Cover

1.

„Wie viele Kuchen sind schon da?“

Die Stimme seiner Mutter riss Jens komplett aus seiner Konzentration. Er fuhr erschrocken herum, stieß dabei den Farbeimer um und konnte nur noch hilflos zusehen, wie sich die Lackfarbe in einem Schwall über den Boden ergoss.

„Mist!“, fluchte er herzhaft, warf den Pinsel einfach zur Seite und versuchte zu retten, was zu retten war. Doch die knallrote Flüssigkeit, die seine großen Reklamebuchstaben in die Aufmerksamkeit der Betrachter rücken sollte, ließ sich weder aufwischen, noch davon abhalten, in die Ritzen und Löcher des spröden Pflasters zu laufen, mit welchem der Hinterhof ausgelegt war. Vielleicht hätte er es doch sein lassen sollen, dem Werbeplakat für ihr Fest noch einen letzten Schliff zu verpassen. Er war weder Marketingprofi noch Künstler, und dass er gedacht hatte, die Buchstaben noch etwas ausgeprägter gestalten zu müssen, obwohl er es zwei Tage zuvor für perfekt gehalten hatte, wurde nun anscheinend bestraft.

„Mist!“, stieß er abermals hervor.

Seine Mutter trat neben ihn, stützte die Hände in die Hüften und blickte ihn strafend an.

„Das sieht jetzt aus, als wäre hier eine Leiche gelegen“, murrte sie griesgrämig. Doch in ihren Augen lachte bereits der Schalk und wenig später brach er auch schon aus ihr heraus, indem sie zu kichern begann. „Das sollten wir uns für die Halloween-Party merken.“

Jens knurrte nur, holte den Wasserschlauch und versuchte, die zähe Farbe in die Ritzen zu spülen, ehe sie in der Sonne trocknen konnte. Das Pflaster, das noch aus der Jahrhundertwende stammte, beherbergte sicherlich schon so manche Geheimnisse, die er lieber nicht lüften wollte. Vor fünfzig Jahren waren hier noch Transporter mit Materialien für die alte Näherei über die buckeligen, alten Granitsteine geholpert. Jetzt, nachdem Jens Familie die seit Jahren verlassene Fabrik aufgekauft und renoviert hatte, diente es nur noch als Abstellplatz und gelegentlich sogar als Atelier für Jens Plakatmalerei.

Er war absolut nicht künstlerisch begabt. Dennoch machte es ihm Spaß und er konnte sich komplett darin verlieren. Er selbst fand seine Ergebnisse eher mau. Das war ihm jedoch allemal lieber, als unter der Aufsicht seines Vaters Tische und Stühle zu schleppen. Ein richtiger Künstler konnte das riesige drei Meter lange „Wohltätigkeitsveranstaltung“, das am morgigen Tag über dem Eingang hängen sollte, sicherlich noch mit hübschen Hieroglyphen versehen, es mit Schnörkel und dergleichen verzieren und so in das Augenmerk der Betrachter rücken, dass es auch dort haften blieb. Seine Buchstaben waren zwar groß und gut lesbar, jedoch schmucklos und langweilig. Seiner Familie gefiel es trotzdem, zumindest erfüllten seine Werke immer ihren Zweck.

„Wie viele Kuchen sind eigentlich schon da?“, erkundigte sich seine Mutter erneut, nachdem Jens den Schlauch weggelegt hatte und zu ihr zurückkehrte. Sie half ihm, das Malzeug in einer Kiste zu verstauen und in einen Schuppen zu bringen, der ihrer Familie als Werkstatt diente.

Jens zuckte mit den Achseln und überlegte kurz. „Als ich das letzte Mal im Kühlraum nachsah, waren es ungefähr dreißig“, erzählte er und wischte sich seine rot besprenkelten Hände an der schmutzigen Cargo-Hose ab. Kuchenspenden von backfreudigen Leuten waren auf jeder Veranstaltung gern gesehen. Die bunte Mischung von Selbstgebackenem wurde auch von den Gästen äußerst willkommen geheißen. Sie gingen jedes Mal weg wie warme Semmeln und brachten viel Geld ein. „Aber vor einer halben Stunde kamen noch ein paar Leute, um was abzugeben. Ich war mit dem Plakat beschäftigt, deswegen habe ich mich nicht drum gekümmert. Susi ist mit ihnen in den Kühlraum gegangen.“

Susanne war seine zwei Jahre jüngere Schwester. Die ganze Familie war eingespannt. Vor Beginn der Veranstaltung war große Hektik angesagt. Es wurde hin- und hergeräumt, dekoriert, geputzt, Tische und Stühle in den großen Saal getragen, wo einst Hunderte von ratternden Nähmaschinen gestanden hatten. Die Jüngste der Westerfeldt-Kinder, Carola, dekorierte nun schon seit Tagen den Festsaal mit Tüchern, Vorhängen, Blumen und Glitzerschmuck. Es sollte ein großes Fest werden, das viel Geld für Überflutungsopfer reinbringen sollte.

Jens Familie engagierte sich, seit er denken konnte für wohltätige Zwecke. Seine Eltern waren beide Sozialarbeiter, kämpften mit Leib und Seele für die Mittellosen oder die Opfer von Naturkatastrophen und Unfällen. Als lang anhaltende heftige Regenfälle ganze Landstriche meterhoch in Wassermassen hatten versinken lassen und damit auch die Existenzen der betroffenen Menschen zerstörten, organisierte das Ehepaar Westerfeldt spontan diese Wohltätigkeitsveranstaltung. Für Jens und seine Geschwister war es Selbstverständlichkeit, dass sie in die Vorbereitungsarbeiten miteinbezogen wurden.

Wobei Jens die Einsamkeit des Hinterhofes vorzog und sich künstlerisch versuchte.

