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Großstadtvampire - Bajuwarische Strategien

 

M. D. Schoppenhorst

 

Band zwei der Reihe Großstadtvampire

 

 

© 2016 M. D. Schoppenhorst

Monika Schoppenhorst

Im Amseltal 60

13465 Berlin

modo.schopp@gmx.de

 

Lektorat/Korrektorat: Nina C. Hasse, Lektorat Texteule, https://texteule-lektorat.com

Umschlaggestaltung:© A. A. Lucas, 2016

http://www.hansa-ideal.de/

 

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der Autorin reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

 

 

http://mdschoppenhorst.de/

Bürokratische Notwendigkeiten


Reger Betrieb herrschte auf dem Flur der Entbindungsstation des Klinikums Steglitz in Berlin. Angehörige mit Geschenken und Blumensträußen strebten in verschiedene Zimmer, Pflegehelferinnen verteilten Kuchen, Kaffee oder Tee an die Patientinnen, eine Schwester eilte zügig auf ein Blinklicht an der Wand zu.

In der Nähe des Schwesternzimmers stand Egon Wächter und lauschte. Er hoffte, ein paar Worte zu hören, die einen Schluss darauf zuließen, ob er sein Vorhaben erfolgreich abschließen könnte.

„Es ist ordentlich was los“, hörte er eine ältere Stimme sagen.

„Kein Wunder nach den vielen Geburten gestern. Als hätten sich alle Babys verabredet, am zwölften Juli auf die Welt zu kommen“, antwortete eine jüngere Frau.

„Bis auf dieses kranke Kind heute früh. Ach, wie traurig – das kämpft immer noch um sein Leben.“ Die Ältere seufzte. „Weiß man schon, was der Junge hat?“

„Doktor Reuben hat ihn in die Frühchenstation eingewiesen. Er atmete nicht spontan. Susanne hat erzählt, dass er intubiert werden musste. Kein Angehöriger war bei dem armen Mädchen. Sie hat das Drama allein durchgestanden. Das muss schrecklich gewesen sein.“

„Heute Abend kommt ein Psychologe, hoffentlich hilft er ihr.“

„Hilfe kann sie gebrauchen, so jung und schon solche Sorgen!“

Egon wusste, dass er Glück hatte. Gleich beim zweiten Krankenhaus auf dieser Tour fand er eine Gelegenheit. Er musste nur noch die Mutter identifizieren.

Im regen Treiben auf der Station fiel er nicht auf. Jeder vermutete in ihm einen jungen Vater, der seine Familie besuchen wollte. In der Hand hielt er einen Strauß mit roten Rosen und ein Päckchen. Er lauschte konzentriert. Tatsächlich spürte er den Gefühlen der Menschen nach.

Links von ihm stand eine Tür offen. Er trat näher, um hineinzusehen. Im Zimmer lag eine blonde, erschöpft aussehende Jugendliche, die niemanden zu erwarten schien. Ihre Einsamkeit sprang Egon regelrecht an. Kein Babybettchen zu sehen. Hier war er richtig. Ihren Namen las er auf dem Schild neben der Tür. Er klopfte leise an, bevor er den Kopf in den Raum steckte.

„Frau Wever?“, fragte er zaghaft. „Mein Name ist Egon Wächter. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, einsame Kranke zu besuchen, und habe gehört, dass Sie ganz allein sind. Darf ich eintreten?“ Er hob den Blumenstrauß hoch und lächelte schüchtern. Gleichzeitig konzentrierte er sich darauf, nicht auf den aromatisch süßen Blutgeruch zu achten. Seine Eingeweide rebellierten vor Durst. Er blickte die junge Frau unverwandt an.

Sie schaute müde zurück und zuckte teilnahmslos die Schultern. Kein Lächeln, nur Trägheit, Mutlosigkeit und unterdrückte Wut.

