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Bayern war lecker

 

Oder: Das arme Kind isst fast nichts

 

Die großen Sommerferien! Für ein Kind eine fast unvorstellbar lange verheißungsvolle Zeit. Wochen, die dann allerdings nur zu schnell vorbei sind. Komisch, dass sich die Schule wie Gummi zieht, bis endlich wieder Ferien angesagt sind...

 

Meine Eltern schwammen nicht gerade in Geld und vielleicht liegt es daran, dass es in meiner Kindheit nur zwei Ferienreisen mit ihnen gegeben hat, an die ich mich erinnern kann. Den einen Urlaub verbrachten wir in der schönen Lüneburger Heide; damals muss ich acht oder neun gewesen sein. Als ich zehn Jahre alt war, fuhren wir im Sommer gemeinsam in den Bayerischen Wald.

Allein die Hinfahrt wurde schon zu einem unfreiwilligen Abenteuer. 1974 gab es keine Anschnallpflicht für die Leute, die hinten saßen und Kindersitze lagen noch in ferner Zukunft. Als gestandenes Einzelkind war die Rückbank mein alleiniges Revier. Lang ausgestreckt und gemütlich in eine Decke eingemummelt, verbrachte ich die Hinreise auf den Polstern. Na ja, wenigstens so lange, bis wir an ein Stauende kamen, mein Vater auf die Bremse stieg – und die Bremsen ihre Tätigkeit verweigerten. Wenigstens eine Bremse erbarmte sich dann doch und packte. Der Wagen schlingerte, schleuderte heftiger und kippte dann auf die Fahrerseite. Ein wenig schrammte er noch über den Asphalt und blieb dann liegen wie ein gestrandeter Wal.

Von dem Unfall habe ich da hinten nichts gesehen und so gut wie nichts mitbekommen. In aller Seelenruhe hatte ich geschlafen und erwachte erst von dem Schaukeln. Dann ging alles sehr schnell und irgendwie stand die Welt plötzlich Kopf und ich lag unter der Decke hinter dem Papa auf dem Seitenfenster.

Trotz allem hatten wir unglaublichen Dusel gehabt. Der Gurt hatte gehalten, meine Mutter war nicht auf meinen Vater gefallen. Oh, es war schon eine Aufgabe, meine nicht gerade schlanke und wenig sportliche Mama aus dem Auto zu bekommen. Sie schaffte es, ihre Tür zu öffnen und mit Hilfe von Papa, der von unten kräftig nachhalf und ihren verlängerten Rücken nach oben drückte, kraxelte sie aus dem Auto. Dann schlängelte ich mich zwischen den Sitzen hindurch und kletterte raus. Erheblich athletischer als meine Mutter folgte mein Vater.

Keinem von uns war etwas geschehen, außer dem Schreck natürlich, der uns gehörig in die Glieder gefahren war. Wie Espenlaub haben wir alle gezittert. Aber wir waren heil geblieben, hatten nicht einmal einen Kratzer abbekommen und – Gott sei Dank! - fuhr niemand in unseren Unfall hinein. Mit der zupackenden Hilfe anderer Autofahrer stellte mein Papa den lädierten Wagen wieder auf seine vier Räder. Währenddessen habe ich meine Mama zum ersten und letzten Mal eine Zigarette rauchen sehen (ist ihr nicht wirklich gut bekommen, ihr Gesicht lief grünlich an). Dann fuhren wir sehr, sehr vorsichtig weiter bis zur nächsten Autobahnraststätte. Hier richteten wir uns selbst und den Wagen erst einmal einigermaßen fahrtauglich her, bevor wir uns an die Weiterreise wagten.

 

Ohne weitere Zwischenfälle kamen wir in Mauth an, unserem Urlaubsziel. Ach, ich würde jetzt wirklich zu gerne etwas Nettes schreiben, aber da wartete leider schon die nächste unangenehme Überraschung auf uns.