„Sieht gut aus!“, kommentierte seine Mutter die Arbeit abschätzend und beäugte das Plakat mit halb zusammengekniffenen Augen.

Jens rollte das zweite Banner aus, auf welchem mit ebenso großen, roten Buchstaben „Zugunsten der Opfer der Hochwasserkatastrophe“ stand. Beide würden am morgigen Tag das Eingangstor krönen, unter dem mehr als hundert angekündigte Gäste hindurchgehen sollten. Seine Mutter lächelte stolz, streichelte ihrem Sohn zärtlich über den Kopf und zerwuschelte ihm frech die Haare.

Jens verschluckte das Grummeln. Er mochte es nicht, wenn man ihm in die Haare fuhr, auch wenn er sich wenig Mühe um sein Äußeres gab. Es war ihm einfach unangenehm. Er fühlte sich mit seinen zweiundzwanzig längst zu alt für solchen Kleinkinderkram. Seine Mutter schien sich das partout nicht merken zu können, obwohl er es ihr schon oft genug gesagt hatte. So drehte er nur den Kopf weg und rollte das Banner langsam wieder zusammen.

„Ich geh mal Susi suchen“, sagte sie, lächelte ihm noch einmal stolz zu und ging davon.

Mit einem Seufzen betrachtete Jens das Plakat. Tische schleppen konnte er definitiv besser als Buchstaben malen, auch wenn er es unter keinen Umständen dagegen eintauschen würde. Ihm kam das Banner wenig professionell vor. Sein Vorschlag, es irgendwo drucken zu lassen, hatte sein Vater aus Kostengründen abgelehnt. Er wollte so viel Geld wie möglich für die Charity-Veranstaltung sammeln und daher so wenig Kosten wie nötig verursachen.

Mit einem weiteren Seufzen rollte Jens das Plakat entgültig zusammen und begab sich in den Saal, wo sein Vater mit freiwilligen Helfern von der ansässigen Feuerwehr bereits zahlreiche Tische und Stühle parat gestellt hatten.

„Du kannst Carola helfen“, wies sein Vater ihn sogleich an. „Sie verzweifelt mit all der Deko, die sie sich vorgenommen hatte.“

Jens nahm einen tiefen Atemzug und suchte seine jüngere Schwester, um mit ihr für den Rest des Tages, den Festsaal zu schmücken.

Am späten Abend war aus der ehemaligen Maschinenhalle ein wahrer Prunksaal geworden. Die meisten Dekorationsartikel wie Blumen und die Stoffe für Tischdecken, Servietten und Vorhängen waren von Geschäften gespendet worden. Seine Mutter kannte beinahe jeden Ladenbesitzer im Ort persönlich und wusste ihnen immer wieder Gefälligkeiten zu entlocken. So wie sein Vater die Vereine und auch die Feuerwehr zu fast jeder Veranstaltung als Helfer engagieren konnte.

Erst gegen vier Uhr morgens fiel Jens ins Bett.

Als er am nächsten Tag zur Mittagszeit zur alten Näherei zurückkehrte, herrschte dort bereits helle Aufregung. Die letzten Vorkehrungen mussten getroffen, Blumenarrangements neu angerichtet werden. Die Mitarbeiter des Cateringservice, die zum Großteil aus Mitgliedern der ortsansässigen Vereine bestanden, wuselten wie Ameisen durch die Tischreihen, um alles perfekt zu machen. Immerhin wurden hohe Gäste erwartet, wie den Bürgermeister und einige weitere hiesige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Medien. Zwischendrin hörte man die Stimmen von Jens Eltern, die das geordnete Chaos wohl unter Kontrolle zu halten wussten.

„Oh, gut, dass du da bist!“, rief ihm sein Vater sogleich entgegen. „Die Brauerei hat angerufen. Fahr doch bitte hin und kläre die Lieferung für heute Abend ab. Nimm den Lieferwagen, dann kannst du gleich einen Teil mitbringen. Mir wird es fast zu knapp, wenn erst heute Abend alles geliefert werden soll.“

Jens nickte und marschierte davon. Jeder Auftrag, der ihn weit von dem ganzen Trubel wegbrachte, war es wert.

Wenig später fuhr er mit dem zehn Jahre alten Kasten-Lieferwagen auf dem Hof der Brauerei vor. Man kannte ihn bereits, hatte sogar schon auf ihn gewartet. Durch die Aktivitäten seiner Eltern, die mit ihren Spendensammlungen und Aktionen auch schon mal die Lokalmedien auf sich aufmerksam machten, waren auch Jens und seine Geschwister in der ganzen Stadt bekannt wie ein bunter Hund.

Meist wurde er freudig begrüßt, nur wenige zeigten sich genervt von den unermüdlichen Spendenaufforderungen der Westerfeldts. Jens hatte gelernt, damit zu leben, dass er manchmal wie ein Star behandelt und manches Mal aber auch verlacht und verhöhnt wurde. Als Kind war es besonders schlimm gewesen, zumal er eher zu den ruhigeren Jungen gehört hatte, die Auseinandersetzungen und Prügeleien aus dem Weg gegangen waren. Viel lieber steckte er seine Nase in ein gutes Buch anstatt in Videospiele oder Schnapsflaschen, so wie es bei anderen Jugendlichen seines Alters üblich gewesen war. Jetzt machte ihm das weniger aus. Er ignorierte die Häme von Leuten, die sich über die Familie lustig machten, und konzentrierte sich darauf, seinen eigenen Weg zu gehen.

Der Braumeister kam ihm sogleich entgegen. Jens stellte den Kastenwagen ab und begrüßte ihn. Ein Mann hatte den rundlichen Mittfünfziger mit dem lustigen Lachen begleitet. Jens kannte ihn, es war der Besitzer der Brauerei, oder besser gesagt, der Juniorchef, Eduard Froeling, dessen Gesicht in den Lokalmedien mindestens genauso oft auftauchte, wie das von Hans und Lore Westerfeldt. Jens kannte ihn aber auch aus der Schulzeit, obwohl der Mann, der ihn nun aus einem dunkelgrauen Maßanzug heraus freundlich anlächelte, fünf Jahre älter war.

