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Widmung

 Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid.

Leonardo da Vinci

 

 

All denen gewidmet, die mit dem Herzen sehen.

 

Rita Bittner

Haben Sie mein Kind gesehen?

 

Das Alter der Frau, die panisch durch die Einkaufspassage eilt, lässt sich nicht so leicht abschätzen. Auf einen ersten, groben Blick hin, wirkt sie wie Mitte dreißig. Immer wieder hält sie an und lässt ihre Augen über die achtlos an ihr vorbei hastenden Passanten schweifen. Schluchzer schütteln ihren Körper und Tränen haben das ohnehin dürftige Make-up auf ihrem Gesicht verschmiert. Verzweifelt versucht sie, durch den Strom der Fußgänger hindurchzublicken und das zu finden, was sie verloren hat. Kopflos rennt sie wieder zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Wahllos pickt sie sich einzelne Leute aus der Menge, stellt sich ihnen in den Weg oder fasst sie am Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen, blickt sie dabei flehentlich an, als ob sie ihre letzte Rettung wären.

„Haben Sie mein Kind gesehen? Einen Jungen, vier, mit einer roten Jacke und einer hellen Strickmütze?“ Wieder und wieder benutzt sie dieselben Worte wie ein heilbringendes Mantra, erntet bedauerndes Kopfschütteln, selten ein gesprochenes Nein. Keiner verweilt bei ihr, fragt nach oder hilft bei der Suche. Da – sie stürzt zu einer anderen Frau hin, die ein Kind an der Hand hält. Sie ist sich sicher, dass es ihr Junge ist - sein muss - der von der Fremden entführt worden ist. Grob reißt sie den Jungen an sich, der sich nicht von der Hand lösen will. Es entsteht ein Tumult, Geschrei schallt durch die belebte Fußgängerzone. Enttäuscht und verlegen stellt sie fest, dass es doch nicht ihr Sohn ist, den die Andere noch an der Hand hält und der seine Angst und seinen Schrecken in die Welt hinaus brüllt. Die Frau entschuldigt sich tausendmal und stammelt irgendwelche Erklärungen.

Diese Frau - sie bereitet den Angesprochenen Unbehagen. Sie ist eindeutig Sozialhilfeempfängerin; die zu oft gewaschene Billig-Kleidung spannt sich unvorteilhaft über ihrem massigen Körper. Offensichtlich ist sie gekauft worden, als die Trägerin noch schlanker gewesen war. Eine ungeübte Hand hat das mausgraue, strähnige Haar kurz geschnitten, das nun ungepflegt an ihrem Kopf klebt. Ein muffiger Geruch, der sie wie eine Wolke umgibt, geht von ihr aus. Mit ihren wild umher spähenden Augen, die sich nirgendwo festsetzen können und ihrer kriecherisch geduckten Körperhaltung wirkt sie auf die anderen wie eine Verrückte.

Einer drückt ihr im Vorbeigehen einen 10-Euro-Schein in die Hand, womöglich, um sich von seiner Verantwortung loszukaufen, und geht schnell seiner Wege. Vielleicht hat er nicht über sein Handeln nachgedacht oder glaubt zu wissen, was die Frau will, vielleicht denkt er tatsächlich, er hätte etwas Gutes getan. Wie vom Donner gerührt bleibt die Frau stehen und schaut dem Davoneilenden hinterher. Ihr Blick ist verletzt und traurig, doch steckt sie den Schein in ihre Jackentasche.

Als ob die Aktion dieses Passanten ein geheimes Startsignal für sie gewesen wäre, beendet die Frau die Suche nach ihrem Kind. Wie ein geprügelter Hund schleicht sie an den farbenfrohen Auslagen der Geschäfte vorbei und biegt unvermutet in eine Seitengasse ab, in der es kein Publikum gibt. Hier bleibt sie plötzlich stehen und zieht den Schein aus ihrer Tasche. Mit leerem Blick betrachtet sie ihn wie ein merkwürdiges, unbekanntes Insekt.

Auf dem Heimweg betritt sie einen Discounter, kauft dort von dem Geld eine preiswerte Flasche Schnaps und eine Plastiktüte, in die sie die Flasche und das Wechselgeld steckt. Draußen sucht sie sich hinter den großen Abfalltonnen eine Nische, in der sie nicht gesehen wird, und trinkt den ersten Schluck, dann den zweiten. Sie weint lautlos ein paar Minuten, trinkt noch einmal und verschließt dann sorgsam die Flasche.

Ein Gestank, den die Frau nicht mehr wahrnimmt, überfällt sie wie ein körperliches Wesen, als sie ihre Wohnungstür aufschließt und die Diele betritt. Überall warten leere und halb leere Flaschen, getragene Kleidung und Behälter von Mikrowellengerichten mit Essensresten auf ihre Beseitigung. Mitten im Chaos steht ein Wäscheständer, darunter vergammelt knöchelhoch gestapelter, in Plastiktüten verpackter Abfall. Einige Kleidungsstücke sind hinunter gefallen und liegen dort verschmiert und verdreckt zwischen aufgeplatzten Tüten und stockfleckigen Zeitschriften. In der Küche sieht es noch schlimmer aus; benutztes Geschirr mit schimmeligen Resten stapelt sich allerorten, ein Trampelpfad führt zum Spülbecken, das vollgestopft, gerade einmal die Benutzung des Wasserhahns zulässt, freie Flächen gibt es nicht mehr, in einem vergessenen Kochtopf wuchert es grüngrau bepelzt. An den Wänden, hier und in allen anderen Räumen, hat sich bösartiger Schwamm ausgebreitet. Das Bad ist schlichtweg unbeschreiblich und macht den Betrachter sprachlos. Einer Heerschar Ungeziefer bietet die Wohnung der Frau ein komfortables, sorgenfreies Leben.

Nichts davon beachtet sie, ihr Ziel ist das Schlafzimmer. Lediglich auf die geschlossene Tür des Kinderzimmers starrt sie ausdruckslos für einige Sekunden, findet jedoch den Mut nicht, es zu betreten.

Die eine Hälfte ihres Doppelbettes hat sie in der letzten Nacht eingenässt, wie schon etliche Male zuvor. Sie legt eine der schmutzstarrenden Decken über den dunklen, feuchten Fleck und lässt sich auf die andere Hälfte fallen. Ausgiebig widmet sie sich dem Alkohol und kommt erst zur Ruhe, als ihr die Flasche, in der sich nur noch wenig Flüssigkeit befindet, aus der Hand fällt.

 

 

„Haben Sie meinen kleinen Jungen gesehen? Ich war hier mit ihm einkaufen und hab ihn verloren ...“ Die Worte der Frau klingen verschliffen, als ob sie getrunken hätte. Die wässrigen, rot unterlaufenen Augen, die sich hoffnungsvoll am Gesicht der Verkäuferin festsaugen, deuten ebenfalls darauf hin.

Unwillkürlich war die Kaufhausangestellte einen Schritt zurückgewichen, als die Kundin, die sie jetzt nicht mehr als Kundin wahrnimmt, sie angesprochen hatte. Sie kann sich nicht daran erinnern, diese Frau jemals zuvor gesehen zu haben. „Nein, tut mir leid“, antwortet sie abweisender, als es ihre Absicht gewesen war, ihr Körper drückt Abscheu vor der Frau und Missfallen aus.

Die Frau versteht die Ablehnung nicht, die ihr entgegen gebracht wird, aber die Zurückweisung trifft sie schmerzlich und löst bei ihr eine Welle der Scham aus. „Entschuldigung“, flüstert sie demütig und verlässt das Geschäft.

Fünf weiteren Läden stattet sie auf der Suche nach ihrem Kind einen Besuch ab. In jedem lässt sie ein Stück ihrer Hoffnung und ihres Mutes zurück. Auf dem Weg nachhause kauft sie eine neue Flasche Korn, Margarine und ein Päckchen mit ein paar Scheiben Brot, auf deren Etiketten das Label der Hausmarke des Discounters prangt.

Als die Frau vor der Tür des Kinderzimmers steht, entgleitet die Einkaufstüte ihrer Hand und bleibt achtlos auf dem Müll liegen, der sich dort angesammelt hat. Mit blassen, zittrigen Fingern öffnet sie die Tür und betritt mit zögernden Schritten das Reich ihres Sohnes.

Das Zimmer steht in drastischem Gegensatz zum Rest der Wohnung. Sicher, auch hier bezeugen die Möbel die Armut der Besitzer, doch es gibt alles, was sich ein vierjähriger Junge nur wünschen kann und braucht. In einer Ecke stehen ein Staubsauger und ein Eimer mit Putzmitteln und Lappen. Die Frau beginnt, die sauberen Fenster zu putzen, sie saugt nicht vorhanden Schmutz vom Teppich ab und wischt unsichtbaren Staub weg, ordnet die geordneten Stofftiere und streicht mit liebevoller Hand über das gemachte Bett.

Sie ist fertig mit ihrer Arbeit. Für eine Weile bleibt sie im Zimmer und betrachtet die Dinge, die ihrem Sohn gehören. Sie weiß genau, welches der Spielzeuge er am liebsten hat, welche von seinen Kleidungsstücken er gerne trägt und welche er nur widerwillig anzieht. Kaum hat sich ein verträumtes Lächeln auf ihrem Gesicht eingenistet, wird ihr jäh bewusst, dass ihr Sohn fehlt, dass er ihr abhanden gekommen ist. Sie verlässt das Zimmer fluchtartig, wirft die Tür hinter sich zu, bleibt mit dem Rücken an der Tür stehen, lehnt sich dagegen, als ob sie sonst ihren Halt verlieren würde. Mit Mühe unterdrückt die Frau die Panikattacke, die sich ausbreiten und ihr den Atem rauben will.

Die Frau setzt sich auf ihr Bett, stellt den offenen Margarinebecher zwischen ihren Schenkeln auf der Bettdecke ab und tunkt das Brot in das Pflanzenfett, isst mechanisch ihre wenig schmackhafte Kost. Den Korn nimmt sie anschließend in kleinen Portionen zu sich.

 

 

Achtundvierzig Stunden danach, einen Tag hat sie unbemerkt an den Alkohol verloren, hält sie sich erneut in der Fußgängerzone ihrer Stadt auf, steuert einzelne Passanten an und behelligt sie mit ihrem immer wieder gleichen Anliegen. „Haben Sie mein Kind gesehen, bitte? Ein kleiner vierjähriger Junge ...“

Die Leute gehen achtlos an ihr vorüber, versuchen möglichst, ihr auszuweichen. Manchmal wird die Frau von ihnen angerempelt, doch sie hört nicht damit auf, ihre Frage zu stellen. Irgendjemand muss ihr doch helfen können, irgendjemand muss doch etwas gesehen haben. Eine halbe Stunde macht sie das so. Dann unterbricht sie für ein paar Minuten, steht mittendrin im Strom der Fußgänger da wie abgeschaltet, sammelt neue Kraft und beginnt erneut mit ihrer Befragung.

Ein Mann, vielleicht ein Frührentner, nimmt sich die Zeit und beobachtet sie vom Rand aus. Während die Frau zuversichtlich von Passant zu Passant läuft, raucht er in Ruhe eine Zigarette. Als er fertig ist, geht er ihr gemessenen Schrittes hinterher und tippt ihr auf die Schulter, als er sie erreicht. „Sagen Sie mal, ich habe Sie doch schon letzte Woche hier in der Einkaufszone gesehen?“

„Ja?“ Unsicher und fragend schaut sie den Mann an, der ihr unbekannt ist. Ob er ihr helfen kann? „Haben sie Neuigkeiten von meinem Kind?“

„Wann und wo haben Sie Ihren kleinen Sohn denn zuletzt gesehen?“

„Ich war heute Morgen mit ihm einkaufen und dann war er plötzlich weg!“

„Aber Sie haben ihn doch schon letzte Woche gesucht, ich habe sie doch dabei beobachtet.“

Die Frau denkt verstört darüber nach, zerbricht sich den Kopf, der sich wie in Watte eingepackt anfühlt. „Das kann doch nicht sein ...“

„Sind Sie denn schon bei der Polizei gewesen?“

„Ja“, antwortet sie zögernd, „bestimmt.“ Ihre Augen füllen sich mit Tränen, weil sie sich einfach an nichts erinnern kann, nur daran, dass ihr Vierjähriger verschwunden ist. „Ich weiß es nicht“, gibt sie zu.

„Wissen Sie was? Ich begleite Sie zur nächsten Polizeidienststelle. Da kann man Ihnen ganz sicher weiterhelfen. Vielleicht wissen die ja schon etwas über Ihr Kind.“

Die Frau hat keine Ahnung, was sie sagen soll und denkt verwirrt über das nach, was ihr der Mann erzählt hat. Aber sie lässt sich von ihm sanft am Oberarm fassen und zur nächsten Wache führen.

 

 

Der Fremde hat Wort gehalten. Er hat die Frau nicht nur an der Wache abgeliefert, sondern ist mir ihr hinein gegangen, hat mir ihr zusammen gewartet, bis sie zu der jungen zuständigen Beamtin vordringen konnten und erklärt, in welchem Zustand er die Frau in der Fußgängerzone aufgelesen hat. Dann hat er sie in der Obhut der Polizistin zurück gelassen. Doch wünscht sich die Frau, er wäre noch bei ihr, würde ihr die Sicherheit geben, die sie die ganze Zeit gespürt hat, als sie an seiner Seite gegangen war, unterstützt von seiner hilfreichen Hand auf ihrem Arm. Die Beamtin macht ihr Angst mit ihrer Ungeduld und den bohrenden Fragen, die sie nicht beantworten kann.

