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1. Scarlett

Das Smartphone in meiner Hand blinkte erneut. Eine Benachrichtigung von Snapchat ploppte auf, die ich ignorierte. Ich biss mir auf die Lippe, ließ den Finger über dem Button Konto deaktivieren schweben. Er zitterte leicht, als ich nacheinander Facebook, Twitter, Instagram und Snapchat öffnete und, ohne einen Gedanken zu verschwenden, auf den Button klickte. Mein Herz setzte aus, als die Bestätigung aufleuchtete und mir mitgeteilt wurde, dass man bedauere, dass ich meinen Account deaktiviert hatte.

Dann fing es an in meiner Brust zu pochen. Ich hatte es getan. Wie würden die Tausende von Followern auf mein unvorhergesehenes Aussteigen reagieren? Täglich hatte ich sie mit Informationen versorgt und jeden meiner Schritte veröffentlicht.

Ob sie überhaupt bemerken würden, dass ich die Accounts gelöscht hatte?

Der Bus bremste ab und die Sporttasche an meinen Füßen machte einen Satz nach vorne. Ich streckte den Arm aus und stützte mich an dem Sitz vor mir ab, während auf der Anzeigetafel die Haltestelle aufleuchtete, vor der ich mich fürchtete. Doch eine andere Wahl hatte ich nicht. Ich atmete tief durch, schulterte die Tasche und krallte mich daran fest, während ich durch den schmalen Gang des Busses lief. Die Türen glitten auf und eine angenehme Kühle empfing mich. Ich blieb auf dem Bürgersteig stehen, ließ den Blick über die umliegenden Häuser gleiten. Statt Rasensprengern schallte Musik durch die Nacht, die von der leichten Brise, die vom Meer kam, übertönt wurde. Ein sternenklarer Nachthimmel stand über mir und ein paar Leute rannten lachend durch die Straßen. Wahrscheinlich war es normal für eine Mittwochnacht in dieser Gegend, doch das Gefühl des Unbekannten übermannte mich. Traurigkeit stieg langsam in mir auf.

Ich kramte den kleinen zerknüllten und mittlerweile vergilbten Zettel aus der Tasche meiner Lederjacke und schaute mir erneut die Adresse an. Eigentlich war es unnötig, denn ich hatte in jeder freien Minute der letzten drei Wochen dieses Stück Papier angestarrt, wenn niemand hingeschaut hatte. Die Gedanken, die sich dabei in meinem Kopf festgesetzt hatten, hatte ich immer wieder verworfen. Trotzdem stand ich jetzt an dieser Bushaltestelle, irgendwo in San Diego.

Ich wusste nicht mal, ob diese dämliche Adresse noch aktuell war. Schließlich war der Zettel schon drei Jahre alt. Sollte gleich niemand öffnen oder jemand Unbekanntes, war ich ehrlich gesagt ziemlich am Arsch. Statt einer harten Couch oder einer Luftmatratze würde mir dann nur die Parkbank bleiben, die ich mir bestimmt teilen musste. Kein sehr angenehmer Gedanke, wenn ich ehrlich war.

Obwohl es dunkel war, kannte ich den Weg. Zu oft hatte ich ihn bei Google eingegeben, um sicherzugehen, dass ich mich nicht verirren würde.

Mit jedem Schritt, den ich machte, schien mein Herzschlag sich zu beschleunigen. Die Hände wurden feucht. Ein Schweißfilm bildete sich auf meiner Stirn, von dem ich nicht sagen konnte, ob er durch Angst oder Anstrengung hervorgerufen wurde.

Und ehe ich mich versah, tauchte das Haus vor meinen Augen auf. Es stand eingeklemmt zwischen zwei dunkelgrauen Gebäuden, die ihm jedoch nur bis knapp zur halben Höhe reichten. Ein wenig erweckte es den Eindruck, als hätte man es links und rechts so zusammengedrückt, dass es länger wurde. Die Fassade war weiß gestrichen und an einzelnen Ecken blätterte Putz ab. An der Seite in einer schmalen Gasse hing eine Feuerleiter, die bereits Rostspuren hatte. Ich betrachtete die erleuchteten Fenster, die mich erst aufatmen ließen, ehe sich ein gigantischer Kloß in meinem Hals bildete.

Meine Handflächen hatten sich mittlerweile in eine Art See verwandelt und in meinen Augen stand bestimmt die pure Panik. Irgendwie musste ich es trotzdem hinbekommen gleich nicht in Tränen auszubrechen und mich auf den Boden zu werfen.

Eine kleine Gruppe an Menschen verließ das Gebäude, als ich eintreten wollte. Sie bemerkten nicht einmal, dass ich danebenstand und die Tür aufhielt. Drei Leute hingen sich jaulend in den Armen und zwei weitere kicherten wie wild. Einen Moment schaute ich dem Grüppchen hinterher, das so glücklich und sorglos schien. Wie gern würde ich auch so lachen können.

Der Kloß in meinem Hals nahm noch mal um gute fünf Zentimeter zu und ich beschloss, dass es keinen Sinn hatte, hier zu stehen und dem tollen Leben anderer nachzutrauern. Eine Sekunde schloss ich die Augen und versuchte mich zu beruhigen, doch mein Herz hatte sich dem Takt einer Stepptanzgruppe angeglichen und ignorierte jede meiner Anweisungen.

Das Licht im Treppenhaus war noch an und flackerte leicht. Die grauen Fliesen waren an manchen Stellen zersprungen und ich wunderte mich, dass die hellen Wände nicht beschmiert waren. Das Metallgeländer schien relativ neu zu sein und glänzte noch sanft im Licht der Lampe.

Mit einem Klacken fiel die Tür hinter mir ins Schloss und ich zuckte kurz zusammen. Für ein paar Sekunden haftete mein Blick darauf, ehe ich die Treppen hochstieg und in jeder Etage Halt machte, um auf das Namensschild zu schauen. Ich ließ mir mehr Zeit, als ich gebraucht hätte, doch mein Magen rebellierte jedes Mal, wenn meine Augen die Namen auf dem Klingelschild streiften. Daher fand ich es völlig legitim, ihm nach jedem Schock eine Verschnaufpause zu gewähren, um nicht direkt in den Flur zu kotzen.

Und dann, als ich die oberste Etage erreichte, schon beinah die Hoffnung aufgeben wollte, sah ich es.

Moore.

Jemand hatte es mit einem Kuli auf ein dünnes Blatt Papier geschmiegt. Daneben stand ein weiterer Name, doch diesem konnte ich keinerlei Beachtung schenken. Mein Herz war gerade unter meine Schuhsohle gekrochen, während mein Magen vom Trecker überrollt wurde. Ich versuchte den Kloß in meinem Hals, der mittlerweile die Ausmaße eines großen Findlings angenommen hatte, herunterzuschlucken und betete, dass mein Bauch das überlebte.

Da war ich.

Vor der Tür.

Ich musste nur noch klingeln.

Verflucht.

Ich schloss kurz die Augen, zwang mich, das letzte bisschen Mut und Stolz, das ich besaß, zusammenzukratzen, und stellte mich gerade hin. Meine Beine zitterten leicht, ebenso wie meine Finger, die über der Klingel schwebten.

Der Drang, umzudrehen und wegzurennen, wuchs ins Unermessliche, doch es war völlig bescheuert. Schließlich war das hier schon meine Zuflucht. Es gab keinen anderen Ort, an den ich fliehen könnte. Zumindest nicht in den nächsten Tagen, außer auf die besagte Parkbank. Und auch wenn diese sich bestimmt sehr über meine Anwesenheit freuen würde, wollte ich dort nicht hin.

Also drückte ich mit dem ausgestreckten Zeigefinger auf den kleinen Knopf und hoffte, dass jemand da war. Mit jeder Sekunde, in der sich nichts regte, wuchs das Unbehagen in mir und Zweifel breiteten sich aus.

Es war bereits nach Mitternacht. Vielleicht war niemand zuhause? Oder gar wer anders wohnte hier mit demselben Namen? Was sollte ich tun, wenn ich wirklich auf die Parkbank musste? Ob ich irgendwie die neue Adresse herausbekommen konnte?

Mit einem Mal wurde die Tür aufgerissen und schallendes Gelächter hallte durch das leere Treppenhaus.

Das Gesicht vor mir war von Lachfalten geprägt und das Vertraute ließ den Ballon in meinem Magen platzen. Er war hier. Ein schmales Lächeln huschte über meine Lippen. In den graublauen Augen, die meinen so ähnlich sahen, stand der Schalk und das schiefe Grinsen, das auf seinen Lippen lag, trieb mir beinah die Tränen in die Augen.

Aber nur beinah.

Denn in dem Moment, als er sich umdrehte und mich ansah, erkannte, wer ich war, verschwand alles. Seine Augen weiteten sich einen Wimpernschlag lang vor Überraschung, ehe eine starre Maske sich über sein Gesicht legte. Er betrachtete meine Nikes, die zerrissene Jeans, den zerschlissenen Lederrucksack und schließlich das schwarze T-Shirt und die Lederjacke, in der ich steckte. Als er meine platinblonden Haare sah, die zu einem Dutt geknotet waren, rümpfte er kaum merklich die Nase.

Und dann bemerkte er sie.

Die blöde Sporttasche, die ich in der Hand hielt. Abschätzig wanderte sein Blick zwischen meinem Gesicht und der Tasche hin und her.

»Was willst du hier?« Seine Stimme triefte vor Gleichgültigkeit und ich konnte spüren, wie die Temperatur um zehn Grad sank. Hatte ich eben noch gedacht, dass ich losheulen würde, so war nun genau das Gegenteil der Fall. Nichts in mir wollte weinen, nachdem ich seine Stimme und seinen Blick bemerkt hatte. Stattdessen hätte ich ihm am liebsten eine reingewürgt, aber das wäre gerade nicht zu meinem Vorteil gewesen.

Ich biss die Zähne zusammen, erwiderte den abfälligen Blick und reckte das Kinn in die Höhe.

»Ich brauche eine Bleibe, bis ich eine Wohnung gefunden habe«, ließ ich ihn wissen. Es hatte keinen Zweck, das hier langsam anzugehen und zu versuchen eine innige Beziehung aufzubauen. Das würde wahrscheinlich nie wieder funktionieren, warum sollte ich also um den heißen Brei reden?

»Ich dachte, du hast eine hübsche Wohnung.« Seine Nase kräuselte sich bei dem Satz. Ich holte tief Luft und versuchte die aufkochende Wut zu unterdrücken.

»Kann ich ein paar Tage bleiben, oder nicht?«, fragte ich, anstatt auf seine Provokation einzugehen. Sein Kiefer verspannte sich, ehe er die Tür ein Stück weiter öffnete und zur Seite trat.

Ich schluckte schwer, trat mit Tasche und aufrechtem Gang ein und fand mich in einem schmalen Flur wieder. An der Garderobe hingen ein paar Jacken und Schuhe waren unordentlich daruntergestellt worden.

