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Der Alien

Meine Güte, was war ich müde. Ich hatte in der Nacht superschlecht geschlafen und mich nur von einer Seite auf die andere gewälzt. Gegen Morgen hatte mich dann auch noch irgendein kurzer, aber heftiger, Lärm aus meinem leichten Schlaf gerissen. Ziemlich verärgert bin ich aufgestanden und habe überall nachgeschaut, aber die Verursacher des Tumultes habe ich nicht gefunden. Also legte ich mich angesäuert wieder in mein Bett. Schlafen konnte ich allerdings nicht mehr.

Irgendwann hatte ich dann die Nase voll davon, nicht einschlafen zu können. Missmutig wankte ich also früh am Morgen aus meinem Bett und schlurfte in mein Wohnzimmer, um die Terrassentür zu öffnen, damit frische Luft ins Zimmer strömen konnte. Gähnend schleppte ich mich in die Küche, setzte Kaffee auf und machte dann eine Katzenwäsche im Bad.

Wie in Trance ging ich, noch immer im Schlafanzug, in die Küche. Vielleicht würde ja der Kaffee helfen, wieder in der Realität anzukommen. Ich nahm mir einen Becher Wachmacher und gab etwas Zucker und Sahne hinein. Mechanisch rührte ich um, und nahm das Gebräu in kurzen Schlucken zu mir. Die Tasse war fast leer, als ich eine Bewegung in meinem Augenwinkel wahrnahm. Mein Kopf flog herum, in die Richtung, in der ich die Bewegung bemerkt hatte. Meine Tasse leider auch. Der letzte Rest Kaffee schwappte auf meinen Schlafanzug. Meinen Lieblingsschlafanzug, den, mit den kleinen spielenden Kätzchen darauf.

Fluchend kümmerte ich mich um das misshandelte Nachtgewand, riss es mir über den Kopf, ließ Wasser über den Fleck laufen und wusch ihn aus. Dann holte ich mir ein frisches T – Shirt. Die ganze Zeit über warf ich hektische Blicke umher. Ich war sicher, eine Maus gesehen zu haben. Für Kakerlaken war es hier zu sauber, für eine Ratte war das Viech zu klein gewesen und für ein Insekt zu groß. Was es auch war – ich sah es nicht mehr. Zumindest war ich jetzt einigermaßen wach. Immerhin etwas.

Also zog ich mich komplett um, warf meinen Pyjama in den Wäschekorb und wollte mir eigentlich jetzt ein richtig tolles Frühstück gönnen. Brötchen aufbacken, ein Blümchen aus dem Garten holen und in die Vase stellen, Apfelsinen auspressen. Schade, ich hatte keine. Da musste halt der gekaufte Saft reichen. Ich wollte es mir so richtig gut gehen lassen und mich verwöhnen, wenn ich schon so mies geschlafen hatte.

Kaum waren die Brötchen im Ofen, fiel eine meiner Gewürzdosen scheppernd aus dem Regal. Ich schaute erst erschrocken auf die Dose und dann hoch auf das Regal. Ich glaube, ich schrie auf, aber das weiß ich nicht sicher.

Als ob die Dose es noch schützen würde, kauerte ein Ding, hm… Wesen… auf jeden Fall irgendetwas Grünes von mir abgewandt in meinem Gewürzregal. Erschrocken griff ich mir an den Hals. Ich spürte, wie mein Herz raste und hörte, wie ich nach Luft schnappte. Nun, JETZT war ich wirklich wach.

Langsam wandte sich das Ding, Wesen, oder was auch immer es war, zu mir um, richtete sich auf und schaute ängstlich und hilflos in meine Richtung. Glaube ich jedenfalls. Ich blieb wie gebannt stehen und starrte es an. Es war eine Art, hm, also, schon irgendwie ein Zweibeiner. Wenn auch die Beine übermäßig kurz geraten waren und ich keine nennenswerten Füße sehen konnte. Dafür hatte es erstaunlich lange Arme mit etwas, was man durchaus Hände nennen konnte. Wenn es auch nur jeweils drei sehr lange fingerartige Gliedmaßen gab. Und ich sah erst jetzt, dass das Wesen nicht grün war, sondern Kleidung, vielleicht einen Overall, in dieser Farbe trug. Seine Körperoberfläche war rehbraun. Es schien ziemliche Angst vor mir zu haben. Irgendwelche Gegenstände, also Laserpistole, Schocker, Armbrust, oder was weiß ich, konnte ich nicht entdecken. Also kam ich ein Stück näher und beugte meinen Kopf neugierig vor, um es besser erkennen zu können.

