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Me an Pony G.

Erste Erlebnisse

 

Selbst Menschen, die mit einem Pferd nicht mehr zu tun haben, als hin und wieder einen rheinischen Sauerbraten zu genießen oder eher unfreiwillig deren Fleisch in ihrer gekauften Lasagne wiederfinden, wissen zumeist, dass Pferde Herden- und Fluchttiere sind. Da mir leider die Fluchttiere davongelaufen sind, werde ich sie im nächsten Büchlein behandeln müssen. Bis dahin habe ich sie sicher wieder eingefangen.

 

Wie unglaublich wichtig das mit der Herde für Pferde ist, das hat mir Glona schon am ersten Tag gezeigt, da war sie gerade einmal ein paar Stunden auf dem Hof und in ihrer frisch gemachten Übergangsbox. Eigentlich hätte sie ja gleich zu den anderen kommen sollen, aber als wir Glona ausluden (das klappte hervorragend, da ging sie sogar mit mir mit), wurde sie mit kritischem Blick von oben bis unten von der Stallchefin beäugt. Ihr Kommentar: “Na ja.” Sie traute dem Glonabraten nicht und so musste das arme Pferdemädel erst einmal in Quarantäne, in Sicht- und Schnuppernähe zu den Stuten, zu denen sie gehören sollte und auch unbedingt wollte.

 

Glonas geräumige und lichtluftige Übergangsbox befand sich zwischen einer kleinen Stallgasse und dem überdachten Paddock, der zur erstaunlich großen Weide führte. Paddock ist Fachchinesisch und heißt nichts anderes, als dass es sich um einen graslosen, normalerweise umzäunten Bereich handelt, in dem sich Pferde langweilen dürfen. In einem regenfreien Sommer war das eine prima Sache. War alles mit Regenwasser durchtränkt, blieb man allerdings schon mal gerne bis über die Knöchel im Schlamm stecken.

 

Bevor ich es vergesse und euch unterschlage... Als ich mein Pony mal von der Weide einsammeln wollte, es hatte stark geregnet, ich hatte es sehr eilig, passierte Folgendes: So schnell es ging, stapfte ich durch die Mocke. Noch in der Vorwärtsbewegung spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Mein Stiefel blieb hängen, der dazugehörige Fuß leider nicht. Der bewegte sich einfach weiter und versank in kaltem und nassen Bergischen Boden.

 

Nun wieder zurück zu meinem gerade erst in ihrem neuen Zuhause eingezogenem Glonapony. Alles war gut. Die Stuten beschnüffelten den Neuzugang, Glona schnüffelte zurück und quiekte geziert. Dieses Quieken sollte ich in den nächsten Jahren noch sehr oft zu hören bekommen. Damals fand ich es total süß. Eigentlich fand ich alles total süß, was mein Pony anging.

 

Offensichtlich war alles so, wie es sein sollte und Stallchefin, meine bessere Hälfte und ich machten uns daran, uns in die Autos zu setzen und den Hof zu verlassen. Es schepperte fürchterlich. Definitiv kam das Geräusch aus Glonas Box. Mein Mann und ich sahen uns an, schlossen den Stall wieder auf, machten Licht, schauten nach und fanden – eine leere Box! Wir liefen zur Tür, guckten hinaus und ich sah gerade noch die fliegenden Hinterfäuste meines Ponys in der Dunkelheit verschwinden. Glona auf dem Weg zur Herde, die irgendwo auf der Weide weidete.

 

Aber wie war sie hinausgekommen? Der untere Teil der Boxentür war geschlossen, Glona zu klein, der Anlauf zu winzig, um darüber zu springen. Hatte sie sich in Luft aufgelöst um sich draußen wieder zu manifestieren? Ne, das kleine Ding hat etwas Anderes fertiggebracht. Ich kenne diese Türen als “Klöntür”. In der Mitte geteilt, lässt sich der obere Flügel separat öffnen, während die untere Hälfte geschlossen bleiben kann. Genauso hatten wir Glona verlassen und so war es auch noch, nur ohne Inhalt. Sie muss die obere Kante, ja, regelrecht erklettert haben, und hat sich dann, weiß der Geier wie, darüber geschoben, vermutlich ist sie noch hin und her gewippt, bis der dicke Bauch und der Rest auf der anderen Seite ankamen. Mehr möchte ich mir nicht ausmalen. Jedenfalls kassierten wir sie wieder ein und verschlossen auch den oberen Teil der Klöntür.