Eduard Froeling hatte ihn schon als Jugendlicher fasziniert. Warum, konnte Jens selbst nicht sagen. Wenn dessen Name fiel, wurde ihm ganz anders. Er begann zu zittern, in seinem Magen fühlte es sich an, als würde dort ein Handy vibrieren und ihm wurde heiß und kalt zugleich. In seiner Nähe hatte er sich stets unwohl gefühlt, wusste nicht, was er sagen sollte und biss sich lieber auf die Zunge, als sich vor ihm zu blamieren. Auch jetzt war ihm, als spielte sein Körper verrückt. Kaum hatte er Eduard an der Seite des Braumeisters erkannt, blieb er wie angewurzelt stehen. Sein Herz überschlug sich. Sein Mund wurde trocken. Die Zunge klebte ihm dick und schwerfällig am Gaumen.

Dabei hatte ihm Eduard noch nie etwas getan. Sie hatten durch ihren Altersunterschied und ihren komplett anderen Lebenswandel auch kaum miteinander zu tun gehabt, geschweige denn mehr als ein flüchtiges Hallo auf dem Schulflur oder ein paar belanglose Sätze gewechselt.

Dennoch kam sogleich die alte Unsicherheit wieder hoch, als er den Juniorchef näherkommen sah. Jens überlegte, einfach in den Wagen zu steigen und davonzufahren, als ihm klar wurde, wie lächerlich und dumm dieses Verhalten bei den beiden Männern ankommen musste.

„Herr Westerfeldt?“, begrüßte ihn Eduard und hielt ihm die Hand hin. Zwei Reihen weißer Zähne blitzten auf, als er sein freundliches Lächeln verstärkte. „Jens Westerfeldt?“

Jens nickte nur, schlug zögerlich ein und kämpfte gegen den Drang an, seine Hände in den Hosentaschen zu vergraben, nur um ihn nicht berühren zu müssen. Es traf ihn auch wie eine elektrostatische Entladung, als sich ihre Hände umfassten und drückten. Eduards Handschlag war warm und angenehm fest. Jens hätte es auch gewundert, wenn so ein Sonnyboy wie der Brauerei-Spross den Händedruck eines Weicheis gehabt hätte.

„Schön, dass wir uns auch einmal persönlich begegnen“, plauderte Eduard sogleich weiter. „Ich hörte, Sie haben das ganze letzte Jahr auf Entwicklungshilfe in Afrika verbracht?“

Abermals nickte Jens, nicht in der Lage, auch nur einen Ton von sich zu geben. Er fragte sich, warum er in der Nähe dieses Mannes nur so merkwürdig reagierte, so als hätte dieser Kryptonid an sich oder Ähnliches, das seine Gedanken und die Funktion seines Körpers komplett durcheinanderbrachten. Früher hätte er persönlichen Kontakt strikt vermieden, doch jetzt war es nicht möglich. Er musste sich dem stellen. Zudem fragte er sich, woher der Mann dies über ihn wissen konnte und warum es ihn überhaupt interessierte, was der Sohn eines Spendensammlers machte. Wusste er noch mehr über ihn, eventuell auch, dass er seit einem Semester Sozialwissenschaften studierte? Oder dass er Lehrer oder irgendwas in der Richtung werden wollte? Oder dass er eigentlich noch keinen wirklichen Plan hatte, was er aus seinem Leben machen sollte?

Eduard lächelte weiterhin geduldig, als Jens nicht antwortete, sondern nur in dessen Gesicht starrte.

Nach ein paar Sekunden gab es Eduard auf, schien entweder zu der Entscheidung gekommen zu sein, dass Jens nicht mit ihm sprechen wollte, oder stumm sei. Noch immer hielt er die Hand und drückte sie leicht. Sein Daumen drückte sich fester auf den Handrücken, ließ aber dann plötzlich los.

„Wie dem auch sei“, nahm Eduard das Gespräch wieder auf. „Die Lieferung wird pünktlich um sechs bei euch eintreffen. Ich freue mich auf heute Abend. Ihre Eltern sollen sich diesmal übertroffen haben, wurde mir erzählt.“

„Es ist schön“, krächzte Jens, als er endlich den Mund aufbrachte. Sofort schalt er sich auch schon für den erbärmlichen Tonfall.

„Was ist schön?“, hakte Eduard leicht verwirrt nach.

„Das Fest“, erwiderte Jens knapp. Sein Blick glitt zur Seite, wo sich der Eingang zur Verladehalle befand.

„Die Getränke“, presste er hervor. Warum konnte er nicht wie ein Normalsterblicher reden? Er hörte sich wie ein Neandertaler an.

Eduard lachte leicht unsicher. Er schien mit Jens' Antworten nichts anfangen zu können und die peinliche Situation mit einem Lachen zu übertünchen.

„Es steht fast alles bereit“, fuhr er fort. „Wir hatten ein Problem mit der Abfüllmaschine. Aber es wird alles rechtzeitig fertig sein. Ich habe es Ihrem Vater versprochen.“ Er legte Jens eine Hand auf die Schulter und zog ihn mit sich, als er sich auf den Weg zurück zum Gebäude machte. „Wie war es eigentlich in Afrika?“, erkundigte er sich. „Ich war vor zwei Jahren dort, aus geschäftlichen Gründen. Ich fand es unangenehm heiß.“

„Ja“, gab Jens knapp von sich. Seine Zunge fühlte sich wie ein Bleiklumpen an.

Eduard stieß den Braumeister an. „Ist er immer so wortkarg?“, wollte er von ihm wissen.