»Ethan, wie lange dauert das mit der blöden Pizza?«, rief jemand. Die Tür wurde hinter mir geschlossen, dann drängte sich Ethan an mir vorbei und deutete im Gehen auf eine Tür.

»Hier ist das Badezimmer. Sofa steht im Wohnzimmer.« Er würdigte mich keines Blickes und es kostete mich Mühe, mich nicht noch beschissener zu fühlen. Mein Selbstvertrauen klebte bestimmt an irgendeinem Kaugummi, auf das ich auf dem Hinweg getreten war. »Kommt, wir gehen«, hörte ich ihn sagen und ein seltsames Gemurmel machte die Runde.

Sie würden mich gleich alle sehen. Jeder von ihnen. Also war es egal, ob ich mich im Badezimmer zu verstecken versuchte oder hinter ihm herstolzierte und die abwertenden und urteilenden Blicke über mich ergehen ließ.

War für mich schließlich nichts Neues.

»Was…?«, hatte jemand angesetzt, als ich den Raum betrat. Doch es wurde augenblicklich still, was wahrscheinlich daran lag, dass Ethan aussah, als wollte er jeden erschlagen, der auch nur ein falsches Wort von sich gab.

»Darf ich vorstellen«, er machte eine abfällige Handbewegung und ein höhnisches Lächeln huschte über seine Lippen. »Meine bezaubernde, kleine Schwester Scarlett

Ich wollte nicht, dass es so wehtat. Immerhin hatte ich damit gerechnet, dass er nicht erfreut sein würde mich zu sehen. Doch die Art, wie er meinen Namen aussprach, versetzte mir einen ziemlich unangenehmen Stich mitten ins Herz. Der Wunsch, heulend in eine Ecke zu verschwinden, kam in mir auf, doch ich ließ meine Maske nicht fallen. Anstelle der Option Zusammenbrechen entschied ich mich für Miststück.

Ich verdrehte genervt die Augen und schenkte ihm ein falsches Lächeln.

»Vielen Dank für die nette Vorstellung, Ethan«, erwiderte ich und ließ meine Tasche auf den Boden knallen. »Freut mich auch dich wiederzusehen. Ist ja schon eine Weile her.«

»Leider nicht lang genug«, murrte er und schnappte sich ein Bier vom Tisch. »Wir gehen.« Es war keine Frage, die er in die Runde geschleudert hatte. Die Leute im Raum warfen einander fragende Blicke zu, doch keiner von ihnen sagte etwas. Jeder griff nach seinem Getränk und dann huschten alle hinaus.

Nur einer blieb einen Moment länger sitzen und starrte Ethan eindringlich an.

»Beweg dich, Zac«, zischte mein Bruder.

Ich nahm den Unbekannten, der scheinbar an Streit mit meinem Bruder interessiert war, in Augenschein. Sein hellbraunes Haar war an den Seiten kurzgeschoren und auf dem Kopf etwas länger. Es lag unordentlich und stand teilweise etwas ab. Über seinen Oberkörper spannte sich ein schwarzes T-Shirt, das einen Blick auf die trainierten Arme freigab, wie man sie auf dem Bau oder einer Farm bekam. Seine Augen wanderten zu mir, blieben an meinem harten Gesichtsausdruck hängen. Ich presste die Lippen noch etwas fester zusammen und hielt seinen bohrenden Blick aus.

Dann stand er auf, griff dabei nach seinem Bier und leerte es. Mein Bruder gab einen genervten Laut von sich, während der Typ die Flasche abstellte und langsam auf uns zuschlenderte. Er steckte die Hände in die Taschen seiner dunkelblauen Jeans, und gerade als ich erleichtert ausatmen wollte, dass der Letzte sich verpisste, blieb er stehen.

Zwischen mir und meinem Bruder.

Langsam wandte ich mich ihm zu. Er fixierte mich und schien über irgendetwas nachzudenken. Die Luft war zum Zerreißen gespannt, und so rot wie Ethans Kopf war, drohte er jeden Moment zu explodieren.

Er hatte braune Augen, die mit kleinen grünen Tupfen gesprenkelt waren. Sogar das konnte ich erkennen, weil er so nah war. Ich presste die Lippen zusammen und betrachtete den Idioten missbilligend.

Es fühlte sich an, als würden wir dort Stunden stehen, dabei waren es wahrscheinlich nur Sekunden. Dann, ohne Vorwarnung, riss er den Blick los und schlenderte aus der Wohnung, dicht gefolgt von meinem Bruder, der wortlos, aber geräuschvoll die Tür zuzog. Bei dem Knall zuckte ich zusammen.

Dann war es still.

So mucksmäuschenstill wie ich es nie im Leben erwartet hätte. Nur das Summen der Lampen und mein Atem schienen gegenwärtig zu sein. Ich ballte die Hände zu Fäusten und holte tief Luft.

Ich war hier.

Auch wenn die Begrüßung nicht herzlich ausgefallen war, war es besser als erwartet. Meine Lungen setzten aus, als mir bewusst wurde, was in den letzten Stunden geschehen war.

Ich hatte meine Zelte abgebrochen, wahrscheinlich meine glorreiche Zukunft in den Sand gesetzt, meine Freunde verloren, wusste nicht wirklich weiter und war blank. Und doch war da ein kleines Gefühl, das sich an die Oberfläche kämpfte, neben dem Schock und der Angst präsent wurde.

Erleichterung.

Ich hatte es wirklich getan. Mich wirklich getraut.

Da schmeckte ich es. Eine salzige Träne, die sich in meinen Mundwinkel verfangen hatte. Ein leises Schluchzen entrang sich meiner Kehle und dann gaben meine Beine nach. Ich sackte zu Boden, versuchte mir zu verbieten zu weinen, doch die Tränen kamen einfach. Sie liefen erbarmungslos über meine Wangen und der Raum wurde von meinem Keuchen erfüllt, das jedes weitere Geräusch übertönte.

Unter anderem die Tür, die jemand aufschloss, und auch die Schritte. Erst als ich durch den Tränenschleier Schuhe sah und ein leises Oh Shit hörte, wusste ich, dass jemand vor mir stand. Dieser Jemand sagte jedoch nichts weiter. Er legte mir eine Decke um die Schultern und drückte mir Taschentücher in die Hand.

»Oh Gott. Ich muss dem echt den Arsch aufreißen«, vernahm ich eine leise Frauenstimme und sie tätschelte mir unbeholfen den Rücken, ehe sie aufstand und mit schnellen Schritten verschwand.

Ein weiteres Mal hörte ich, wie die Tür ins Schloss fiel, und blieb zurück.

Das Smartphone in meiner Jackentasche vibrierte und mit zittrigen Händen zog ich es heraus.

Chad.

Ich starrte den Namen an, lauschte dem Klingelton, bis es aufhörte. Dann schaltete ich das Internet und das GPS aus, löschte alle Apps, die noch auf dem doofen Ding waren, fing an, Namen aus meinem Telefonbuch zu schmeißen. Bei jedem einzelnen versiegten meine Tränen etwas mehr, als würde ich die schlechten Gedanken gleichzeitig löschen.

Am Ende blieb genau einer übrig, von dem ich nicht wusste, ob die Nummer noch stimmte.

Ethan.

Und selbst der konnte mich nicht anschauen.

 

2. Scarlett

Das Meer war am frühen Morgen unfassbar schön. Die Wellen wogten sacht mit dem Wind und das Rauschen der Gischt glich einem zärtlichen Flüstern. Am Himmel stand eine schmale Mondsichel und kein Mensch hatte sich hierher verirrt. Vom Pier drangen hin und wieder Gelächter und Stimmen, doch die verschwanden mit dem Wind, als würde er sie von mir fernhalten wollen.

Der Sand knirschte zwischen meinen Zehen und ich zog die Beine noch etwas enger an meine Brust. Drei Stunden hatte ich schlafen können. Dann hatten die Sorgen mich überfallen und nicht mehr losgelassen. Ich hatte meine Schuhe angezogen, meinen kleinen Rucksack geschnappt und war losgelaufen. Quer durch die Stadt an Straßen und Bars vorbei. Rastlos hatten meine Gedanken mich umhergetrieben, bis ich das Rauschen des Meeres gehört hatte.

In meinem Kopf war ein heilloses Durcheinander gewesen. Erst als ich mich gesetzt hatte, war es ruhiger geworden und ich hatte durchatmen können.

Ich brauchte Lösungen für einen Haufen Probleme.

Zum einen war da meine ungewisse Zukunft, wofür ich allerdings schon vor zwei Wochen eine potentielle Lösung gefunden hatte, die sich in Form einer klitzekleinen Visitenkarte äußerte. Ich starrte auf den Namen Carol Miller, neben dem eine Telefonnummer stand. Oben drüber prangte New School of Architecture and Design und ich biss mir auf die Unterlippe. Sie hatte es mir angeboten. Vor Monaten. Und Chad hatte die Augen verdreht und gesagt, ich solle das blöde Ding wegschmeißen. Heimlich war es in meinem Portemonnaie gelandet und nun schien es ein kleiner Rettungsanker zu sein, der die Aussicht auf den kommenden Tag nicht komplett schwarz färbte. Es handelte sich jetzt nur noch um ein sehr, sehr dunkles Grau.

Punkt zwei auf meiner Liste war Geld. Ich brauchte – sollte alles klappen – ganz dringend einen Job. Irgendwie musste ich das Studium schließlich finanzieren und die Wohnung oder das Zimmer auch.

Damit waren wir beim dritten Punkt angelangt.

Die Wohnung.

Es war kurz vor Semesterbeginn und ein halbwegs vernünftiges Zimmer in einer WG war nur sehr schwer zu bekommen. Mal abgesehen davon, dass manche komplett überteuert waren, musste ich erst mal einen Job kriegen, was den viel größeren Haken an meinem Plan ausmachte.

Ich hatte absolut keine Erfahrung. Jeder bescheuerte Student konnte kellnern, an der Kasse sitzen oder Zeitung austeilen. Ich hatte nicht eines dieser Dinge jemals gemacht, weil es nie in Frage gekommen und nie nötig gewesen war. Nur war es ohne Erfahrung nicht besonders leicht einen Job zu bekommen.

Ich legte den Kopf in die Hände und atmete tief durch.

Mein Leben war ein einziger Scherbenhaufen und ich hatte das Gefühl zu fallen. Auch wenn ich mir einen Notfallplan nach dem anderen bastelte, so sollte mein Leben nicht aus Notfällen bestehen.

Ich wollte etwas tun, das mir Spaß machte, und vor allem wollte ich Freunde. Und wenn es nur einer gewesen wäre, der mir zuhörte. Alles wäre mir recht gewesen. Nur wollte ich nicht mehr dieses erdrückende Gefühl von Einsamkeit auf meiner Brust spüren, das mich jedes Mal auffraß, sobald eine Truppe lachender Leute an mir vorbeilief.

