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Die Fee von Nome

No longer of fortune the fool ...

Hamlin Garland, Die Goldsucher

 

 

 

Eigentlich war Polly McIntry wie jedes zwölfjährige Mädchen. Aufmüpfig, ein wenig besserwisserisch und voller Träume. Mit ihren kurzen rotblonden Haaren, dem schmalen Körper und den frechen Augen konnte man sie gut für einen Jungen halten, und so benahm sie sich in aller Regel auch. In einer Stadt wie Nome war das sicherlich ein Vorteil, vor allem an den Abenden, an denen sie Handlangerarbeiten in Dusty's Saloon erledigte, unter Abenteurern und Kriminellen aus aller Welt. Eine Kundschaft, die in aller Regel wenig Taktgefühl hat. Heute würde ich gerne wissen, was aus Polly geworden ist, ob sie in Nome geblieben ist oder Alaska verlassen hat. Vielleicht hat sie das Sägewerk ihres Vaters übernommen, oder sie hat mit irgendeinem der jungen Glücksritter ein Geschäft in Nome eröffnet. Polly und ich, wir waren wie zwei Schiffe, deren Wege sich auf dem Meer kreutzen. Für einen kurzen Augenblick hatten wir jeweils Teil am Leben des anderen, ehe wir uns wieder auf den Weg machten. Jeder auf seinem Kurs, das eigene Schicksal als Gepäck und die eigenen Sehnsüchte als Kompass.

Natürlich war Polly in einer Situation, in der man sich Sorgen um sie machen musste, und das habe ich auch reichlich getan. Aber irgendetwas in mir sagt mir, dass sie es geschafft hat, denn sie war nicht nur eine Fee, die den Anspruch hatte, anderen Menschen, wo immer sie konnte, zu helfen. In ihrem kleinen irischen Körper steckte auch ein Raubtier. Schlau und stark, wenn es darauf ankam. Ich habe es manchmal in ihren Augen aufblitzen sehen, dieses Raubtier, dann wusste ich: Polly McIntry wird so schnell nicht untergehen. Sie hatte gelernt zu kämpfen. Aber vielleicht habe ich sie damals auch überschätzt, vielleicht war sie wirklich nur ein zwölfjähriges Mädchen, das ihre Ängste und Unsicherheiten mit der magischen Kraft ihrer Wunschstäbe zu bannen versuchte.

Aber vielleicht sollte ich von vorne beginnen. Angefangen hat alles mit einem Verrat. Der Verräter war mein bester Freund Peter und der Verratene war ich. Das alles spielte sich vor vielen Jahren im Sommer des Jahres 1903 ab, in Alaska, wohin Peter und ich aufgebrochen waren, um wie Zehntausende anderer Glücksritter, nach Gold zu suchen. Wir hatten in diesem Jahr beide unser Studium in San Francisco beendet. Peter stammte aus einer wohlhabenden Familie von Anwälten, folglich ist auch er Anwalt geworden. Er sah seinem Vater bereits erstaunlich ähnlich, trotz des Altersunterschiedes von mehr als dreißig Jahren. Wie die Haare seines Vaters befanden sich auch Peters Haare bereits auf dem Rückzug, dazu kam eine eher stämmige Figur.

Für mich war die Welt des gehobenen Bürgertums, die ich durch Peter kennengelernt hatte, eine neue Erfahrung. Ich war in Seattle zur Welt gekommen, einer eher armen Stadt. Mein Traum von Jugend an war es, Medizin zu studieren, da ich so manches Elend erlebt hatte, das aus einer unzureichenden Gesundheitsversorgung hervorgegangen war. Meine kleine Schwester Pia etwa war mit fünf Jahren an Typhus gestorben, da meine Eltern nicht die Mittel hatten, sie medizinisch anständig zu versorgen. Ein Ereignis, das sich der ganzen Familie tief eingeprägt hat.

