte sich zurück zu kommen. Eine Weile hörte sie noch ihre Eltern miteinander streiten. Obwohl sie erregt war, fühlte sie sich unsagbar glücklich. Und daran war nicht nur der Nachmittag mit Benedikt schuld. Der Stein war ins Rollen gebracht. Sie musste nur ausdauernd genug sein, es bis zum Ende durchzustehen.

 

»Du bist tatsächlich mit ihm fortgewesen?«, rief Christina erstaunt, als sie es ihr am nächsten Tag erzählte. Die Freundin ließ ihre Unterschriftenmappe auf den Tisch fallen und rückte ihren Stuhl näher. »Erzähle!«, forderte sie neugierig.

»Es ist eigentlich nichts erzählenswertes passiert. Wir sind ins Kino gegangen, danach zum Pizzaessen, dann hat er mich mit einem Taxi nach Hause gebracht.«

»Und er hat wirklich alles bezahlt?«, wollte sie neugierig wissen. »Kann er sich das denn überhaupt leisten?«

»Das fragte ich ihn auch. Er sagte, dies sollte nicht meine Sorge sein. Er meinte, um ein hübsches Mädchen vor wunden Füßen, bösen Unholden und schlaflosen Nächten zu bewahren, würde er seinen letzten Groschen geben.« Jeanette kicherte, als sie seine Worte wiederholte.

»Wow«, machte Christina, beinahe sprachlos. »Scheint doch kein so übler Kerl zu sein«, stellte sie nun fest. Jeanette zog die Schultern hoch. »Erzähle mal, wie war er so.« Christina rückte noch ein Stück näher.

»Eigentlich ganz normal«, antwortete Jeanette. »Wir haben nur einen nicht gerade gut begonnenen Sonntag etwas besser ausklingen lassen. Das war alles.«

»Einfach so«, konnte Christina es immer noch nicht fassen.

»Einfach so«, bestätigte sie ihr. Dass es nicht einfach so war, erzählte sie selbst ihrer besten Freundin nicht.

»Und?«, gab sich Christina immer noch nicht zufrieden. »Wann ist das nächste Rendezvous?«

»Tina!«, rief Jeanette entrüstet und knuffte ihrer Freundin in die Seite.

»Ist doch wahr«, protestierte diese. »Ich finde ihn irgendwie unheimlich stark.«

Jeanette errötete leicht. An ein nächstes Treffen hatte sie nicht im entferntesten gedacht. »Er ist außerdem besetzt«, sagte sie schnell, als ihr dieses weitere Argument eingefallen war. »Carola«, riefen beide, wie aus einem Mund. »Und ich habe David«, fügte Jeanette hinzu.

»Das glaubst du doch wohl nicht selbst im Ernst?«, fragte Christina und hob skeptisch eine Augenbraue.

Die Türe flog auf und die Mädchen schraken herum. Ihr letztes Thema in Persona schneite herein. Aus seinem Gesichtsausdruck war nichts Gutes zu lesen. »Mach mal ›ne Pause, Tina«, befahl er barsch und setzte sich auf Jeanettes Schreibtisch.

»Ich habe viel zu tun«, schnappte Christina empört. Sie kramte geschäftig in ihren Papieren herum. »Eine Pause ist unmöglich.«

David wartete noch einige Minuten, doch als Christina nicht gehorchen wollte, überging er sie einfach.

»Wer war der Kerl gestern?«, wollte er von Jeanette wissen. Sein Ton missfiel ihr.

»Irgendjemand«, antwortete sie schnippisch.

»Ich will seinen Namen«, forderte er eindringlich.

»Du kennst ihn ja doch nicht«, antwortete sie.

»Woher willst du das wissen?«, fragte er und plusterte sich künstlich auf.

»Er gehört nicht zu deinem Bekanntenkreis.«

»Wie kannst du es wagen, mit einem solchen daher gelaufenen Kerl fortzugehen?«

»Ich bin alt genug, dies selbst zu entscheiden.«

»Das berechtigt dich noch lange nicht, mich zu betrügen«, schimpfte er los.

»Ach, herrje«, rief Jeanette in gespieltem Entsetzen. »Da muss ich wohl etwas falsch verstanden haben. Ich dachte, in unserer offenen Beziehung kann jeder machen, was er will.«

David sah, an etwas Unangenehmes erinnert, verlegen zu Boden. Doch er fasste sich schnell. »Trotzdem kannst du dich doch nicht tagelang mit einem wildfremden Menschen herumtreiben«, schimpfte er.

Sie hätte eigentlich gleich darauf kommen müssen. Woher sonst sollte es David erfahren haben, wenn nicht von ihrem Vater. Sie griff nach dem Nächstbesten und warf die Büroklammernbox nach ihm. »Lasst mich bloß in Ruhe mit eurer übertriebenen Fürsorge«, schrie sie. »Du jämmerlicher Waschlappen musst dich auch noch von meinem Vater aufhetzen lassen und bist sogar noch zu dämlich dazu, andere Worte zu benutzen. Verschwinde, bevor ich dir dein blödes Grinsen aus dem Gesicht kratze.« Nicht nur David starrte sie verblüfft an. Auch Christina wunderte sich über den plötzlichen Ausbruch ihrer sonst so verhaltenen Freundin.

»Was ist nur los mit dir?«, fragte David ratlos und sammelte die Büroklammern ein. »Du hast dich seit diesem Unfall sehr zu deinem Nachteil verändert.« Jeanette schrie vor Wut, packte ihn und stieß ihn zur Türe hinaus. »So kannst du die Angelegenheit nicht aus dem Weg schaffen«, protestierte er.

»Wie wäre es mit einem Kinnhaken«, schimpfte sie und warf ihm die leere Box hinterher. »Vielleicht schlägst du auch noch Christina, damit ich bald gar keine Freunde mehr habe.«

»Motorradrocker sind kein Umgang für dich.«

»Du auch nicht«, kreischte sie und knallte ihm die Türe vor der Nase zu. »Dieser widerliche Bastard.« Schimpfend ließ sie sich in ihren Stuhl zurückfallen.

»Bravo!«, rief Christina und klatschte begeistert in die Hände. »Endlich ist es soweit. Hinaus mit dem Schleimer.« Sie jubelte laut und trommelte auf die Schreibtischplatte.

Trotz ihrer Erregung musste Jeanette lachen. Sie konnte nicht anders. Als sie Christina sah, war ihr einfach danach zumute.

 

Jeanette war irgendwie nervös. Über eine Woche hatte sie nichts von Benedikt gehört, oder gesehen. Als er sie heute Nachmittag in ihrem Büro anrief und sich mit ihr verabredete, war sie erst etwas verdutzt, aber dann sagte sie gerne zu. Schon allein ihres Vaters und Davids wegen. Nur seine Frage, ob sie lange Hosen trüge, machte sie etwas stutzig. Aber sie war mutiger geworden, deshalb willigte sie ein. Außerdem kannte sie ihn inzwischen etwas besser und Christina, die dem Gespräch beiwohnte, nickte heftig zustimmend für sie. Eigentlich war Jeanette froh, dass er angerufen hatte, denn sie hätte es nie gewagt, seine Nummer aus dem Telefonbuch herauszusuchen.

So stand sie nun vor der Eisdiele, in der sie sich an diesem herrlichen, trüben Sonntag Nachmittag zufällig getroffen hatten. Sie war einige Minuten zu früh und wartete auf sein Eintreffen. Sie war gespannt, was er vorhatte. Er wollte es ihr am Telefon nicht verraten, es sollte eine Überraschung sein.

Ein Motorradfahrer kam rechts die Straße herunter und fuhr an ihr vorbei. Ihr wurde es plötzlich siedend heiß, als sie das Bild auf dem Rücken der Jacke wiedererkannte, und noch viel heißer, als er abbremste, wendete und zurück kam. Er blieb vor ihr stehen. Jeanette bekam plötzlich weiche Knie. Es war Benedikt, oder vielmehr Tiger.

»Hi«, rief er gut gelaunt und streckte sein rechtes Bein aus. »Tata«, machte er gut gelaunt. »Er ist weg.«

»Toll«, versuchte sich Jeanette mit ihm zu freuen, aber sie wusste nicht, ob sie sich tatsächlich freuen, oder lieber sofort davonlaufen sollte. Sie wischte ihre Hände an ihrer Jeans ab. »Du hast dein Motorrad wieder repariert«, sagte sie zittrig.

»Nein, schön wäre es«, schüttelte er den Kopf. »Die Mühle gehört mir nicht. Ist nur geborgt, von einem Freund.« Er schaltete den Motor ab. Jeanette erahnte, was nun kommen würde. An seinem Gepäckträger hing ein zweiter Helm. Wozu sonst hätte er nach langen Hosen gefragt. »Ich finde es bemerkenswert«, versuchte sie abzulenken. »Dass du nach deinem Unfall wieder so einfach auf ein Motorrad steigen kannst.«

»Na ja«, machte er, den Kopf hin und her wiegend. »Einem richtigen Biker macht kein Sturz etwas aus.« Er zwinkerte ihr zu. Dann wurde er etwas ernster. »Ehrlich gesagt war es nicht so einfach. Nach über acht Wochen Zwangspause, ging mir heute Morgen gehörig die Muffe. Deswegen bin ich den ganzen Tag kreuz und quer gedüst, um wieder absolut fit zu sein, wenn ich dich abhole.« Er lächelte aus seinem Helm heraus. Es stand ihm in dieser Aufmachung nicht. Dazu gehörte eher dieses coole Schmunzeln. Jeanette wusste immer noch nicht, ob sie sich über seinen Erfolg freuen sollte, oder nicht. Ihr war irgendwie mulmig zumute. Sie versuchte ein zaghaftes Lächeln.

»Ist der Treffpunkt richtig?«, fragte er. »In Anbetracht deines Vaters, der kein besonders großer Liebhaber von Motorrädern ist, dachte ich, es ist besser, wenn wir uns etwas außerhalb treffen. Zum Beispiel hier.«

»Das ist gut«, stimmte sie ihm nickend zu.

»Hier«, sagte er und nahm den zweiten Helm vom Gepäckträger. »Aufsetzen!« Jeanette schüttelte den Kopf. »Was ist?«, wollte er wissen. »Hast du Angst?« Er hielt ihr den Helm hin. »Brauchst du nicht«, versuchte er sie zu beruhigen. »Ich kann Motorrad fahren.« Ein breites Grinsen entblößte seine Zähne. Jeanette boxte ihm leicht an die Schulter. »Aufsetzen«, forderte er erneut. »Sonst darfst du nicht mit. Du versäumst etwas, wenn du es nicht tust.« Mit zitternden Händen stülpte sie sich den Helm über den Kopf. »Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass vorher Carolas Kopf drin steckte.«

»Eigentlich schon«, entgegnete sie, aber nur um eine weitere Ausrede zu haben, ihn wieder abnehmen zu können.

»Du kriegst nichts anderes«, grinste er, öffnete seine Jacke und zog einen Nierengurt heraus. Der Helm war ihr etwas zu groß, aber wenn sie den Kinnriemen strammer zog, saß er fester. Dafür war der Gurt zu eng. Er spannte sich so straff um ihren Bauch, dass ihr beinahe die Luft wegblieb. Jeanette vermutete, dass auch dieses Teil einmal Carola gehört hatte.

Benedikt ließ keine weiteren Ausflüchte mehr zu. Er rückte Helm und Nierengurt zurecht und wies ihr den Platz auf dem Sozius zu. Jeanette schwang ihr Bein über den Gepäckträger, blieb aber hängen und wäre beinahe gestürzt, wenn er sie nicht festgehalten hätte. Sie zitterte. Ihre Hände wurden eiskalt. Es machte ein kurzes Klack und ein Ruck ging durch die Maschine. Als Benedikt den elektrischen Starter betätigte und der Motor anlief, bekam Jeanette Angst. Sie war noch nie auf einem Motorrad mitgefahren und verkrampfte sich total. Tiger ließ ihr keine Fluchtmöglichkeit mehr. Er legte den Gang ein, ließ die Kupplung langsam kommen und fuhr los. Jeanette hatte genug damit zu tun, sich an ihm festzukrallen und nicht nach hintenüber zu fallen, als sich um ihre Ängste zu kümmern. Von den ersten Kilometern, die das Motorrad mit ihr durch die Stadt rollte, sah sie nichts. Sie kniff die Augen zu. Wieder schalt sie sich, nicht mutiger gewesen zu sein, und endlich ein Nein auszusprechen. Die Strafe hierfür würde mit Sicherheit alsbald auf den Fuß folgen. Sie sah sich schon blutend auf der Straße liegen. Autos überrollten sie und jede Hilfe kam für sie zu spät.

Tiger fuhr vor Freude Schlangenlinien. Jeanette hörte ihn jubeln. Das war sein Leben. Dafür lebte und schuftete er. Im Moment konnte sie ihm seine Begeisterung nicht im geringsten nachfühlen. Geschickt schlängelte er sich durch den Straßenverkehr. Jeanette vernahm dies, nur anhand der Geräusche der vorbeifahrenden Autos und den Kippbewegungen des Motorrades, denn noch immer kniff sie die Augen zu. Ihr war übel. Sie hatte Angst und klammerte sich krampfhaft an ihm fest. An einer Ampel musste er halten. Sie atmete erleichtert auf. Er drehte sich um.

»Locker«, riet er ihr. »Nicht so verkrampft.«

»Das sagst du so einfach«, jammerte sie. Ihr Visier lief an. Sie sah nichts mehr. Tiger lachte nur, legte den Gang ein und fuhr wieder los. Sie konnte sich gerade noch festhalten, bevor sie hinunter kippte. Sie presste sich an ihn.«

Diesmal fuhr er langsamer. Mit gediegenen Kurven lenkte er das Motorrad durch den dichten Feierabendverkehr. Als er endlich außerhalb der Stadt war, drehte er kurz auf, fuhr aber Jeanette zuliebe bald wieder langsamer. Nur ganz allmählich wurde er schneller. Seine Beifahrerin war so mit Festhalten beschäftigt, dass sie es erst gar nicht bemerkte. Doch langsam fand Jeanette Gefallen daran.

Erneut jubelte er, als er eine kurvenreiche Straße vor sich entdeckte. Er zog Jeanette enger an sich und drehte das Gas etwas weiter auf. Bei der ersten Kurve, in die er sich tief hinein legte, geriet sie in Panik. Die Zweite machte ihr schon weniger aus und bei der Dritten und den nächsten, konnte sie es sogar genießen. Sie schmiegte sich an ihn und fühlte sich völlig vom Motorradfieber gepackt. Sie genoss den Fahrtwind, der an ihrer Kleidung zerrte. Sie sog die Luft genussvoll ein. Sie spürte das Vibrieren zwischen ihren Schenkeln und liebte es plötzlich, in dieser, für sie vollkommenen neuen Nähe zur Natur, über sie hinweg zu brausen. Sie hätte bis zu diesem Tag niemals geglaubt, dass Motorradfahren so schön sein konnte. Ihr war es immer als das beinahe gefährlichste Fortbewegungsmittel der Erde beschrieben worden. Sie fühlte sich jedoch hinter Tiger auf diesem Motorrad wesentlich wohler und sicherer, als neben David in seinem Wagen. Langsam entkrampfte sie sich und war endlich bereit es in vollen Zügen in sich einzusaugen. Sie legte die Arme um seine Brust und schmiegte ihren Oberkörper an seinen Rücken. Das Bild der Clique befand sich nahe vor ihrem Gesicht. Sie lächelte es an und fand es plötzlich wunderschön, obwohl ihr Totenmasken entgegengrinsten.

Benedikt drehte weiter auf und brauste mit ihr durch die Landschaft. Er konnte Motorradfahren, da log er sie keineswegs an. Auf einmal bezweifelte sie nicht mehr, dass der Unfall hätte vermieden werden können, wenn sie aufmerksamer gewesen wäre.

Vergnügt fuhr Tiger um die Straßenmittenbegrenzung Slalom. Jeanette klopfte ihm ermahnend auf die Schenkel. Sie war der Meinung, so etwas sollte er wirklich nicht tun. Ein solches Unterfangen hatte auch ihr schon Schwierigkeiten bereitet. Es war dennoch ein unheimlich tolles Gefühl. Sie beugte sich einwenig zurück und ließ dem Fahrtwind genügend Fläche, sie zu streicheln. Das Vibrieren zwischen ihren Schenkeln regte sie auf eine eigenartige Weise an. Er hätte immerzu so weiter fahren können und niemals wieder anhalten dürfen. Sie wünschte sich, er würde tatsächlich niemals mehr anhalten. Denn dann müsste sie nie wieder zurück, zu ihrem herrischen Vater und dem schleimigen David. Nur um Tina trauerte sie ein wenig.

Tiger legte sich, unter voller Auskostung seines wiedergewonnenen Gefühles, in die Kurven. Jeanette spürte dies, bei jeder Kurve, bei jedem Meter, bei jedem Straßenpfosten, bei jeder Radumdrehung. Sie liebte es plötzlich ebenso, über die Straße zu brausen. Er war der King der Straße. Sie fühlte es bei jeder Bewegung, die er machen musste. Glücklich, dies erleben zu dürfen, schmiegte sie sich an ihn. Sie fühlte sich als seine Königin der Straße. Unendlich lange über den Asphalt zu donnern und alles und jeden hinter sich zu lassen. Sie streckte ihre Arme nach vorn und amte seine Bewegungen nach. Sie bog die Gelenke und die Finger, drehte ihre Hände, streckte die Finger nach Kupplung und Bremse aus. Sie hörte sein Lachen und streichelte seine Arme. Sie fühlte sich so unendlich glücklich.

Dieses Glück wurde durch eine schwarze Gewitterwolke, die plötzlich auftauchte, jäh zerstört. Es goss in Strömen, als sie wieder in die Stadt kamen. Vor seiner Garage hielt er endlich an. Jeanette war durchgefroren, bis auf die Haut nass, ihre Lippen blau angelaufen und sie zitterte am ganzen Leib. Aber seltsamerweise trübte dies ihr eben Erlebtes keineswegs. Sie war überglücklich.

Benedikt öffnete schnell die Garagentüre und schob das Motorrad hinein. Jeanette konnte erkennen, dass er an seiner Lady herumgebastelt hatte, konnte sich jedoch im Moment nicht sonderlich dafür interessieren. Sie sehnte sich nach etwas Warmen. Eiligst schob er seine durchnässte Beifahrerin ins Haus. Ihm, in seinem Lederkombi, machte der Regen weniger aus. Er war trocken geblieben.

»Das ist leider ein lästiges Leid des Motorradfahrens«, sagte er entschuldigend und riss Handtücher aus einem Schrank. »Man ist den Launen der Natur intensiver ausgesetzt.«

»Es ist nicht deine Schuld«, entgegnete sie.