„Ihr Name ist also Sieglinde Jäger und Sie geben an, Ihr Kind, den vierjährigen Finn, heute seit dem Einkaufen zu vermissen. Ausweisen können Sie sich nicht und Sie können auch nicht genau sagen, wo und wann Sie Ihr Kind zum letzten Mal gesehen haben. Ist das richtig?“ Die Beamtin wirft einen demonstrativen Blick auf ihre Armbanduhr, um anzudeuten, dass sie noch andere Dinge zu tun hat. „Haben Sie zufällig ein Foto Ihres Kindes dabei? Können Sie es beschreiben? Wie groß ist es?“

Für einen Moment kann sich Frau Jäger an gar nichts mehr erinnern, die Kälte der Polizistin raubt ihr die Fähigkeit, zu denken. Dann fällt es ihr wieder ein. „Er hat eine rote Jacke an und eine helle Wollmütze auf“, erwidert sie schüchtern.

„Wie groß ist er? Haarfarbe? Was für eine Jacke war es?“

Hilflos schaut Sieglinde die jüngere Frau an, die ihr gegenüber so ungehalten ist, und schüttelt den Kopf. Sie weiß es nicht, sie weiß gar nichts mehr.

„Meine Güte – so schwer kann das doch nicht sein!“, blafft die Beamtin ungeduldig, sodass sich die Köpfe der Anwesenden nach ihnen umdrehen. Da legt sich die Hand eines älteren Kollegen beschwichtigend auf ihre Schulter und bringt sie dazu, Ruhe zu geben.

„Vielleicht kann ich Ihnen helfen, Frau Jäger.“ Der Tonfall ist freundlich und Mut machend. „Folgen Sie mir doch bitte in mein Büro.“

Mit einem strafenden Seitenblick auf seine gereizte Kollegin lotst Herr Schaaf die verstört wirkende Sieglinde in sein Arbeitszimmer. Die Unterredung dauert eine knappe Viertelstunde. Als die beiden aus dem Büro kommen, weint Frau Jäger und der Beamte wirkt sehr ernst.

„Fahren Sie Frau Jäger bitte nachhause, Frau Mehmke“, wendet er sich an seine jüngere Kollegin, die daraufhin ärgerlich schnaubt. „Und begleiten Sie sie bis in ihre Wohnung.“

„Was soll denn das? Warum soll ich ...“, versucht die aufgebrachte Beamtin einzuwerfen, doch sie wird von ihm kühl unterbrochen. „Tun Sie's einfach.“

Wortlos und ohne Begeisterung macht sich die Polizistin daran, ihre Aufgabe zu erfüllen. Ihr älterer Kollege schaut ihnen hinterher, als die beiden Frauen die Wache verlassen, die Beamtin in forschem Tempo, das ihren Verdruss zum Ausdruck bringt, dahinter die weinende Frau Jäger, die sich beeilt, um mit ihr Schritt zu halten.

 

 

Die Arbeiter der Entrümpelungsfirma tragen Schutzanzüge, Handschuhe und Atemmasken und sehen aus wie das Spurensicherungsteam eines Fernseh-Krimis. Sie erledigen ihren Job routiniert, ein Job, bei dem man harte Nerven und Gleichmut braucht. Der Anblick solcher Messie-Wohnungen gehört zu ihrem Tagesgeschäft, sie sind daran gewöhnt. Doch keiner von ihnen kann sich erinnern, jemals in einer dieser Wohnungen ein Zimmer gesehen zu haben, das von dem Chaos so absolut unberührt geblieben wäre, wie sie es hier bei diesem Kinderzimmer vorfinden.

Von der Mieterin, die bis vor Kurzem hier gewohnt hat, wissen sie so gut wie nichts. Man hat sie in die Psychiatrie gebracht und ihr einen Betreuer an die Seite gestellt, der sich um ihre Belange kümmert.

Von dem, was sich in den verdreckten Räumen befindet, können sie nichts retten. Papiere, Fotos, Persönliches – alles ist verseucht und stellt eine gesundheitliche Gefahr dar. Also bleibt ihnen nichts anderes übrig, als das gesamte vorige Leben der ehemaligen Mieterin zu entsorgen.

Die Ausnahme bildet das Kinderzimmer. Auch die Sauberkeit und Ordnung in diesem Raum hat nicht verhindern können, dass sich Schädlinge hierher verirrt und ihre Spuren hinterlassen haben. Trotzdem bekommen die Arbeitskräfte einiges an Spielzeug und Wäsche zusammen, das unbedenklich verwahrt werden kann. Sie packen die Habseligkeiten in drei große Umzugskartons, die sie später dem Betreuer überreichen werden.

Nach Desinfektion, spezieller Reinigung und Renovierung weist nichts mehr auf den vorherigen desolaten Zustand hin. Die Wohnung kann neu vermietet werden und für die Angestellten der Entrümpelungsfirma ist der Auftrag, der ihnen von großem menschlichen Leid erzählt hat, erledigt.

 

 

„Frau Mehmke, kommen Sie doch bitte mal in mein Büro.“ Um seinem strengen Ton den Biss zu nehmen, fügt Herr Schaaf milder hinzu: „Und bringen Sie sich einen Kaffee mit.“

Das kann trotzdem nicht verhindern, dass sich die junge Beamtin unbehaglich fühlt und sich an der Kaffeemaschine Zeit lässt, bis sie das Unvermeidliche nicht mehr hinauszögern kann. Die Bürotür steht einladend offen, Herr Schaaf sitzt da und blättert in einer Akte, die er schließt und vor sich hinlegt, als er Frau Mehmke herannahen sieht. Auf die Bitte ihres Kollegen hin, schließt die Beamtin die Tür hinter sich und nimmt auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch Platz. Den Kaffeebecher stellt sie vor sich ab, schlägt die Beine übereinander, verschränkt die Arme und schaut verschlossen auf ihre wippende Schuhspitze.

Falls Herrn Schaaf die abwehrende Körperhaltung der Jüngeren auffällt, so lässt er sich nichts davon anmerken und beginnt ohne Überleitung das Gespräch. „Ich habe damals den Fall Jäger bearbeitet, Frau Mehmke. Das ist jetzt drei Jahre her. Frau Jäger war damals vierundzwanzig Jahre alt und kam auf die Wache, um das Verschwinden ihres vierjährigen Kindes anzuzeigen. Zeugen haben ihren Sohn zuletzt mit ihr zusammen im Kaufhaus gesehen, in der Spielzeugabteilung – und dann war der Bub plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.“

„Vor drei Jahren? Dann ist sie ja jetzt erst siebenundzwanzig“, meint Frau Mehmke erstaunt. Sie hatte die verwirrte Frau mindestens fünf Jahre älter geschätzt und die wenigen Worte ihres Kollegen wecken ihre Neugier und lassen sie ihren Unwillen vergessen. „Dann ist sie ja so alt wie ich! Das hätte ich nicht vermutet.“

„Das kann ich Ihnen nicht verdenken. Ich war auch überrascht und habe Frau Jäger zuerst nicht wiedererkannt. Damals war sie eine bildhübsche junge Frau gewesen. Schwer vorstellbar, wenn man sie heute sieht.“ Der Ältere beugt sich vor und stützt sich mit beiden Unterarmen auf der Schreibunterlage ab. „Sie waren damals noch nicht hier im Revier und wissen natürlich nichts von dem Wirbel, den dieser Fall ausgelöst hat. Ein verschwundenes Kind ist immer eine schwerwiegende Angelegenheit, die auch uns emotional stark berührt und wir haben wirklich alles unternommen, um den kleinen Jungen zu finden.“

„Hat es denn eine Spur gegeben? Oder Vermutungen, was passiert sein kann?“

„Eine Spur von dem Jungen gab es leider nicht. Vermutet haben wir, dass der Vater des Kindes Finn mitgenommen hat. Es hatte zwischen den in Scheidung lebenden dauernd Streitigkeiten um den Jungen gegeben und zufällig verschwand Herr Jäger gleichzeitig mit seinem Sohn.“

„Wir haben doch sicher nach ihm gefahndet?“

„Selbstverständlich. Aber Herr Jäger muss alles unglaublich gut vorbereitet haben, falls unsere Spekulation einer Kindesentführung zutrifft. Beide sind seither unauffindbar und es fehlt jede Spur von ihnen.“ Herr Schaaf schiebt den Ordner, der vor ihm liegt, zu der jungen Polizistin hinüber. „Ich habe Ihnen die Akte rausgesucht. Wenn Sie mögen, können Sie sich alles durchlesen.“

Frau Mehmke nimmt die Mappe entgegen, die deprimierend dünn ist, und wirft nur einen kurzen Blick in die angesammelten Schriftstücke. „Danke. Ich werde sie mir nachher mal anschauen.“ Nach einem kurzen Zögern fügt sie hinzu: „Es tut mir leid, dass ich zu Frau Jäger so grob gewesen bin. Ich hatte einen schlechten Tag und konnte ja nicht wissen …“

„Schwamm drüber“, geht Herr Schaaf über ihre Entschuldigung hinweg. „Herr Jäger hat seine Frau völlig mittellos zurück gelassen. Er hat vorher heimlich die Konten geplündert und seinen Wagen und das Haus verkauft, in dem sie gewohnt haben. Und dann ist auch noch der Sohn verschwunden. Kein Wunder, dass die arme Frau den Boden unter den Füßen verloren hat. Ich bin froh, dass ich Sie mitgeschickt habe.“

„Ich auch, Herr Schaaf“, erwidert die Jüngere nachdrücklich. „Ich wünschte nur, wir hätten mehr tun können.“

„Mehr liegt nicht in unserer Hand, Frau Mehmke. Sie hat einen Betreuer und wird in der Landesklinik gut versorgt. Das ist erst einmal die Hilfe, die sie am dringendsten braucht.“

Die Polizistin nickt ihrem älteren Kollegen zu. „Aber ist es auch genug?“, denkt sie für sich und beschließt, die Frau, die gerade einmal so alt ist wie sie und die das Schicksal so schwer getroffen hat, ab und an zu besuchen.

 

 

Dr. Schweigert beobachtet die neue Patientin, ohne dass sie etwas davon bemerkt. Die Frau ist neu eingekleidet worden, ihre Haare sind gewaschen und sie sieht jünger aus, als bei der Einweisung. Vermutlich wird sie hier mit dem Klinikessen ihre Gewichtsprobleme nicht in den Griff bekommen, aber das ist fürs Erste zweitrangig. Die junge Frau ist höflich und hilft den Mitpatienten. Bei ihnen und dem Personal kommt sie gut an, aber sie ist sehr verwirrt. Es scheint, als hätte sie seit dem Verlust ihres Kindes aufgehört weiterzuleben. Sie ist einfach in der Zeit stecken geblieben.

Der Betreuer hat Frau Jäger einen kleinen Stoffhasen mitgebracht, den er in den Kartons mit Finns Habe gefunden hatte. Die Frau geht nirgendwo hin, ohne dieses Trost spendende Spielzeug, trägt es zumeist in der Hosentasche mit sich oder hält es in der Hand. „Ich wünschte, ich könnte ihr das Kind wieder zurückgeben“, denkt Dr. Schweigert frustriert und wendet sich ab. Der nächste dringende Termin wartet auf ihn.

 

 

Über den Rand seiner Lesebrille hinweg mustert Dr. Schweigert den jungen, ernsten Mann, der vor ihm auf dem Besucherstuhl sitzt und nervös an seinen Fingernägeln zupft. Der Psychologe hat derweil vorgegeben, die Patientenakte von Sieglinde Jäger zu lesen. Das hat ihm ein wenig Zeit zum Nachdenken gegeben. Sie sitzen in seinem Büro in bequemen Sesseln an einem Beistelltisch, was eine vertrauenserweckende Atmosphäre schaffen soll. Obwohl das fast nie gelingt, hält Dr. Schweigert eisern daran fest.

Über zehn Jahre sind vergangen, seit er Frau Jäger in seiner Klinik aufgenommen hat, in denen sich nicht viel am Zustand der Patientin verändert hat. Wenn Frau Jäger einen schlechten Tag hat, fragt sie alle, ob sie ihr Kind gesehen haben und sie müssen darauf aufpassen, dass sie nicht in die Stadt läuft und in der Fußgängerzone umherirrt.

Und nun ist mit dem Auftauchen des jungen Mannes etwas eingetreten, von dem Dr. Schweigert nicht absehen kann, wie die Patientin darauf reagiert, etwas, womit er nie im Leben gerechnet hätte.

„Seit wann sind Sie denn wieder in Deutschland, Herr Jäger?“

„Erst seit einigen Wochen. Aber Sie können ruhig Finn und du zu mir sagen.“ Ein schmales Lächeln huscht über das ovale Gesicht des Jungen, in dem der Arzt die Gesichtszüge seiner Patientin wiedererkennt. „Das 'Sie' hört sich für mich noch ziemlich fremd an.“

„Danke, gerne. Dafür, dass du so lange in Brasilien gelebt hast, sprichst du sehr gut Deutsch“, meint Dr. Schweigert anerkennend.

