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Leseprobe

The Things I Never Said

Never imagined – Band 1

J. Moldenhauer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

Für Linda und Dilek.

Danke, dass ihr mir Inspiration für Jase und Piper wart.

Playlist

 

 

 

Rescue Me – One Republic

Trigger – Anne-Marie

Room for 2 – Dua Lipa

Zu dir – LEA

I’m with you – Avril Lavigne

Then – Anne- Marie

Keeping Your Head Up – Birdy

yes girl – Bea Miller

don’t lie to me – Lena

Mess her up – Amy Shark

stuck inside - Lena

 

 

Prolog

 

Amber

 

 

 

»Du musst es mir versprechen!«

»Mann, Dean, das steht doch völlig außer Frage!« Ich lache, als er die brennende Wunderkerze, deren Funken durch die schwarze Nacht fliegen, mit meiner kreuzt.

»Keine Geheimnisse, Am. Ich will es von meiner besten Freundin hören.« In seiner Iris spiegelt sich das Feuerwerk, das den Himmel erleuchtet. Die Lippen sind zu einem breiten Grinsen verzogen, und das kleine Muttermal auf der Wange verschwindet in seinen Grübchen.

»Bitte.« Ich verdrehe die Augen, obwohl mir das Herz bis zum Hals schlägt. »Keine Geheimnisse und Lügen. Wir erzählen uns alles«, sage ich gelangweilt.

Sein Lächeln rutscht etwas höher, gibt eine gerade Reihe weißer Zähne frei, die ich nur durch das flackernde Licht erkennen kann. Aber selbst wenn ich blind wäre, wüsste ich, wie er aussieht. Jeden Zentimeter seines Gesichts könnte ich mit verbundenen Augen zeichnen.

»Versprochen«, stimmt Dean zu.

 

Ich habe das Versprechen in dem Moment gebrochen, als es entstanden ist. In manchen Augenblicken hasse ich mich dafür, und ich habe mir geschworen, dass du alles erfährst, was ich dir nie gesagt habe. Du wirst das Buch bekommen, in dem jedes Wort, jeder Gedanke geschrieben steht, den ich nie aussprechen konnte.

Vielleicht schon in einer Woche. Im Sommer oder nächstes Jahr zu Silvester. Vielleicht an deinem achtzehnten Geburtstag oder doch zum Abschluss.

Du wirst es kriegen, so wie abgemacht.

Sobald ich nicht mehr in dich verliebt bin.

1

Amber

 

 

»Ja, Dad, wir haben das Bett durch die Tür bekommen, und nein, ich habe mir keine lebensbedrohlichen Verletzungen zugezogen, als ich den Schrank zusammengebaut habe.« Ich seufze und greife in den Karton, der auf der Arbeitsplatte steht, um einen weiteren bunten Teller herauszunehmen.

»Ich wollte doch nur wissen, ob alles geklappt hat«, kommt es mürrisch vom anderen Ende der Leitung, und meine Mundwinkel zucken im untergehenden Sonnenlicht, das durch das Küchenfenster dringt.

»Und ich erinnere dich nur daran, dass ich mir nur ein einziges Mal einen Nagel in den Finger gehauen habe. Da war ich sieben.«

»Ja, es war das erste Mal. Das bedeutet nicht, dass es das letzte Mal ist. Weißt du, wie oft Will und ich uns bei der Arbeit schon verletzt haben?«

»Wir haben nur gestrichen und Möbel aufgebaut. Dabei stand ich dauerhaft unter Aufsicht. Es wäre also jemand da gewesen, der mich in die Notaufnahme hätte bringen können«, sage ich grinsend, als ich die Teller in den Schrank staple und mich mit der Hüfte gegen die Arbeitsplatte lehne. Ich betrachte den bunten Himmel von San Diego und die Kisten, die sich noch in den Ecken türmen.

»Ich weiß doch, dass du das alles hinbekommst. Bist schließlich meine Tochter«, brummt Dad, und seine Stimme mischt sich mit den lauten Geräuschen der Baustelle, auf der er sich befindet. Im Hintergrund wird nach ihm gerufen, und es klingt so, als würde eine schwere Maschine losrattern.

»Und genau aus diesem Grund brauchst du dir keine Sorgen zu machen und kannst dich wieder auf die Arbeit konzentrieren, damit du heute nicht in der Notaufnahme landest.«

»Ist ja gut.« Mein Dad stößt hart Luft aus. »Grüß Dean von mir und pass auf dich auf.«

»Wird erledigt.«

»Hab dich lieb, Kleines«, murmelt er ein wenig unverständlich, was das Lächeln in meinem Gesicht breiter werden lässt. Gefühle auszudrücken ist für meinen Vater nicht ganz einfach, und manchmal wirkt er dabei richtig unbeholfen. Aber er gibt sich größte Mühe, mir zu zeigen, dass ich ihm wichtig bin – wie zum Beispiel zum neunten Mal an einem Tag anzurufen und nachzufragen, ob ich noch lebe.

»Ich dich auch«, erwidere ich, als ein leiser Fluch aus dem Flur ertönt, gefolgt von einer bissigen Antwort, die ich nicht verstehe. Ich schiebe das Smartphone in die Hosentasche, als ich die kleine Küche durchquere und zur Haustür spähe, in der zwei Gestalten stehen. Eine von ihnen – die mit den knallpinken, kurzen Haaren – sitzt dabei auf dem Boden und hält das Bücherregal fest, das in ihrem Schoß liegt.

»›Stopp‹ bedeutet nicht, dass du weitergehen sollst, Jase!«

»Ich habe ›hopp‹ verstanden!«, rechtfertigt sich der Mann mit den fast schwarzen Locken, die ihm leicht in die Stirn fallen, und zuckt mit den Schultern.

»Hopp? Hopp, lass uns über die Türschwelle springen? Oder wolltest du das Regal auf einem Bein hüpfend ins Wohnzimmer tragen?«, echauffiert sich die Frau mit dem pinken Kopf, der ihre schokoladenbraune Haut noch dunkler erscheinen lässt.

»Ich habe gedacht, dass du ab hier alleine übernimmst.«

»Alleine? Alleine?! Jase, ich –«

»Kann man euch helfen?«, mische ich mich ein, ehe Piper einen Wutanfall kriegt und das Bücherregal hochhebt, um sich auf Jase zu stürzen.

»Dem ist nicht mehr zu helfen. Höchstens mit frischen Gehirnzellen«, murrt sie, als ich zu ihr gehe.

»Ich schätze, ein paar von meinen Zellen sind für die Prüfung draufgegangen. Die, bei der du durchgefallen bist.« Ein hämisches Grinsen tritt auf seine Lippen, und ich glaube Dampf aus ihren Ohren zischen zu sehen.

»Jase, benimm dich«, ermahne ich den Typen, als ich Piper das Regal abnehme und sie sich schnaubend aufrichtet.

»Ich sage nur, wie es ist.« Jase wirft einen belustigten Blick zu Piper, die mit dem Kiefer mahlt.

»Schade, dass du nicht das schlaue Köpfchen von Am hast. Ihr IQ scheint durch die Prüfung nicht gesunken zu sein.« Sie drängt sich an die Seite und lässt uns mit dem Bücherregal passieren.

»Wisst ihr eigentlich, dass ihr anstrengend seid?«, brumme ich, als Jase und ich das Möbelstück im Wohnzimmer aufrichten und an die Wand stellen. Piper lässt sich währenddessen auf das Sofa fallen, das mit Decken überzogen ist, und klopft ihre knallblaue Hose ab, die Staub und einige Farbspritzer verzieren.

Jase lacht und fährt sich mit der Hand durch das zerzauste Haar, als er sich neben Piper setzt. »Du liebst uns trotzdem.«

»Ohne uns wäre dein Leben auch nur halb so amüsant«, wirft die mit dem bunten Kopf ein und wechselt einen wissenden Blick mit Jase.

Die beiden bringen mich noch um.

In einem Moment muss ich sie vor einem Mord bewahren, und im nächsten fallen sie mir in den Rücken. Manchmal weiß ich nicht, ob die zwei nicht eher Feinde als Freunde sind.

»Also, Am? Wo bleibt die Verpflegung? Wenn ich mich recht erinnere, hast du uns ein fantastisches Essen versprochen, wenn wir dir beim Einzug helfen.«

»Es ist schlimm genug, dass ich euch bestechen musste, damit ihr mir mit den letzten Sachen helft.«

»Du weißt, dass ich nichts mit körperlicher Arbeit anfangen kann«, erklärt Jase zuckersüß.