Vorab hatten sich meine Eltern eine Unterkunft ausgesucht, ein relativ großes Hotel. Ob sie dort schon ein Zimmer gebucht hatten, weiß ich nicht, glaube es aber nicht. Wir kamen um die Mittagszeit herum an, und es herrschte Hochbetrieb. Das Hotel besaß eine bayerische, urige Ausstattung, wirkte aber wenig familiär, alles war auf Massenabfertigung ausgerichtet. Man zeigte uns ein Zimmer; die anderen waren schon belegt. Meine Mutter war entsetzt. Haus und Zimmer entsprachen in keiner Weise ihren Wünschen, vor allem die fehlende Sauberkeit – puh – für meine Mutter absolut unzumutbar. Also zockelten wir wieder ab.

Schließlich fanden wir nach einiger Sucherei die gemütliche, kleine Pension der Familie D. Außer der Pension betrieben die fleißigen Leute im selben Haus eine Bäckerei und ein Café, in dem man abends auch noch sein Bierchen oder auch zwei trinken konnte.

In der ersten Woche waren wir die einzigen Gäste und hatten das Café, in dem wir unsere Morgenmahlzeit einnahmen, für uns alleine. Als Kind bin ich ein Leckermäulchen gewesen, zumindest was Süßes anging, alles andere - Kartoffeln, Fleisch, Gemüse - rutschten überhaupt nicht gut bis gar nicht. Und hier durfte ich ein Stück Kuchen zum Frühstück verputzen. Was für ein unverschämtes Glück ich doch hatte! Das war mir viel lieber als Wurst, Käse oder ein Ei. Vor allem als meine Mutter Frau D. gegenüber erwähnte, dass sie sich um mich sorgte, weil ich so fürchterlich schlecht esse, war mir der morgendliche Kuchen sicher. Na ja, ich war ja auch dünn wie eine Spindel und meistens blass, was die Aussage meiner Mama nur zu gut bestätigte. Mein absoluter Favorit war der Nusskuchen mit Schokoladenglasur – besseren habe ich niemals wieder zwischen die Zähne bekommen.

 

War ich gerne Einzelkind? Ehrlich gesagt hatte ich mir bis dahin keine großen Gedanken darüber gemacht. Entweder man hatte Geschwister oder eben nicht. Ich war daran gewöhnt, alleine zu sein und mich mit mir selber zu beschäftigen. Hat auch immer ganz gut geklappt. Außer in diesem Urlaub mit den Eltern, als kein anderes Kind zum Spielen in Sicht war und wir natürlich kaum etwas im Gepäck hatten, was für kindliche Kurzweil gesorgt hätte. Und das kann ich allen versichern: Es gibt nichts Öderes und Schlimmeres, als mit den Eltern wandern zu müssen oder Städte anzugucken, die ein Mädel in dem Alter kein Stück interessieren. Jetzt hätte ich gerne Schwester oder Bruder gehabt, selbst dann, wenn wir uns nur gefetzt hätten.

Aber so blieb mir nichts anderes übrig, als erst einmal mit meinen Eltern mitzudackeln. Ein Ausflug ist mir besonders im Gedächtnis geblieben, der jedoch charakteristisch für die anderen ist. Wir wollten auf den Lusen. Das ist der vierthöchste Berg im Bayerischen Wald. Von dort hat man eine himmlische Aussicht … wenn man erst einmal oben ist und das Wetter mitspielt. Um meine Erinnerung aufzufrischen, habe ich im Internet danach gesucht, Bilder und Infos gefunden. Als meine Eltern und ich damals dort bergan stiefelten, ging der Weg noch mitten durch einen dichten Wald. Viele Jahre später, Mitte der 90er, fiel eine Horde Borkenkäfer über die Bäume her und veranstaltete eine riesige Sause, der die meisten Bäume zum Opfer fielen. Seitdem haben Wanderer wohl eine freiere Sicht auf die Gegend…

An dem Tag lag Gewitterstimmung in der Luft, rein auf unsere Familie beschränkt, denn das Wetter war prima. Aber das mit dem Urlaub hatten sich meine Eltern wohl ein wenig anders vorgestellt. Erst die Reparaturkosten für das Auto, die ein Loch in die Urlaubskasse rissen, dann das grausliche Hotel und jetzt hatten sie auch noch ein nörgeliges Mädchen an der Backe kleben, das allgemein keinen Bock hatte und speziell keinen Sinn für die Natur. Der Unfriede materialisierte sich in Form eines Vaters, der wütend fünfhundert Meter vorneweg voran raste, einer Mutter, die rechts und links in der Vegetation verschwand und demonstrativ Beeren sammelte und eines Kindes, das lustlos hinterdrein trottete.

