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Widmung

 Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid.

Leonardo da Vinci

 

 

All denen gewidmet, die mit dem Herzen sehen.

 

Rita Bittner

Haben Sie mein Kind gesehen?

 

Das Alter der Frau, die panisch durch die Einkaufspassage eilt, lässt sich nicht so leicht abschätzen. Auf einen ersten, groben Blick hin, wirkt sie wie Mitte dreißig. Immer wieder hält sie an und lässt ihre Augen über die achtlos an ihr vorbei hastenden Passanten schweifen. Schluchzer schütteln ihren Körper und Tränen haben das ohnehin dürftige Make-up auf ihrem Gesicht verschmiert. Verzweifelt versucht sie, durch den Strom der Fußgänger hindurchzublicken und das zu finden, was sie verloren hat. Kopflos rennt sie wieder zurück in die Richtung, aus der sie gekommen ist. Wahllos pickt sie sich einzelne Leute aus der Menge, stellt sich ihnen in den Weg oder fasst sie am Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu erringen, blickt sie dabei flehentlich an, als ob sie ihre letzte Rettung wären.

„Haben Sie mein Kind gesehen? Einen Jungen, vier, mit einer roten Jacke und einer hellen Strickmütze?“ Wieder und wieder benutzt sie dieselben Worte wie ein heilbringendes Mantra, erntet bedauerndes Kopfschütteln, selten ein gesprochenes Nein. Keiner verweilt bei ihr, fragt nach oder hilft bei der Suche. Da – sie stürzt zu einer anderen Frau hin, die ein Kind an der Hand hält. Sie ist sich sicher, dass es ihr Junge ist - sein muss - der von der Fremden entführt worden ist. Grob reißt sie den Jungen an sich, der sich nicht von der Hand lösen will. Es entsteht ein Tumult, Geschrei schallt durch die belebte Fußgängerzone. Enttäuscht und verlegen stellt sie fest, dass es doch nicht ihr Sohn ist, den die Andere noch an der Hand hält und der seine Angst und seinen Schrecken in die Welt hinaus brüllt. Die Frau entschuldigt sich tausendmal und stammelt irgendwelche Erklärungen.

Diese Frau - sie bereitet den Angesprochenen Unbehagen. Sie ist eindeutig Sozialhilfeempfängerin; die zu oft gewaschene Billig-Kleidung spannt sich unvorteilhaft über ihrem massigen Körper. Offensichtlich ist sie gekauft worden, als die Trägerin noch schlanker gewesen war. Eine ungeübte Hand hat das mausgraue, strähnige Haar kurz geschnitten, das nun ungepflegt an ihrem Kopf klebt. Ein muffiger Geruch, der sie wie eine Wolke umgibt, geht von ihr aus. Mit ihren wild umher spähenden Augen, die sich nirgendwo festsetzen können und ihrer kriecherisch geduckten Körperhaltung wirkt sie auf die anderen wie eine Verrückte.

Einer drückt ihr im Vorbeigehen einen 10-Euro-Schein in die Hand, womöglich, um sich von seiner Verantwortung loszukaufen, und geht schnell seiner Wege. Vielleicht hat er nicht über sein Handeln nachgedacht oder glaubt zu wissen, was die Frau will, vielleicht denkt er tatsächlich, er hätte etwas Gutes getan. Wie vom Donner gerührt bleibt die Frau stehen und schaut dem Davoneilenden hinterher. Ihr Blick ist verletzt und traurig, doch steckt sie den Schein in ihre Jackentasche.

Als ob die Aktion dieses Passanten ein geheimes Startsignal für sie gewesen wäre, beendet die Frau die Suche nach ihrem Kind. Wie ein geprügelter Hund schleicht sie an den farbenfrohen Auslagen der Geschäfte vorbei und biegt unvermutet in eine Seitengasse ab, in der es kein Publikum gibt. Hier bleibt sie plötzlich stehen und zieht den Schein aus ihrer Tasche. Mit leerem Blick betrachtet sie ihn wie ein merkwürdiges, unbekanntes Insekt.

