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Leseprobe

Never Expected Us

J. Moldenhauer


 

 

 

 

 

 

 

 

Alle Rechte vorbehalten.

Jede Verwertung oder Vervielfältigung dieses Buches – auch auszugsweise – sowie die Übersetzung dieses Werkes ist nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin gestattet. Handlungen und Personen im Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

 

 

 

 

 

Für Mama.

Für Papa.

Für Dominic.

Fürs Zusammenhalten.

Das haben wir nämlich ziemlich gut drauf.

Never Expected Us –

Playlist

 

 

 

Slow Hands – Niall Horan

One Kiss – Calvin Harris, Dua Lipa

Girls Like You (feat. Cardi B) – Maroon 5

Whisper My Name – Ilira

Hold My Hand – Jess Glynne

Nervous – Shawn Mendes

Every Breath You Take (Re:Imagined) – Denmark + Winter

Save It Till Morning – Fergie

Love Song – P!NK

Nothing Breaks Like A Heart – Miley Cyrus, Mark Ronson

 

 

 

 

 

 

 

 

1

 

Ryan

 

 

»Du wirst verfolgt«, wiederhole ich und versuche mir die Situationen wieder ins Gedächtnis zu rufen, in denen ich nicht wusste, was gerade passiert. Die Momente, in denen sie zusammengebrochen ist und immer zittert.

»Verfolgt von einem Stalker, ja.« Sie ist erschöpft, schließt eine Sekunde die Augen, während ich die Toilettenspülung betätige, nur um irgendetwas zu tun.

»Ein Stalker«, sage ich leise, um es mir selber klarzumachen, weil es völlig verrückt klingt.

Meine Ungläubigkeit lässt Evelyns Mundwinkel zucken. Dabei bilden sich kleine Falten und die Sommersprossen wandern auf ihrer Haut umher.

»Einer wie in einem beschissenen Krimi oder Thriller. Kaum zu glauben, was?«

Ich habe keine Erwiderung parat. Nicht ein Wort, einen Satz, der irgendwie zu dem Augenblick passt. Normalerweise gibt es Standardsprüche für alle möglichen pikanten Situationen, aber was zum Teufel soll ich einer Frau raten, die verfolgt wird?

Mach dir nichts draus?

Der ist bestimmt hässlich?

Könnte schlimmer sein?

»Eve?!« Der Ruf wird von polternden Schritten begleitet, woraufhin Amy mit Sorgenfalten auf der Stirn die Treppe heruntergestampft kommt. Bevor ich einen Gedanken daran verschwenden kann, etwas zu sagen, entdeckt Amy den Korb mit den Muffins, die auf dem Boden verteilt sind. Kurz huscht Verwirrung über ihr Gesicht, dann scheint sie ein Detail zu bemerken, das mir einfach nicht auffallen will.

»Sag mir, dass der von dir ist«, wendet Amy sich atemlos an mich.

Zu gerne würde ich jetzt mit ja antworten, doch ich kann lediglich den Kopf schütteln.

»Wenn er von ihm wäre, wäre mir zwar auch die Galle hochgekommen, aber ich würde nicht vorm Klo hocken, Amy«, mischt Evelyn sich trocken ein und öffnet träge die Augen.

Sie erinnert mich an eine Betrunkene. Nur ist es nicht der Alkohol, der sie in so einen Zustand versetzt hat. Vielleicht Angst? Panik? Oder das Adrenalin, das durch ihre Adern prescht wie das Wasser, das die Niagara-Fälle herunterstürzt.

»Gran!«, schreit Amy nach oben und es dauert nicht lange, da ertönt ein weiteres Poltern. Elizabeth Jones kommt in mein Sichtfeld, als sie die Treppe hinabsteigt und es so wirkt, als wäre es ein Laufsteg. »Er ist wirklich zurück. Der Zettel war kein Versehen.«

Amys Worte unterbrechen den glamourösen Auftritt. Das nette Lächeln wird von ihrem Gesicht gewischt, sie erstarrt einen Wimpernschlag lang. Dann findet ihr Blick den Korb und schlagartig nimmt ein panischer Ausdruck ihre Miene in seine Klauen. Die langsamen, eleganten Schritte werden zu schnellen, als sie die Stufen hinunterrennt und in das Bad sieht.

»Mach es nicht dramatischer, als es ist«, brummt Evelyn vom Boden, als Gran sich am Türrahmen abstützt und zu ihrer Enkelin schaut.

»Es ist dramatisch«, entgegnet Gran heiser. »Amy, ruf deine Mutter und anschließend die Polizei an.«

»Lass Mum in Ruhe arbeiten. Sie wird es früh genug erfahren.«

»Das Thema hatten wir bereits, Evelyn«, poltert ihre Großmutter dazwischen und nichts erinnert mich mehr an die gelassene Frau, die sie eigentlich ist. »Deine Mutter will sofort informiert werden und den Wunsch werde ich ihr nicht verwehren. Egal in was für einer unbegreiflichen Midlife-Crisis sie sich befindet.«

Plötzlich bricht das Chaos aus. Gran und Amy reden hektisch miteinander, während sie durch die Wohnung stürmen. Ich versuche ihnen zu folgen, will was tun, bis mein Blick auf Evelyn fällt, die immer noch in der Ecke sitzt. Sie wirkt wie ein angeschossener Soldat. Jemand, der nicht in der Lage ist, etwas an der Situation zu ändern. Und verdammte Scheiße, in dieser Sekunde tut sie mir unfassbar leid.

Ich lasse die beiden Damen ihren Notfallplan besprechen, als sie Nummern wählen, und überbrücke die letzten zwei Meter zwischen uns. Ich habe tausend Fragen und wahrscheinlich kommen mit jeder Antwort drei neue hinzu. Trotzdem schaffe ich es, mich zurückzuhalten und Evelyn die Hand zu reichen.

»Der Boden ist kalt.«

Meine Worte bringen sie dazu, aufzuschauen.

»Stimmt«, erwidert sie leise und starrt auf meine Finger, als wäre das ein schlechter Scherz.

»Ich glaube, es wäre sinnvoller, wenn du dich aufs Sofa setzt. Vielleicht mit einem starken Drink?« Ich gebe mir größte Mühe, normal zu wirken. Als wäre das eine der üblichen Unterhaltungen oder Diskussionen, die wir führen.

Es ist schwer, aber ich werde das Gefühl nicht los, dass über ihrem Kopf eine Menge zusammenkracht, und auch wenn Amy und Elizabeth es nur gut meinen, wären Ruhe und ein Shot besser für sie. Danach würde Evelyn sich zusammenreißen und das Kommando übernehmen. Zumindest würde ich sie so einschätzen.

»Ich glaube, Gran versteckt einen alten Gin von Grandpa in der Küche«, murmelt sie heiser, als sie ihre Hand in meine legt. Ihre Haut ist sanft und eiskalt, als ich zugreife und sie hochziehe. Ich ignoriere die Bienen, die durch meine Adern summen, und schenke ihr ein aufmunterndes Lächeln.

»Okay, dann klaust du den jetzt heimlich und ich hole den Wagen von der Turnhalle ab. Es macht keinen Sinn, dass ich hier im Weg stehe, wenn hier gleich die Polizei aufläuft.« Meine Stimme ist nur ein Hauch und ich beuge mich etwas weiter zu ihr, damit ihre Großmutter und ihre Schwester uns nicht hören.

»Du kommst wieder?«

Ihre Frage überrascht mich, lässt mich verdutzt blinzeln.

Verdammt. Ich habe ihr keine Wahl gelassen.

»Nur, wenn es dir recht ist«, lege ich eilig nach, um sie nicht noch mehr in eine Ecke zu drängen.

Ich schaue in diese hübschen Augen, die so unergründlich sind, als sie langsam nickt.

»Evelyn, die Polizei ist in fünf Minuten hier und deine Mum macht sich sofort auf den Weg«, informiert Elizabeth uns, was dazu führt, dass Evelyns Lider zufliegen, als müsste sie sich selber ermahnen die Fassung zu bewahren.

»Beeil dich, bitte«, murmelt sie und drückt meine Finger etwas fester, ehe sie loslässt und eine seltsame Kälte zurückbleibt. Dabei waren ihre Hände eisig, oder?

»Ryan? Willst du was trinken?«, wendet Elizabeth sich an mich, während Evelyn mit Amy in die Küche geht und aus meiner Reichweite verschwindet.

»Nein, ich fahre jetzt zur Turnhalle und hole das Auto ab«, erkläre ich und steige über die umgefallenen Muffins.

»Und wie willst du den zweiten Wagen abholen?«

»Schon gut, ich nehme den Bus.«

»Um die Zeit? Das ist Schwachsinn. Ich komme mit.«

Ich traue mich nicht zu widersprechen. Die Frau hat einen Ausdruck auf dem Gesicht, der einen einschüchtert. Irgendeine Mischung aus Entschlossenheit und Beschützerinstinkt, der nicht an eine alte Dame erinnert.