Der Zwang, nach dem Telefon zu greifen, Fremden mitzuteilen, was in meinem Kopf vorging, hatte in der Sekunde nachgelassen, als ich die Apps gelöscht hatte. Auf dem Weg durch die Stadt war ich an einigen Pommesbuden vorbeigekommen und mir war klargeworden, dass ich essen konnte, was ich wollte. Niemand, der mich kontrollierte, mir böse Blicke zuwarf oder einen Kalorienwettstreit anzettelte.

Ein erster Sonnenstrahl bahnte sich den Weg über den Horizont, tauchte den schwarzen Himmel in einen rosa schimmernden Farbtopf. Ich holte tief Luft, starrte auf das Lichtspiel, während um mich herum die Stadt zum Leben erwachte, als hätte es diese Nacht nie gegeben.

Alles ging einfach weiter.

 

 

Ich war nervös und hatte gigantische Ringe unter den Augen. Um ehrlich zu sein, sah ich absolut beschissen aus. Zu groß war die Angst gewesen, wieder in die Wohnung zu gehen, eventuell mit Fragen bombardiert zu werden, auf die ich noch keine Antwort hatte. So hatte ich bis halb sieben am Strand gesessen, ein wenig gefroren und war direkt zur Uni gefahren. Zwei Stunden hatte ich gewartet, bis ich reinkonnte, und weitere anderthalb, bis eine Mitarbeiterin kam, die mich in das Büro von Carol Miller brachte.

Genau diese beschissene Nacht und Warterei sah man mir an.

Ich ließ den Blick über ein paar Modelle und Bücher schweifen. Eigentlich hätte ich die Titel lesen können, doch meine Augen suchten so schnell den Raum ab, dass sie nichts wirklich zu fassen bekamen. Mit den Händen umklammerte ich die Armlehne, die aus dünnem Metall bestand.

Das hier war meine große Chance und vielleicht auch die einzige, die ich hatte.

»Es war eine ziemliche Überraschung, als meine Mitarbeiterin mir gesagt hat, dass du hier auf mich wartest, Scarlett.« Ich wirbelte verdutzt herum und entdeckte eine große, schlanke Frau, die eine Holztür hinter sich schloss. Ihr herzliches Lächeln strahlte mir entgegen und ich versuchte es so gut und ehrlich zu erwidern, wie ich konnte.

Nicht den gekünstelten Mist, den ich gewohnt war, aufzusetzen.

Mit zwei großen Schritten kam sie auf mich zu und ich erhob mich eilig, schüttelte schon fast energisch ihre Hand. »Es freut mich riesig, dass Sie überhaupt Zeit für mich finden«, sagte ich mit einem etwas schüchternen Lächeln, versuchte den Blickkontakt zu halten, obwohl es mir Angst machte.

»Mich freut es dich zu sehen. Also setz dich doch«, wies sie mich mit einer kleinen Handbewegung an. Ich nickte hastig und glitt wieder auf den Stuhl, während Carol Miller um den Schreibtisch ging und Platz nahm. Der schwarze, kurze Bob erinnerte mich an eine Lehrerin. Die knallroten Lippen änderten nichts an der Autorität, die plötzlich von ihr ausging. Das Gefühl, im Büro des Schuldirektors zu sitzen, der über meine Zukunft bestimmte, überfiel mich. Ironischerweise war es so ähnlich. Nur dass es sich hier nicht um einen Direktor, sondern um die Dekanin des Fachbereiches Architektur an der Universität handelte, an der ich studieren wollte.

»Also, was treibt dich so früh morgens in mein Büro?« Sie schlug die Beine übereinander und legte den Kopf leicht schief. In ihren Augen konnte ich erkennen, dass sie es bereits wusste. Dennoch schien sie sehen zu wollen, dass ich die Eier in der Hose hatte, ihr das mittzuteilen.

Ich knetete die Hände unter dem Tisch, bemerkte die Sonne, die sich in den Bildern in ihrem Büro spiegelte und tanzende Lichtpunkte auf die Wand warf.

»Sie hatten mir damals angeboten zu vermitteln, wenn ich mich doch entscheiden würde Architektur zu studieren«, sagte ich langsam, rutschte ein Stück auf dem Stuhl nach vorne. »Ich weiß, dass das Semester bereits in zwei Wochen beginnt, aber ich hatte wirklich gehofft, dass Sie mir helfen könnten.«

»Woher kommt der Sinneswandel? Chad hatte mir damals deutlich gemacht, dass du nicht interessiert bist?«, erklärte sie nüchtern, stützte sich auf ihren Ellenbogen ab und legte den Kopf leicht schief.

Ich holte tief Luft, dachte an das Gespräch, das mein wundervoller Exfreund sich unter den Nagel gerissen hatte.

»Richtig. Chad hat das damals gesagt«, gab ich zu. »Das war nicht ich. Ich sitze hier und bitte um einen Einstellungstest oder irgendetwas in der Art.« Ich setzte mich gerade hin. »Ich bitte Sie nur um eine Chance.« Der flehende Unterton hatte nicht in meiner Stimme sein sollen, doch er war einfach aufgetaucht.

Noch erbärmlicher ging es fast nicht.

Carol Millers Lippen verzogen sich ein Stück und ein mitleidiger Ausdruck trat in ihre Augen. Sie strich sich mit dem Zeigefinger über das Kinn, betrachtete mich eingehend. Es ging mir unter die Haut und es kostete mich enorme Kraft, das freundliche Gesicht beizubehalten.

»Ich nehme an, du hast deine Zeugnisse dabei?«, durchbrach sie irgendwann die Stille und kramte etwas aus einer Schublade. Erleichtert sackte ich etwas in mich zusammen und nickte eifrig. »Wir haben heute Nachmittag eine Sitzung und ich werde mal schauen, ob ich was regeln kann. Voraussetzung ist natürlich, dass deine Zeugnisse gut sind, aber davon gehe ich ehrlich gesagt aus.« Viel zu umständlich riss ich die Zettel aus dem zerschlissenen Lederrucksack, den ich bei mir hatte.

»Ich wäre Ihnen unendlich dankbar«, murmelte ich und schob ihr die Mappe mit Skizzen und Zeugnissen herüber.

»Könntest du meiner Mitarbeiterin deine Daten geben, damit ich dich erreichen kann?«, bat sie mich und reichte mir den Zettel, den sie soeben rausgesucht hatte.

»Natürlich.« Ich stand mit ihr zusammen auf und streckte ihr erneut die Hand hin. Meine Augen mussten vor Dankbarkeit nur so triefen und vielleicht war dieser Ausdruck auch der Grund für das Lächeln.

»Bis bald, Scarlett. Es war schön dich wiederzusehen.« Ich glaubte ihr. Bestimmt ratterte sie diese Phrase tausende Male am Tag runter. Aber das Lächeln, das ihre Augen erreichte, ließ mich glauben, dass sie es wirklich ernst meinte. Sie drehte sich um und mir fiel ein kleiner Stein vom Herzen.

Na ja.

Fast.

»Oh, Mrs. Miller?« Die Frau, die ganz in Schwarz gekleidet war, machte an der Tür Halt und blickte mich fragend an. Ich biss mir kurz auf die Lippe, überlegte, ob es eine gute Idee war, und entschloss mich bei ihrem Anblick für ein klares Ja. »Sollte Chad Sie anrufen«, setzte ich an, wartete ihre Reaktion ab, doch nichts geschah, »es wäre nett, wenn Sie ihm nichts hiervon erzählen würden.«

Und da war es plötzlich. Ein Lächeln, so breit und wissend, dass es mich irgendwie aus der Bahn warf.

»Das werde ich garantiert nicht.«

Mit diesen Worten ließ sie mich zurück. Und ich? Ja, von meinen Schultern lösten sich das erste Mal seit Wochen Gewichte, die ungebremst auf den Boden knallten und zerbrachen. Selbst wenn es nicht klappen würde, ich hatte es versucht.

Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich etwas alleine geschafft hatte – zumindest hatte ich den Weg und das Gespräch alleine getätigt –, und das löste wirklich so etwas wie ein Glücksgefühl in mir aus. Wenn auch nur ein kleines. Es war immerhin der erste Schritt in die richtige Richtung.

 

 

Die Stufen, die mich gestern enorm Kraft gekostet hatten, konnte ich nun mit Leichtigkeit nehmen. Selbst die Tatsache, dass dort oben mein Bruder mit grimmigem Blick wartete, konnte das Glücksgefühl nicht vertreiben. Ein kleiner Funken Hoffnung regte sich in meiner Brust, dass er sich für mich freuen würde. Und mit freuen meinte ich ein stummes Nicken. Mehr konnte ich nach dem, was alles passiert war, nicht erwarten.

Die schnellen Schritte hallten an den Wänden des Treppenhauses wider. Sonnenstrahlen fielen durch die schmalen Fensterschlitze, trafen auf das metallene Geländer, das an manchen Stellen anfing zu funkeln. Ich nahm scharf eine Kurve und geriet ins Schlittern. Das Profil meiner Schuhe war abgenutzt und ich unterdrückte ein erschrockenes Fiepen, klammerte mich an der Metallstange neben mir fest.

»Nicht so stürmisch«, erklang eine lachende Stimme, die mir sehr bekannt vorkam. Ich hob den Blick und fand eine junge Frau vor. Ihre dunkelbraunen Locken fielen sanft über ihre Schulter und ein erfreutes Lächeln umspielte ihre Lippen.

Diese Stimme…

Sie hatte mich gestern gesehen.

Meine Wangen nahmen einen rötlichen Stich an und ich schaute auf meine Schuhspitzen.

»Ich habe ihnen nichts erzählt.« Ich blinzelte einige Male, bis ihre Worte zu mir durchdrangen.

»Nicht?«, hörte ich mich krächzen, woraufhin sie den Kopf schüttelte. Ihre dunklen Locken wippten dabei auf und ab.

»Ich gebe zu, dass ich ihm erst die Hammelbeine langziehen wollte, aber irgendwie wirktest du nicht so aus, als sollte dich jemand sehen.«

Ich starrte in ihre goldbraunen Augen, die mich an einen treuen Labrador erinnerten, und eine plötzliche Welle der Dankbarkeit überkam mich.

»Es ist übrigens keiner von ihnen da. Also hättest du die Möglichkeit, hier vor der Tür im Hausflur zu sitzen«, erklärte sie mit einer lustlosen Handbewegung, »oder du begleitest mich und ich zeige dir, wo sie sich verstecken.«

Ich schaute auf die alten Fliesen, die nicht sehr einladend aussahen, und runzelte die Stirn. Sollte das mit dem Studienplatz klappen, sollte ich mich hier auskennen, und auch wenn die zahlreichen Besichtigungen nicht besonders vielversprechend verlaufen waren, glaubte ich, dass ich etwas finden würde. Außerdem war da dieser kleine Funken in meiner Brust, der Ethan unbedingt vom eventuellen Studienplatz erzählen wollte.

»Ich denke, ich würde das mit dem Begleiten mal testen«, stimmte ich zu, was ihr Strahlen noch breiter werden ließ.