»Das habe ich auch nicht gesagt.« Er nahm ihr Helm, Nierengurt, Jacke und Schuhe ab und schob sie ins Badezimmer. »Am Besten, du lässt dir schnell ein heißes Bad ein, damit deine Knochen noch erleben, was Wärme ist, bevor sie vollkommen gefroren sind.« Jeanette wünschte sich auch nichts sehnlicher, als dies. Obwohl sie in einer fremden Wohnung war, ließ sie wie selbstverständlich ein Bad ein und stieg langsam in das heiße Wasser.

Sie lehnte sich genussvoll zurück und träumte von diesem schönen Abend. Selten fühlte sie dieses Gefühl von vollkommener Freiheit. Sie ließ die Hitze in ihren Körper einwirken und gestattete es dem heißen Wasser, sie langsam aufzutauen. Ihr Zehen kribbelten und sie lächelte mit geschlossenen Augen die Decke an. Es war einfach herrlich.

Als es an die Badezimmertüre klopfte, öffnete sie nicht einmal ihre Augen.

»Ich habe etwas Heißes zum Trinken«, sagte eine Stimme neben ihr. Seufzend sah sie ihn an. »Danke«, sagte sie. Sie war nackt, besaß aber keine Angst vor dem, doch noch fremden Mann in ihrer Nähe. Sie war in einem Gefühlstaumel, der alles Unwichtige einfach überschwappte. Das Danke galt eigentlich nicht dem heißen Tee, den er ihr überreichte, sondern dem schönen Abend, und dass sie das wirkliche Gefühl, des Motorradfahrens kennen lernen durfte.

»Hat es dir trotz allem gefallen?«, fragte er vorsichtig.

»Oh ja«, antwortete sie begeistert. »Es war einfach wunderbar.«

»Trotz Regen?«

»Das ist eben ein lästiges Übel, dass man als Motorradfahrer in Kauf nehmen muss«, erwiderte sie kühn, mit einem frechen Grinsen.

Benedikt lächelte glücklich. In seinen Augen saß ein gewisser Glanz, der ihr eigentlich eine Warnung sein sollte.

»Du bist eine gute Beifahrerin«, lobte er sie. »Als du herausgefunden hast, wie es geht, war es einfach super.«

»Vielleicht brauche ich noch die eine oder andere Nachhilfestunde«, meinte sie, ihre eigenen Fähigkeiten abschätzend.

»Ich wäre ein guter Lehrer«, bot er sich bereitwillig an.

»Ich habe auch nichts anderes erwartet«, kicherte sie und verschüttete beinahe ihren Tee.

»Es gefällt mir, wie du lachst«, sagte er plötzlich leiser.

Jeanette wurde augenblicklich ernst. Sie starrte ihn an und begann erneut zu zittern. Ihre Haut war gerötet vom heißen Badewasser. Ihr Gesicht glühte vom Alkohol im Tee. Aber sie begann dennoch, zu frieren.

»Ich muss nach Hause«, sagte sie schnell und erhob sich so abrupt, dass das Wasser überschwappte. Benedikt brachte sich schnell in Sicherheit. Er nahm ein Handtuch von einem kleinen Hocker und reichte es ihr. Eiligst wickelte sie sich damit ein. Trotzdem fühlte sie sich ihm so hilflos ausgeliefert, wie ein Wurm an der Angel. Er hatte sie mit dem Motorradfahren nur geködert, um sie hier allein zu haben. Nur in ihr Handtuch gewickelt, versuchte sie aus dem Badezimmer zu entwischen, doch Benedikt versperrte ihr den Weg. Daraufhin geriet sie in Panik. Sie begann zu schreien, flehte und jammerte, schluchzte und versuchte sich aus seinem harten Griff zu befreien, schaffte es aber nicht. Das war die Strafe für ihre Naivität, sagte sie sich.

Benedikt schleppte sie den Flur entlang, in ein Zimmer hinein und legte sie auf ein Bett. Dann deckte er sie zu und verließ das Zimmer. Jeanette besaß nicht den Mut, aufzuspringen und davonzulaufen. Sie dachte sich in ihrem Schicksal unentrinnbar gefangen.

Erst als er auch nach Stunden nicht wieder erschien, um endlich über sie herzufallen, wurde ihr ihr Irrtum bewusst. Benedikt war nicht so einer. Sie zwang ihren Körper und ihre Nerven sich wieder zu beruhigen und lauschte in die dunkle Stille. Leise stand sie auf, wickelte sich die Decke um die Schultern und trat auf den Flur hinaus. In dem kleinen Haus war es totenstill. War sie etwa allein? Sie ging nach unten. Auch dort war niemand. Plötzlich hörte sie ein metallenes Klirren. Es kam von draußen, von der Garage. Ohne zu zögern, näherte sie sich diesem Geräusch. In der Garage brannte Licht. Sie hielt ihn nicht für so verrückt, dass er mitten in der Nacht noch an seinem Motorrad herumbastelte. Aber sie hatte sich schon einmal in ihm getäuscht. Und dies bewies, dass sie ihn doch noch nicht gut genug kannte.

Er sah nur kurz hinter seinem Haufen von Ersatzteilen hervor, als das Gespenst aus Decken eintrat.

»Wieder okay?«, fragte er beiläufig und widmete sich sofort wieder einem verbeultem Blechstück. Was es genau war, konnte Jeanette nicht sagen. Für sie sah es jedenfalls hoffnungslos aus. »Geh lieber wieder rein, sonst holst du dir sonst noch was.« Er sah sie dabei nicht an. Sein Gesicht war gezeichnet von Tigers typischen versteinerten Ausdruck.

»Ich bin wieder okay«, antwortete sie nickend und blieb stehen. »Ich dachte, du wolltest mir etwas antun«, sagte sie leise, aber durchaus hörbar. »Mich vergewaltigen, oder so.«

»Deine Meinung über mich ehrt mich«, gab er erst nach ein paar Minuten von sich. Sein Ton verriet, dass sie ihn verletzt hatte.

»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich dafür. Er räusperte sich kurz. Jeanette wusste weswegen. »Ich weiß es selbst nicht«, schimpfte sie über sich selbst. »Ich vermute ständig irgendwelche Fallen, Haken oder Fettnäpfchen, in die ich treten könnte. Vielleicht hat mein Vater gar nicht so unrecht, wenn er mich für nicht in der Lage hält, für mich selbst... .« Etwas traf ihren Arm. Sie sah diesem etwas nach. Eine kleine Schraube fiel auf den Boden. Ihr Blick wanderte weiter zu Benedikt, der nur darauf wartete, dass sie endlich den Mund hielt.

»Wenn du nicht bald mit dieser Selbstverstümmelung aufhörst, lege ich dich noch übers Knie«, warnte er. Ein Schmunzeln erschien um seine Mundwinkel. Jeanette erwiderte es. Er legte sein Blechteil zur Seite und trat auf sie zu. »Was deine Bedenken angeht«, begann er. »Da muss ich dich leider enttäuschen. Dafür hast du den Falschen überfahren. Ich bin bei den Underground-Zorros so etwas wie ein schwarzes Schaf. Auch Nachhilfestunden halfen nicht.« Er verzog das Gesicht. »Ich versichere dir, wenn du einen anderen Zorro erwischt hättest, wärst du deine Unschuld schon längst los.« Er grinste frech.

Jeanette starrte ihn entsetzt an. »Woher weißt du das?«, stammelte sie.

»Was?«, fragte er nach.

»Dass ich noch nie ... .« Sie verstummte. Es war ihr plötzlich unsagbar peinlich.

»Das wusste ich nicht«, erwiderte er. »Das ist nur ... so gesagt.« Auf einmal kam es ihm. Er sah sie erstaunt an. »Nein, nicht das. Nimm mich bitte nicht auf den Arm.« Jeanette schüttelte den Kopf. »Oh, Mann«, rief er. »Das darf doch nicht wahr sein.« Dann beruhigte er sich schnell, als er erkannte, dass es ihr unangenehm war. »Bitte entschuldige. Das wusste ich wirklich nicht. Oh, Mann. Dieser Schwachkopf ist noch dämlicher, als ich dachte.«

»Wen meinst du?«, wollte sie wissen. Tapfer schluckte sie eine Träne hinunter.

»Na, deinen Macker, diesen David. Ich dachte, du gehst mit ihm. Oder wie nennt ihr das sonst, was zwischen euch ist?«

»Es ... .« Weiter kam sie nicht. Sie begann sich über Benedikts Art, David zu verarschen, zu ärgern. »Was weißt du denn schon«, maulte sie gereizt und drehte sich um.

»Schon gut«, beruhigte er sie schnell und nahm sie in den Arm. »Ich wollte dich nicht kränken.« Er küsste ihr zerzaustes Haar. »Es tut mir leid«, flüsterte er.

Jeanettes Ärger war augenblicklich verraucht. Diese Worte, aus seinem Mund, wirkten belustigend für sie. »Du bist unmöglich«, schimpfte sie kichernd.

»Es ist doch wahr«, verteidigte er sich. »Wenn er aus diesem Mädchen noch keine Frau machen konnte.« Er drehte sie um. »Dann ist er mehr als ein Schwachkopf.«

»David hat auch seine guten Seiten«, sagte sie und wusste selbst nicht, wieso sie ihn plötzlich in Schutz nahm.

»Ja? Welche denn? Ich wette, sie passen auf eine Zeile in seinem Notizbuch.«

Jeanette kicherte und überlegte kurz. »Du hast recht«, antwortete sie dann. »Er ist zu dumm dazu.« Sie ließ sich von Benedikt in den Arm nehmen. »Sagte ich doch bereits«, hörte sie ihn leise sagen. Er drückte sie kurz an sich und schob sie dann von sich. »So, und jetzt geh wieder rein«, befahl er. »Bevor ich dich ein zweites Mal in die Badewanne stecken muss.« Es regnete noch immer. Jeanettes Füße spitzelten unter den Zipfeln des Lakens bläulich hervor.

»Nicht allein«, weigerte sie sich. »Nur wenn du mit kommst. Ist es nicht etwas zu spät, um an deinem Motorrad herum zu basteln?«

»Was hätte ich denn sonst tun sollen?«, fragte er und warf die Arme in die Luft. »Ich dachte, es war alles etwas zu viel für dich und fand es für das Beste, dich erst einmal ganz allein zu lassen.«

»Ich bleibe hier solange stehen, bis du das Licht ausmachst und mit mir reingehst«, blieb sie standhaft. »Und wenn ich mir alles Mögliche, außer sonst noch was, hole.«

»Also gut«, gab es sich überraschend schnell geschlagen. Er löschte das Licht, hob Jeanette auf die Arme, stieß mit dem Fuß die Garagentüre zu und trug sie hinein.

»Ich kann selbst laufen«, meckerte sie.

»Kann schon gut möglich sein«, antwortete er und schloss ihren Mund für weitere Einwände mit einem Kuss. Jeanette schlang ihre Arme um seinen Hals, und nicht nur, weil sie sich festhalten musste.

»Du bist schmutzig«, sagte sie, als er sie ins Bett legte und hinterher kroch.

»Schon möglich«, flüsterte er und küsste sie.

Jeanette spürte es, dass er sich nicht länger aufhalten ließ. Für einen kurzen Moment überkam sie Angst und schlechtes Gewissen, als sie seine Erregung vernahm. Doch Benedikt war so ganz anders als David, sodass Neugierde und Verlangen, beinahe gleichzeitig ihre Ängste vertrieben.

 

Als sie erwachte, fand sie sich in den Armen des Mannes, dem sie in dieser Nacht ihre Unschuld geschenkt hatte. Sie schmiegte sich glücklich an ihn. Die Sonne strahlte zum Fenster herein. Benedikt schlief noch. Er erwachte aber, als sie ihm vorsichtig einen Kuss auf den Mund gab. Er erwiderte ihn und streckte dann seine noch müden Glieder aus. Als er sie sanft an sich drückte und über ihren Rücken strich, ließ sie ihn gerne gewähren. Auch ihre Finger wanderten über seine Haut und genossen jeden Zentimeter.

»Was habe ich alles kaputt gemacht?«, fragte sie plötzlich.

»Wie bitte?«

»Bei diesem Unfall. Was ist dir alles passiert?«

»Wieso willst du das wissen?«

»Es interessiert mich.«

»Also gut.« Er schnaufte tief, als müsse er sich alles erst wieder in Erinnerung rufen. »Abschürfungen, Prellungen, ein paar gebrochene Knochen und eine Gehirnerschütterung. Das ist alles.«

»Es hätte dir wesentlich mehr passieren können.« Ihre Arme versuchten, seinen Brustkorb zu umfassen. Sie machte sich klar, dass dies alles nun ihr gehörte. So ganz anders, als sie es von David gewohnt war. Sie lächelte, als sie David aus ihren Gedächtnis zu löschen versuchte.

Doch plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper.

»Wie spät ist es?«, fragte sie entsetzt.

Benedikt erhob sich ein wenig und sah auf den Wecker neben dem Bett. »Halb neun«, antwortete er.

»Oh, du meine Güte«, rief sie und sprang aus dem Bett. »Das ist viel zu spät.« Sie zog sich hektisch an. »Mein Vater wird mich umbringen.« Ihr war noch eingefallen, dass sie die ganze Nacht nicht zu Hause war und auch nicht gesagt hatte, wohin sie ging.

»Jani«, stöhnte Benedikt. »Glaubst du wirklich, dass er das noch kann. Du bist nicht mehr seine kleine Tochter.«

Jeanette blieb wie angewurzelt stehen. Abrupt drehte sie sich um. »Richtig!«, rief sie.

»Dann vergiss deinen Vater und denke dir lieber eine Ausrede für deinen Chef aus.«

»Mein Vater ist mein Chef«, erwiderte sie.

»Oh, Mann«, stöhnte er und ließ sich ins Bett zurückfallen. »Auch das noch.«

»Wo ist dein Telefon?«, fragte sie und zog ihre Hose hoch.

»Unten im Flur.«

Während Jeanette die Treppen hinunter eilte, krabbelte Benedikt müde aus dem Bett. Hektisch wählte sie Christinas Nummer im Büro.

»Hallo, hier ist Jani«, sagte sie in die Muschel, als ihre Freundin abnahm.

»Verdammt noch mal, wo bist du?«, rief diese aufgebracht. Es schien schon mächtig etwas los gewesen zu sein. »Hier war schon die Hölle los«, bestätigte es ihr Christina.

»Das kann ich mir denken.«

»Dein Vater sagte, du bist die Nacht nicht nach Hause gekommen. Bist du etwa immer noch ... ?« Anstandshalber sprach Christina nicht weiter.

»Immer noch«, bestätigte Jeanette.

»Ist ja großartig«, rief Christina. »Aber du hättest mir wenigstens etwas sagen können. Nur ein einziger Anruf hätte genügt, mir ausreichend Luft für eine bessere Ausrede zu verschaffen.«

»Was hast du denn gesagt?«, wollte Jeanette wissen. Ihr wurde es plötzlich heiß.

»Na, ja«, begann sie mechanisch aufzuzählen. »Wir sind gestern bei mir gewesen. Dann ist dir plötzlich schlecht geworden. Ich wollte dich nicht wieder gehen lassen und habe, oh Schreck, vor lauter Sorge um dich vergessen, deinen Vater anzurufen. Und du wolltest gleich heute Morgen noch zum Arzt gehen. Das war alles.«

»Oh, Tina«, jubelte Jeanette. »Ich liebe dich. Dafür gebührt dir ein Plätzchen in meinem Herzen.«

»Nachdem, was hier schon abgelaufen ist, bekomme ich ein ganzes Penthouse für mich allein«, forderte sie.

»Alles was du willst«, jubelte Jeanette. »Hat er es geglaubt?«

»Sie«, verbesserte Christina. »Sie haben es geglaubt. Zwar mit Skepsis, aber sie haben es gefressen. Ich musste meinen guten Ruf dafür verbürgen. Jani, ist dir klar, was das heißt?«

»Vollkommen. Ich danke dir, Tina.« Sie warf Benedikt einen Handkuss zu, als er erschien.

»Beweg deinen Hintern endlich hierher«, forderte Christina.

»Geht nicht. Ich muss doch noch zum Arzt und ich weiß nicht, wann ich da je wieder rauskomme.« Benedikt schüttelte den Kopf. Seiner Meinung nach, würde sie das Sprechzimmer heute nicht mehr verlassen können. »Ich bin heute krank«, entschied sie deshalb.

»Hoffentlich weißt du, was du da tust, Jani. Sei bloß vorsichtig.«

»Keine Angst. Ist alles Okay.«

»Um dich mache ich mir keine Sorgen. Ich bin mir so ziemlich sicher, dass du weißt, was du deinem Onkel Doktor erzählen musst und der liebe Doktor findet auch mit Sicherheit das richtige Heilmittel, außerdem gönne ich dir deine Kur. Ich fürchte eher um deinen Vater. Er stand heute Morgen kurz vor einem Herzinfarkt und David machte einen solch selten dämlichen Eindruck, dass es einem schon fast leid tat.«

»Vorsicht, Tina«, warnte Jeanette. »Du könntest ausrutschen.«

»Ha, ha«, machte sie. »Du weißt genau, ich habe für Amöben nichts übrig.« Jeanette musste über den Vergleich lachen. »Ich wünsche dir noch einen schönen Tag, Janimädchen«, sagte Christina. »Und erhole dich schön.«

»Werde ich machen. Und nochmals vielen Dank, Tina.«

»Keine Ursache.«

 

Als Jeanette auflegte, sprang sie Benedikt glücklich in die Arme. »Wie steht’s nun mit Frühstück?«, fragte sie lächelnd.

»Immer sachte«, erwiderte er und schleppte sie in die Küche. »Du hast dich also für heute krank gemeldet.«

»Ja«, nickte sie. »Pflegst du mich wieder gesund?«

»Nein, wie werde ich«, weigerte er sich und setzte sie auf die Anrichte. »Du siehst alles andere als krank aus.« Er küsste sie und kümmerte sich dann um den Kaffee.

Wenig später saßen sie beim Frühstück. Während der ganzen Zeit ging ihr eines nicht aus dem Kopf. Irgendwann konnte sie ihre Frage nicht mehr zurückhalten. »Wo ist Carola?«, fragte sie vorsichtig.

»Ich hoffe weit weg«, antwortete er, während er gemächlich den Zucker in seinen Kaffee zählte. »Es dauerte viel zu lange, bis ich ihren ganzen Mist draußen hatte.« Er sah sie an. »Und David?«

»Auch weit weg. Sein Mist ist schon seit langem draußen.« Sie lächelte ihn glücklich an. »Demnach wohnst du hier?«

»Natürlich. Was dachtest du denn?«

»Och, nichts«, wehrte sie schnell ab.