Sie schlüpft in eine Jacke, die an der Garderobe hängt, und steigt in ein Paar Stiefel. Ihre Handtasche ist schon griffbereit und sie ruft Amy was zu, als sie die Tür hinter sich zuzieht. Dann stampft sie erhobenen Hauptes und mit Adlerblick los. Ich bin erst verwirrt, aber dann verstehe ich, warum sie jeden Grashalm im Vorbeigehen untersucht, denn mich überkommt dasselbe Bedürfnis.

Ich will sicherstellen, dass der Kerl sich nirgendwo in der Nähe aufhält.

»Sollten wir nicht warten, bis die ...«

»Er hat sich noch nie blicken lassen und Amy weiß, wie man sich mit einer Pfanne verteidigt. Außerdem besitzt Mr. Jenkins eine Schrotflinte, die er abends immer bereithält. Sollte etwas sein, brauchen die beiden nur zu schreien und rüberzurennen«, erklärt sie im Gehen.

Ich werde niemals nachts um deren Haus schleichen.

Meine Muskeln sind angespannt, als ich Elizabeth die Schlüssel gebe und auf der Beifahrerseite einsteige. Paranoia hat sich um meinen Nacken geschlungen und zwingt mich weiter Ausschau zu halten. Dabei ist der Typ längst weg, oder?

Der Motor fängt für diesen Vorfall viel zu sanft zu summen an. Das gleichmäßige Geräusch passt nicht ansatzweise zu den Fragen und Gedanken, die durch meinen Kopf schießen. Unruhe überkommt mich und die Finger tippen in einem schnellen Takt auf die Armatur. Ich versuche Momente, Aussagen und Unterhaltungen zu ordnen, aber es fällt mir schwer, mich auf eine Sache zu konzentrieren. Bis sich etwas klar herauskristallisiert.

»Deswegen haben Sie mich gebeten auf Evelyn aufzupassen.« Meine Worte sind kaum lauter als das Brummen des Wagens, doch ich sehe, wie Elizabeth mir einen Blick zuwirft, der mit Schuldgefühlen überladen ist.

»Tut mir leid«, seufzt sie und umfasst das Lenkrad fester. »Ich hätte dich damals einweihen sollen.«

»Nein, es ist besser, dass Sie es nicht getan haben.«

»Aber vielleicht wäre dir dann was aufgefallen«, entgegnet sie leise, während sie vor einem Stoppschild hält.

Nein, wäre es nicht. Ich hätte Evelyn nicht aus dem Haus gelassen oder wäre ihr wie ein dämlicher Wachhund überallhin gefolgt. Allerdings sind das Gedanken, die nicht für ihre Ohren bestimmt sind. Ich presse die Lippen zusammen und schlucke das Gefühl herunter, das mit jedem weiteren Meter, der zwischen Evelyn und mir liegt, in mir aufsteigt und schlimmer wird.

»Warum hat die Polizei den Kerl nicht geschnappt?«, übergehe ich ihre Aussage, um nicht weiter darüber grübeln zu müssen, wieso ich mich so fühle, wie ich mich fühle.

»Es gibt keine Spuren. Wer auch immer er ist, er weiß sich zu verstecken.«

»Gar nichts?«

»Gar nichts.«

»Hat Evelyn denn keinen Verdacht oder ...«

»Ich kann dir keine deiner Fragen beantworten«, werde ich sanft unterbrochen, als der Wagen zum Stehen kommt. »Evelyn spricht nicht gerne darüber und sie hat uns alles nur ein einziges Mal erzählt, nachdem sie es dem Detective schildern musste.« Traurigkeit huscht über ihr sonst so fröhliches Gesicht.

»Sie hat nie mit euch gesprochen, wer es sein könnte?«

»Nein, ihre Vermutungen hat sie der Polizei mitgeteilt, aber das scheint zu nichts geführt zu haben. Ansonsten wäre er nicht wieder aufgetaucht.«

Wie ist so was möglich? Es muss doch irgendetwas geben, was auf den Kerl hindeutet?

»Vielleicht spricht sie mit dir.«

»Mit mir?!« Meine Augenbrauen schießen in die Höhe. »Ich glaube nicht, dass sie mit mir spricht, wenn sie schon nicht mit euch redet«, gestehe ich zweifelnd.

»Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass sie nichts sagt, oder?«

 

Elizabeth Jones hat mich an der Turnhalle rausgelassen und ist mit meinem Wagen zurückgefahren. Ich habe ihren genommen und auf dem Rückweg zwei Stopps eingelegt. Zum einen bin ich nicht besonders scharf darauf, in eine Befragung zu platzen, und zum anderen musste ich erst mal das mulmige Gefühl im Magen loswerden, das leider stärker wird, seit ich mich dem Haus nähere.

Die Gegend, die mir immer so ruhig und friedlich erschien, hat plötzlich eine bedrohliche Ausstrahlung angenommen, und während ich an der Straße halte, frage ich mich, wann der Typ hier war, um den Korb abzustellen. Hat er gewartet und uns beobachtet? Ist er schnell verschwunden? Hat er versucht reinzukommen?

Ich schüttle den Kopf, um die wirren Vorstellungen loszuwerden, und greife mir die beiden Tüten, die auf dem Sitz neben mir stehen. Die Vorhänge sind zugezogen und verdecken das, was innen geschieht. Ob die Polizisten noch da sind?

Ich steige aus dem Wagen, werfe einen ausschweifenden Blick in die Nachbargärten, ehe ich zur Haustür gehe. Mein Nacken kribbelt verdächtig, aber ich unterdrücke den Drang, zurückzuschauen.

Verflucht.

Ich fühle mich schon so seltsam. Wie geht es dann wohl Evelyn dabei?

Mit angespannter Miene drücke ich die Klingel und kurz darauf wird die Tür geöffnet. Wortlos lässt Amy mich eintreten und schließt hinter mir ab. Gleich darauf beginnt sie eine Reihe von Türschlössern zu verriegeln, die mir bisher nie aufgefallen sind. Ich will fragen, doch die Worte bleiben mir im Hals stecken. Also lasse ich sie ihre Arbeit machen und laufe ins Wohnzimmer. Eine unbekannte Schwingung geht jetzt von diesem Raum aus, die nichts mehr mit dem Chaos zu tun hat, das ich sonst kenne. Es läuft keine Musik, niemand redet und der Herd ist ausgestellt. Am Esstisch sitzen lediglich zwei Gestalten, die ihren Gedanken nachhängen.

Hier ist es schlimmer als auf jedem Friedhof.

»Ich wusste nicht, ob ihr was Bestimmtes mögt, also habe ich einfach ein paar Sachen mitgebracht«, sage ich und stelle eine Plastiktüte auf dem Tisch ab. Die Frauen scheinen aus ihrer Trance zu erwachen, während ich verschiedene Verpackungen hervorziehe und verteile. Ich bemerke die neugierigen Blicke, als ich einen Wein herauskrame und ihn abstelle. »Ich dachte mir, dass ein Schlummertrunk angebracht ist«, erkläre ich, woraufhin Elizabeth überrascht die Brauen hochzieht. »Sollte einer von euch trockener Alkoholiker sein, nehme ich den sofort wieder mit.«

»Um Gottes willen, nein. Lass den bloß hier!«, stöhnt Lynn und greift nach der Flasche, als sie sich erhebt. Ich schaue zu Amy, die mir ermutigend zunickt. Scheinbar habe ich das hier richtig gemacht.

Allerdings ist von Evelyn nichts zu sehen.

»Sie ist in ihrem Zimmer«, liest Amy meine Gedanken und öffnet dabei eine der Schachteln, aus der eine kleine Dampfwolke steigt. »Nach dem Gespräch mit der Polizei ist sie hochgegangen und hat sich eingeschlossen.«

Weingläser klirren leise hinter mir und ein Scharnier quietscht, als Lynn eine Schranktür schließt. Papier kratzt über den Tisch, während ich unschlüssig innehalte.

Sie wollte, dass ich wiederkomme. Hat sie ihre Meinung geändert?

»Ihr Zimmer ist ganz oben. Das, auf dem keine Schilder kleben, die jeden vor dem Eindringen warnen«, murmelt Elizabeth und nimmt ein Glas von Lynn entgegen, die sich langsam auf einen Stuhl gleiten lässt.

Ich bin mir sicher, dass diese Aussage unter normalen Umständen zu einer Diskussion geführt hätte, aber Amy bleibt stillschweigend über ihr Essen gebeugt. Ich bringe ein Nicken zustande und ein dicker Kloß setzt sich in meiner Speiseröhre fest, obwohl ich nichts zu mir genommen habe. Mit der letzten Papiertüte in der Hand wende ich mich von den dreien ab, laufe alleine durch den Flur und steige die Stufen hinauf. Dabei befällt mich das Gefühl, in ein fremdes Universum einzutauchen. Es war was anderes, Evelyn in der Uni oder beim Training zu sehen. Dann etwas Neues, als ich morgens das erste Mal in die Küche gekommen bin. Doch jetzt gerade bin ich dabei, in ihre eigene Welt einzutreten.