„Ja, wir lebten in einer der deutschsprachigen Gemeinden. Da war es Pflicht, außer Portugiesisch auch Deutsch zu lernen.“

„Du bist tatsächlich damals von deinem Vater entführt worden?“

„Ja. Er hat mich einfach mitgenommen, als meine Mutter nicht aufgepasst hat. Er hat so getan, als wäre alles nur ein Abenteuer und … er war doch mein Vater! Warum hätte ich nicht mitgehen sollen?“

„Du konntest ja nicht wissen, was er mit dir vorhat.“

„Genau. Und als ich begriffen habe, was er gemacht hat, war es schon zu spät, da waren wir schon längst in Brasilien. Mit neuen Papieren, neuen Namen und gefärbten Haaren. Und eine „neue Mutter“ wartete da auch schon auf mich.“ Finn lacht zynisch auf. „Dabei weiß ich gar nicht, warum er mich überhaupt mitgeschleppt hat. Entweder war ich für ihn nicht vorhanden und er hat mich nicht beachtet. Und wenn er mich wahrgenommen hat, hat er mich geschlagen und gedemütigt. Seine neue Frau hat es auch nicht lange mit ihm ausgehalten und ist dann nach ein paar Jahren abgehauen.“

„Dann hattest du dort wohl keine schöne Kindheit.“

„Ganz sicher nicht. Es war die Hölle. Mit elf wollte ich zum ersten Mal nach Deutschland abhauen und zu meiner Mutter zurück. Bin nicht weit gekommen. Mein Vater hat mich grün und blau geprügelt. Ein halbes Jahr später hab ich den zweiten Versuch gestartet. Da war ich schon fast auf dem Schiff, auf das ich mich schmuggeln wollte. Ich wusste nicht einmal den Zielhafen, das war mir auch egal, ich wollte einfach nur weg. Nur ein paar Minuten und ich hätte es geschafft. Aber er hat mich gefunden und mich an den Haaren von der Gangway runter gezerrt.“ Ganz in seiner Erinnerung versunken, schüttelt der junge Mann den Kopf, wie um die Geister der Vergangenheit abzuschütteln. „Der hat mich so zusammengeschlagen, dass ich eine Woche lang im Krankenhaus liegen musste. Danach hat er mich zuhause eingesperrt wie in einem Gefängnis. Natürlich musste ich in die Schule und all das. Aber ich wurde besser bewacht als die britischen Kronjuwelen.“

„Und wie kommt es, dass wir uns jetzt hier miteinander unterhalten können?“

„Ganz einfach. Ich bin volljährig geworden und dann konnte mich niemand mehr aufhalten.“ Der junge Mann verschweigt den hässlichen Streit, den es mit seinem Vater gegeben hat, und dass er ihn ohne Reue niedergeschlagen und ihm das Bargeld und die Kreditkarte aus der Brieftasche genommen hat, bevor er ging, um in den nächsten Flieger nach Deutschland zu steigen.

Aber vielleicht kann man es aus seinen klarblickenden Augen ablesen, die jetzt einen harten Glanz haben, wie es der Psychologe nur bei wenigen Menschen in seinem Leben gesehen hat. Er kann nicht umhin, Finn zu bewundern. „Du hast schon mit dem Betreuer deiner Mutter gesprochen und weißt, wie es um sie steht?“

„Ja, er hat mir alles erzählt. Aber ich will sie auf jeden Fall sehen.“

„Möchtest du sie sofort besuchen oder willst du lieber an einem anderen Tag wiederkommen?“

„Wenn es geht, dann bitte gleich.“

 

 

Dr. Schweigert höchstpersönlich geleitet den jungen Mann durch die Korridore, in denen man sich auf der Suche nach seinem Ziel leicht verirren kann. Sie finden Sieglinde Jäger im Gemeinschaftsraum, der heute Nachmittag nur wenig besucht ist. Sie sitzt alleine an einem Tisch und ist geduldig damit beschäftigt, ein Puzzle zusammenzusetzen. Dr. Schweigert nickt Finn ermunternd zu, lässt ihn alleine zu seiner Mutter gehen und bleibt diskret im Hintergrund.

Der junge Mann nähert sich langsam dem Tisch und bleibt abwartend stehen, bis er von der Frau bemerkt wird. Freundlich und offen lächelt sie zu ihm hoch.

Finn lässt sich auf einen der freien Stühle neben ihr nieder, lächelt zurück und betrachtet seine Mutter. Sie ist dem Bild, das er von ihr noch im Kopf hat, verwirrend ähnlich und gleichzeitig sieht sie völlig anders aus. Er hatte sich mehrere Varianten ausgedacht, wie das erste Treffen zwischen ihnen ablaufen könnte. Hiermit hatte er nicht gerechnet. Es macht ihn hilflos stumm.

„Haben Sie mein Kind gesehen?“, will Sieglinde höflich wissen.

„Das ist schon möglich“, erwidert Finn vorsichtig.

„Ja?“ Die Frau strahlt ihn an. Sie weiß nicht, wer da neben ihr sitzt, aber etwas an ihm kommt ihr vertraut vor. Das Stoffhäschen, das sie all die Jahre bei sich getragen hat, holt sie aus ihrer Hosentasche und schenkt es vertrauensvoll dem jungen Mann. In den vielen Jahren hat es ein wenig gelitten, aber Finn erkennt es sofort wieder. „Danke.“ Im Stillen fügt er „Mama“ hinzu. Ein Anfang ist gemacht...

 

Thoran, der traurige Troll


Thoran der Troll lebte vor langer, langer Zeit in einem weit entfernten Land im hohen Norden. Ein Land, in dem im Sommer der Tag fast nie zu Ende geht. Im Winter aber gibt es dort die ewig andauernde Nacht. Hartes Felsgestein bedeckt die nordische Welt, lugt überall aus Flechten und Moosen hervor oder türmt sich zu kleinen und großen Bergen auf. Viele verschiedene Gräserarten gibt es dort und weite Flächen sind mit urigen Wäldern bewachsen, in die sich kaum ein Mensch hineinwagt. Und Wasser gibt es da - jede Menge Wasser! Winzige Wasserfälle, die aus der Höhe von den Felsen hinab in die Tiefe stürzen. Kleine Rinnsale, Bäche, reißende Flüsse und klare Seen, die so kalt und tief sind, dass kein normaler Mensch bis zu ihrem Grund tauchen kann.

Es ist also kein Wunder, wenn in einem so seltsamen Land, sonderliche Geschöpfe geboren werden. Eines dieser Wesen war Thoran. Ein richtig großer, furchteinflößend aussehender Troll.

Nun war es der Fall, dass die Menschen seit ewigen Zeiten vor Trollen Angst hatten. Das verhielt sich auch nicht ganz ohne Grund so. Trolle trieben gerne ihren Schabernack mit Mensch und Tier. Sie stahlen den Hirten und Bauern ihre Schafe und Ziegen vor der Nase weg. Oder sie warfen die Heuernte mutwillig in die Seen, sodass das Vieh im Winter Hunger leiden musste. Manchmal pflückten sie sich Vogelnester aus den Bäumen, zerbrachen die Eier und setzten sich die Nester wie Hüte auf den Kopf. Sie machten vielerlei Unfug und waren den Menschen und auch den Tieren ein Gräuel.

Doch Thoran war anders. Von außen unterschied er sich in Nichts von den Anderen seiner Art. Innen jedoch, ja, da sah es ganz anders aus. Kein Lamm auf der Weide hätte friedvoller sein können als er.

Thoran liebte das Land, in dem er geboren worden war, mit all seinen Kreaturen. Da gab es riesige Elche mit ihren mächtigen Geweihschaufeln, flinke Rentiere, grimmige Dachse und scheue Füchse. Da lebten Birkhühner, die sich so lange vor einem im Dickicht verbargen, bis man fast über sie stolperte und die erst dann schnatternd aufflogen. Vögel mochte Thoran überhaupt sehr gerne und er liebte es, sie stundenlang zu beobachten.

Große bunte Spechte, die die Stille des Waldes mit ihrem „Tok-Tok-Tok“ durchbrachen, wenn sie mit ihren Schnäbeln auf die Baumrinde einhackten. All die vielen Singvögel, die sich um ihren Nachwuchs sorgten, Nester bauten und Nahrung sammelten. Und dann erst die Zugvögel! Thoran sah ihnen sehnsüchtig hinterher, wenn sie aufbrachen, um in den Süden zu fliegen. Ihr habt sie bestimmt auch schon mal gesehen, wenn sie, wie ein V geformt, über eure Köpfe hinweg gezogen sind. Wenn die Vögel dann im Frühjahr von ihrer langen Reise wieder zurückkehrten, freute sich Thoran, winkte, und rief ihnen Willkommensgrüße zu.

Wann immer Thoran eines dieser Tiere in Not sah, half er ihm, so gut er konnte. Der Troll barg aus den Felswänden Schafe, sie sich verirrt hatten und die den Rückweg nicht mehr finden konnten. Er passte auf, dass aus dem Nest gefallenen Vögelchen kein Leid geschah, und freute sich, wenn er den Vogeleltern bei der Fütterung des verlorenen Kindes zuschauen konnte. Ein erschöpftes Elchkind rettete er vor dem Ertrinken aus einem See und brachte es der aufgeregt blökenden Mutter ans Ufer zurück. Fast hätte er dabei sein Leben verloren, denn er hatte nie schwimmen gelernt und watete und hüpfte, den jungen Elch über dem Kopf tragend, mit angehaltenem Atem durch das Wasser.

Seine Artgenossen fanden Thorans Verhalten so richtig ekelhaft und für einen Troll äußerst unangemessen. Wo sie nur konnten, verspotteten sie ihn und machten sich über ihn lustig. Für Thoran war es natürlich ein ganz schlimmes Gefühl, so abgelehnt zu werden und es machte ihn sehr traurig. So traurig, dass er beschloss, so zu werden, wie die anderen auch und sich an ihren Rüpeleien und Gemeinheiten zu beteiligen.

Aber damit wurde alles nur noch schlimmer. Jetzt erhielt er zwar die Anerkennung seiner Kameraden, aber das Leid, das er mit seinen Untaten über Tier und Mensch brachte – das war für Thoran unerträglich und er konnte sich bald selbst nicht mehr leiden. Er zog sich von den anderen zurück, mochte nichts mehr essen, mochte nicht mehr mit ihnen reden und schlich mit traurig gesenktem Kopf einher.

Allerdings wurde es ihm eines Tages zu viel. Und das trug sich so zu: Der aufsässige Bertil machte sich einen Spaß mit einem alten Mütterchen, das im Wald Blaubeeren und Reisig gesammelt hatte. Er nahm Schwung und trat gegen das Körbchen mit den Früchten und die mühsam gepflückten kleinen Beeren flogen in alle Himmelsrichtungen davon. Das Mütterchen zitterte vor Angst und glaubte, sein letztes Stündchen hätte geschlagen. Das konnte Thoran nicht mehr aushalten und er behinderte Bertil und griff ihn an, sodass das Mütterchen fliehen konnte. Aber das erzürnte die Trolle und sie stürzten sich alle auf Thoran und schubsten und kniffen ihn.

Wenn ihr jemals wütende Trolle gesehen habt, so werdet ihr das euer Leben lang nicht vergessen! Sie brüllen so laut, dass die Vögel vor Schreck vom Himmel fallen und sie stampfen mit ihren großen Troll-Füßen auf dem Boden auf, dass die Erde zittert und bebt. So gewaltig war ihr Getöse, dass sich Mensch und Tier vor Angst versteckten und sich erst wieder hinaus wagten, als es schon lange wieder still geworden war.

Gegen so viele Trolle konnte Thoran natürlich nicht gewinnen und sie jagten ihn fort, warfen Felsbrocken hinter ihm her und riefen, er solle niemals wieder herkommen.

Nun ist es so, dass Trolle eine mächtig dicke Haut haben. Von Felsen getroffen zu werden, schmerzt sie nicht mehr als uns eine Fliege, die sich auf unseren Arm setzt. Wie Hagelschauer prasselten die Steine auf Thoran nieder. Außen verletzte ihn das nicht, aber so ganz innen drin schmerzte den Troll jeder Stein, der ihn traf, ganz entsetzlich.

Thoran lief und lief, so lange, bis er sich in der Gegend nicht mehr auskannte und er keine Artgenossen mehr riechen konnte. Doch hatte er große Angst, dass sie ihn verfolgen und auffinden würden und er versteckte sich, so gut er konnte. Manchmal saß er hoch oben in einem Baum, damit er alles überblicken konnte. Oder er stapelte Steine um sich herum, bis er ganz von ihnen bedeckt war und nur seine Augen lugten aus einer Öffnung heraus. Ein paar Mal verbarg er sich hinter einem Wasserfall.

Das ging viele Wochen so, bis Thoran sicher war, von den Trollen nicht mehr gesucht zu werden. Was er die ganze Zeit gegessen hat, wollt ihr wissen? Nun, er hat ein paar Bäume verspeist, die so groß waren, wie du oder ich. Ab und zu hat er sich auch ein paar Eier oder einen Eimer Milch von einem Bauernhof genommen. Aber ganz selten und nur so wenig, dass es niemandem auffiel.

