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Die Zugvögel fliegen ohne mich

 

Nein, ein Zugvogel bin ich nie gewesen. Wenn ich das bedenke, habe ich dafür trotzdem noch ziemlich häufig die Wohnungen gewechselt. Ohne das knappe Dreivierteljahr, das ich zwischendurch aus gesundheitlichen Gründen in einem Ort in der Nähe von Pirmasens verbracht habe, waren es insgesamt acht echte Umzüge. Mit allem Drum und Dran - und jedes Mal wurden die Umzugskartons und –wagen größer. Dabei war die Übersiedlung in mein erstes eigenes Quartier vielleicht die kurioseste. Das bisschen, was ich damals besaß, passte locker auf den Anhänger eines Treckers und mit genau diesem Gefährt brachte ein Nachbar den ganzen Krempel und mich noch dazu in meine neue Bleibe.

Dabei bin ich bei meinen Ortswechseln nicht einmal weit in der Gegend herumgekommen. In Kilometern gemessen waren die Entfernungen richtig lächerlich. Aber zwischen dem Dorf, aus dem ich stamme und einer Großstadt liegen Welten.

Vordergründig bin ich damals im Rahmen einer Umschulung nach Köln gezogen. Doch so hinten rum ging es mir um was Anderes. Nicht nur, dass ich endlich von meinen Eltern weg wollte, nachdem die ersten zwei Versuche gewaltig fehlgeschlagen waren – die Vorstellung, weiterhin unter der Knute leben zu müssen, war alles andere als schön. Immerhin war ich dreiundzwanzig und hatte ganz bestimmt keine Lust mehr, auch am Wochenende um eins zuhause sein zu müssen oder an anderen Erziehungsmaßnahmen so langsam zu ersticken. Auch das Dorf war mir viel zu eng, vielleicht auch kleinkariert, wie ich derzeit dachte. Eben typisch kleine Gemeinde, wo jeder den anderen kennt, zu viel sieht, zu viel weiß und alles be- und verurteilt. So ein bisschen kam mir das vor, wie bei den Folgen der Serie Polizeiruf 110, die im Bergischen Land spielen.

Das Leben in der Großstadt war natürlich ganz anders und die Jahre dort waren für mich… Hm, ich will mal sagen, in jeder Beziehung eine interessante Erfahrung. In dieser Zeit kam ich mit Andreas, meinem Angetrauten, zusammen und wir waren uns schnell einig, aus unseren winzigen separaten Wohnungen eine größere zu machen. Was natürlich rein technisch gesehen nicht geht, sondern einen Umzug nach Leverkusen-Opladen bedeutete. Keine Ahnung, ob wir heute dort noch leben würden, wenn nicht etwas Fürchterliches geschehen wäre.

Meine Mutter wurde krank, sehr schwer krank. Das veränderte das bis dahin extrem schlechte Verhältnis zwischen uns auf einen Schlag. Und irgendwann hatte ich den Wunsch, in der Nähe meiner Eltern zu sein, sodass ich schnell zu ihnen gelangte, um helfen oder einfach da sein zu können. Wir fanden eine schöne Wohnung, nicht mehr als zehn Minuten Fußweg von meinem Elternhaus entfernt. Aber es war zu spät. Meine Mutter starb donnerstags und zwei Tage später zogen wir in unser neues Heim.

Ja, das war wirklich heftig und ich denke, verständlicherweise, nicht gerne daran zurück. Aber was hat das alles mit dem eigentlichen Thema – Heimat – zu tun?

So angeschlagen, wie wir durch die Umstände auch waren, mussten wir doch Lebensmittel einkaufen. Und das erledigten wir direkt vor Ort im Dorfladen. Ich glaube, es waren gleich drei ehemalige Schulkameradinnen, die ich dort antraf und obendrein mein alter Klassenlehrer. Wie soll ich das Gefühl beschreiben, als sie mich erkannten und ansprachen? Wohltuend, tröstlich? Etwas in der Art. „Hi, Rita, wir haben uns ja lange nicht mehr gesehen. Wie geht es dir denn? Das ist ja schön, dass du jetzt wieder hier wohnst.“

Das war das erste Mal überhaupt, dass ich so etwas wie ein Heimatgefühl verspürte. Aber das ließ sich doch tatsächlich noch toppen.