»Wahnsinn. Dann habe ich tatsächlich ganze fünf Minuten Zeit, um die kleine Schwester von Ethan auszuquetschen!« Sie schloss die Tür ab, vor der sie stand. Langsam drehte sie sich um, musterte mich einen Moment, was mich unbehaglich von dem einen auf den anderen Fuß treten ließ. »Ich bin übrigens Kayla.« Sie reichte mir ihre Hand, die ich kurz nahm.

»Scarlett, aber das weißt du wahrscheinlich.«

»Ja, das habe ich gestern mitbekommen«, antwortete sie und schnitt eine Grimasse. »War nicht besonders nett von ihm, dich so stehen zu lassen.«

Ich biss mir schmerzhaft auf die Unterlippe. Nett war es nicht gewesen, aber durchaus verdient.

Wir setzten uns in Bewegung und ich hielt mich an dem kühlen Geländer fest. Aus dem Augenwinkel betrachtete ich Kayla, die in aller Ruhe die Treppenstufen hinabstieg. Etwas an ihr gab mir das Gefühl, dass sie sehr hartnäckig sein konnte. Und wenn das der Fall war, dann brachte es wahrscheinlich nichts, zu lügen. Außerdem hatte gestern sowieso jeder gespürt, dass das Verhältnis zwischen Ethan und mir dezent angeschlagen war.

Und ich brauchte dringend jemanden, mit dem ich reden konnte.

Wenigstens ein paar Worte.

»Ehrlich gesagt, hätte ich mich gar nicht erst reingelassen.« Überrascht drehte sie sich um und hielt mir die Haustür auf. Ich schenkte ihr ein halbes Lächeln. »Verrat ihm nicht, dass ich das gesagt habe.«

Wir traten in den Sonnenuntergang und man konnte den Staub, der durch die Luft wirbelte, im Licht tanzen sehen. Fahrradfahrer sausten über den trockenen Asphalt und das Geräusch eines Rasensprengers drang an meine Ohren.

»Ich nehme an, dass zwischen euch etwas vorgefallen ist, über das du nicht reden willst?«, hakte sie vorsichtig nach.

»Nicht wirklich.«

Einen Moment lief ich schweigend neben Kayla her und hatte schon Angst, dass ich sie nervte, als sie sich zu Wort meldete.

»Was hat dich eigentlich nach San Diego in die Arme deines grimmigen Bruders verschlagen?«

»Würde es dir reichen, wenn ich dir sage, dass ich eine Art Erleuchtung hatte?«, wollte ich wissen, warf ihr einen knappen Blick von der Seite zu. Nachdenklich runzelte sie die Stirn, ehe sie langsam nickte.

»Wäre ein Anfang. Was machst du denn hier? Also Studium oder arbeiten?« Ich spürte den fragenden Blick von der Seite, verschränkte etwas unbeholfen die Hände vor dem Bauch.

»Ich würde gerne Architektur studieren, habe aber leider noch keine Ahnung, ob das klappt. Und du?«

Etwas lag ihr auf der Zunge. Ich konnte sehen, wie sich ihre Stirn kräuselte und sie den Gedanken verwarf, der ihr durch den Kopf gesaust war.

»Ich studiere Kommunikationswissenschaften an der San Diego University. Da habe ich deinen Bruder auch kennengelernt«, erklärte sie. »Später möchte ich eigentlich ins Marketing oder in den Journalismus.«

»Klingt nach einem Plan«, stellte ich fest, schaute mit schlechtem Gewissen auf den Boden.

»Ehrlich gesagt, habe ich keinen Schimmer, ob das alles hinhaut«, erklärte sie amüsiert und legte den Kopf in den Nacken, um in den Himmel zu schauen. »Und wenn nicht, geht irgendwo eine andere Tür auf«, sagte sie achselzuckend und bog in eine kleine Gasse ein, an der ich vorbeigelaufen wäre. »Darf ich vorstellen? Rooster.« Sie machte eine ausfallende Handbewegung und deutete auf ein Schild, das über einer alten Tür prangte. Darauf zu sehen waren der Name und ein rennender Hahn.

Irgendwo hatte ich diesen Namen schon einmal gehört.

Nur konnte ich mich nicht dran erinnern, wo.

»Arbeitest du hier?«, wollte ich wissen.

»Ja, ich habe schon mit neunzehn hier angefangen. Ich weiß, eigentlich nicht erlaubt, aber dank eines gefälschten Ausweises und einer guten Beziehung zum Chef war das alles kein Problem.« Sie drehte sich beim Eintreten um. »Bist du noch keine einundzwanzig?«

Ich blieb stehen und schüttelte zaghaft den Kopf. »Wahrscheinlich ist es dann besser, wenn ich draußen bleibe. Nicht, dass…«

»Ach, Schwachsinn. Dem macht das nichts aus, glaub mir.«

»Bist du dir sicher? Nicht, dass dein Chef Zicken macht.« Doch statt einer Antwort ging Kayla einfach rein und ließ mir keine andere Wahl als ihr zu folgen.

Ich fand mich in einem weiten Raum wieder, in dem eine Menge Tische standen. Von außen hätte man diese Größe nie vermutet und auch nicht, dass der Schuppen ziemlich modern eingerichtet war. Der Geruch nach Holz hing in der Luft, mischte sich mit einer Note Bourbon. Durch die schmalen Fenster fiel grelles Licht auf den abgenutzten Holzboden, der Spuren von vergangenen Tagen trug.

»Schaut mal, wen ich vor eurer Treppe abgefangen habe«, hörte ich sie laut rumtönen und riss meinen Blick von den Möbeln los.

Ich entdeckte meinen Bruder, der gerade eine Flasche einräumte, mir über die Schulter einen Blick zuwarf und sich dann wieder wegdrehte. Ein kleiner blöder Stich durchzog meinen Magen, doch ich reckte das Kinn erneut in die Höhe und ging zu Kayla. Die warf wie selbstverständlich ihre Jacke über den Tresen und nahm auf dem Barhocker Platz. Ein wenig unschlüssig blieb ich neben ihr stehen, sah Ethan dabei zu, wie er einen Pappkarton zerlegte.

»Ich dachte, du wärst weg.«

Natürlich. Was hätte er auch sonst sagen sollen.

»Tut mir leid, aber so schnell geht das mit einer Wohnung, einem Job und dem Studienplatz nicht«, gab ich bissig zurück, spürte einen unerträglichen Schmerz aufsteigen.

Doch anstatt zu schnauben oder einen grimmigen Laut von sich zu geben, hob er den Kopf und in seinen Augen blitzte Verwunderung auf.

»Studieren?«

Er regte sich nicht, starrte mich an, als würde er mich nicht erkennen. Ich schluckte den Stein in meinem Hals herunter und hielt seinem Blick stand.

»Ja, ich war heute bei der New School of Architecture and Design und habe mit der Dekanin des Architekturbereichs gesprochen«, erklärte ich und presste die Lippen zusammen.

»Du kennst die Dekanin?« Es war eine Stimme, die ich zuvor nicht gehört hatte. Ich wandte mich langsam um und da stand dieser Typ von gestern. Er hatte eine Kiste Bier auf den Schultern und lief an mir vorbei. Das dunkelgraue Muskelshirt gab noch mehr Haut und Muskeln frei, als ich gestern bereits erahnen konnte. Eine schwarze Jeans hing tief auf seinen Hüften, sodass die enge Boxershorts ein Stück rausschaute.

»Ich habe sie mal getroffen und sie…«

»Sie hat dem kleinen Instagram-Sternchen bestimmt ihre Hilfe angeboten, um ein paar mehr Likes zu bekommen.«

Seine Worte trafen mich wie eine Orkanböe und rissen mir den Boden unter den Füßen weg. Mein Herz setzte aus, ich schaute zu Ethan, der enttäuscht den Kopf schüttelte und sich wegdrehte. Kayla runzelte ihre Stirn, sagte nichts, während mein Hals trocken wurde wie die Sahara. Die Zunge schwoll an, als wäre sie von Wespen zerstochen worden.

Braune Augen starrten mich abfällig an, als wäre ich nichts weiter wert. Aus dem Augenwinkel sah ich Ethan verschwinden. Kayla folgte ihm mit schnellen Schritten und ich fiel. In ein schwarzes Loch, so tief und unergründlich, dass es mir den Atem raubte.

Seine Enttäuschung hatte er nicht verbergen können. Vielleicht wollte er dies auch gar nicht.

Ich schaute zu dem Typen vor mir, dessen Anblick sofort ein Feuer in mir entfachte. Das Blut in meinen Adern begann zu kochen, schoss durch meinen Körper und benetzte jede Zelle mit der aufkommenden Wut.

Woher nahm er sich das Recht, sich einzumischen?!

»Hör zu, Scarlett, ich werde nicht zulassen, dass Ethan sich von seiner kleinen Schwester um den Finger wickeln lässt, nur um ein paar Tage später wieder zu verschwinden, weil sie das High-Society-Leben vermisst.« Seine Stimme war ein wütendes Zischen, doch das bedrohliche Funkeln in seinen Augen erreichte mich nicht.

»Du hast absolut keinen Schimmer, wovon du redest.« Ich knirschte mit den Zähnen, machte einen Schritt auf ihn zu, sodass ich seinen heißen Atem auf meiner Haut spüren konnte.

»Habe ich nicht?«, wollte er bissig wissen.

»Du kennst mich nicht, also halt dich gefälligst aus der Sache raus. Das geht nur Ethan und mich was an.« Ich ballte die Hände zu Fäusten, zwang mich, ihm nicht an die Gurgel zu gehen.

»Falls es dir nicht bewusst ist. Du hast dein gesamtes Leben mit der Welt geteilt. Wie viele Posts mit dem schmierigen Lächeln hast du am Tag hochgeladen? Zehn? Oder eher zwanzig?« Meine Hände begannen zu kribbeln bei dem verächtlichen Blick. Seine Worte setzten sich in meinem Kopf fest, blieben hängen und wiederholten sich immer und immer wieder. »Und wenn wir schon dabei sind: Du hast dein Leben mit allen geteilt, aber hast du dich auch nur einmal bei deinem Bruder gemeldet? Hast du ihn einmal gefragt, wie es ihm geht?«

Ich wich einen Schritt zurück, spürte jede Anschuldigung wie einen schweren Stein auf der Brust, der mir den Atem nahm.

»Natürlich hast du nicht gefragt. Warum solltest du auch? Schließlich dreht sich alles nur um die gute Scarlett Moore.« Er spuckte meinen Namen angewidert aus. »Meiner Meinung nach solltest du, so schnell es geht, deine Sachen packen und wieder in dein kleines Märchenschloss verschwinden. Ethan ist zu gut für so eine oberflächliche Schwester, die nur an sich denkt.«

Ich verblutete. Ganz langsam. Es fühlte sich an, als hätte der Kerl meinen Körper langsam aufgeschlitzt, nur um zu sehen, wie ich in meinem eigenen Blut ertrank. Meine Beine gaben beinah unter mir nach. Ich hielt mich an einem Tisch fest, um nicht zu fallen, und dann rannte ich.

Fort von allem, was mich verfolgte.

Fort von den Anschuldigungen.