Zu trinken und zu essen hatte unser Troll genug, es war ihm auch nicht langweilig, denn es gab unglaublich viel zu schauen. Bienen, die fleißig Blütenstaub und Nektar sammelten. Blumen, die ihre bunten Köpfe der Sonne entgegen streckten. Einen Fluss, der laut rauschte und eilig über die Felsen sprang und viele schöne Sonnenuntergänge und genau so schöne Sonnenaufgänge. Aber Thoran hatte niemanden, mit dem er seine Freude teilen konnte und er fühlte sich schrecklich einsam.

Den wenigen Menschen, die hier lebten, ging der Troll lieber aus dem Weg, denn sie fürchteten sich vor ihm und liefen schreiend davon, wenn sie ihn sahen.

Eines Tages aber hörte der Troll ein zartes Stimmchen, wie er es noch nie vernommen hatte. Da sang jemand, so hübsch und zart, dass Thoran dachte, der Gesang könnte nur von einer Elfe stammen. Das erstaunte und entzückte ihn so sehr, dass er dem Gesang nachging.

Auf der Wiese am Fluss fand er ein Menschenmädchen. Es saß in seinem Sommerkleidchen auf einer Decke und band Blumen zu einem Kranz zusammen. Braun gebrannt und barfuß saß das Kind da, ganz vertieft in seine Arbeit und trällerte dabei ein Liedchen. Ganz helle Haare hatte es, die mit kurzen Löckchen wie ein hübscher Helm seinen Kopf bedeckten.

So etwas Niedliches hatte Thoran noch nie gesehen. Er fühlte sich wie verzaubert und konnte gar nicht mehr aufhören, das Mädchen anzusehen. Und dann bemerkte das Kind den Troll. Thoran erschrak. Gleich würde das Kind Angst bekommen und weglaufen oder schreien. Aber wie er dann staunte, als ihm das Mädchen fröhlich zuwinkte, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen!

Langsam und vorsichtig, um es nicht zu erschrecken, ging Thoran auf das Kind zu und setzte sich neben es auf das Gras. Unterhalten konnten sie sich nicht, denn die Troll-Sprache ist ganz anders als unsere. Aber sie verstanden sich auch ohne Worte. Als das Mädchen dann gehen musste, schenkte es dem Troll ihren Blumenkranz. Er musste sich weit nach unten beugen, damit es ihm das Gebinde auf seinen Kopf legen konnte. Thoran war mächtig stolz auf seinen Schmuck und trug ihn, als ob er aus Gold und wertvollen Edelsteinen bestanden hätte.

Ab da trafen sie sich fast jeden Tag auf der Wiese am Fluss. Das Mädchen brachte ihm seinen Namen bei. Es dauerte ziemlich lange, bis Thoran verstanden hatte, dass der Name des Mädchens Ros war, wie die Rose. Trolle lernen nicht schnell, aber Ros hatte viel Geduld mit ihm. Leider konnte er Ros nicht mitteilen, wie sein Name war, aber das Mädchen dachte sich einen für ihn aus und nannte ihn „Sussebass“, und das heißt so viel wie Bussibär.

Ros zeigte Thoran, wie man die hübschen Kränze band, aber der Troll schaffte das nicht mit seinen dicken Fingern. Beide lachten über den kümmerlichen Versuch des Trolls. Er, mit seiner tiefen Stimme machte dabei: „Ho Ho Hu! Ho Hu Hu!“ Und das Mädchen kicherte: „Hi Hi!“

Manchmal setzten sich die Beiden ans Flussufer und ließen ihre Beine ins Wasser baumeln und beobachteten eine Enten-Mama, die stolz vor ihren braven Kindern herschwamm, die ihr alle in einer Reihe hinterher paddelten. Oder Thoran zeigte Ros, wo sie die leckersten wilden Erdbeeren und die besten Pilze finden konnte. Wie ihr euch denken könnt, war das die allerschönste Zeit im Leben des Trolls.

Doch eines Tages fand sein Glück ein Ende. Ros und er wurden von einem Jäger entdeckt, der auf der Pirsch nach einem Elch war. Der Mann beobachtete Ros und Thoran eine Weile heimlich und schlich dann in sein Dorf zurück, in dem auch Ros wohnte. Dort rief er alle zusammen und so brachen die kräftigsten Kerle und Frauen des Dorfes auf und machten sich bewaffnet auf den Weg, um das Mädchen vor dem Troll zu retten.

Oh, wie wurde es Thoran angst und bang zumute, als die wütende Menge brüllend und mit Mistgabeln, Dreschflegeln und ein paar Flinten in den Händen auf ihn zustürmte! Sie rissen Ros von ihm fort, die weinte und sich dagegen wehrte und versuchte, zu erklären, dass der Troll ihr Freund sei. Aber niemand hörte auf das Kind. Und so schlugen und stachen die Menschen auf Thoran ein und Kugeln pfiffen ihm um die Ohren.

Nun können Trolle wirklich viel einstecken, doch sind sie nicht unverwundbar und gegen so eine große Anzahl tobender Leute war auch Thoran machtlos. Zum zweiten Mal in seinem Leben rannte Thoran davon.

Der Troll hatte ein für allemal genug von den Menschen und seinen Artgenossen. Nur um Ros tat es ihm sehr leid. Er hätte ihr doch niemals ein Härchen gekrümmt und hatte sich nicht einmal von ihr verabschieden können. Aber er konnte nicht bei ihr bleiben. Das hätten die Dorfmenschen nicht zugelassen.

Und weil er mit keinem etwas zu tun haben wollte, lief er hoch in den Norden, dahin, wo es keine Trolle mehr gab und auch keine Menschen. Er lief mit riesigen Sprüngen, durchquerte Wälder, sprang über tiefe Klüfte, watete durch Seen, überwand eiskalte Fjorde, indem er sich an einem Baumstamm festhielt und ans andere Ufer paddelte und rannte über lange, weite Flächen, auf denen nur ein paar Moose wuchsen.

Und irgendwann kam er ganz weit oben auf eine Insel, und da war das Ende seiner Welt. Hier hörte das Land auf und Thoran erblickte das riesige Meer. In der Ferne sah er zwei Wale vorbeiziehen und er konnte Vögel beobachten. Möwen und Seeadler waren es. Der eisige Wind pfiff ihm um die Ohren und besprühte ihn mit Gischt, die aus dem salzigen Meer kam.

Thoran ging ein paar Schritte zurück und suchte sich ein Stückchen flaches Ufer aus, auf dem er sitzen konnte. Die Klippe mit dem nördlichsten Zipfel Land konnte er von hier aus gut sehen, aber er schaute lieber auf die See hinaus. Und erst jetzt, als Thoran ganz alleine und von der Welt vergessen, auf seinem Felsen am Meer saß, da konnte er weinen. Er weinte, weil er von Trollen und Menschen verjagt worden war. Aber vor allem weinte er um seine Freundschaft mit Ros. Seinen ganzen Kummer und seine Einsamkeit weinte er sich aus der Seele. Jahr um Jahr. Bald hatten seine Tränenbäche kleine Vertiefungen in den Stein gekerbt, auf dem er saß und seine Tränen vermischten sich mit dem Meer.

Vielleicht wäre das ja immer so weiter gegangen und Thoran wäre zu einem Stein geworden, denn das passiert mit Trollen, die zu lange an der Sonne sitzen und ihm war es auch schon ganz steinig zumute.

Wenn nicht ... ja – wenn er nicht eines Tages eine Bewegung hinter sich bemerkt hätte. Verstohlen und heimlich schlich da etwas auf ihn zu. Thoran blieb still sitzen. Vielleicht war es ja ein Rentier, das an ihm schnuppern wollte. Aber in ein paar Metern Entfernung blieb das Geschöpf stehen. Irgendwann war Thoran dann doch zu neugierig und drehte sich zu dem Wesen um. Es war eine Troll-Frau, nein, ein Troll-Mädchen. Bestimmt nicht älter als Thoran. Und wenn er sich nicht täuschte, sah es genau so traurig aus, wie er.

Um es nicht zu verschrecken, drehte sich Thoran wieder um und schaute erneut auf das Meer, passte dabei aber genau auf, was das Troll-Mädchen machte. Langsam kam es näher, setzte sich dann in Thorans Nähe und guckte schüchtern in seine Richtung. Thorans Herz hüpfte vor lauter Aufregung und er lächelte dem Troll-Mädel scheu zu. Dann rückten sie zueinander hin, mal bewegte sich der Troll, mal das Troll-Mädchen, bis sie nur noch ein winziges Stückchen voneinander entfernt waren. Da saßen sie nun lange Zeit und schwiegen, bis Thoran den Mut fand, und das Troll-Mädchen ansprach.

Was solche Herzensdinge angeht, so sind Trolle ganz besonders bedächtig und langsam und umständlich. Für uns Menschen hätte es sich wie eine Ewigkeit angefühlt, wie sich die beiden Trolle näher gekommen sind und unterhalten haben. Aber wen störte das schon?

Das Troll-Mädchen hieß Greta und es war ihm genau so ergangen wie Thoran auch. Auch sie war von ihren Artgenossen verjagt worden, weil sie den Menschen und Tieren lieber half, als sie zu ärgern und zu quälen. Ihr könnt euch ja gar nicht vorstellen, wie sich Thoran freute! Nun war er nicht mehr einsam und hatte jemanden gefunden, der genau so dachte und fühlte, wie er.

Greta und Thoran gingen zusammen wieder zurück in den Süden des Landes und suchten sich eine kleine Insel, mitten in einem See, fernab von Mensch und Troll, auf der sie gemeinsam lebten. Drei Troll-Mädchen und vier Troll-Buben schenkten sie das Leben und diese erbten von ihnen die Liebe zur Natur. Die Kinder suchten sich dann Partner, die ähnlich dachten und fühlten wie sie und gaben das an ihre Kinder weiter.

Manchmal liefen Greta und Thoran zusammen bis ans Ende der Welt und setzten sich an den Platz, an dem sie sich kennengelernt hatten und schauten, Hand in Hand, über das weite Meer. Sie lebten viele, viele Jahre und keiner von ihnen war jemals wieder unglücklich und einsam.


Felix

 

GEGENWART

 

In der Empfangshalle des Bahnhofs war, trotz der späten Nachmittagsstunde, noch einiges los. Kurzstreckenpendler und Reisende, mehr oder weniger mit Gepäck beladen oder Rollkoffer hinter sich her ziehend, eilten zu den Gleisen, um ihren Zug zu erwischen. Wer Zeit totzuschlagen hatte, saß bei Kaffee und belegten Brötchen oder süßem Gebäck in der Bäckerei oder versorgte sich in einem Lädchen mit Zeitschriften und den Bestseller-Büchern des Jahres 1987. Auf Nikotin und Alkohol musste niemand verzichten. Um diese Bedürfnisse kümmerte sich ein gut besuchter Kiosk. Für den kleinen Hunger standen Brat- und Bockwürste oder Pizza im Angebot, deren appetitanregende Düfte durch die Halle zogen. Gegessen wurde an den hohen Stehtischen vor den Imbissbuden, einfach im Vorbeigehen oder auf den Bänken, die für die Wartenden aufgestellt worden waren.

Das Publikum des Bahnhofs bestand durchaus nicht nur aus Fahrgästen. Die Halle wurde gern von Auswärtigen benutzt, die sie rasch durchquerten, um vom Parkplatz zum Dom und in die Stadt zu gelangen. Und es gab immer ein paar Einheimische, die, von der pulsierenden Vitalität der Szenerie angelockt, eine Tasse Kaffee tranken und dem Treiben müßig zuschauten. Dann waren da noch diejenigen, die im doppelten Sinn am Rand standen. Obdachlose, die sich in dieser kalten Jahreszeit in der Halle aufwärmten und die Vorüberziehenden diskret um ein paar Mark anschnorrten, darauf bedacht, möglichst wenig aufzufallen, damit sie von den Ordnungshütern nicht verscheucht wurden. Sie teilten die Peripherie normalerweise mit einer Hand voll Drogenabhängiger, die hier ihre Körper in der Hoffnung auf schnelles Geld anboten. Geld, das die Junkies noch schneller in Heroin oder Ähnliches umwandelten.

Doch heute, am Heiligabend und zu einer Stunde, in der die Freier in der Regel zuhause mit ihren Familien in bester Weihnachtsstimmung beisammen saßen, gab es nur einen Stricher, der wie verloren in einer der dunkleren Ecken lungerte und fast mit dem Hintergrund verschmolz. Der Name dieses jungen Mannes war Felix.

Die Hände hatte er in den Hosentaschen vergraben und den Kragen seiner dünnen Jeansjacke hochgeschlagen. Es half ihm kaum. Unter seiner Jacke trug er bloß einen verwaschenen Sweater und er fror. Eine Stunde zuvor war er von zuhause aufgebrochen und mit der U-Bahn zum Hauptbahnhof gefahren. Dabei hatte Felix unverschämtes Glück gehabt. Gerade an der Station, an der er aussteigen wollte, kletterten zwei Kontrolleure in die Bahn. Wäre er weiter mitgefahren, hätten sie ihn garantiert ohne Fahrschein erwischt.