Voller Angst wich das Wesen zurück und drängte sich mit ausgebreiteten Armen an die Wand hinter sich. Also zog ich mich wieder ein wenig zurück und es entspannte sichtlich. Erstaunlich. Sein Gesicht sah genau so aus, wie man es von den vielen Berichten über Aliensichtungen kannte. Nur eben in Miniaturausgabe. Ein dreieckiges Gesicht, der Schädel rund und kahl. Große, dunkle, schräg stehende Augen. Dort, wo bei uns Menschen normalerweise Ohren und Nase sind, befanden sich nur kleine runde Löcher. Der Mund, falls es denn einer war, sah nur aus wie ein Strich. Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Unter seinen Nasenlöchern sah ich eine Kapsel, an der zwei Schläuche befestigt waren, die irgendwo in seiner Kleidung verschwanden. Aus der Kapsel kam bläulicher Dampf. Aha. So etwas hatte ich auch schon bei meiner Lieblingsserie Star Trek - Next Generation gesehen. Es konnte also unsere Luft nicht atmen.

Ratlos standen wir uns nun gegenüber. Dann holte das Wesen ganz tief Dampf aus seiner Kapsel und trat einen Schritt vor. Ganz schön mutig für so einen kleinen Kerl. Mit beiden Armen deutete es auf meinen Kühlschrank. Immer wieder. Bis ich begriff. Ich öffnete das Kühlgerät. Das Wesen wiegte sich zustimmend hin und her. Dann lief es mäuschenschnell bis an das Ende des Regals. Erst jetzt sah ich die kleine Strickleiter, die von dem Bord hinunter hing und auf meiner Anrichte endete. Erstaunlich geschickt kletterte es die Leiter hinab, ruckte kurz daran und die Stricke lösten sich. Sie wickelten sich während des Fallens schön säuberlich auf und landeten in den Händen des Wesens.

Es kam vorsichtig auf mich zu. Mein Gott – ich hätte an seiner Stelle niemals so viel Mut aufgebracht: Nicht bewaffnet und winzig im Vergleich zu mir. Ich wartete ab, was es wollte. Wieder deutete es mit beiden Händen; nun auf die geöffnete Innenseite des Kühlschrankes. Es schien etwas davon haben zu wollen. Ich guckte mir den Inhalt an. Probeweise nahm ich ein Glas Erdbeermarmelade und hielt es ihm hin. Sein Kopf bewegte sich mit einer rollenden Bewegung auf seinem Hals von einer Schulter zur anderen, dass es mir bei dem Anblick fast schwindelig wurde. Sah durchaus irgendwie wie „nein“ aus. Ich versuchte es mit dem Orangensaft. Wieder kam diese abwehrende Kopfbewegung. Senf. Nein. Meerrettich. Auch nein. Milch. Das Wesen führte so eine Art Freudentanz auf. Alles klar! Der Alien wollte Milch. Ich stellte die kaum angebrochene Tüte auf den Tisch und suchte nach einem Gefäß, aus dem das Wesen trinken konnte. Heftig rollte sein Kopf. Also nicht trinken. Ratlos schaute ich es an.

Alien entrollte seine Leiter, befestigte sie an der Kante der Anrichte und machte sich auf den Weg nach unten. Nahm seine Leiter wieder an sich. Lief aus der Küche. Mit dem Milchkarton in der Hand folgte ich ihm verblüfft. Es eilte durch mein Wohnzimmer und geradewegs hinaus durch die Terrassentür und ab, in meinen kleinen Garten. Ich hinterher.