„Ich will Sie nicht belästigen. Wenn Ihre Familie kommt, verschwinde ich sofort.“

„Wer soll da kommen?“, fragte sie resigniert. „Niemanden kümmert, wie’s mir geht. Bleiben Sie ruhig, so merkt keiner, dass ich immer allein bin.“ Sie wandte ihren Kopf ab und betrachtete das offene Fenster.

„Wieso liegen Sie in der Geburtsabteilung?“, erkundigte er sich vorsichtig.

Sie schniefte und fing dann an zu weinen. Sie strahlt keine Trauer aus, dachte Egon. Das ist Selbstmitleid.

„Wo ist Ihr Kind?“ Das wusste er schon, aber sie konnte dies ja nicht ahnen.

„Weshalb interessiert Sie das?“ Sie schaute ihn misstrauisch an. „Ich kenne Sie nicht. Was wollen Sie?“

„Sie wirken traurig. Ich besuche einsame Kranke, leiste ihnen ein paar Minuten Gesellschaft und höre zu, falls sie etwas loswerden möchten.“

„Sie bilden sich wohl ein, dass Sie ein Engel sind, was?“

Nicht ganz, dachte Egon, ich wäre ein Teufel, wenn ich meine Natur ungezügelt leben würde. Er war sich bewusst, dass er für Menschen gefährlich werden konnte, schließlich war er ein Vampir.

In diesem Moment machte ihm der Geruch des Blutes zu schaffen, der noch von der Geburt herrührte. Er wusste eigentlich mit appetitanregenden menschlichen Düften umzugehen. Vor seinem Besuch im Krankenhaus hatte er sich satt getrunken und war so in der Lage, sich zu beherrschen.

Doch Menschenblut war mehr als Nahrung. Die Blutsauger berauschen sich damit und sind süchtig danach. So musste sich ein Junkie vor dem offenen Betäubungsmittelschrank im Hospital fühlen. Es fiel ihm nicht leicht, seine Rolle weiterzuspielen.

„Ich würde Ihnen gern beistehen, denn Sie sind traurig.“ Sorgfältig sprach er die vorbereiteten Worte aus. Er holte ein mit Kräuteröl getränktes Tuch hervor und hielt es sich unter die Nase. So lenkte er sich von den appetitlichen Blutdüften ab.

Sie warf ihm einen interessierten, aber kalten Blick zu und stotterte: „Mein Sohn ist krank – ich darf nicht zu ihm. Keiner sagt mir … überlebt er? Ich weiß nicht … kann ich oder will ich? Wenn er behindert ist … Das könnte ich nicht ertragen.“

„Sagen Sie so etwas nicht“, versuchte er zu trösten. „Man schafft mehr, als man glaubt.“

„Was mache ich nur? Ich wohne im Mutter-und-Kind-Heim. Wenn ich meinen Sohn nicht mitnehmen kann, fliege ich da raus. Ich trau mir aber nicht zu, ein krankes Kind allein aufzuziehen. Wo soll ich hin? Ich weiß überhaupt nicht weiter, was kann ich nur tun?“

„Vielleicht wird er ja gesund.“ Die Frau wirkte gefühlskalt auf Egon. „Im Heim wird Ihnen bestimmt geholfen.“ Als er ihren abweisenden Blick sah, wurde sie ihm endgültig unsympathisch. Um so leichter fiel es ihm, sein eigentliches Ziel zu verfolgen.

Jetzt kam der Moment, den er fürchtete. Egon musste für einen Menschen eine Zeit lang Verantwortung übernehmen, damit er sich eine neue Identität erschleichen konnte.