Felix brauchte Geld. Nicht, um sich Stoff zu kaufen. Er hing nicht an der Nadel. Gelegentlich rauchte er ein wenig Haschisch, hin und wieder gab er sich die Kante. Wenn er sich die Gestalten anschaute, die hier sonst auf Kunden warteten, war er stolz darauf, kein Fixer zu sein. Er hatte es nicht nötig, mit jedem Freier für ein paar lumpige Mark mitzugehen und sich alles von ihnen gefallen zu lassen. Er konnte sich die Männer aussuchen und ausschließlich er bestimmte den Preis und die Dienstleistung. Felix kam unregelmäßig her und nur wenn es wirklich nötig war. So wie heute.

 

 

Mit seinen knapp zwanzig Jahren wohnte er mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder zusammen, mit dem er sich ein Zimmer teilte. Als ihr Vater damals vor fünf Jahren abgehauen war, hatte er sich geschworen, für seine Mutter und Florian zu sorgen. Seinem Alten weinte er keine Träne nach. Der war dafür verantwortlich, dass es ihrer Mutter so dreckig ging und Felix war sich sicher, dass sein Erzeuger auch der Grund dafür war, warum seine Mutter angefangen hatte, zu trinken.

Das mit dem Alkohol hatte schon begonnen, bevor sein Alter seine Sachen packte und zu seiner neuen Tussi zog. Der Typ war kein Schläger, aber er hatte eine Art drauf, einen mit ein paar Worten total fertigzumachen, die beinah genauso schlimm war. Dabei ignorierte er Felix völlig. Das war so, seit er eingeschult worden war, wahrscheinlich sogar schon früher. Genau wusste er es nicht, an die Zeit vor der Schule konnte sich Felix nicht erinnern. Sein Bruder schien der Einzige in der Familie zu sein, für den der Vater überhaupt etwas übrig hatte, aber Mutti bekam alles ab. Sie konnte sich nicht wehren, das hatte sie nie gekonnt, und Florian und er mussten mit ansehen, wie sie vor ihren Augen immer kleiner und sprachloser wurde und wie aus einer fröhlichen, warmherzigen, eine unsichere und eingeschüchterte Frau wurde, die vor ihrem eigenen Schatten zusammenzuckte.

Nur zu deutlich erinnerte er sich an die gemeinsamen Abendessen, wenn alle um den Tisch herum saßen. Sein Alter ließ sich von vorne bis hinten von seiner Mutter bedienen, schickte sie dabei mehrmals in die Küche, weil sie angeblich etwas vergessen hatte. Ansonsten war es eine stille Angelegenheit, bei der sich keiner traute, etwas zu sagen. Außer dem Alten natürlich. „Wie siehst du wieder aus? Kannst du dir nicht mal die Haare kämmen, bevor du dich an meinen Tisch setzt?“ - „Bist du sogar zu blöd, vernünftigen Kartoffelbrei zu machen?“ - „Das Fleisch ist total zäh. Das Gemüse zu weich. Wann lernst du es endlich?“ - „Gib mir die Schüssel mit dem Gemüse rüber, oder kannst du das auch nicht, ohne die zu zerdeppern?“

Später am Abend ging es weiter. Seine Mutter brauchte zu lange, um aufzuräumen, das Bier war zu kalt oder zu warm, der Boden schlecht gewischt, die Fenster mies geputzt. Sich mit ihr zu unterhalten, das wäre, als rede man mit einem sabbernden Kleinkind, von nichts hätte sie eine Ahnung.

Kein Wunder, dass seine Mutter heimlich zur Flasche griff, um den Druck zu mildern und das alles auszuhalten. Als sein Alter abgehauen war, hatte Felix alles menschenmögliche versucht, um seine Mutter wieder ein bisschen aufzurichten. Er hatte sie für das Essen gelobt, das sie gelegentlich kochte, für die aufgeräumte Wohnung, nahm sie in den Arm und versuchte, sie zum Lachen zu bringen. Sie blieb beim Alkohol, aber so ganz langsam kehrte ein zaghaftes Lächeln auf ihr Gesicht zurück. Doch der Schaden war angerichtet und seine Mutter verließ das Haus nur im Notfall, weil sie sich kaum noch etwas zutraute. Sie weinte oft und saß manchmal stundenlang einfach nur da. Felix kaufte ein, kümmerte sich um seinen Bruder, begleitete seine Mutter zu Ärzten oder Ämtern, wenn es notwendig war.

Felix liebte seine Mutter abgöttisch, sie war alles, was er auf der Welt hatte, außer seinem kleinen Bruder. Aber manchmal ärgerte er sich über sie, so wie heute Morgen. Sie hatte vergessen, dass Heiligabend war und kein Geld übrig behalten. Die letzten Markstücke waren für eine Flasche Fusel drauf gegangen. Felix fand noch Nudeln, eine Dose Suppe, Kartoffeln und einige Kleinigkeiten. Sicher, sie würden nicht verhungern, aber verdammt, es war Weihnachten! Für einen kurzen Moment war Felix stinksauer und ihm wäre beinahe der Kragen geplatzt, aber als er das zusammengesunkene, schuldbewusste Häufchen Elend ansah, das seine Mutter war, verpuffte seine Wut und er bekam Mitleid. Sie konnte doch nichts dafür und hatte es nicht böse gemeint.

Deswegen stand er in der Bahnhofshalle, in der Hoffnung, doch noch auf einen oder zwei Freier zu treffen. Ihm war natürlich klar, dass er schlechte Chancen hatte, an so einem Tag. Aber er wollte seinem kleinen Bruder unbedingt ein schönes Weihnachtsessen bescheren.

 

 

Um sich zu aufzuwärmen, ging Felix ein paar Schritte auf und ab. Hatte er eigentlich Präser dabei? Seine Hand tastete in der hinteren Hosentasche danach. Gott sei Dank! Da waren die Kondome. Erst seit ein paar Jahren wurde vor dieser Seuche gewarnt. AIDS oder Schwulenpest, wie seine Kumpel es abfällig nannten. Aber auch ohne die Angst vor AIDS würde er sich auf jeden Fall schützen. Es gab noch andere Krankheiten und manchmal ekelte er sich vor einem Kunden. Dann war er froh über die dünne Gummihaut, die seinen Körper von dem anderen trennte.

Während Felix langsam hin und her schlenderte, fasste er die Passanten ins Auge. Wenn er innerhalb der nächsten halben Stunde keinen Freier fand, musste er aufgeben und nachhause fahren. Er beobachtete den alten Alfons, einen der Obdachlosen, wie er in den Mülleimern nach Essensresten für seinen Hund suchte. Felix vermutete, dass sich Alfons in der Suppenküche der Heilsarmee aufgewärmt hatte und sich bald zu seinem Schlafplatz aufmachen würde. Felix grüßte ihn mit einem Kopfnicken. Alfons hatte noch was gut bei ihm.

Es war vor einigen Monaten gewesen. Felix kannte die dunklen Ecken außerhalb des Bahnhofs genau, in denen er mit seinen Freiern verschwinden konnte. Gerade war er mit einem schnellen Blowjob fertig gewesen, er und sein Kunde auf dem Rückweg, als sie von einem halben Dutzend Typen in Motorradkluft in die Mangel genommen wurden. Zum Auftakt gab es schwulenfeindliche Beschimpfungen, dann Schubserei. Als Felix und sein Freier weglaufen wollten, hielten die Typen sie fest, dann hagelten Schläge auf sie ein. Sie lagen schon auf dem Boden und schwere Stiefel traktierten sie, als die Polizei eintraf und die Kerle davonliefen. Alfons hatte die Bullen alarmiert und ihm war es zu verdanken, dass sie mit ein paar blauen Flecken davongekommen waren. Die Rocker waren über alle Berge verschwunden und weder Felix noch sein Kunde machten eine Anzeige. Keiner von ihnen hatte gerne was mit der Bullerei zu tun und Felix rechnete dem Stadtstreicher hoch an, dass er ihm geholfen hatte.

 

 

Anscheinend hatte Alfons gefunden, was er brauchte. Er verstaute ein unförmiges Päckchen in einer seiner etlichen Plastiktüten und zockelte mit seinem Hund aus der Halle, Richtung Dom. Bevor er durch die Türen nach draußen verschwand, drehte er sich kurz um und winkte Felix zu. Er erwiderte den Gruß und widmete seine Aufmerksamkeit erneut den Leuten in der Halle.

Das, was er hier machte, war nicht das Leben, das sich Felix wünschte. Er war kein echter Homo. Es ging ihm um das Geld, das er für seine Dienste bekam. Seinen Freiern stand er mit gemischten Gefühlen gegenüber. Für einige von ihnen hatte er nur Verachtung übrig, die er allerdings gut vor ihnen versteckte. Andere hatte er näher kennen gelernt, kannte Teile ihrer Lebensgeschichte und empfand eine Art Sympathie für sie, ja, verspürte sogar so etwas wie Geborgenheit, wenn er mit ihnen zusammen war.

Manchmal hasste er sich dafür, hasste seinen Körper, der auf die Berührungen der Männer reagierte. Eines Tages wollte er das alles hinter sich lassen, eine eigene Familie haben, ganz normal, mit Frau und Kindern und einer anständigen Arbeit. Ihm war schon klar, dass er keine großen Ansprüche stellen konnte, aber ihm würde auch eine Arbeit als Packer in irgendeinem Lager oder eine x-beliebige andere Hilfsarbeit ausreichen.

Ob seine Mutter ahnte, auf welche Art er zu dem Geld kam, das er mitbrachte, wusste er nicht. Sie hatte nie danach gefragt und er hätte sich eher die Zunge abgebissen, als es ihr zu beichten.

 

 

Felix' Augen blieben auf dem Titelblatt einer Boulevardzeitung kleben, die jemand auf einer Bank liegen gelassen hatte. Da auf dem Foto - das war doch Mike! Mike war einer der Junkies vom Bahnhof; davon einmal abgesehen, war er für Felix das, was einem Freund am nächsten kam. Die riesigen knallroten Lettern der Schlagzeile sagten ihm nichts, Felix konnte weder lesen noch schreiben. Verdammt! War Mike einer der vielen Drogentoten dieses Jahres? Hatte er seinen Dealer gelinkt und war von ihm ermordet worden? Oder was war mit ihm passiert? Felix wollte es gerne wissen, aber er traute sich nicht, jemanden danach zu fragen. Was sollte er sagen? Ich habe meine Brille vergessen? Das glaubte ihm doch kein Mensch. Zuzugeben, dass er nicht lesen konnte, das war ihm freilich zu peinlich.

Dabei hatte er sich wirklich bemüht, es zu lernen. Aber er hatte von Anfang an Schwierigkeiten in der Schule gehabt. Er kam mit seinem Klassenlehrer nicht klar. Felix hasste den Mann abgrundtief, er konnte nicht einmal sagen, warum. Er widersetzte sich allem, was der Lehrer von ihm verlangte und es dauerte nur wenige Monate, bis aus ihm die unbeliebte Nervensäge der Klasse geworden war. Natürlich verweigerte er den Unterricht und machte keine Hausaufgaben. Als sie im dritten Schuljahr eine neue Lehrerin bekamen, hinkte er dem Stoff schon hoffnungslos hinterher. Er galt als aufsässig und ungelehrig. Seine Lehrer ließen ihn links liegen und schließlich gab auch er auf. Später schwänzte er die Schule so oft es ging und hing mit ein paar Typen ab, die so ähnlich drauf waren wie er. Er fiel unangenehm auf und prügelte sich mit jedem, der ihn blöd anmachte. Ärger mit der Polizei war da vorprogrammiert und die Herren in Grün kannten ihn bald recht gut.

Ausgerechnet durch Mike, dessen Foto nun auf der Titelseite der Zeitung prangte, war Felix dazu gekommen, seinen Körper zu verkaufen. Damals war er siebzehn gewesen und Mike, mit dem er schon im Sandkasten gespielt hatte, nahm ihn zu seinem Stammfreier mit in dessen Wohnung. Der Typ war total von ihm hingerissen und Felix ließ sich von ihm und Mike so lange bequatschen, bis er einwilligte, mitzumachen. Zuletzt bekam er satte zweihundertfünfzig Mark allein dafür, dass er dem Schwulen einen runter holte. Das war so unglaublich leicht verdientes Geld gewesen, dass er Mike danach ab und zu begleitete und auch auf dem Bahnhof nach Kunden suchte. Er erhielt nie wieder so viel Knete wie beim ersten Mal, aber es lohnte sich. Sonst blieb ihm nichts anderes übrig, als einen der schlecht bezahlten Jobs auf dem Bau oder in einem Laden zu ergattern, in dem er Waren in die Regale räumte. Natürlich auch noch schwarz und zeitlich begrenzt. Andernfalls hätte er auf der Tasche seiner Mutter liegen müssen und die bekam wenig genug. Vom Amt erhielt er keine Unterstützung. Felix kam mit dem Ausfüllen der Anträge nicht klar. Er war nirgendwo gemeldet und einer der noch erstaunlich vielen Leute, die durch das soziale Raster gefallen waren. So wie die meisten der zahllosen Stadtstreicher. Ein paar von denen, die sich am Bahnhof herumtrieben, kannte Felix näher. Er hatte ihren Geschichten gelauscht und hoffte, niemals so enden zu müssen, wie sie.