Der Ältere zuckte mit den Schultern und zwinkerte dem jungen Westerfeldt zu. „Nach seinem Vater kommt er jedenfalls nicht.“

Jens ärgerte sich über sich selbst, über die Unverfrorenheit, mit der sich die beiden Männer über ihn lustig machten und im Besonderen über Eduard. Dem begehrtesten Junggesellen der Stadt, wie er letztens in der Lokalzeitung tituliert worden war, war zwar früher schon der Ruf eines überheblichen Berufssohnes angehaftet, doch Jens hatte nie Gelegenheit gehabt, dies auch zu überprüfen. Jetzt schien er den ultimativen Beweis dafür geliefert zu bekommen.

Leider half es nicht, seine Beklemmung ihm gegenüber zu lösen. Nach wie vor brachte er den Mund nicht auf und wünschte sich immer stärker, endlich wieder verschwinden zu können. Andererseits zog es ihn wie magisch zu diesem Mann. Was genau an ihm so faszinierend war, konnte er nicht sagen. Die melodische Stimme, die so weich und angenehm wirkte, auch wenn Belustigung mitschwang? Die dunklen Augen, umrahmt von dichten Wimpern, die ihn musterten, als könne er seinem Gegenüber tief in die Seele blicken. Das fein geschnittene Gesicht mit den Grübchen am Kinn und der geraden Nase, die zwischen zwei gezupften Augenbrauen hindurch auf einen vollen, roten Mund zeigte.

Eduard war das krasse Gegenteil von ihm, ein durchgestyltes Modell, das aus einer exklusiven Managerzeitschrift entstiegen sein konnte, bis ins Detail durchdacht und aufgehübscht.

Jens schloss einen Moment die Augen. Was war eigentlich mit ihm los? Eduard war doch nur ein Mann, einer der in einer ganz anderen Liga spielte und der nur Spott für ihn übrig hatte. Warum konnte jemand wie er ihn so verunsichern?

Da Jens ein paar Schritte mit geschlossenen Augen gelaufen war, bemerkte er die leicht erhöhte Schwelle nicht, als er hinter Eduard und dem Braumeister das Gebäude durch das Ladetor betrat. Er blieb mit der Fußspitze hängen, stolperte und rempelte geradewegs den Juniorchef höchst unsanft an. Dieser reagierte überraschend schnell, packte Jens unter dem Arm und zog ihn wieder auf die Beine, ehe dieser der Nase lang auf den Betonboden knallen konnte.

Noch ergriffen von dem Schreck starrte Jens den Mann an. Er war nicht fähig, etwas zu sagen, sich gegen die körperliche Nähe zu wehren oder auch nur zu atmen. Er konnte ihn einfach nur anstarren, als wäre er das achte Weltwunder.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte sich Eduard. Noch immer hielt er ihn unter dem Arm fest, war sich offensichtlich nicht sicher, dass Jens in der Lage war, sich auf seinen Beinen zu halten.

Zögerlich nickte Jens, streckte seine Beine, die sich plötzlich wie mit Pudding gefüllt anfühlten, und versuchte, aufrecht stehen zu bleiben. Der Griff um seinen Arm war fest, jedoch nicht schmerzhaft. Dennoch glaubte er, dass von dieser Berührung kleine Nadelstiche ausgingen, die sich kribbelnd über seinen ganzen Körper ausbreiteten. Ihm war ganz merkwürdig zumute. Hitze überkam ihn, als er sich bewusst machte, wie nahe ihm Eduard war.

„Geht schon. Danke“, presste er mühsam hervor und straffte sich. „Entschuldigung“, schob er sogleich hinterher. Immerhin hatte er nicht auf seinen Weg geachtet und den Mann angerempelt.

„Keine Ursache“, winkte dieser ab und ließ ihn endlich los.

Im selben Moment wurde Jens von einer kalten Leere erfüllt. An seinem Arm pochte noch lange die Erinnerung an die Berührung, als hätte sie sich dort nachhaltig eingefräst.

„Ich hätte Sie warnen sollen“, fuhr Eduard fort. In seinen dunklen Augen blitzte es auf, als ein Gabelstapler mit einer Palette klirrender Getränkekästen vorbeifuhr, sich das Licht in einer der Flaschen widerspiegelte und geradewegs Eduards Augen traf. „Die Schwelle hat mich auch schon einen Vorderzahn gekostet.“ Der Juniorchef lachte. Der Braumeister fiel mit ein. Jens presste die Lippen zusammen. Es war kein Trost für ihn, dass er nicht allein so dumm sein sollte. Er bezweifelte auch, dass Eduard ihm diesbezüglich die Wahrheit gesagt hatte. Sicherlich war er nur freundlich und wollte die peinliche Situation etwas herunterspielen.

„Aber sie muss wegen des Regenwassers sein“, plauderte Eduard weiter. „Das Gelände ist zum Gebäude hin abschüssig und eine Sanierung oder besser gesagt eine Abtragung würde enorme Summen verschlingen. Also haben wir uns für die kostengünstigere Variante entschieden.“

Jens blickte zurück zur Schwelle und zog die Stirn kraus. Beinahe wäre er wieder auf den Mann geprallt, als dieser unvermittelt stehen blieb und auf mehrere Reihen Getränkekästen deutete, an denen ein großer weißer Zettel klebte, auf welchem handschriftlich „Westerfeldt“ stand.

„Das hier ist der erste Teil“, erklärte er. „Wenn es Ihnen recht ist, kann ich die Ware in Ihren Lieferwagen schaffen lassen.“

Jens nickte nur, presste die Lippen fester zusammen und schob die Hände in die Hosentaschen, während er seinen Blick über die Kastenstapel gleiten ließ.

Erneut blickte Eduard ihn abwartend an und lächelte schließlich leicht frustriert, als Jens einfach nur neben ihm stand als hätte er mit dieser ganzen Sache nichts zu tun. Mit einem Seufzen gab er dem Braumeister ein Zeichen, worauf dieser ein paar Mitarbeiter rief, die sogleich die Westerfeldt-Lieferung in den Kastenwagen schafften und festzurrten.