„Wer ist denn der Vater des Kindes?“, fragte er leise. „Vielleicht hilft der Ihnen.“

„Den können Sie vergessen, der hat sich verdrückt.“ Sie schaute ihn wütend an. „Wie ich ihn kenne, zahlt er nicht mal was. Ich weiß nicht, wo er jetzt ist.“

„Soll ich für Sie die Behördengänge übernehmen? Ich könnte mit der Heimleitung sprechen, möglicherweise gibt es eine Einrichtung, bei der Sie die richtige Hilfe finden.“

„Das würden Sie tun?“, fragte sie erstaunt. „Warum?“

Weil ich in sechzehn Jahren mit der Geburtsurkunde einen Ausweis beantragen kann, dachte Egon und sagte: „Ich möchte Ihnen einfach helfen.“

„Wissen Sie eigentlich, dass Sie für einen Sozialengel viel zu jung sind?“

„Ich wirke jünger als ich bin“, antwortete er lächelnd. Dass ich schon rund hundertvierzig Jahre auf dem Buckel habe, sieht man mir tatsächlich nicht an.

„Wenn Sie wollen, gehe ich zum Standesamt und erledige die lästigen Formalitäten.“

„Ja machen Sie nur.“

„Gut, dann brauche ich nur noch die Daten und Ihre Papiere.“ Gerade, als sie ihm den Personalausweis und ihre Geburtsurkunde überreichte, kam die ältere Krankenschwester herein und sagte: „Ach wie schön, Frau Wever. Der Kindsvater kümmert sich doch!“ Sie setzte Egon ihrem kritischen Blick aus und sprach ihn direkt an: „Wie gut, dass Sie sich durchringen konnten.“

Von dieser Frau gemustert zu werden, war ihm unangenehm. Was würde sie wohl über ihn denken? Sie sah einen zweiundzwanzigjährigen, blassen Typen mit schwarzgefärbten Haaren, Springerstiefeln und einem eleganten Seiden-T-Shirt, das nicht recht zu der graublauen, kunstvoll zerrissenen Jeans passen wollte. Die Ketten, die er sich gewöhnlich um die Hüften schlang und seinen dunkelblauen Samtumhang hatte er wegen seiner offiziellen Mission weggelassen. Seine schwarz lackierten Fingernägel schienen besonderes Missfallen zu erregen, doch die Krankenschwester blieb stumm.

„Das ist nicht der Vater meines Kindes“, seufzte die junge Frau. „Herr Wächter besucht mich, weil ich allein bin.“

Egon stand auf, verbeugte sich vor der Schwester und sagte feierlich: „Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, einsame Menschen im Krankenhaus zu besuchen und versuche sie aufzumuntern.“

Ein verwundertes Lächeln huschte über die Miene der Pflegerin. „Leute wie Sie können wir gebrauchen. Danke für Ihre Mühe!“ Sie verließ das Zimmer wieder und brummte nahezu lautlos, doch für Egons feines Gehör durchaus verständlich: „So was, dabei sieht der aus wie ein Grufti.“ Dann kam sie mit einigen medizinischen Gerätschaften zurück und komplimentierte ihn aus dem Krankenzimmer. „Sie warten am besten kurz draußen, ich muss Frau Wever versorgen.“ Sie schloss die Tür. „So, wir messen jetzt Fieber und Blutdruck. Was machen die Schmerzen?“

Egon besorgte inzwischen eine Blumenvase und schenkte den Krankenschwestern die Schachtel Pralinen, die er mit sich herumtrug. Frau Wever war ihm unsympathisch, deshalb hatte er sich dafür entschieden. Die Rosen allerdings überreichte er ihr, als er zurück ins Krankenzimmer kam. Er bat sie um eine Vollmacht und die Geburtsbescheinigung für ihren Sohn. Diese besaß sie nicht.

Bald nachdem er sämtliche Angaben hatte, die er brauchte, verließ er die junge Mutter und legte der leitenden Oberschwester die Vollmacht vor. Sie händigte ihm die Bescheinigung aus.

So gut ausgerüstet war er vorher noch nie gewesen. Welch ein Glück, dass er zur rechten Zeit hier erschienen war! Diesmal wollte er anders vorgehen als sonst.

Vor der Tür des Krankenhauses befanden sich zufällig keine Leute, sodass er sofort Maximalgeschwindigkeit aufnehmen konnte, ohne dass es jemandem auffiel. Wie alle Großstadtvampire versuchte er, sich möglichst unauffällig zu verhalten. Schließlich sollte niemand erfahren, dass es tatsächlich Vampire gab.