Fort von diesem vernichtenden Blick, der mich ausgeweidet hatte.

Und ich hatte keine Ahnung, wohin.

 

3. Zac

Am liebsten hätte ich diese verwöhnte Göre in ein Taxi gesetzt und zurück in die Hölle geschickt. Sollte sie doch in ihrem bescheuerten Glamourleben verrecken. Wahrscheinlich war sie nur hier, weil ihr ein beschissener Fingernagel abgebrochen oder ihr Lieblingskleid eingelaufen war.

Was sie mit Architektur wollte, konnte ich überhaupt nicht verstehen. Außerdem hatte ich keinen Bock, sie fast jeden Tag zu sehen und am Ende meinen besten Freund zusammenzupuzzeln, der gestern schon mit allen Nerven am Ende gewesen war.

Ein Schnauben entwich mir und ich legte die Finger an die Nasenwurzel. Ich musste jetzt tief durchatmen und zu Ethan. Auch wenn Kayla ihn wahrscheinlich schon wieder aufgebaut hatte, wollte ich ihn nicht alleinlassen. Ich hoffte nur, dass er nicht direkt zu irgendeiner Flasche gegriffen hatte, um seine Enttäuschung zu ertränken.

Ich drehte mich um und lief durch die kleine Holztür, die in einen schmalen Flur führte, der nur spärlich beleuchtet war. Stimmen kamen aus dem Büro, das einen Spalt offenstand.

»Ethan, ich würde…«

»Ich werde mir ihren Mist nicht anhören.« Etwas wurde auf den Schreibtisch geknallt. Vorsichtig betrat ich den Raum, betrachtete Ethan, wie er mit starrer Miene in einem Ordner blätterte.

»Irgendwas stimmt da nicht«, setzte Kayla an, strich sich eine Locke hinter die Ohren.

»Ja, ihr ist ein Nagel abgefallen oder sie hat drei Kalorien zu viel zu sich genommen«, mischte ich mich ein und verdrehte die Augen. Kayla verspannte sich, wandte sich um und warf mir einen wütenden Blick zu.

Eigentlich konnten wir ziemlich gut miteinander, aber sie schien was für die Kleine übrigzuhaben. Für mich völlig unverständlich.

»Oh, Zac. Sei ruhig, sonst verpasse ich dir gleich eine.«

»Ich bitte dich, Kayla. Wir wissen alle, dass die Kleine egoistisch ist und sich verdrückt, sobald ihr Liebster wieder auftaucht und ihr eine Rose hinhält.« Wir lieferten uns ein Blickduell und ich sah, dass sie die Zähne zusammenpresste.

»Du solltest dich da lieber gar nicht einmischen und…«, sie hielt mitten im Satz inne und runzelte die Stirn. »Wo ist sie hin?«

»Keine Ahnung. Hat sich umgedreht und ist gegangen«, antwortete ich achselzuckend und lehnte mich gegen den hölzernen Türrahmen.

»So wie du drauf bist, habt ihr euch wahrscheinlich nicht besonders nett unterhalten?« Die Wut, die in ihrer Stimme mitschwang, war nicht zu überhören, doch ihr was Falsches zu sagen, wäre Schwachsinn.

»Ich habe ihr nur klargemacht, dass es besser für alle wäre, wenn sie ihren Instagram-Arsch nach Hause bewegen würde.«

»Bist du eigentlich von allen guten Geistern verlassen oder hast du an einen Arsch gedacht, der das Blut aus deinem Kopf zwischen deine Beine transportiert hat?«, fuhr sie mich an.

»Er hat recht.« Ethan schlug den Ordner zu. »Es ist besser, wenn sie wieder verschwindet. Ich kenne sie ja nicht einmal.«

»Was ist eigentlich falsch mit euch beiden?!«, wollte Kayla aufgebracht wissen und ihre Stimme überschlug sich beinah. »Ist euch eigentlich klar, dass die Kleine sich gestern Abend die Augen ausgeheult hat, nachdem wir weg waren? Und sie hat sich mit mir auf dem Hinweg ziemlich normal unterhalten. Da war nichts von den Starallüren, die du«, sie deutete anklagend mit dem ausgestreckten Finger auf mich, »ihr vorwirfst. Sie wirkte einfach nur verzweifelt.« Sie ließ die Arme sinken. »Und verflucht alleine.«

»Dann soll sie sich zu ihren tollen Instagram-Freunden verpissen«, gab ich mürrisch zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Das seltsame Stechen, das sich plötzlich ausgebreitet hatte, als Kayla gesagt hatte, dass die Kleine geweint hatte, verschwand dennoch nicht.

»Gott. Ihr steht echt beide dreimal auf‘m Schlauch«, Kayla schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Denkt ihr echt, dass es ihr leicht gefallen ist hier aufzutauchen?« Ethan gab ein seltsames Knurren von sich und ließ sich auf den Schreibtischstuhl sinken. »Ethan, da stimmt irgendetwas nicht«, wiederholte sie.

Dann wurde es still.

Man konnte das Ticken der Uhr hören und unseren Atem. Ethan hatte den Kopf in die Hände gestützt, und obwohl es mir gegen den Strich ging, hallten Kaylas Worte in meinem Kopf nach.

»Sie hat geweint?« Ethans Frage war ein leises Flüstern, das langsam durch den Raum schwappte. Kayla holte tief Luft und nickte.

»Weinen ist kein Ausdruck. Sie ist fast zusammengebrochen.«

Ich schluckte hart.

»Warum hast du nichts gesagt?«, wollte er wissen, hob den Kopf und schaute Kayla verwirrt an.

»Wenn sie gewollt hätte, dass es wer mitbekommt, wäre sie direkt vor dir in Tränen ausgebrochen. Aber nach deiner Begrüßung hätte ich es ehrlich gesagt auch unterdrückt.«

Wieder wurde es ruhig. So still, dass man die Anklage, die in ihren Worten mitschwang, noch hören konnte. Ich biss die Zähne zusammen und betrachtete Ethan, der einen inneren Kampf auszutragen schien.

»Scheiße. Ich muss sie suchen.« Abrupt erhob sich mein bester Freund und riss die Jacke vom Stuhl. Kayla warf mir einen auffordernden Blick zu und mir entwich ein Seufzen.

»Ich komme mit.« Ethan hielt inne und schüttelte den Kopf. »Schon gut, du musst nicht.«

Bevor er an mir vorbeilaufen konnte, packte ich ihn an der Schulter. »Mir ist klar, dass ich nicht muss. Ich will aber.« Ich konnte das zufriedene Grinsen sehen, dass auf Kaylas Lippen trat. »Das heißt aber nicht, dass ich es für eine gute Idee halte, und leiden kann ich sie auch nicht«, gab ich ruppig zurück und schenkte ihr einen mahnenden Blick.

»Schon gut, König Eisblock.« Abwehrend hob sie ihre Hände, doch die Belustigung konnte sie nicht verstecken.

»Ich bringe dich irgendwann noch mal um, Kayla.«

»Versuchen kannst du es ja«, erwiderte sie und stolzierte an uns vorbei, um den kleinen Suchtrupp zu leiten.

 

 

Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn und nahm einen großen Schluck Wasser, während Ethan unruhig durch das Zimmer lief. Wir waren drei Stunden durch die Stadt gewandert, doch sie war nicht aufzuspüren gewesen. Keine Bar, kein Klamottenladen und auch kein Restaurant hatten wir gefühlt ausgelassen. Natürlich hatte keiner von uns eine Handynummer von ihr, was die Suche noch erschwert hatte, und schließlich waren wir wieder zur Wohnung gegangen, in der Hoffnung, dass sie kommen würde, um ihre Tasche zu holen.

Bisher war das noch nicht geschehen und man konnte Ethan das schlechte Gewissen ansehen, das ihn quälte. Er wirkte, als würde er seit Stunden über spitze Nägel laufen, die sich tief in die Haut bohrten.

»Sie taucht bestimmt auf«, versuchte ich ihn zu ermutigen, obwohl mir der Gedanke gefiel, dass sie einfach abgehauen war.

Die Unruhe wurde durch ein Telefonklingeln durchbrochen. Hektisch riss Ethan das Handy aus der Tasche und nahm ab. Der hoffnungsvolle Ausdruck verschwand in dem Moment, als er zu erkennen schien, wer am anderen Ende der Leitung war. Seine Miene verwandelte sich in eine zornige Maske. So hatte ich ihn nur einmal erlebt.

»Mutter.« Ein einfaches Wort, das vor Abneigung nur so triefte. Ich hatte ihn gerade fragend angucken wollen, als es klingelte. Ethan schien woanders zu sein, also stand ich auf und schlenderte zur Tür, mit der Erwartung, Kayla anzutreffen.

Doch statt brauner Augen starrte ich in ein dunkles Graublau, das mich eine Sekunde aus der Bahn brachte. Ihre Haltung versteifte sich, die Mundwinkel, die traurig nach unten hingen, änderten sich innerhalb eines Wimpernschlages zu einer schmalen Linie.

»Ich bin nur hier, um meine Tasche zu holen«, fauchte sie, schob sich mit einer schnellen Bewegung an mir vorbei. Hastig schloss ich die Tür, lief ebenfalls ins Wohnzimmer und sah der Kleinen dabei zu, wie sie die Tasche aus der Ecke zog. Ich wagte einen Blick auf Ethan, der hektisch den Kopf schüttelte, als wollte er sie von etwas abhalten.

»Dann bis gleich, Mutter«, sagte er lauter als nötig in die Richtung seiner Schwester.

Sie erstarrte.

Er nahm das Handy vom Ohr.

»Was meinst du mit ›bis gleich‹?«, fragte ich vorsichtig nach.

»Sie ist jede Sekunde hier.«

Scarlett regte sich nicht. Sie wurde blass.

»Weiß sie, dass du hier bist, Scarlett?« Seine Stimme war sanfter geworden. Er durchquerte den Raum, fasste sie an den Schultern und zwang sie ihn anzuschauen. »Weiß sie, dass du hier bist?«, wiederholte er drängender.

Dann schüttelte sie langsam ihren Kopf.

Und in diesem Moment klingelte es.

Die Panik, die plötzlich in ihrem Gesicht erschien, überraschte mich. War sie nicht Mutters Liebling?

»Ich pack die Tasche weg«, murmelte Ethan leise.

»Ich kümmere mich um sie.« Ohne zu zögern, griff ich nach ihrer Hand, die zart und warm war. Ich blinzelte kurz verwirrt, zog sie hinter mir durch die Wohnung in das Badezimmer und verdrängte die Erkenntnis. Eilig schloss ich die Tür hinter mir, während ich hörte, wie Ethan im Flur den Summer betätigte. Ich stellte das Wasser an und zog mein Shirt aus.

»Was tust du da?« Die Angst, die in ihren Augen stand, brachte mich kurz aus dem Konzept.