Ich war wohl heute Morgen wirklich ziemlich müde gewesen. Sonst hätte ich die Schneise bemerkt, die meinen schön gepflegten Rasen zerfurcht hatte und auch das Ding, das schief in meinen Haselnusssträuchern hing. Ganz offensichtlich hatte es hier eine Bruchlandung gegeben. Auf dieses Ding, scheinbar ein Raumschiff, lief der Alien zu. Zögernd ging ich hinterher. Der Fremdling sah mich mit seinen dunklen, großen Augen erwartungsvoll an. Vorsichtig zog ich an dem Raumschiff. Es war nicht schwer. Es hatte einen Durchmesser von einem Meter und sah aus wie eine dick gefüllte Frisbeescheibe, dreifach so hoch wie das Wesen und es hatte rundum kleine Fenster. Behutsam holte ich es aus dem Busch und legte es mit der vermutlichen Unterseite auf meine Terrasse. Der Alien führte wieder seinen Freudentanz auf. So weit, so gut.

Der Fremdling holte etwas aus seiner Kleidung. Es war ein länglicher Gegenstand mit leuchtenden Knöpfen. Eine Fernbedienung? Ja, tatsächlich, denn auf einen Druck mit der Fingerspitze auf eines der Lichter brach plötzlich eine Klappe aus der Raumschiffhülle hervor. Lustig. Ich schaute näher hin. Wie eine Rose öffnete sich ein Verschluss und formte sich zu einem Trichter. Aha. Treibstoff? Ich schaute den Alien fragend an. Er schaute hoffnungsvoll zurück. Ansatzweise und sehr langsam brachte ich die Milchtüte zu dem Trichter, tat so, als wollte ich die Milch hineinkippen. Schaute zu dem Alien. Der tanzte zustimmend. Also drehte ich den Verschluss der Milch auf, schaute noch einmal prüfend auf das Wesen, und als kein Protest kam, schüttete ich die Milch einfach in den Tank. Ungefähr ein Dreiviertelliter war in dem Raumschiff verschwunden, als sich der Trichter langsam schloss.

Ein weiterer Druck auf einen der Knöpfe ließ eine Luke erscheinen, aus der eine Leiter zu Boden glitt. Bevor der Alien in sein Raumschiff stieg, blieb er noch stehen und streckte mir seinen linken Arm entgegen, seine Finger lang ausgestreckt. Ich kam näher, kniete mich vor ihm hin und ganz vorsichtig näherte ich meinen Zeigefinger seiner Fingerspitze, bis wir uns berührten. Etwas wie ein winziger Funke sprang über. Dann drehte sich der Alien um und stieg in sein Raumschiff. Die Leiter fuhr hoch, die Luke schloss sich, das Raumschiff startete. An den Fenstern des Schiffes sah ich ungefähr ein Dutzend Aliengesichter, die mich anstarrten. Es gab eine laute Fehlzündung und das Raumschiff stieg senkrecht hoch in die Luft und entschwand irgendwann meinen Blicken. Dann roch es sehr verkohlt. Oh. Das waren meine Brötchen.

Drei Wochen später ging ich zu meinem Arzt, weil ich das Gefühl hatte, ich käme mit den Tabletten, die meine Schilddrüse regulierten, nicht mehr zurecht. Der Doc hat mich von oben bis unten untersucht und mich nach allen Regeln seiner Kunst auf den Kopf gestellt. Das Ergebnis haute uns beide von den Socken. Die leidige Drüse war auf einmal völlig intakt, ich brauchte keine Tabletten mehr. Mein Arzt sprach von einem Rätsel. Ich sprach nicht, dachte mir aber so, dass die Verabschiedung von dem Alien ein Geschenk für mich war, so eine Art Dank für die Tüte Milch. Seitdem habe ich immer frische Milch vorrätig und schaue jede Nacht für einige Zeit in den Himmel. Aber von den Aliens habe ich leider nie wieder etwas gehört oder gesehen.

Impressum

Texte: Frau Mondkatz
Bildmaterialien: Font Peter Wiegel, Bilder bei pixabay von Geralt und Nemo
Lektorat/Korrektorat: Reininde :-)
Tag der Veröffentlichung: 17.12.2013

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