Er eilte nach Hause. Dort lud er sich aus dem Internet die erforderlichen Formblätter herunter, druckte sie jeweils zwei Mal aus und machte die Angaben in seinem Sinne. Die Unterschrift von Juliane Wever fälschte er. Im Nachahmen von Handschriften hatte er Übung.

Er scannte die Geburtsurkunde der Mutter und bearbeitete die Datei. Er änderte das Geburtsdatum vom ersten auf den siebenten Mai und machte sie um ein Jahr älter, damit sie volljährig war. Ihren Rufnamen „Juliane“ veränderte er in „Juliana“, aus Wever machte er Weber und ihren Geburtsort verlegte er von Nauen nach Plauen. Vor dem Ausdrucken musste er noch das Siegel des Standesbeamten ändern. Er verwendete vergilbtes, relativ raues Papier. Aus dem Drucker kam eine durchaus glaubwürdige Urkunde.

Als nächstes hackte er sich ins Einwohnermeldeamt ein. Diese Fähigkeit hatte er von einem Profi gelernt. Sie war auch für seinen derzeitigen Beruf als Internetrechercheur für eine Tageszeitung nützlich. Er legte einen Eintrag an, der mit den Angaben auf der gefälschten Geburtsurkunde von Juliane Wever übereinstimmte.

Dann erstellte er ein Formblatt für eine Geburtsbescheinigung nach dem Muster der Klinik, das er mit dem Logo einer Hebammenpraxis versah. Ein Bild eines schief aufgedrückten Stempels fügte er ein. Die eingebauten Leerstellen ergänzte er handschriftlich und unterschrieb unleserlich.

Im Laufe seiner rund hundertzwanzigjährigen Vampirkarriere hatte er sich zu einem ganz ordentlichen Dokumentenfälscher entwickelt. Die moderne Technik vereinfachte diese Kunst um ein Vielfaches.

Mit diesen Unterlagen und dem gefakten Registereintrag sollte es mir gelingen, eine Geburtsurkunde für meinen erfundenen Sohn zu erhalten, dachte er. Das neue Alias dürfte sich als viel sicherer erweisen als die bisherigen.

Bei den alten Identitäten, die er geführt hatte, gab es entweder tatsächlich einen Mann dieses Namens oder das Kind, für das die Bescheinigung galt, war bereits tot. Als die Meldebürokratie noch analog geführt wurde, war eine Entdeckung unwahrscheinlich, niemand hatte bisher seine gefälschten Daten angezweifelt. Doch im digitalen Zeitalter war es leicht möglich, mit einer guten Software Doppelexistenzen aufzudecken. Dieser technischen Entwicklung trug seine heutige Arbeit Rechnung.

Drei Stunden später besaß er die Bestellung für einen Satz Geburtsurkunden und Anträge für Kindergeld und Elternzeit. In einer Woche konnte er die Papiere abholen. In ein paar Jahren würde er das erste Mal in die Rolle seines „leiblichen“ Sohnes Anton Egon Wächter schlüpfen. Damit war die Erbschaftsfrage leicht zu regeln. Seine virtuelle „Ehefrau“ würde er rechtzeitig sterben lassen und keine weiteren Nachkommen mit ihr „zeugen“.

Nun erledigte er auf dem für sie zuständigen Meldeamt die richtige Anmeldung des Kindes der echten Juliane Wever. Der Beamte beurkundete die Geburt. Zufrieden nahm der Blutsauger auch diese Urkunden entgegen. Sie waren für die junge Mutter bestimmt. Er hatte extra den Eilzuschlag bezahlt.

Bevor er sich zu seinem Freund Herbert Höhberg aufmachte, besuchte er wie versprochen die Sozialarbeiterin im Mutter-und-Kind-Heim. Er berichtete ihr von dem Geschehen rund um Frau Wever.