 

Bei ihrem Ausbruch hatte sie noch Glück gehabt – am Hinterbein fehlte ein Stück Fell und sie hatte da eine hübsche Wunde. Mehr war nicht passiert. So konnte ich auch gleich am ersten Tag ausprobieren, wie sie sich von mir verarzten ließ. Für Pferdebesitzer ist Erste Hilfe eine Fähigkeit, die nicht zu unterschätzen ist. Tierarzt ist nicht billig und die Sache wird nicht besser, wenn Pony grundsätzlich am Wochenende oder mitten in der Nacht krank wird oder sich verletzt.

 

Pferdchen, die so extrem herdengebunden sind, dass sie auf gar keinen Fall von anderen Pferdchen oder dem Zuhause getrennt werden wollen, nennt mal landläufig “Kleber”. So eins war meins. Die Sache mit der Flucht aus der Box war nur der Auftakt gewesen.

 

Egal, ob ich obendrauf saß oder zu Fuß neben dem Pony herlief – es ging nur in Begleitung anderer Pferde. Manchmal war selbst das nicht genug, wenn zum Beispiel ihre beste Euterfreundin fehlte (einen Busen haben sie ja nicht).

 

Sobald ich mit ihr alleine wegwollte, wobei wir vollkommen unterschiedliche Auffassungen von “dem Gelände, das noch zum Hof gehört” hatten, muss sie aus ihren geheimen Drüsen unter den Hufen Sekundenkleber gesprüht haben. Brachte ich es dennoch fertig, das Pferdchen vom Hof zu lösen, war es, als hätte ich ein Tier mit einer gespaltenen Persönlichkeit. Dr. Jekyll und Mr. Hide sozusagen. Auf dem Hof grottenbrav, entwickelte sie sich zu einem feuerschnaubenden, tänzelnden und hochexplosiven Ross. Nun gut, Rösschen. Wenn ich ehrlich bin – mir machte das Angst und ich fühlte mich überhaupt nicht wohl. Ich wusste nur zu gut, dass ich dem (noch) nicht gewachsen war. Spätestens nach einem recht kurzen Ausritt war mir das klar.

 

Das war noch ziemlich zu Anfang. Völlig unbedarft bin ich mit ihr losgeritten. Ohne Sattel, kein Handy dabei, keinem auf dem Hof Bescheid gesagt, aber immerhin mit Reitkappe. Sehr weit sind wir eh nicht gekommen.

 

Nun gehöre ich sowieso nicht zu den Menschen, die gerne, nur an ein paar Fingern hängend, eine Felswand erklettern, oder die sich an einem dünnen Gummiseil in die Tiefe stürzen. Das ist nichts für mich. Nicht einmal in einem Freizeitpark werdet ihr mich auf einer der sensationellen Attraktionen wie Achterbahn, Wildwasserbahn und Ähnlichem, finden können. Wenn ein Gerät so schnell ist, dass ich unterwegs nicht aussteigen oder nebenherlaufen kann, steige ich gar nicht erst ein. Falls ihr mich dann suchen solltet, haltet nach einer Bank Ausschau. Da sitze ich dann, beobachte die Leute, rauch mir eine und passe auf die Taschen der Anderen auf.

 

Auf Glona zu sitzen, wenn sie ängstlich-aufgeregt war, das war, als säße man auf einer gezündeten Rakete, die nur von einem dünnen Seil daran gehindert wird, in den Weltraum zu schießen. Es gibt Reiter, die finden das toll. Ich nicht.

 

Jedenfalls waren wir unterwegs, als sie abrupt auf dem Absatz kehrtmachte und Richtung Stall raste. Zuerst fand ich das gar nicht so schlimm, bis ich merkte, dass ich sie weder anhalten – und viel schlimmer – noch lenken konnte. Kaum ist mir klar geworden, dass ich keinerlei Gewalt über sie habe, verließ sie den Pfad und raste daneben durch den Wald. Direkt am Abhang entlang. Ich sah mich schon jeden Moment an einem Ast hängen bleiben, von einem Baum vom Pferd abgestreift werden oder uns Beide den Abhang hinunterkullern. Wobei ich mir kaum ausdenken möchte, wie es dem armen Pony ergangen wäre, wenn ich auf sie drauf gefallen wäre. Dann verlor ich auch noch die Balance, rutschte und drohte, zu stürzen. Da blieb sie stehen, einfach so.