»Ich bin nicht der Typ, der sich von Frauen aushalten lässt.«

»Habe ich gemerkt«, nickte sie. »Wie machst du das eigentlich?«

»Was?«

»Ich meine das hier.« Sie breitete ihre Arme aus und zeigte im Zimmer umher. »Das muss doch alles irgendwie finanziert werden. Die Miete, Wasser, Strom, Unterhalt, oder was sonst noch alles dazu gehört. Dein Motorrad, der halbe Sonntag. Wie verdienst du das alles? Was tust du eigentlich?«

Benedikt schmunzelte amüsiert. Es schien, als besäße er einen Trumpf im Ärmel, den nicht gleich ausspielen wollte. »Es ist einfacher als du denkt. Miete muss ich schon mal keine zahlen, weil das Haus mir gehört. Und für den Rest, na, ja. Ich kann keine großen Sprünge machen, aber es reicht, um mir den Kuckuck von Hals zu halten.«

»Hast du im Lotto gewonnen?«

»Nein«, lachte er.

»Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich jetzt einen Zwilling vor mir habe«, sagte sie. »Der eine ist Tiger, mit dem ich einen Unfall hatte und der andere ist Benedikt Maisen, der in diesem Augenblick vor mir sitzt.«

»So ungefähr«, antwortete er.

»Also raus mit der Sprache«, forderte sie und duldete keine Ausflüchte. »Wer bist du?«

Er zögerte etwas, doch sein Schmunzeln verriet, dass er darauf brannte, es ihr zu sagen. »Willst du es wirklich wissen«, vergewisserte er sich noch einmal.

»Jetzt erst recht.«

Er holte tief Luft. »Benedikt Jeremias Friedrich von Maisen-Oberfels«, antwortete er und wartete ab. Jeanette starrte ihn an.

»Du machst einen Scherz?«, keuchte sie erstaunt.

Er schüttelte den Kopf. »Ich bin nicht nur bei den Zorros ein schwarzes Schaf«, meinte er.

»Maisen-Oberfels«, wiederholte sie. »Ist das nicht das große Maisen-Gestüt, da oben in ... .«

»Genau«, bestätigte er ihr. »Allerdings liegen meine Interessen in ganz anderen Pferdestärken.«

»Ich kann das fast nicht glauben«, lachte sie fassungslos.

»Jetzt ist dein Bild von mir wohl endgültig zerstört, was?

»Total«, kicherte sie. »Aber mach dir nichts draus. Niemand ist perfekt.«

Daraufhin Benedikt sprang auf und zog sie aus ihrem Stuhl. Schnell wand sie sich aus seiner Reichweite und floh um den Tisch herum. Ausgelassen tollten sie umher, bis sie vollkommen atemlos niedersanken und ihre Leidenschaft die Herrschaft über sie übernahm.

 

Jeanette liebte es plötzlich umso mehr, sich den Wind um die Nase wehen zu lassen und sich dem Sog der PS-starken Beschleunigung hinzugeben. Den ganzen Tag waren sie auf dem geborgten Motorrad ziellos Querfeld eingefahren. Es war ein vollkommen neues Gefühl für sie und sie erlebte die Natur neu. Mittags setzten sie sich einfach in eine Wiese und betrachteten bei Cola und Hamburgern den blau-weißen Sommerhimmel. Nachmittags spazierten sie am Waldrand entlang und gen Abend kämpften sie sich durch Schwärme von Sommerfliegen. Als sie wieder zu Haus ankamen, weigerte sich Jeanette den Tag als zu Ende zu betrachten. Sie wusste, dass sie nach Hause musste und einen Kampf mit ihrem Vater ausfechten.

»Am Besten ist, du beichtest ihm Tinas Notlüge«, riet Benedikt. »Du ersparst dir eine Menge Scherereien.«

»Ich kann es ihm nicht sagen.«

»Ihn unentwegt anzulügen, ist auch unfair mir gegenüber und irgendwann gehen dir deine Ausreden aus.«

»Dann verbietet er mir mit Sicherheit, dich wieder zu sehen.«

»Wie wäre es, wenn du ihm die Wahrheit Stückchenweise servierst?«, schlug er grinsend vor. »Du musst ihm ja nicht gleich sagen, dass ich ein Rocker bin.« Jeanette seufzte. Ihr graute vor diesem Kampf. »Glaube mir, es ist besser so«, versuchte er es weiter. »Aber auf keinen Fall will ich dich zu etwas zwingen. Wenn du willst, verstecke ich mich bis an mein Ende hinter Ausreden. Aber fair ist das nicht. Für keinen von uns, weder für mich, noch für deinen Vater und erst recht nicht für dich. Lieber jetzt einen großen Krach und hinterher in Frieden leben, als lebenslang kalter Krieg. Glaube mir, ich spreche aus Erfahrung. Dass bei meinem Vater und mir einmal richtig die Fetzen geflogen sind, hat jetzt zur Folge, dass wir heute, die wenigen Male, die es auch sind, miteinander telefonieren können, ohne uns gleich beim ersten Wort anzuschreien.« Jeanette sah ihn ungläubig an. »Du brauchst nur Mut für den Anfang. Der Rest kommt von ganz allein.«

»Das sagst du so einfach«, jammerte sie.

»Ich weiß, es ist nicht so leicht, wie es sich anhört. Nur Mut, du schaffst es.« Er hob ihr Kinn und küsste sie. »Und wenn es wirklich zum schlimmsten kommen sollte, hast du es jedenfalls leichter, als ich damals.«

 

»Hallo Vati«, grüßte Jeanette und trat ins Wohnzimmer ein. Ihre Mutter sprang sofort auf und eilte ihr entgegen. »Geht es dir wieder gut?« fragte sie besorgt.

»Wo warst du?«, wollte ihr Vater barsch wissen.

»Es geht wieder«, antwortete Jeanette erst ihrer Mutter. »Ich bin den ganzen Tag herumgelaufen.« Sie fand nicht den Mut, die Wahrheit zu sagen.

»Was sagte der Arzt?«, wollte ihre Mutter wissen und betrachtete ihre Tochter kritisch.

»Nichts Schlimmes. Nur eine kleine Verstimmung«, log sie und versuchte kränklich auszusehen. Die Kenntnis, ihre Eltern anzulügen, verhalf ihrem Gesicht dazu.

»Hast du eine Bestätigung?«, fragte ihr Vater.

Jeanette wurde es plötzlich heiß. Daran hatte sie nicht gedacht. »Nein«, stammelte sie und suchte verzweifelt eine Ausrede. »Der Arzt meinte, ich solle ein wenig an die frische Luft gehen, spazieren und mich ausruhen. Da dachte ich nicht an eine Bestätigung. Entschuldige.« Ihre Verlegenheit musste sie nicht spielen. Die Skepsis war ihrem Vater deutlich ins Gesicht geschrieben, aber er schien es zu glauben.

»Lege dich gleich ins Bett«, riet ihre Mutter. »Und ruhe dich richtig aus.« Jeanette nickte. Sie war müde, aber nicht vom herumlaufen.

»Hat deine Verstimmung eventuell etwas mit deinem Unfall zu tun«, war seine nächste Frage.

Jeanette starrte ihn entsetzt an. »Nein ... ich glaube nicht«, schüttelte sie den Kopf.

»Hast du dem Arzt von deinem Unfall erzählt?«

»Nein.« Wieder schüttelte sie den Kopf.

»Es könnten Folgeerscheinungen sein«, sagte er.

»Ich glaube nicht, dass es etwas damit zu tun hat.«

»Du kannst das nicht beurteilen«, entschied er eigenhändig. »So etwas kann nur ein Arzt feststellen.«

»Ich glaube es trotzdem nicht. Es ist doch schon so lange her.«

»Manches stellt sich erst viel später heraus. Ich möchte, dass du dich untersuchen lässt«, forderte er und widmete sich wieder dem Fernsehprogramm. Für ihn war dieses Thema erledigt.

Jeanette ärgerte sich über ihn. Er wollte diese Untersuchung doch nur, um eine weitere Anklage gegen Benedikt zu haben. Sie umarmte kurz ihre Mutter und ging dann ins Bett.

 

 

 

»Wow«, rief Christina vor Staunen, als sie Benedikts wahre Identität erfuhr. »Ein prompter Volltreffer.«

Jeanette schüttelte energisch den Kopf. »Das ist mir völlig egal. Und wenn er nur Tiger wäre und sonst nichts.«

»Ist schon gut, Kleines«, sagte Christina schnell, um sie wieder zu besänftigen. »Ich gönne es dir ja. Mit allem Drum und Dran. Es hat ja auch lange genug gedauert. David war wirklich nicht deine Zukunft. Weißt du, ich bin nur etwas neidisch. Warum war ich nicht am Steuer gesessen?« Jeanette musste über ihre Freundin lachen. Sie umarmten sich glücklich. »Hat er nicht zufällig einen Bruder?«, fragte Christina vorsichtig und fing sich einen Rempler ein. »Keine Ahnung«, kicherte Jeanette.

 

 

Am Freitag, nach der Arbeit ging Jeanette wieder zu Benedikt. Liebend gern wäre sie jeden Tag zu ihm gegangen, aber sie wollte und musste etwas Zeit verrauchen lassen. Ihr Vater würde sonst Verdacht schöpfen. Benedikt war in der Garage und versuchte sein Motorrad zu rekonstruieren.

»Ist ja toll«, jubelte Jeanette und gab ihm einen Begrüßungskuss. »Sieht ja fast wieder wie neu aus.«

»Oh, Mann«, lachte er. »Ich arbeite zwar hart daran, aber Wunder kann ich keine vollbringen. Und solange dein Vater die Kohle verweigert, schon erst recht nicht.«

Jeanette wurde schlagartig ernst. »Ich habe es ihm nicht erzählt«, gab sie zaghaft von sich und strich ihm sanft über den ölverschmierten Oberarm.

Benedikts Lächeln verschwand. Er schwieg einen kurzen Moment, bevor er das Ersatzteil aus der Hand legte und sie trotz seinem verschmierten T-Shirts umarmte.

»Ist schon Okay«, sagte er leise. »Ich finde es zwar nicht ganz richtig, aber ich akzeptiere es.«

»Ich brachte es einfach nicht fertig«, entschuldigte sie ihr Versagen.

»Ist schon okay«, tröstete er sie. »Lass dich von mir nicht zwingen. Ich werde mich jeder Entscheidung fügen, gleich wie sie ausfällt.« Jeanette machte sich etwas aus seinem Griff frei und betrachtete ihn fragend. Sollte der harte Rocker in ihren Händen tatsächlich zu weicher Butter werden? Sie ließ sich wieder an ihn zurückziehen.

»Hast du Lust, heute mit den Zorros herumzuziehen?«, fragte er nach einer Weile. Jeanette löste sich aus seiner Umarmung.

»Ich glaube nicht«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Ich gehöre doch nicht dazu.« Ihre Erinnerung an ihr erstes und bislang einziges Zusammentreffen mit der Gang, kam ihr wieder in den Sinn. Die derben Späße und Bemerkungen der Männer und den Krach, den sie im Vorraum machten.

»Du gehörst zu mir«, sagte Benedikt und zog sie wieder an sich. »Du wirst sehen, es wird ganz lustig werden.«

Jeanette bezweifelte dies. Obwohl sie vor seinen Freunden Angst hatte, widersprach sie nicht weiter. Sie besaß soviel Vertrauen in Benedikt, dass sie sich sicher war, dass er in einer nicht ganz eindeutigen Situation auf ihrer Seite stehen würde. Er drückte sie kurz an sich und gab sie wieder frei. Dann zog er das schmutzige T-Shirt aus und warf es auf den Haufen von Ersatzteilen, der langsam wieder zu einem Motorrad wurde.

»Ich ziehe mich kurz um. Bin gleich wieder da«, sagte er, küsste sie und verschwand im Haus.

Jeanette blieb zurück. Sie setzte sich auf die ausgebaute Sitzbank und betrachtete die verwundete Lady. Kaum eine halbe Stunde später erschien Benedikt. Er roch nach Duschshampoo. Sein Haar war noch feucht und er steckte in seinen Tigerklamotten.

»Soll ich wirklich mitkommen?«, fragte sie ungläubig, während sie ihn bei seinen Vorbereitungen beobachtete.

»Aber klar doch«, rief er begeistert. »Sie werden alle von den Socken sein. Außerdem würden sie mich umbringen, wenn ich dich nicht bald mitbrächte.«

»Du hast ihnen von mir erzählt?«, fragte sie überrascht.

»Hätte ich nicht?« Sein Grinsen war Antwort genug. Er schwang sich auf das noch immer geborgte Motorrad und schob es vom Ständer. »Was ist nun?«, fragte er und sah sie abwartend an. Doch plötzlich fiel es ihm wieder ein. »Ach, verdammt!«, rief er aus. »Habe ich vergessen. Es liegt im Flur.« Er sah sie schief an. Das bedeutete, sie solle hinein gehen und Helm und Gurt selbst holen. Seufzend erhob sie sich. Sie musste mit, ob sie wollte, oder nicht.

Benedikt schob das Motorrad die Garagenauffahrt hinunter und sie trottete zum Haus. Als sie die Haustüre öffnete und in den Flur trat, erschrak sie. Dort stand eine Schaufensterpuppe, in einem ihr sehr bekannten Lederdress, und noch immer in dieser provozierenden Pose. Jeanettes Herz klopfte ihr bis zum Hals. Zaghaft ging sie darauf zu. Sie schloss die Augen und öffnete sie wieder, aber die Puppe stand immer noch da. Zaghaft, als wäre es alles nur ein Traum ging sie um die Puppe herum. Sie konnte es nicht fassen. Ein Geräusch hinter ihr schreckte sie herum. Benedikt stand, lässig an den Türpfosten gelehnt, mit einem breiten Grinsen im Gesicht, in der Tür.

»Was soll das?«, schimpfte sie, noch immer mit starkem Herzklopfen. Benedikt antwortete nicht. »Du bist wahnsinnig!«, schimpfte sie weiter und wand sich wieder der Puppe zu.

»So was soll vorkommen«, hörte sie hinter ihrem Rücken.

»Das kannst du doch nicht ... nein«, rief sie energisch und drehte sich wieder zu ihm um. »Das kann und will ich nicht annehmen.« Benedikt loste sich vom Türpfosten und schlenderte langsam auf sie zu. »Ich habe mit keinem Wort erwähnt, dass ich dir das schenke. Ich bin lediglich um die Sicherheit meiner Beifahrerin besorgt. Und außerdem sieht es echt geil aus.«

»Du bist verrückt«, kicherte sie. Es war ihr äußerst unangenehm. Der Lederdress war viel zu teuer.

»Wer etwas anderes behauptet, kennt mich nicht.«

Sie knuffte ihm in den Magen.

»Los, schwing deinen Klassekörper da hinein und lass uns endlich losziehen«, forderte er und küsste sie.

»Dieses Ding kann ich unmöglich anziehen. Das ist nur etwas für Fasching«, wand sie ein.

»Unsinn. Zu einem Tiger gehört eine richtige Tigerlady.«

Kichernd gehorchte sie. Als sie endlich drinsteckte, fühlte sie sich tatsächlich, wie im Karneval. Der Anzug saß fast perfekt. Sie betrachtete sich im Spiegel und fand, dass er der Schaufensterpuppe besser stand. Ungläubig präsentierte sie sich Benedikt. »Meinst du wirklich?«, fragte sie und drehte und wendete sich.

»Echt stark«, gab er anerkennend von sich.

Jeanette hatte mit den hochhakigen Stiefeln etwas Probleme. Aber je öfter sie auf und ab ging, desto besser klappte es. »Trotzdem.« Sie setzte sich auf seine Knie. Er hatte sich in einen Sessel gesetzt und geduldig gewartet und beobachtet. »Das hättest du nicht tun dürfen.«

»Für dich tu ich alles.« Er küsste sie. »Bist du endlich fertig? Ich möchte los.«

»Okay«, meinte sie. Für eine Motorrad-, Diskotheken- und Kneipentour war sie nun bestens gerüstet.

 

Die Underground-Zorros waren netter, als sie dachte. Sie empfingen Tigers neue Lady mit großem Hallo und Gejohle. Jeanette staunte nicht schlecht, als sie einen von ihnen, als den Beamten, der Tiger in der Polizeistation ansprach, wiedererkannte. Mit einem breiten Grinsen und abschätzendem Könnerblick kam er auf sie zu.

»Gibt es keine bequemere Art, ›nen Kerl aufzureißen?«, fragte er sie. Jeanette wusste nichts zu erwidern. Sie errötete und konnte nur verlegen lächeln.

Dann ging es los. Bei fünfzig Motorrädern hörte sie auf zu zählen. Benedikt vergewisserte ihr, dass sie sich nur ihretwegen beinahe vollzählig versammelt hatten. Jeanette knurrte ihn an. Ihr Erscheinen war also bereits schon abgemachte Sache gewesen.

Er ließ sie keine Sekunde aus den Augen und war immer in ihrer Nähe, gleichgültig an welcher »Rast« sie Halt machten. Obwohl einige Zorros ziemlich ungehobelt mit ihr umgingen, blieben sie Gentlemen genug, Tigers Lady nicht unschicklich anzutasten. Deshalb ging Jeanette bedenkenlos öfter mit.

 

 

 

Jeanette wusste, dass sich Benedikt tagsüber meistens bei sich zu Hause aufhielt. Er bastelte an Lady herum, die zusehends mehr ihre ursprüngliche Form zurück gewann. Als sie gerade nichts zu tun hatte, nahm sie den Hörer und wählte seine Nummer. Ihr lag schon den ganzen Tag etwas auf dem Herzen, das sie unbedingt mit ihm besprechen musste, aber bis zum Abend nicht mehr warten konnte. Christina saß gelangweilt an ihrem Tisch und starrte Löcher in die Luft. Sie hatte keine Ahnung, wessen Nummer ihre Freundin wählte, doch als sie seinen Namen hörte, als Jeanette ihn begrüßte, wurde sie schnell hellhörig.

»Ich sehe schon Gewitterwolken über mir schweben. Du rufst mich sonst nie tagsüber an«, rief er gutgelaunt ins Telefon, als er erkannte, wer am anderen Ende der Leitung war.

»So etwas Ähnliches«, antwortete Jeanette. »Ich habe es meinem Vater gestern Abend erzählt.« Sie erschauderte, als sie an das gestrige Gespräch dachte. Nur mit Mühe hatte sie den neuen Standpunkt darbringen können. Christina richtete sich gerader auf. Sie wusste, was dies zu bedeuten hatte und hielt ihr den gedrückten Daumen hin. In der Telefonleitung herrschte einige Sekunden lang Schweigen.