Wie sieht wohl ihr Zimmer aus? Rosa oder war sie eher der Gelb-Typ? Kleben alte Poster an der Wand oder hat sie alles verändert, seit sie wieder hier ist? Damals, als wir auf dem Dach saßen, habe ich keinen Blick hinein erhaschen können. Meine Gedanken überschlagen sich, als ich im obersten Stock ankomme und vor der verschlossenen Tür stehen bleibe. Nervös reibe ich die Finger, ehe ich mich überwinde zu klopfen.

Hoffentlich ist sie nicht am Weinen.

»Ich will nicht reden, Amy«, dringt es im barschen Ton durch die Holztür.

»Ich habe keine roten Haare und wollte nur ...« Bevor ich den Satz beenden kann, wird die Tür aufgerissen.

Evelyn steht mir gegenüber, in einem dunkelgrauen Schlabberpulli und der Leggins, die sie noch vom Training anhat. Die braunen Locken sind in eine wilde Frisur gesteckt, dunkle Mascaraspuren hängen wie ein Schatten unter ihren großen Augen, die mich anstarren und den Atem anhalten lassen.

Reiß dich zusammen. Sie wurde eben von der Polizei befragt!

»Lässt du mich rein?«, frage ich leise und ermahne mich nicht auf ihre Lippen zu schauen. »Ich hab auch was dabei, wofür sich das lohnt.«

Ihre Mundwinkel zucken leicht.

»Ich dachte, du kommst nicht wieder.« Sie macht einen Schritt zur Seite. Ich zögere nicht, dränge mich an ihr vorbei und schlucke hart.

»Doch. Ich musste nur noch zwei Zwischenstopps einlegen«, erkläre ich, während ich gierig jeden Eindruck und jedes Detail betrachte, das mir entgegenspringt. Das Bett mit den zerwühlten Laken, der alte Schreibtisch und der Stuhl, der davor steht. Die knallorangene Wand und die gepackten Kartons, die sich in der Ecke türmen.

»Zwischenstopps?«, wiederholt Evelyn und verschließt die Tür hinter mir.

»Ich dachte, dass du was Essbares vertragen kannst.« Ich gehe zum Tisch und packe die kleinen Schachteln aus, die ich gekauft habe. »Hast du den Gin von deinem Grandpa gefunden?«, will ich wissen, als sie neben mich tritt.

»Ähm. Nein, Gran hat mich sofort aufs Sofa gezogen und mir Wasser hingestellt, als wäre ich psychisch labil.«

»Gut, dann wirst du wohl Whiskey oder Wein nehmen müssen. Was ist dir lieber?« Mit einer Flasche in jeder Hand drehe ich mich zu ihr. Ich habe keine Sekunde Zeit, um ihr ein aufmunterndes Lächeln zu schenken. In einer ungeheuren Geschwindigkeit schlingt Evelyn ihre Arme um meinen Bauch und drückt ihren Kopf gegen meine Brust.

Und ich? Ich stehe wie der Idiot mit den zwei Glasflaschen da und habe keinen blassen Dunst, was ich machen soll.

Mein Herz pocht verdächtig, während ihr Körper sich an meinen presst. Der Geruch von Erdbeeren steigt mir in die Nase und ich kann nichts dagegen tun, dass mein Magen eine Achterbahnfahrt macht, wobei ich die Augen schließe.

Das fühlt sich gut an. Viel zu gut.

»Ich tausche«, dringt ihre leise Stimme an meine Ohren, obwohl sie in mein Shirt spricht und ihr warmer Atem durch den Stoff bis auf meine Haut gelangt.

Nicht gut.

»Du tauschst?«, zwinge ich mich, möglichst ruhig zu wiederholen, als Evelyn sich langsam löst. Ohne mir ins Gesicht zu schauen, läuft sie zu einem Karton, der in einer Ecke steht, und beginnt darin zu wühlen. Dabei streckt sie ihren viel zu hübschen Hintern in meine Richtung, der in einer Leggins steckt.

Ich sollte keine Gedanken haben, die nicht jugendfrei sind, aber es passiert. Die Lippen zusammengepresst, versuche ich nicht daran zu denken, wie es sich anfühlt, wenn ...

Genug jetzt!

Diesen Hirngespinsten kann ich nachhängen, wenn ich alleine zuhause oder unter der Dusche bin.

»Wein gegen die Kiste«, unterbricht Evelyn meinen inneren Zwiespalt, der sofort verstummt, als sie mich mit einem gequälten Lächeln ansieht.

»Was ist da?«, will ich wissen, während sie näherkommt.

»Schau rein.« Auffordernd hält sie mir die kleine Kiste entgegen, weswegen ich die beiden Flaschen abstelle und ihr sie abnehme. Ein ungutes Gefühl jagt durch meine Finger, als ich das Holz umschließe und bemerke, wie sie schwer schluckt.

»Sicher?«, hake ich nach, woraufhin Evelyn entschlossen nickt.

Was wird das hier?

Vorsichtig öffne ich die Holzkiste und finde Bilder, Briefe und Rosen darin. Ein Schauer fährt über meinen Rücken, als ich eine der verwelkten Blumen nehme und sie betrachte.

»Was ist das, Evelyn?«, frage ich und verberge den Schock über das, was ich sehe.

»Das ist der Anfang«, erwidert sie ruhig, doch ihre Augen schreien.

 

 

2

 

Evelyn

 

 

Emotionen überrollen mich wie ein LKW, als ich vor Ryan stehe, der die vertrocknete Rose und die Holzkiste in den Händen hält. Ich weiß nicht, was überwiegt. Trauer, Wut oder Angst. Dazwischen trudeln Freude und Hoffnung, dass ich bei meiner Familie bin und Ryan ins Vertrauen ziehe. Misstrauen und Zweifel mischen sich zwischen die anderen Empfindungen, weil ich weiterhin keinen konkreten Verdacht habe.

Es ist das reinste Chaos. Und da ist dieses seltsame Kribbeln, das in Ryans Gegenwart auftaucht, noch nicht mal einberechnet.

Ich muss den Blick abwenden, kann nicht länger seinen Augen standhalten, die mich durchschauen. Nervosität wirbelt durch meinen Kopf, als ich mich umdrehe und zum Bett gehe. Meine Knie werden weich, während ich mich auf die Matratze fallen lasse.

»Du musst nicht darüber reden«, vernehme ich die sanfte Stimme, die in der Lage ist, mich aus Panikattacken zu reißen.

Ein wehmütiges Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht, als ich mich zurücklehne und an die helle Zimmerdecke starre, um ihn nicht anschauen zu müssen.

Ich schäme und ärgere mich zu Tode.

»Ich weiß, dass ich nicht muss«, murmle ich, als er näherkommt und die Kiste mit ihm.

Ich kann nichts gegen das tun, was meine Gedanken einnimmt. Die Bilder werden zu Worten, die mir aus dem Mund sprudeln.

 

Die Sonne geht langsam unter, als ich die Tür zum Wohnheim aufdrücke. Ich rücke die Trainingsjacke zurecht, als ich den weiten Flur entlanglaufe und mir einige Leute entgegenkommen. Neugierige Blicke bleiben an mir hängen, und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. Die glitzernde Schleife in meinem lockigen Haar sitzt straff und das Make-up ist so geblieben wie in dem Augenblick, als ich es aufgetragen habe, obwohl wir den ganzen Tag an der Sideline standen. Ich fühle mich verdammt gut, als ich um die Ecke biege und die Zimmertür sehe.

Mein Handy piept, während ich mich frage, was dort vor der Tür liegt. Interessiert lege ich den Kopf schief, gehe schneller, bis ich die rote Rose erkenne. Im gleichen Moment ziehe ich das Smartphone hervor und bücke mich. Meine Finger umfassen den Stiel und der sanfte Duft steigt mir in die Nase.

Süßlich, angenehm.

Hat sie jemand an der falschen Tür abgelegt oder verloren? Oder ist sie für meine Mitbewohnerin?

Ich entsperre den Bildschirm und klicke die SMS an, die ich von einer unbekannten Nummer erhalten habe.

 

Die Rose kann lediglich einen Bruchteil deiner Schönheit wiedergeben. Sie ist so bezaubernd und stark wie du.

 

Ich starre auf die SMS, lese sie mehrmals. Dann schaue ich hoch, spüre ein leichtes Kribbeln im Magen und hoffe, denjenigen im Gang zu erblicken, der sie für mich hingelegt hat. Doch ich stehe hier alleine und weiß, dass die Blume für mich ist. Mein Lächeln wird etwas breiter.