»Und ich hätte dich viel mehr strafen müssen, dass du mich im Wohnheim zurücklässt.« Empört verschränkt Piper die Arme vor der Brust und stiert mich mit ihren fast schwarzen Augen nieder.

»Ist ja gut!«, sage ich, als sie Luft holen, um die nächsten Anklagepunkte vorzutragen, und hebe abwehrend die Hände. »Sollen wir Pizza bestellen?«

»Pizza? Was sagst du dazu, Piper? Sie will uns mit Pizza abfertigen.«

»Dann hätte sie uns gleich den Mülleimer hinstellen können«, fügt die Frau mit den kurzrasierten Haaren hinzu und schüttelt langsam den Kopf.

»Wie man wohl von der Welt behandelt wird, wenn schon die eigenen Freunde so mit einem umgehen?«

»Wir sollten Einsiedler werden.«

»Ein neues Atlantis gründen.«

»Die Weltherrschaft an uns reißen.« Dramatisch springt Jase auf, rammt die Faust nach oben und schaut siegessicher an die weiße Decke.

Ich seufze und betrachte das Gespann vor mir. »Ihr seid durchgeknallt. Völlig verrückt. Ich sollte euch einweisen lassen.«

»Aber erst, wenn wir was gegessen haben«, wirft Piper ein.

»Was wollt ihr?«, frage ich resigniert, obwohl ich die Antwort kenne.

»Sushi«, erwidern beide synchron, was mich die Augen verdrehen lässt.

»Ich hasse toten Fisch«, brumme ich und versuche mit einem traurigen Blick den Widerstand der Fanatiker vor mir zu durchbrechen.

»Du kannst ja Pizza essen«, schlägt Jase grinsend vor.

Feinde. Eindeutig – und trotzdem liebe ich sie.

Vielleicht bin ich diejenige, die in eine Psychiatrie gehört?

 

»Oh Gott, das ist sooo gut!« Jase stöhnt, als er sich eine Sushirolle in den Mund schiebt und sie genüsslich kaut. Mir läuft es bei dem Anblick eiskalt den Rücken runter, ich wende mich eilig ab und greife nach dem Stück Pizza.

»Ja, das hat mir die letzten Wochen gefehlt«, stimmt Piper zu, die, alle viere von sich gestreckt, auf dem Boden liegt und sich eine Portion rohen Fisch vom Teller nimmt, den Jase ihr hinhält.

»Du hast kein Sushi gegessen, während du zuhause warst?«, fragt der lange Kerl und lehnt sich gegen das Sofa.

»In dem Kaff, aus dem ich stamme, kann ich froh sein, wenn ich überhaupt sowas wie Fast Food bekomme.«

»Also waren die Ferien für dich schrecklich?«

»Na ja. Moms Essen ist wirklich gut. Es wurde schlimm, als sie beschlossen hat eine Familienwoche einzulegen. Dreizehn Leute im Haus und man konnte nicht mal mehr in Ruhe die Post aus dem Briefkasten holen.«

Jase lacht und angelt sich das vorletzte Sushiröllchen. »Klingt nach einer Menge Trubel.«

»Ja und jetzt erzähl mir bitte nicht von deinem Urlaub. Die Bilder auf Instagram und das, was du uns geschickt hast, haben mir gereicht.« Piper stöhnt und rollt sich herum, sodass sie auf dem Bauch liegt und Jase ansehen kann, der über das ganze Gesicht strahlt.

»Dann berichte ich euch halt nicht vom Surfen und dem Fünfsternehotel, das Dad gebucht hat.«

»Ich hasse dich«, murrt Piper, was mich zum Lächeln bringt.

»Wir wissen beide, dass das gelogen ist.« Jase grinst und reicht ihr das letzte Stück Sushi, so wie die zwei es immer machen. »Wie waren denn deine Ferien, Am? Du bist ja direkt nach den Prüfungen abgehauen und hast so gut wie nichts von dir hören lassen.«

Meine Ferien.

Ich schlucke schwer, greife behutsam ein weiteres Pizzastück und betrachte die Fäden, die der Käse zieht. Ihre Blicke ruhen auf mir, sie warten auf eine Antwort, eine Geschichte. Doch ich habe keine, um ihnen damit etwas vorschwärmen zu können.

Wahrscheinlich würden sie einen Herzinfarkt erleiden, wenn ich die Wahrheit sage: Dass ich mit Dean zusammenziehe, weil er gerade einen Entzug hinter sich hat und seine Mutter mich um Hilfe gebeten hat. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass ich wahnsinnig in ihn verknallt war und wir mal sehr eng befreundet waren.

Sie würden mich jeden Tag mit Popcorn in den Vorlesungen empfangen und auf eine filmreife Romanze hoffen, die ich ihnen nie bieten könnte. Denn so wie ich Dean kenne, ist er nicht besonders erfreut über die neue Konstellation. Er ist es gewohnt, von so coolen Leuten umgeben zu sein wie Miles Cooper, Ryan Paxton und dessen Freundin Evelyn Jones – dem Traumpaar schlechthin. Eine WG mit einer ehemaligen Sandkastenfreundin, mit der er schon seit Monaten nicht gesprochen hat, passt nicht zu diesem Lebensstil. Und wenn ich ehrlich bin, auch nicht zu meinem.

Ich hatte mich damit abgefunden, dass wir getrennte Wege gehen, und mich aufs Studium konzentriert. Die Einzigen, mit denen ich meine Freizeit verbringe, sind Piper und Jase. Leider muss ich gestehen, dass Jase derjenige ist, der auf Partys am besten ankommt und sich am wohlsten fühlt. Während Piper anfängt, wie ein Wasserfall zu reden, und so alle vertreibt, verziehe ich mich meistens in eine Ecke und verschwinde danach, so schnell es geht.

Das sind nicht gerade gute Voraussetzungen, um mit Dean Carter zusammenzuwohnen, und bis jetzt weiß ich nicht, wie ich das überstehen soll.

Aber keine Panik – Dean kommt erst morgen Abend. Ich habe also noch fast zweiundzwanzig Stunden, um mir einen Plan zu schmieden und zu überlegen, wie ich ihn begrüße.

»So schlimm?«, vernehme ich Jase leise.

»Könnte auch besonders gut gewesen sein«, murmelt Piper, als ich den Blick von den Käsefäden nehme.

»Ich muss euch enttäuschen. Es war weder das eine noch das andere. Meine Ferien waren absolut langweilig.«

Jase schnaubt empört. »Keine Ferien sind langweilig.«

»Ich kann euch von den Spieleabenden mit meinen Eltern berichten?«, schlage ich vor, ehe ich in die fettige Sünde beiße. Die Augen meiner Freunde ruhen einen langen Moment auf mir, als würde ich jede Sekunde aufspringen und ihnen von einem wahnwitzigen Abenteuer erzählen. Erst als ich erneut schweigend von der Pizza abbeiße, sacken ihre Schultern enttäuscht nach unten.

»Du hast wirklich ein ödes Leben, Am.« Piper betrachtet mich mitleidig.

»Daran müssen wir dieses Semester was ändern.« Jase seufzt, ehe er den Kopf schief legt. »Andererseits kann es sein, dass das von alleine passiert. Immerhin hast du bald Dean Carter in deiner Nähe.«

»Eine Zimmertür weiter, wenn wir genau sind«, fügt Piper hinzu und grinst Jase an, der mit den Augenbrauen wackelt.

»Hört auf damit!« Ich wickle Käsefäden um den Finger und strafe meine Freunde mit einem warnenden Blick. »Da wird nichts passieren. Niemals.«

»Wenn du ihn nicht willst, nehme ich ihn. Dean wird mir bestimmt nicht widerstehen können, wenn ich nackt in seinem Bett auf ihn warte.« Jase beißt sich verführerisch auf die Lippe und fährt sich mit der Hand durch das Haar.

»Warum müssen Kerle wie du bi sein? Es ist für Frauen wie mich und Am schon schwer genug, einen vernünftigen Mann abzubekommen. Da ist noch mehr Konkurrenz nicht nötig«, beschwert Piper sich.

»Vielen Dank, jetzt fühle ich mich gleich besser«, murmle ich und knabbere den Käse von meinem Zeigefinger.