»Sehr gut«, kam es endlich, als Jeanette dachte, er hätte längst einhängt. »Punkt Nummer eins wäre abgehakt.«

»Ich sagte ihm, ich hätte einen anderen Mann kennengelernt und mit David schon vor längerer Zeit Schluss gemacht.«

»Das ist ja wohl das Mindeste.«

»Er will dich sehen. Er lässt mich nicht wieder zu dir, bevor er dich nicht kennengelernt hat.«

»Du meinst gemustert, abgeschätzt und in eine Schublade gesteckt. Gut so«, rief er begeistert. »Soll er nur.«

»Benedikt, bitte«, flehte sie. »Sieh das bitte etwas ernster.«

»Das trifft doch die Sache haargenau auf den Punkt.«

»Ich sagte ihm, du würdest sicher kommen, noch heute Abend.«

»Aber klar doch. Ich bin zur Stelle.«

»Mein Vater ist aber nicht leicht zu überzeugen.«

»Lass mich nur machen«, beruhigte er sie. »Du hast keine Ahnung, welche Boxkämpfe ich mit meinem Vater ausfechten musste. Dagegen kann deiner nur ein jämmerlicher Sparringpartner sein. Keine Angst, Jani. Ich werde dich nicht enttäuschen. Ich weiß, wie man Eindruck schinden kann.«

»Na, ich weiß nicht.«

»Nur die Ruhe. Schwiegerpapa kriegen wir schon.« Jeanette stutzte kurz. Aber Benedikt redete andauernd so salopp. Deswegen dachte sie nicht weiter darüber nach. Dass er das Wort Schwiegerpapa zum ersten Mal benutzte, fiel ihr nicht sonderlich auf. »Heute, um halb sieben«, sagte sie.

»Bin da.«

»Aber nicht mit dem Motorrad«, bat sie.

»Geht klar.«

Als Jeanette den Hörer auflegte, wedelte Christina mit der rechten Hand, als hätte sie sich ihre Finger verbrannt. Eigentlich war es auch so. An diesem Abend ging es mit Sicherheit heiß her. Das mulmige Gefühl, dass etwas Schreckliches passieren würde, verließ sie den ganzen Tag nicht. Zwar wusste sie, dass Benedikt keine Angst hatte zu erscheinen und sich der Bewährungsprobe zu stellen, doch sie hegte gewisse Befürchtungen, dass er sich irgendetwas Verrücktes einfallen ließ, um ihrem Vater zu imponieren.

 

Und sie geriet regelrecht in Panik, als zehn Minuten vor halb sieben, plötzlich und unerwartet David auftauchte. Jeanette hätte ihrem Vater am liebsten vor Wut die Augen ausgekratzt. Sie fürchtete, nein, sie wusste es genau, David würde ihn verraten. Denn er kannte ihn als Motorradfahrer. Und er hatte ihm die damals erlittene Schmach mit Sicherheit nicht verziehen. Wenn Jeanette gekonnt hätte, wäre sie Benedikt entgegengelaufen, um ihn zu warnen. Aber selbst wenn, sie war ständig unter Bewachung und es blieben auch nur noch zehn Minuten, bis zu dem verhängnisvollen Zusammentreffen. Also wäre selbst ein Telefonanruf sinnlos gewesen. Benedikt war sicher schon längst unterwegs.

So drohte sie beinahe in Ohnmacht zu fallen, als kurz vor halb sieben, ein Wagen vorfuhr. Schnell sprang sie zur Türe, um vielleicht doch noch eine Gelegenheit ihn zu warnen zu erhaschen und blieb vor Erstaunen auf halbem Wege stehen. Dort, aus einem scheinbar nagelneuen BMW, stieg ein Benedikt aus, der mit ihrem fast nichts mehr gemein hatte. Auch David, der ihr hinterher gelaufen war, blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Er erwartete sichtlich etwas anderes, als das, was nun mit einem gelassenen Lächeln auf ihn zustolziert kam. Benedikt begrüßte als erstes Jeanette und ließ David und Herrn Petermann, der von Neugierde überwältigt, ebenfalls aus dem Haus kam, links liegen. Er zeigte ihnen hiermit, dass ihm trotz allem immer noch Jeanette am wichtigsten war. Als sie sich kurz umarmten, flüsterte sie so leise, damit es außer ihnen niemand hören konnte.

»Du verrückter Kerl.«

»Was sonst«, flüsterte er zurück.

Erst dann widmete er sich ihren Eltern. David ließ er gänzlich links liegen. Als er ihn entdeckt hatte, stutzte er kurz, fasste sich aber schnell und nahm sich vor, das Beste daraus zu machen. David schien in Jeanettes neuen Freund, den Motorradrocker von damals, nicht wieder zu erkennen. Er war vollkommen verblüfft und brachte den Mund beinahe nicht wieder zu. Sein Blick wanderte ständig zwischen dem Wagen, dem neuen Kerl und den Petermanns hin und her. Mit Entzücken stellten Jeanette und Benedikt Davids Verblüffung und Ahnungslosigkeit fest.

»Vati, das ist Benedikt«, stellte Jeanette ihn ihrem Vater vor.

»Benedikt Maisen«, stellte er sich selbst noch einmal vor und reichte Herrn Petermann die Hand. Jeanettes Vater hatte ihn die ganze Zeit beobachtet und ihn mit kritischen Argusaugen abgetastet. Aber nur die etwas längeren Haare, die zusammengebunden zu einem Zopf, der so typisch für Benedikt war, dass er schon fast zu ihm gehörte, wie seine Nase, hätte etwas Misstrauen erregen können. Aber nicht einmal dies. Benedikt dachte an alles und hatte sich von Kopf bis Fuß durchgestylt, sodass selbst der kurze Zopf gepflegt und mit einer gewissen Klasse versehen war. Wie gesagt, selbst Jeanette erkannte ihn beinahe nicht wieder.

»Es freut mich, sie endlich kennenzulernen«, gab Benedikt höflich von sich. »Ihre Tochter erzählte mir schon einiges über sie, sodass mich diese Einladung besonders freut.«

Herr Petermann betrachtete ihn mit einem seltsamen Blick. Er wusste nicht, wie er dies richtig deuten sollte. Von einer Einladung konnte bei Weitem nicht die Rede sein. Es war ein Muss. Nur Jeanette erkannte richtig, dass ihr Vater sprachlos war. Der erste Eindruck war der wichtigste und der traf haargenau ins Ziel.

»Frau Petermann«, grüßte Benedikt höflich, widmete sich Jeanettes Mutter und überging den Moment der Sprachlosigkeit bei ihrem Vater.

Nachdem Jeanette bemerkte, welchen Eindruck Benedikt auf ihren Vater hatte, war sie gespannt, was er sich für David einfallen ließ. »Das ist David«, stellte sie deshalb ihren Ex-Freund vor.

Spontan reichte Benedikt auch David die Hand. »Dein Bruder, nehme ich an«, sagte er, während er ihn frech angrinste. Die Blicke, die die beiden austauschten, sollten den Irrtum eigentlich schnell wieder aufklären.

»Eigentlich ... », begann David und verstummte sogleich wieder. Eine eiserne Klammer wickelte sich um seine Hand und drehte die Schraube zu. Benedikt war durchaus im Bilde.

»Lasst uns reingehen«, unterbrach Jeanette die stumme Auseinandersetzung. Siegesgewiss hing sie sich bei Benedikt ein.

Als alle im Wohnzimmer saßen, trat betretenes Schweigen ein. Jeanettes Vater war noch damit beschäftigt, seine ursprüngliche Meinung über den neuen Kerl, mit dem, der nun vor ihm saß zu vergleichen und verzweifelt eine Übereinstimmung zu suchen. David rieb sich noch immer seine Hand und versuchte ihn mit Blicken umzubringen. Jeanettes Mutter lächelte Stolz. Ihr Gesicht verriet ihren Kampf zwischen dem Ja und dem Nein, doch je länger sie kämpfte, desto eher gewann das Ja an Oberhand. Und Jeanette selbst, blickte glücklich von einem zum anderen und amüsierte sich über deren Fassungslosigkeit. Sie ließ Benedikts Hand nicht mehr los. Er zwinkerte ihr verschmitzt zu.

Plötzlich wand er sich ab und sprach ihren Vater an. »Es steht Ihnen selbstverständlich frei, Fragen an mich zu stellen, Herr Petermann. Deswegen bin ich doch hier.«

Nicht nur Jeanettes Vater schreckte aus seinen Gedanken. Er räusperte sich und war ein zweites Mal sprachlos.

»Natürlich«, sagte er schnell, wusste aber nicht, wo er beginnen sollte. Diese Unverblümtheit, mit der dieser junge Mann zur Sache kam, verblüffte ihn erneut.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten, Herr Maisen«, rettete Frau Petermann ihren Mann aus der misslichen Lage und erhob sich.

»Aber sicher, gerne«, antwortete der Angesprochene und lächelte freundlich zurück.

»Was darf es denn sein?« Ihre Mutter überschlug sich fast vor Höflichkeit.

»Wenn ich ehrlich bin«, sagte Benedikt geradeheraus. »Ist mir ein kühles Bier am liebsten. Ich hatte heute einen ziemlich anstrengenden Tag.«

Sie nickte, fragte die anderen Männer nach ihren Wünschen, winkte ihre Tochter zu sich, die sich nur äußerst widerwillig erhob und verschwand mit ihr. Benedikt nickte Jeanette kurz zu. Sie brauchte keine Bedenken zu haben.

»So«, gab ihr Vater von sich, als die beiden draußen waren. Er schien endlich etwas gefunden zu haben. »Darf ich fragen, mit was Sie beruflich zu tun haben«, ging er auf Benedikts letzten Satz ein.

»Immobilien«, antwortete dieser.

»Aha«, machte Herr Petermann wissend. Er räusperte sich. »Sie sind demnach Immobilienmakler«, versuchte er ihn in eine Schublade zu stopfen.

»So kann man das auch nennen«, erwiderte Benedikt.

»Wie würden Sie es nennen?«

»Grundstücksbesitzer.«

David blieb der Mund offen stehen. Herr Petermann machte ein zweites Mal »Aha«. Er verschränkte die Arme. »Um von deren Ertrag leben und sich einen gewissen Status leisten zu können, müssen sie einiges an Grund besitzen«, sagte er feststellend und musterte die Aufmachung des jungen Mannes.

»Es reicht«, gab Benedikt kurz von sich.

»Darf ich fragen, um wie viel es sich handelt?«, wollte er kühn wissen. Er glaubte nicht so recht daran. Für einen Grundstücksbesitzer hielt er ihn für noch zu jung.

»Genug für eine Familie.«

»Eine Familie ... so, so«, wiederholte Herr Petermann. »Sie denken also schon so weit. Lieben Sie meine Tochter überhaupt?« David hing an Benedikts Lippen.

»Sie meinen, ob ich ihrer Tochter etwas bieten kann?«, fragte Benedikt zurück.

»Ich fragte, ob Sie sie lieben, nicht, ob Sie ihr etwas bieten können«, gab er mit einem Anflug von Triumph von sich. Er glaubte, die perfekte Fassade durchdrungen zu haben.

»Auf ihre Frage erwarteten Sie ein klares Ja oder Nein«, entgegnete Benedikt unbeirrt. »Aber das werden Sie von mir nicht bekommen. Denn dies geht nur Jeanette und mich etwas an. Es ist wichtig, dass wir es wissen. Und um Ihre Fragen doch noch einigermaßen zu beantworten - Ich wäre sonst nicht hier.«

»Meine Frage war eindeutig gestellt«, gab der Vater gekränkt zurück. »Und verlangte daher auch eine eindeutige Antwort.«

»Auch eindeutige Fragen unterliegen der Auslegungssage des Beantworters.«

Herr Petermann sah seine Felle wieder davonschwimmen. Dieser junge Mann war nicht so einfach zu handhaben, wie David. Er warf seinem abgeschobenem Schwiegersohn einen kurzen Blick zu. David zuckte hoch, wusste aber noch nichts zu sagen. »Wissen Sie«, begann Herr Petermann erneut. »Dass Sie durch Ihr Auftauchen eine gute Beziehung zerstörten?«

Um Benedikts Lippen huschte ein kleines Schmunzeln. »Aus den Erzählungen entnahm ich, dass diese Beziehung keineswegs tief genug war.«

David räusperte sich verlegen. Herr Petermann sah von einem zum anderen und versuchte diesen Satz zu deuten. »Aus dieser Beziehung wäre beinahe eine feste Bindung entstanden«, hakte er weiter.

»Um welche Bindung handelt es sich bitte?«, fragte Benedikt unschuldig nach. »Etwa die Bindung an einen soliden Stuhl?«

Erneut räusperte sich David. Er hatte nicht gedacht, dass seine Absicht so ans Tageslicht befördert werden würde.

»Wie denken Sie über diesen soliden Stuhl?«, wollte Herr Petermann wissen. Er schien begriffen zu haben. David setzte sich ruckartig aufrechter. Entsetzt starrte er seinen Chef an.

»Ich bin nur an der Leiter interessiert, die andere benutzt haben, um auf diesen Stuhl zu kommen«, antwortete Benedikt kühl.

»Demnach interessieren Sie sich auch für abgegriffene Antiquitäten«, konnte sich David plötzlich nicht mehr zurückhalten.

»Mit Antiquitäten muss man vorsichtig sein«, erwiderte Benedikt, mit einem gewissen Lächeln. »Was auf dem ersten Blick, wie billiger Ramsch aussieht, kann mit etwas Poliermittel und guter Pflege zu etwas Unbezahlbarem werden. Um Ramsch von Kostbarkeiten unterscheiden zu können, bedarf es einem Könnerblick.«

»Ach, und den haben Sie«, bohrte David weiter.

»Habe ich das nicht schon bewiesen?«, fragte Benedikt zurück. »Ich entwendete einem Barbaren ein überaus kostbares Stück, das er nicht zu schätzen wusste, weil er es als Gebrauchsgegenstand benutzte.«

»Genug«, rief Herr Petermann dazwischen. Auch er hatte erkannt, um wen es in diesem Streit ging. Es war eigentlich kein richtiger Streit. Alle verhielten sich völlig ruhig. Es handelte sich lediglich um eine Ausfechtung mit Worten. Benedikt war froh, dass Jeanette nicht dabei war. Denn als Antiquität bezeichnet zu werden, würde sie bestimmt nicht glücklich stimmen. David wollte sich nicht geschlagen geben. Er setzte eben zu einem neuen Schlag an, als das Klirren von Gläsern in das Wohnzimmer kam und ihn sein Vorhaben verschlucken ließ. Benedikt lehnte sich bequem zurück. An seinem zufriedenen Lächeln erkannte Jeanette, dass die Runde eins zu Null für ihn ausgegangen war. Nur Frau Petermann machte ein besorgtes Gesicht. Sie hatte das letzte laute Wort ihres Mannes noch gehört.

Der weitere Abend verlief etwas entspannter. David saß schmollend in seinem Sessel, wie eine Glucke, die noch ein Ei auszubrüten hatte. Er wartete geduldig auf seine Gelegenheit. Als sich Benedikt spät am Abend höflich von Jeanettes Eltern verabschiedete, blieb er, wie ein kleiner bockender Junge sitzen. Draußen am BMW umarmten sich Jeanette und Benedikt, während ihre Eltern an der Haustüre zurückblieben und auf die Rückkehr ihrer Tochter warteten.

»Ich hatte solche Angst«, gestand ihm Jeanette leise, sodass ihre Eltern nichts verstehen konnten.

»Wieso?«, fragte er. »Ich sagte dir doch, den kriegen wir.« Glücklich schmiegte sie sich an ihn. Sie wollte diese Zärtlichkeiten nicht mehr länger vor ihren Eltern verheimlichen. Sie hatten die Neuerung akzeptiert, da konnten sie getrost zusehen. »Du hast den Anfang gemacht«, beruhigte er sie weiter. »Und siehst du, der Rest kommt von ganz allein.«

»Ich dachte, es wäre alles aus, als David auftauchte.«

»Nicht nur du.« Er strich ihr sanft übers Haar. »Dieser Schwachkopf ist selbst zum Schauen zu dumm. Aber ich bedauere ihn trotzdem. Ich habe ihn heute um so ziemlich alles gebracht, was er sich mühsam aufgebaut hatte.«

»Ich frage mich, wie du das immer schaffst«, meinte sie und löste sich ein wenig von ihm. »Wenn du sagst, es geht, dann geht es auch.«

Benedikt lachte kurz auf, verstummte aber bald wieder. »Weißt du«, sagte er, noch leicht belustigt. »Das Einzige, was mir mein Vater beibringen konnte und worauf ich besonders Stolz bin, ist die Erkenntnis, dass du alles bekommen kannst, was du haben willst. Du musst nur lernen, es den anderen so geschickt wegzunehmen, dass sie es gar nicht merken, oder glauben, es dir zu schenken.«

Jeanette kicherte leise und vergrub ihr Gesicht in seinem Hemd. »Dein Vater beginnt mir sympathisch zu werden«, sagte sie und drückte ihn an sich.

Benedikt wurde schnell ernst. »Ich könnte dir genügend anderes von ihm erzählen, dann würdest du ihn bald hassen.«

Jeanette antwortete nicht. Darauf gehörte auch nichts zu erwidern. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn ohne Scheu vor ihren Eltern. »Wo hast du eigentlich den Wagen her?«, fragte sie neugierig.

»Geborgt, von einem Freund«, erwiderte er mit einen Schmunzeln. Jeanette sah ihn skeptisch an. »Ehrlich«, schwor er. »Er drohte mir alles Mögliche an, wenn ich auch nur einen Kratzer reinmache. Das Harmloseste war, mich zu erwürgen. Weißt du, er besitzt die Karre erst seit zwei Tagen. Ich würde mir so ein Ding niemals zulegen. Auch nicht, für einen Abend, wie diesen. Dafür sind zwei Räder zu viel dran.«

»Scht«, machte Jeanette schnell. Benedikt hatte zwar leise gesprochen, doch die Möglichkeit, dass ihre Eltern es verstünden, bestand trotzdem.