Auf dem Heimweg betritt sie einen Discounter, kauft dort von dem Geld eine preiswerte Flasche Schnaps und eine Plastiktüte, in die sie die Flasche und das Wechselgeld steckt. Draußen sucht sie sich hinter den großen Abfalltonnen eine Nische, in der sie nicht gesehen wird, und trinkt den ersten Schluck, dann den zweiten. Sie weint lautlos ein paar Minuten, trinkt noch einmal und verschließt dann sorgsam die Flasche.

Ein Gestank, den die Frau nicht mehr wahrnimmt, überfällt sie wie ein körperliches Wesen, als sie ihre Wohnungstür aufschließt und die Diele betritt. Überall warten leere und halb leere Flaschen, getragene Kleidung und Behälter von Mikrowellengerichten mit Essensresten auf ihre Beseitigung. Mitten im Chaos steht ein Wäscheständer, darunter vergammelt knöchelhoch gestapelter, in Plastiktüten verpackter Abfall. Einige Kleidungsstücke sind hinunter gefallen und liegen dort verschmiert und verdreckt zwischen aufgeplatzten Tüten und stockfleckigen Zeitschriften. In der Küche sieht es noch schlimmer aus; benutztes Geschirr mit schimmeligen Resten stapelt sich allerorten, ein Trampelpfad führt zum Spülbecken, das vollgestopft, gerade einmal die Benutzung des Wasserhahns zulässt, freie Flächen gibt es nicht mehr, in einem vergessenen Kochtopf wuchert es grüngrau bepelzt. An den Wänden, hier und in allen anderen Räumen, hat sich bösartiger Schwamm ausgebreitet. Das Bad ist schlichtweg unbeschreiblich und macht den Betrachter sprachlos. Einer Heerschar Ungeziefer bietet die Wohnung der Frau ein komfortables, sorgenfreies Leben.

Nichts davon beachtet sie, ihr Ziel ist das Schlafzimmer. Lediglich auf die geschlossene Tür des Kinderzimmers starrt sie ausdruckslos für einige Sekunden, findet jedoch den Mut nicht, es zu betreten.

Die eine Hälfte ihres Doppelbettes hat sie in der letzten Nacht eingenässt, wie schon etliche Male zuvor. Sie legt eine der schmutzstarrenden Decken über den dunklen, feuchten Fleck und lässt sich auf die andere Hälfte fallen. Ausgiebig widmet sie sich dem Alkohol und kommt erst zur Ruhe, als ihr die Flasche, in der sich nur noch wenig Flüssigkeit befindet, aus der Hand fällt.

 

 

„Haben Sie meinen kleinen Jungen gesehen? Ich war hier mit ihm einkaufen und hab ihn verloren ...“ Die Worte der Frau klingen verschliffen, als ob sie getrunken hätte. Die wässrigen, rot unterlaufenen Augen, die sich hoffnungsvoll am Gesicht der Verkäuferin festsaugen, deuten ebenfalls darauf hin.

Unwillkürlich war die Kaufhausangestellte einen Schritt zurückgewichen, als die Kundin, die sie jetzt nicht mehr als Kundin wahrnimmt, sie angesprochen hatte. Sie kann sich nicht daran erinnern, diese Frau jemals zuvor gesehen zu haben. „Nein, tut mir leid“, antwortet sie abweisender, als es ihre Absicht gewesen war, ihr Körper drückt Abscheu vor der Frau und Missfallen aus.

Die Frau versteht die Ablehnung nicht, die ihr entgegen gebracht wird, aber die Zurückweisung trifft sie schmerzlich und löst bei ihr eine Welle der Scham aus. „Entschuldigung“, flüstert sie demütig und verlässt das Geschäft.

Fünf weiteren Läden stattet sie auf der Suche nach ihrem Kind einen Besuch ab. In jedem lässt sie ein Stück ihrer Hoffnung und ihres Mutes zurück. Auf dem Weg nachhause kauft sie eine neue Flasche Korn, Margarine und ein Päckchen mit ein paar Scheiben Brot, auf deren Etiketten das Label der Hausmarke des Discounters prangt.