Was für ein herrlicher Tag.

»Du hast dir nichts gedacht nach der SMS?«

»Natürlich nicht«, seufze ich, während Ryan die Rose beiseitelegt und mir mit Falten auf der Stirn einen Blick zuwirft, ehe seine Hände das gestapelte Papier aus der Kiste ziehen. »Ich dachte, es wäre ein heimlicher Verehrer, der sich nicht traut damit rauszurücken. Es war einfach sehr süß und ich habe es angenommen. Mehr nicht.«

»Hast du nicht gefragt, wer er ist?«, will er wissen und setzt sich neben mich ans Bett, als wäre es das Normalste der Welt.

»Doch, aber es kam keine Antwort.«

»Du bist nicht misstrauisch geworden?«

»Nicht jeder Typ ist so selbstbewusst wie du«, brumme ich und verschränke die Arme vor der Brust. Müdigkeit hängt mir in den Gliedern, die nicht von körperlicher Anstrengung kommt.

»Was soll das denn heißen?« Ryan zieht eine Augenbraue hoch, wobei er die Briefe betrachtet.

»Du bist jemand, der sich das nimmt, was er haben will. Du würdest niemals einen Liebesbrief schreiben.« Er hält inne und öffnet einen Umschlag. Man kann ihm anmerken, dass er nachdenkt und ihn etwas stört.

»Glaubst du?« Er wirft mir einen fragenden Blick zu, während ich die Beine anziehe.

»Die Vorstellung, dass du dich nicht traust, eine Frau anzusprechen, passt jedenfalls nicht in meinen Kopf«, gestehe ich und sehe, wie er einen verschlossenen Umschlag hochhält.

»Darf ich?«, will er wissen, ohne meine Aussage zu kommentieren.

Ich weiß, welche Worte sich auf dem Papier befinden, spüre eine Kälte, die sich über meine Arme ausbreitet und um meinen Nacken schlingt. Mir schwillt der Hals zu, als er den ersten Zettel hervorzieht und ihn betrachtet. Jeden dieser Sätze kenne ich. Zuerst, weil ich es so romantisch fand, und jetzt, weil es sich wie eine böse Vorwarnung liest.

 

Dein Lachen schallt durch den Raum

Du erscheinst wie ein surrealer Traum

Jede Bewegung, die du machst

Ein Feuer in mir entfacht

Das Licht, das auf dich fällt

Erleuchtet meine Welt

Tag und Nacht bist du die Gegenwart

Die Liebe sich in mein Herz scharrt

Die Worte sind in mir gefangen

Bin ich dir in der Menge entgangen?

Wann kann ich deine Lippen schmecken?

Deinen Körper mit Küssen bedecken?

Du bist das, was ich am meisten begehre

Wie im Sommer eine blutrote Erdbeere

 

»Scheiße«, brummt Ryan. »Mal abgesehen davon, dass das grottig ist, ist es ...«

»Gruselig? Ja, aber nicht, wenn man es das erste Mal liest und denkt, dass es ein stinknormales Liebesgedicht ist.«

»Kein Liebesgedicht ist stinknormal, Eve«, widerspricht er sanft und greift nach dem nächsten Umschlag.

Er bemerkt es nicht, aber mir entgeht nicht, dass er mich gerade mit meinem Kosenamen gerufen hat. Der Atem stockt mir und ein seltsamer Hüpfer fährt durch mein Herz. Einen Wimpernschlag lang wird der Stalker unwichtig und ich starre Ryan an.

Wie er vor dem Bett sitzt, die schwarzen kurzen Haare ihm ins Gesicht fallen und er konzentriert die Briefe studiert, die er in seinen großen Händen hält. Die kantigen Gesichtszüge, die durch das wenige Licht hervorstechen, und die leicht geöffneten Lippen. Er hat den Oberkörper ein Stück vorgelehnt und das Shirt spannt sich über seine Schultern. Mehr kann ich von ihm nicht sehen, doch es reicht, um meinen Mund austrocknen zu lassen, als wäre eine Oase in der Wüste versiegt.

Plötzlich hebt er den Kopf, seine Augen treffen auf meine und ich schlucke schwer. Nervosität überfällt mich, als mir bewusst wird, dass wir alleine im Zimmer sind, und seltsamerweise werden alle möglichen Dinge relevant, die mich oft nicht interessiert haben.

Findet er die Einrichtung kindisch? Denkt er, dass ich nie was auspacke? Glaubt er, dass ich nicht mit meinem Leben klarkomme? Und warum trage ich Leggins und so einen Schlabberpulli? Das muss grauenvoll aussehen!

Ich bin machtlos gegen die Gedanken, die mich überrollen.

»Alles okay?«, will er wissen.

Kann man in Augen ertrinken?

»Klar«, krächze ich und fühle mich seltsam ertappt. Blut schießt mir in die Wangen und ich ziehe die Knie an, um sie mit den Armen zu umschlingen. Ich bin mir sicher, dass er bemerkt, dass etwas nicht stimmt. Vielleicht schiebt er es auf die Gegenstände in der Kiste und die Muffins und sagt deshalb nichts dazu – zum Glück.

»Wie oft hast du die bekommen?«, fragt er und nickt zu den Briefen in seiner Hand.

»Am Anfang nur nach besonderen Auftritten und hin und wieder eine SMS. Darum habe ich mir keine großen Sorgen gemacht und nur versucht herauszufinden, wer es sein könnte, aber dann ...«

 

»Was hältst du davon, wenn ich heute Abend vorbeischaue?«, will Wyatt wissen und kommt ein Stück näher, während ich an der Wand lehne. Er hat dieses schiefe Grinsen aufgesetzt, bei dem ich immer wieder schwach werde.

»Du weißt, dass die Party bei Olivia ist«, erinnere ich ihn, als er die Hand neben meinem Kopf abstützt.

»Dann verschwinden wir beide eben zusammen.«

Sein Vorschlag klingt verlockend, und ich weiß, dass es Olivia letztendlich nichts ausmacht, wenn ich irgendwann abhaue. Ich sollte ihr nur nicht erzählen, dass es ausgerechnet Wyatt ist, sonst bekomme ich eine Predigt zu hören.

»Ich überleg’s mir.«

»Wir wissen beide, dass du dich längst entschieden hast.« Seine Stimme ist heiser und ein triumphierendes Lächeln huscht über sein Gesicht. Natürlich habe ich das, und natürlich ist ihm das auch bewusst.

»Geh jetzt«, fordere ich ihn auf und drücke mich ab, ehe ich in eine dumme Versuchung gerate. Das ist schon zu oft passiert und am Ende nutzt er meine gute Laune wieder aus.

»Du hältst also nichts davon, wenn wir das vorziehen?« Seine Finger landen behutsam auf meinem Hüftknochen, als ich Richtung Umkleide laufe.

»Nein, davon halte ich nichts«, streite ich ab, obwohl ich grinsen muss. Mit ihm ist das alles zu einfach.

Ob er die Briefe und SMS schreibt? Allerdings stimmt die Nummer nicht überein und eigentlich ist er zu selbstbewusst für so was. Außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass er nicht auf der Suche nach einer Beziehung ist.

»Ziemlich schade, aber ich werde mein Glück später auf die Probe stellen.« Gemächlich, als wäre es ein Versprechen, lässt er die Hand von meiner Hüfte gleiten und behält mich fest im Blick. »Ich erwarte dich mit einem Drink, Evelyn.«

Ich beiße mir auf die Lippe, schüttle den Kopf, während er rückwärtsgeht, um mich noch möglichst lange in der kurzen Hose und dem Shirt mit dem weiten Ausschnitt betrachten zu können. Wenn ich jetzt stehen bleibe, werde ich doch auf sein Angebot eingehen, daher drücke ich die Tür zu der verlassenen Umkleide auf und hole tief Luft.

Die Vorteile, wenn man nach einem Spiel etwas länger bleibt und Teamcaptain ist, sind Wyatt und die leeren Räume am Ende des Tages. Man muss sich nicht irgendwie in die Umkleiden quetschen und es stinkt nicht, weil Deo und Parfüm versprüht werden.

Ich lehne mich an die Tür und versuche, Wyatt aus den Gedanken zu kriegen, wobei meine Augen zu der Tasche wandern, die als einzige auf der Bank steht und anders aussieht. Ich runzle die Stirn, als mir der Brief mit den Rosen auffällt, die zwischen den Sachen stecken. Einen Wimpernschlag verharre ich, dann gehe zu der Sporttasche. Ein ungutes Gefühl macht sich in meinem Magen breit, als ich die Geschenke mustere, die nur einen unbekannten Absender haben können. Vorsichtig ziehe ich die Blume heraus, an der ein paar Dornen sind. Ich hatte den Reißverschluss doch zugezogen, als wir aufs Feld gegangen sind?