»Es muss ein sehr guter Freund sein«, stellte sie fest. »Dass er dir ein nagelneues Auto, das er selbst kaum gefahren hat, einfach so ausleiht.«

»Na, ja«, gab er nachdenklich von sich. »Er ist wirklich ein guter Freund. Aber er tat es nicht wegen mir, sondern wegen dir.«

»Wieso? Kennt er mich denn?«

»Natürlich. Du kennst ihn auch. Es ist Mickey. Der Bulle. Wir lernten uns kennen, als ich mit hundertfünfzig durch die Stadt düste. Wir lieferten uns ein regelrechtes Rennen ab. Er war von meinen Fahrkünsten so begeistert, dass er mir hinterher noch ein saftiges Bußgeld abknöpfte.«

Jeanette kicherte erneut. »Du bist ein total verrückter Kerl.«

»Ich sagte dir doch ... .«

»Ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Wer etwas anderes behauptet, kennt dich nicht.« Sie umarmten sich kichernd.

»He, warte mal«, rief eine bekannte Stimme. David war heraus gelaufen und kam hastig auf sie zu.

»Oh, nein«, rief Jeanette.

»Mist!«, fluchte Benedikt. Sie dachten, er wäre endlich dahintergekommen und nun sei es endgültig vorbei.

»So einfach kannst du mir nicht mein Mädchen wegnehmen«, schrie David. »Das hat schon ein Anderer versucht und hat dies zu spüren bekommen.« Er hob seine Fäuste.

Wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre, hätten die beiden lauthals aufgelacht. David hatte noch immer nichts gemerkt.

»Nicht am Wagen«, sagte Benedikt schnell, schob Jeanette hinter sich und entfernte sich von dem teuren Stück. Er erkannte die drohende Prügelei. »Hast du es immer noch nicht gemerkt«, rief er und ging dem aufgebrachten Kerl entgegen. »Die Leiter ist weg. Du musst nun selbst klettern.«

David rannte ohne weitere Warnung auf ihn los, holte aus und schlug zu. Benedikt duckte sich schnell. Der Schlag ging ins Leere und David drehte sich um die eigene Achse. Er setzte sofort zum nächsten Schlag an, traf jedoch wieder nicht, weil sich sein Gegner unfairerweise mit einem Schritt zur Seite aus dem Schwungradius brachte. So erregt, wie David war, holte er sofort zum nächsten Schlag aus, traf aber wieder nicht. Benedikt unterließ es tunlichst zurückzuschlagen. Er durfte seine sorgsam aufgebaute Fassade nicht zerstören, indem er David mit Prügel bremste. Er hätte es ohne Zweifel tun können. Stattdessen ließ er ihn leer durchlaufen, bis er vielleicht von selbst darauf kam, dass es keinen Zweck hatte. Atemlos stand David, mitten auf der Straße und versuchte nun mit Blicken seinen Nebenbuhler umzubringen.

»Du kriegst sie nicht!«, fauchte er.

»Wie wäre es, wenn du deinen Kopf in kaltes Wasser steckst«, gab Benedikt zurück. Er schien trotz allem die Ruhe selbst zu sein. Liebend gern hätte er es ihm ein für allemal gezeigt, aber er musste an Jeanette und an ihre Eltern denken.

»Es ist genug, David«, rief Herr Petermann. »Du machst es nur noch schlimmer.«

»Hör auf, David«, rief auch Jeanette. »Das mit uns war doch nie etwas. Du hast mich die ganze Zeit nur benutzt, um dich bei meinem Vater einzuschmeicheln.« Sie ärgerte sich so über ihn, dass sie sich beinahe vergaß. David wäre in der Lage, falls er besser nachdachte, den Abend und alles, was Benedikt aufbaute, zu zerstören. »Was ich fühlte und dachte, war dir doch noch nie wichtig«, schimpfte sie weiter. »Das hat dich doch gar nicht interessiert. Was du brauchtest, hast du dir anderweitig besorgt und mich nicht einmal angetastet.«

David drehte sich um und starrte sie kurz an. Er schien krampfhaft zu überlegen, was er ihr ins Gesicht schreien konnte. Etwas, womit er sie verletzte und ihre Eltern beeindrucken konnte. Auch er hatte es zur Kenntnis genommen, dass es wichtige Zuschauer waren. Zuschauer, die wie eine Jury über sie entschieden.

»Ja«, schrie er. »Ich habe dich nicht angetastet, weil du zu kostbar dafür warst. Ich wollte dies nicht zerstören. Deine Unschuld mit in unsere Ehe zu nehmen, war mir wichtiger, als deine pubertären Sehnsüchte zu befriedigen.« In den Ohren von Jeanettes Eltern mag dies vielleicht imponierend geklungen haben, doch Jeanette selbst brachte er dadurch in schier grenzenlose Rage. Sie ging auf ihn los, wie ein wildgewordener Stier, dem ein rotes Tuch vor die Nase gehalten wurde. Außer sich vor Wut schlug, trommelte und trat sie auf ihn ein. Diesmal musste Benedikt seinen Vorgänger beschützen. Er packte Jeanette und zog sie ruckartig weg. Aber dass sich David blitzschnell vom Verbündeten wieder zum Gegner wandeln würde und auf Benedikt losging, noch während dieser gänzlich mit Jeanette beschäftigt war, damit rechnete keiner. Von hinten hieb er ihm seine Fäuste in die Rippen. Benedikt, der noch das ausschlagende Mädchen wegzerrte, verlor das Gleichgewicht und stolperte über Jeanette. Jetzt konnten ihn selbst die überwachenden Augen der Petermanns nicht mehr zurückhalten. Er streckte sich kurz, um den Schmerz loszuwerden, aber noch währenddessen, kam Davids nächster Angriff. Sein erster Schlag traf seinen Gegner voll ins Gesicht, der nächste Jeanette am Kopf. Sie stürzte mit einem Schrei zu Boden. Benedikt hatte schon einige Prügeleien mitgemacht, sodass er gelernt hatte, wenn es hart auf hart ging, sich nicht um einige Schmerzen und Verletzungen zu kümmern, sondern seinen Gegner, so schnell wie möglich aus dem Rennen zu werfen, bevor es mit ihm geschah. So ließ er seine blutende Nase unbeachtend und auch dass er vor Schmerzen fast nichts mehr sehen konnte. Für ihn war nur noch wichtig, dass er David erwischte und ihn von Jeanette wegzerrte. Er hatte Glück. Sein Griff aufs gerade Wohl in die Nacht, in die ungefähre Richtung, in der er David vermutete, erfasste ihn und riss ihn näher zu sich. So kräftig, wie er es gewohnt war, versetzte er ihm einen Fausthieb ins Gesicht. Davids Zähne klappten aufeinander und knirschten gefährlich. Nach Überwindung der ersten Schrecksekunde, schrie er wild und stürzte sich erneut auf Benedikt. Doch ein harter Magenschwinger ließ ihn augenblicklich zusammensacken und nach Luft ringen. Ein zweiter Fausthieb gegen seine Schläfe betäubte seine linke Gesichtshälfte und der dritte und letzte Schlag versetzte ihn ins dunkle Reich der Besinnungslosigkeit. Benedikt kontrollierte nicht nach, ob David tatsächlich k.o. war, oder nicht. Nur kurz wischte er mit dem Hemdsärmel über seine angeschlagene Nase. Fast gleichzeitig mit ihrer Mutter trat er zu Jeanette und kümmerte sich um sie. Er hob sie vom Boden hoch. Sie war etwas benommen und hielt sich jammernd den Kopf.

»Verdammt«, schimpfte Benedikt, über Davids Begabung, alles zu zerstören und drückte Jeanette an sich. »Wessen Idee war das eigentlich, diesen hirnlosen Trottel einzuladen?« Benedikt konnte sich wahrlich denken, wer ihn gerufen hatte. Sein Anstand gewahrte es ihm, es für sich zu behalten. Gemeinsam sollten sie auf Jeanettes Neuen losgehen. Vielleicht war es nicht so geplant, wie es nun gelaufen war, aber so etwas Ähnliches hätte es mit Sicherheit werden sollen. In diesem Moment war Benedikt noch zu aufgewühlt, um klar zu denken und seine Worte besser zu überlegen. Aber als es ihm klar wurde, biss er auf die Lippen, um nicht einen noch größeren Fehler zu begehen. Obwohl er liebend gern auch noch auf Jeanettes Vater losgegangen wäre, klammerte er sich an ihr fest. Seine Rache war ihm nicht so wichtig, wie Jeanettes Gefühle und ihre junge Beziehung stünde auf dem Spiel, würde er auch ihn verprügeln.

Der Blick von Frau Petermann wanderte kurz zu ihrem Mann, der noch immer an der Haustüre stand und mit einem eisernem Gesicht zu verstehen gab, dass er seinen Fehler nicht zugeben wollte.

»Kommt ins Haus«, sagte sie besorgt zu den Beiden, als sie Benedikts blutüberströmtes Gesicht entdeckte. Dieser hob das Mädchen auf seine Arme und trug sie ins Haus. Als er an ihrem Vater vorbei kam, würdigte er ihn keines Blickes. Frau Petermann eilte ins Badezimmer voraus, ließ kaltes Wasser ins Waschbecken ein, tauchte irgendwelche Handtücher hinein und wusch Benedikt das Blut ab, als er Jeanette absetzte. Wie oft hatte sie dies, bei ihrem eigenen Sohn tun müssen, sodass ihre Bewegungen nun völlig mechanisch waren. Als der Blutstrom allmählich versiegte, er sich bei ihr höflich dafür bedankte und sich den Rest selbst abwusch, kümmerte sie sich kurz um ihre Tochter, die wieder zu sich gekommen war und ging dann zu ihrem Mann.

»Warum willst du das nicht einsehen«, schimpfte sie. »David herkommen zu lassen, war ein Fehler. Nun siehst du, was du angerichtet hast. Warum muss es unbedingt David sein? Warum nicht Benedikt? Warum kannst du das Mädchen nicht selbst entscheiden lassen? Sie ist alt genug und sie hat sich bereits schon für Benedikt entschieden. Warum kannst du das nicht akzeptieren?« Sie ließ ihren Mann kaum zu Wort kommen.

»Ich muss an die Firma denken«, schimpfte er zurück. »Ich brauche einen Schwiegersohn, der sie später übernehmen kann.«

»Es geht hier nicht um die Firma. David ist weder in der Lage die Firma zu führen, noch deiner Tochter das zu geben, was sie sich wünscht. Benedikt kann ihr das geben. Du willst es nur nicht sehen, weil er sich nicht im Geringsten für deine Firma interessiert, sondern nur für deine Tochter. Du entscheidest selbst über das Leben deiner Tochter, wie ein Kaufmann. Wenn für dich kein ordentlicher Profit abfällt, ist es für dich unrentabel. Doch diesmal wird das Geschäft ohne dich abgeschlossen.« Damit ließ sie ihren Mann stehen und dampfte zurück ins Bad.

 

 

Als Jeanette am nächsten Tag ihrer Freundin jede Einzelheit dieses denkwürdigen Abends erzählte, wechselte Christinas Stimmung mehrmals von Spannung und Staunen, zu Wut und heiterem Auflachen. »Mann«, rief sie begeistert. »Der hat eingeschlagen wie eine Bombe.«

»Kann man wohl sagen«, pflichtete ihr Jeanette bei und rieb sich ihre Beule am Kopf.

»Bitte, Jani«, flehte Christina und kniete sich zu ihren Füssen nieder. »Versprich mir, Benedikt nach einem Bruder für mich zu fragen.«

 

 

Völlig gleichgültig, wie das Ergebnis dieses Abends war, Jeanette brauchte Benedikt nicht mehr zu verstecken. Als Wiedergutmachung arrangierte Frau Petermann ein Essen und ob sie es verdient hatte, oder nicht, sie wurde von den Komplimenten ihres neuen Sohnes nahezu überhäuft. Benedikt und Jeanette dachten auch bald daran endlich sein Hobby preiszugeben, denn dies konnte nicht mehr Verwirrung anrichten, als das bereits geschehene. Sie stellten sich dies in der einzig richtigen Form vor, indem sie einfach vorfuhren.

Doch als Jeanette ihren Wagen vor seinem Haus parkte, hallte ihr sogleich überlaut kreischende Heavy-Musik entgegen. Seit sie mit ihm ging, war das noch nie passiert. Er wusste zudem, dass sie kommen würde. In Jeanette quoll eine böse Ahnung auf. Es war etwas passiert. Mit Benedikt konnte nichts geschehen sein, dessen war sie sich sicher. Sonst würde die Musik nicht durchs Haus kreischen. Es sei denn Carola war wieder zurück. Jeanette dachte an ihr letztes und einziges Zusammentreffen mit dieser Frau zurück und erschauderte.

Benedikt war nirgends zu finden, selbst in der Garage nicht. Doch seine Maschine stand da. Die Musik kam vom Dachboden. Dort befand sich seine Grübelecke, wie er die aus Flohmarktartikeln zusammengewürfelte Einrichtung des Firstes nannte. Immer wenn er etwas zu überlegen hatte und Ruhe brauchte, verzog er sich dorthin. Mit Ruhe konnte dieser Krach jedoch nichts mehr zu tun haben, daher stieg sie die enge Treppe hinauf. Nur selten besuchte sie ihn hier oben. Aber hier fand sie ihn.

Er saß scheinbar schlafend, in einem alten Fernsehsessel, in der einen Hand eine fast leere Bierflasche. Sein Kopf lag auf der Rückenlehre, so als wäre er beim Betrachten der Dachbalken eingeschlafen. Er schien von einer Motorradtour gekommen zu sein und hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich komplett auszuziehen. In seinen dicken Stiefeln, den ledernen Hosen und der nur halb geöffneten Jacke musste es ihm eigentlich viel zu heiß sein. Zudem herrschte bei den sommerlicher Temperaturen von draußen, unter dem Dach das Klima eines gutgeheizten Backofens. Dies war auch heute der Fall. Die stehende Luft, von draußen erhitzt, war beinahe zum Schneiden. Jeanette rief ihn an, doch er zeigte keine Reaktion. Er konnte sie auch unmöglich hören. Die Musik war zu laut. Daher ging sie zur Stereoanlage, drehte sie leiser und versuchte es ein zweites Mal. Jetzt erst gab er ein Lebenszeichen von sich. Er öffnete die Augen und sah sich um. Als er Jeanette entdeckte, sank sein Kopf in die Ausgangsstellung zurück.

»Willst du die Nachbarschaft ärgern?«, fragte Jeanette amüsiert. Benedikt antwortete nicht. Er bewegte keinen einzigen Muskel an seinem Körper. »He, was ist denn los?« fragte sie besorgt. Es war etwas passiert. Der Ernst, der in dieser stickigen Luft steckte, fuhr in ihre Glieder. Sie kniete sich zu seinen Füssen. »Was ist denn passiert?«, wollte sie wissen. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Benedikt antwortete immer noch nicht. Sie nahm ihm die Flasche aus der Hand, stellte sie auf den Boden und setzte sich auf die Armlehne. Sanft küsste sie sein Kinn. »He, Benedikt«, rief sie leise. »Was hast du denn?«

Seine Arme schlossen sich plötzlich um sie und pressten sie viel zu fest an sich. Selbst durch das dicke Leder spürte sie das Zittern seiner Nerven. Jeanette wagte es nicht, sich aus seinem harten Griff zu befreien, obwohl sie Schwierigkeiten beim Atmen hatte. Er brauchte sie und sie wollte für ihn da sein.

Nach langer Zeit lockerte sich endlich sein Griff. Geduldig wartete sie darauf, dass er es ihr erzählte.

»Nach über fünf Jahren«, begann er leise. Seine Stimme zitterte. Er vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. »Nach über fünf Jahren«, wiederholte er. »Rief er mich heute an.« Jeanette wusste, wen er mit ›er‹ meinte. »Nur um mir zu sagen, ... dass ich zu erscheinen habe.« Er drückte sie erneut an sich. Es dauerte wieder einige Minuten, bis er sich endlich wieder soweit im Griff hatte, dass er weiterreden konnte. »Mein Erscheinen ist leider nicht entbehrlich«, zitierte er den Anrufer. Sein Gesichtsausdruck machte ihr Angst.

»Zu was?«, fragte sie leise, als es auch lange danach nicht kam.

»Zur ... Beerdigung von Großvater«, gab er leise von sich. Jeanette starrte ihn kurz an. Dann umarmte sie ihn. Sein Großvater musste ihm sehr viel bedeutet haben, vermutete sie, aus dem, wie sehr ihn sein Tod aus der Fassung brachte. Sie fragte nicht weiter nach, wollte nur noch für ihn da sein.

»Lass mich nicht allein fahren«, bat er sie fast flehend. Jeanette konnte nicht nein sagen und wenn sie es ihren Eltern erklärte, würden sie mit Sicherheit nichts dagegen haben.

Benedikts Vater ließ seinem Sohn nicht viel Zeit für etwaige Vorbereitungen, denn schon am nächsten Tag sollte die Beerdigung stattfinden. Warum er ihm dies jetzt erst mitteilte, konnte selbst Benedikt nicht sagen. Aus reiner Bosheit, vermutete er.

Es wäre ein weiter Weg, meinte Benedikt, deswegen wollte er so früh wie möglich losfahren. Als er in seine Lederkluft stieg, fragte Jeanette ihn skeptisch.

»Meinst du nicht, es wäre besser, wenn wir mit dem Auto fahren würden? Wir könnten meins nehmen«, schlug sie vor und fügte schnell hinzu. »Du darfst fahren.«

Doch Benedikt schüttelte den Kopf. »Weißt du, was Großvater sagen würde, wenn ich mit dem Auto käme?« Er ließ Jeanette keine Zeit zum Antworten. »Er würde sagen, was ist los, mein Junge, hat dein heißer Ofen einen Platten, oder willst du deinem Vater doch noch in den Hintern kriechen?« Die Art, wie er seinen Großvater zitierte, verriet ihr erneut, dass er ihm sehr viel bedeutet haben musste. Spontan umarmte sie ihn und sie fuhren mit dem Motorrad.

Jeanette hatte sich inzwischen einen eigenen Helm zugelegt, von ihrem eigenen Geld. Sie begründete dies, mit, es sei auch schließlich ihr Kopf, der zu schützen wäre. Benedikt durfte lediglich in beratender Funktion daran teilhaben und er hatte ihr diesen Willen gelassen.

 

 

Die Fahrt nach Schloss Oberfels dauerte über sechs Stunden, obwohl Benedikt auf der Autobahn voll aufdrehte. Als das große Anwesen zu sehen war, kam Jeanette aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es war ein prächtiges Schloss mit weiten, gepflegten Gärten und Bewaldungen, inmitten von einem sommerlichen Blumenmeer und umringt von großen, weitflächigen Pferdekoppeln. Vor dem weitausholenden Portal des Haupthauses reihten sich bereits zahlreiche Wägen in engen Reihen aneinander. Kein einziges Motorrad, fiel Jeanette sofort auf.