»Dir den Arsch vor was auch immer retten, und jetzt geh in die Dusche«, wies ich sie an, während ich mir die Hose aufknöpfte. Verständnislos blieb sie stehen. »Mit Klamotten. Jetzt«, sagte ich nachdrücklich und warf die Hose in die Ecke. Das schien sie aus der Trance zu holen, und ohne weiter nachzudenken, stieg sie unter den Wasserstrahl. Ich entledigte mich meiner restlichen Klamotten und verwünschte meinen besten Freund. Das hier tat ich nur für ihn und mit einer dämlichen Pizza würde er das hier nicht wiedergutmachen.

Ich hörte die Haustür, die sich öffnete, und stieg unter die Dusche.

»Was…?!«, flüsterte Scarlett mit weit aufgerissenen Augen und wandte mir den Rücken zu, als hätte sie etwas Schreckliches gesehen. Dabei fand ich mich durchaus annehmbar und ein paar Damen waren derselben Meinung.

»Glaub mir. Das hier ist auch für mich eine Premiere, und jetzt mach dich klein.« Ich fasste ihre Schultern, drückte sie nach unten und in die hinterste Ecke der Badewanne. Möglichst leise zog in den Vorhang zu und griff hastig nach dem Duschgel.

Aus dem Flur ertönten aufgebrachte Stimmen. Sie kamen näher, wurden lauter und ich wagte einen Blick auf Scarlett, die mit angewinkelten Knien in der Ecke saß und leicht zitterte, obwohl das Wasser keineswegs kalt war. Die Kleidung klebte an ihrer Haut und die feinen Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf.

Hastig wandte ich den Blick ab.

Definitiv ein falscher Moment, ein falscher Gedanke und die falsche Person.

Plötzlich wurde die Badezimmertür aufgerissen und meine Gedanken wurden unterbrochen.

 

4. Scarlett

»Wo ist sie?« Die Stimme meiner Mutter jagte mir einen kalten Schauer über den Rücken und ich kniff die Augen zusammen wie ein kleines Kind. Wenn ich sie nicht sah, würde sie mich vielleicht auch nicht sehen.

»Verdammt, ich habe doch gesagt, dass sie nicht hier ist!«, knurrte Ethan, während ich mich fragte, warum der Typ die Tür nicht abgeschlossen hatte. War er denn des Wahnsinns?!

Jemand riss den Duschvorhang beiseite und ich hörte meine Mutter japsen.

»Was zum Teufel ist hier los?! Ich will verdammt noch mal duschen. In Ruhe!« Ich spürte den kühlen Luftzug an meinem Rücken, flehte innerlich, dass sie mich nicht sah.

»Sie…«, stotterte meine Mutter langsam, was mich etwas verwunderte.

»Ich bin nackt, ja. Die meisten Menschen gehen nackt duschen und jetzt raus hier!« Die Stimme des Typen hatte einen bedrohlichen Unterton angenommen, der sogar mir diesmal die Nackenhaare zu Berge stehen ließ. Das Stimmengewirr zog sich weiter zurück und ich krallte mich an meiner nassen Jeans fest. Eine Tür fiel ins Schloss, doch ich konnte die Stimmen noch hören, spürte den Zorn meiner Mutter in jeder Faser meines Körpers.

Ich durfte nicht drüber nachdenken. Es musste etwas anderes geben, worauf ich mich konzentrieren musste. Einzelne Wasserspritzer trafen auf meine Wange. Die Flüssigkeit sammelte sich in der Luft und eine unerträgliche Hitze breitete sich in dem kleinen Badezimmer aus. Laute Stimmen ertönten im Flur, dann knallte eine Tür.

Alles schien stehen zu bleiben. Nur das Rauschen des Wassers durchbrach die Ruhe, die so plötzlich kam wie der vorhergegangene Sturm. Ich schnappte nach Luft, versuchte die Scherben, die sich in meiner Brust befanden, irgendwie zusammenzuhalten.

Die Dusche wurde abgestellt, doch ich war nicht in der Lage, mich zu bewegen. Zu groß war die Angst, dass sie wiederkommen würde und nicht alleine war.

»Sie ist weg.« Ich zuckte zusammen, als die Stimme ertönte, und schluckte schwer. Nachgeben war jetzt keine Option. Langsam löste ich mich aus meiner Starre, versuchte die Muskeln, die sich versteift hatten, irgendwie zu entspannen. Ich stützte mich am Badewannenrand ab und erhob mich mit bebenden Knien. Schwer keuchend blieb ich stehen, als die Badezimmertür erneut geöffnet wurde. Erschrocken fuhr ich herum, doch ich blickte nur in das vertraute Gesicht meines Bruders.

»Wir müssen reden.« Mehr sagte er nicht und ich brachte nichts weiter zustande als ein zittriges Nicken.

»Ich zieh mich an und laufe zu Kayla. Die beiden müssten ja ungefähr die gleiche Größe haben und es sieht ja nicht so aus, als würde sie nur über das Wochenende bleiben.« Er stieg mit dem Handtuch aus der Dusche und ließ mich ohne einen weiteren Blick mit meinem Bruder zurück. Ethan hatte sich keinen Zentimeter bewegt, stand einfach dort und starrte mich in meinen triefenden Klamotten an.

»Geht es dir gut?«

In diesem Moment hasste ich ihn. Einfach weil er genau wusste, dass das nicht der Fall war. So hatte er mich immer zum Reden gebracht, und ehe ich etwas sagen konnte, kullerten heiße Tränen über meine Wange.

Er verließ nicht den Raum. Vorsichtig schloss er die Tür hinter sich und nahm mich aus der Badewanne. Ich zitterte und schluchzte bitter, krallte mich an seinem Hemd fest. Ethan ignorierte meine nasse Kleidung und schloss mich in den Arm.

Dass er das tat, beförderte meine Tränen auf eine neue Rekordanzahl und ich hatte keinen Schimmer, wie ich jemals wieder aufhören sollte.

 

 

Ich klammerte mich an der heißen Schokolade fest, die ich in meinen Händen hielt, und versuchte meinen Bruder zu ignorieren, der neben mir saß und mich anstarrte. Die Tränen schienen jedes Gefühl, das ich besaß, fortgespült zu haben. Zurück blieb eine seltsame Ruhe.

»Du willst nicht wirklich drüber reden, oder?«

Ich zeichnete mit den Fingern ein Muster auf die warme Tasse.

»Nicht jetzt«, gab ich leise zurück und holte tief Luft. »Es ist nicht so, dass ich nicht will, aber…« Die Worte blieben mir im Hals stecken.

»Du kannst nicht«, beendete Ethan den Satz für mich, neigte seinen Oberkörper ein Stück nach vorne. »Gut, Scarlett. Aber du musst mir sagen, ob das mit Wohnung, Job und Studium dein Ernst war.«

»Du warst meine letzte Option«, erklärte ich. »Ich weiß, dass es verrückt und blöd klingt, aber ich wusste nicht, wohin.«

»Du hättest anrufen können.« Er ballte die Hände zu Fäusten, nur um sie erneut zu lösen. Meine Lippen verzogen sich zu einem schiefen Grinsen, das gleich darauf wieder verblasste.

»Wir wissen beide, dass du direkt aufgelegt hättest.«

Schweigen.

Ich raffte die Decke, die er mir umgehängt hatte, etwas enger an mich und riskierte einen Blick auf meinen Bruder, dessen Lippen zu einem schmalen Strich verzogen waren.

»Ich will, dass du es mir irgendwann erzählst.« Ethan schaute mir fest in die Augen. »Ich werde dir Zeit geben, Scarlett, aber ich will, dass du mir die Wahrheit sagst. Nicht jetzt, nicht morgen und vielleicht auch nicht in einem Monat. Aber irgendwann will ich es wissen, und«, er hielt inne, als würde er noch mal über seine Worte nachdenken müssen, »versprich mir, dass das dein Ernst ist und du nicht morgen deine Sachen packst und verschwindest.«

»Glaub mir eins: Ich habe nicht vor, jemals einen von diesen Menschen wiederzusehen, geschweige denn, dort zu leben.«

Es zu denken, war eine Sache gewesen. Doch nun die Worte über meine eigenen Lippen zu bringen, meine eigene Stimme zu hören, war etwas völlig anderes. Es war realer.

Ein grimmiges Lächeln umspielte seinen Mund, doch die Zufriedenheit, die darin lag, war eindeutig zu erkennen.

Das Klacken des Schlosses der Wohnungstür war bis ins Wohnzimmer zu hören. Kurz darauf vernahm ich Kaylas Stimme, wie sie aufgeregt mit jemandem am Diskutieren war. Dann erschien sie mit dem Typen aus der Dusche, der einen Karton Klamotten auf dem Arm hatte und ein genervtes Schnauben von sich gab. Geräuschvoll stellte er ihn auf das Sofa.

»Bitte sag mir, dass ihr fertig seid und ich keine weitere Minute mit ihr verbringen muss«, knurrte der Typ und warf einen bösen Blick zu Ethan, dessen Mundwinkel zuckten.

»Also Scarlett. Das Lockenmonster da hinten ist Kayla. Ich habe sie an der Uni kennengelernt. Wir arbeiten zusammen in der Bar.« Er machte eine Handbewegung zu der jungen Frau, die ich bereits kennengelernt hatte. Ich konnte sehen, dass sie eine Sekunde die Stirn runzelte, ehe sie mir freundlich winkte. »Und der Volltrottel, der dich unter die Dusche gestellt hat, ist Zac. Er nervt mich, seit ich ihn vor drei Jahren bei einer Schlägerei kennengelernt habe.«

Doch im Gegensatz zu Kayla wirkte Zac nicht ansatzweise erfreut. Sein Blick blieb distanziert und er schien jedes Mal, wenn er meine Anwesenheit bemerkte, in einen anderen Modus zu schalten.

»Hör auf mit der sinnlosen Vorstellungsrunde. Mich kennt sowieso jeder«, plauderte Kayla selbstbewusst und begann in dem Karton zu wühlen, der auf dem braunen Ledersofa stand. Sie zog zwei Teile hervor. »Und Zac ist völlig unwichtig«, winkte sie ab, als dieser die Augenbrauen eine Sekunde nach oben zog. »Viel wichtiger ist es, dich in ein paar hübsche, bequeme Klamotten zu bekommen.« Mit strahlenden Augen hielt sie mir die Hand hin. Mein Bruder zuckte nur hilflos mit den Schultern. Also stellte ich die Tasse ab und erhob mich.

»Ich weiß schon genau, was dir stehen müsste«, setzte Kayla an und zog mich in das Zimmer, das wahrscheinlich meinem Bruder gehörte. Ich warf einen letzten Blick zurück und fand Ethan lächelnd vor, was meine Mundwinkel nach oben wandern ließ.

Doch der Blick von Zac, der ging mir unter die Haut.

So sehr, dass ich rasch den Kopf wegdrehte und versuchte mich auf Kayla zu konzentrieren, die voll in ihrem Element zu sein schien.

 

5. Zac

»Ich halte das für eine beschissene Idee«, verkündete ich und drehte mich zu Ethan um. »Die hat das doch bestimmt noch nie gemacht.«

»Das kann man lernen«, widersprach er und räumte zwei Gläser weg.