Ich weiß nicht, warum, aber ich beginne nach meiner Unterwäsche zu suchen, die ich eingepackt hatte, um hier duschen zu können, weil ich sonst zu spät zu Olivias Party komme. Ich durchforste jeden Winkel und drehe sogar die Jeans um. Immerhin könnte sie sich auch in einem Hosenbein befinden.

Sie ist nicht da.

Das ist die Erkenntnis, die ich nach fünfzehn Minuten auspacken habe. Und plötzlich sind die drei Rosen und der Brief keine romantische Geste mehr.

 

»Er hat Unterwäsche von dir geklaut?!«

»Ein schwarzes Bustier von Victoria Secret und den passenden Slip.«

Ich weiß, dass es ein Fehler war, sobald ich es ausgesprochen habe. Ryans Augenbrauen wandern hoch und er öffnet leicht überrascht den Mund. Sein Blick huscht einen Wimpernschlag lang zu meinem Hals.

Stellt er sich mich darin vor?

»War das für diesen Wyatt?«, will er wissen und es ist mir seltsam unangenehm, mit ihm über diese Sache zu reden.

»Na ja, ich ... ähm ...«, stottere ich plötzlich und kein sinnvoller Satz kommt mir über die Lippen.

»Doofe Frage«, sagt er und belustigt zucken seine Mundwinkel. »Natürlich war es für den Typen. Du hast darauf gesetzt, dass ihr an dem Abend im Bett landet.«

»Es sah hübsch aus«, versuche ich, irgendeine Rechtfertigung zu finden, obwohl es ihn nichts angeht.

»Daran habe ich nie gezweifelt.«

Meine Zunge wird schwer und die Hitze auf meinen Wangen steigert sich ins Unerträgliche. Das war ein Kompliment – kein Zweifel – und mein Herz erleidet wieder einen Stillstand.

»Damit wurde es gruselig?«

Ich zwinge mich zu einem Nicken, sammle die Gedanken und verbanne die Frage, was er von dem Outfit gehalten hätte.

»Plötzlich gab es immer mehr SMS und Briefe. Nicht nur bei Auftritten, sondern nach fast jeder Trainingseinheit, und manche waren nicht freundlich. Erst nur ein paarmal die Woche und dann täglich.«

»Und du bist nicht zur Polizei gegangen?«

»Ich dachte, es wäre nur ein Kerl, der aufgibt, wenn sich nichts rührt«, gestehe ich und ärgere mich über meine eigene Dummheit. Wäre ich früher bei der Polizei gewesen, wäre es wahrscheinlich gar nicht so weit gekommen.

»Also warst du nicht dort.«

»Nein«, murmle ich. »Erst als ich das Gefühl hatte, verfolgt zu werden.«

 

Das kalte Wasser fließt mir über die Hände, als ich einen Blick in den Spiegel werfe. Die Locken fallen heute glatt auf meine Schulter, weil Olivia vorgeschlagen hat, es mal so auszuprobieren. Mit den feuchten Fingern nehme ich eine Strähne und streiche sie mir aus dem Gesicht, wobei die Wassertropfen im Haar hängen bleiben.

Bisher war der Abend lustig. Zwar habe ich das Gefühl, aus allen Nähten zu platzen, und dass mich morgen beim Training keiner hochbekommt, doch das Essen war es wert. Außerdem habe ich endlich mal den Typen vergessen können, von dem die seltsamen Nachrichten und Geschenke stammen.

Meine Unterwäsche ist weiterhin verschwunden und so langsam wird mir die Sache suspekt. Bisher habe ich das Smartphone nicht ein einziges Mal gezückt, aus Angst, dass die anderen etwas bemerken könnten. Wahrscheinlich würden sie sich lustig machen oder mich beneiden. Das Blocken der unbekannten Nummer hat bisher zu nichts geführt. Kurze Zeit später habe ich nämlich wieder eine SMS erhalten.

Mittlerweile wird es furchteinflößend.

Ich hole tief Luft, während ich die Hände abtrockne, und ziehe das Handy aus der Hosentasche. Ich habe ein paar SMS von Wyatt, der fragt, wo wir uns treffen. Meine Mum und Amy haben mir Bilder geschickt und in der Gruppe mit den Cheerleadern wird über die Frisur für den nächsten Auftritt diskutiert. Zoe und Sophia wollen wissen, wann der Mädelsabend stattfindet, und dann sind da SMS, die ich jetzt nicht öffnen will. Am Ende verderbe ich mir den ganzen Tag damit.

Ohne jemandem zu antworten, stecke ich das Handy zurück und verlasse die Toilette. Von Weitem sehe ich Sara und Olivia, die an der Kasse warten und bereits bezahlt haben. Der Laden ist brechend voll heute Abend. Ich muss mich an einer Menge Leute vorbeidrängen, ehe ich die beiden erreiche.

»Die Footballer fragen, ob wir noch zu ihnen kommen und ein Bier bei ihnen trinken«, sagt Olivia, sobald ich in Reichweite bin, wobei sie den Blick fest auf den Bildschirm ihres Smartphones gerichtet hält.

»Klar, warum nicht«, stimme ich zu und nehme von Sara die Handtasche entgegen, um gleich darauf das Portemonnaie zu zücken. Die zwei verfallen in eine Unterhaltung und beachten mich nicht länger. Ich stelle mich vor den Kellner, der hinter dem Tresen steht, und schenke ihm ein Lächeln.

»Der Rest von dem Tisch«, sage ich, als er mich abwartend anschaut. Seine Finger fliegen daraufhin über die Tasten auf dem Touchpad. Olivia und Sara reden darüber, welcher Footballer beim letzten Spiel am besten war und wer neuerdings mit wem zusammen ist. Meine Augen schweifen über die Gäste, die an der Bar sitzen, bis zur Tür, durch die eine seltsam vertraute Silhouette huscht. Ich blinzle einige Male, doch so schnell, wie ich glaube, etwas Bekanntes gesehen zu haben, verschwindet es wieder.

»Der Tisch ist bezahlt«, zieht der Herr meine Aufmerksamkeit auf sich.

»Es ist bezahlt?«, frage ich verwirrt und schaue zu meinen Freundinnen, woraufhin er den Kopf schüttelt.

»Ein netter Mann war hier, der mir das für Sie gab«, erklärt er lächelnd und holt plötzlich drei Rosen hervor, die er mir in die Hand drückt.

Meine Stimme versagt und ich bin sicher, der Kellner glaubt, dass ich mich wahnsinnig über diese Geste freue. Wie sollte er auch verstehen, dass sich mir der Magen umdreht, während hinter mir leise Pfiffe ausgestoßen werden. Natürlich denkt jeder, dass das hier ein süßer Verehrer ist.

»Von wem sind die?«, vernehme ich Sara neben mir, wobei ich auf die dunkelroten Rosenblüten starre.

»Keine Ahnung«, flüstere ich und versuche nicht auf meine Lungen zu achten, aus denen jedes bisschen Sauerstoff gequetscht wird.

»Ein heimlicher Verehrer. Wie romantisch«, seufzt Olivia.

»Vielleicht Wyatt?«, schlägt Sara grinsend vor, als ich das Portemonnaie verstaue und die Angst beiseiteschiebe, die mich überfällt.

Er hat bezahlt. Das heißt, er wusste, dass ich hier bin.

Hat er mich die ganze Zeit beobachtet?

 

»Er war da. In diesem Restaurant.«

Auf einmal ist meine Kehle zugeschnürt und diesmal hängt es nicht mit Ryan zusammen.

»Danach bin ich zur Polizei, aber die haben nichts herausgefunden. Schon Wochen davor habe ich angefangen, Ausreden zu finden, um nicht rauszugehen, weil ich ein mulmiges Gefühl hatte. Zu der Zeit kam Zoe mit den Streichen an und hat gefragt, ob ich eine Idee hätte. Ich habe mich darauf gestürzt, als wäre es eine Abschlussarbeit, um an etwas anderes zu denken. Das war so ziemlich das Einzige, was neben Serien schauen drin war, ohne panisch zu werden.«

»Du glaubst nicht, dass es Wyatt ist?«

»Ich hatte Vermutungen, doch die sind alle ins Leere gelaufen.«

»Gut, aber ab welchem Punkt wurde es so schlimm, dass du gegangen bist? Hat er dir aufgelauert oder dich durch die Stadt verfolgt? Nacktbilder von dir gemacht?«

»Nein, ich habe ihn nie gesehen«, sage ich leise und schließe die Augen. »Aber ich weiß, dass er da war. Direkt neben mir.«

 

Die Lider sind schwer und ich weigere mich, sie zu öffnen, während die Sonne auf mein Gesicht fällt. Die Muskeln fühlen sich noch seltsam steif an und ich strecke die Arme, um die Müdigkeit zu vertreiben. Meine Gedanken klären sich langsam und die Realität vertreibt den ruhigen Traum.