 

„Sehen wir uns heute Abend?“, wollte Eduard wissen, als die Arbeiten erledigt waren und nur noch sie beide draußen auf dem Hof standen. Jens hatte schon den Autotürgriff in der Hand und wäre grußlos davongefahren, wenn ihn nicht die Frage aufgehalten hätte.

Er wusste selbst, dass er schroff und unhöflich wirkte. Das Gesicht des Anderen war oft zwischen Verärgerung und Frust gewechselt. Doch Jens konnte nicht anders. Er brachte es nicht fertig, ein belangloses Gespräch mit dem Mann zu führen. Seine Kehle war wie zugeschnürt. Gerade noch, dass er atmen konnte.

„Wahrscheinlich“, gab er knapp von sich. Er schaffte es nicht einmal, zu lächeln. Der Gedanke daran, dass er Eduard bald wieder begegnen sollte, ließ den Klumpen in seinem Hals erneut anschwellen. Natürlich würden sie sich heute Abend über den Weg laufen. Seine ganze Familie war dort, zwangsrekrutiert.

„Dann bis heute Abend“, verabschiedete sich Eduard fröhlich, öffnete für Jens die Wagentür, wobei er seine Hand auf die von Jens legen musste, da dieser noch immer den Griff umklammert hielt. Erneut ging von dieser Berührung ein seltsames Kribbeln aus, das wie ein Tsunami über seinen ganzen Körper hinwegrollte. Er war auch nicht imstande, seine Hand unter der von Eduard herauszuziehen. Hilflos musste er diesen direkten Körperkontakt über sich ergehen lassen.

Zu seinem grenzenlosen Unverständnis bemerkte er, dass er diese Berührung sogar genoss. Es gefiel ihm, obwohl sein Körper absolut irritierend darauf reagierte. Er bedauerte es zutiefst, als Eduard seine Hand zurückzog. Fast traurig blickte Jens der Hand hinterher, wünschte sich sogar, sie würde sich wieder auf die seine legen.

„Ich freue mich“, sagte Eduard in einem merkwürdigen weichen Ton.

Jens sah hoch und geradewegs in die dunklen Augen des Mannes. Ihm wurde heiß und kalt. Das Kribbeln, das noch immer von der Berührung durch seinen Körper wallte, sammelte sich in seinem Unterbauch und richtete dort absolutes Chaos an. Er biss sich schmerzhaft auf die Zunge, als er merkte, dass sein Schwanz anschwoll.

Mit einem letzten Nicken sprang Jens förmlich auf den Fahrersitz, warf die Tür hinter sich zu, startete den Motor und düste mit quietschenden Reifen davon.

Was um Himmels willen war nur los mit ihm?

 

 

2.

Am liebsten hätte sich Jens krankgemeldet.

Ihm war elend. Sein Magen fühlte sich an, als wollte er das Innerste nach außen kehren, und sein verflixter Schwanz war seit der Begegnung mit Eduard nicht mehr dazu zu bewegen, sich zu beruhigen. Auch nicht, nachdem er sich unter der Dusche selbst befriedigt hatte. Es war wie verhext.

Was hatte dieser Mann an sich, dass er ihn so durcheinanderbringen konnte?

Gut, Eduard hatte ihn früher schon fasziniert. Es gab sogar eine Zeit, in der er jede Neuigkeit über den Froeling-Spross gierig in sich aufgesaugt hatte, bis ihm irgendwie klar wurde, wie lächerlich er sich benahm. Er war neidisch auf ihn gewesen, hatte sich stets gewünscht, wie er zu sein, so selbstsicher, beliebt, sportlich aktiv und reich. Erst als Eduard sein Abi gemacht hatte und von der Schule verschwand, löste sich etwas in ihm und Jens hatte beginnen können, sein eigenes Leben in die Hand zu nehmen und zu gestalten. Ganz vergessen hatte er ihn jedoch nie.

Und jetzt war er wieder zurück.

Einen ganzen Abend würde er mit ihm verbringen müssen.

Jens nahm sich vor, sich Arbeiten zu suchen, die nicht in direktem Kontakt mit den Gästen stand. In der Küche oder von ihm aus auch Dienst auf der Damentoilette, nur damit er nicht auf Eduard traf.

Jens hielt sich bewusst hinter den Kulissen auf, half, die Gerichte auf die Platten und Teller zu verteilen, spülte Geschirr und räumte den Müll weg. In den Festsaal traute er sich nicht, aus Angst Eduard über den Weg zu laufen.

Fast wäre es ihm auch gelungen, als Susanne gegen elf Uhr in die Küche kam und sich zu ihm setzte.

Auf dem Programm stand gerade die Versteigerung von helfenden Händen, sprich: Freiwillige stellten sich zur Verfügung, sich für ein Wochenende als Mädchen für alles versteigern zu lassen.

„Wir haben nur ganz wenige Freiwillige“, berichtete sie bedauerlich und stürzte ein Glas Wasser gierig in sich hinein. Offensichtlich war sie den ganzen Abend nicht zum Trinken gekommen. „Willst du dich nicht auch zur Verfügung stellen?“

Jens fuhr entsetzt hoch. „Ich?“ Er schnaufte tief durch. „Wie kommst du auf die Idee, dass jemand für mich bieten würde?“

Susanne kicherte und betrachtete ihren Bruder. „Och, du siehst doch ganz schnuckelig aus. Da draußen gibt es jede Menge Damen, die sicherlich einiges dafür bieten würden, dir ein Wochenende beim Arbeiten zuschauen zu dürfen.“

„Das bezweifle ich“, gab Jens wenig überzeugt und mit klopfendem Herzen von sich.