Nun aber zurück zu den Ereignissen des Jahres 1903. Peter und ich, wir schlossen uns, nur wenige Wochen, nachdem wir die Universität erfolgreich beendet hatten, den Goldsuchern an, die bereits seit Jahren in den Hohen Norden strömten. Wir hatten uns in den Kopf gesetzt, uns dort das Startkapital für unser Berufsleben zu besorgen. Ein ordentlicher Goldfund würde die ersten Jahre unserer Selbständigkeit deutlich erleichtern, fanden wir. Das Leben hielt schließlich alle möglichen Unwägbarkeiten bereit. Eine Portion Abenteuerlust allerdings war auch mit entscheidend.

Im Juni erreichten wir auf einem Segelschiff Nome. Hier auf der Seward Halbinsel hatten im September 1898 zwei Schweden und ein Norweger am Anvil Creek einen sagenhaften Goldfund gemacht. Die Gerüchteküche besagte damals, dass das Gold in Cape Nome am Strand herumliegen würde und dass man sich nur zu bücken bräuchte, um es aufzusammeln. Später stellte sich heraus, dass das Gerede so ganz falsch nicht war, dass aber die meisten Goldsucher das begehrte Metall dem Boden Alaskas nur mit viel Aufwand und Schinderei entreißen konnten. Viele der Glücksritter gingen sogar vollkommen leer aus.

Damals, im Sommer 1903, als Peter und ich dort eintrafen, war die Stadt ein unübersichtliches Gebilde aus Zelten verschiedenster Größe sowie ein- bis zweistöckigen Holzhäusern. Der Strand Richtung Cape Rodney war mit Zelten bedeckt. Es waren die einfachen Unterkünfte von Goldsuchern, Prostituierten und Geschäftemachern, eine Zeltstadt in einer umgegrabenen Landschaft, die zwei bis drei Meilen in das hügelige Land um Nome hineinreichte. An den Ufern standen bereits die berüchtigten Eisenmonster, die Sand aus dem Meer baggerten, um der Natur noch den letzten Rest des begehrten Edelmetalls abzutrotzen.

Peter und ich, wir übernahmen einen Claim westlich von Nome am Penny River, den drei junge Männern aus Australien aufgaben, da sie wieder zurück in ihre Heimat wollten. Sie hatten seit einem Jahr nichts gefunden und hielten das unwirtliche Klima in Alaska nicht mehr aus. Ich hatte mir damals beim Anblick der vielen Goldsucher und der unterschiedlichen Geräte, die hier eingesetzt wurden, kaum noch Hoffnungen gemacht, zumal der Claim, den wir nun besaßen, bereits umgegraben worden war. Unser Plan war es, die Abstützung der Seitenwände, die die Australier ziemlich schlampig angebracht hatten, stabiler zu machen und dann noch einige Meter tiefer zu gehen, auch wenn das hieß, bis zu den Knien im Wasser zu stehen, das man nie vollständig abpumpen konnte. Dafür mussten wir uns hohe Stiefel und wärmende Unterwäsche besorgen. Die Grube zu erweitern war ebenfalls äußerst mühselig, aufgrund des Permafrostbodens. Zunächst musste ein Feuer gemacht werden, um die Erde aufzutauen. Danach erst konnte wir uns mit Pickel und Spaten in die Tiefe arbeiten.

Es mag unglaublich klingen, aber das Wunder geschah. Binnen weniger Monate wurden Peter und ich zu wohlhabenden Männern. Der Claim war überraschend ergiebig. Wir gehörten somit zu den Auserwählten, und das in einer Zeit, in der die Anfänge des Goldrausches am Cape Nome schon mehrere Jahre zurücklagen.

Bereits im August hatten wir genug Gold gefunden, um in Zukunft ein materiell sorgenfreies Leben führen zu können. Nach kurzer Zeit war das Goldvorkommen allerdings auch schon wieder versiegt und wir buddelten uns die Finger wund für zehn Cent am Tag. Also beschlossen wir, Nome wieder zu verlassen und nach Seattle in die Zivilisation zurückzukehren. Peter Freyman und Roul Haskins. Zwei erfolgreiche Glücksritter.