Ich muss gestern beim Lesen eingeschlafen sein.

Ein bekannter Geruch steigt mir in die Nase und meine Fingerspitzen berühren etwas Fremdes. Ich schlage die Augen auf und schaue zu meiner Hand, an der ein Rosenblatt liegt.

Nein. Nicht nur eins.

Schlagartig werde ich in die Gegenwart befördert und setze mich auf.

Ich bin nicht in der Lage, den Sauerstoff in meinen Körper zu lassen, als ich mich umsehe.

Das ganze Zimmer ist voller Rosenblüten.

Ich will Luft holen, doch bei dem Duft der Blumen blockiert meine Lunge. Meine Augen wirbeln durch den Raum und ich krieche auf der Matratze zurück, als ich an der anderen Seite drei Rosen bemerke, unter denen Fotos liegen.

Fotos von mir, auf denen ich genau in der Kleidung schlafe, die ich gerade anhabe.

Kälte jagt mir durch die Glieder und mein Magen dreht sich um. Mir ist schlecht. Das hier kann nicht passieren. Ich habe das Gefühl, zu ersticken. Fingerspitzen und Zehen beginnen zu kribbeln. Der Boden wirbelt bedrohlich herum, als ich schwer atmend aufspringe und dabei den Schreibtischstuhl umschmeiße.

Ich schaffe es, das Handy zu greifen, das neben dem Bett liegt.

Ich muss die Polizei anrufen.

Jetzt sofort.

Mit Beinen, die nicht in der Lage sind, mein Gewicht zu tragen, stolpere ich zur Tür, wobei ich mich an der Wand festhalte. Die fast tauben Finger umschließen die Klinke und drücken sie eilig herunter.

Ich muss hier raus.

Mit dem Körper schmeiße ich mich dagegen, – doch es geschieht nichts.

Und plötzlich wird mir klar, dass der Schlüssel nicht länger im Regal ist.

Der Stalker muss ihn mitgenommen haben.

Und mich hat er eingeschlossen.

In einem Rosenmeer, das mich ertrinken lässt.

 

»Er hat dich eingeschlossen?!«

»Ja und das war das erste Mal, dass ich eine wirklich heftige Panikattacke hatte. Zum Glück war ich an dem Morgen mit einem Polizisten verabredet, der mich zehn Minuten später gefunden hat. Ich habe es noch ein paar Wochen ausgehalten, aber als die Angst immer schlimmer wurde, habe ich beschlossen wegzugehen«, erzähle ich. »Auch wenn es mich wahnsinnig macht, dass ich jetzt alle in diesem Haus belaste.«

Ich hasse mich für den Gedanken, doch er klebt in meinem Kopf und lässt sich nicht abkratzen.

»Du bist für niemanden eine Belastung«, widerspricht Ryan, wobei seine Stimme fest und klar ist.

»Aber alle unterbrechen ihr Leben wegen des Chaos, das ich mitbringe.«

»Das liegt nicht an dir, sondern an dem kranken Kerl, der dich verfolgt.«

Ich presse die Lippen zusammen, während Ryan mich mit angespannter Miene mustert. Er lässt die Briefe langsam sinken und ich kann sehen, dass er ein Puzzle zusammensetzt. Natürlich beginnt er zu hinterfragen, zu verstehen, warum manche Situationen so waren, wie sie waren.

»Deswegen war ich damals in der Bar: Ich wollte wissen, ob du was gesehen hast. An dem Abend hatte ich plötzlich einen Zettel in der Hand, auf dem ›Ich habe dich vermisst‹ stand.«

Ryan schluckt schwer und tiefe Furchen bilden sich auf seiner Stirn.

»Verdammt, hättest du da was gesagt, hätte ich die Bar abriegeln lassen und die Polizei gerufen.«

Meine Mundwinkel wandern ein Stück nach oben.

»Ich wusste nicht, ob es eine Nachricht von früher war.«

»Aber jetzt bist du dir sicher?«, fragt er, woraufhin ich nicke. »Und die drei roten Rosen? Haben die irgendeine Bedeutung?«

»Drei rote Rosen stehen für ewige Liebe.«

»Keine andere?«, murmelt er und setzt sich etwas aufrechter hin, wobei er den Kopf abwendet und die Briefe in der Kiste verstaut.

»Nein.« Meine Stimme ist leise und geht in dem Vibrieren des Handys unter. Ich schlucke schwer, als ich es entsperre, und mich überkommt eine böse Vorahnung. Meine Finger zittern, als ich die SMS der unbekannten Nummer öffne.

»Es fängt wieder an«, flüstere ich heiser und Tränen steigen mir in die Augen, weil das hier alles zu viel wird. Das Smartphone gleitet aus der Hand und fällt auf das Bett, als Ryan aufspringt und neben mich kommt. Seine starken Arme legen sich um mich, als Schluchzer mich erschüttern. Ich schlage die Hände vors Gesicht, um mich vor dem grellen Bildschirm zu schützen, der mich blendet, als wäre es die Sonne.

 

Bald können wir zusammen Muffins backen.

 

3

 

Evelyn

 

 

Ryan Paxton ist verdammt gut im Trösten. Ich weiß nicht, ob es an den starken Armen liegt, die er zweimal um mich schlagen könnte, oder an der Ruhe, die er ausstrahlt. Er bleibt still, während mein Körper bebt, und wiegt uns ein wenig hin und her. Sein Kinn liegt auf meinem Haar, ich kralle mich am Stoff seines Shirts fest und tränke ihn mit Tränen.

Es dauert lange, bis das Beben und das Schluchzen zu einem leisen Wimmern werden, das Stück für Stück versiegt. Ich bin dankbar, dass keiner der anderen in der Zeit nach mir sieht. Vielleicht wollten sie es und haben mich gehört? Oder sie haben ins Zimmer gesehen und Ryan hat ihnen zu verstehen gegeben, dass er alles unter Kontrolle hat? Würde er das tun?

Ich hole tief Luft und wage es, mich langsam von ihm zu lösen. Dabei fällt mir der große nasse Fleck auf, der auf seiner Brust prangt.

»Jetzt hab ich dein T-Shirt eingesaut«, bringe ich mit zittriger Stimme hervor.

Leicht verwirrt schaut Ryan an sich herunter und folgt meinem Blick.

»Darüber machst du dir nicht wirklich Gedanken?«, murmelt er skeptisch und mustert mich eingehend, wobei ich ihn nicht anblicke. Ich will gar nicht wissen, wie mein Gesicht aussieht, und es ist mir lieber, wenn er mich nicht betrachtet. Das führt zwar dazu, dass jede Hirnzelle, die noch logisch arbeitet, aufschreit, aber diesen Einwand ignoriere ich. Schließlich ist es doch egal, wie ich aussehe.

»Ich glaube, ich brauche mal ein wenig kaltes Wasser.« Ich starre auf die Zehen, die ich aus dem Bett schiebe, und halte den Mund fest geschlossen. Eine ungewohnte Kühle umgibt mich, je größer die Distanz zu Ryan wird, was mich ärgert. Trotzdem schaue ich nicht zurück und ziehe eilig die Tür hinter mir zu. Das Blut schießt schnell durch meine Adern, während ich mich zum Badezimmer schleppe, als die verschlossene Tür ruckartig aufgerissen wird.

In der ersten Sekunde denke ich, dass sich vor mir ein Spiegel befindet. Die Augen sind rot angeschwollen, der Mascara ist verlaufen und das Haar zerzaust. Nur ist das nicht braun, sondern rot. Amy und ich erstarren beide und aus dem Nichts schlingt sie ihre Arme um meinen Hals. Ich taumle einen Schritt nach hinten, als ihre heißen Tränen auf meine Haut treffen und ähnliche Schluchzer wie meine ihren Körper durchrütteln.

Was passiert hier?

»Amy? Was ist los?«, will ich verwundert wissen, woraufhin ihre Fingernägel sich in meine Schultern bohren. Als Antwort erhalte ich ein Kopfschütteln, das in weiterem Wimmern untergeht. »Sollen wir in dein Zimmer gehen?« Ich spreche leise und alle Gedanken an den Stalker treten in den Hintergrund. Sie reagiert nicht, daher drücke ich meine kleine Schwester ein Stück von mir weg, um sie anzuschauen.

»Leg dich schon mal ins Bett. Ich hole Taschentücher und dann komme ich rüber, okay?«, schlage ich vor und versuche in dem schmerzverzerrten Gesicht etwas zu erkennen, das ein Nicken andeutet. Amy trottet weinend davon, während ich überrumpelt verharre.