Susanne zupfte an seinem Hemd herum. Die Anzugjacke hatte er schon lange abgelegt. Sie wäre beim Abspülen unweigerlich nass geworden.

„Also ich würde für dich bieten“, sagte sie anerkennend und strich ihm sanft über das Kinn. „Du siehst zum Anbeißen aus.“

„Du spinnst“, tat er das Lob seiner Schwester ab und knuffte ihr frech in die Seite. „Für mich interessiert sich doch kein Mensch.“

„Dass du dich da mal nicht täuschst. Zufällig kenne ich jemanden, der nicht abgeneigt wäre, dich für ein Wochenende ganz für sich zu haben.“

Jens' Herz klopfte schneller. Aus unerklärlichen Gründen musste er plötzlich an Eduard denken, obwohl er ihn den ganzen Abend lang erfolgreich verdrängt hatte.

„Wen?“, keuchte er. In seinem Schritt begehrte sein Penis schon wieder auf. Er presste die Lippen zusammen und kämpfte den Drang nieder, der sich auf einmal in ihm aufbaute.

„Ich hab versprochen, nichts zu verraten“, entgegnete sie mit einem breiten Grinsen. „Es war ihr schon peinlich genug, sich in meinen Bruder verliebt zu haben.“

Peinlich?, wiederholte Jens in seinen Gedanken enttäuscht. War es wirklich peinlich, sich in ihn zu verlieben? Galt er tatsächlich als Verlierer?

Tatsächlich hatte er es stets vermieden aufzufallen. Die Rolle des Aufschneiders und Superstars lag ihm nicht. Er mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen.

„Sie ist heute da und dachte eigentlich, dich zu einem Tanz verführen zu können. Ich habe ihr vorgeschwärmt, wie gut du tanzen kannst.“ Susanne zwinkerte ihm vielsagend zu. „Aber du hast es ja vorgezogen, dich in der Küche zu verkriechen. Du solltest mehr unter die Leute gehen. Mit deinem Aussehen brauchst du dich nicht zu verstecken. Du siehst gut aus.“ Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange.

„Es bietet bestimmt jemand für dich“, sagte sie wissend und lächelte ihn adrett an. „Komm schon. Trau dich.“

Jens rang mit sich. „Ich weiß nicht.“ Eigentlich grauste ihm davor. Auf der Bühne zu stehen, von allen Gästen angestarrt und abgeschätzt zu werden, gefiel ihm ganz und gar nicht.

„Es wäre super, wenn du dich versteigern lassen würdest“, flötete sie und hauchte ihm einen weiteren Kuss auf die Wange.

„Wer will sich versteigern lassen?“, tönte die Stimme ihres Vaters, der eben die Küche betrat.

„Jens“, erklärte Susanne prompt.

Dieser wollte sogleich zum Protest ansetzen, als sein Vater mit einem freudestrahlenden Gesicht auf ihn zukam, ihn an den Schultern packte und an die Brust zog.

„Das finde ich einfach großartig“, rief er begeistert, legte den Arm um die Schultern seines Sohnes und zog ihn mit sich zurück in den Festsaal. Jens sträubte sich innerlich, kämpfte dagegen an, doch er verlor, noch ehe er seinem Widerstand Ausdruck verleihen konnte. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Hilflos ließ er sich von seinem Vater zur Bühne ziehen.

„Wir haben ein weiteres Versteigerungsobjekt“, tönte sein Vater in das Mikrofon. Seine sonore Stimme schallte über die Lautsprecher durch den ganzen Saal.

Ein heftiges Zittern erfasste Jens. Er fühlte sich unbehaglich, als er seinen Blick über die Gäste schweifen ließ. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Einige wurden groß und musterten ihn mit sichtlichem Interesse. Andere schienen von dem neuen Angebot nicht sonderlich beeindruckt zu sein. Wahrscheinlich hatten sie schon jemanden ersteigert, oder das neue Angebot war ihrer Meinung nach die Mühe nicht wert.

Ein ganz spezielles Gesicht stach ihm besonders ins Augenmerk. Wie magisch wurde sein Blick in eine Ecke des Raumes gezogen, wo Eduard mit seiner Familie saß. Dessen Augen wurden groß, als Jens' Vater das neue Versteigerungsobjekt präsentierte.

„Mein Sohn Jens hat sich eben bereit erklärt, sich für ein Wochenende zur Verfügung zu stellen.“ Das Gesicht des Mannes strahlte vor Stolz, als er die Hand auf die Schulter seines Sprösslings legte und sie leicht drückte. Dann nahm er den Auktionshammer und klopfte einmal auf das Rednerpult. „Das Gebot beginnt bei zehn Euro.“

Jens' Knie wurden weich. Er wünschte sich sehnlichst, einfach im Boden zu verschwinden oder sich in Luft aufzulösen. Sein Herz klopfte ihm wild und hektisch bis zum Hals und schien seinen Brustkorb sprengen zu wollen. Seine Knie drohten einzuknicken. Er musste sich verkrampfen, um nicht zusammenzuklappen.

Ein paar Frauen boten tatsächlich für ihn. Unter ihnen Susannes beste Freundin Rita, worauf Jens' nun informiert war, wer die Unbekannte war, die sich in ihn verliebt hatte. Er wusste nicht, ob er sich geschmeichelt fühlen sollte, oder lieber verärgert. Er konnte das laute, flippige Mädchen nicht ausstehen.

Die Gebote gingen schnell auf hundert Euro hoch. Rita, wie auch eine Verkäuferin des kleinen Gemischtwarenladens in der Innenstadt und eine ältere Dame mit goldener Brille und Brillenkette um den Hals überboten sich gegenseitig. Bei einhundertzehn stieg die Verkäuferin aus. Susannes Freundin bot bis einhundertfünfzig, dann zog sie sich schmollend auf ihren Stuhl zurück. Die ältere Dame strahlte über das ganze Gesicht, wähnte sie sich bereits als Siegerin der Auktion, als eine Männerstimme über alle hinweg tönte.