Für seinen Alten war sein ältester Sohn lediglich ein lausiger Versager, an den er kein Wort verschwendete, obwohl er nicht einmal die Hälfte von dem wusste, was wirklich mit Felix los war. Das alleinige Interesse seines Alten galt Florian und Felix hätte eigentlich eifersüchtig sein müssen. Aber so fühlte er keineswegs. Von Anfang an, als er das schreiende Würmchen zum ersten Mal in den Armen seiner Mutter gesehen hatte, liebte er es und wollte es beschützen.

Kurz bevor Florian seinen vierten Geburtstag feierte, wurde Felix' Wunsch, seinen Bruder zu behüten, zu einem regelrechten Zwang. Er war in dieser Zeit fast nur zuhause, spielte mit Florian in der engen Wohnung oder ging mit ihm hinaus auf den Spielplatz. Es war ihm egal, wenn ihn seine Kumpel deswegen auslachten. Hauptsache, er hielt seinen kleinen Bruder von seinem Vater fern. Felix hatte keine Ahnung, warum das so wichtig war, erklärte sich sein Verhalten aber damit, dass er Florian dem miesen Einfluss seines Vaters entziehen wollte. Die Besessenheit legte sich dann relativ zügig, als sein Alter die Biege machte. Trotzdem sorgte er weiter für Florian, achtete vor allem darauf, dass er in die Schule ging. Flo sollte einmal bessere Chancen im Leben haben als er.

 

 

Felix war so in seine Gedanken vertieft, dass er den Mann im gefütterten Wintermantel, der auf ihn zu schritt, erst bemerkte, als der schon fast bei ihm stand. „Hallo, Felix. Noch auf Kundenfang?“

„Hi, Dominik. So in etwa“, erwiderte er lächelnd.

Er freute sich tatsächlich darüber, dass ausgerechnet Dominik auf dem Bahnhof auftauchte. Der zwanzig Jahre ältere Mann war sein bester Freier und das nicht nur, weil er sehr gut zahlte und keine perversen Extrawünsche hatte. Felix mochte ihn, weil er sich für ihn interessierte und ein offenes Ohr für seine Probleme hatte. Außerdem behandelte er ihn mit höflichem Respekt, was Felix das Gefühl gab, mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Wenn Dominik seine Dienste in Anspruch nehmen wollte, rief er bei Felix daheim an, verabredete sich mit ihm und schickte eine Luxuslimousine mit einem Chauffeur am Bahnhof vorbei, der ihn in eine Villa am Stadtrand brachte. Das imponierte Felix. Kam er bei dem Haus an, wurde er von Dominik wie ein bevorzugter Gast empfangen und bewirtet.

Manchmal brauchte Dominik lediglich etwas Gesellschaft und sie schauten sich zusammen ein Video an. Nicht so einen Action-Mist, sondern etwas wirklich Gutes. Anschließend diskutierten sie darüber. Felix hörte ihm gerne zu, er schätzte Dominiks Klugheit und sein großes Wissen. Der Mann war für ihn, obwohl er doch sein Kunde war, so etwas wie ein väterlicher Freund.

„Wenn du Lust auf ein kleines Abenteuer draußen hinter den Paletten hast, hätte ich nichts dagegen“, scherzte Felix. Ihm war klar, dass sich Dominik niemals auf so etwas einlassen würde.

„Lieber gleich hier und mit Zuschauern, ich habe wenig Zeit“, erwiderte Dominik grinsend und hielt eine lederne Reisetasche hoch, die schwer zu sein schien. „Bin mit ein paar Geschenken zu meiner Mutter nach Sankt Augustin unterwegs. Meine Schwester kommt auch mit Gatte und Kindern. Morgen nach dem Mittagessen geht es wieder zurück.“

„Warum fährt dich Herr Schmiedel nicht, ist er krank?“ Herr Schmiedel war Dominiks Fahrer, mit dem Felix ab und zu ein paar Worte gewechselt hatte.

„Dem habe ich über die Feiertage frei gegeben, damit er bei seiner Familie sein kann. Es geht auch mal ohne ihn. Aber was machst du noch hier, Felix? Du wartest doch nicht tatsächlich auf Kundschaft?“

Felix murmelte verlegen: „Na ja ... schon.“

Dominik hakte nicht nach. Er kannte sich mit Felix' Familiengeschichte recht gut aus und dachte sich seinen Teil. Ohne ein Wort zu verlieren, kramte er nach seiner Brieftasche und zog einen Schein heraus, den er einmal faltete und in Felix' Brustjackentasche verstaute.

Felix konnte einen kurzen Blick auf die Banknote erhaschen, bevor sie in seiner Tasche verschwand. An der Größe und der bräunlich roten Farbe erkannte er, dass er gerade um 500 DM reicher geworden war. Für ihn war das fast schon ein Vermögen. „Danke dir. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“, stammelte er. „Wenn du willst, werde ich das nächstes Jahr abarbeiten, ja?“

„Um Gottes willen, Felix, nein! Das ist ein Geschenk. Es ist doch Weihnachten“, meinte Dominik lächelnd. „Aber jetzt muss ich mich beeilen. Sonst verpasse ich meinen Zug.“

„Warte! Kannst du mir eben noch sagen, was da steht?“ Felix deutete auf das Käseblättchen, das noch immer auf der Bank lag. Dominik wusste um Felix' Schreib- und Leseschwäche, deswegen machte es ihm nichts aus, zu fragen.

„Kennst du den Jungen?“

„Ja. Was ist mit ihm?“

Dominik kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. „Er wird wegen Einbruch und Diebstahl von der Polizei gesucht.“

„So ein Blödmann. Aber ich bin froh, dass er lebt.“

„Drogen?“

Felix nickte nur.

„Lass du bloß die Finger davon, versprochen? Ich wünsche dir und deiner Familie ein schönes Weihnachtsfest und kommt gut ins neue Jahr. Auf Wiedersehen, Felix.“

„Klar, keine Drogen, bin ja nicht bescheuert. Dir auch einen guten Übergang und schöne Feiertage. Und noch einmal danke, Dominik.“

Dominik nickte ihm verabschiedend zu und machte sich auf den Weg zu seinem Gleis. Felix schaute ihm noch nach, dann ging er schnell einkaufen.

Als er zu seiner U-Bahnstation ging, schleppte er zwei schwere Plastiktüten. Er hatte Würstchen, Kartoffelsalat, griechischen Bauernsalat, Brötchen, duftendes Brot und noch ein paar andere Leckereien ergattert. Für seinen kleinen Bruder hatte er eine Hörspielkassette, ein Taschenbuch und zwei Comichefte gekauft, die die Verkäuferin für ihn sogar noch in Weihnachtspapier eingeschlagen und mit einer Schleife versehen hatte. Bis sie damit fertig war, hatte er sich an dem Büdchen mit Limonade, Cola, einer Flasche Wein und für seine Mutter mit einer Flasche Asbach versorgt. Sich selbst hatte er zwei Päckchen Zigaretten gegönnt. Und es war noch eine Menge Geld übrig. Felix kannte einen Türken, der sicher auch morgen, spätestens nach den Feiertagen, geöffnet hätte und er wollte dort mit seiner Mutter und Florian so richtig schön essen gehen, mit allem Drum und Dran.

Felix zog den richtigen Fahrschein am Automaten und entwertete ihn, als er in seine Bahn gestiegen war. Das fehlte ihm gerade, ausgerechnet jetzt noch wegen Schwarzfahrens erwischt zu werden. Lieber auf Nummer sicher gehen. Er legte die Tüten auf den freien Sitzplatz neben sich und stemmte ein Knie gegen den leeren Vordersitz.

Das würde ein wunderschöner Heiligabend werden und Felix freute sich auf die großen Augen, die sein kleiner Bruder machen würde.

 

VERGANGENHEIT

 

Zusammengerollt wie ein Embryo liegt der kleine Felix in seinem Bett, zugedeckt bis zur Nasenspitze. Die unnatürlich glänzenden Augen sind weit geöffnet, der Blick geht starr ins Leere und Felix hat einen Daumen im Mund, in den er seine Zähne gräbt. Mit dem anderen Arm hält er das Kopfkissen seiner Mutti ganz fest an sich gedrückt. Es duftet nach ihr und Felix will es unter keinen Umständen loslassen. Felix fühlt sich gar nicht gut, nein, er fühlt sich sehr, sehr krank.

 

ZUKUNFT

 

Im Juni, vor ungefähr sechs Wochen, ist Felix siebenundvierzig geworden. Seinen Geburtstag hat er in einer psychiatrischen Klinik gefeiert, zusammen mit einigen Mitpatienten und seinem Bruder Florian, der mit Ulrike, das ist Florians Frau, und ihrer gemeinsamen Tochter Nele gekommen war. Es war ein schöner Tag für Felix gewesen.

Dr. Täubele, bei dem er seit beinahe zwei Jahren in Behandlung ist, hatte ihm dringend zu diesem Klinikaufenthalt geraten. Bis dahin war er auf einem guten Weg gewesen, hatte so viel mit dem Therapeuten zusammen aufgearbeitet, dass er hoffen konnte, die Therapie bald abschließen zu können. Doch dann hatte ihn der Tod seines Freundes wieder aus der Bahn geworfen. Als Felix den Schritt wagte und die Einrichtung betrat, litt er unter Depressionen wie noch nie zuvor und war nahe daran, sich das Leben zu nehmen. Dank guter Medikamente und den Bemühungen des Personals geht es ihm schon bedeutend besser. So gut, dass er vor einer Woche entlassen werden konnte. Nicht zuletzt, weil er eine neue Bleibe hat. Sein kleiner Bruder hat eine Wohnung für ihn gefunden, winzig, aber erschwinglich.

Es ist Felix' erste eigene Wohnung und ihm fehlen Einrichtungsgegenstände und Möbel an allen Ecken und Enden. Sein ganzer Besitz besteht aus zwei Kunstdrucken, die er geerbt hat, einem Karton mit persönlichen Papieren und drei großen Koffern, die mit Kleidung vollgestopft sind. Alles andere muss er sich noch zulegen, und bis seine Möbel eintreffen, nimmt er mit dem geliehenen Gästebett, das zusammenklappbar ist, und einigen Sachen seines Bruders vorlieb, die dieser nicht mehr benötigt.

Einerseits fürchtet sich Felix davor, alleine zu wohnen und alles eigenständig zu bewältigen, auf der anderen Seite freut er sich auf die Herausforderung und erwartet mit Spannung, was da auf ihn zukommt. Ihm hilft das Gefühl, nicht ganz einsam in der Welt zu stehen. Im Notfall kann er sich an seinen Bruder wenden, aber er möchte ihm nicht ständig zur Last fallen. Florian und Ulrike haben ihm schon so viel geholfen, dass er glaubt, tief in ihrer Schuld zu stehen. Da kann ihm sein Brüderchen hundert Mal beteuern, dass er sich irrt und Florian froh ist, für ihn da sein zu können, ein bisschen was zurück zu geben, weil er ohne ihn Schule, Ausbildung und andere Hürden, kaum so gut gemeistert hätte.

Ja, es ist tatsächlich etwas aus Florian geworden und Felix ist unheimlich stolz auf ihn. Es stimmt, Felix hat Florian damals geholfen, wo er nur konnte. Selbst in der Zeit, als er auf der Straße lebte, vergaß er niemals, für seinen Bruder da zu sein, egal, wie es ihm ging und wo er gerade steckte, denn auf ihre Mutter konnten sie beide, weiß Gott, nicht zählen und erst recht nicht auf ihren Erzeuger. Florian schaffte, was Felix sich für ihn erhofft hatte. Er hatte eine gut bezahlte Arbeit in einem krisensicheren Betrieb und seine wunderbare kleine Familie. Jetzt besaß er ein eigenes Haus, eine dreiviertel Stunde von der Stadt entfernt, welches er mit viel Liebe renovierte.

Aber das ist es nicht allein, was Felix glücklich macht. Sein Bruder hat immer zu ihm gehalten und macht das auch jetzt noch, trotz allem. Es ist Florian völlig gleichgültig, was irgendwer über seinen kaputten Bruder denkt: einem Schwulen, ehemaligen Drogenabhängigen, der auf den Strich gegangen und in der Klapse gelandet ist. Wenn aus dem Freundeskreis jemand etwas gegen Felix sagt, wird er von Florian zurechtgewiesen, im Wiederholungsfall hat sich die Freundschaft für Felix' Bruder erledigt. Vielleicht reagiert er da ein wenig empfindlich, aber auf seinen großen Bruder lässt er eben nichts kommen.

 

 

Florian hatte Felix zum Grillfest am Wochenende eingeladen und ihn mit dem Auto abgeholt. Da es voraussichtlich spät und feuchtfröhlich werden würde, hatte Ulrike ihm schon das Bett im Gästezimmer fertiggemacht. Etliche Nachbarn und Freunde waren gekommen, viele davon mit Kindern. Die Gäste feierten fleißig, das erste Fässchen war schon ein Opfer des Bierdurstes geworden. Der Duft von gegrilltem Fleisch und Gemüse zog durch den Garten und die gesamte Straße und verlockte dazu, kräftig zuzuschlagen. Felix hatte sich den Bauch mit Essen vollgeschlagen, bis er glaubte, platzen zu müssen. So gut hatte es ihm schon lange nicht mehr geschmeckt.