Die beiden erregten allgemeines Aufsehen, als sie sich durch die Autoreihen schlängelten. Jeanette fühlte sich sofort unbehaglich, nicht nur, weil sie nicht zur Familie gehörte. Zum ersten Mal bekam sie etwas von diesem Gefühl mit, ein schwarzes Schaf zu sein. Ein Gefühl, das Benedikt schon sein ganzes Leben lang mit sich herum trug. Nahe am Eingang brachte er die Maschine zum Stehen. Noch während er sie aufbockte, rannte eine junge Frau die marmornen Stufen hinunter und stürmte auf ihn zu. Er konnte gerade noch Helm und Brille abnehmen, als sie sich ihm schon an den Hals warf. Bereitwillig fing er sie auf. Etwas eifersüchtig stand Jeanette daneben. Aber sie hielt sich an, nicht eher etwas zu unternehmen, bis sie genau wusste, wer diese Frau war. Geduldig wartete sie darauf, dass die Begrüßung beendet war. Sie kam sich weit mehr als fehl am Platze vor. Um sie herum, die Treppen hinauf, oder hinunter, gingen Leute, in piekfeinen Maßanzügen oder Kleidern, nach der neuesten Kreation von Laurent, Lagerfeld, oder was sonst noch in Sachen Mode einen guten Namen besaß. Jeanettes Lederanzug galt in ihren eigenen Kreisen als unheimlich schick, aber hier auf Oberfels wirkte er beinahe schon ordinär. Dementsprechend wurde sie auch gemustert. Jeanette setzte ein freundliches Lächeln auf, das ihr aber keiner erwiderte. Stattdessen erhielt sie empörte und verachtende Blicke.

Endlich löste sich die Umarmung der Beiden ein wenig. Die Frau schluchzte. Ihre Schminke war verlaufen und bahnte sich nun einen Weg über die geröteten Wangen. Sie konnte sich nicht dazu entschließen ihn freizugeben. Jeanette hörte, wie Benedikt leise auf sie einredete. Es dauerte noch einmal so lange, bis sie sich entgültig freigaben. Jetzt erst konnte er Helm und Brille beiseite legen.

»Bitte verzeih mir«, bat die Frau weinerlich. »Ich wollte dich gerne selbst anrufen und es dir etwas schonender beibringen, aber Vater verbot es uns strikt, unter Androhung allem Möglichen.« Jeanette atmete erleichtert auf. Sie war seine Schwester.

»Ich lebe noch«, antwortete Benedikt.

»Rede keinen Unsinn«, schimpfte sie unter Tränen. »Dieser Sadist wusste genau, wie er dich treffen kann. Deswegen ließ er es sich nicht nehmen, es selbst zu tun.« Benedikt sah zu Boden. »Wusste ich doch«, sagte seine Schwester und hängte sich noch einmal kurz um seinen Hals. Dann löste sie sich endgültig von ihm, putzte sich mit einem spitzenbesetztem Taschentuch die Nase und versuchte zu lächeln. Ihr Gesicht war noch immer gerötet. Das Lächeln passte nicht hinein. Als sich Benedikt endlich um Jeanette kümmern konnte, hängte sich die Frau bei ihm ein. Noch bevor er sie vorstellen konnte, begrüßte seine Schwester Jeanette. »Hallo«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Du musst Jeanette sein. Ich bin Stefanie.«

»Meine Schwester«, fügte Benedikt schnell hinzu und bestätigte damit nur Jeanettes Vermutung. Er hatte ihr so gut wie nichts über seine Familie erzählt. Da fühlte er sich verpflichtet, etwaige Missverständnisse aufzuklären. Vielleicht war es ihm auch peinlich, dass ihn seine Schwester vor den Augen seiner Freundin umarmte. Aber als Jeanette vorsichtig, aber verständnisvoll lächelte und Stefanie begrüßte, fand er seine Sorge unbegründet. Stefanie gab ihr die Hand und als Jeanette die ihre hineinlegte, zog sie sie sanft an sich und gab ihr einen Begrüßungskuss auf die Wange. Jeanette fühlte das Fieber in den Wangen der jungen Frau. »Du behandelst ihn hoffentlich gut?«, fragte Stefanie, mit einem Seitenblick auf ihren Bruder.

»Bisher kamen noch keine Klagen«, antwortete Jeanette.

»Starker Dress«, gab die Schwester anerkennend zu dem Lederanzug. Jeanette wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte und lächelte nur. »Kommt rein«, forderte Stefanie. »Die Bestien sind bereits schon alle versammelt und warten nur darauf euch in Stücke zu reißen.«

Jeanette sah Benedikt daraufhin ängstlich an. Doch er nickte ihr nur kurz zu, nahm die Koffer vom Gepäckträger und folgte Stefanie die Treppen hinauf. Jeanette trottete mit den Helmen und den Rest der Ausrüstung hinterher.

Die Empfangshalle des Schlosses war so groß, da hätte Benedikts kleines Haus gerade noch so Platz gefunden. Staunend betrachtete Jeanette die prunkvolle Innenausstattung. In dieser Halle hatten sich alle Trauergäste, deren Karossen draußen vor der Türe standen, versammelt und begutachteten nun neugierig, entsetzt, angewidert oder empört die Neuankömmlinge. Sie tuschelten miteinander und hinter ihrem Rücken konnte Jeanette hören, dass es keine mitfühlenden oder lieben Worte waren.

Als endlich ein Diener herbeigeeilt kam und Benedikt die Motorradkoffer abnahm, konnte sich dieser intensiver um seine Freundin kümmern. Er nahm sie in den Arm, als wolle er sie vor diesen wilden Bestien in Designerklamotten beschützen. Jeanette fühlte sich unbehaglich. Sie war zwar Zeit ihres Lebens stets ebenfalls so etwas wie ein Außenseiter gewesen, da sie nie so durfte, wie sie gerne gewollt hätte, aber was diese Leute mit ihr veranstalteten, war schon dem Aussatz nahe. Sie begann sich über sie zu ärgern, da sie sich das Recht vorenthielten, besser zu sein, als das eingeschüchterte Mädchen, das es gewagt hatte, ihre Welt zu betreten und dem sie nun nur widerwillig einen Platz einräumen wollten.

Eine ältere Frau mit Spitzenhut und schwarzem Schleier kam auf sie zu. Sie umarmte Benedikt kurz und viel zu förmlich.

»Ich hatte mir bessere Umstände für deine Rückkehr gewünscht«, meinte sie und umarmte ihn erneut.

Benedikt wollte etwas erwidern, doch ein Rempler von seiner Schwester brachte ihn zum Schweigen, bevor er laut werden konnte. Er stellte Jeanette die Frau als seine Mutter vor.

»Ich begrüße sie herzlich«, sagte die Frau freundlich, aber mit einem seltsamen Ton in ihrer Stimme, sodass Jeanette unweigerlich ahnen musste, dass die Begrüßung gar nicht so herzlich gemeint war. »Sie sind also seine ... wie nennt man das? ... seine Braut?«

Jeanette musste sich arg zurückhalten, um dieser Frau den richtigen Ausdruck nicht ins Gesicht zu schreien.

»Jeanette Petermann«, erwiderte sie mit künstlichem Lächeln.

»Ach, ja«, machte Frau Maisen und widmete sich wieder ihrem Sohn. Jeanette bezweifelte, dass ihr Name lange im Gedächtnis dieser Frau geblieben war. »Gotthilf will dich sprechen«, sagte sie zu ihm. »Er meinte, du solltest die Einladung nicht ausschlagen.«

Benedikt murmelte etwas, was aber keiner verstand. »Wir sehen uns später«, gab er lauter von sich und zog Jeanette schnell weiter.

Stefanie führte die zwei in ein Zimmer im zweiten Stock eines Seitenflügels.

»Ich hasse diese ganze Bande«, schimpfte sie, als die Diener wieder draußen waren. »Und ich beneide dich darum, dass du den Mut gefunden hast, ihnen allen den Rücken zu kehren.« Sie ließ sich in einen Sessel fallen.

»Du weißt genau, dass es nicht von mir ausging«, brummelte Benedikt zurück. Er hatte endlich Gelegenheit seine Handschuhe auszuziehen und seine Jacke aufzuknöpfen. Er warf sie auf ein Bett, das um einiges breiter war, als das Ehebett von Jeanettes Eltern. Jeanette stand etwas verlegen herum. Sie wagte es nicht, ihr Gepäck irgendwo abzulegen, aus Angst, sie könnte etwas beschmutzen oder beschädigen.

»Jetzt erzähle mir nur, du bist Vater nicht dankbar dafür, dass er dich rausgeworfen hat«, rief Stefanie leicht erregt.

»Und ob«, antwortete er. Er war dabei die Schnallen seiner Stiefel zu öffnen. »Er konnte mir keinen größeren Gefallen tun.«

»Du hörst dich nicht so an.«

»So?«, fragte er ärgerlich und hielt inne. »Wie hörst du dich denn an, wenn dein wohlbehüteter Arsch plötzlich auf der Straße sitzt?« Er war etwas lauter geworden. Jeanette zuckte leicht zusammen und konnte sich endlich dazu durchringen ihre Last auf dem Boden abzulegen. Für eine lange Minute herrschte Schweigen im Raum. Die Geschwister sahen sich stumm an.

»Du hast Recht, Bruderherz«, brach Stefanie dieses Schweigen. »Ich sollte meine wohlbehütete Nase nicht so tief in Dinge stecken, die mich nichts angehen.«

»Steff«, warnte Benedikt.

»Ist schon in Ordnung.« Sie erhob sich, ging zu ihm und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Manchmal brauche ich etwas Zurechtweisung. Ich habe so ein unfehlbares Talent in alten Wunden herumzustochern. Ich habe eben zu viel von Vater. Diese hier ist zwar äußerlich verheilt und fast nicht mehr zu sehen, aber innerlich schwimmt sie noch im Blut.« Bevor Benedikt noch etwas erwidern konnte, sprach sie weiter. »Kann ich noch etwas für euch tun?«, fragte sie und sah von einem zum Anderen. »Gleichgültig, was es ist. Ich werde euch jeden Wunsch erfüllen.« Sie blieb lächelnd bei Jeanette hängen. »Aber ich denke«, begann sie erneut. »Ihr werdet erst einmal ein heißes Bad nehmen und euch vor dem großen Kampf noch etwas ausruhen wollen.« Diskret verzog sie sich in Richtung Türe. »Wir sehen uns später.« Damit verschwand sie endgültig.

Als die Beiden endlich allein waren, standen sie sich einige Minuten lang schweigend gegenüber. Benedikt streckte seine Arme nach ihr aus und Jeanette flüchtete sich bereitwillig hinein.

 

 

Noch nie hatte Jeanette so viele Leute auf einer Beerdigung gesehen. Benedikts Großvater musste eine imposante Persönlichkeit gewesen sein, denn selbst Journalisten hatten sich eingefunden. Sie zwang sich, dieses Spektakel, das eher einem Familienfest glich, nicht zu bestaunen, sondern sich nur um Benedikt zu kümmern. Er war ziemlich wortkarg und redete, wenn überhaupt, nur mit ihr, Stefanie oder einigen wenigen Passanten, die ihn direkt ansprachen. Sein Gesicht war wie versteinert, als könne diesen harten Zorro nichts auf der Welt erweichen. Nur daran, wie fest er seine Hand um die von Jeanette klammerte, war zu erkennen, wie sehr ihn dieses Ereignis mitnahm.

Jeanette fühlte sich ständig beobachtet. Sie glaubte, dass ein bestimmtes Augenpaar auf ihnen lastete, wie ein drohendes Unheil auf einer bestimmten Stunde. Als sie sich etwas umsah, fing sie den Blick eines älteren Mannes mit grauen Schläfen ein, der sie mit finsteren Augen beobachtete, statt sich um seine aufgelöste Frau zu kümmern. Jeanette wusste genau, wer dieser Mann war, auch ohne die gewisse Ähnlichkeit zu Benedikt. Er flößte ihr Angst ein. Ein Mann, bei dem ihr Vater lediglich als Sparringspartner gelten konnte, und der es fertig brachte Benedikt derart aus der Bahn zu werfen, musste eine wahre Bestie von Mensch sein. Verlegen nahm sie den Blick von ihm.

 

Nach der Bestattung trat ein Mann in einem förmlichen, dunkelgrauen, steifen Anzug auf Benedikt zu. Er begrüßte ihn freundschaftlicher, als es sein Aussehen erlaubte.

»Bitte verzeihe, wenn ich dich jetzt damit behellige«, sagte er. »Es ist ein ungünstiger Augenblick. Aber ich weiß nicht, wie lange du es noch hier aushältst. Da wollte ich vorher noch etwas mit dir besprechen.« Er fasste in seine Jackettinnentasche und brachte einen Brief zum Vorschein. »Es lässt sich leider nicht aufschieben.« Sorgfältig faltete er den Brief auseinander und überreichte ihn. »Ich schlage vor, du gehst darauf ein, denn es gibt eigentlich keinen Grund mehr, beziehungsweise, keinen, den ich eventuell vor Gericht vertreten kann, das Geheimnis länger zu wahren. Das ist eine harte Nuss, dieser Kerl. Ich hätte niemals gedacht, dass er sich tatsächlich die Mühe macht, massiv dagegen anzugehen.«

Benedikt blätterte die Kopie durch und las die eine oder andere Zeile. Dann sah er hoch und betrachtete den Mann schweigend.

»Das ist Jeanette Petermann«, stellte er seine Freundin plötzlich vor. Jeanette zuckte zusammen, als sie der Mann mit derselben Spontaneität anstarrte, mit der sie vorgestellt wurde. Benedikt gab den Brief an sie weiter. Neugierig geworden las auch sie darin. Sie erkannte auf dem Briefkopf der Kopien, den Namen des Anwaltes ihres Vaters wieder. Er drohte mit gerichtlichen und polizeilichen Maßnahmen. Jeanette konnte etwas von Betrug, ungerechtfertiger Forderung, mutwilliger Verschweigung wichtiger Tatsachen und Verdacht auf einen absichtlich inszenierten Unfall lesen. Nicht nur der Ton, in dem dieser Anwalt schrieb, erzeugte in ihr beinahe Schwindelanfälle, auch die Ankündigung, dass die Zahlung des geforderten Betrages bis auf weiteres ausgesetzt wird. Jeanette wusste, wie sehr Benedikt dieses Geld brauchte, um seine Lady wieder in den Urzustand versetzen zu können.

»Zahlen muss er«, meinte der Anwalt zu Jeanette. »Ich frage mich, warum er so hartnäckig ist.«

»Würden sie eine solche Summe einfach so freigeben?«, fragte sie zurück. Verstehen konnte sie ihren Vater ja, Sie würde es ebenfalls nicht tun.

»Warum seid ihr dann nicht von Anfang an mit der Wahrheit gekommen. Ihr hättet euch eine Menge Geld und Unannehmlichkeiten erspart?«

»Geld vielleicht«, erwiderte Jeanette und faltete den Brief zusammen. »Aber Unannehmlichkeiten auf keinen Fall.«

Der Anwalt betrachtete sie noch kurz, bevor er sich wieder an seinen Klienten wandte. »Soll ich dem Anwalt mitteilen, ... .«

»Nein«, unterbrach ihn Benedikt. »Das erledige ich selbst. Danke, Walter.«

»Gut, in Ordnung«, nickte der Anwalt. »Aber bitte erledige dies bald möglichst. Ich schätze, es fühlt sich jemand bestätigt, wenn du vor Gericht stehst.«

Benedikt nickte. Nicht nur er wusste, wen er mit diesem ›Jemand‹ meinte. Dieser Jemand, mit den grauen Schläfen, hatte sie beobachtet. Als sich der Anwalt von Benedikt verabschiedete, winkte er einen Diener herbei und gab ihm eine Anweisung. Dann ging er schnurstracks auf das Haus zu. Der Diener wand sich sofort an Benedikt.

»Herr von Maisen«, sprach er ihn an. »Ihr Herr Vater bittet sie sogleich in die Bibliothek.«

»Danke«, erwiderte Benedikt knapp und ging mit Jeanette in eine ganz andere Richtung.

»Wenn es etwas Wichtiges ist«, gab sie zu Bedenken.

»Er kann mich«, knurrte er ungehalten zurück und Jeanette unterließ jede weitere Einwände.

 

 

Am nächsten Tag war die Testamentseröffnung. Benedikt zuckte nicht einmal mit der Wimper, als bekannt gegeben wurde, dass ihn sein Großvater als alleinigen Erben eingesetzt hatte. Er schien es gewusst zu haben. Umso aufgebrachter war die, vor den Notaren versammelte, Menge, die sich darüber empörte, dass der alte Mann sein Vermögen einem Nichtsnutz vermachte. Bevor die Leute über ihn herfallen konnten, flohen die beiden in den Garten. Sie spazierten schweigend nebeneinander her und machten sich keine Gedanken über Ziel oder Weg. Jeanette wagte es nicht, ihn anzusprechen. Das einzige, was sie tun konnte und wollte, war, seine Hand zu halten und ihm zu spüren zu geben, dass sie da war.

»Ich hatte nichts anderes erwartet«, störte sie eine Stimme. Jeanette fuhr erschrocken herum. Benedikt zuckte nur unmerklich zusammen. Er kannte diese Stimme. Der Mann mit den grauen Schläfen schlenderte gemächlich auf sie zu und zeigte mit einem arroganten Lächeln, dass er ihnen haushoch überlegen war. »Es wäre nicht das erste Mal, dass du davonläufst«, fuhr er fort. »Es hätte mich nicht gewundert. Trotz deines liderlichen Lebenswandels bist du ein Weichling geblieben.« Er blieb in einem angemessenem Abstand stehen. Vor sich schien er nicht seinen Sohn wieder zu erkennen, sondern einen unangenehmen, aber dennoch nicht entbehrlichen Zeitgenossen. »Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt«, sprach er weiter. »So muss eben der Berg zum Propheten gehen und wenn er ihm durch den ganzen Park nachlaufen muss. Mehrmals teilte ich dir mit, dass ich dich zu sprechen wünsche.«

»Du hast es mir mitteilen lassen«, verbesserte Benedikt.