„Eintausend“, hallte Eduards Stimme durch den Raum, ehe Jens' Vater das dritte Mal auf das Rednerpult hämmern konnte. Er hatte sich erhoben und stand nun mit entschlossener Miene zwischen den anderen Gästen. Die ältere Dame rückte ihre goldene Brille zurecht und blickte den jungen Brauerei-Spross scharf an.

„Eintausendundzehn“, bot sie trotzig.

Eduard schenkte ihr ein gefährliches Lächeln. „Fünftausend.“

Die Dame sog entrüstet die Luft ein und schüttelte schließlich den Kopf.

„Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten“, rief Jens' Vater und hämmerte bei jeder Zahl hart auf das Pult, als wollte er dort einen Nagel einschlagen. „Verkauft an Eduard Froeling für fünftausend Euro.“

Jens' Vater war begeistert. Ihm selbst war zum Heulen zumute. Er biss fest die Lippen zusammen und verkrampfte sich am ganzen Körper, um das Zittern in seinen Gliedern zu verbergen.

Das war ein Albtraum. Er würde Susanne umbringen, oder noch besser, seinen Vater davon überzeugen, dass alles nur ein Missverständnis war.

Breit lächelnd kam Eduard auf die Bühne, schüttelte die Hand des Kurators und überreichte ihm einen Scheck über die Summe, den er demonstrativ in die Kameras der Fotografen hielt.

„Wissen Sie schon, was Sie meinem Sohn für Arbeiten auftragen?“, wollte Jens' Vater wissen. Eine Frage, die mehr den mitschreibenden Reportern diente, als zu seiner eigenen Wissensbefriedigung.

„Mein Pool müsste dringend gesäubert werden“, erklärte Eduard lachend. „Das ist immer noch billiger, als ein Poolservice.“ Er lachte über seinen Scherz, schüttelte die Hand des Initiators, während das Blitzlichtgewitter der Fotografen jede Bewegung festhielt, und schenkte auch Jens ein freudiges Lächeln, ehe er sich wieder dem Älteren widmete.

„Es ist mir eine Ehre, meinen Beitrag zu Ihrer Spendenaktion leisten zu dürfen“, erklärte Eduard erhaben. „Die ganze Familie Froeling und die Brauerei Dunkelbräu begrüßen Ihre Initiative sehr. Es müsste mehr Leute wie Sie geben, Herr Westerfeldt, dann wäre die Welt ein klein wenig glücklicher.“ Er lachte kurz, während er noch immer die Hand des Mannes hielt und schüttelte. Die Blitzlichter flammten ein weiteres Mal auf. „Lassen Sie mich noch mitteilen, dass die von uns gelieferten Getränke für den heutigen Abend eine Spende der Brauerei Dunkelbräu sind. Ein kleiner Beitrag für die Opfer des Hochwassers.“

Das Gesicht von Jens' Vater erhellte sich noch mehr.

„Vielen herzlichen Dank an die Familie Froeling und an Dunkelbräu“, gab er begeistert von sich und schüttelte heftig die Hand, die ihn noch immer umklammert hielt. Der Mann war mehr als zufrieden, während sein Sohn mit der drohenden Ohnmacht kämpfte.

Sein Magen rebellierte. Ihm wurde schlecht. Sein Gesicht war bleich und starr wie eine Kalkwand und wurde sicherlich noch bleicher, als sich Eduard an ihn wandte und ihm eine Visitenkarte in die Hand drückte.

„Komm am Freitag um acht zu mir“, flüsterte er, klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und verließ unter einem weiteren Blitzlichtgewitter die Bühne.

Jens stahl sich unbemerkt davon, noch ehe sein Vater ihn abermals ins Rampenlicht zerren konnte. Am Eingang zum Festsaal fiel ihm Susanne um den Hals.

„Du bist großartig. Dass dich ausgerechnet Froeling ersteigert hat, finde ich absolut fantastisch. Das viele Geld, einfach Wahnsinn“, kicherte sie begeistert, während sie ihren Bruder an sich presste.

Jens nickte nur verbissen, machte sich von ihr frei und floh davon, um sich über eine Toilette zu beugen und zu übergeben.

Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Er konnte nicht ein ganzes Wochenende bei den Froelings verbringen. Das würde er nicht überleben. Auch wenn er nur den Pool reinigen sollte, was ihn viel weniger störte, als die Tatsache, dass er dabei unweigerlich auch Eduard über den Weg lief. Jens starb innerlich bei dem Gedanken, sich ständig in dessen Nähe aufhalten zu müssen, mit ihm reden und womöglich auch noch von ihm überwacht wurde. Das konnte er nicht tun.

Während sich sein Magen unaufhörlich verkrampfte und inzwischen nur noch bittere Galle hochwürgte, liefen ihm auch die Tränen über das Gesicht.

Dieses Wochenende durfte einfach nicht stattfinden. Er konnte es nicht tun. Verzweifelt überlegte er, ob er eine Krankheit vortäuschen sollte, oder Ausreden auftischen, von wegen, er müsse auf eine wichtige Arbeit lernen. Er wusste jedoch, dass ihn das nicht davor bewahren würde. Eduard Froeling hatte zu viel Geld für ihn bezahlt, als dass er sich dieses Erlebnis durch die Lappen gehen ließe. Zudem war auch noch die Presse informiert. Höchstwahrscheinlich musste er sogar zusammen mit einer ganzen Schar Reporter und Fotografen seinen Dienst antreten.

Bei diesem Gedanken verkrampfte sich sein Magen erneut. Nein, er wollte nicht. Auf gar keinen Fall wollte er dieses Wochenende absolvieren.