„Oh Gott, wie schrecklich für das Mädchen“, rief sie aus. „Ich gehe sie gleich nach Feierabend besuchen. Selbstverständlich werden wir ihr helfen. Natürlich kann sie zurückkommen. Ich kümmere mich sofort um alles.“

Egon musste dafür keinen mentalen Einfluss auf sie ausüben. Die Sozialarbeiterin war sehr engagiert. Er bat sie, der jungen Frau ihre Papiere mitzubringen.

Sie nahm sie entgegen und versprach, sie abzugeben. Er hatte sein Versprechen eingelöst und war seiner Verantwortung gerecht geworden. Alles Weitere ging ihn nichts mehr an.

 

Liebesgeständnisse


Herbert Höhberg erwartete Egon in der Küche seiner Villa. Eine Thermoskanne und zwei Kaffeebecher standen bereit, ansonsten war der Raum aufgeräumt und sauber.

Der Vampir war eine stattliche Erscheinung. Sein silberglänzendes Haar war schulterlang und zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Seine grünen Kontaktlinsen trug er zu Hause nicht. Die unverhüllten Augen wirkten wie eisgraue Diamanten, geheimnisvoll und schön. Gekleidet war er in einen grauen Leinenanzug, darunter trug er ein weißes Seiden-T-Shirt. Obwohl er seit mehr als sechshundert Jahren als Blutsauger lebte, sah er aus wie Mitte zwanzig. Er war unverschämt attraktiv, die Figur muskulös und wohlproportioniert. Knapp einen Meter neunzig maß er, sein Gesicht war männlich geschnitten mit ziemlich großer Nase, die aber den angenehmen Gesamteindruck nicht störte.

Egon trat ein. Sein Blick erhellte sich, als er den Freund erblickte. Er eilte zu ihm und küsste ihn zärtlich zur Begrüßung. Seit knapp drei Wochen lebten sie nun zusammen und mochten sich von Tag zu Tag mehr.

„Heute gibt es warmes Blut, mein Lieber“, lud Herbert seinen Liebhaber ein.

„Ah!“ Egon setzte sich. „Du warst auf der Jagd.“

„Jawohl! Rate, was für ein Tier mir über den Weg gelaufen ist.“

„Ein Hirsch!“

„Fast richtig …“ Herbert grinste.

„Ich wundere mich, dass du tagsüber jagst. Das mag ich nicht. Ich möchte dabei nicht beobachtet werden.“

„Ich bin geschickt genug, damit es niemand merkt, glaube mir.“

„Okay …“ Egon lachte. „Lass mich nicht dumm sterben. Was kredenzt du uns?“

„Elch! Ein veritabler Elchbulle ist mir in die Fänge geraten.“

„Du meine Güte, wo warst du denn? In Norwegen?“

„Quatsch. So schnell wie du bin ich nicht. Ich war in der Schorfheide, ganz nahe am Großvätersee – mit meinem neuen Wagen übrigens!“

Egon fiel dieser Hinweis nicht auf. Ihn interessierten Autos nicht. Seine Gabe war der rasche, lautlose Lauf, kein Fahrzeug konnte mit ihm mithalten. Er sagte also: „Da gibt es Elche? – Donnerwetter, wer hätte das gedacht!“

Herberts Stimme klang ein bisschen enttäuscht. „Na zumindest den einen. Wird wohl aus Polen gekommen sein.“

Der Jüngere bemerkte die Enttäuschung seines Freundes nicht. „Vermutlich! Komm, schenk ein. Ich habe Durst!“

Sie prosteten sich zu und tranken voller Genuss das kräftig und rein schmeckende Blut.

„Das tut gut“, erklärte Egon. „Ich musste im Krankenhaus ganz hübsch an mich halten. So eine Geburt ist eine blutige Angelegenheit. Der Duft hat mich nervös gemacht.“

„Hattest du Erfolg?“

Egon berichtete und zeigte seinem Freund den Abholschein für die Geburtsurkunde.