Die Situation verbesserte sich schlagartig, als eine Familie aus Augsburg anreiste, Pensionsgäste, genau wie wir. Leider kamen sie erst in der letzten Ferienwoche. Die Familie bestand aus den Eltern und drei Kindern – da fiel ein zusätzliches viertes kaum auf. Sie nahmen mich auf ihre Ausflüge mit. Und siehe da – auf einmal war Wandern etwas ganz Tolles und Spannendes. Querfeldein laufen, zwischendurch mit allen zusammen singen, Viecher finden und bestaunen, mit den anderen Kindern untergehakt rennen, mitten auf einer Wiese Butterbrote essen und die Füße in einen Bach hängen lassen. DAS war cool!

 

Bis diese unerwartete aber willkommene Rettung auftauchte, dauerte es noch eine Weile und bis dahin war guter Rat teuer. Unserer Pensionsfamilie blieb das Dilemma nicht verborgen und so bot sich Frau D. an, auf mich aufzupassen, damit meine Eltern in aller Ruhe ihr Ding machen konnten, Rothenburg ob der Tauber angucken und solche Sachen. Sie parkten mich also zu aller Erleichterung (oh ja, auch ich war unendlich froh), bei Frau D. Ehrlich gesagt hätte mir nichts Besseres passieren können.

Sehr viel Zeit hatte Frau D. selbstverständlich nicht, sie hatte wahnsinnig viel im Café und in der Bäckerei zu tun, aber sie wusste eine wundervolle Beschäftigung für mich. Es gab da schon einen Geschirrspüler. Und niedliche Kaffee- und Milchkännchen aus dem Café, Tellerchen und Tässchen, Löffelchen, Gäbelchen. Und mich. Brachte man diese Komponenten zusammen, bekam man ein überaus glückliches Mädchen, das für sein Leben gerne die Maschine einräumte und Geschirr spülte.

Ich glaube, im Service wäre ich nicht so prima angekommen. Vermutlich hätten sich die Damen im Café doch sehr gewundert, wenn ich ihnen die Kännchen so schnell wie möglich entrissen hätte, nur um sie einräumen zu können. Auf jeden Fall war ich beschäftigt und fühlte mich nützlich. Darüber hinaus wurde ich auch noch bezahlt. Mit Pflaumenkuchen! Ganz frisch, saftig und nach Hefe duftend, konnte ich mir ein Stück holen, wenn ich Lust darauf hatte, mit oder ohne Sahne.

Soll ich euch verraten, wie viel Pflaumenkuchen im Laufe nur eines einzigen nachmittags in einem spindeldürren Mädchen spurlos verschwinden kann? Besagtes Kind hat ein komplettes Blech Pflaumenkuchen verdrückt und bekam nicht mal Bauchschmerzen davon.

Als meine Eltern abends wieder zurück waren, hat sich meine Mutter wegen mir in Grund und Boden geschämt. Von wegen, das Kind isst fast nichts...

 

An unserem Abreisetag wollte mir Frau D. dann eine besondere Freude machen. Ich durfte an die Theke gehen und mir ein Stück Kuchen zum Frühstück aussuchen. Na, was werde ich wohl genommen haben? Richtig! Selbstredend ein Stück Nusskuchen, den allerbesten der Welt. Und was soll ich sagen? Bevor wir fuhren, schenkte uns Frau D. noch einen ganzen frischgebackenen Nusskuchen. Mein Glück war vollkommen und Bayern bleibt in meiner Erinnerung total lecker.

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Tag der Veröffentlichung: 02.08.2015

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