 

Ich nahm all meinen Mut zusammen, egal, wie sehr mir die Knie schlotterten, drehte mit ihr um und ging mit ihr in die Richtung, die meine Wahl war – und das war nicht der Hof. Na ja, zumindest bis wir an der Stelle ankamen, an der sie von sich aus umgedreht war. Da bin ich noch einen halben Meter weiter mit ihr gegangen … und dann bin ich umgedreht und mit ihr auf den Hof zurück. Ziemlich schnell, aber immerhin nicht im wilden Galopp.

 

Dafür könnte ich mir heute noch in den Hintern beißen. Mir wäre eine Menge späterer Ärger erspart geblieben, wenn ich da an der Stelle meinen Willen durchgesetzt hätte, und mit ihr eine komplette Runde gedreht hätte, notfalls zu Fuß, aber ich hatte damals von solchen Sachen eben keine Ahnung. Wie meine bessere Hälfte immer zu sagen pflegt: hätte, hätte, Fahrradkette.

 

Mir ging es allerdings nicht alleine mit dem Pony so. Ich weiß noch, ich hatte da mal eine Trainerin, die kaum glauben wollte, wenn ich ihr erzählte, wie sich meine Glona draußen aufführte. Vor allem, weil sie so fürchterlich lieb war und kein Wässerchen trüben konnte, als sie – auf dem Hof – neben uns stand. Daran gewöhnt, dass mir niemand glaubt, schlug ich vor, wir könnten ja eben kurz mit ihr zu Fuß auf die andere Straßenseite, drückte ihr den Führstrick in die Hand und wir taperten los. Auch die Trainerin ist mit dem Pony nicht weit gekommen.

 

Aus einer gemächlichen, in sich ruhenden Islandstute wurde plötzlich eine feurige Araberin (die Pferderasse, nicht die Frau), nur kleiner und etwas dicker (das Pony, nicht die Frau). Glona ließ sich keinen Millimeter weiterbewegen, sondern überredete die Trainerin ziemlich unsanft, umzudrehen und weil es Glona nicht schnell genug ging, zog sie die arme Frau einfach hinter sich her. Aber ich hatte es ihr ja gesagt...

 

Ein Ausritt ist mir ganz besonders im Gedächtnis geblieben. Unterwegs waren wir in einer Gruppe von insgesamt fünf Islandpferden und Ponys. Glona, mit mir obenauf, bildete das Schlusslicht. Der Ritt war prima, bis Glona merkte, dass wir am gewohnten Punkt (man hat da so seine Strecken) NICHT umdrehten, sondern einen ihr völlig fremden Weg einschlugen.

 

Dem Pony fiel plötzlich auf, dass ihre Euterfreundin Saela (Zeila gesprochen) nicht mit dabei war. Und ohne sie fühlte sie sich einsam und verlassen und bekam eine Panikattacke, obwohl der halbe Hof mit uns unterwegs war. Glona fing nicht nur an zu wiehern, sie schrie regelrecht nach ihrer Freundin. Die folgende Unterhaltung zwischen den Pferdchen, habe ich erneut mit dem Pferdipädia-Übersetzer umgesetzt.

 

Glona wiehert: Hilfe!

 

Weiter vorn blubbert es beruhigend: Beruhige dich, alles ist gut.

 

Glona: ---

 

Glona schreit: HILFE! Ich bin allein.

 

Direkt vor uns blubbert Raudi beruhigend: Du bist nicht allein, wir sind bei dir.

 

Glona: ---

 

Glona, in höchster Not: HIIIIIIIIIIIIIILFE.

 

Brenja, weiter vorn: Halt die Klappe.

 

Glona, nur wenig leiser: Hiiiilfe.

 

Von vorne, alle Pferde: Seufz.

 

Glona kreischt: ZU HILFEEEEEEEE!

 

Von einem fremden Hof in der Nähe wiehert es aufgeregt: Wir helfen dir! Komm zu uns rüber!

 

Glona ruft: Meine blöde Reiterin lässt mich nicht. Ist die Saela bei euch?

 

Hof: Nö, aber wir sind alle hier und helfen dir.

 

Glona grummelt: Pffft...

 

Glona schreit: HILFE!!!

 

Der fremde Hof: ---

 

Unsere Reittiere: ---

 

Vereinzeltes Kichern der Reiterinnen....

 

Glona: hilfehilfehilfe...

 

Bis wir zuhause waren.

 

Fortsetzung folgt...

Ausritt

 

Impressum

Texte: Rita Bittner
Tag der Veröffentlichung: 04.09.2018

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