„Dein Vorgehen wäre mir zu umständlich. Wenn ich einen neuen Ausweis brauche, gehe ich zum Einwohnermeldeamt und beeinflusse die Angestellten so, dass sie meine Identität in den Computer eingeben. Dazu schreibe ich alle Daten, die drinzustehen sollen, auf ein Blatt Papier. Meist lasse ich sowieso nur das Geburtsdatum ändern.“ Herbert grinste verschmitzt und hob die Schulter zum Ohr.

„Für einen Telepathen ist das eine leichte Übung. Ich kann jedoch nur den üblichen Einfluss ausüben. Gedankenübertragung funktioniert bei mir nicht.“

„Aber du trägst deswegen alle paar Jahre einen neuen Namen.“

„Na und? Mein Geburtsname war Kruse, auf den kann ich doch verzichten. Den „Egon“ schmuggle ich immer mit ein, also bleibe ich für die Artgenossen eben Egon.“

„Dein Vorname ist wirklich einzigartig.“ Herbert lachte.

Letztlich war es für Vampire egal, ob sie einen Ausweis besaßen oder nicht. Aber Großstadtvampire versuchten, mitten in der menschlichen Gesellschaft zu leben und nicht aufzufallen. Vor allem, um Geschäfte abwickeln zu können, benötigten sie einen Identitätsnachweis.

Vampire verbrauchten nicht viel Geld, deshalb häuften sie nach einiger Zeit Vermögen an, auch wenn sie nur einfache Jobs annahmen. Aber sie mussten irgendwann offiziell sterben und dafür sorgen, dass sie sich selbst beerbten.

Das verlangte ein gewisses Maß an Disziplin. Es hieß für sie, ihre Papiere ordentlich aufzubewahren und die Zeitläufe zu beachten. Sie durften nicht vergessen, eine Identität, die sie schon längst nicht mehr benutzten, rechtzeitig dahinscheiden zu lassen, mussten sich neue Geburtsurkunden sowie Ausweise besorgen.

Für Egon war das manchmal ein Problem, denn Ordnung halten konnte er nur anfallsweise. Herbert, der wegen seiner telepathischen Fähigkeiten diese Eigenschaft gar nicht brauchte, war jedoch mustergültig ordentlich, sogar ein wenig zwanghaft, wie Egon fand.

„Wie lange gehst du noch arbeiten?“, fragte Herbert.

„Nur ein paar Tage, dann habe ich Urlaub. Ich gebe in der Redaktion eine kleine Abschiedsparty für die Kollegen und verreise anschließend offiziell. Egon Wächter wird aus ihrem Dunstkreis verschwinden. Umgezogen bin ich ja schon.“ Er schenkte seinem Freund einen dankbaren Blick.

Seinen Job als Internetrechercheur für die Redaktion einer Berliner Tageszeitung musste er bald aufgeben, weil Mitarbeitern aufgefallen war, dass er anders war. Nicht mehr lange und auch sie würden bemerken, dass er nicht alterte. Es war besser, sich beruflich gründlich zu verändern.

Nun sang er mit Herbert, dem Leadsänger der Gothicband Vampire Desire grausliche Duette. Er mochte diese Art Musik nicht. Es gefiel ihm aber, auf der Bühne seine vampirische Macht offen zu zeigen. Den nichtsahnenden Zuschauern trieb er damit wohlige Schauer über den Rücken und verzückte sie. Sich nicht verstellen und verstecken zu müssen, war es wert, das Gekreische zu ertragen.

In der letzten Zeit hatten Herbert und die fünf Menschen, die der Gruppe ebenso angehörten, eine CD vorbereitet und geprobt. Außerdem planten sie eine Tournee durch die deutschsprachigen Länder. Sie hatten für August ein Studio gemietet, um die Platte zu produzieren.

„Was meinst du, kannst du von Anfang an in München dabeisein, wenn wir dort die CD aufnehmen?“, wollte Herbert wissen.