»Weißt du, Am, wenn du den Käse auf einer Party von deinem Finger lutschen würdest, hättest du kein Problem, einen Kerl zu bekommen.«

Ich halte mitten in der Bewegung inne und sehe zu dem großen Typen, der mich amüsiert beobachtet.

Piper setzt sich auf, und Falten bilden sich auf ihrer Stirn. »Das ist primitiv.«

»Primitiv, aber effektiv«, korrigiert er, nur um sich gleich darauf seinen Finger abzulecken, als wäre es ...

»Oh bitte!«, sage ich angewidert und wische die Reste am Pappkarton ab. »Das ist ekelhaft. Wegen dir werde ich nie wieder auf meine Art und Weise essen können.«

»Du sollst ihn ja auch nicht essen, sondern lutschen. Ich bin mir sicher, dass einem Dean Carter das gefällt.«

»Jase!«, ermahne ich den Mann, der sich lachend zurücklehnt.

»Also, wenn ich durch einfaches Fingerlutschen so einen Kerl wie Carter bekomme, würde ich wirklich mal drüber nachdenken.«

»Piper!« Fassungslos starre ich zu meiner Freundin, die sich nachdenklich ans Kinn tippt.

»Was denn? Ich bin langsam verzweifelt.« Sie zuckt hilflos mit den Schultern.

»Fass dich lieber an die eigene Nase, Am. Immerhin war’s nicht Piper, die ein Date hat sausen lassen, weil ein gewisser Footballspieler sich betrunken gemeldet hat.«

»Es war ein Notfall«, protestiere ich und klappe den Pizzakarton zu, während in meinem Kopf Erinnerungen an den verheißungsvollen Abend aufblitzen.

»Ich weiß nicht, ob Trunkenheit sofort als Notfall gilt«, sagt Piper, als ich aufstehe und den leeren Teller nehme.

»Vielleicht hatte er einen anderen Notfall.« Jase grinst. »Einen, von dem die gute Am uns nichts erzählen will, weil er sogar meine schmutzigsten Fantasien übertrifft.«

»Deine schmutzigen Fantasien werde ich nie übertreffen können. Ich kann sie mir ja nicht einmal vorstellen«, erwidere ich und packe die Sachen zusammen.

»Ist auch besser so, sonst wärst du für den Rest deines Lebens rot.«

»Wenn’s auf meine Haare übertragbar wäre, fände ich das eine gute Option. Schonender und kostengünstig«, murmelt Piper, die ächzend aufsteht und mir Richtung Küche folgt. Mit einem Satz springt auch Jase auf und trottet hinter uns her.

»Ich kann dir gerne ein paar davon näher erläutern, Piper. Aber für Folgeschäden garantiere ich nicht.«

»Lass es lieber bleiben. Am Ende bist du traumatisiert«, werfe ich ein.

»Ja, es könnte durchaus der Fall eintreten, dass kein Sex mehr genügen wird und du dich nach mir verzehrst.« Dramatisch wirft Jase die Haare in den Nacken, sodass seine Locken durch die Luft wirbeln, und lehnt sich mit einem verführerischen Lächeln an den Türrahmen.

Piper und ich verharren vor der Spüle und starren unseren Freund an, der fast an die zwei Meter reicht und sich somit beinah den Kopf am Türsturz stößt. Wir wechseln einen Blick, während er uns ansieht, als wären wir sein Dessert.

»Niemals«, sagt Piper.

»Unter gar keinen Umständen«, schnaube ich und stelle die Teller ab.

»Wisst ihr eigentlich, dass ihr für das Ego eines Mannes Gift sein könnt?«, beschwert er sich und nimmt kopfschüttelnd die Arme herunter.

»Du bist ein Familienmitglied, kein Mann.«

»Und was ist Dean Carter dann? Ein Statussymbol?« Jase tritt in den kleinen Raum und setzt sich an den Tisch, als Piper es sich auf der Arbeitsplatte gemütlich macht.

»Vielleicht ein Sexobjekt? Was meinst du, Am?« Sie schwingt die kurzen Beine hin und her, als ich den Pappkarton beiseiteschiebe.

»Das würde mich auch interessieren.«

Seine Stimme ertönt plötzlich und lässt mich erschrocken herumwirbeln. Piper stößt einen spitzen Schrei aus, und Jase fährt sich mit der Hand an die Brust, als würde er einen Infarkt erleiden.

Da steht er.

Zweiundzwanzig Stunden zu früh, und nichts an ihm deutet darauf hin, dass er einen Entzug hinter sich hat.

Die hellbraunen Haare sind leicht zerzaust und auf dem Kopf länger als an den Seiten. Das Gesicht ist kantig, die Nase gerade und die Lippen ein wenig voller, als es bei vielen Männern der Fall ist. Seine Haut ist blasser als bei unserer letzten Begegnung, doch die Statur ist die eines Wide-Receivers. Muskulös, aber nicht aufgepumpt, und immer noch hat er den gleichen arroganten Ausdruck in den Augen, wenn ihm etwas nicht passt.

So wie jetzt.

Ich würde ihm gerne eine Antwort geben, jedoch versagen meine Stimmbänder. Ich weiß nicht, ob es die Panik, Überraschung oder Aufregung ist, die mich umhaut. Jase räuspert sich lautstark und steht auf.

»Piper, ich denke, wir sollten gehen.«

»Ja, das denke ich auch«, kommt es kühl von Dean, der die Tasche geräuschvoll neben seine Zimmertür befördert. Im Augenwinkel bemerke ich die leicht beunruhigten Blicke, die mir meine Freunde zuwerfen. Nur kann ich mich nicht von Dean losreißen, dessen Miene wie versteinert ist.

Sie drücken sich nacheinander an ihm vorbei, bedacht darauf, keinen Zentimeter von ihm zu berühren. Piper versucht ein Lächeln zustande zu bringen, das der Neuankömmling nicht beachtet, und winkt mir hinter ihm zu, ehe Jase sie zur Seite zieht und die beiden aus meinem Blickfeld verschwinden.

Ich höre Schritte, leises Getuschel, dann schlägt die Haustür zu, und ich bin alleine – mit Dean.

Dean, der mich diesmal nicht ignoriert, sondern mit einem eisigen Ausdruck anstarrt, der mich schwer schlucken lässt.

Er ist sauer, wegen dem, was Piper und Jase von sich gegeben haben, und ich kann es ihm nicht mal übel nehmen. Wenn ich so einen Empfang geboten bekäme, wäre ich auch angepisst.

»Sorry, wir sind ein wenig am Rumblödeln gewesen«, zwinge ich mich zu sagen, wobei meine Stimme ein bisschen schüchtern klingt. »Wenn du sie kennenlernst, dann –«

»Kennenlernen?«, werde ich scharf unterbrochen und kann ein Zucken gerade so unterdrücken. »Du denkst echt, dass ich mit diesen Freaks was zu tun haben will?« Ein höhnisches Schnauben mischt sich mit einem Lachen, das mir jedes Schmunzeln von den Lippen wischt.

Freaks?

»Um das mal klarzustellen, Amber«, fährt er fort, beachtet nicht die Fassungslosigkeit, die mein Gesicht überfährt. »Das hier ist eine reine Zweckgemeinschaft. Ich will weder was mit deinen seltsamen Freunden zu tun haben, noch mit dir, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Also sieh einfach zu, dass du so viel Abstand wie möglichst einhältst.«

Er wartet keine Antwort ab. Stattdessen dreht er sich um und geht zielstrebig in das Zimmer gegenüber der Küche, an dessen Tür ich einen Zettel mit der Aufschrift Dean geklebt habe, damit die Kartons nicht durcheinander in der Wohnung verteilt werden. Mit einem lauten Knall zieht er die Zimmertür hinter sich zu, und ich fahre zusammen.

Hallo Dean, nett, dich nach so langer Zeit mal wiederzusehen.

2

Amber

 

 

»Wie ist es gelaufen?«

Furchtbar?

Der reinste Alptraum?

»Es war anders als erwartet«, verkünde ich schließlich und ziehe die Wohnzimmertür zu, wobei mein Blick kurz an der Sporttasche hängen bleibt, die seit fast einer Stunde auf dem Boden liegt.

»Gut anders oder schlecht anders?«, fragt Lucy, Deans Mutter, und ich kann die Nervosität in ihrer Stimme vernehmen.

Natürlich könnte ich ihr die Wahrheit sagen, aber die Konsequenz wären noch mehr Tränen, ein schlechtes Gewissen und bestimmt ein halber Nervenzusammenbruch, weil die Sorgen sie überrumpeln. Einer davon hat ihr meiner Meinung nach gereicht.