Als die Frau vor der Tür des Kinderzimmers steht, entgleitet die Einkaufstüte ihrer Hand und bleibt achtlos auf dem Müll liegen, der sich dort angesammelt hat. Mit blassen, zittrigen Fingern öffnet sie die Tür und betritt mit zögernden Schritten das Reich ihres Sohnes.

Das Zimmer steht in drastischem Gegensatz zum Rest der Wohnung. Sicher, auch hier bezeugen die Möbel die Armut der Besitzer, doch es gibt alles, was sich ein vierjähriger Junge nur wünschen kann und braucht. In einer Ecke stehen ein Staubsauger und ein Eimer mit Putzmitteln und Lappen. Die Frau beginnt, die sauberen Fenster zu putzen, sie saugt nicht vorhanden Schmutz vom Teppich ab und wischt unsichtbaren Staub weg, ordnet die geordneten Stofftiere und streicht mit liebevoller Hand über das gemachte Bett.

Sie ist fertig mit ihrer Arbeit. Für eine Weile bleibt sie im Zimmer und betrachtet die Dinge, die ihrem Sohn gehören. Sie weiß genau, welches der Spielzeuge er am liebsten hat, welche von seinen Kleidungsstücken er gerne trägt und welche er nur widerwillig anzieht. Kaum hat sich ein verträumtes Lächeln auf ihrem Gesicht eingenistet, wird ihr jäh bewusst, dass ihr Sohn fehlt, dass er ihr abhanden gekommen ist. Sie verlässt das Zimmer fluchtartig, wirft die Tür hinter sich zu, bleibt mit dem Rücken an der Tür stehen, lehnt sich dagegen, als ob sie sonst ihren Halt verlieren würde. Mit Mühe unterdrückt die Frau die Panikattacke, die sich ausbreiten und ihr den Atem rauben will.

Die Frau setzt sich auf ihr Bett, stellt den offenen Margarinebecher zwischen ihren Schenkeln auf der Bettdecke ab und tunkt das Brot in das Pflanzenfett, isst mechanisch ihre wenig schmackhafte Kost. Den Korn nimmt sie anschließend in kleinen Portionen zu sich.

 

 

Achtundvierzig Stunden danach, einen Tag hat sie unbemerkt an den Alkohol verloren, hält sie sich erneut in der Fußgängerzone ihrer Stadt auf, steuert einzelne Passanten an und behelligt sie mit ihrem immer wieder gleichen Anliegen. „Haben Sie mein Kind gesehen, bitte? Ein kleiner vierjähriger Junge ...“

Die Leute gehen achtlos an ihr vorüber, versuchen möglichst, ihr auszuweichen. Manchmal wird die Frau von ihnen angerempelt, doch sie hört nicht damit auf, ihre Frage zu stellen. Irgendjemand muss ihr doch helfen können, irgendjemand muss doch etwas gesehen haben. Eine halbe Stunde macht sie das so. Dann unterbricht sie für ein paar Minuten, steht mittendrin im Strom der Fußgänger da wie abgeschaltet, sammelt neue Kraft und beginnt erneut mit ihrer Befragung.

Ein Mann, vielleicht ein Frührentner, nimmt sich die Zeit und beobachtet sie vom Rand aus. Während die Frau zuversichtlich von Passant zu Passant läuft, raucht er in Ruhe eine Zigarette.

Impressum

Verlag: BookRix GmbH & Co. KG

Texte: Rita Bittner
Bildmaterialien: Vielen Dank an die Plattform Pixabay und an Comfreak. Die Fonts sind von Peter Wiegel, bei dem ich mich auch herzlich dafür bedanken möchte. Das Zitat fand ich auf zitate-welt.de
Lektorat/Korrektorat: Mein Dank geht an Gitta Rübsaat und Reinhard Nolte
Tag der Veröffentlichung: 23.05.2015
ISBN: 978-3-7368-9643-7

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