Wir mieteten eine Bretterbude am westlichen Stadtrand von Nome, nicht weit vom Snake-River entfernt, und verkauften unsere Ausrüstung, um den Eindruck zu erwecken, dass wir Geld benötigten für die Schiffsfahrkarte nach Seattle. Schließlich sollte sich unser Goldfund nicht herumsprechen. Aus Angst, dass man uns hier in Nome – wo Korruption in den letzten Jahren an der Tagesordnung gewesen war – übers Ohr hauen würde, wollten wir das Gold mit nach Kalifornien nehmen. Es war der 29. August, ein mit über 50 Grad Fahrenheit (12 Grad Celsius) für die dortigen Verhältnisse warmer Tag. Die Sonne schien aus einem fast wolkenlosen Himmel, obwohl der August auf der Halbinsel eigentlich ziemlich verregnet ist. Es war einer dieser intensiven Sonnentage, an denen deutlich wurde, weshalb man Nome auch die 'weiße Stadt' nannte. Die Zelte, von denen die Siedlung durchsetzt war, und die sich in ihrem Umland ausgebreitet hatten, schimmerten hell im Licht der Sonne und erinnerten Veteranen des Bürgerkrieges nicht selten an ein Militärlager.

Peter wollte zum Büro der Schiffahrtsgesellschaft, um die Schiffskarten für die 'C. D. Lane' zu besorgen, die in gut einer Woche auslaufen würde. In der Zwischenzeit brachte ich unser einziges Pferd, Wilhelm, einen Grauschimmel, der nach Peters Großvater benannt war, zu seinem neuen Besitzer. Peter hatte Wilhelm aus San Francisco mitgebracht, da Pferde in Nome deutlich teurer waren als in Kalifornien. Als ich jedoch zurück zur Hütte kam, war der Bretterboden aufgebrochen und die Pokes, die handlichen Wildlederbeutel, in denen sich unser Gold befand, waren verschwunden. Geblieben war mir nur die Goldwaage, mit der wir unseren Fund erst vor wenigen Tagen redlich in zwei Teile geteilt hatten. Peter hatte auch seine privaten Habseligkeiten mitgenommen, was darauf hindeutete, dass er nicht vorhatte, wieder aufzutauchen. Der Kerl hatte mich hereingelegt. Ihn durch die zuständigen Behörden suchen zu lassen war aussichtslos. In Nome herrschte damals ein endloses Kommen und Gehen von Glücksrittern auf der Suche nach Gold. Die Bevölkerung war auf deutlich mehr als zehntausend Menschen angestiegen und die Durchsetzung von Recht und Gesetz in dieser Region hatte sich in den letzten Jahren als enorm schwierig erwiesen. Doch auch wenn die behördlichen Strukturen ausreichend aufgebaut gewesen wären: Ich hätte beweisen müssen, dass mein Geschäftspartner mir meinen Anteil gestohlen hatte. Eine äußerst schwierige Angelegenheit, denn niemand außer uns wusste schließlich, wieviel Gold wir besaßen. Peter hätte sich zudem als Anwalt selbst verteidigen können, während ich tief in die Tasche hätte greifen müssen für einen Rechtsbeistand. Angesichts der vielen Unwägbarkeiten, die trotz der neuen Gesetze, die von der Regierung in Washington für dieses Territorium erlassen worden waren, noch herrschten, wäre ein juristsiches Vorgehen damals eine riskante Sache gewesen.

Mir war elend zumute. Ich konnte es nicht fassen. Zwei Tage lang verließ ich die Hütte kaum und hoffte darauf, dass mein Freund und Partner zurückkam. Dass er mich um Verzeihung bat. Dass er einfach durchgedreht und nun wieder zur Vernunft gekommen war. Dieser Diebstahl passte nicht zu Peter, den ich immer für einen aufrechten, gesetzestreuen Menschen gehalten hatte. Doch ich musste mich damit abfinden: Peter Freyman hatte mich betrogen.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Leonard Eden
Cover: Leonard Eden
Tag der Veröffentlichung: 11.10.2019
ISBN: 978-3-7487-1759-1

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