Meine Beine schalten schneller als mein Kopf, der noch irgendwo bei Amy hängt, während ich zurücklaufe. Mit der Hand an der Türklinke bleibe ich stehen und starre zu Ryan, der lässig, als wäre es das Normalste der Welt, mit seinem Handy in meiner Bettdecke sitzt. Ich darf nicht daran denken, dass mir dieses Bild ganz gut gefällt, also deute ich auf den Flur und versuche in Worte zu packen, was da passiert ist.

»Alles in Ordnung?«, kommt Ryan mir zuvor, weil mir nichts zu meinen Gesten einfallen will.

»Amy«, presse ich lediglich hervor, und Falten bilden sich auf seiner Stirn.

»Was ist mit ihr?« Warum finde ich es so verdammt heiß, dass Sorge in seine Augen tritt und er langsam von meinem Bett rutscht, als würde es ihn wirklich kümmern?

Kümmert es ihn?

»Ich weiß nicht«, gestehe ich, schlucke den Gefühlscocktail in der Hoffnung herunter, dass seine Zusammensetzung mich nicht aus den Socken haut. »Sie hat plötzlich angefangen zu weinen und ... ich glaube, sie braucht mich.«

Einen endlosen Moment schauen wir einander an. Er sucht nach etwas in meiner Stimme oder meinem Blick, aber als er nichts findet, lockert seine Miene sich.

»Und du kommst klar?«

»Ich denke schon«, murmle ich. Ryan nickt, beißt sich kurz auf die Lippe.

»Okay, dann werde ich jetzt mal auf den Weg machen, wenn du mich nicht länger brauchst.«

Die Art, wie er es sagt, lässt meine Nackenhaare angenehm erschrocken hochfahren.

Was soll ich erwidern? Danke, dass ich dich vollheulen durfte?

Er scheint nichts zu erwarten. Mit einem schiefen Grinsen, das so viel liebevoller ist, als ich es je bei ihm gesehen habe, geht er an mir vorbei und steuert die Treppe an. Seine Hände berühren das Geländer, als ich mich aus meiner Starre löse.

»Kann ich dir nachher schreiben?«, platzt es aus mir heraus und der große Kerl dreht sich noch mal um.

»Du kannst mir immer schreiben, Evelyn.« Ein letztes Lächeln, dann verschwindet er.

 

Amy braucht fast eine Stunde, um sich zu beruhigen. Ich halte sie im Arm, wobei sie so weint, wie ich es zuvor getan habe, und ich bin dabei so still, wie Ryan es gewesen ist. Wir liegen bei ihr im Bett, und während ich herauszufinden versuche, was mit ihr los sein könnte, wandert mein Kopf dauernd zu Ryan zurück. Ich bin erleichtert, dass Amy keine Gedanken lesen kann und zu sehr mit sich beschäftigt ist, denn wahrscheinlich sehe ich aus, als wäre ich in einer anderen Welt.

»T-Tut mir l-leid«, stottert meine kleine Schwester aus dem Nichts und wischt sich mit dem Ärmel über die feuchten Augen. »D-Du hast e-eigentlich g-g-genug um die O-ohren.«

»Glaub mir, das ist alles unwichtig.« Ich streiche ihr eine knallrote Strähne aus dem Gesicht, die an ihrer Wange klebt.

»N-Nein, das ...«

»Amy«, unterbreche ich etwas bestimmter, woraufhin sie verstummt und mich mit großen Pupillen anschaut, die mich wieder an die kleine Amy von früher erinnern. An die Momente, als sie weinend neben dem Skateboard stand, weil sie sich das Knie aufgeschürft und ich ihr gesagt hatte, dass alles gut ist. »Was ist los mit dir?«

Ein verdächtiger Rotton wandert ihren Hals hinauf und sie senkt den Kopf, um auf ihre Finger zu starren, die sie seltsam verknotet.

»Weißt du, das hat mit so einer doofen Wette angefangen«, beginnt sie zu erzählen. »Wir waren bei Harper mit ein paar anderen und dann ging’s um das Thema Jungs. Wir haben ein wenig was getrunken und dann habe ich mit Harper gewettet, dass ich es vor ihr schaffe, die Nummer von einem Studenten zu bekommen.« Amy wird einen Tick röter und ich verbiete mir, einen vorschnellen Kommentar zu geben, ehe ich nicht die ganze Geschichte gehört habe.

»Jedenfalls sind wir eine Woche später auf so eine Party gegangen und haben wirklich Studenten getroffen. Der eine war nett, wir haben uns geküsst und sind in ein Zimmer, aber dann ...« Ihre letzten Worte werden leiser.

»Ja?«, frage ich vorsichtig nach und hoffe, dass keins der Szenarien zutrifft, die ich mir ausmale.

»Da hat er angefangen mich auszulachen und gesagt, dass er niemals mit so einem kleinen Kind wie mir was anfangen würde, weil ich mich nicht ausziehen wollte. Dabei war er vorher so lieb zu mir. Ich war wütend, hab ihm einen Drink über den Kopf geschüttet und bin nach Hause. Harper und die anderen haben mich in der Schule ausgelacht und reden da immer drüber, aber ich fand ihn so toll. Später hab ich erfahren, dass er auf einer Party ist, und bin hin. Ich wollte mir Mut antrinken, mit ihm reden und so, aber ...«

»Du bist abgestürzt«, erinnere ich mich.

In meinem Hirn beginnen sich einige Rädchen zu drehen. Der Abend, an dem sie verheult nach Hause kam, mit der halboffenen Bluse und den nassen Klamotten. Die Art, wie sie sich abgeschottet hat, und dass sie plötzlich ausgebüxt ist.

Und wie in Gottes Namen soll ich einer Sechzehnjährigen jetzt erklären, dass das alles völliger Schwachsinn ist und man nicht mit einem Kerl schlafen sollte, der einen ausgelacht hat? Ganz davon abgesehen, dass einige Jahre zwischen ihnen liegen und sie es bereuen würde.

»Ich verstehe nicht, warum er so fies war«, schluchzt Amy und erneut kullern Tränen aus ihren großen Augen.

»Weißt du, wahrscheinlich war es ihm einfach unangenehm, weil du jünger bist und er es nicht gewohnt ist, dass eine Frau so reagiert wie du. Dabei ist das mutig gewesen, dass du abgebrochen hast, ehe mehr passiert ist.« Vorsichtig streiche ich ihr über den Arm. »Du hast doch nicht mit ihm geschlafen?«

»Ging ja nicht, weil du aufgetaucht bist«, murmelt sie beschämt.

»Du solltest niemals mit einem Mann schlafen, der dich nicht respektiert und so behandelt. Schon gar nicht, wenn es um dein erstes Mal geht.« Ich halte inne, ziehe die Brauen zusammen. »Ist es doch, oder?«, frage ich nach und versuche, die leichte Panik in meiner Stimme zu verbergen. Irgendwie würde es die Welt durcheinanderbringen, wenn Amy Sex gehabt hätte.

Zu meiner Erleichterung nickt sie langsam.

»Weißt du, ein Student ist nicht unbedingt besser und erwachsener als ein Junge in deinem Alter. Klar, die Sechzehnjährigen sind manchmal verwirrt und haben keine Ahnung, wie sie mit einer Frau umgehen sollen, aber glaub mir: Vollidioten gibt es auch in meiner Altersklasse.«

»Ryan ist kein Vollidiot«, schnieft Amy und schaut mir in die Augen. Ich beiße mir auf die Zunge und schenke ihr ein nettes Lächeln.

»Glaub mir, auch Ryan kann ein kompletter Depp sein.«

»Aber er kümmert sich um dich.«

Schachmatt.

Himmel. Warum muss ausgerechnet ich die Aufgabe übernehmen, meiner Schwester zu sagen, dass Männer anders ticken? Gibt es nicht zwei weitere Damen in diesem Haushalt, die das besser draufhätten?

»Um mal auf das Thema mit Harper zurückzukommen«, übergehe ich ihre Aussage. »Du solltest mit ihr sprechen und eine echte Freundin würde anders reagieren. Echte Freunde helfen dir und sind für dich da, wenn jemand anderes so was Blödes macht. Vielleicht solltest du darüber nachdenken, deine ein wenig neu zu sortieren und von denen Abstand zu nehmen, die dich schlecht behandeln. Das gilt übrigens auch für Jungs und einer, der dich mag, würde nie versuchen dich zu irgendwas zu zwingen oder zu überreden. Das ist ganz wichtig.«

»Aber ich mag Harper«, hält sie dagegen und plötzlich habe ich keinen Teenager mehr vor mir sitzen, sondern meine kleine Amy, die sieben Jahre alt ist.

»Magst du Harper oder die Tatsache, dass sie so beliebt ist? Und ist dir die Freundschaft so viel wert, dass du das schlechte Gefühl deswegen in Kauf nehmen willst?«

Amy schnieft und schiebt die Unterlippe ein Stück nach vorne. »Aber ich habe doch niemanden außer ihr.«

»Und was ist mit den anderen Mädchen, mit denen du immer was unternimmst?«

»Die würden alle zu Harper halten«, widerspricht sie, was mir einen leisen Seufzer entlockt.