»Gut anders.«

Ein erleichterter Seufzer dringt durch den Hörer zu mir. »Dann war es ja die richtige Entscheidung, dass ich auf ihn gehört habe und nicht mit reingekommen bin.«

Definitiv. Das wäre sonst noch peinlicher geworden.

»Kannst du ihn mir geben? Ich erreiche ihn nicht auf seinem Handy, und mein Flieger geht morgen so früh zurück.«

Unter anderen Umständen könnte ich Ausreden erfinden wie: ›Er ist gerade joggen oder mit Freunden unterwegs.‹ Doch jetzt würde nicht mal die Nummer mit dem Bad ziehen, weil sie warten oder um einen Rückruf bitten würde. Ich werde also so oder so mit ihm kommunizieren müssen, und da ich seine aktuelle Handynummer nicht habe, bleibt mir neben dem Reden nur Zettelschreiben, was unangenehm werden könnte.

Kopf hoch, Am. Du hast schon Schlimmeres erlebt!

»Warte einen Moment«, murmle ich, als sich mein Magen auf links dreht und ich das Wohnzimmer verlasse. Ein Kribbeln jagt bei jedem Atemzug durch meinen Hals, löst ein Zittern in meinem Bauch aus. Das Handy drücke ich an die Brust und hoffe, dass Lucy nicht meinen Herzschlag hört, der sich bei jedem Meter, den ich mich Deans Zimmer nähere, beschleunigt.

Es ist nur ein genervter Dean.

Ich schlucke schwer, als meine Knöchel auf das Holz treffen und das Klopfen durch den einsamen Flur schallt.

»Dean, deine Mom ist am Telefon«, setze ich nach, ehe er die Tür aufreißen und mich anfahren kann. Dann wüsste Lucy nämlich, dass nicht alles gut ist, und hier würde ein Chaos ausbrechen. Die Folgen möchte ich mir gar nicht erst ausmalen.

Rascheln, Schritte, ein Fluch und er steht vor mir. Mit steinharter Miene und zerknitterten Klamotten. Wortlos halte ich ihm das Smartphone hin, das er entgegennimmt. Ich versuche zu ignorieren, dass seine Haut meine streift, doch ich kann nichts gegen den sanften Stromschlag machen, der in meine Finger schießt. Ich weiche dem Blick aus, betrachte meine Schuhspitzen und balle die Händen zu Fäusten, als ich mich umdrehe.

Ich kann nicht daneben stehen bleiben. Die Portion Wut und Abneigung, die er mir eben entgegengefeuert hat, reicht mir für heute. Auch wenn ich eine masochistische Ader habe, was Dean betrifft, muss ich es nicht herausfordern.

Die nächsten Wochen könnten anstrengend genug werden.

Ich hole tief Luft, als ich zurück ins Wohnzimmer gehe und einen Karton heranziehe, in dem Bücher liegen.

»Mir geht’s gut, Mom«, höre ich ihn sagen, als ich die ersten Wälzer nehme und einräume. »Wie ich die Wohnung finde? Gut. Das Bad ist ein bisschen schmal, aber es gibt immerhin eine Badewanne«, erzählt er, wobei seine Schritte durch den Flur schallen. »Die Küche ist schön, nur weiß ich nicht, ob alle Sachen, die noch herumstehen, in die Schränke passen.«

Ich greife weitere Bücher, stelle sie in das Regal. Ich will nicht lauschen, doch ich kann nichts dagegen tun, dass seine Stimme durch die Räume schallt und mich ablenkt.

»Im Wohnzimmer können wir auf jeden Fall eine Party schmeißen.« Er lacht, als ich wieder in die Kiste fasse und mich ein wenig verkrampfe. »Das war ein Witz, Mom. Und wenn, ist Am da, um auf mich aufzupassen.«

Ich sehe ihn nicht, aber ich fühle den messerscharfen Blick im Rücken, als ich die Twilight-Saga verkehrt herum einsortiere.

»Du kannst beruhigt in den Flieger steigen und aufpassen, dass Dad die Küche nicht in die Luft jagt. Ich komme hier klar. Immerhin habe ich drei Babysitter.« Er versucht die Bitterkeit zu überspielen, und ich bin mir sicher, dass seine Mom es ihm abkauft. Ich hingegen bekomme sie mit voller Wucht zu spüren.

»Ja, ich grüße alle von dir und drücke Am ganz fest.«

Seine Worte lassen mich leicht schockiert herumwirbeln, wobei ein paar Wälzer aus meinen Armen rutschen und geräuschvoll auf den Boden prallen. Während ich zusammenzucke, bleibt Dean mit harter Miene in der Tür stehen und starrt mich mit eisigen Augen an. Eine Gänsehaut schießt mir über die Wirbelsäule, und meine Wangen nehmen einen verdächtigen Rotton an, als ich mich bücke, um das Chaos zu beseitigen.

Super. Jetzt hat er mitbekommen, dass ich ihn belauscht habe.

»Nein, Am ist nur mal wieder so tollpatschig wie immer«, murmelt er, was mich schwer schlucken lässt. »Ich wünsche dir einen guten Flug, und ruf an, wenn du gelandet bist.«

Meine Finger sind seltsam feucht, als ich die Bücher vom Boden klaube und im Augenwinkel erkenne, dass er näherkommt. Ich presse die Lippen zusammen, ehe ich zu Dean aufsehe, der mir mit einer arroganten Maske das Handy hinhält.

Ich greife danach, doch er löst seine Finger nicht. Verwirrt blinzle ich, als unsere Blicke sich begegnen. Kühl und distanziert wie zwei Fremde und nicht zwei Freunde. Mir stockt der Atem, jede Zelle meines Körpers protestiert.

»Das mit dem Drücken kannst du vergessen. Oder träum davon. Was dir lieber ist«, sagt er bedrohlich leise. Ohne ein weiteres Wort lässt er das Telefon los und dreht mir den Rücken zu. Ich sehe ihm nach, bis er seine Tasche nimmt und damit in seinem Zimmer verschwindet.

Erst da hole ich wieder Luft.

Irgendwie muss ich das mit ihm geradebiegen, und dazu werde ich tief in die Trickkiste greifen müssen. Ich kann nur hoffen, dass wir einen Neustart hinbekommen. Wenn nicht, habe ich die üble Vermutung, dass mein Leben mit ihm in Zukunft alles andere als amüsant sein wird.

 

Der Morgen in San Diego ist warm und der Himmel von roten und lila Streifen geziert, als ich das Fahrrad vor dem kleinen Café anschließe, das nicht weit von unserer Wohnung entfernt ist.

Nach dem brillanten Start gestern habe ich lange wachgelegen und mir den Kopf darüber zerbrochen, wie ich das mit Dean anstelle. Zwar habe ich ihn lange nicht mehr gesehen, doch wenn ich Lucys Erzählungen Glauben schenken darf, dann hat sich an seinen Essgewohnheiten nicht viel geändert, und damit bin ich im Vorteil.

Ich weiß nämlich zufällig, wo es den besten Lemon Cheesecake in der ganzen Stadt gibt, und damit konnte ich ihn bisher immer beschwichtigen.

»Es ist halb acht. Wie kann man da schon so voller Energie sein und strahlen?«, werde ich von Jase begrüßt, der seine Stirn erschöpft auf die Theke fallen lässt.

»Würdest du nicht immer bis drei Uhr wach bleiben, wenn du weißt, dass du am nächsten Tag arbeiten musst, wärst du auch nicht so müde«, erwidere ich, als ich durch das kleine Café mit den bunten Fliesen zu Jase gehe, dessen Locken ihm im Gesicht hängen.

»Durchaus möglich. Ich nehme mir das manchmal sogar vor, nur klappt das irgendwie nie«, brummt er, als ein seltsames Glitzern in seine Iris tritt und ich vor dem Tresen innehalte. »Aber sag mir mal lieber, wie deine erste Nacht war.«

»›Schlaflos‹ trifft es ganz gut.« Ich deute auf den Lemon Cheesecake in der Auslage und ziehe mein Portemonnaie hervor.

»Hätte ich es gestern nicht mitbekommen, würde ich fragen, ob ihr euch zwischen den Laken gewälzt habt, aber ...« Jase stockt mitten im Satz und wirft mir einen skeptischen Blick zu. Dabei mustert er einen Moment die dunklen Ringe unter meinen Augen und runzelt die Stirn.