Die Frauen, mit denen er am Tisch saß, bezogen ihn ohne viel Federlesens mit in ihre Gespräche ein. Sie waren ganz schön angeheitert und Felix musste sich ein paar Sticheleien von ihnen gefallen lassen. Aber er merkte schnell, dass ihn die Frauen weder beleidigen noch verletzen wollten und so spielte er mit und gab es ihnen mit Zinsen wieder zurück. Felix war selbst überrascht, wie viel Spaß ihm das Geplänkel machte und wie herrlich normal er sich dabei fühlte.

Nach einer Weile sehnte er sich nach ein wenig Ruhe. Trubel und Geräuschkulisse waren doch noch etwas zu viel für ihn. Felix suchte sich ein schattiges Plätzchen etwas abseits, neben einem rot blühenden Busch. Dorthin trug er seinen Gartenstuhl. Von hier aus beobachtete er die Kinder, die auf dem Rasen Krocket spielten. Mit mehr Spaß als Geschick versuchten sie, die Bälle durch die Tore zu schlagen. Felix gefiel es, wie unbeschwert und fröhlich die Kinder dabei wirkten und er fragte sich, ob sein Leben vielleicht anders verlaufen wäre, wenn er seine Kindheit auf dem Land verbracht hätte. Andererseits hätte er auch da dieselben Eltern gehabt. Aber es war müßig, sich darüber Gedanken zu machen; es änderte nichts. Er lenkte seine Aufmerksamkeit seinem Bruder zu, der am Grill stand und Fleisch wendete. Als Florian merkte, dass Felix zu ihm schaute, hob er sein Bierglas und prostete ihm lächelnd zu. Felix erwiderte den Gruß mit seinem Glas, das nur mit Mineralwasser gefüllt war. Seitdem er clean war, trank er keinen Alkohol mehr. Die einzige Sucht, die übrig geblieben war, war die nach Nikotin und die wollte Felix auch noch in den Griff bekommen.

Diese verdammten Rauschmittel. Felix erinnerte sich an den Heiligabend vor einem halben Leben, als er am Bahnhof gestanden und Dominik im tiefsten Brustton der Überzeugung versichert hatte, er wäre nicht so bescheuert, Drogen zu nehmen. Ganz offensichtlich war er das doch gewesen, auch wenn es nach diesem Tag noch ein paar Jahre gedauert hatte, bis er sich den ersten Schuss setzte. Er hatte nicht einmal einen Grund dafür, wollte einfach nur einmal ausprobieren, wie das ist. Da war er fünfundzwanzig gewesen. Er glaubte noch, er hätte alles unter Kontrolle, da war er längst schon abhängig und steckte mitten in einer Drogenkarriere. Stück für Stück verlor er sein gewohntes Leben, sein Selbstwertgefühl, seine Achtung vor sich und Anderen; er verlor sich selbst. Für den nächsten Schuss machte er buchstäblich alles. Niemandem, außer seinem Therapeuten, würde er jemals davon berichten, nicht einmal Florian. Nein, gerade sein kleiner Bruder durfte auf gar keinen Fall Einzelheiten erfahren.

In seiner miesesten Zeit, er war dem Tod näher als dem Leben, körperlich völlig auf den Hund gekommen, war es ausgerechnet Dominik, der ihm half. Wieder einmal. Dominik nahm ihn bei sich auf und Felix machte bei ihm seinen ersten Entzug. Das war unbeschreiblich grauenvoll gewesen. Dominik stand ihm zur Seite, ließ ihn kaum aus den Augen, wusch ihn, fütterte ihn, versorgte ihn mit Medikamenten und holte sich Unterstützung bei einem Arzt, aber trotzdem hasste Felix ihn damals, so lange er auf Turkey war. Als alles vorbei war, haute er ab und dröhnte sich mit allem voll, was er kriegen konnte. Er wurde von Dominik von der Straße aufgelesen und machte einen zweiten Entzug. Diesmal passte Dominik besser auf und verhinderte, dass Felix die Biege machte. Er ertrug stoisch die Wutanfälle und Beleidigungen, die Felix ihm in seinem Hass an den Kopf warf. Er ließ ihn einfach nicht fallen.

So, wie Felix Stück für Stück sein Leben an die Drogen verloren hatte, baute Dominik es mit seiner Liebe zu dem Jüngeren wieder auf. Felix' Wut verging und er verstand so langsam, was sein Freund für ihn getan hatte. Er blieb bei Dominik. Felix konnte nicht einmal jetzt sagen, ob er Dominik geliebt hatte, aber der ältere Mann gab ihm Halt und kümmerte sich um ihn, wie er es nie zuvor kennen gelernt hatte. Dominik brachte ihm mit unendlicher Geduld Lesen und Schreiben bei, ging mit ihm zu Kunstausstellungen und Theatervorführungen. Zuerst fand Felix das alles total öde, aber sein Freund brachte es fertig, so spannend zu erklären, dass er damit sein Interesse weckte. Irgendwann kam für Felix der Zeitpunkt, an dem er sich eingestand, homosexuell zu sein und dass er mit Dominik zusammenbleiben wollte.

Als Felix dann psychische Probleme bekam, war es Dominik, der ihm einen guten Therapeuten suchte. Erst ging Felix nur seinem Freund zuliebe zu Dr. Täubele, merkte aber bald, wie gut ihm die Gespräche letztendlich taten. Sie hatten vor allem seine Co-Abhängigkeit zu seiner Mutter bearbeitet und es hatte lange gedauert, bis sich Felix eingestanden hatte, wie sehr er tatsächlich unter dem Alkoholmissbrauch seiner Mutter gelitten hatte. Aber es gab auch eine dunkle Stelle in ihm, an die er nicht herankam, obwohl er spürte, dass es da etwas gab, etwas Böses, Verhängnisvolles.

Dann kam die Katastrophe, die ihn zurückwarf. Dominik starb. Es war ein ganz dummer Unfall, bei dem sein Freund stolperte und zuhause die komplette verfluchte Treppe hinunterfiel. Sie hatten sich gerade schick angezogen, wollten essen gehen, als es passierte. Dominik verpasste die oberste Stufe, überschlug sich und lag dann am Treppenabsatz mit verrenkten Gliedern. Felix eilte ihm hinterher, zwei Stufen auf einmal nehmend. Sein Freund starb in seinen Armen, noch bevor Felix einen Rettungswagen anrufen konnte. Alles, was danach passierte, erinnerte Felix kaum noch.

Dominik hatte ein Testament verfasst und hinterließ seiner großen Liebe nicht nur die beiden teuren Drucke und ein paar Gegenstände, die er in Felix' Händen wissen wollte, sondern auch eine monatliche Rente, mit der Felix gut über die Runden kommen konnte. Die Villa, die stets in Familienbesitz gewesen war, ging an Dominiks Schwester. Mit ihr gab es dann eine sehr unschöne Szene auf dem Friedhof bei der Beerdigung, die Felix sehr belastete. Sie gab ihm die Schuld am Tod seines Bruders, beschimpfte ihn mit schriller Stimme vor allen Trauergästen als Mörder und Erbschleicher, bis es für Felix unerträglich wurde und er den Friedhof verließ.

Felix trauerte noch immer um seinen Freund und er vermisste ihn sehr. Doch sein Leben wollte er deswegen nicht wegwerfen. Die Sache mit Dominiks Schwester lag ihm schwer im Magen, aber das würde er auch noch verwinden.

 

 

Die Kinder hörten auf, Krocket zu spielen und setzten sich zu ihren jeweiligen Eltern oder verkrümelten sich ins Haus. Felix wollte gerade aufstehen und sich frisches Wasser holen, als er eine Szene beobachtete, die ihn zutiefst beunruhigte.

Ein Mädchen im Vorschulalter saß auf dem Schoß seines Vaters oder vielleicht auch Onkels, Felix wusste es nicht. Die beiden waren in ein Gespräch vertieft und das Mädchen lachte. Dann strich es dem Mann ein paar Mal mit der Hand über die Wange, als wollte es ihn trösten, und kicherte dabei.

Felix blieb verwirrt stehen. Das was er da sah, war doch völlig harmlos, warum schnürte es ihm dann die Kehle zu? Warum wurde ihm so schwummerig? Er schüttelte den Kopf wie ein nasser Hund, als ob er damit sein Unbehagen loswerden könnte. Als er schon dachte, er hätte dieses seltsame Gefühl überwunden und ein paar Schritte machte, traf ihn die längst verschollen geglaubte Erinnerung aus seiner Kinderzeit mit voller Wucht. Felix' Magen schlug Purzelbäume und sein Brustkorb fühlte sich an, als steckte er in einer eisernen Umklammerung. Er wollte nur noch weg, irgendwohin, wo ihn keiner sehen konnte.

Wie er es schaffte, ins Haus zu kommen, ohne großes Aufsehen zu erregen, konnte er hinterher selbst nicht mehr sagen. Der Einzige, der bemerkte, dass etwas mit Felix nicht in Ordnung war, war Florian. Der übergab den Grill so schnell wie möglich einem Nachbarn und eilte seinem verstörten Bruder hinterher. Er fand Felix in der Küche, wo er sich an der Spüle abstützte und schwer atmend über das Waschbecken beugte.

„Was ist los, Felix? Was ist mit dir? Ist dir schlecht?“

Felix nickte und schüttelte dann den Kopf. Als er aufblickte, sah Felix so jämmerlich aus, dass Florian ihn am liebsten umarmt hätte. Aber er spürte, dass es seinem Bruder, der mit seiner Fassung rang, nicht recht wäre. Felix war weiß wie eine Wand und seine Augen schwammen in Tränen, die er zurückzuhalten versuchte und es kostete ihn sichtlich Mühe, zu antworten. „Ich glaube, ich habe mich gerade an etwas erinnert … aus meiner Kindheit … etwas Schreckliches.“

 

VERGANGENHEIT

 

Felix' Mutti ist für ein paar Wochen in einem Haus, in dem sie wieder gesund wird. Er hat gar nicht gemerkt, dass sie krank ist, aber irgendetwas ist mit ihrem Magen nicht in Ordnung und dort in der Klinik sind viele gute Ärzte, die ihr helfen. Er ist stolz darauf, dass er sich das neue Wort so gut hat merken können. Klie-nick. Ein lustiges Wort. Leider ist das so weit weg, dass sie Mama nicht besuchen können.

Felix hat noch keinen Begriff von Zeit, weiß nicht genau, was das ist, aber er weiß, dass er „vier“ sagen muss und wie viele Finger er heben muss, wenn ihn ein Erwachsener nach seinem Alter fragt. Er hat genau so wenig Ahnung davon, wie viel ein paar Wochen sind, aber es muss ziemlich lange sein, denn Papa hat gesagt, Mutti wäre seit sechs Tagen weg, das ist nicht einmal eine ganze Woche, und schon das fühlt sich für ihn wie eine Ewigkeit an.

Vati kümmert sich um ihn. Na ja. Das macht er nicht besonders gut. Vom Kindergarten aus muss Felix den ganzen Weg allein nachhause gehen. Sonst hat Mutti ihn immer von da abgeholt. Papa kocht nicht so gut wie sie, aber das sagt Felix nicht, um ihn nicht zu kränken. Am meisten fehlt ihm aber, dass Mama immer Zeit für ihn hat. Felix malt ihr gerne Bilder, weil sie sich darüber freut und ihn lobt. Das hat er auch bei Papa versucht, aber der hat nicht hingeschaut, der sitzt nur vor dem Fernseher und trinkt Bier, auch jetzt, wo er doch eigentlich mit ihm spielen soll. Nicht einmal seine Lieblingsserie kann er gucken, weil Papa die ganze Zeit vor dem Kasten sitzt. Papa meint, er solle ihn nicht stören und schickt Felix in sein Kinderzimmer, wo er sich allein beschäftigen soll.

Also legt er sich auf dem Teppich auf den Bauch und guckt sich die Bilder in einem Buch an. Er liebt diese fremden Welten, Menschen und Wesen mit ihren Abenteuern. Mutti hat ihm die Geschichte aus dem Buch oft vorgelesen und er erinnert sich fast an jedes Wort. Seine Beine hat er nach oben abgewinkelt und er stößt abwechselnd mit jeweils einer Fußspitze gegen das Bett, aber leise, damit er Papa nicht nervt.

Als die Türschelle ihr etwas eingerostet klingendes „Ding-Dong“ von sich gibt, schaut er gespannt auf. Sie bekommen nicht oft Besuch. Meistens ist es nur der Postbote, der etwas für die Nachbarin abgeben möchte. Ein Funke Hoffnung glimmt in ihm auf. Vielleicht sind ja die vielen Wochen doch schon um, und es ist Mutti, die wieder nachhause kommt? Er hört, wie sein Vater die Bierflasche auf den Tisch knallt, sich ächzend vom Sofa erhebt und in den Flur schlurft. Einen kurzen Blick kann Felix auf ihn werfen, als Papa an der offen stehenden Kinderzimmertür vorbei kommt. Er öffnet die Haustür und Felix hört, wie er ein paar Worte mit jemandem redet. Die Tür wird wieder geschlossen und Papa und ein fremder Mann gehen an dem Kinderzimmer vorbei ins Wohnzimmer.