»So«, machte der Vater. »Und das berechtigt dich also zur Ignoranz. Du solltest mich eigentlich besser kennen.«

»Ich tat dasselbe, was du tun würdest.«

»Du vergisst nur eines. Die Aufforderung kam von mir.« Benedikts Hand klammerte sich fester um Jeanettes Hand. »Nun, da wir endlich aufeinandertreffen konnten«, kam er zur Sache. »Können wir beginnen. So unangenehm es mir war, aber deine Anwesenheit ist, wie du bereits gehört hast, nicht zu vermeiden gewesen. Ich hätte nur um etwas mehr Ehrerbietung gebeten. Es war schon empörend genug, dass du mit deiner Höllenmaschine auftauchtest, aber dass du auch noch eines deiner Flittchen mitbringst und sie hier öffentlich zur Schau stellst, kann ich nicht dulden.«

Benedikt verspürte keine Lust, sich mit seinem Vater zu streiten, sodass er diese Beleidigung ungesühnt über sich ergehen ließ. Er hatte nicht einmal richtig zugehört. Doch Jeanette konnte dies nicht auf sich beruhen lassen. Obwohl ihr Respekt vor diesem Mann gehörig war, ihre Empörung war noch größer.

»Moment bitte«, rief sie empört. Der Mann betrachtete sie, als könne er es nicht glauben, dass es eine wie sie wagte, ihn anzusprechen.

»Junge Dame«, meinte er arrogant. »Ich denke, Sie wissen nicht, wen Sie vor sich haben.«

»Oh, doch«, erwiderte sie wütend und ließ sich nicht beirren. »Ich weiß genau, wer Sie sind. Auch Sie besitzen keinerlei Rechte, einen wildfremden Menschen, von dem Sie absolut nichts wissen, derart zu beleidigen.«

»Als seine ... .« Er sprach dieses Wort, aus Respekt vor sich selbst, nicht aus. »... weiß ich alles über sie.«

»Was können Sie denn schon wissen, wenn Sie nicht einmal ihren eigenen Sohn kennen.«

Benedikts Vater hob eine Augenbraue. Er schien zu überlegen, ob er dies als eine Beleidigung anerkennen sollte. »Es ist meiner Stellung unwürdig, dieser Person den Mund zu verbieten«, wand er sich an seinen Sohn. »Da du dich mit ihr auf gleicher Stufe gestellt hast, befehle ich dir, sie zurecht zuweisen.«

Benedikt schüttelte stumm den Kopf. Zum ersten Mal seit Tagen war dieses typische Tigerschmunzeln wieder zu sehen. Jeanette erhielt freie Hand.

»Gleichgültig, wie hoch ihr Ross ist, auf dem Sie denken zu sitzen«, begann sie loszuschimpfen. »Ihr Kopf ist keinen Zentimeter mehr vom Boden entfernt, als meiner.«

»Solltest du dein Flittchen nicht bald zum Schweigen bringen«, drohte er ärgerlich. »Wird das für dich Konsequenzen haben.«

Benedikt rührte sich nicht.

»Sie denken, Sie sind ein einflussreicher Mann«, schimpfte sie weiter, als Benedikt sie immer noch nicht zur Ressort rief. »Damit scheint es aber nicht weit her zu sein, wenn sich Ihnen selbst Ihr eigener Sohn widersetzt und Sie sich von einem Flittchen beschimpfen lassen müssen.«

Der Mann funkelte sie böse an. Sein Blick drohte sie aufzufressen. Doch Jeanette war so in Wut, dass ihr alle Drohgebärden nichts anhaben konnten. »Ich verbiete ihnen jedes weitere Wort«, donnerte er.

»Sie glauben doch wohl nicht im Ernst, dass ich mich von Ihnen mundtot machen lasse, nur weil Sie glauben meine Stimme verunreinigte Ihr Ohr. Oder sind es die Worte, die zufällig die sorgsam getarnte Hülle der Wahrheit verletzen.«

»Wenn Sie nicht augenblicklich ... .«

»Haben Sie schon einmal daran gedacht«, fuhr sie ihm ins Wort. »Sich in die Gefühle Ihres Sohnes hinein zu versetzen, oder seine Handlungsweise verstehen zu lernen. Ich schätze, dies kam ihnen kein einziges Mal in den Sinn. Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie sich kein einziges Mal Gedanken darüber gemacht haben, wie sich Ihr Sohn nach dem Rauswurf wieder auf die Beine stellen konnte. Genauso gut bezweifle ich, dass Sie wissen, wie er lebt. Wie können Sie ihn dann nur derart behandeln?«

»Ich sehe schon«, wand er sich wütend an Benedikt. »Du lässt deine Wildkatze aus dem Käfig, damit sie für dich die Arbeit erledigt. Ich erwarte dich in der Bibliothek, allein«, fügte er noch hinzu und ließ sie einfach stehen.

Jeanette hatte noch längst nicht alles gesagt, aber sie biss sich auf die Lippen, um ihm nicht hinter zu schreien. Sie wusste nicht, was in sie gefahren war, plötzlich kam sie sich so unsagbar töricht vor. Schnell drehte sie sich um und prallte auf Benedikt, der sie sofort in die Arme nahm, hochhob und sie leidenschaftlich küsste. Er wirbelte sie glücklich im Kreis herum und drückte sie an sich. Jeanette wusste nicht, wie ihr geschah.

»Du bist einfach wunderbar«, rief er begeistert. »Ich habe ihn noch nie so gesehen.«

»Das war dumm«, wehrte sie sich.«

»Nein«, widersprach er. »Einfach grandios. Meine Wildkatze, mit den scharfen Krallen.« Er hob sie wieder in die Luft und wirbelte sie herum.

»Warte, warte«, rief sie und versuchte seine Begeisterung zu bremsen. »Ich habe jetzt sicher alles endgültig zerstört.«

»Ach was«, schüttelte er den Kopf. »Wo nichts mehr ist, kann nichts zerstört werden. Du hast ihm lediglich gezeigt, dass er mit dir nicht machen kann, was er will.« Er küsste sie erneut.

 

 

Wenig später begab er sich endlich in die Bibliothek; allein, wie sein Vater es verlangte. Jeanette überließ er Stefanies Obhut, die ihr bereitwillig das ganze Schloss zeigte. Als er zurückkam, war er entgegen den Befürchtungen der jungen Frauen nicht missgestimmt. Zwar hatte der traurige Anlass, der seine Anwesenheit hier erforderte, wieder etwas an Land gewonnen, doch er war nicht mehr so beunruhigend ruhig.

 

 

Tags darauf mussten noch die notariellen Formalitäten erledigt werden, dann fuhren Benedikt und Jeanette wieder zurück. Sie waren schon beinahe zwei Stunden unterwegs, als Benedikt plötzlich langsamer fuhr und Jeanette glaubte, es sei etwas mit der Maschine. Ihre Vermutung sah sie bestätigt, als er an den Straßenrand fuhr und anhielt. Sobald sie zum Stehen gekommen waren, sprang er vom Sitz, ohne sich die Mühe zu machen, den Motor abzustellen, oder zu warten, bis Jeanette abgestiegen war. Er riss sich Helm und Brille vom Kopf, warf sie von sich und sank einige Schritte weiter in sich zusammen. Er kümmerte sich weder um die Maschine, noch um seine Freundin, die samt Motorrad umkippte, weil ihre Kräfte nicht ausreichten, das Gewicht zu halten, geschweige denn es wieder aufzurichten. Der Motor tuckerte friedlich vor sich hin und Jeanette konnte nichts anderes tun, als ihn abzuschalten, unter ihrer Last hervorzukriechen und es liegen zu lassen. Außerdem lagen ihre Sorgen wo anders, als bei dem umgekippten Motorrad. Sie eilte zu Benedikt.

Erst dachte sie, er wäre krank geworden, doch es war etwas ganz anderes. Es hatte lange gedauert, bis die Trauer um den Tod seines Großvaters, durch die harte Schale des Underground-Zorros dringen konnte. Doch jetzt war sie durch und traf ihn mit ihrer ganzen Heftigkeit. Jeanette hatte noch nie einen Mann weinen sehen und als sie sah, was mit Benedikt passierte, wusste sie erneut nichts anderes zu tun, als ihn einfach zu umarmen und da zu sein. Sie hielt ihn fest und spürte seine Verzweiflung. Liebend gerne hätte sie ihm etwas davon abgenommen. Aber das war etwas, was er allein durchstehen musste. Sie konnte ihm nicht helfen, nur einfach da sein.

 

Die Sonne war am Untergehen, als sich Benedikt wieder einigermaßen im Griff hatte. Mit einem, mit dem Wasser aus einer mitgebrachten Mineralwasserflasche, angefeuchtetem Taschentuch, kühlte er sein Gesicht und versuchte sich endgültig in den Griff zu bekommen. Jeanette streichelte ihn sanft.

»Weißt du«, gab er leise von sich. Seine Stimme zitterte. »Dass ich ihm alles verdanke, was ich heute habe und bin?«

Jeanette schüttelte den Kopf. Sie war sich aber sicher, dass er es ihr gleich erzählen würde.

»Als mich mein Vater rauswarf, hat er mir als einziger geholfen. Er gab mir keinen einzigen Pfennig, nur Tipps und Anregungen, aber genug, damit ich mir etwas, aus dem bisschen, was ich mitnehmen konnte und was mir gehörte, erschaffen konnte. Er half meiner umgeworfenen Existenz damit wieder auf die Beine.« Er schluckte und machte eine kleine Pause. »Vater verbot ihm den Kontakt zu mir, aber er hat sich einen Dreck drum geschert. Er sagte ihm ins Gesicht, dass ein Vater, der seinen eigenen Sohn verstößt, keine Rechte mehr an ihm besitzt. Demnach konnte er es einem Anderen, nicht verbieten sich seiner anzunehmen.« Aus Benedikts Stimme war der Zorn auf seinen Vater zu hören. »Er war der Einzige, der mich noch als Mitglied der Familie akzeptierte.«

»Er akzeptierte die Tat deines Vaters nicht«, traute sich Jeanette endlich etwas zu sagen, als Benedikt lange nichts mehr von sich hören ließ. Als sie sprach, hob er den Kopf und sah sie lange schweigend an.

»Ich musste ihm versprechen, dich bald zu ihm zu bringen«, gab er leise von sich.

»Ich war da«, antwortete sie, ebenso leise. Sie weigerte sich, weiter über das warum nachzudenken. Nur ganz kurz dachte sie darüber nach. Warum war sein Großvater so begierig darauf, die Freundin seines Enkels zu sehen?

»Er wollte dich sehen.«

Jeanette senkte den Blick. Sie kämpfte mit den Tränen. Schnell wischte sie über ihre Augen. Aber dieses Gefühl, jeden Moment losheulen zu müssen, blieb.

Benedikt knöpfte seine Jacke auf, griff in seine Innentasche und brachte einen Brief hervor.

»Eigentlich wollte er ihn nicht herausrücken«, sagte er nachdenklich zu dem Brief. Dann hob er den Kopf und blickte Jeanette an. »Du scheinst ihn aber irgendwie beeindruckt zu haben.«

Um seine Mundwinkel huschte ein kurzes Schmunzeln. Jeanette musste kurz überlegen, wen er nun mit ›er‹ meinte. Diesmal war es sein Vater. Sie kam einen Moment lang nicht mit dem Themawechsel mit, aber als Benedikt weiterredete, erfuhr sie den Zusammenhang. »Diesen Brief wollte Großvater noch abschicken, kam aber nicht mehr dazu.« Er schwieg wieder einige Sekunden lang, in denen er den Brief betrachtete. »Er ist an dich adressiert.« Benedikt hielt ihr den Brief hin. »Ich wollte ihn dir erst geben, wenn wir wieder zuhause sind. Aber ich finde, wenn er schon dir gehört, sollst du ihn auch sofort haben.«

Jeanette fehlten irgendwie die Worte. Sie konnte sich nicht denken, warum sie einen Brief von seinem Großvater erhalten sollte. Trotzdem nahm sie ihn entgegen. Tatsächlich stand ihre Adresse auf dem Kuvert. Auf der Rückseite, prangte ihr das Wappen und der Name des Großvaters, in Goldlettern aufgedruckt, entgegen. Der Umschlag war mit einem kleinen Druckstempel versiegelt. So konnte ihn niemand ohne Bemerken öffnen. Ihre Finger begannen zu zittern. Vorsichtig, um das kostbare Wappen nicht zu zerstören, öffnete sie das Kuvert und nahm das inliegende Blatt heraus. Der Briefkopf war beinahe derselbe, wie auf der Umschlagrückseite, und er enthielt nur zwei Zeilen, in der Handschrift eines älteren Menschen, geschrieben.

 

An Jeanette:

Steh ihm bitte bei!

 

Mehrmals las sie diese beiden Zeilen. Mit jedem Mal klopfte ihr Herz höher in ihren Hals hinauf. Mit jedem Mal spürte sie die Sorge des alten Mannes um seinen Enkel intensiver. Er wünschte sich Beistand für ihn. Wusste er, dass er bald sterben würde? Wusste er, dass Benedikt bald allein kämpfen müsste? Sie sah hoch.

»Ich hätte deinen Großvater gerne kennen gelernt«, sagte sie unter Tränen.

»Er wäre Stolz auf dich gewesen«, erwiderte er und nahm den Brief nicht entgegen, als sie es ihm hinhielt. Es war ihr Brief. »Und besonders, weil du den Mut besessen hast, meinem Vater über den Mund zu fahren.« Ein zweites Mal erschien ein leichtes Schmunzeln um seine Mundwinkel. Er versuchte, die Atmosphäre wieder etwas aufzulockern.

»Das war kein Mut«, widersprach sie und wischte über ihre Augen. »Das war die reine Verärgerung. Hättest du mich auch nur ein bisschen zur Vernunft gerufen, wäre ich so mundtot geworden, wie dein Vater es gerne gehabt hätte. Ich redete mich richtig in Fahrt.« Sie begann plötzlich, leise zu kichern. Die Erinnerung an dieses Gespräch amüsierte sie auf eine seltsame Art und Weise. Indem sie die Worte aussprach, gewann sie mehr Vertrauen in sich selbst, da sie erkannte, dass sie sich nur in die richtige Stimmung zu bringen brauchte, um selbst gegen einen solchen gefährlichen Gegner, wie Benedikts Vater einigermaßen bestehen zu können. Immerhin hatte sie es geschafft, dass er nahe daran war, die Beherrschung zu verlieren.

Benedikt nahm sie ihn den Arm und drückte sie an sich.

»Wie gefällt dir eigentlich Oberfels?«, fragte er plötzlich.

»Schön«, gab Jeanette vorsichtig von sich.

»Würdest du dir vorstellen können, darin zu leben?«

»Schlecht«, antwortete sie ausweichend und löste sich etwas von ihm. »Wie kommst du darauf?«

»Oberfels gehört jetzt mir. Ich dachte, vielleicht gefällt es dir besser, als mein kleines Haus.«

»Mir gefällt das Kleine besser. Da muss man nicht so weit laufen, um sich zu sehen.« Sie versuchte, ihren zaghaften Witz mit einem kleinen Lächeln zu unterstreichen.

»Weißt du was Großvater sagte, als ich ihm von dir erzählte? Er nahm von mir nicht nur das Versprechen ab, dich zu ihm zu bringen, sondern auch noch ein anderes.« Er sah ihr in die Augen und streichelte sanft über ihre Wange. Sie wartete darauf, dass er weiterredete, doch er tat es nicht.

»Welches?«, fragte sie deshalb.

»Kannst du dir das nicht denken?«, gab er ausweichend zurück.

Jeanette wollte schon den Kopf schütteln, als ihr plötzlich der Schwiegerpapa wieder einfiel. »Dein Großvater soll sich nicht in das Leben von Liebenden einmischen«, sagte sie, mit einem aufgesetztem Lächeln.

»Er meinte, ich solle endlich auch das bekommen, was mir zusteht.«

»Schon möglich«, erwiderte sie knapp und wendete ihren Blick ab. Dieser Heiratsantrag war ihr entsetzlich peinlich, auch wenn er etwas verkappt vorgetragen wurde.

»Was hältst du nun von Oberfels?«, fragte er erneut.

»Zu groß«, antwortete sie und suchte verzweifelt nach einer Antwort, deren Auslegung, weder ein Ja noch ein Nein bedeuten konnte. »Für einen Frühjahrsputz brauche ich das ganze Jahr.« Sie versuchte ihn anzusehen, ohne ihm in die Augen sehen zu müssen.

Benedikt sah sie fragend an und legte den Kopf schief.

»Wovor hast du Angst?«, wollte er wissen, da er sich nicht denken konnte, warum sie sich plötzlich um den Frühjahrsputz Gedanken machte.

Jeanette wagte es nicht zu sagen. Sie fand es gar nicht zu abwegig, in dem riesigen Schloss zu leben. Wovor sie Angst hatte, war, sich ständig in der Nähe seines Vater aufzuhalten und sich den ganzen Tag in Angriffsstellung bereithalten zu müssen, und ihm dann, wenn ihre Kräfte irgendwann erschöpft waren, oder wenn sie nur einen Moment nicht mehr daran dachte, für immer unterlegen zu wissen. Dass Benedikt eine Antwort erwartete, war ihr klar, doch sie wusste keine.

»Nein«, sagte sie stattdessen.

»Was heißt nein?«, fragte er nach. Er schien eine andere Reaktion erwartet zu haben.

»Es heißt einfach nein.« Sie löste sich aus seiner Umarmung und stand auf.

»Wieso«, konnte er es nicht fassen. »Was hält dich davon ab ... .«

»Nein«, fuhr sie ihm entschlossen ins Wort. Dass es ihr eigentlich alles zu schnell ging und sie Panik vor allem und jedem hatte, das mit einem Ja auf sie zukam, konnte und wollte sie ihm nicht sagen. Benedikt starrte sie schweigend an. Sein Blick war ihr ebenso peinlich, wie die Situation. Sie drehte sich um. Damit wand auch er seinen Blick ab. Wortlos erhob er sich, suchte seine Utensilien zusammen und richtete das Motorrad wieder auf. Er zog sich an, schwang sich auf die Sitzbank und wartete, bis auch endlich Jeanette aufsaß. Sie spürte deutlich, einen Fehler gemacht zu haben und hoffte, dass er sie, wenn sie sich irgendwann anders entscheiden sollte, noch haben wollte.

 

 

Sie wusste nicht, was passiert war. Keine Stunde mehr von ihrem Zuhause entfernt, noch auf der Autobahn, eben als Benedikt ein letztes Mal voll aufdrehte, hörte sie ihn plötzlich fluchen, durch den Fahrtwind und dem Dröhnen des Motors stark gedämpft. Dann gab es einen harten Schlag, der Jeanette in die kleinsten Knochen fuhr. Sie wurde nach vorne geschleudert. Eigentlich dachte sie, auf Benedikt zu treffen, doch er war nicht mehr da. Sie Welt drehte sich plötzlich um sie. Es tat höllisch weh. Dann wurde es schwarz.