Seine Eltern machten es ihm auch nicht gerade leichter. Sein Vater war hellauf begeistert. Er klopfte ihm zuversichtlich auf die Schulter und lobte den selbstlosen Einsatz seines Sohnes in den höchsten Tönen. Seine Mutter klatschte jubelnd in die Hände, als sie davon hörte, welche Summe der Froeling-Spross geboten hatte. Die ganze Woche blickte Jens unentwegt in strahlende Gesichter. Nur seines war wie versteinert und brachte nicht einmal ein Lächeln zustande.

Jens lag die Nächte heulend in seinem Bett und überlegte sogar einmal, sich von einer Brücke zu stürzen, verwarf jedoch den Gedanken wieder. Eduard war es nicht wert. Jens hatte sich noch so viel vorgenommen … sein Studium, das Leben zu genießen, welchen Weg auch immer er einschlagen würde.

Am Freitag hockte er über eine Stunde mit der Visitenkarte in der Hand vor dem Telefon und dachte darüber nach, ob er anrufen und absagen, oder sie lieber einfach in den Müll werfen sollte. Er wollte nicht anrufen, hatte Angst davon, die angenehme Stimme des Froeling-Sprosses zu hören, und bei ihm erscheinen schon gleich gar nicht, sein Pflichtgefühl gebot es ihm jedoch. Seine Hände zitterten, als er das Telefon in die Hand nahm. Sie waren schweißnass, sodass ihm das Gerät aus den Fingern rutschte und auf den Boden fiel. Der Akkudeckel sprang ab und die Batterien kullerten heraus. Jens sank vor dem Gerät auf den Boden und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Noch nie in seinem Leben hatte er so viel Angst vor etwas gehabt, wie vor dieser neuerlichen Begegnung mit Eduard.

Als es an seiner Zimmertür klopfte, fuhr er erschrocken zusammen.

„Bist du soweit?“, erkundigte sich sein Vater. Die Tür öffnete sich ein Stück. Sein Kopf kam zum Vorschein. „Eduard Froeling hat eben angerufen und mitgeteilt, dass die Presse ein paar Fotos machen wolle.“ Die Tür ging weiter auf und der Rest von seinem Vater schob sich herein. „Was ist mit dir los?“, wollte er wissen, als er seinen Sohn am Boden kauern sah, dessen Gesicht tränenüberströmt.

„Ich kann das nicht“, presste Jens mühsam hervor, wischte sich die Feuchtigkeit aus dem Gesicht und sah seinen Vater an. „Ich will da nicht hin.“

„Warum nicht? Herr Froeling hat viel Geld dafür geboten.“

„Mir ist das Geld scheißegal!“, schrie Jens wütend. Seinem Vater ging es nur um das Geld, das die Benefizveranstaltung eingebracht hatte, und um sein Image. Dies traf ihn schmerzhaft ins Herz.

„Es geht auch nicht ums Geld“, donnerte sein Vater zurück. „Sondern um die Sache an sich. Das war ein wohltätiger Zweck. Wir helfen damit Leuten, deren Existenz bedroht ist. Reiß dich gefälligst zusammen. Anderen Leuten ergeht es viel schlechter als dir. Manche Leute haben nichts mehr. Das Hochwasser hat ihnen alles genommen. Denk bitte auch einmal daran. Dein Beitrag hierzu ist nur gering. Was kann an einem Wochenende Pool schrubben schon Schlimmes dran sein? Etwas körperliche Arbeit kann auch dir nicht schaden.“

„Hast du überhaupt verstanden, worum es mir geht?“, wollte Jens wissen. Er erhob sich und baute sich vor seinem Vater auf. „Mir geht es nicht darum, für andere schuften zu müssen. Das mache ich schon mein ganzes Leben lang. Mir geht es darum, dass ich diesen Eduard nicht ausstehen kann. Ich will nicht dahin. Ich kann es nicht.“

„Dann hättest du dich auch nicht für die Versteigerung zur Verfügung stellen dürfen.“

„Hab ich auch nicht, aber ihr habt mir keine andere Wahl gelassen.“

„So schlimm wird es bestimmt nicht werden“, wischte sein Vater die Argumente mit einer wegwerfenden Handbewegung vom Tisch. „Mach dich fertig. Eduard Froeling und die Presse warten bereits auf dich.“

„Die können mich mal“, spuckte ihm Jens wütend entgegen. „Ich will nicht.“

„Du willst deinen Dienst nicht antreten?“ Sein Vater beäugte ihn streng.

„Ja, will ich nicht. Das Ganze kotzt mich ohnehin schon seit Langem an.“

Eine Ohrfeige schallte.

Jens starrte seinen Vater fassungslos an.

„In fünf Minuten hast du deine Sachen für ein Wochenende gepackt“, sagte der kalt. „Ich will Froeling und der Presse nicht sagen müssen, dass sich mein eigener Sohn für den Dienst am Menschen zu schade ist.“

Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer.

Die Tränen rannen von Neuem über Jens' Gesicht. Seine Wange brannte wie Feuer, wo ihn die Hand seines Vaters getroffen hatte. Das Herz polterte schmerzvoll in seiner Brust, als würde es davonlaufen wollen. Am liebsten würde er seinem Herz und sich selbst diesen Wunsch erfüllen. Weit weglaufen, ans andere Ende der Welt, von ihm aus, auch mitten in das schlimmste Elendsviertel von Afrika. Nur weg von seinem Vater und Eduard.

Dennoch packte er ein paar Sachen in eine Sporttasche und setzte sich wortlos ins Auto zu seinem Vater, tapfer jede weitere Träne runterwürgend, die es wagte, zum Vorschein zu kommen.

 

 

Impressum

Texte: Ashan Delon
Bildmaterialien: Nejron Photo 140860981/www.shutterstock.com
Lektorat/Korrektorat: Sissi Kaiserlos, Ingrid Kunantz
Tag der Veröffentlichung: 16.10.2013

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