»Ich kann und werde dich zu nichts zwingen, Amy. Das ist dein Leben und das sind deine Entscheidungen, aber bei jeder solltest du berücksichtigen, ob du dich gut damit fühlst. Du kannst dich jederzeit an Mum oder Gran wenden, wenn du Hilfe brauchst, und ich kann auch gerne mal ein ernstes Wörtchen mit Harper und den restlichen Idioten von der Schule reden.«

»Kann Ryan das machen? Der ist Footballer und sieht gut aus. Vor dem hätten bestimmt alle Respekt.«

Ich komme nicht umhin, einige Male zu blinzeln.

»Willst du mir sagen, dass die vor mir keinen Respekt hätten?«

»Du bist ein Mädchen«, erwidert sie schulterzuckend.

Habe ich früher auch so gedacht? Oder ist die Generation nach mir anders?

»Okay, über das mit dem Respekt gegenüber Frauen müssen wir dringend noch mal in Ruhe sprechen, aber was hältst du davon, wenn wir uns jetzt mit Eis aufs Sofa setzen und einen Film gucken? Dann gehen wir ins Bett und wiederholen die Prozedur morgen, bis Gran und Mum von ihrem Frauentag zurück sind?«

»Mhm«, brummt Amy und richtet sich langsam auf.

»Ich komme gleich nach, du kannst schon mal nach unten gehen«, erkläre ich, während ich ihr aufhelfe und sie die Decke um ihre Schultern legt. Ich ziehe sie etwas fester und drücke ihr einen Kuss auf die Wange, bevor sie die Treppe hinuntersteigt.

Ich laufe in mein Zimmer und entdecke das Handy, das auf der Bettdecke liegt. Ein mulmiges Gefühl überfällt mich aus dem Nichts. Bis eben schien dieser Aspekt in meinem Leben noch in einer ganz anderen Welt zu sein, doch nun ist er schlagartig wieder präsent.

Trotzdem greife ich das Gerät, versuche die SMS von der unbekannten Nummer nicht zu beachten und öffne stattdessen den Chat mit Ryan.

 

Evelyn: Es ist das typische Drama eines Teenagers. Bis auf den Studenten.

Ich will das Handy gerade in meine Tasche stecken, als es vibriert.

Ryan: Was ist das typische Drama eines Teenagers? Und was zum Teufel meinst du mit Studenten?

Evelyn: Ihre beste Freundin redet hinter ihrem Rücken über sie und sie steht auf irgendeinen Studenten, den sie auf einer Party kennengelernt hat, der mit ihr wahrscheinlich nur ins Bett möchte.

Ryan: Hast du ihr das mit dem Studenten ausgeredet?

Evelyn: Wenn ich das versuche oder ihr das verbiete, wird sie erst recht mit dem Typen schlafen.

Ryan: Finde den Namen von dem Kerl raus und ich kümmere mich drum.

Evelyn: Klar, Rambo.

Ryan: Glaubst du nicht, dass ich das draufhabe?

Evelyn: Doch, dir traue ich so dämliche Aktionen zu. Sie hat übrigens gefragt, ob du nicht in die Schule kommst und das mit allen klären kannst, weil du Footballer bist und ihrer Meinung nach gut aussiehst.

Ryan: Das ist nicht nur ihre Meinung, Jones ;)

Evelyn: Ich ignoriere diese Aussage und werde sie jetzt trösten gehen.

Ryan: Und ich überlege mir in der Zwischenzeit, wie ich die kleinen Bälger in die Schranken weise.

Evelyn: Gute Nacht, Paxton.

Ryan: Gute Nacht, Jones.

 

Der Abend geht und der nächste Tag kommt. Amy und ich kuscheln uns aufs Sofa und ich versuche ihr unterschwellig den einen oder anderen Ratschlag zu geben, während wir Filme schauen und Popcorn essen. Mum und Gran sind seit acht Uhr unterwegs und rufen fast jede halbe Stunde an, um zu wissen, ob bei uns alles in Ordnung ist.

Ich weiß nicht, ob die Sorge um Amy oder um mich überwiegt.

Ihre Anrufe hören erst nachmittags um vier auf, als wir ihnen drohen, ihre Nummern zu blockieren und das Telefon auszustöpseln. Wahrscheinlich malen sich die beiden die schlimmsten Szenarien aus. Dass der Stalker plötzlich auftaucht, uns umbringt oder wir durch das Haus gejagt werden. Ich bin mir sicher, dass Mum aus der Angst heraus Mr. Jenkins angerufen hat, der verdächtig lange und oft am Fenster steht und herüberschaut. Einmal kommt er sogar und fragt nach Zucker. Ich gebe ihm zwei Kilo, die Gran gekauft hat, und knalle daraufhin die Tür vor seiner Nase zu.

Ich bin dabei, mir einen Tee zu machen, als das Handy auf der Arbeitsplatte vibriert. Zuerst denke ich, dass es der Stalker ist, doch es ist keine SMS von einem Unbekannten. Das treibt mir ein seltsames Grinsen aufs Gesicht.

 

Ryan: Wie habt ihr den Valentinstag bisher verbracht? Ich hab stundenlang geschwitzt und stand anschließend mit dreißig Kerlen unter der Dusche.

Evelyn: Mit Essen und Filme schauen. Dein Valentinstag klingt allerdings noch miserabler.

Ryan: Ich hätte eine Idee, wie wir diesen miesen Tag retten könnten.

Evelyn: Und die wäre?

Ryan: Mach die Tür auf, dann erzähl ich‘s dir.

 

Ich soll die ...

Mein Herz vollführt einen Hüpfer, während mein Kopf hochschnellt. Aus dem Küchenfenster werfe ich einen Blick auf die Straße, an der ein vertrautes Auto steht.

»Komme gleich wieder«, sage ich im Gehen zu Amy und verlasse das Wohnzimmer, wo gerade Rapunzel läuft. Vorfreude überfällt sich und mischt sich mit Skepsis, als ich die Tür öffne und meeresblaue Augen mich empfangen.

Ryan hat noch feuchte Haare und seine Hände stecken in der Jeans. Ich muss schwer schlucken, um das Grinsen, das er auf den Lippen trägt, nicht an mich heranzulassen und meinen Körper nicht in einen Zustand zu versetzen, den ich nicht will.

»Was machst du hier?«, frage ich verwundert, was sein Lächeln breiter werden lässt.

»Euch zu unserer ganz privaten Valentinstagsparty abholen.«

 

4

 

Evelyn

 

 

»Und was genau ist das jetzt für eine Party?«, will ich wissen, als wir vor dem Haus halten, in dem Ryan wohnt.

»Keine Angst. Wir sind nicht viele«, beruhigt er mich ein weiteres Mal, was aber nicht wirkt, denn da ist dieses seltsame Funkeln in seinen Augen.

Doch es ist nicht die Furcht, die mich sonst im Griff hat, sondern eher eine böse Vorahnung, dass ich Ryan nicht trauen sollte, weil er Blödsinn im Kopf hat. Das nehme ich gerne in Kauf, wenn ich dadurch ruhiger werde.

»Egal was es ist, es ist besser, als alleine zuhause zu hocken«, sagt Amy, ehe sie die Tür öffnet und aus dem Wagen klettert.

Ich schaue meiner kleinen Schwester zweifelnd nach, die sich streckt und ihren Kapuzenpulli zurechtzieht.

»Da muss ich ihr zustimmen und du wirst auch nicht drum herumkommen, Jones«, grinst Ryan, wobei er den Motor abstellt und aussteigt.

Er schlägt die Tür hinter sich zu, während ich sitzen bleibe. Ich will gar nicht daran denken, dass er uns keine Zeit gelassen hat, was anderes anzuziehen. Im Gegensatz zu ihm stecke ich nämlich in einer alten, lockeren Jeans mit Löchern und einem schwarzen, weiten Pulli, den ich seit heute Morgen trage. Über meine Haare und das ungeschminkte Gesicht mache ich mir erst gar keine Gedanken.

»Was ist los, Jones?«, werde ich aus den Selbstzweifeln gerissen, als er die Tür öffnet und sich viel zu lässig anlehnt.

Den Kopf hat er leicht schräg gelegt und ein Mundwinkel ist hochgezogen, als müsste er

Impressum

Verlag: Zeilenfluss

Texte: J. Moldenhauer
Bildmaterialien: studioloco https://stock.adobe.com/de/111913344 Smiling beauti-ful young woman; Freepik, Designed by Freepik.com
Cover: Buchcoverdesign.de / Chris Gilcher
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Satz: Zeilenfluss
Tag der Veröffentlichung: 26.08.2019
ISBN: 978-3-96714-017-0

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