Cover

Mein Bruder Rolf

 

Hallo Rolf,

 

du bist der Stammhalter, der geliebte Sohn, den sich unsere Eltern so sehr gewünscht haben und mein großer Bruder. Deiner Heimat hast du nie den Rücken gekehrt und du wohnst mit deiner soliden Frau und den beiden wohlgeratenen Kindern in einem Eigenheim. Mithilfe von Freunden und deinen eigenen Händen hast du es selbst gebaut und die Schulden sind längst abgetragen. Denn du bist fleißig und hast auch in deiner Freizeit dafür gearbeitet. Selbst dann hast du noch die Zeit gefunden, dich um deine Kinder zu kümmern.

Deine Lehre zum Schreiner liegt schon eine Weile zurück. Du hast dich nie selbstständig gemacht, aber dein Chef hat dich damals nur zu gerne übernommen und du arbeitest noch immer im selben Betrieb. Am liebsten machst du Urlaub in der Eifel, kennst aber auch unsere Weinstraßen und andere schöne Orte und Städte in Deutschland. Ins Ausland hat es dich nie gezogen. Deine Frau ist mit Leib und Seele Hausfrau und geht für ein paar Stunden in der Woche jobben. Ihr seid beide im Dorf beliebt und kennt viele Leute. Auch du bist selbstverständlich, so wie unser Vater, in der Feuerwehr, in der sich auch deine Frau engagiert, wenn auch eher unterstützend. Sie macht die besten Waffeln, Kuchen und Reibeplätzchen, denn unsere Mutter hat ihr Können an sie weiter gereicht.

Schon als wir Kinder waren, hast du unseren Eltern nur Freude gemacht. Flausen hattest du keine im Kopf. Du wusstest schon sehr früh und ganz genau, was du werden wolltest und hast dich für einen standesgemäßen Beruf entschieden, anstatt weiter zur Schule zu gehen, was du durchaus gekonnt hättest. Zielstrebig hast du darauf hin gearbeitet. Prüfungen hast du problemlos bestanden.

Hübsch warst du, und du hättest Herzen brechen können, wenn du das gewollt hättest. So etwas lag dir aber fern. Du wusstest sofort, dass deine jetzige Frau die Richtige für dich ist, hast sie umworben und sie vor den Traualtar gebracht. Unsere Eltern waren mit ihrer Schwiegertochter gleich einverstanden.

Du hast nie Probleme gemacht, großer Bruder, und zwischen unseren Eltern und dir hat es keinerlei Reibungspunkte gegeben. Dafür warst du ihnen zu ähnlich. Du hörtest dieselbe Musik wie sie, bevorzugtest dasselbe Essen, dieselbe Automarke. Du warst eine jüngere Ausgabe von ihnen und hast ihre Warnungen und Ratschläge stets beachtet und danach gehandelt. Du hast unseren Eltern geholfen, wenn sie Unterstützung nötig hatten und ihr hattet immer ein inniges Verhältnis zueinander. Als sie nicht mehr so konnten, haben du und deine Frau sie von Herzen gerne aufgenommen und gepflegt. Kein einziges Mal hast du sie enttäuscht, niemals.

 

Weißt du, Rolf, neben dir sah ich immer aus wie eine Verliererin, denn ich war das Gegenteil von dir. Bei mir lief nicht alles so glatt. Und wie sollte ich denn auch gegen eine Vision ankämpfen, gegen das Idealbild in den Köpfen meiner Eltern von dir, das ich hier stellvertrend für sie entworfen habe? Du warst nicht echt, nicht real. Denn du wurdest nie geboren.

 

Impressum

Tag der Veröffentlichung: 06.07.2014

Alle Rechte vorbehalten

Nächste Seite
Seite 1 /