 

Als sie wieder zu sich kam, fand sie sich in einer hellen Welt wieder. Sie fühlte sich, als läge sie in einem mit Daunen überfülltem Bett, und musste nur darauf warten, dass die prallgefüllten Federdecken, einer Flutwelle gleich, über sie hinweg schwappten. Von irgendwo her kam ein gleichmäßiges Piepsen, und wenn Jeanette es länger beobachtete und darüber nachdachte, bemerkte sie, dass es den gleichen Rhythmus besaß, wie ihr Herz, oder das Klopfen in ihrer Brust, oder wie es sonst noch genannt wurde. Sie versuchte einen Finger zu bewegen, um dieses Klopfen und dieses Piepsen miteinander zu verbinden, doch dieser verweigerte ihr den Dienst. War da überhaupt eine Leitung von ihren Gedanken zu ihrem Finger? Sie versuchte es ein zweites Mal und als es wieder nicht klappte, war sie sich sicher. Da gab es nichts, was ihre Gedanken, mit diesem Finger verband. Es gab keine einzige Leitung in diesem mit Watte gefüllten Körper. Es musste Watte sein, was sie da unter ihrer Haut fühlte, denn es knisterte und fühlte sich weich an. Irgendwann würde jemand kommen und mit dieser Watte sein Kissen stopfen. Jeanette dachte darüber nach, wie sie als Kissen aussehen würde. Aber was war, wenn er nur die Watte nahm und nicht die Hülle? Dann blieb sie eine leere Hülle. Alles was sie sehen konnte, was helles weiß in weiß. Keine Gesichter, keine Wände, keine Möbel, nur weiß in weiß, ohne Grenzen. Es lief einfach alles ineinander und Jeanette störte sich nicht daran.

Stunden brachte Jeanette damit zu, über dieses weiß in weiß und dieses Kissen nachzudenken. Stunden, die sich nicht zählen konnte, da es in diesem Daunenbett keinen Zeiger gab, der sie weiterschob. Viele einzelne Stunden, die ihr nicht einmal auffielen.

Sie lauschte dem Piepsen und kontrollierte, ob ihr Herz dem Rhythmus noch folgen konnte. Dies tat sie stundenlang, ohne dass der Wettlauf von dem einen oder anderen gewonnen wurde. Sie waren sich ebenbürtig. Keiner könnte den anderen übertrumpfen. Jeanette übernahm abwechselnd, einmal für den Piepser, dann wieder für ihr Herz Partei und feuerte ihren Favoriten an. Doch auch dies half nichts. Sie waren vollkommen gleichwertige Gegner.

 

Eine Stimme drang durch ihre Weiß-in-Weiß-Welt.

»Ich mache das schon, Herr Petermann. Sie können ruhig nach Hause gehen und sich ausruhen«, sagte diese Stimme. Jeanette konnte jedes Wort genau verstehen. Den Namen identifizierte sie nicht, als ihr zugehörig. Es waren für sie Worte, die einfach so gesagt wurden. Doch diese Stimme erkannte sie wieder.

»Tina«, floss es aus ihrem Wattemeer über ihre Lippen. Eine Hand legte sich plötzlich auf ihren Finger, der ihr vorher den Dienst verweigerte.

»Jani«, trug es ihr Ohr zu. Es mussten doch irgendwo Leitungen in diesem verdammten Körper geben. Deshalb versuchte sie es erneut, ihren Finger zu irgendeiner Bewegung zu bringen und diesmal gehorchte er.

»Jani«, kam es ein zweites Mal. Ein anderes Wort wurde gerufen. »Jeanette.« Beide erkannte sie nicht als ihren Namen. Doch auch diese Stimme war ihr bekannt. Warum wollten sich ihre Augen nicht öffnen? Sie wollte diese Stimmen sehen.

 

Grelles Licht schlug ihr entgegen. Sie blinzelte. Nahe vor ihr waren Gesichter, die viel zu dunkel waren, als dass sie sie hätte erkennen können. Nur allmählich nahmen sie die Helligkeit von Jeanettes weißer Welt an und sie erkannte sie.

»Mami«, kam es über ihre Lippen. Eine Frau legte sich um ihren Hals. Ihr Kopf begann zu schmerzen. Und mit dem Kopf zog ihr restlicher Körper nach, bis es nur noch ein einziger Schmerz war. Ihr kam es nicht in den Sinn, darüber nach zu denken, warum plötzlich Schmerz, statt Watte in ihrem Körper war. Es war eben so. Nur allmählich und nach weiteren unzähligen Stunden verzog sich dieser Schmerz. Die Gesichter wechselten sich ab. Sie erkannte, wann auch immer sie die Augen öffnete, eines dieser Gesichter. Jeanette war froh, dass sie nicht alleine in dieser seltsamen Welt war.

 

Allmählich ließ sich immer mehr von ihrem Körper bewegen. Manche Teile leichter, andere etwas schwieriger. Einige bereiteten ihr sogar stärkere Schmerzen, als sie ihnen befahl sich zu bewegen. Als ob sie sie dafür bestrafen wollten. Daher unterließ sie es und konzentrierte sich auf die anderen Teile. Langsam kehrte auch ihr Verstand wieder zurück und sie erkannte, dass sie in einem Krankenhaus lag. Sie war froh darüber, dass ihre Familie an ihrem Bett Wache hielt. Aber danach zu fragen, weswegen sie hier lag, fiel ihr keine Sekunde lang ein. Es kam ihr nicht einmal in den Sinn, darüber nachzudenken.

 

Mit ihrem völligen Erwachen kehrte auch ihr Erinnerungsvermögen zurück und sie fragte nach Benedikt. Ihr Vater erklärte ihr lächelnd, dass er in der Aufregung aus Versehen in ein anderes Krankenhaus gebracht wurde. Wenn sie sich mit dem Gesundwerden beeilte, könne sie ihn bald sehen. Jeanette akzeptierte dies als Tatsache. Sie fragte nicht weiter nach. Die betretenen Gesichter ihrer Freundin und ihrer Mutter bemerkte sie nicht. Aber sie machte sich Sorgen um ihn. Sie dachte, er könnte ihr böse sein, weil sie solange nichts von sich hatte hören lassen, und schrieb ihm Briefe, die ihre Eltern, oder Christina überbringen sollten. Sie schrieb ihm viele Briefe. Es kam jedoch keine einzige Antwort. Eine Weile akzeptierte sie dies. Doch als sie nach dem Grund fragte, erzählte ihr wieder ihr Vater, Benedikt sei noch nicht in der Lage zu schreiben. Er lasse sie aber grüßen.

 

Diese Antwort beruhigte Jeanette erneut eine Weile. Doch irgendwann kamen ihr endgültig Zweifel. Ihr ging es inzwischen schon so gut, dass sie im Bett aufrecht sitzen, oder, mit Hilfe einer Schwester, oder ihrer Freundin ein paar Schritte gehen konnte.

»Ich frage mich, warum er nicht antwortet«, sagte sie eines Tages.

Christina sah sie traurig an. »Weil er nicht antworten kann«, kam sie endlich mit der Wahrheit heraus.

»Christina«, donnerte Herr Petermann.

»Ist er denn immer noch nicht in der Lage zu schreiben?«, wollte Jeanette wissen. »Vielleicht kann er telefonieren?«

Christina schüttelte mit dem Kopf und biss sich auf die Lippen. Sie kämpfte mit sich selbst. Wenn sie mit ihrer schrecklichen Wahrheit herauskäme, würde es ihrer Freundin unendlich weh tun. »Wir müssen es ihr sagen!«, rief sie plötzlich.

»Nein«, erlaubte es Jeanettes Vater nicht.

»Was müsst ihr mir sagen?«, fragte Jeanette, durch Christina neugierig gemacht.

»Er ist ... », begann sie, doch Herr Petermann zog sie so hart vom Bett weg, dass sie ihre Worte verschluckte. Schnell drehte sie sich um, riss sich los und brüllte ihn an. »Das können wir nicht machen. Wir müssen es ihr sagen. Sie muss die Wahrheit erfahren.«

»Welche Wahrheit?« Auf Jeanettes Wangen entstanden rote Flecken, die von der Erahnung einer bösen Wahrheit herrührten.

Christina drehte sich wieder zu Jeanette um und betrachtete sie kurz. »Ihm geht es nicht so gut«, presste sie schnell hervor, bevor Herr Petermann sie daran hindern konnte. Als es endlich heraus war, konnte sie sich etwas mehr Zeit lassen. »Es hat ihn ganz böse erwischt. Die Ärzte sagen, wenn er nicht bald aufwacht, wacht er niemals mehr auf.«

Jeanette starrte ihre Freundin entsetzt an. Dann wanderte ihr Blick zu ihrem Vater.

»Ist das wahr?«, stammelte sie. Ihr Vater wandte den Blick ab. In den Augen ihrer Mutter standen Tränen.

»Sie sagen, er liegt schon viel zu lange im Koma«, erzählte Christina weiter.

Jeanette kannte nur noch eines. »Ich muss zu ihm.« Sie zog die Bettdecke zurück und wollte das Bett verlassen.

»Nein, Jeanette!«, verbot es ihr Vater.

»Herr Petermann, das ist es vielleicht«, rief Christina überzeugt von ihrer Idee. »Wenn er sie sieht, oder hört, wacht er vielleicht auf.«

»Nein!«, brüllte er auch Jeanettes Freundin an. »Das kommt nicht in Frage.«

»Wir müssen es versuchen«, meinte sie weiter. »Es ist beinahe Mord, wenn wir es nicht wenigstens versuchen.«

Das Wort Mord, löste in Jeanette regelrechte Panik aus. »Lasst mich zu ihm«, schrie sie und stieß ihre Mutter weg, die ihr eigentlich helfen wollte.

»Jeanette, du bleibst hier!«, brüllte ihr Vater erneut. »Er hat dich beinahe umgebracht und nun willst du ... .«

»Lass mich zu ihm«, schrie sie ihn an.

Christina half ihr entgegen dem Verbot des Vaters aus dem Bett. »Es ist nicht weit«, sagte sie zu ihr. »Du wirst es schon schaffen. Nur einen Stock höher.« Jeanette starrte sie kurz an. Bisher hatte sie geglaubt, dass Benedikt in einem anderen Krankenhaus lag. Als sie dies hörte, funkelte sie ihren Vater Hasserfüllt an. »Los, bringe mich zu ihm«, befahl sie ihrer Freundin.

Mit der Unterstützung von Christina und ihrer Mutter erreichte sie das nächste Stockwerk beinahe mühelos. Ihr Vater trottete erst protestierend hinterher, dann sagte er nichts mehr. Er hätte seine Tochter ohnehin nicht mehr aufhalten können.

 

Jeanette starrte fassungslos auf den Körper, den sie eigentlich als ihren Benedikt erkennen sollte. Seine Haut war bleich und sah äußerst ungesund aus. Überall an ihm hingen Schläuche, Drähte und Elektroden. Er war beinahe gänzlich in Gips, Pflaster und Verbände gehüllt. Sie hatte nicht einmal den Eindruck, dass er friedlich schliefe, sondern eher, als ob er zum Schlafen gebracht wurde. Entsetzt starrte sie diesen Körper an. Sie war nicht mehr in der Lage ihren Blick anzuwenden. Ihre Knie gaben plötzlich nach. Christina stützte sie.

An seinem Bett saß eine junge Frau, die bei der Wache eingeschlafen war und nun halb auf dem Bett lag. Sie erwachte, als die vier eintraten. Mit aufgequollenen Augen betrachtete sie Jeanette, erhob sich langsam und ging auf sie zu.

»Dem Himmel sei Dank«, sagte sie den Tränen nahe. »Dir geht es gut.« Sie fiel Jeanette um den Hals und konnte ihre Tränen nicht mehr aufhalten. Doch Jeanette hatte keinen Sinn für Stefanie, sie interessierte nur Benedikt. Sie löste sich von ihr und näherte sich ihm langsam.

»Nein«, sagte sie leise vor Entsetzen. Vorsichtig strich sie über seine Hand. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Er war ans Bett gefesselt worden. Entsetzt starrte sie seine Fesseln an. Sie verschwammen im Tränenmeer. »Was ist nur passiert?«, stammelte sie.

»Die Polizei sagt, ihr wärt auf ein Hindernis geprallt«, erklärte Christina. Auch ihre Stimme zitterte. Jeanette wand sich kurz nach ihr um, kam aber gleich wieder zu ihm zurück. Ihre Mutter schob ihr den Stuhl, auf dem zuvor Stefanie gesessen hatte, in die Knie. Nur widerwillig setzte sie sich. Denn so konnte sie ihn schlechter sehen.

»Warum wacht er nicht auf?«, fragte sie mehr zu Benedikt, als zu den anderen. Sie erhielt darauf keine Antwort. »Er muss aufwachen.« Doch Benedikt rührte sich nicht. Ihre Finger zitterten, als sie über die vielen Drähte und Schläuche strich, als sie die Konturen der Verbände und Pflaster entlang fuhr. »Er muss aufwachen«, wiederholte sie flehend. »Bitte wach auf. Bitte mach endlich die Augen auf.« Doch Benedikt gehorchte nicht. Da Tränen ihren Blick trübten und sie ihn nicht mehr richtig sehen konnte, kämpfte sie verbissen dagegen an. »Nun mach schon«, flehte sie und drückte seine Hand. »Ich bin es, Jani.« Doch auch dies hatte keinen Erfolg. Jeanettes Mutter verließ weinend den Raum.

»Bitte«, flehte Jeanette weiter. »Mach einen Anfang. Der Rest kommt von ganz allein.« Sie küsste seine Hand und drückte sie fester. Sie erinnerte sich an ihr letztes Gespräch und fühlte sich plötzlich schuldig an seiner Situation. »Es war dumm«, sagte sie deshalb leise. »Ich hatte einfach Angst davor und wollte es dir nicht sagen, um dir nicht weh zu tun. Wenn du willst, gehe ich mit dir nach Oberfels.« Sie betrachtete ihn wieder. Seine Augen blieben geschlossen. Mehr denn je, wollte sie dieses Ja, das sie sich zuvor nicht zutraute zu sagen. Jetzt schien es aber zu spät zu sein. Sie presste ihre Stirn auf seine Hand. »Bitte«, flehte sie. »Zeig es ihm endlich. Du bist der Tiger. Dich kann keiner klein kriegen.«

Stefanie kam zu ihr und legte die Arme um ihre Schultern. Sie kniete sich nieder und suchte Trost bei der Freundin ihres Bruders.

»Ich habe alles zerstört«, sagte Jeanette zu ihr. »Ich habe ... .« Ihr fiel plötzlich der Brief des Großvaters ein. Auch seiner Bitte hatte sie entsagt. Sie fühlte sich plötzlich so schuldig und glaubte, dass es nur noch an ihr läge und an der Tilgung ihrer Schuld, was weiter geschehen würde. Aber gleichzeitig fühlte sie sich auch so unendlich hilflos.

 

Eine Schwester trat plötzlich ein und schimpfte, es wären zu viele Personen im Raum. Deswegen bat sie, mehr energisch als höflich, einige hinaus. Herr Petermann ging zu seiner Tochter und wollte sie von seinem Bett wegziehen, doch sie wehrte sich dagegen.

»Komm«, befahl er ihr. »Du kannst doch nichts ausrichten. Es hat keinen Zweck.«

»Ich will nicht weg«, weinte sie. Sie krallte sich in das Laken und presste sich an Benedikt.

»Du bist auch noch nicht ganz gesund und wenn du nicht bald wieder in dein Zimmer zurückkehrst, wird es wieder schlimmer«, versuchte er sie zum Mitkommen zu bewegen. »Du siehst doch, dass er nicht wieder aufwacht. Du kannst nichts mehr tun.«

Jeanette starrte ihn entsetzt an. »Es ist alles deine Schuld«, schrie sie plötzlich. »Deinetwegen ist er hier.«

»Was redest du denn?«, wehrte er ab. »Du bist noch nicht ganz gesund. Geh zurück in dein Bett.«

»Nein«, schrie sie, sprang auf und krallte sich an seinem Hemd fest. »Du bist schuld, nur du allein. Wenn du schon nicht zahlen willst, dann sieh wenigstens zu, dass er wieder aufwacht. Er muss aufwachen, er muss, er muss, er muss.« Sie krallte sich so fest, dass der Stoff gefährlich knisterte. Die Schwester und Christina eilten herbei, um Jeanettes zu beruhigen. Doch sie verbiss sich so in ihrer plötzlichen Idee, dass sie nicht mehr aufzuhalten war.

»Was meinst du mit zahlen?«, fragte ihr Vater und versuchte ihre verkrampften Finger zu öffnen.

»Er ist es«, schrie sie ihn an. »Dem du Anzeige wegen Betrug angedroht hast. Er ist es, dem du das Geld nicht zahlen willst.« Ihr Vater war fassungslos und vergaß es plötzlich, ihre Finger aus seinem Hemd zu lösen. »Aber ... », stammelte er. Sein Blick wechselte zwischen ihr und Benedikt hin und her.

»Es ist sein Motorrad, das du ersetzen sollst, seine Lady«, schrie sie weiter und drohte bald die Nerven gänzlich zu verlieren. Jeanette war in diesem Moment nicht mehr sie selbst. Die Geschehnisse hatten sie so sehr mitgenommen, dass sie sich nun nicht mehr unter Kontrolle halten konnte. Die Angst, die Sorgen, die Verzweiflung, die vielen Lügen, die Heimlichtuerei, das alles zwängte sich nun aus ihr heraus, wie siedendheißer Dampf, aus dem Ventil eines Schnellkopftopfes. Sie schrie ihren Vater an, hieß ihn alles mögliche und schlug, trotz ihren noch nicht ganz verheilten Verletzungen wild auf ihn ein. Doch plötzlich brach sie zusammen. Ihre Knie hatten der Anstrengung nicht mehr länger standgehalten.

»Jani«, rief Christina entsetzt aus. Doch ihr Schrei galt nicht der Sorge um ihre Freundin. Als Jeanette zusammen gebrochen war, hatte sie einen verzweifelten Blick auf Benedikt geworfen und entdeckt, dass sich seine Lippen bewegten.

»Es hat geklappt«, kreischte sie freudig und zog ihre Freundin wieder hoch. »Er ist aufgewacht.« Nicht nur die Krankenschwester, eilte an sein Bett, um sich davon zu überzeugen und tatsächlich, hatte ihn Jeanettes Stimme aus dem Koma geholt.

 

Glücklich presste sich Jeanette an ihn. »Sehr gut«, schluchzte sie. Dann sah sie hoch und betrachtete ihn, durch den Schleier, der sich vor ihren Augen bildete. »Punkt Nummer eins wäre abgehakt«, flüsterte sie und küsste ihn liebevoll auf den Mund.

Impressum

Texte: Ashan Delon
Lektorat/Korrektorat: myself
Tag der Veröffentlichung: 05.08.2016

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