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass sie ihr schönes Bilderbuchleben weggibt für ein Studium, einen einfachen Job und ein kleines WG-Zimmer.« Ich lehnte mich gegen den Tresen, beobachtete Ethan, wie er sich langsam aufrichtete und mit der Hand nachdenklich durch seine Haare fuhr.

»Ich weiß es nicht. Vielleicht geht sie wirklich morgen, aber mein Gefühl…«

»Dein beschissenes Gefühl hat dir vor drei Jahren auch gesagt, dass sie anrufen würde«, warf ich genervt ein und griff nach dem Lappen, der auf der Spüle lag. »Und ich war derjenige, der dich vom Boden kratzen durfte.« Wütend presste ich jeden überschüssigen Tropfen Wasser aus dem Tuch. »Und noch mal habe ich darauf, ehrlich gesagt, keinen Bock«, knurrte ich.

»Das ist meine kleine Schwester«, warf er betrübt ein. Erneut wandte ich mich um, sah den breiten Kerl mit hängenden Schultern und verzweifeltem Gesichtsausdruck vor mir stehen. Wenn er nicht mein bester Freund gewesen wäre, hätte ich ihm gesagt, dass er sich nicht so anstellen sollte. Aber diese Hilflosigkeit, die ich nur vor drei Jahren bei ihm gesehen hatte, ließ meine Sturheit langsam bröckeln.

»Sie bekommt keine Sonderbehandlung. Und du kannst nicht von mir verlangen, dass ich freundlich zu ihr bin«, sagte ich mit mahnendem Unterton. »Sonst petze ich es ihr.«

Ethan öffnete den Mund, schloss ihn jedoch wieder und nickte langsam. Ein bedrücktes Lächeln zierte sein Gesicht und ich verfluchte mich jetzt schon für diese beschissene Zustimmung.

Im selben Moment ging die Tür der Bar auf.

»Hey Zac«, hörte ich Ethan murmeln, während ich mich zum Eingang drehte, um die Gäste willkommen zu heißen.

»Ja?«

»Sei nicht zu hart zu ihr.«

»Mal sehen«, brummte ich und beobachtete Kayla, die lachend eintrat, dicht gefolgt von Scarlett, deren Mundwinkel leicht nach oben gebogen waren. Sie trug eine dunkelgraue zerrissene Jeans, schwarze Boots und ein gedecktes Top, das ziemlich tief ausgeschnitten war. Darüber eine grob gestrickte dunkle Jacke. Ihre Hände steckten in den Hosentaschen und die Haare hatte sie zu einem unordentlichen Zopf gebunden.

Ich runzelte die Stirn, als Kayla breit grinsend vor uns Halt machte und Scarlett nach vorne schubste. »Sag schon«, wurde sie von der Brünetten aufgefordert, deren Grinsen über das ganze Gesicht ging.

Mit geröteten Wangen räusperte sie sich.

Sekunde.

Gerötet?

Ich betrachtete sie genauer, bemerkte die kleinen Grübchen, die sich auf ihrer linken Wange bildeten. Auf den Instagram-Bildern, die Ethan mir immer im Suff gezeigt hatte, hatte sie ganz anders ausgesehen und das Lächeln war nicht im Ansatz so gewesen wie hier. Natürlich hatte es gut ausgesehen, aber das hier war echt und sah auf eine ganz andere Art und Weise gut aus. Eine, die wirklich nicht gut für mich war.

»Ich habe den Studienplatz«, sagte sie vorsichtig, verschränkte die Hände vor dem Bauch.

»Nicht dein Ernst?!« Ethan stand die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben.

»Doch. Ich fange in zwei Wochen an.« Ihr Lächeln wurde breiter, erreichte ihre graublauen Augen. Ehe ich mich versah, war Ethan um den Tresen gestürmt und hatte seine kleine Schwester in den Arm geschlossen.

»Einkaufen kann sich jeder«, warf ich trocken ein und wandte mich ab. Ich öffnete mir ein Bier und nahm einen großen Schluck.

»Sei nicht so ein Arschloch, Zac!«, protestierte Kayla. »Außerdem sind wir mit den guten Nachrichten noch nicht fertig.«

Ich wusste, was kam, bevor sie es aussprach.

»Und das wäre?«, hörte ich Ethan fragen, während ich die Zähne zusammenbiss und mich wieder umdrehte.

»Sie wird bei mir einziehen!«

Und damit war der Schlamassel komplett.

Ich würde nicht nur meinen besten Freund auffangen dürfen, nein, auch noch das gebrochene Herz einer liebevollen Kayla zusammensetzen. Scarlett ging mir gewaltig gegen den Strich. Sie war gestern erst aufgetaucht und brachte jetzt schon alles durcheinander.

»Wenn wir schon dabei sind«, mischte ich mich in das freudige Geknuddel ein und lehnte mich über den Tresen. »Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job.«

Verwirrt blickte Scarlett zu mir.

»Ich bin keine einundzwanzig«, murmelte sie, warf einen Blick zu Ethan.

»Da dein Geburtstag nicht mehr lange hin ist, ist das alles geregelt. Ein Danke wäre übrigens angebracht«, fuhr ich fort. »Hat mir einige Mühe gekostet den Chef zu überreden, also versau‘s nicht.« Kayla hatte bereits den Mund geöffnet, um zu protestieren, doch da warf Ethan ihr schon einen warnenden Blick zu.

»Ich werde…«, setzte Kayla an, die der guten Scarlett den Arsch retten wollte, aber da hatte sie die Rechnung ohne mich gemacht.

»Wirst du nicht«, widersprach ich. »Auf Wunsch des Chefs werde ich sie einarbeiten.«

Ich schenkte Scarlett ein falsches Lächeln und nippte an meinem Bier, ohne sie aus den Augen zu lassen. Das breite Grinsen sackte um einiges tiefer und sie schien schon jetzt zu wissen, was ihr blühte.

»Wo ist denn der Chef?«, hakte sie nach. Die war wirklich komplett bescheuert.

»Im Urlaub«, warf Ethan ein. »Und bis er wieder da ist…«

»Habe ich das Kommando«, unterbrach ich ihn, wusste, dass er nichts dagegen tun konnte.

Scarletts Lippen verzogen sich zu einer schmalen Linie. Angst flackerte in den Augen auf, was mich durchaus amüsierte.

Sie bemerkte das Blickgefecht nicht, das Kayla und Ethan austrugen. Ich hingegen fing schon jetzt an zu überlegen, wie ich dem hübschen Püppchen den ein oder anderen reinwürgen konnte. Irgendwie musste ich ihr ja heimzahlen, dass ich das Chaos hinter ihr wegräumen durfte, sobald sie wieder verschwand.

Und zu sehen, wie sie an den einfachsten Aufgaben verzweifelte, würde mich durchaus ein wenig entschädigen.

 

 

»Ich nehme an, du hattest es dir einfacher vorgestellt?«

Kayla sollte der Mund gestopft werden. Am besten mit dem dreckigen Lappen, mit dem Scarlett schon wieder durch den Raum lief und die schmutzigen Tische abwischte.

»Ich habe keinen Schimmer, wovon du sprichst«, gab ich grimmig zurück, beobachtete Scarlett, wie sie eine Vielzahl von Gläsern mit einem freundlichen Lächeln vom Tisch aufsammelte und die Typen, die dort saßen, noch zum Lachen brachte.

»Du hast die gute Scarlett und ihren Ehrgeiz ziemlich unterschätzt.« Kayla tätschelte mir sacht den Rücken und ich konnte das Grinsen in ihrer Stimme hören.

»Sie stellt sich ganz passabel an«, erwiderte ich zähneknirschend. Kayla legte mir ihren Zettel mit den Bestellungen auf den Tisch, die ich nur halb beachtete. Scarlett drängte sich an mir vorbei hinter den Tresen, stellte die dreckigen Gläser ab und begann zu spülen.

Ich kniff die Augen zusammen und schlenderte langsam zu ihr rüber, nahm drei Bier aus dem Kühlschrank und öffnete sie. Aus dem Augenwinkel betrachtete ich die Gläser, die dort standen. Kayla kam mit ihrem Tablett und ich reichte ihr die Flaschen. Ihr Blick glitt zu Scarlett, die uns gar nicht beachtete.

Ich fischte einen Notizblock aus dem Regal und einen Stift.

Das, was ich vorhatte, war nicht besonders nett.

Dennoch schrieb ich Nicht sauber genug auf den Klebezettel und peckte ihn an die Gläser, als Scarlett sich umdrehte und verschwand. Dabei waren die Gläser blitzeblank und sie stellte sich echt gut an für den ersten Tag. Nur würde ich ihr das garantiert nicht unter die Nase reiben, und da weder Kayla noch Ethan was sagen würden, genoss ich das hier ganz besonders.

Ich schnappte mir ebenfalls ein Tablett und stellte die Cocktails drauf. Scarlett stürmte an mir vorbei, während ich zu einem Tisch lief und mit einem Lächeln, das diesmal echt war, den Gästen ihre Drinks servierte.

Ich sah, wie sie den Zettel las und ihre Stirn sich in Falten legte. Suchend glitt ihr Blick umher, bis sie mich fand. Ich zuckte mit den Schultern und schenkte ihr ein mitleidiges Lächeln, während ihre Augen sich zu schmalen Schlitzen verzogen.

Sie zerknüllte den Zettel für mich sichtbar in ihrer Hand, warf ihn in den Müll und fing an, die sauberen Gläser erneut zu spülen. Dabei feuerte sie immer wieder böse Blicke auf mich ab, was mir hingegen ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen trieb.

Das Spiel war hiermit offiziell eröffnet.

 

 

6. Scarlett

Ich hasste ihn. Und mit jedem weiteren dämlichen Zettel, den ich fand, wurde der Drang, den Kerl zu erwürgen, größer. Am liebsten hätte ich ihm eine Bierflasche über den Schädel gezogen, aber leider hatte ich keine andere Wahl, als den Mist zu ertragen. Kaylas mitleidige Blicke halfen mir da auch nicht weiter und auch Ethan meinte, dass er nichts ausrichten könnte. Und sosehr mir dieser blöde Sack auf die Nerven ging, so froh war ich trotzdem über den Job.

Ein weiterer kleiner gelber Zettel schaute unter dem Tablett hervor. Ich gab ein leises Schnauben von mir und fragte mich, was ich schon wieder falsch gemacht hatte. Nach dem siebzehnten Zettel innerhalb einer Stunde hatte ich aufgehört zu zählen.

Mehr lächeln

Ich hob den Kopf, konnte sehen, dass er mich beobachtete, und verzog meine Lippen zu einem hässlichen Grinsen.

Oh, er würde noch tausend Tode sterben. Keine Ahnung, wann ich ihn hatte nett oder attraktiv finden können. Er war einfach nur ein Depp.

»Du kannst ihn nachher mit meiner Hilfe umbringen«, vernahm ich Kayla leise neben mir.