„Ich will noch einen neuen Ausweis beantragen. Den Termin habe ich in vierzehn Tagen. Das passt, ich komme gleich mit. Die Papiere muss ich später abholen. Die sind erst in ein paar Wochen fertig.“

„Dafür musst du wie ein Doofer hin- und herrennen.“

„Wie lange werde ich von München bis Berlin brauchen? …“, Egon überlegte, „rund fünfhundert Kilometer … gerade Strecke, da kriege ich ordentlich Fahrt drauf. Könnte ich in anderthalb Stunden schaffen.“

„Ich staune immer wieder, wie schnell du läufst.“

„Das ist relativ langsam. Schwinhusen macht das in fünf bis zehn Minuten. Vier, fünf lange Sprünge und er ist da. Dagegen bin ich eine Schnecke.“

„Und ich erst. Ich muss mit dem Auto fahren. Wenn wenig los ist, brauche ich bestenfalls dreieinhalb Stunden.“

„Das schaffst du mit dem T4?“, fragte Egon.

„Du hörst mir nicht zu, Liebster. Das habe ich dir vorhin schon gesagt: Ich bin seit gestern Besitzer eines neuen Wagens!“ Herbert grinste voller Stolz über das ganze Gesicht. „Ein BMW 6er-Cabrio. Mit dem bin ich fast so fix wie du!“

„Ohne Verkehr und auf der Straße. Ich laufe querfeldein!“ Er lächelte und ergänzte, als er die Enttäuschung auf der Miene seines Freundes wahrnahm: „Ich freue mich für dich.“

„Du hast keine Ahnung, was das für ein Auto ist, oder?“

„Es hat kein Dach!“ Egon feixte. „Los – zeig es mir!“

Herbert führte ihn zur Garage und öffnete sie per Fernbedienung. Dort stand der Wagen: blutroter Metalliclack, beige Ledersitze, schnittig gebaut, mit Mandelaugen. Sein Besitzer strahlte.

„Hat ja doch ein Dach“, staunte Egon.

„Ja, natürlich. Man kann es einfahren, schau!“ Der stolze BMW-Eigner stieg ein, drückte auf ein paar Knöpfe, das Radio ging an, das Autodach faltete sich zusammen und verschwand hinter den Rücksitzen.

„Schick!“, lobte sein Freund. „Du hast offensichtlich ein Faible für diese appetitanregende Farbe, Alter.“

„Ich mag sie.“ Herbert lachte. Sogar sein Wohnzimmer hatte er mit dunkelroten Polstermöbeln ausgestattet.

„Wann willst du losfahren?“, fragte Egon.

„Am dreißigsten Juli“, antwortete er. „Wir nehmen erst die Instrumente auf und mischen sie ab. Dann kommen die Vocals dazu. Du kannst auch später dazustoßen. Die Duette zeichnen wir zum Schluss auf.“

Die beiden gingen Arm in Arm zu der versteckten Terrasse hinter dem Haus. Der Sänger verschwand, um die Becher zu holen. Egon setzte sich und entfernte seine hellbraunen Kontaktlinsen.

„Du brauchst mich in den ersten Tagen in München gar nicht?“, erkundigte er sich mit einem Blitzen in den silbernen Augen, als sein Freund mit dem Blut zurückkam.

„Nicht für die Arbeit …“, flüsterte Herbert zärtlich und nahm ihn in den Arm.

Es fühlte sich für Egon an, als würden Funken zwischen ihren Körpern hin- und herspringen. Sein Herz schlug so kräftig und schnell, dass die Vampire es hörten.

„Du bist aufgeregt, Schatz“, stellte Herbert mit vergnügter Stimme fest.

Bong!, drang es an ihre Ohren und nach fünfzehn Sekunden wieder: Bong!

„Dein Herz rast, Liebster“, flüsterte er. „Das macht mich an.“ Er beugte sich zu seinem Liebhaber und küsste ihn innig.