»Gewälzt habe ich mich, aber ganz alleine«, murmle ich und lege ihm fünf Dollar hin, die er gedankenverloren nimmt und wechselt.

»Klingt nicht, als wäre euer Wiedersehen gut gelaufen.«

»Nein, nicht wirklich.«

»Und wie geht es jetzt weiter?« Er greift eine Tüte und Papier und packt das Stück Torte hinein.

»Ich werde ihm ein Friedensangebot unterbreiten und hoffen, dass er es annimmt.«

»Und was wenn nicht?«

Ich seufze, als er mir den Kuchen reicht. »Dann habe ich ein ziemliches Problem.«

»Ich drücke dir die Daumen, dass dein Plan aufgeht.«

»Ich auch«, stimme ich zu und drehe mich um. Ich lächle dem verschlafenen Jase ein letztes Mal zu, ehe ich das Café verlasse und den Lemon Cheesecake vorsichtig im Fahrradkorb platziere. Dann öffne ich das Schloss und mache mich auf den Rückweg.

Zu dieser Tageszeit erwacht San Diego langsam. Die Autos auf den Straßen häufen sich, durch offene Fenster dringen Kinderstimmen und Gelächter. Die wenigen Läden, die sich auf dem Weg zum Haus befinden, sind noch zu, als ich vorbeiradle, und mir laufen lediglich ein paar müde Schüler über den Weg, die Taschen tragen, als würden sie auf Klassenfahrt gehen.

Als ich mein Ziel erreiche, steige ich ab, ziehe den Schlüssel aus meiner dünnen Jacke und schließe auf. Ich halte mit einem Fuß die Tür auf und schiebe das alte Fahrrad in den Flur. Dabei wandert mein Blick zum Appartement unserer Nachbarin, die heute aus dem Urlaub zurückkommt.

Erin Harson ist der eigentliche Grund für die Wahl dieser Wohnung. Sie ist Psychologin und hat eine lange Zeit in der Entzugsklinik gearbeitet, in der Dean war. Sie ist im Ruhestand und betreut ehrenamtlich Jugendliche, aber sie tut einer ehemaligen Kollegin und guten Freundin einen Gefallen und hat sich bereit erklärt, Dean bei seinem weiteren Therapieverlauf zu unterstützen. Ansonsten hätte er sich eine passende Psychologin suchen oder die Uni wechseln müssen, um in Reichweite der Klinik zu bleiben. So wäre sein Stipendium hin gewesen.

Ich werde ihm niemals erzählen, dass es einige Kraft gekostet hat, mit drei Therapeuten und seinen Eltern zu diskutieren, damit er zurück nach San Diego kann. Doch ich habe ihn spielen sehen und mit seinen Freunden erlebt. Er fühlt sich hier wohl, und auch wenn er auf die schiefe Bahn geraten ist, gehört er hierher.

Blöd nur, dass seine Mom mich zu seiner Daueraufpasserin abkommandiert hat.

Das hatte ich bis dahin nämlich nie im Sinn gehabt.

Mit einem Seufzen schließe ich das Fahrrad ab, nehme die Verpackung aus dem Korb und steige die Treppe in den ersten Stock hinauf. Meine Schritte hallen an den leeren Wänden wider, mischen sich mit dem Klirren des Schlüssels, den ich in der Hand halte.

Ich darf das gleich nicht versauen. Also werde ich reingehen, still sein und Dean ein leckeres Frühstück zubereiten, dessen Krönung der Lemon Cheesecake ist. Eigentlich kann er da gar nicht Nein sagen oder widerstehen.

Selbstbewusst halte ich den Rücken gerade und stolziere in die Wohnung, den Kuchen balanciere ich auf einer Hand, als ich die Tür leise zuziehe. Ich streife mir den einen Schuh vom Fuß, ehe ich dasselbe mit dem anderen tue, der leider hängen bleibt. Umständlich hüpfe ich auf einem Bein und versuche den Schuh abzuschütteln, wobei der verpackte Cheesecake bedrohlich wankt, als ich nach vorne kippe.

In derselben Sekunde, in der ich stürze, geht die Tür zu Deans Zimmer auf. Meine Hand samt Kuchen prallt gegen einen Oberkörper, ehe der Rest von mir folgt, der wie ein nasser Sack zu Boden plumpst. Dean fasst reflexartig nach meinen Armen und taumelt, überrascht von dem ungewollten Überfall, einen Schritt nach hinten. Meine Finger bohren sich in seinen Oberarm, während ich zischend einatme und die zerdrückte Tüte betrachte, die an seiner Brust hängt.

Adieu, Versöhnungskuchen.

»Oh Scheiße«, fluche ich und starre auf meine Hand, die versucht hat das Essen vor einem Freiflug zu bewahren. Schade, dass es zu einer Bruchlandung kommen musste.

»Was zum Teufel ist das?«, brummt Dean verärgert und schiebt mich zurück. Eilig löse ich den Griff von seiner Haut und nehme die Verpackung. Enttäuscht falte ich das Papier auseinander, das einen plattgedrückten Kuchen offenbart, und stoße einen Seufzer aus.

»Das ist der beste Lemon Cheesecake der Stadt.« Ich hebe traurig den Kopf. Irritiert starrt Dean das Gebäck an, das ich ihm hinhalte. »Als Wiedergutmachung für gestern«, füge ich mit einem knittrigen Lächeln hinzu.

»Hier geht’s aber stürmisch zur Sache«, meldet sich eine weitere Stimme, die ich nur ein einziges Mal gehört habe.

Zwar bezweifle ich, dass er sich an mich erinnert, doch in dieser Nacht habe ich es tatsächlich hinbekommen, mehr als drei Wörter hervorzubringen. Gut, ich gehe davon aus, dass der Alkohol, den ich damals vor dem Date getrunken hatte, um meine Nerven zu beruhigen, einen entscheidenden Einfluss auf mein Auftreten hatte, dennoch war es eine Art Erfolgserlebnis.

»Hey Amber«, begrüßt mich Ryan Paxton mit einem charmanten Grinsen, während Dean angeekelt den Kuchen mustert.

»Hallo«, erwidere ich kleinlaut.

Soll ich ihm einen dieser coolen Checks geben? Ihn umarmen? Oder nur die Hand schütteln? Warum muss das nur so kompliziert sein und wieso kann ich nicht so sozial kompetent sein wie Dean? Der kommt überall klar und wird von jedem gemocht.

»Ist das Cheesecake?«, fragt er mit einem interessierten Blick auf die Packung, die Dean mir abnimmt.

»Lemon Cheesecake«, korrigiere ich ihn gleichzeitig mit Dean. Wir schauen einander an, und ich sehe, wie Ryans Augenbrauen ein Stück nach oben wandern.

»Zumindest war es das mal.« Verärgert betrachtet Dean den zerdrückten Kuchen und knüllt die Verpackung zusammen. Das Herz sackt mir tiefer in die Magengrube, und ich beobachte, wie Ryan ihm seine Sporttasche reicht.

»Schade um das Essen«, kommentiert Ryan. Dann hebt er den Kopf und sieht mich an. »Ich glaube, wir haben noch keine Nummern getauscht«, sagt er, als Dean ein genervtes Stöhnen von sich gibt, was er gelassen ignoriert. »Ich schreibe dir, wann das Training zu Ende ist und ob er sich anständig verhalten hat«, redet er weiter, als er mir sein Handy hinhält.

»Ich kann euch hören.«

»Und Mummy und Daddy wollen auch, dass du das hörst«, erwidert Ryan, während ich versuche, mich auf die Zahlen zu konzentrieren und sie nicht in falscher Reihenfolge einzutippen. Dabei kann ich sonst gut mit sowas umgehen. Nur nicht, wenn Dean Carter und Ryan Paxton ungeduldig neben mir stehen. Vielleicht sollten Piper und ich uns wirklich von Jase helfen lassen.

»Ich renne schon nicht zum nächsten Dealer um die Ecke«, faucht Dean, dessen Augen zornig funkeln, als ich Ryan sein Handy zurückgebe.

»Das will ich dir auch geraten haben. Miles hätte nämlich gerne seinen Wide-Receiver zurück, der jeden Ball fängt, kommt er auch noch so beschissen«, setzt Ryan mit einem scharfen Blick nach.

»Keine Angst, ich bin topfit«, knurrt Dean und zerknüllt mein Friedensangebot noch etwas mehr, ehe er sich an uns vorbeidrängt und im Treppenhaus verschwindet.