»Dazu brauche ich keine Hilfe«, knurrte ich. »Das erledige ich alleine mit bloßen Händen in irgendeiner Ecke.«

 

 

»Ich schaffe das nicht«, jammerte ich, blieb vor den Stufen stehen und schaute nach oben. »Meine Beine fallen jetzt schon ab.«

»So schlimm ist es nicht«, hielt Kayla lachend dagegen und griff nach meiner Hand.

»Lass mich einfach hier liegen.«

»Stell dich nicht so an.«

»Hat Zac dich oder mich dreizehnmal in den Keller rennen lassen und den ganzen Abend durch die Gegend gescheucht?«, wollte ich mürrisch wissen. Augenblicklich erlosch ihr Lachen und sie kniff die Lippen zusammen.

»Er war echt nicht nett heute Abend.« Sie hakte sich bei mir unter und ich zwang meine Füße sich ein letztes Mal für heute zu heben.

»Nicht nett? Er war das reinste Arschloch.« Allein bei dem Gedanken an ihn kochte die Wut in mir hoch.

»Eigentlich ist er voll in Ordnung«, meldete Kayla sich kleinlaut.

»Ja, wahrscheinlich, wenn er eine ins Bett kriegen will.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust, während Kayla die Tür öffnete.

»Vergiss Zac und sag Hallo zu deinem neuen Zuhause.«

Kayla packte mich am Arm und zog mich in die Wohnung. Ich stolperte etwas verdattert herein und blieb inmitten des Flurs stehen, dessen Wände mit Postkarten vollgehängt waren. Die Schuhe lagen auf einem unordentlichen Haufen und ein paar Jacken lagen auf dem Stuhl, der neben der Garderobe stand, weil diese überfüllt war.

»Der Flur ist ziemlich unspektakulär«, meinte Kayla und führte mich weiter. »Hier ist das Bad. Es ist klein, reicht aber definitiv aus.« Sie stieß eine Tür auf und schaltete das Licht an. Eine Vielzahl an Nagellack in den unterschiedlichsten Farben zierte fast das gesamte Regal. Nur zwei Schachteln mit Schminke und ein paar Handtücher waren ansonsten vorzufinden. Erstaunt betrachtete ich das Badezimmer, das so viel lebendiger wirkte als alle Badezimmer, die mir bisher untergekommen waren. »Tut mir leid, ich kann ein paar von den Nagellacken wegräumen und auch die Jacken.« Sie kniff die Lippen zusammen und senkte ein wenig enttäuscht den Blick.

»Nein«, widersprach ich und konnte ein Lächeln nicht verhindern, »das hier ist fantastisch.«

Ich konnte sehen, wie sich ihre Anspannung verflüchtigte und sie erleichtert ausatmete.

»Gut, dann hoffe ich, dass du dich jetzt als Teetrinkerin outest, weil es hier keine Kaffeemaschine gibt.« Die Tür schräg gegenüber dem Badezimmer wurde aufgestoßen und zum Vorschein kam eine Küche, die mit Pflanzen überfüllt war. Blumentöpfe in allen Formen und Farben standen und hingen rum. »Ich liebe Kräuter und kann meiner Grandma nie Nein sagen, wenn sie mir mal wieder eine Pflanze andreht«, murmelte Kayla, während ich fasziniert das Durcheinander betrachtete. So etwas hatte ich in meinem Leben noch nie zuvor gesehen.

»Das ist der Wahnsinn.«

»Seit letztem Jahr gibt es sogar eine Spülmaschine. Du ziehst also in ein voll luxuriöses Studentenapartment, das alles, was du bisher gesehen hast, toppen wird.«

Sie wusste nicht, wie recht sie hatte. Und obwohl ich hundemüde war, mir die Augen jeden Moment zuzufallen drohten, strahlte ich übers ganze Gesicht. Das hier war wirklich besser als mein gesamtes bisheriges Leben.

»Das Wohnzimmer ist ganz hinten«, erklärte sie und führte mich weiter, obwohl ich genauso gut in der Küche hätte bleiben können. Ich konnte mich nur schwer losreißen, weil das alles irgendwie an einen Garten erinnerte.

Und dann kam ich in das Wohnzimmer, wo zwei Sofas standen und ein Sessel, die überhaupt nicht zusammenpassten. Sie befanden sich auf einem Juteteppich und an der einen Wand hatte jemand eine dieser Putze angebracht, auf denen man mit Kreide schreiben konnte. Und jeder, der hier gewesen war in den letzten Wochen, schien sich an der Wand verewigt zu haben. Zumindest so lange, bis man sie abwischte.

»Hier haben wir einen Fernseher, und wenn du magst, können wir zusammen eine Serie anfangen.«

Serie?

»Du meinst auf Netflix oder so?«

»Ja. Also nur, wenn du willst. Sonst kann ich auch alleine gucken.«

»Ich fände das fantastisch«, stimmte ich zu und strahlte Kayla an, die sich eine lange Locke hinter die Ohren strich.

»Gut, dann kommen wir mal zu deinem Zimmer, in dem immerhin noch ein alter Schreibtisch, ein Kleiderschrank, der fast zerfällt, und ein Bett stehen, auf dem ich nichts Ungewöhnliches probieren würde« Sie warf mir von der Seite einen vielsagenden Blick zu.

»Ob du’s glaubst oder nicht, aber vorerst ist mein Bedarf an Kerlen gedeckt«, winkte ich eilig ab.

»Wenn mir ein Typ, mit dem nichts läuft, so auf den Senkel gehen würde wie Zac, würde ich wahrscheinlich dasselbe sagen.« Und während sie sprach, öffnete sie die Tür zu meinem kleinen Reich. Einem einfachen Zimmer mit einem Fenster und Möbeln, die wirklich abgenutzt aussahen, aber das war in jener Sekunde völlig egal, denn ich musste mit nicht einem einzigen Menschen diesen Raum teilen. Geschweige denn was ich aß, tat oder trug.

»Ich habe dir schon Bettwäsche hingelegt und für eine Nacht sollte die Matratze noch reichen. Ich würde mal mit…«

»Es ist alles super, Kayla«, unterbrach ich sie, ehe sie begann sich zu rechtfertigen oder für irgendetwas zu entschuldigen. Sie blinzelte einige Male und ihre Wangen bekamen rote Flecken. »Das hier ist wirklich der Wahnsinn. Tausend Dank, dass ich hierbleiben kann.«

Und dann zog ich sie einfach in eine Umarmung, weil ich keine weiteren Worte für das hier hatte. Sie gab erst einen überraschten Laut von sich, dann erwiderte sie die Umarmung und das erste Mal seit sehr langer Zeit hatte ich das Gefühl, dass ich einem Menschen vertrauen konnte.

 

 

In den darauffolgenden anderthalb Wochen bestand mein Tagesablauf aus Arbeiten und Schlafen. Zwischendurch schaute ich bei der Uni vorbei und reichte letzte Unterlagen ein oder musste etwas unterschreiben. In den Pausen und auf dem Rückweg plante ich mit Kayla, was wir mit meinem Zimmer anstellen könnten, wenn ich Geld und Zeit hätte.

Mein Smartphone hatte ich ausgeschaltet und in den Tiefen meiner Tasche vergraben. Stattdessen hatte ich mir ein altes Klapphandy zugelegt, woraufhin mich alle angestarrt hatten, als wäre ich eine Wahnsinnige. Alle bis auf Zac hatten sich einen Kommentar verkneifen können und natürlich hörte seine Zettelfolter nicht auf.

Er schien mich an den Rand des Wahnsinns treiben zu wollen und ich hielt mit aller Macht dagegen. Allerdings war die Folge dieses Wettstreits, dass ich jeden Abend ins Bett fiel wie ein Stein und meine Muskeln schmerzten, weil er angefangen hatte, mich Bierkisten schleppen zu lassen. Und ausgerechnet heute musste Ethan noch eine Party schmeißen. Das würde ich garantiert nicht lange überleben.

Mit einem leisen Seufzen schloss ich die Wohnungstür auf und streifte mir die Boots, die Kayla gehörten, von den Füßen. Sie hatte sie mir großzügigerweise überlassen, weil sie ihr zu klein waren, und ich hatte sie dankbar angenommen.

Mit einem Gähnen zog ich die Jacke aus und trottete in das Badezimmer. Morgen würde das neue Semester beginnen und ich hoffte, dass ich nicht komplett versagen würde. Das Schlimmste war jedoch, dass mich absolut keiner kannte, außer…

Ich blieb vor dem Spiegel stehen und starrte mein Spiegelbild an. Die langen wasserstoffblonden Haare gingen mir bis kurz über die Brust und fühlten sich mit einem Mal schrecklich falsch an. Ich sah aus, als würde ich eine grässliche Perücke tragen. Meine Hände begannen zu zittern.

Du siehst entsetzlich aus mit deiner Naturhaarfarbe und kurz steht dir auch nicht.

Das Atmen fiel mir schwer, als die Worte sich in mein Bewusstsein drängten. Ich hatte die Haare nur wegen ihm so getragen. Es war niemals meine eigene Entscheidung gewesen. Rastlos strich ich mit meinen Händen durchs Haar in der Hoffnung, dass ich das schlechte Gefühl abstreifen könnte, doch das Gegenteil war der Fall.

Die Tür wurde geöffnet und eine verschlafene und leicht verdutzte Kayla starrte mich mit einer zerzausten Lockenpracht an. Ich schnappte nach Luft, während sie die Stirn runzelte.

»Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen«, murmelte sie zögerlich.

Ich schluckte den Kloß im Hals herunter.

»Kannst du mir helfen?« Ein flehender Unterton schwang in meiner Stimme mit. Einen langen Moment schaute sie mich an.

»Welche Farbe und welche Länge?«

 

 

»Hör auf so hibbelig zu sein. Du machst mich ja noch wahnsinnig«, murmelte Kayla und schenkte mir einen strafenden Blick über den Spiegel, während ich mich ein weiteres Mal betrachtete. Ich trug eine graue Skinny Jeans, die an den Knien aufgeschnitten war. Dazu ein schwarzes Oberteil, das einen tiefen Rückenausschnitt hatte, und Stiefelletten mit Absatz und Schnallen an den Seiten.

»Du siehst so gut aus, dass ich mich schlecht fühle«, murrte sie und zog einen weiteren perfekten Lidstrich, für den ich sie beneidete. Ich fuhr mir durch das hellblonde Haar, das mir nur noch zu den Schultern reichte und von Kayla leicht gestuft worden war.

Ehrlich gesagt erkannte ich mich im Spiegel fast nicht wieder.

Mein Blick huschte zu Kayla, die in einem schwarzen, engen Kleid steckte. Dazu trug sie ein Paar dicker Boots und hatte ihre Lockenmähne offen gelassen.

»Neben dir wirke ich komplett

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: J. Moldenhauer
Cover: Chris Gilcher / www.buchcoverdesign.de
Lektorat/Korrektorat: Dr. Andreas Fischer
Tag der Veröffentlichung: 24.08.2017
ISBN: 978-3-7438-6853-3

Alle Rechte vorbehalten

Widmung:
Für Mell und Marc.

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