Egons Körper antwortete mit einem wohligen Ziehen im Bauch. Er spürte, wie ein Großteil des Blutes, das in seinen Adern kreiste, sich zu seinem Penis aufmachte. Ihm wurde leicht schwindelig. Er erwiderte den Kuss voller Leidenschaft, ließ sich in Herberts Arme fallen und schmiegte sich an dessen starken Leib. Seine Hände suchten die kräftigen Schultern, den Hals, in dem die Stimme wohnte, die ihn so faszinierte.

Er wartete mit den Fingern neben der Kehle seines Freundes auf dessen Herzschlag, fühlte das Blut heranrollen, kühl an seinen Fingerspitzen vorbeiströmen und spürte seine Lebendigkeit. Sein Gesicht wurde von einem seligen Lächeln erfüllt. Leben an sich zu spüren war großartig, den Puls des Liebhabers wahrzunehmen, war jedoch wahres Glück. Egons Lenden zogen sich zusammen und Herbert streichelte seinen Schoß, als wolle er die Erregung noch steigern.

„Komm, wir gehen rein“, flüsterte sein Freund. „Hier ist es nicht intim genug.“

Hat Herbert etwas gehört? Alarmiert lauschte er. Tatsächlich. Der Nachbar kramte gefährlich nahe an der Hecke herum, bemühte sich offensichtlich, leise zu sein. Doch Vampirohren konnte er nicht täuschen. Egon ärgerte sich über die Störung, die knisternde Erregung schwächte sich dadurch ab. Ernüchtert bestätigte er: „Hier ist es tatsächlich zu voll.“

Sie erhoben sich und gingen die Treppe hinauf ins Wohnzimmer.

Die beiden genossen es, miteinander Sex zu haben. Im Vampirleben war das schwierig, da die meisten ihrer Artgenossen die Nähe zueinander mieden. Herbert und Egon jedoch vertrugen sich ausgezeichnet und fühlten sich einsam ohne den anderen.

Blutsauger konnten unter Auferbietung all ihrer Selbstbeherrschung mit Menschen schlafen. Egon hatte es manchmal getan. Doch die Sterblichen schwebten stets in größter Gefahr, verletzt oder getötet zu werden. Vampire waren einfach zu stark für Normalos und ihre Gier nach menschlichem Blut sehr groß. Miteinander jedoch durften sie sich ungehemmt ihrer Leidenschaft hingeben und mussten sich nicht zurückhalten.

Sobald sie die Zimmertür hinter sich verschlossen hatten, fiel Egon über Herbert her. Er drängte ihn an die Wand, küsste ihn und biss ihn zärtlich in den Hals, spürte das Erschauern seines Liebhabers und schob ihm das Jackett von den Schultern. Erregtes Knurren entfuhr seiner Kehle.

Sein Partner beantwortete es mit einem Aufbäumen seines Körpers. Er ließ Egon sein hartes Geschlecht spüren und suchte dessen Gürtel, öffnete ihn und fluchte leise, als er feststellte, dass die Jeans mit einer Reihe von Knöpfen verschlossen war.

Egon half ihm und widmete sich dann der Anzughose seines Geliebten. Ungeduldig zerrte er daran und zerriss sie beinahe. Endlich waren sie nackt und schnauften vor Erregung. Ihre Körper umschlangen sich, sie streichelten sich, genossen es, die Haut und Muskeln des Partners zu fühlen und wollten sich schließlich vereinen. Herbert drang vorsichtig in Egon ein und verschaffte ihm gleichzeitig mit der Hand Befriedigung.

Sie tobten miteinander voller Leidenschaft und ließen erst nach geraumer Zeit voneinander ab. Beider Herzen klopften dröhnend, mehrfach in der Minute und im

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Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: © Monika Schoppenhorst, Berlin
Bildmaterialien: © A.A.Lucas, Hansa Ideal Entertainment, Hamburg
Lektorat/Korrektorat: Nina Hasse - Lektorat Texteule, Münster
Tag der Veröffentlichung: 13.07.2017
ISBN: 978-3-7438-2274-0

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