»Ich hoffe, er hat recht. Der Neue ist nicht schlecht, aber nichts gegen einen Carter.«

»Er ist einigermaßen fit«, murmle ich unsicher, als die Wohnungstür zufällt.

»Woher weißt du das?«, fragt Ryan nachdenklich.

»Glaub mir einfach.« Ich ringe mir ein Lächeln ab, das er mit einem Nicken hinnimmt. Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass Dean in der Klinik trainiert hat, wann immer er eine freie Minute hatte. Ich könnte ihm auch verraten, dass ich seine Zeiten gestoppt habe und er mich Tag für Tag ignoriert hat. Nur denke ich nicht, dass das hier hingehört.

»Ich sag dir, wie er sich angestellt hat.« Ryan hebt zum Abschied die Hand, und dann verlässt er die Wohnung.

Ich bleibe alleine in der Stille zurück. Ohne Kuchen und glücklichen Dean.

Das ist mal ganz anders gelaufen als geplant. Doch wann läuft bei mir was nach Plan?

Seufzend streife ich den Schuh ab, der immer noch halb an meinem Fuß hängt, ehe ich in mein Zimmer gehe und mich meiner Jacke entledige. Ich werfe sie auf das Bett und ziehe eine Kiste heran, die nicht ausgepackt ist.

Jase hätte mich nach der Szene mal wieder ermahnt, dass ich selbstbewusster auftreten soll, und ich wünschte, ich könnte diesen Rat so einfach umsetzen. Irgendwie will mir das nur nicht so gut gelingen.

Ich öffne den Karton und betrachte die Dinge, die sich darin befinden. Ganz oben liegt ein ziemlich mitgenommenes Notizbuch, aus dem Ecken von Fotos gucken. Ich weiß genau, was das ist, und ich weiß auch, dass ich die Geister der Vergangenheit ruhen lassen sollte. Dennoch greife ich danach und taxiere das, was ich mit dreizehn auf den Einband geschrieben habe.

Die Dinge, die ich dir nie gesagt habe

»Tja, Dean«, murmle ich und fahre mit der Hand über die verblassten Buchstaben, während die Sonne durch das Fenster fällt, »scheinbar muss ich ein paar Sachen nachtragen.«

3

Dean

 

 

»Du musst mir jede Woche einen Kuchen backen«, sage ich mit einem genüsslichen Seufzen und schiebe mir die nächste Gabel mit Lemon Cheesecake in den Mund.

»Ich kann dir nicht jede Woche einen Cheesecake backen. Am Ende wirst du dick«, widerspricht Am, die ihre Haare in einen unordentlichen Zopf gesteckt hat. Kopfschüttelnd betrachtet sie mich, wobei mir Mehl auffällt, das ihr am Kinn klebt.

Ich weiß nicht, ob sie es jemals hinbekommt, zu backen, ohne sich einzusauen.

»Klar«, erwidere ich. »Ich bin Footballer und trainiere täglich. Außerdem muss ich noch wachsen.«

»Du beschwerst dich schon jetzt, dass deine Mom dich dauernd mitschleppt, weil du neue Klamotten brauchst.«

»Das ist diese Folter wert.« Ich stöhne, als ich eine große Portion nehme, und glaube zu sehen, wie Ams Wangen sich dunkel färben.

 

Amber hat mich angelogen. Das Zeug, das sie mir gebracht hat, ist nicht der beste Lemon Cheesecake der Stadt. Der ist nichts im Vergleich zu dem, den sie zaubert, wenn sie in der Küche verschwindet.

Genervt von meinen eigenen Gedanken knülle ich das Papier zusammen, worin sich der Rest befindet, und stopfe es in meine Trainingstasche, die zwischen meinen Beinen steht. Ich bemerke Ryans Blick, doch versuche ihn zu ignorieren.

»Wenn du ihn nicht willst, nehme ich ihn gerne«, meint er mit einer beiläufigen Handbewegung, die zu meiner Tasche geht, als ich den Cheesecake in meinem Mund herunterschlucke.

Ja, ich könnte es ihm geben. Was würde das schon für einen Unterschied machen? Es ist bloß dummer Kuchen.

»Nein, ich esse den nach dem Training«, sage ich jedoch und beobachte die Häuser, an denen wir vorbeifahren.

»Dann ist der Lemon Cheesecake also doch nicht hinüber?« Ryan zieht die Worte in die Länge, und ich ahne, worauf er anspielt.

»Nein, der ist in Ordnung«, erwidere ich bissig.

Verdammt, es reicht mir, dass ich ihn habe einweihen müssen, um Am wenigstens etwas Freizeit zu lassen, aber dass er derart bohrt, habe ich nicht bedacht. Vielleicht hätte ich doch Alex oder Miles zu meinem Aufpasser ernennen sollen.

Schade, dass ich weiß, dass Ryan der richtige Kandidat für den Job ist.

»Und? Was glaubst du, wie das Zusammenleben mit Amber funktionieren wird?«

Ich schnaube, als mir die Sprüche ihrer Freunde in den Sinn kommen. »Oh, ganz bestimmt super.«

Statussymbol.

Sexobjekt.

Ich hätte abwarten sollen, was Am dazu sagt, nur weiß ich nicht, ob ich mit ihrer Antwort hätte leben können. Da ist es mir lieber, mir zweitausend Varianten auszumalen und es nur in Betracht zu ziehen, dass sie mittlerweile an einer Art Status interessiert sein könnte, als mir tatsächlich sicher zu sein. Keine Ahnung, was ich machen würde, wenn sich meine Befürchtungen bewahrheiten.

»War das Wiedersehen so schlimm? Letztes Mal, als –«

»Als ich sie damals getroffen habe, war ich sturzbesoffen und high. In dem Zustand finde ich jeden nett«, unterbreche ich ihn.

»Warte mal«, murmelt Ryan, als wir an einer roten Ampel halten und ich ein Kind beobachte, das seine Mutter hinter sich herzieht. »Ich dachte, dass ihr sowas wie beste Freunde seid. Oder habe ich das am Telefon falsch verstanden?«

Ich verkrampfe mich bei seinen Worten und presse die Lippen aufeinander. Der peinliche Anruf bei Ryan. War klar, dass der irgendwann Gesprächsthema werden würde. Immerhin reitet er nicht darauf herum.

»Nein, du hast das schon richtig verstanden. Das Aufeinandertreffen mit ihren Freunden war nur nicht geplant und ist mies gelaufen.«

Und jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich die Amber vor mir habe, die ich kenne.

»Was ist denn schiefgegangen? Ich kann mir bei ihr eigentlich nicht vorstellen, dass sie von Idioten umgeben ist.«

Einen Augenblick bin ich versucht, ihm alles zu erzählen.

Alles.

Nur gibt es Dringenderes als meine dämlichen Probleme. Ich muss mich konzentrieren, damit ich das Gespräch mit Coach Mayer überlebe und mein Team nicht noch länger hängen lasse. Dazu brauche ich allerdings seine Erlaubnis, und ich hoffe, dass ich die kriege.

»Nicht so wichtig«, murmle ich, als die Ampel auf Grün springt, und zum Glück schweigt Ryan den Rest des Weges.

 

»Unsere Dancing-Queen ist zurück!«

»Carter, wo hast du gesteckt?!«

»Mann, endlich einer, der meine Bälle fängt!«

Ich komme nicht dazu, etwas zu erwidern, als ich die Umkleide betrete. Meine Worte würden in den Rufen untergehen, und ehe ich mich versehe, kommt Miles Cooper auf mich zu und zieht mich in eine rasche Umarmung.

»Schön, dass du wieder da bist«, brummt der Quarterback mit den kurzgeschorenen blonden Haaren und schenkt mir ein strahlendes Lächeln, während andere mir im Vorbeigehen auf die Schulter klopfen oder die Hand abschlagen. Mein Mund ist staubtrocken, als Alex Miles wortlos zur Seite schiebt. Ich erwarte beinah ein enttäuschtes Kopfschütteln, doch stattdessen schlingt der Riese seine Arme um mich.

Diesen Empfang habe ich nicht verdient.

»Tut gut, dich zu sehen«, murrt Alex, als er mich loslässt und angrinst. Ich schlucke den bitteren Geschmack herunter, der sich auf meiner Zunge ausbreitet, und versuche, die Mundwinkel ein Stück höher zu ziehen, was mir nicht wirklich gelingen will.