Ein paar Jahre später gab uns mein Vater das Haus. Ihm war es zu groß geworden und ich denke, er fühlte sich dort manchmal auch ziemlich einsam. Es war seine Idee gewesen und wir hatten großes Glück, ein paar Kilometer entfernt eine neue Wohnung für ihn zu finden. Kein betreutes Wohnen, aber (beinahe hätte ich schon „artgerecht“ geschrieben) ein nagelneues, seniorengerechtes Haus. Dort fand er, wie es seine Art gewesen war, schnell Anschluss und brachte die Leutchen auch zu gemeinsamen Kaffeekränzchen zusammen.

Damals habe ich mich etwas schwer mit unserem Umzug in das alte, total verbaute Haus getan. Dort habe ich weder eine schöne Kindheit noch Jugend verbracht und ich befürchtete, dass mich meine Erinnerungen, die ich die Geister meiner Vergangenheit genannt hatte, quälen würden. Bis mir klar geworden war, dass ich diese Erinnerungen immer dabei habe, egal wo ich wohne oder mich gerade befinde. Und mir ging durch den Kopf, wie sehr sich meine Eltern für dieses Haus ihr Leben lang abgebuckelt hatten und wie unangenehm es wäre, dort fremde Menschen einziehen zu sehen. Ich dachte an meinen Urgroßvater, der das Haus mit eigener Körperkraft mit aufgebaut hatte, an die Balken im Fachwerk, die aus dem längst verkauften familieneigenen Wald stammten, die er selbst bearbeitet hatte und auf die ich in meinem Zimmer meine Hände legen kann. Diese rein gefühlsmäßigen Dinge haben dann den Ausschlag gegeben. Wir zogen ein.

Die Nachbarn, fast alle kenne ich noch aus meiner Kindheit, nahmen Andreas und mich wohlwollend in ihrer Mitte auf, anders kann ich das gar nicht ausdrücken. Man hängt nicht aufeinander, aber wenn mal jemand Hilfe braucht, wird geholfen. Nimmt jemand ein Paket für mich an, das ich dann abhole - oder umgekehrt -, ist ein kleiner Plausch eine willkommene Pflicht. Das Gefühl der Enge, das mich als junge Frau so sehr gestört hatte, hat sich grundsätzlich geändert. Jetzt fühle ich mich hier sicher und aufgehoben, ja, ich will sogar sagen, angekommen.

Wann es passiert ist, das weiß ich nicht mehr; ich glaube, wir wohnten noch nicht lange in meinem Elternhaus. Ich war zu Fuß unterwegs gewesen und ging auf das buckelige Haus zu. Auf einmal fühlte ich mit einer gewaltigen Intensität, die mir die Tränen in die Augen trieb, dass das hier mein Zuhause ist, mein Ursprung.

Heimat – was bedeutet das für mich? Welche Begriffe verbinde ich damit? Das sind so skurrile Ortsnamen wie Orth, Wolfstall, Krähwinkel oder Katzensterz. Bergische Kaffeetafel, Waffeln, der süße Stuten, Neujährchen, Rübstiel, Schwarzbrot mit Apfelkraut, das aussieht, wie Wagenschmiere. Fettiger Lehmboden, Fachwerkhäuser mit Schlagläden, die in Bergisch Grün gestrichen sind, Kotten, in denen früher Messer und Scheren für Solingen geschliffen wurden und in denen auch mein Urgroßvater noch gearbeitet hatte. Wuppertaler Schwebebahn, Schloss Burg, Müngstener Brücke, die Wupper, die in meiner Kindheit noch ziemlich gestunken hat. Bergige, kurvige Straßen, viel Wald, die alte evangelische Kirche im Dorf, das Ernted(t)andkfest, das im Dörfchen größer gefeiert wird als Karneval, die Weise, in der sich hier die Natur zusammengerauft hat, das launische Wetter, der Märchenwald in Altenberg und unsere Wahrzeichen, den ausgedienten Fernsehturm nebst Windrad, zu denen ich jeden Tag mit dem Hund laufe. Von dort habe ich, wenn das Wetter klar ist, einen sagenhaften Blick auf Burscheid, Köln, Dormagen und Düsseldorf, mit einem bisschen Glück kann ich sogar das Siebengebirge sehen.

Heimat ist für mich das, was mein Auge und mein Herz als vertraut empfindet, das Besondere und Einzigartige, das es nur hier und nirgendwo sonst auf der Welt gibt. Es ist das Stückchen Erde, zu dem ich gehöre und das ich lieb gewonnen habe. Was gibt es mehr zu sagen?

 

 

Impressum

Texte: Rita Bittner
Bildmaterialien: Pixabay
Lektorat/Korrektorat: Mein Dank geht an Gittarina
Tag der Veröffentlichung: 01.01.2015

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