Neugierig steht Felix auf und schleicht auf seinen Strümpfen durch den Flur, versteckt sich in der kleinen Ecke vor der Zimmertür und lugt vorsichtig in den Raum. Der Fremde hat einen ziemlich großen Karton dabei, den er an der Kordel trägt, die um das Paket geschnürt ist. Dabei sieht er eigentlich nicht aus wie ein Paketbote. Er und der Papa unterhalten sich leise, dann greift der Mann in seine Jackentasche und holt ein Bündel daraus hervor. Das ist Papiergeld. So etwas kennt Felix schon. Er weiß, wie viel Süßigkeiten und Eis er für die Groschen und Pfennige bekommt, die er sammelt und sorgsam in seiner Piratenschatztruhe aufbewahrt. Für das Papier kriegt man mehr, das hat er gelernt und Papa bekommt von dem Fremden ganz schön viele bunte Scheine, einen ganzen Packen davon. Papa holt dem Mann eine Flasche Bier und sie setzen sich an den Tisch. Für Felix wird das jetzt langweilig. Er will lieber wieder die Bilder im Buch betrachten und geht auf Zehenspitzen zurück in sein Zimmer.

Mehrere Seiten hat er umgeblättert und ist völlig in der Geschichte versunken, als Vati ihn unterbricht. Papa möchte, dass er ins Elternschlafzimmer mitkommt, weil da eine Überraschung auf ihn wartet. Eigentlich hat Felix keine große Lust und folgt nur widerwillig.

Zuerst sieht er bloß den Karton, der offen und leer am Fußende des Bettes auf dem Teppich steht. Aber dann entdeckt er auf Mamas Bettseite die Ritterburg. Papa sagt, die wäre für ihn. Felix springt auf das Bett und betrachtet die Burg. Er ist sofort hingerissen. Auf den Spitzdächern der vier Türme kleben lustige bunte Wimpel und es gibt eine Zugbrücke, die mit einem kleinen Drehkreuz gehoben und gesenkt werden kann, genau so wie das Burgtor. Der Wehrgang ist mit Wachen besetzt und im Innenhof sitzen einige Ritter auf ihren Pferden, als warteten sie nur darauf loszureiten, um das Königreich vor Feinden zu schützen. In einem der Türme steht sogar ein Burgfräulein hinter dem Fenster und hält ein Tuch in der Hand. Vielleicht winkt sie ja damit ihrem Ritter zu.

Felix ist von dem neuen Spielzeug dermaßen fasziniert - berührt hier und da vorsichtig einen Ritter, öffnet Türen, um zu schauen, was sich dahinter versteckt -, dass er gar nicht mitbekommt, wie sein Vater aus dem Schlafzimmer geht, dafür aber der Fremde eintritt und die Tür hinter sich verschließt. Felix nimmt ihn erst wahr, als er sich neben ihn auf das Bett setzt.

Der Mann ist schon alt, ungefähr so, wie Papa. Er hat lustige blonde Haare, die abstehen wie die Stacheln eines Igels. Ein bisschen sieht er aus, wie ein zu groß geratenes Kind und er hat einen dicken Bauch. Er sagt, er sei Merlin, der Zauberer, und er wäre lieb zu lieben Kindern und böse zu bösen Kindern. Er hat davon gehört, dass Felix ein besonders lieber Junge wäre und deswegen hätte er ihm die Ritterburg mitgebracht. Felix ist unsicher, ob er glauben kann, was der Mann sagt. Soweit er weiß, gibt es keine echten Zauberer, sondern nur erfundene. Manchmal sagen Erwachsene komisches Zeug zu Kindern und Felix kann nicht verstehen, warum sie das machen.

Der Fremde fängt an, spannende und lustige Sachen über die Ritter zu erzählen. Es macht richtig Spaß, ihm zuzuhören. Dabei streichelt er Felix' Kopf und seinen Rücken. Das gefällt ihm nicht so sehr, aber Felix möchte nicht, dass Merlin damit aufhört, Geschichten zu erzählen. Er denkt, dass es vielleicht unhöflich ist, wenn er sagt, dass er die Berührungen nicht will.

Der Mann rückt ihm immer näher. Er liegt jetzt schon auf Papas Bett und Felix kann seinen Geruch überhaupt nicht leiden. Seine Mutti benutzt manchmal ein Parfum und dann duftet sie wie eine Blume, frisch und irgendwie fruchtig. Das gefällt Felix sehr gut und er schnuppert gerne an ihrem Hals, bis sie kichert, weil das so kitzelt. Aber der Fremde ist von einem schweren Parfum wie in eine dichte Wolke gehüllt und es sticht Felix ekelhaft in der Nase und raubt ihm den Atem.

Merlin verlangt jetzt wie ein beleidigtes Kind, dass auch er gestreichelt werden möchte. Er umfasst Felix' Handgelenk und zieht die Hand zu sich hinüber, fährt mit der Hand über seine Wange und sagt dabei „ei, ei“. Das findet Felix gleichzeitig albern und abstoßend. Dann zieht Merlin Felix' Hand weiter runter, über seinen Bauch, bis zur Hose. Er sagt, dass er da gestreichelt werden mag, weil das besonders schön ist. Felix will das auf gar keinen Fall und er versucht, die Hand wegzuziehen, aber der Mann hält sie eisern umklammert und er guckt ganz seltsam. Da bekommt Felix Angst. Mit einem Ruck befreit er sich und rennt zur Tür. Er rüttelt so lange an der Klinke, bis er versteht, dass die Tür abgeschlossen ist. Als er den Schlüssel drehen will, ist es schon zu spät.

Der Mann packt ihn und wirft ihn heftig auf das Bett zurück. In seiner Verzweiflung brüllt Felix nach seinem Papa und er hört schon erleichtert die Schritte, die sich dem Schlafzimmer nähern. Jetzt wird alles gut, glaubt er. Aber sein Vater geht am Schlafzimmer vorbei und Felix hört, wie er fortgeht und die Wohnungstür laut hinter sich zuzieht.

Merlin schnauft komisch und hat einen ganz roten Kopf, er sieht nicht mehr freundlich aus, sondern wie ein böser Riese mit Augen wie kalte Steine. Brutal wird Felix gepackt und auf den Bauch geworfen, dass ihm die Luft wegbleibt. Der Mann zieht ihm die Hosen runter, zerkratzt dabei mit seinen Fingernägeln Felix' zarte Kinderhaut. Blutige Striemen entstehen, rot auf weiß und dann … passiert … etwas … ganz ... ganz … Schlimmes.

 

 

Sein Vater hat ihn in sein Zimmer getragen. Das hat Felix kaum mitbekommen. Die Welt war ganz weit weg und er fühlte sich, als ob er in eine dicke, durchsichtige Watte gehüllt wäre. Nur als Papa ihm das Kissen wegnehmen wollte, hat er aufgeheult wie ein Baby. Selbst als Papa ihn im Bad in der Dusche abgewaschen hat, hat er das Kissen fest gehalten und auch noch, als er ihm Toilettenpapier in die Unterhose gestopft und ihm seinen Schlafanzug angezogen hat.

Felix glaubt, dass er blutet, aber er schaut nicht nach. Wenn er nachschaut und es stimmt, dann … ist alles wahr und das kann er nicht ertragen, dann wird er sterben, das weiß Felix einfach. Er hat Schmerzen, aber die sind so weit weg, als würden sie zu einem Anderen gehören. Schon jetzt kann er sich kaum noch erinnern, was an diesem Nachmittag mit ihm geschehen ist. Seine Seele webt einen dunklen Schleier des Vergessens und legt ihn über die traumatischen Ereignisse, versucht, sie ungeschehen und ungesehen zu machen.

In den nächsten Tagen hat er hohes Fieber, doch sein Vater holt keinen Arzt. Auch das übersteht Felix. Aber er hat sich verändert. Bücher und Geschichten mag er nicht mehr … und Papa auch nicht.

 

 

Als seine Mutter aus der Klinik zurückkommt, bemerkt sie sehr wohl, dass mit Felix etwas nicht stimmt. Er ist ruhig, viel zu ruhig, richtig in sich gekehrt und er ist ängstlich geworden. Aber sie kommt nicht dahinter, was passiert ist und ihr Sohn erzählt ihr nichts. Das könnte er auch nicht, selbst, wenn er wollte. Er hat es vergessen. Ihr Mann zuckt nur mit den Achseln. Sie hat den Verdacht, dass er etwas weiß und es ihr nicht sagt, aber sie kann nichts machen.

Schlimme Albträume werden dem Jungen über Jahre hinweg seinen Schlaf rauben, sodass er manche Nächte vor lauter Angst stundenlang wach bleibt. Er fängt damit an, beinahe jede Nacht einzunässen. Seine Mutti sieht sich gezwungen, ihm abends eine Windel anzuziehen und er muss auf einer Gummiunterlage schlafen. Auch das wird ihn mehrere Jahre lang begleiten.

Felix wird seinen Klassenlehrer hassen - ohne den Grund dafür auch nur zu ahnen - weil der dasselbe Rasierwasser wie sein Vergewaltiger trägt. Sehr viel später wird er aus dem gleichen Anlass einen Mann provozieren und dann verprügeln. Er verletzt ihn so schwer, dass derjenige wochenlang in einem Krankenhaus liegen muss.

Noch bevor seine Mutter aus der Klinik kommt, schnappt sich Felix die Ritterburg, die in seinem Zimmer steht. Er kann sich beim besten Willen nicht daran erinnern, woher er sie hat, aber er verabscheut sie und will sie loswerden. Für einen vierjährigen Jungen ist das große, sperrige Teil schwer zu tragen, aber Felix hält durch. Er bringt die Burg zu Fuß zu einem verlassenen Firmengelände, das eine halbe Stunde entfernt liegt. Es ist unheimlich da. Das Gelände liegt immer im Schatten, als würde eine dunkle Wolke darüber hängen. Die Fenster der Gebäude sind zerbrochen, überall liegen blinde Glasscherben. Mauerreste und verbogenes, rostiges Metall verbergen sich halb unter wild wachsenden Büschen und Brennnesseln. Kein schöner Platz; ein unseliger Ort, der selbst von Jugendlichen gemieden wird, die sich normalerweise ja gern an solchen einsamen Stellen aufhalten.

Felix traut sich nicht weit in das Gelände hinein. Er schlüpft durch ein Loch im Zaun und bleibt ein paar Schritte davon entfernt stehen. Hier pfeffert er die Ritterburg auf ein Stückchen übrig gebliebenen Asphalts; einer schwarzgrauen Insel, inmitten eines grünen Grasmeeres. Plastik splittert, Wimpel brechen ab, Ritter, Wachen und Pferde fliegen davon und bleiben um die Burg herum und im Gras verstreut liegen.

Felix dreht sich um und geht. Er hat beinahe den halben Heimweg hinter sich gebracht, da kehrt er um und läuft wieder zurück. Er sucht sich einen schweren Stein. Zuerst lässt er den von oben auf die Burg fallen, ein paar Mal, schlägt Risse und Löcher in das Plastik. Aber bald reicht ihm das nicht mehr. Er kniet sich auf den Boden, nimmt den Stein in beide Hände und hämmert wie von Sinnen auf die Bruchstücke ein, bis seine Arme schmerzen, die Hände zittern und er vor Anstrengung keucht. Er weint. Aufhören kann er erst, als die Ritterburg nur noch aus verstreuten Teilchen besteht, die niemand mehr zusammensetzen kann.

Verschwitzt, mit strähnigem Haar, Schmutzstreifen im Gesicht und schlotternden Knien tritt Felix den Heimweg an. Morgen wird er schrecklichen Muskelkater haben, aber jetzt, jetzt fühlt er sich gut, fast, als wäre er von einer großen Last befreit.

 

ZUKUNFT

 

Manchmal, denkt Dr. Täubele, ist es verdammt schwer, Abstand zu wahren. Am liebsten hätte er seinen Patienten Felix, der vor ihm sitzt und fast die ganze Stunde über fassungslos geweint hat, nachdem er mit stockender Stimme von der Vergewaltigung erzählt hatte, in den Arm genommen, anstatt ihm lediglich frische Taschentücher anzubieten.

Er hatte schon damit gerechnet, dass sich Felix früher oder später daran erinnern würde, aber dann mit anzusehen, wie es einen Menschen fast zerreißt, war auch für Dr. Täubele nicht einfach, obwohl er von seiner Praxis her doch einiges gewöhnt war. Nichtsdestotrotz war es ein unglaublicher Durchbruch.

Wie so viele seiner Patienten hatte auch Felix gefragt, wie er so etwas hatte vergessen können. Vergessen – das war ein guter Schutzmechanismus, einer, der zum Überleben nötig war. Aber es war auch wie eine verborgene nässende Wunde, die niemals heilt.

Jetzt, wo die Wunde offen vor Augen lag, konnte sie gesäubert und kuriert werden, bis nur noch eine Narbe daran erinnerte.

Felix wird es schaffen, da ist sich Dr. Täubele sicher.

Impressum

Texte: Rita Bittner
Bildmaterialien: Vielen Dank an die Plattform Pixabay und an Comfreak. Die Fonts sind von Peter Wiegel, bei dem ich mich auch herzlich dafür bedanken möchte. Das Zitat fand ich auf zitate-welt.de
Lektorat: Mein Dank geht an Gitta Rübsaat und Reinhard Nolte
Tag der Veröffentlichung: 23.05.2015

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