»Gleichfalls«, erwidere ich einfallslos und senke hastig den Blick.

Ryan neben mir lacht und boxt Cooper gegen den Arm. »Tu nicht so, als wäre dein einziger Wide-Receiver von den Toten auferstanden.«

»Mein bester Wide-Receiver ist von den Toten auferstanden. Das ist viel besser«, sagt Cooper und klopft mir auf die Schulter.

»Wollt ihr euch nicht ein Zimmer nehmen?«, schlägt John vor, während er sich lachend eine Wasserflasche greift.

»Das einzige Zimmer, in das Carter seinen Arsch jetzt bewegt, ist mein Büro.«

Die strenge, laute Stimme lässt alle verstummen. Ein großer Mann, dessen Cappy seine grauen Haare verdeckt, steht am Ende der Umkleide und hat die Arme vor der Brust verschränkt. Er ist genauso ein bulliger Kerl wie Alex oder John, und keiner von uns wagt es, sich mit ihm anzulegen.

»Der Rest geht schon raus. Paxton, du übernimmst das Kommando, bis ich dazustoße«, befiehlt er, ohne mich aus den Augen zu lassen.

Das klingt nicht so, als würde ich ihn gleich begleiten.

Ich schlucke schwer, als die Footballer leise murmelnd die Kabine verlassen. Der eine oder andere klopft mir ermutigend auf die Schulter, doch unter Coach Mayers Adleraugen fühle ich mich dennoch winzig.

»Los, Carter. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit«, murrt er und macht auf dem Absatz kehrt.

Ich hätte mich auf dieses Gespräch besser vorbereiten sollen.

Mein Magen verknotet sich unangenehm, als ich dem großen Kerl in sein kleines Büro folge, das mit Bildern und Auszeichnungen vollgestopft ist. Verstaubte Ordner stehen in den Regalen, und auf dem Schreibtisch stapeln sich Unterlagen. Der Coach lässt sich auf seinen Stuhl fallen und bedeutet mir, mich auf den Platz ihm gegenüber zu setzen.

Ich ziehe die Tür hinter mir zu, wodurch die Geräuschkulisse meiner Teamkollegen abreißt, und befolge dann seine stumme Aufforderung. Als ich tief einatme, nehme ich eine Mischung aus Staub, Dreck und Schweiß wahr, und ich muss zugeben, dass ich seit Langem nichts mehr in die Nase bekommen habe, was so angenehm riecht.

»Ich habe dich erst morgen erwartet.«

»Wir sind gestern Abend angekommen, und ich dachte mir, dass ich genauso gut schon heute zum Training gehen kann«, erkläre ich und räuspere mich. Meine Stimme ist nur ein seltsames Krächzen. Vielleicht, weil hier für mich so viel auf dem Spiel steht.

»Wie geht’s dir?«

Seine Frage impliziert wesentlich mehr, als man glaubt. Ich weiß, was er hören möchte, aber ich hasse es, darüber zu sprechen. Doch wenn ich den Platz zurückwill, muss ich offen zum Coach sein. Immerhin habe ich ihm damals auch die Wahrheit gesagt, und er hat mir den Rücken freigehalten und dem Team verkündet, dass es einen familiären Notfall bei mir gibt.

Schade, dass ich selber dieser Notfall bin.

»Der Entzug war hart«, gestehe ich leise, spüre die Scham in mir aufsteigen. Dennoch zwinge ich mich, ihn anzuschauen. »Die ersten Wochen waren die schlimmsten. Danach wurde es leichter«, lege ich nach. »Ich hatte viel Hilfe. Das hat es letztendlich einfacher gemacht.«

Nur wird die Hilfe garantiert nicht erfahren, dass sie welche war.

»Deine Mutter hat mich angerufen, mir die Nummer deiner Betreuerin gegeben und erzählt, dass du zwei Leute hast, die dauerhaft auf dich aufpassen, damit du nicht wieder Dummheiten machst.«

»Ich habe nicht vor Mist zu bauen«, murmle ich verunsichert, während seine Augen sich bis in mein Rückenmark bohren.

»Das hoffe ich für dich. Andernfalls muss ich dich aus dem Team schmeißen.«

Meine Muskeln verkrampfen sich.

Bitte, nur das nicht.

Die Zunge klebt mir am Gaumen, und ich bringe lediglich ein Nicken zustande.

»Deine Position musste ich in der Zwischenzeit neu besetzen. Du bleibst vorerst Ersatz, bis ich der Meinung bin, dass du fit genug bist.«

Ich könnte dem Coach jetzt erzählen, welche Zeiten ich gelaufen bin. Dass ich jeden Tag trainiere, und das härter als andere. Doch ich kann froh sein, dass er mich noch nicht rausgeschmissen hat. Daher nicke ich stumm, halte einen Moment dem Blick stand. Ich sehe, wie er mit dem Kiefer mahlt, dann stößt er einen Seufzer aus.

»Los, geh dich umziehen und dann aufs Feld mit dir.«

Erleichterung strömt durch meine Adern, lässt ein Lächeln auf meine Lippen treten.

Das ist fast das Schönste, was ich in den letzten Wochen gehört habe, und der befürchtete Einlauf ist auch ausgeblieben.

Ich schiebe den Stuhl zurück, gebe ein leises »Danke« von mir und stehe rasch auf. Ich verlasse das Büro, erhasche die Titelzeilen der Zeitungsartikel, die gerahmt an der Wand hängen, und spüre die bekannte Aufregung in der Brust.

»Carter«, vernehme ich Coach Mayer, als ich die Tür zuziehen will. Ich erstarre in der Bewegung und bereite mich darauf vor, eine Standpauke zu kassieren, als ich bemerke, dass seine Aufmerksamkeit einer Mappe gilt, die ich nicht kenne. »Ich habe nicht vor, meinen besten Wide-Receiver für den Rest der Saison auf der Bank sitzen zu lassen. Also sieh zu, dass du wieder in Form kommst.«

 

Ich bin nicht so fit, wie ich dachte.

Das ist das Erste, was mir das Training zeigt. Mal abgesehen davon, dass ich nicht wie früher so ziemlich jeden Ball von Cooper kriege, habe ich den Eindruck, über keine Ausdauer mehr zu verfügen. Ich schwitze wie ein Schwein, und meine Beine fühlen sich an wie Pudding, als ich aus dem Wagen steige.

Frustriert und deprimiert.

Anders kann ich meine aktuelle Stimmung nicht beschreiben. Und gleich werde ich Am begegnen, die hoffentlich nicht ihre beiden seltsamen Freunde dahat, von denen ich auf ein verdammtes Objekt reduziert werde.

Nicht, dass ich das nicht kennen würde, aber seit dem Entzug fühlt sich dieser Gedanke schlimmer an. Ich weiß nicht, warum es mich so wurmt, dass Menschen mich nur nach dem beurteilen, was sie sehen und hören. Vielleicht weil genau aus diesem Grund niemand versucht hat, mich kennenzulernen, oder es bemerkt hat – bis auf einige Ausnahmen.

»Kopf hoch, Carter. Das war dein erstes Training. Das nächste wird besser«, sagt Ryan durch das heruntergelassene Fenster, als ich die Hand zum Abschied hebe. Ich bringe sowas wie ein zuversichtliches Lächeln zustande, doch es hält nur so lange, bis er den Motor startet und fährt.

Ja, es war das erste Training, und ich konnte nicht mal meine Konkurrenz begutachten, weil die mit einer Grippe im Bett liegt. Cole Brewster heißt derjenige, den ich irgendwie von meinem Platz verdrängen muss. Soweit ich das richtig verstanden habe, ist der Typ echt nicht schlecht, was es wesentlich schwerer macht, meine Position zurückzugewinnen.

Falls ich in dieser Saison dazu überhaupt in der Lage bin.

Schnaubend ziehe ich den Schlüssel aus meiner Hosentasche und schließe die Haustür auf. Die kühle Luft des Treppenhauses empfängt mich, und ich genieße den Schatten, der mir die letzten Stunden versagt war, weil ich über das sonnige Feld gescheucht wurde. Ich raffe die Tasche etwas höher, gehe zum Treppenansatz und blicke verzweifelt die Stufen hinauf, die ich jetzt gleich bezwingen muss.

Warum kann dieses Haus keinen Fahrstuhl haben? Ich werde zusammenbrechen, ehe ich oben angelangt bin, und am Ende muss Amber mich noch ins Zimmer tragen. Vielleicht sollte ich Ryan anrufen und fragen, ob er mich nicht doch mit zur Arbeit nehmen will.

»Mr. Carter«, höre ich eine fremde Stimme hinter mir, die mich herumwirbeln lässt. Eine Frau, deren graue Haare ihr leicht über die Schulter fallen, blickt mich neugierig an. Das weiße Kostüm, in dem sie steckt, passt weder zu der knallroten Hornbrille, die ihre Nase ziert, noch zu dem übertriebenen Schmuck um ihr Handgelenk.

Obwohl ich sie noch nie gesehen habe, ahne ich, wer sie ist, und dabei fühle ich mich schon wieder unwohl.

»Guten Tag, Ms. Harson«, prüfe ich höflich meine Vermutung, während sie die Sporttasche mustert, die ich dabeihabe. Ihre breiten Lippen sind zu einem Lächeln verzogen, und sie neigt den Kopf ein wenig.

»Sie haben mich erkannt?«

»Gibt ja nicht so viele, die hier wohnen«, erwidere ich und schlucke die Nervosität herunter, die meine Kehle emporklettert.

»Das ist wahr.« Sie lacht und zieht ihre Wohnungstür ein Stück weiter auf. »Was halten Sie davon, wenn wir kurz besprechen, wie das in Zukunft ablaufen soll? Dann haben Sie es hinter sich.«

Ich werfe einen leicht sehnsuchtsvollen Blick zur Treppe, die mir mit einem Mal viel freundlicher und zuvorkommender erscheint als noch vor wenigen Minuten. Theoretisch könnte ich ablehnen, aber andererseits muss ich es früher oder später erledigen, und schlimmer als jetzt kann es sowieso nicht mehr werden.

»Klar, warum nicht.« Ich zucke mit den Schultern, dann kratze ich meinen Mut zusammen und betrete die Wohnung der Psychologin. Mit gesenktem Kopf gehe ich an ihr vorbei, bleibe ratlos im Flur stehen, wo sich nur eine Kommode befindet. Ansonsten ist der Raum kahl.

»Erstes Zimmer links.« Sie deutet auf den Durchgang neben mir, während sie die Tür zuzieht. Vorsichtig trete ich ein, bemerke die Sessel, die mittendrin stehen, und den schmalen Schreibtisch. Kein Staubkorn ist zu sehen, und im Gegensatz zu Coach Mayers Tisch liegt auf ihrem nur eine einzige Mappe.

Ich bin mir sicher, dass es meine ist.

»Nehmen Sie doch bitte Platz. Es dauert auch nicht lange.« Sie zeigt auf einen der Polstersessel und nimmt den Ordner vom Schreibtisch. Ich stelle mit einem mulmigen Gefühl im Bauch die Sporttasche ab und setze mich auf einen der Sessel, der zu meiner Überraschung wahnsinnig bequem ist.

Meine Muskeln entspannen sich etwas, als sie sich mir gegenüber niederlässt und ihre Brille zurechtrückt. Sie legt die Mappe auf den Beistelltisch, der sich zwischen uns befindet, dann mustert sie mich. Und das ist wirklich unangenehm. Wahrscheinlich analysiert sie mich jetzt schon anhand meiner Kleidung und meiner Sitzposition und will mir gleich erklären, was ich alles für Probleme habe.

Das kann ja nur ein riesiger Spaß werden.

»Sie sitzen ziemlich in der Scheiße, oder?«

Sekunde.

Was?

Ich blinzle verwirrt, starre die Dame an, die sich entspannt zurücklehnt.

»Aber bevor wir mit dem Chaos anfangen, möchte ich Ihnen das Du anbieten.«

Sie wartet auf eine Reaktion. Ich öffne den Mund, doch kriege kein Wort heraus. Habe ich mich gerade verhört? Stattdessen nicke ich und behalte die Frau, die um die sechzig sein muss, im Auge. Ist das eine dieser neumodischen Therapien?

»Also, Dean, dann lass mich mal kurz erklären, wie das demnächst ablaufen wird«, sagt sie und holt tief Luft. »Du wirst einmal in der Woche zu einer Sitzung kommen, Amber wird mir ebenfalls wöchentlich Bericht erstatten, und ich werde mich immer mal wieder bei deinem Trainer oder Ryan Paxton erkundigen. Du stehst die ersten Wochen unter genauster Beobachtung, damit du nicht wieder an die falschen Leute gerätst.« Sie hält einen Moment inne, während ich zu begreifen versuche, dass mein Leben ab jetzt dem eines Häftlings ähnelt. »Alleingänge sind vorerst tabu und führen zu einer Untersuchung. Sollte diese bestätigen, dass du Drogen genommen hast, haben wir richtige Probleme.«

Ich schlucke schwer.

Es sind nur ein paar Wochen.

Irgendwann ist das alles vorbei.

»Okay«, murmle ich gehorsam, denn ich weiß nur zu gut, wie mühevoll es war, Erin Harson dazu zu überreden.

»Sehr schön. Dann kommen wir zu dem letzten Punkt auf meiner Liste: Als Gegenleistung und Lehre wirst du zweimal im Monat eine Jugendgruppe zusammen mit mir begleiten und betreuen.«

Was?!

»Wo steht das denn?«, platzt es irritiert aus mir heraus.

Verdammt, ich muss trainieren und mit meinem Notenschnitt auf einen grünen Zweig kommen. Da ist für sowas keine Zeit!

»Das ist eine Abmachung, die ich mit Amber getroffen habe.«

Amber.

Meine Mitbewohnerin macht mir einen Strich durch die Rechnung, und das, ohne mich zu fragen.

»Das können Sie vergessen.«

4

Amber

 

 

Erinnerst du dich an den Abend, als wir einen Star-Wars-Marathon machen wollten? An den Moment, als ich vor deiner Tür stand und geklopft habe? Als mir jemand Fremdes öffnete und ich anstelle von Popcorn und dir auf dem Sofa eine Party vorfand?

Ich weiß nicht, ob du dich daran erinnerst, wie du dich bei mir entschuldigt hast. Ich habe dir gesagt, dass es nicht schlimm ist, dass du unseren Filmabend wegen der Party vergessen hast.

Das war gelogen.

Gelogen, weil ich mich die ganze Woche darauf gefreut hatte, dass wir uns sehen, und weil ich gehört habe, was du zu dem blöden Kerl gesagt hast, der gefragt hat, wer ich bin.

Ich bin nicht irgendeine aus den Vorlesungen gewesen.

Ich war mal deine beste Freundin.

Doch in diesem Moment wusste ich, dass wir an einen Punkt gekommen sind, an dem sich alles ändert.

Vielleicht hätte ich dich anrufen sollen, aber du hast dich auch nicht gemeldet.

Und wenn wir uns jetzt sehen, werden wir uns immer fremder.

 

»Bist du von allen guten Geistern verlassen?!«, schallt es lautstark aus dem Flur, ehe die Wohnungstür geräuschvoll zugeschlagen wird. Ich zucke überrascht zusammen und stoße dabei den Stapel Bücher vom Küchentisch, der mit einem Knall zu Boden geht. Ehe ich einen Fluch von mir geben oder mich auf eine Diskussion vorbereiten kann, platzt Dean herein.

Sein Haar sieht aus, als hätte er es nach dem Duschen an der Luft trocknen lassen, und seine müden Augen hindern die Wut nicht daran, sich auf seinem Gesicht auszubreiten.

»Wie kommst du auf die Idee, so eine Abmachung zu treffen?«, faucht er, als die Sonne, die bis eben noch auf meine Rechnungen gefallen ist, hinter den Wolken verschwindet. Ich weiche seinem Blick aus, der mir durch Mark und Bein geht, und gleite vom Stuhl, um die Zettel und Fachbücher aufzuheben.

»Amber Fields, ich spreche mit dir!« Seine Stimme ist ein Zischen, das mir einen eisigen Schauer über die Wirbelsäule jagt. Mit kalten Fingern packe ich den ersten Band und versuche, die Formeln aus meinem Kopf zu bekommen, um einer Auseinandersetzung mit ihm standzuhalten.

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: J. Moldenhauer
Bildmaterialien: contrastwerkstatt, https://stock.adobe.com/de/104181603 - schöne lächelnde frau in gedanken; Freepik, Designed by Freepik.com
Cover: Buchcoverdesign.de / Chris Gilcher – http://buchcoverdesign.de
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 18.02.2020
ISBN: 978-3-96714-059-0

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